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Свобода

von Iralenya
KurzgeschichteSchmerz/Trost, Historisch / P18 / Gen
10.07.2021
22.07.2021
2
3.675
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Vorwort

Hier ist also der zweite Teil ...

Das dazugehörige Zitat: "Mach' was dein Herz dir sagt." [Good Will Hunting]

Außerdem findet ihr hier die zuvorgehende und die nachfolgende Geschichten

20. Juli 2020 – 20. Juli von Iralenya aus dem Fandom Linkin Park

22. Juli 2020 – Von Ideen und Fehlern von Driakuna aus dem Fandom Freie Arbeit

Холодная пробуждения

Kaltes Erwachen


27. Juni 2014


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Traurig ließ sie sich in das hohe Gras sinken, zog die Beine an den Körper, stützte das Kinn auf die Knie und schloss die Augen. Eine einsame Träne entkam ihr, floss wie ein silbriger Faden die blasse Wange hinab, traf auf den schmutzigen Stoff des Kleides. Vorbei. Erneut erschüttert. Auseinander gerissen.

Ihr Blick fokussierte sich auf den Bach, der munter plätschernd dahin floss. Das Wasserbett war rein. Wie eine Weste der Unschuld. Während alles in der Umgebung von Blut Unschuldiger wie Schuldiger besudelt war, erstrahlte dieser Platz in einem reinem Weiß. Eine Zufluchtsstätte für die gepeinigte Seele. Eine Art Oase für das zerbrochene Leben.

Schon als Kind kam sie mit dem Krieg in Berührung. Die blutigen Finger des Grauens hatten nach ihr gegriffen. Sie kannte es nicht anders, wurde in diese kalte Welt hinein geboren. Als zweitälteste Tochter einer Bauernfamilie. Sie hatte keine Brüder. Nur zwei Schwestern begleiten sie auf den steinigen Weg des Lebens.

Sie hielten zusammen, hielten das fest, was ihnen wichtig war. Jenen Grund, der sie am Leben erhielt, vor dem Fall bewahrte. Jeder Tag war ein einziger Kampf ums Überleben. Und vor einem Monat hatten sie ihn verloren. Waren gescheitert. Die Mühle des Krieges hatte sie überrollt, zerdrückt.

Erneut liefen die Tränen über ihre Wangen, als sie daran dachte, sich an jene schreckliche Stunden erinnerte. Ihr Blick fiel auf ihre verkrampften Hände. Blut. Eine Illusion, das wusste sie. Und doch. Es ließ sich nicht vertreiben. Hartnäckig klebte das Gefühl von Blut an ihren Fingern, ihren Händen. Sie spürte, wie es über die Handfläche floss, hinunter auf den Boden tropfte. Nicht real. Eine Einbildung. Nicht wirklich da.

Und doch ließ es sie nicht los. Vor ihren Augen zog immer und immer wieder diese eine Szene vorüber, ließ sie erschaudern, zitternd in sich zusammensinken. Ein Schluchzen entwischte ihr, verlor sich im Wind. Wurde davon getragen auf den Schwingen der Wolken.

Wie gerne würde sie ebenfalls davon treiben, sich entführen lassen in eine andere, freiere Welt. Eine Welt, wo kein Krieg das Zepter hielt und das Leben lenkte, eine Welt, in der Kinder ihre Kindheit genießen durften, in der Familien vereint waren.
Sie verkrampfte sich, als der Schmerz unerträglich wurde. Nicht körperlich. Er war seelischen Ursprungs. Wie spitze Glasscherben bohrte er sich in sie hinein, fraß sie auf. Erneut wurden sie bestraft. Warum? Diese Frage hallte in ihr wider, ließ sie rastlos werden. Warum sie? Sie waren doch immer fromm gewesen, hatten zum Allmächtigen gebetet. Keine Schande wurde im Namen ihrer Familie begangen. Sie waren tüchtige Menschen, deren Lebenssinn sich in Arbeit wiederfand. Hart hatten sie gekämpft. Um jede Ernte. Sie waren stolz auf das, was sie erreichten. Wie viele hatten aufgegeben? Sich vom Krieg ertränken lassen? Waren zu dem Tyrannen gekrochen wie feige Hunde? Doch dies kam für sie nicht in Frage. Obgleich ihrem Vater mehrmals das Angebot unterbreitet wurde, in der Garde des Tyrannen zu kämpfen, hatte er abgelehnt. Sein Stolz und seine Überzeugung verbaten sich jeglicher Gedanken an dieses Thema.

Und am Ende hatte es ihm das Leben gekostet. Ihr Vater war gegangen, wurde mitgerissen von blutroten Fluten. Man hatte ihm das Schwert durch die Brust gejagt. Hämisch gelacht hatten sie. Mitleidlos. Und sie? Sie mussten alles mitansehen. Wie er fiel. Das Blut … sie würde diesen Anblick nie vergessen, den Schmerz in seinen Augen, das wettergegerbten Gesicht in stiller Qual verzogen, während das Leben aus seinem Herzen wich.

Hass. Schmerzhaft pochte ihr Herz, gefangen in dieser Spirale aus Hass und Schmerz, die sich immer weiter drehte. Die Luft zum Atmen raubte. Der Fluss verschwamm vor ihren Augen. Sie weinte. Ein Schrei bannte sich seinen Weg nach draußen. Wimmernd biss sie sich auf die spröde Lippe. Schmeckte das Blut. Salzig und metallisch. Tränen tropften auf ihre Hände. Ein erneuter Riss. Qualen rissen sie auseinander, drohten sie zu spalten.

Vater. Die Erinnerungen zogen an ihr vorbei. Die seltenen Momente, in denen er lachte. Ausgelassen war. Das Beisammen seiner Familie genoss. Und dann die Augenblicke, in denen er auf dem Feld war, die Ernte pflegte, damit sie nicht verdarb. Sie hatte ihm geholfen. Musste arbeiten, seit sie denken konnte. Jede anpackende Hand war vom Nöten.

Ein Schrei entkam ihr, als der Schmerz zunahm. Erbarmungslos. Sie krümmte sich zusammen, fiel nach vorne, rollte sich ein. Hoffte, dass die Qual vorüber gehen mochte. Irrte sich. Der Schmerz ließ nicht nach. Brannte heißer denn je in ihr. Versengte die Seele.

Nur am Rande nahm sie wahr, dass es regnete. Schwere Tropfen fielen auf die Erde nieder, prallten an den Felsen ab. Wie Diamanten blieben sie an den gelblichen Halmen hängen. Ihr Kleid wurde nass, klebte wie eine zweite Haut an ihr, doch das interessierte sie nicht. Warum sollte sie sich an Kleinigkeiten stören?

Zitternd lag sie im nassen Gras, den Blick auf dem Fluss gerichtet. Die Wellen schäumten auf, je mehr Regen auf die Oberfläche traf. Brachen sich an den Felsen, schwappten aufs Land über. Strichen ihren Knöchel. Sie genoss das kalte Gefühl an ihrer Haut, das einen unwirklichen Kontrast zu ihrem Inneren bildet, das immer noch heiß loderte. Hass und Trauer. Hoffnungslosigkeit. Wozu noch kämpfen? Ohne den Vater und die schützende Hand würden sie untergehen, zerbrechen.

Bald würden sie wieder kommen. Würden mit ihren schweren Stiefeln über ihren Hof laufen, die Steine aus dem Weg kicken. Dröhnend lachen. Irgendwelche Witze reißen, über die nur sie lachen konnten. Soldaten. Seine Untergebenen. Die Garde des Tyrannen. Mörder. Schänder. Wie oft hörte man von anderen Gutshöfen, dass Frauen und Kinder verschleppt wurden? Dass Väter dem Schwert zum Opfer fielen? So wie er. Ihr Vater. Ihr Halt.

Angst krocht in ihr hoch. Eisig. Verdrängte den Zorn. Dämpfte die Hitze. Sie wollte nicht dasselbe Schicksal erleiden wie die anderen Frauen des Dorfes. Misshandelt. Geschändet. Für immer entehrt. Ihrer Würde beraubt. Vielleicht mussten sie ein uneheliches Kind austragen. Einen Bastarden. Die Kinder jener Männer, die ihr Leben zerstört hatten. Nein, eher würde sie den Freitod wählen, als sich in die Fesseln dieses entwürdigen Lebens zu begeben. Auch wenn sie dafür das Fegefeuer in Kauf nehmen musste. Sie würde es tun. Auf keinen Fall wollte sie einen Bastarden unter ihrem Herzen tragen. Dieses Kind würde sie niemals lieben können. Ja, sie würde eher sterben, als sich dieser Schande auszuliefern.

Warum musste es nur so kommen? Warum musste dieser Mann solche Macht erlangen und alles in Verderben stürzen? So viele Unschuldige starben in diesem Krieg. Kinder verloren ihre Eltern, wurden entführt, als Sklaven missbraucht. Mädchen wurden von älteren Männern geschändet, starben oft im Kindbett. Jungen mussten für den Tyrannen in die Schlacht ziehen. Blut vergießen. Menschenleben auslöschen. Ums Überleben und Ehre kämpfen.

Viele kamen nicht zurück. Fielen auf dem Feld. Aufgespießt vom Schwert des Feindes. Unschuldige Jünglinge. Ließen Weib und Kinder zurück. Wie viele Frauen bahnten um das Wohl des Gemahls? Und erhielten dann die Nachricht des Todes?

Ihre Gedanken schweiften ab. Fragen türmten sich auf. Wie würde es nun weiter gehen? Wie sollten sie den Winter überstehen, der bald ins Land herein brechen würde?

Sie wusste, nun würden noch härtere Zeiten auf sie zukommen. Sie waren nur noch zu viert. Die Mutter und die Schwestern. Und sie. Es erschien ihr unmöglich noch an den Frieden zu glauben. Auch wenn sie es ihrer Großmutter einst versprochen hatte. Doch mit jedem weiteren Tag schwand der Glaube an bessere Zeiten. Sie musste begreifen, dass die Illusion sie mehr zerstörte als ihr Kraft schenkte. Das Sehnen nach dem Frieden machte sie krank, zerriss sie. Wie ein Tier im Käfig. Ruhelos. Und doch nie frei. Das war sie. Das war ihr Leben. Vom Blut und Leid besudelt.

Zitternd brachte sie sich in eine aufrechte Lage. Das Kleid war noch schmutziger geworden und wies Flecken auf. Mutter würde schimpfen. Hätte geschimpft. Früher. Jetzt hatte sie sich verändert. Seit Vaters Tod hatte sie sich zurück gezogen. War abweisend geworden. Sie hatte Vater geliebt. Er war ihr Halt, der Fels in der blutigen Brandung. Und jetzt war er weg. Und mit ihm auch ein Teil ihrer Seele. Für immer. Nichts würde mehr so sein, wie es mal war.

Es regnete. Immer noch. Der Wind nahm zu, zerrte an ihrem Kleid. An den Haaren. Ließ sie erzittern. Und doch rührte sie sich nicht. Blieb sitzen. Im kalten Gras. Den Blick auf den Fluss gerichtet.

Man erwartete sie zuhause. Gewiss. Aber sie fand nicht die Kraft, aufzustehen. Wie in Trance beobachte sie das heftige Naturschaubild. Sah zu wie der Regen den Fluss aufwühlte, reißerisch werden ließ. Zerstörerisch.

Stunden strichen dahin. Der Abend brach herein, die Temperatur sank. Die Luft kühlte ab. Bis auf die Knochen durchnässt, erhob sie sich. Sie zitterte. Der Regen peitschte immer noch über die Ebene. Der Wind heulte, als sie den Rückweg antrat.

Sie kam kaum voran. Der Boden war aufgeweicht und sie fror. Zitternd lief sie durch die Dunkelheit. Das Gut ihrer Familie lag nicht weit entfernt und doch brauchte sie länger als sonst, um dorthin zu gelangen.

Ihr Herz stockte, als sie auf dem Hof ankam. Aus dem Haus waren Schreie zu hören. Und derbes Lachen. Männerlachen. Die Schreie stammten von Mutter und Schwestern. Sie stolperte zurück. Im Licht des Mondes sah sie, wie Soldaten in fein gearbeiteter Uniform ihre Familie hinaus trieb. Die Mutter und Schwestern waren entblößt. Am ganzen Leib waren frische Wunden, viele bluteten noch. Die Männer grölten. Trieben die Frauen wie Vieh vor sich her. In ihre Richtung. Zitternd musste sie diesem Schaubild zusehen, unfähig den Blick von der Szene abzuwenden. Ein Alptraum.

Ein bärtiger Mann trat vor ihre Mutter. Er schien etwas zu sagen, was sie verärgerte. Sie schrie und schimpfte. Hätte sie gekonnt, wäre sie auf ihn losgegangen. Doch zwei Soldaten hielten sie fest. Ebenso die Schwestern. Sie wollte ihnen helfen. Aber sie war wie festgewachsen. Konnte sich nicht rühren.

Tränen liefen über ihre Wangen, als einer der Männer sein Schwert zog. Sie wollte die Augen zukneifen, doch es schien ihr unmöglich. Wie von fremder Macht geleitet, musste sie zusehen, wie die Waffe sich in Mutters Brust bohrte, wie diese sich aufbäumte und schließlich erschlaffte. Die Schwestern schrien, was die Männer anzuheizen schien. Einer der Soldaten packte die Jüngste an den Haaren, zog sie zu sich. Sie wimmerte, als er zuschlug. Mehrmals. Sie hörte Knochen brechen.

Nur noch ihre älteste Schwester lebte. Ihr Gesicht war verzehrt von Hass. Ihre Augen glühten. Sie schimpfte auf diese Bastarde. Diese schubsten sie zu Boden, traten auf den zierlichen Körper ein. Erneut brachen Knochen. Blut lief zwischen die Pflastersteine.

Jemand schrie. Die Männer ließen von der Schwester ab, fuhren herum. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass es ihr Schrei war. Hastig wirbelte sie herum, lief vom Hof. Weg von diesem Alptraum. Hinter sich hörte sie Schritte. Schwere Schritte. Die kaum voran kamen. Und nun war sie mehr als froh, erneut kein Schuhwerk zu tragen. Hastig lief sie durch den Schlamm. Zu ihrem Ort. Ihrer Zufluchtsstätte.

Der Fluss hatte sich immer noch nicht beruhigt. Hastig lief sie auf die Fluten zu, die immer wieder aufs Land schwappten. Sie spürte das kalte Nass an ihren Knöchel, das sie erzittern ließ. Es war reiner Wahnsinn, was sie hier tat, doch dies war ihr egal.

Das Wasser war eisig. Sie spürte wie ihr Körper immer tauber wurde, von einer nie vorher gekannten Schwere ergriffen wurde. Immer weiter ließ sie sich treiben. Der Sturm warf sie hin und her. Wie ein Sack Mehl. Sie prallte gegen die Felsen, spürte wie die Knochen brachen. Kein Schmerz. Nichts. Nur Taubheit. Ihr Herz raste, bäumte sich gegen den Tod auf, der sie bald ereilen würde. Ein vergeblicher Kampf. Der Gevatter Tod war stärker. Und schon bald würde er auch sie holen …
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