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Zwillingsseele

von Lacerta
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Gen
10.07.2021
30.07.2021
3
4.348
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10.07.2021 657
 
Lorian erfuhr von seinem künftigen Bruder wenige Wochen nach seinem fünften Geburtstag.
Oceiros hatte ihn in sein Arbeitszimmer zitiert; er thronte hinter seinem massiven Schreibtisch, die Hände auf der ledernen Unterlage ineinander verschränkt. Verstohlen trat Lorian von einem Fuß auf den anderen. Das Arbeitszimmer lag im obersten Stock des Ostturms, und die letzten schneidenden Winterwinde vor dem unweigerlichen Beginn des Frühlings pfiffen heulend um die dicken Mauern. Vom Boden stieg eine feuchte Kälte auf, die auch das winzige Feuer im Kamin nicht verscheuchen konnte.
Lorian hatte das Gefühl, dass ihm langsam die Füße abstarben, während er darauf wartete, dass sein Vater ihm endlich sagte, wieso er ihn hier her gerufen hatte.
„Du wirst in ein paar Wochen einen Bruder bekommen. Je nachdem wie sich das Ganze entwickelt, wird er dann wahrscheinlich…“ Oceiros beendete seinen Satz nicht, er machte lediglich eine vage, wegwerfende Handbewegung, so als müsste seinem Sohn längst klar sein, was das bedeuten würde, sodass es keiner weiteren Worte bedurfte.
Lorian blinzelte. Auch wenn sein Vater es offensichtlich von ihm zu erwarten schien, war ihm dennoch nicht ganz klar, was genau nun los war. Klar war ihm nur, dass er einen kleinen Bruder bekommen würde, etwas, dass ihm durchaus Recht war. Manchmal war es doch recht einsam als einziges Königskind.
Natürlich gab es noch andere Kinder im Schloss, aber das waren die Kinder von Dienern und Handwerkern, sodass er nicht mit ihnen spielen durfte. Nicht, dass er es nicht versucht hätte, doch die anderen Kinder hatten ebenso wie er eingebläut bekommen, dass der Standesunterschied zwischen ihnen viel zu groß war, und hielten sich dementsprechend scheu von ihm fern. Das führte dazu, dass er, wenn er nicht gerade Unterricht oder Trainingsstunden hatte, sich meistens selbst überlassen blieb.
Ein kleiner Bruder schien da eine ganz angenehme Sache zu sein. Fünf Jahre Unterschied war vielleicht etwas viel, als das sie noch wirkliche Spielkameraden sein konnten, aber dafür würde er seinem Bruder dann all die geheimen Ecke und Gänge in dem riesigen, verwinkelten Schloss zeigen können, er würde ihm Reiten und Schwertkampf beibringen können, statt all den Lehrern und Meistern, die er selbst gerade beschäftigte… Lorian spürte, wie er freudig aufgeregt wurde bei diesem Gedanken.
An dieser Stelle sprach Oceiros nun weiter, der scheinbar begriffen hatte, dass sein fünfjähriger Sohn nur durch ein paar kryptischen Andeutungen nicht das volle Ausmaß der Situation erfassen konnte.
„Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass er an deiner Stelle die Thronfolge übernehmen wird… Zumindest, wenn er so wird, wie ich ihn mir vorstelle.“
Mit dem letzten Teil dieser Aussage konnte der junge Prinz nicht viel anfangen, doch dass sein Bruder an seiner Stelle König werden sollte, das begriff er. Dies erschien Lorian allerdings als ein Detail, das vernachlässigt werden konnte, zumindest aus seiner Sicht.
Nach allem, was er bisher mitbekommen hatte, war König sein hauptsächlich anstrengend und nervig. Man musste den ganzen Tag entweder im Thronsaal sitzen und langweiligen Leuten zuhören oder in einem zugigen Arbeitszimmer ebenso langweilige Dokumente lesen und unterschreiben. Beides waren Beschäftigungen, auf die Lorian selbst dankend verzichtete.
Da sein Vater nichts darüber gesagt hatte, dass sich etwas an seinen eigenen Stunden im Kämpfen und reiten ändern würde, nahm Lorian an, dass er eben kein König werden würde, der sich den ganzen Tag mit einer schweren Krone auf dem Kopf den Hintern in seinem Thron platt saß, sondern der strahlende Ritter auf dem sprichwörtlichen weißen Ross, das blanke Schwert in der Hand.
Wenn man ihn fragte, könnte es einem wesentlich schlimmer ergehen.
Oceiros schien eine Reaktion von ihm zu erwarten (zumindest sah er ihn über das von seinen Fingern gebildete Dach hinweg skeptisch an) und so nickte Lorian mehrere Male nachdrücklich, als Zeichen, dass er verstanden hatte.
„Kann ich dann…?“, fragte er.
„Jaja, verschwinde ruhig.“ Mit einer ungeduldigen Handbewegung scheuchte Oceiros ihn aus dem Zimmer, und Lorian verließ den Raum so schnell, wie es gerade eben noch schicklich war.
Auf der Wendeltreppe nach unten kreisten seine Gedanken weiter um seinen zukünftigen Bruder.
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