Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Zwillingsseele

von Lacerta
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Gen
10.07.2021
30.07.2021
3
4.348
1
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
10.07.2021 1.785
 
Lorian saß auf dem kalten Steinboden vor dem Zimmer seiner Mutter, halb verborgen in einer Mauernische, die Knie an die Brust gezogen.
Feuchte Kälte sickerte durch den Stoff seiner Kleider bis in seine  Knochen, doch er war dankbar für sie, denn sie hielt ihn wenigstens wach. Auf einem Schemel, einem Kissen oder Lehnstuhl wäre er sicherlich schon vor einer ganzen Weile weggenickt, denn es war mitten in der Nacht. Der Himmel draußen war pechschwarz; nur ab und an riss die dichte Wolkendecke auf und gab den Blick frei auf einen kupferroten Vollmond. Die Fackeln, die in ihren Haltern an der Wand brannten, warfen ein unstetes Licht in den breiten Gang. Wenn er sich nicht zu viel bewegte, war Lorian in seiner Nische praktisch unsichtbar, und das war ihm auch ganz Recht so, denn er wollte nicht, dass irgendeine der Hebammen oder Dienerinnen, die immer wieder hektisch aus dem Zimmer der Königin hinaus- und wieder hineineilten ihn entdeckte und wegschickte.
Die gequälten Schreie seiner Mutter waren schon vor Stunden verstummt; nun hörte Lorian nur noch erschöpftes Stöhnen oder dumpfes Wimmern, wann immer sich die Tür öffnete; sonst dämpfte das dicke, eisenbeschlagene Holz sämtliche Geräusche.
Nicht zu wissen, was genau dort drinnen vor sich ging, war im Grunde das Schlimmste. Der Prinz begriff zwar, dass gerade sein Bruder geboren wurde, aber wie genau das geschah, davon hatte er nur eine äußerst nebulöse Vorstellung. Allerdings, nach allem, was er bisher gehört und gesehen hatte, schien es kein sonderlich angenehmer Prozess zu sein.
Je länger das ganze Prozedere dauerte, desto verstörter, ja geradezu verängstigt sahen die Dienerinnen aus, die das Zimmer verließen und Richtung Küche oder Krankensaal eilten. Sie hatten blutig gestreifte Tücher in den Händen, Eimer voll warmen Wassers oder Fläschchen, die stark nach Kräutern oder stechend nach Alkohol rochen.
Stunde um Stunde verstrich so; Lorian hatte das Gefühl, dass er inzwischen vollständig zu Eis erstarrt war. Diese Nacht würde niemals enden, dachte er benommen. Er war halb gegen die Wand gesackt, benebelt vor Müdigkeit und doch unwillig wirklich einzuschlafen. Graupel prasselte gegen das dicke Glas der Fenster, ein monotones, kaltes Geräusch.
Schließlich durchschnitt ein dünnes, schwaches Weinen die Stille, und Lorian fuhr hoch, den Rücken kerzengerade und die Augen weit aufgerissen. Mit einem Mal war er hellwach, so als hätte ihm jemand eine heiße Nadel in die Haut gestochen.
Er stand auf, schwankend und strauchelnd, weil seine Beine eingeschlafen waren, doch er ließ sich von dem heftigen Ameisenkribbeln in seinen Gliedmaßen nicht aufhalten. Mit einiger Mühe stemmte er die schwere Tür auf.
Die Luft in dem hohen Raum war wesentlicher wärmer als die draußen im Gang, aber schwer und verbraucht. Es roch nach Blut und anderen Flüssigkeiten, über die der Prinz lieber nicht zu lange nachdenken wollte. Die Dienerinnen und Hebammen standen um das große Himmelbett herum, so dicht, dass Lorian seine Mutter nicht einmal sehen konnte.
In diesem Moment hätte er ohnehin keine Augen für sie gehabt; sein Blick wurde stattdessen wie ein Stück Eisen von einem starken Magneten von dem kleinen Bündel in den Armen der Hebamme angezogen. Es weinte immer noch leise und protestierend, so als wolle es allen seinen Unwillen darüber verkünden, dass man es überhaupt in die Welt gesetzt hatte.
Lorians Beine bewegten sich wie von selbst, seine Augen waren immer noch starr auf das kleine Bündel gerichtet.
Endlich war er von den Dienerinnen bemerkt worden, doch ihre Fragen verhallten ungehört, und er schob die Hände, die ihn festhalten wollten, einfach ungeduldig zur Seite.
Stattdessen trat er einfach vor die Hebamme und streckte in wortloser Aufforderung die Arme aus. Sie schien etwas in seinem Gesicht zu lesen, dass sie überzeugt haben musste, denn sie beugte sich vor und legte ihm das Bündel in die Arme, etwas, dass sie sonst wahrscheinlich nie getan hätte, auch wenn er zehnmal ein Prinz war; schließlich war er immer noch nur fünf.
Ein Schauer lief durch Lorians Körper, allerdings dieses Mal nicht vor Kälte. Im Gegenteil, er hatte das Gefühl, als hätte ihn eine warme Hand am Nacken berührt, sanft und federleicht.
Das Baby hatte aufgehört zu strampeln und zu schreien, kaum das Lorian es berührt hatte. Die Augen des Säuglings waren bereits weit offen, ungewöhnlich so kurz nach der Geburt, und nun sahen die beiden Prinzen einander an, scheinbar gleichermaßen fasziniert voneinander.
Natürlich wusste Lorian, dass ein so junger Säugling eigentlich noch niemanden gezielt ansehen geschweige denn erkennen konnte, aber genauso fühlte es sich für ihn gerade an, so als wüsste sein noch namenloser Bruder ganz genau wer Lorian war.
Er hatte keine blauen Augen wie die meisten anderen Babys direkt nach der Geburt, sondern wesentlich blassere, geradezu farblose, in denen selbst die Pupille kaum dunkler zu sein schien als die Iris.
Beinahe wirkten sie wie die Augen eines Blinden, doch Lorian war sich sicher, dass sein Bruder ihn nur zu gut erkennen konnte, und dazu nicht einmal unbedingt seine Augen brauchte.
Lorian spürte, wie sich seine Lippen unwillkürlich zu einem breiten Lächeln verzogen.
Zusammen mit dem Weinen des Säuglings war auch das aufgeregte Geschnatter der Dienerinnen verstummt. Statt um das Bett versammelten sie sich nun um die beiden Prinzen und starrten sie mit leicht offen stehenden Mündern an, so als wäre entweder Lorian oder dem Baby gerade ein zweiter Kopf gewachsen.
Lorian selbst registriert das Ganze nur beiläufig; seine Aufmerksamkeit wurde immer noch vollständig von der kostbaren Last in seinen Armen gefesselt. Wobei, von einer Last konnte man eigentlich gar nicht sprechen; sein Bruder war federleicht in seinen Armen, eingehüllt in dunkle, mit Goldstickereien verzierte Decken, die sich auf seiner Haut eigentümlich rau anfühlten.
Stundenlang hätten sie wohl noch so dastehen können, völlig einander versunken, wäre nicht eine der Frauen vorgetreten und hätte ihm eine Hand auf die Schulter gelegt. Lorian sah auf. Es war Emma, die Hohepriesterin; sie lächelte freundlich auf ihn herab.
„Mein Prinz, würdet Ihr mir bitte euren Bruder übergeben? Es ist schon spät, und Ihr solltet wirklich schon längst im Bett sein. Keine Sorge, ich kümmere mich gut um ihn.“
Eine plötzlich, irrationale Furcht, beinahe eine Panik, flackerte in Lorian auf, und instinktiv drückte er seinen Bruder fester an sich. Das Baby begann nicht wieder zu weinen, es bewegte sich nur leicht in seinem festen Bündel, so als wäre es überrascht über diese plötzliche Aufregung.
Lorian wollte ihn nicht hergeben, auf keinen Fall, wollte ihn weiter nahe bei sich haben und ihn vor allem und jedem beschützen, der ihm etwas Böses wollte.
War das nicht schließlich seine Aufgabe als Krieger und Ritter?
Doch dann gewann die Vernunft wieder die Kontrolle über ihn, die Realisation, dass er immer noch nur fünf war und seinen Bruder noch gar nicht beschützen konnte, so sehr er es vielleicht auch wollte… Und wenn er jemandem mit seinem Bruder trauen konnte, dann ihr, der Hohepriesterin.
Er nickte langsam und ließ zu, dass sie ihm das Bündel aus den Armen nahm. Kaum hatte es seinen Griff verlassen, begann das Baby wieder zu strampeln und zu schreien, weniger wütend als viel mehr protestierend.
Emma wiegte es sacht hin und her, und das weinen verwandelte sich wenigstens in ein leises Wimmern.
„Pass gut auf ihn auf“, sagte Lorian halblaut. Nur widerwillig riss er sich von den beiden los und trat an das Bett seiner Mutter, um ihr einen zögernden Kuss auf die schweißfeuchte Stirn zu drücken.
Er erkannte sie kaum wieder; ihre Haut war bleich und klamm, die Augen lagen tief in den Höhlen und ihr Haar war vollkommen zerwühlt; sie sah so fremd aus, dass er beinahe Angst vor ihr bekam. Trotzdem bemühte er sich, ihr aufmunternd zuzulächeln.
„Mein Junge…“, flüsterte sie. Ihre dunkel verfärbten Lider drohten ihr jeden Moment zuzufallen, und sie kämpfte sichtlich gegen den Schlaf oder viel eher die Ohnmacht an, die sich ihrer bemächtigen wollte.
„Freust du dich über deinen kleinen Bruder?“
Dieses Mal kam Lorians Lächeln um einiges spontaner und natürlicher. „Ja, sehr, Mutter.“
Nun fielen ihr doch die Augen zu und sie begann in die Bewusstlosigkeit zu driften, auch wenn sie sich noch so sehr dagegen wehrte.
„Verflucht…“, murmelte sie, doch es war so leise und verwaschen, dass sich Lorian nicht sicher war, ob er sie überhaupt richtig verstanden hatte.
Wahrscheinlich hatte er sie falsch verstanden; wieso sollte seine Mutter, jetzt, nachdem erst einmal alles überstanden war, noch auf einen ihrer Söhne schimpfen?
Eine der Dienerinnen packte ihn an den Schultern und schob ihn sanft, aber bestimmt Richtung Tür, damit sie endlich die Königin versorgen konnten. Der Prinz ließ es geschehen, während er das Rätsel um das letzte Wort seiner Mutter in seinem Kopf hin und herdrehte wie einen seiner Puzzlewürfel.
Als er in der Tür stand, verstärkte sich das Gefühl der warmen Berührung in seinem Nacken; es war, als würde ihm jemand auf die Schulter tippen. Lorian fuhr herum und begegnete direkt dem fahlen Blick seines Bruders. Der neugeborene Prinz hatte die winzige Stirn in Falten gelegt und schien sich bereit zu machen, jeden Moment wieder los zu weinen.
Unauffällig schüttelte Lorian mit dem Kopf, und die Falten glätteten sich wieder; dafür hatte er das Gefühl, dass sein Bruder ihn nun erwartungsvoll ansah.
Aber die Dienerin schob Lorian unbarmherzig hinaus auf den Gang und schloss die Tür hinter ihm.
Sofort ertönte hinter dem dicken Holz ein wütendes Heulen, dass Lorian unerwartet heftig ins Herz griff, beinahe wie ein physischer Schmerz.
Hilflos blieb er vor der Tür stehen wie bestellt und nicht abgeholt, ballte die Hände zu Fäusten und löste sie wieder. Die Wachen, die an den beiden Enden des Gangs standen, musterten ihn ein wenig verwundert.
Schließlich schüttelte der Prinz den Kopf, so heftig, dass seine langen, weißblonden Haare flogen, und drehte sich auf dem Absatz um.
Die besorgten Fragen der Wachen ignorierte er und stapfte an ihnen vorbei in Richtung seines eigenen Schlafzimmers, leicht vorgebeugt, so als müsste er sich gegen einen heftigen Wind stemmen.
Tatsächlich stemmte er sich nicht gegen einen Wind, sondern gegen das Bedürfnis sofort wieder in das Zimmer seiner Mutter zurück zu kehren, sich dort neben die Wiege zu setzen und diesen Platz nie wieder zu verlassen.
Es war, als hätte dieser letzte Blick zwischen ihnen ein Band geknüpft, ein Band aus festen, dehnbaren Silberfäden, nicht zu sehen und nicht zu zerreißen.
All diese Gedanken und Bilder wirbelten in seinem Verstand herum, formlos und unbestimmt, denn dem jungen Prinzen fehlte noch das Vokabular, um seinen Gedanken und Empfindungen in diesem Moment richtig auszudrücken.
Er war sich nur eines Gefühls bewusst, ein wenig wie Heimweh, aber stärker als jedes andere Heimweh das er jemals verspürt hatte.
Auch als er schließlich in seinem Bett lag, hatte er keine wirkliche Ruhe, denn seine Träume waren wirr und erfüllt von einem vagen, fahlen Licht, durch die das letzte Wort seiner Mutter mit der tiefen Endgültigkeit einer Totenglocke hallte: „Verflucht…“
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast