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In der Klemme

von Tatu
GeschichteSchmerz/Trost, Suspense / P18 / Gen
Dean Winchester OC (Own Character) Sam Winchester
10.07.2021
06.11.2021
18
30.889
16
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
10.07.2021 1.946
 
Ihr Lieben,
endlich kann ich euch meine neue Geschichte präsentieren. Ich freue mich, dass Ihr neugierig seid, und wünsche euch viel Spaß beim Lesen.
Zwar ist die Geschichte noch nicht fertig, aber ich werde sie mit Sicherheit beenden, wie jede meiner Storys. Bisher gibt es sechs Kapitel. Mehr ist in Arbeit.
Betagelesen hat die Geschichte wieder die geniale Wildcat. Ich danke dir sehr für deine Geduld, Hilfe, Zeit und Gründlichkeit.
Die Story kann irgendwann ab Mitte der 8. Staffel spielen. Konkrete Spoiler gibt es aber nicht.
Schönes Wochenende und bleibt gesund.
Eure Tatu


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Fehlende Herzen

Dean lag bäuchlings auf seinem Bett und guckte den Film The Autopsy of Jane Doe. Tommy Tilden hatte in Gegenwart seines Sohnes Austin gerade den Ypsilon-Schnitt ausgeführt. Nun klappte er die Hautlappen zur Seite, um freie Sicht in die Leiche zu bekommen, als Dean Appetit auf Chips bekam. Er trank den letzten Schluck Bier aus seiner Flasche und stand auf. Bevor er sein Zimmer verließ, um in die Küche zu gehen, pausierte er den Film.

Aus dem Küchenschrank holte er sich eine Packung BBQ-Chips und zwei Flaschen Bier nahm er aus dem Kühlschrank. Das würde ihm für den Film genügen.
Auf dem Flur hörte er Sam rufen. „Dean?“
„Ja?“ Wer sollte es sonst sein?
„Ich habe einen neuen Fall für uns!“
Dean verharrte in seiner Bewegung. Ein neuer Fall klang verlockend. Aber dann müsste der Film noch warten. Dean wog ab. Den Film könnte er auch nach dem Gespräch mit Sam weitersehen.
Er kehrte um und ging zu seinem Bruder in die Bibliothek. „Also gut. Aber fass‘ dich kurz. Nur das Wesentliche!“
Sam rückte sich auf seinem Stuhl zurecht. Anschließend drehte er seinen Laptop zu Dean. Auf dem Bildschirm prangte die Überschrift: Killerbär in Alma? darunter gab es ein Foto von einer Ortschaft, die wie jeder amerikanische Ort in der Provinz aussah.
Sam setzte zu seiner Rede an. „Alma liegt im Staat Illinois.  Rund um den Ort herum gab es in den letzten zwei Monaten drei Tote, denen das Herz fehlt. Außerdem werden vier Personen vermisst. Die Polizei tappt im Dunkeln.“
„Klingt ganz danach, als hätten wir es mit Werwölfen zu tun.“
Sam nickte. „Ist auch meine Vermutung.“
„Alma, hm? Ich hatte mal einen One-Night-Stand mit einer Alma. Mann, war die heiß. Was die so draufhatte. Die hat ...“
Sam hob abwehrend die Hand. „Stopp! Ich will es nicht wissen!“
Dean zuckte mit den Schultern. Den Spaß an einer unbeschwerten Nacht würde sein kleiner Bruder wohl nie verstehen. Dean hatte die Lust, über seine nächtlichen Abenteuer zu berichten, verloren. Sei es jetzt Alma oder andere Frauen. „Nach dem Frühstück fahren wir los!“
Er verzog sich wieder in sein Zimmer und setzte den Film fort.

oO°Oo


Sie erreichten die Stadtgrenze von St. Louis.
„Hast du die Adresse der Rechtsmedizin?“ Dean bedachte Sam, der auf dem Beifahrersitz saß, mit einem kurzen Blick.
„Habe ich schon eingegeben.“ Sam hielt sein Handy hoch. „Du musst nach der zweiten Ampel aber erstmal anhalten. Da gibt es einen großen Parkplatz, auf dem wir unsere Anzüge anziehen können.“
Dean hasste es, sich auf die Technik zu verlassen. Er erwartete stets, dass sie vor einer Mauer stoppen mussten, weil es die Straße, die ihnen gezeigt wurde, gar nicht mehr gab. Er hatte sogar schon von Autofahrern gehört, die in ein Hafenbecken gefahren waren, weil sie sich zu sehr auf die Angaben ihrer Navigationsgeräte verlassen hatten. Wie blöd kann man eigentlich sein?

Erstaunlicherweise hinderten sie weder Stau noch Sackgassen an ihrer Weiterfahrt. Sie erreichten die Rechtsmedizin ohne Umwege.
Der imposante Bau bestand aus rotem Backstein. Breite Rundbogenfenster und Türmchen mit grünspanbedeckten Dächern zierten das Gebäude.
Dean parkte den Impala auf dem gegenüberliegenden Parkplatz. Nachdem er ausgestiegen war, streckte er sich. Es tat gut, nach der langen Autofahrt stehen zu können. Früher hatte ihm das lange Fahren nichts ausgemacht, aber seit einigen Jahren spürte er solche Touren in den Knochen. Und das gefiel ihm überhaupt nicht.
Er zog sich sein Jackett über und rückte die Krawatte zurecht, bevor er Sam zum Eingang folgte.
Die Empfangshalle passte zu dem imposanten Bau. Stumpfe Bodenfliesen im Schachbrettmuster ließen die Halle noch größer wirken. Die weißen Wände waren halbhoch mit dunklem Holz vertäfelt und Stuck zierte die Decke.
Sie eilten zum Empfangstresen, der die gleiche Vertäfelung aufwies und sich in der Mitte der Lobby befand.
Zuerst zückte Sam seinen FBI-Ausweis und klappte ihn auf. Gut sichtbar hielt er die Identifikationskarte der Dame am Tresen vor.
Sam setzte sein Ich-bin-wichtig-aber-nett-Gesicht auf. „Guten Tag. Ich bin Agent Johnson, das ist mein Partner Agent Scott. Wir sind hier, um die Leichen aus Alma zu beschauen.“
Dean hatte inzwischen auch seinen Ausweis hochgehalten.
„Guten Tag meine Herren. Ich bringe Sie zur Leichenhalle. Bitte folgen Sie mir.“ Die Empfangsdame – Dorothy Maiden las Dean auf dem Schild, das auf dem Tresen stand - erhob sich und ging zur Treppe.

Wie die meisten Leichenhallen befand sich auch diese im Keller.
Sie liefen einen breiten Flur entlang, von dem mehrere Türen abgingen. An der zweiten Tür auf der linken Seite hielt Dorothy an und klopfte.
„Ja!“, schallte es von innen.
Sie öffnete die Tür einen Spaltbreit. „Dr. Delwer, hier sind zwei FBI-Agenten für Sie. Sie wollen die Leichen aus Alma sehen.“
„Ich komme“, antwortete der Angesprochene.
Dean hörte, wie ein Schreibtischstuhl über den Boden rollte und sich Schritte näherten. „Danke, Dorothy.“ Die Tür wurde weit geöffnet. Dr. Delwer trug blaue OP-Kleidung. Mit einem Lächeln, das seine Augen strahlen ließ, nickte er Sam und Dean zu. Wahrscheinlich ist er froh, dass er mal mit Lebenden zu tun hat.
„Hallo. Ich bin Dr. Delwer. Sie befassen sich also mit dem Fall in Alma?“
Dean schenkte sich die Höflichkeitsfloskeln. „Ja, wir sind gerade auf dem Weg dorthin. Wir wollen uns ein Bild von dem Zustand der Leichen machen und Ihre Berichte einsehen.“
„Kein Problem. Kommen Sie.“ Der Gerichtsmediziner ging zu einer breiten Stahltür auf der anderen Seite des Flurs. An einer Schaltfläche daneben gab er einen Code ein. Die Tür öffnete sich quietschend.
Die taghelle Beleuchtung überraschte Dean. Hier hatte man anscheinend die alten Neonröhren gegen lumenstarke Lichter ersetzt.
Das Mobiliar allerdings bestand wie üblich aus Edelstahl. An einer Wand befand sich ein Schrank mit drei Reihen von Türen, auf denen Nummern klebten. Mehrere Instrumententische warteten auf ihren Einsatz. Mit Werkzeugen, die Dean gerade erst im Film im Einsatz gesehen hatte.
Regale mit verschiedenen Utensilien, die Dean nicht kannte, reihten sich an einer Wand auf. An einer anderen gab es zwei Waschbecken, gleich daneben einen großen Kühlschrank. In der Mitte standen zwei Untersuchungstische. An deren Kopfenden waren Standwaagen positioniert.
Die Wände wirkten dreckig. Das lag an der Fliesenfarbe. In Hipsterkreisen als Eierschale bezeichnet. Wenn Dean eine Leichenhalle ausstatten müsste, würde er entweder Weiß als Wandfarbe wählen oder Schwarz – darauf würde man das Blut nicht so schnell sehen. Hatte er schon mal eine schwarz geflieste Leichenhalle gesehen?

Ein Geräusch, das wie die Schiebetür eines Vans klang, holte Dean aus seinen Überlegungen. Dr. Delwer hatte eine der Türen des Leichenschrankes geöffnet und eine Bahre, auf der eine abgedeckte Leiche lag, herausgezogen. Nun schlug er das Laken auf. „Das ist das letzte Opfer. Pete Samper, 24 Jahre alt. Habe ich vor drei Wochen reinbekommen. Wir hängen etwas hinterher, da wir gerade viel zu tun haben. Hatte auch die anderen beiden auf meinem Tisch. Bei allen fehlt das Herz. Ich kenne kein Tier, dass nur das Herz frisst und den restlichen Körper liegen lässt. Die Art und Weise, wie der Brustkorb aufgerissen wurde, erinnert an einen Bären. Aber die Spuren sind zu sauber. Die anderen Fraßstellen sind Post mortem entstanden. Ich gehe bei der Größe der Bissspuren und des Fundortes von Opossums aus.“ Delwer holte einen Schokoladenriegel aus seiner Hosentasche. „Sie entschuldigen mich? Ich war gerade im Begriff meine Mittagspause zu machen, als Sie angeklopft haben.“ Er riss die Packung auf und biss einen Happen vom Riegel ab.
Dean schluckte. Er dachte ja, dass er abgebrüht war, aber das schlug dem Fass den Boden aus. Wie konnte man bei diesem Geruch überhaupt an Essen denken?
„Wo wurde das Opfer denn gefunden?“ Dean betrachtete den Körper, der nicht nur die Fressspuren der Nagetiere und das im Brustkorb klaffenden Loch aufwies, in das Deans Faust ohne Probleme gepasst hätte, sondern auch den zugenähten Ypsilon-Schnitt. Erneut dachte er an den Film, den er am Abend zuvor gesehen hatte. Er musste sich eingestehen, dass es ihn erleichterte, nicht in einem Hexenfall zu ermitteln.
„Mitten im Wald. Die Polizei hat berichtet, dass er mit Freunden zelten war. Einen seiner Freunde habe ich auch noch hier. Der dritte gilt als vermisst.“ Delwer knüllte die leere Riegelpackung zusammen und schmiss sie in den Mülleimer. Dann wusch er sich die Hände.
Sam zog die blauen Einmalhandschuhe über, die er sich aus dem Spender an der Tür geholt hatte. Er betrachtete die Öffnung im Brustkorb näher, deren Ränder aus Deans Perspektive wie aufgesprengt wirkten. Mit der Hand tastete Sam die Ränder ab. Unauffällig nickte er Dean zu. Dean verstand. Sie hatten es also tatsächlich mit einem Werwolf zu tun.
Dann wandte Sam sich an Dr. Delwer. „Stimmt die Verletzung am Thorax mit denen der anderen beiden Leichen überein?“
Der Gerichtsmediziner nickte. „Ja. Minimale Abweichungen in der Größe, aber sonst identisch. Moment.“ Er ging zu einer anderen Schranktür, die er öffnete. Aus dem Fach zog er eine weitere Leiche heraus. „Das ist Malik Carmichael, 26 Jahre alt. Das zweite Opfer. Er ist kurz vor Pete Samper getötet worden. Wie Sie sehen, ist das Loch im Brustkorb nur unbedeutend größer. Aber auch diese Wundränder verraten nicht mehr. Es scheint so, als hätte der Täter mit der Hand in den Brustkorb gefasst, das Herz gegriffen und es dann herausgezogen.“ Dr. Delwer unterstrich seine Worte mit den dazugehörigen Handbewegungen in der Luft. „Ich sage bewusst Täter, weil ich kein Tier kenne, das sowas tut.“
„Sie gehen also von einem Menschen aus?“
„So absurd es scheint, ja. Obwohl ich immer noch nicht weiß, wie der Täter das angestellt hat. Deswegen sind die Leichen ja auch noch nicht freigegeben. Uns fehlt schlicht und einfach die Mordwaffe.“
Für Dean war die Sache klar. Blieb noch eine Frage offen, die ihm auf der Seele brannte. „Können Sie uns die Daten nennen, wann die Opfer getötet wurden?“
„Das kann Ihnen Dorothy sagen. Steht alles im Computer.“
Sam nickte Delwer zu. „Okay, wir werden sie gleich fragen. Vielen Dank.“
„Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten?“
Dean wollte gerade dankend annehmen, als Sam ihm zuvorkam. „Nein danke. Wir müssen gleich weiter.“

Sie fuhren weiter Richtung Alma.
Sam saß auf dem Beifahrersitz und blätterte in den Unterlagen. Nebenbei tippte er etwas in sein Handy ein. Als sie St. Louis verließen, sah er auf. „Die von Dr. Delwer festgestellten Todeszeitpunkte fallen alle auf Vollmondnächte. Wobei Samper und Carmichael während der letzten getötet worden.“
„Okay. Sollte einfach sein. Wann haben wir wieder Vollmond?“
„Moment.“ Sam tippte erneut auf seinem Display herum. „In zwei Tagen.“
„Das hast du eben ausgerechnet?“
Sam zuckte mit den Schultern. „Na ja, viel zu rechnen gibt es da nicht. Der letzte Vollmond liegt 27 Tage zurück. Und wie du wissen solltest, dauert ein Mondzyklus 29 Tage, 12 Stunden und 44 Minuten. Aber ich habe einen Mondkalender auf meinem Handy, das macht es noch einfacher.“
Dean stöhnte. Einen Mondkalender! War ja klar. „Zwei Tage also. Genug Zeit, um zu recherchieren.“
Sam nickte. „Genau. Wir sollten uns ein Motel suchen und uns umhören, ob jemand neu zugezogen ist oder sich in letzter Zeit auffällig verhalten hat.“
Das klang ganz nach Deans Geschmack. Er konnte es gar nicht abwarten, in Alma anzukommen. Er trat stärker auf das Gaspedal. „Endlich mal wieder ein ganz normaler Fall. Wird auch Zeit.“
 
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