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Свобода

von Iralenya
KurzgeschichteSchmerz/Trost, Historisch / P18 / Gen
10.07.2021
22.07.2021
2
3.675
8
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10.07.2021 1.685
 
Vorwort

Es ist kaum zu fassen, aber es stimmt tatsächlich, dass ich diese Geschichte vor acht Jahren geschrieben habe. Als ich dann das Zitat für den Jahreskalender gelesen habe, ist sie mir wieder eingefallen und ich dachte mir: Wieso nicht? Diese Geschichte habe ich ursprünglich für ein anderes Projekt geschrieben, aber das scheint sowieso nicht mehr zu existieren …

Der Titel ist russisch, weil ich damals alle meine Titel in meiner Muttersprache benannt habe. Natürlich hätte ich nur den deutschen Titel nehmen können, aber für mich gehört der russische Titel einfach dazu.

Ich habe die Geschichte nur minimal geändert (ein paar Wörter ausgetauscht), sonst ist alles genauso geblieben, wie einst geschrieben und später beim Projekt eingereicht. Leider ist es mir nicht gelungen, sie am 14. Mai hochzuladen, aber besser spät als nie. Es wird noch einen zweiten Teil geben - weswegen ich mich für einen anderen Obertitel entschieden habe. Ich hoffe, sie gefällt euch.

Das dazugehörige Zitat: "Hoffnung macht uns stark, damit kämpfen wir wenn alles andere verloren scheint." [God of War 3]

Außerdem findet ihr hier die zuvorgehende und die nachfolgende Geschichten

13. Mai 2020 – your my destiny von SerienjunkieNessa aus dem Fandom Supernatural

15. Mai 2020 – Bombenstimmung von Ginada aus dem Fandom Harry Potter

Ira

*~*


Глава 1

И все-таки живет надежда

Und doch atmet die Hoffnung


Geschrieben: 11. Juli 2013


*~*


Sehnsüchtig wanderte ihr Blick über die sich in weite Ferne erstreckende Landschaft. Grün. Wohin das Auge auch blickte. Überall grün. Wie ein Mantel. Der Wind ging leise, strich durch die Halmen der Wiese, raschelte in den dichten Blätterwerk der Bäumen und Sträucher. Wolken türmten sich auf. Meterhoch. Über den blauen Horizont jagten sie dahin, gepeitscht von dem Wind, der nach und nach an Intensität zunahm.

Ihr Kleid bauschte auf, strich um ihre nackten Knöchel. Ein Seufzen entwischte ihr, als ihr Blick sich in der Ferne verlor. Nachdenklich strich sie sich durch das braune Haar, welches sie heute offen trug. Eine echte Seltenheit. Es war einfach nicht üblich und auch nicht gerne gesehen. Doch heute … sie wollte es wagen, wollte endlich den Schritt gehen, den sie sich schon so lange erhofft hatte. Wollte einen ihrer zahlreichen Träume erfüllen. Wollte die Freiheit schmecken.

Früh, als auf dem Hof noch Stille herrschte, war sie aufgebrochen. Leise hatte sie das Lager verlassen, um die Schwestern nicht zu wecken. Vater und Mutter schliefen ebenfalls. Eine bessere Gelegenheit würde sich ihr nicht bieten. Nur einmal den Hauch der Freiheit kosten, von der die Großmutter einmal erzählt hatte. Danach würde sie zurückkehren. Zurückkehren in das von Härte und Arbeit bestimmte Leben.

Der Krieg hatte sie gezeichnet. Noch immer tobte er. Wie ein wütendes Tier, die Zähne gebleckt, die Krallen gespitzt. Blut. Zerfetzte Körper. Verbrannte Leiber. Ein alltäglicher Anblick. Fest eingebrannt in der Erinnerung. Für immer. Ein nie endender Alptraum. Ihr Leben. Lange vor ihrer Geburt begonnen. Heute zählte sie fünfzehn Sommer. Und das Grauen fand kein Ende. Schlängelt sich weiter durch ihr Dasein. Wie eine giftige Schlange.

Sie verzichtete auf die tägliche Katzenwäsche, ließ die Schüssel unberührt auf dem schweren Holztisch stehen, welcher einst von ihrem Großvater geschnitzt worden war. Das Kleid war bereits schmutzig und zerfetzt. Spuren eines entbehrungsreichen Lebens. Doch das neue Kleid, welches Mutter von dem wenigen, zurück gelegten Geld auf dem Markt gekauft hatte, das wollte sie nicht anrühren. Zu kostbar. Sie hatte gegen den Kauf protestiert, doch Mutter meinte, sie müsse für ihr Schicksal belohnt werden. Genau wie die Schwestern, die ebenfalls auf dem Feld und Hof mithelfen mussten. Jede anpackende Hand wurde gebraucht, um die Spuren des Krieges erträglicher zu halten. So gut es eben ging, wenn alles in Blut und Leid versank.

Traurig wanderte der gepeinigte Blick über den Hof, der einst in hellen, sonnigen Glanz erstrahlte, wie sie auf zahlreichen Bilder gesehen hatte, zum gegenwärtigen Zeitpunkt jedoch die Spuren der Grausamkeit nicht verbergen konnte. Die Steine der Wege waren verschmutzt und voller Unkraut, doch es fand sich keine Seele, die dafür noch Zeit aufbringen konnte. Für solche Banalitäten blieb kein noch so müder Blick übrig. Die Arbeit auf dem Felde war wichtiger, der Winter nahte bereits. Sie mussten um die Ernte kämpfen, um das wenige Essen. Alles war streng rationiert. Nichts durfte verschwendet werden. Man war froh um jeden Bissen.

Sie verfluchte den Krieg. Er zerstörte Leben, nahm alles weg. Zerschlug Träume und Hoffnungen, forderte Leben. Er war eine Bestie im blutrotem Mantel. Der Teufel persönlich. Ein Schaudern überlief sie. Schnell warf sie einen Blick zu dem Bauernhaus zurück, ehe sie barfuß über den Hof lief. Ihre Sandalen hatte sie beim Lager gelassen. Mit Absicht. Der Boden war durchnässt von dem heftigen Schauern der Nacht. Sie sank ständig im Schlamm ein. Hätte sie das Schuhwerk getragen, wäre es ihr nicht möglich gewesen, sich davonzuschleichen. Zu laut wäre das Echo, hätte den Vater geweckt, der vom Krieg gezeichnet, einen leichten Schlaf hatte.

Weite. Unendliche Ferne begrüßte sie, kaum ließ sie das Familiengut hinter sich. Die Steine wichen Wiesen. Grau ging in Grün über. Trostlos in Frisch. Tod in Leben. Hektik in Frieden.

Sie genoss das Gefühl der Halmen an ihren Sohlen. Schon viele Sommer waren verstrichen, seit sie das letzte Mal hier gewesen war. Hier. In ihrem Paradies. Niemand sonst kannte die Bedeutung dieser einsamen Ebene. Keiner wusste den Wert dieser Einöde zu schätzen. Weder die Eltern noch die Schwestern. Nur die Großmutter. Aber Omama lebte nicht mehr. Der Gevatter Tod war da, hatte die gebrechliche Frau mit sich genommen, die sie so bewundert hatte. Hatte ihr Leben beendet nach qualvollen Jahren der Arbeit. Doch Omama war auch stolz auf das, was sie erreicht hatte. Auf ihre Kinder, auf die Existenz, die sie und ihr im Krieg gefallener Mann erschaffen hatten, aus einem Scherbenhaufen heraus.

Ihr Blick wanderte nach oben, beobachtete den Tanz der Wolken, genoss die sanften Liebkosungen des Windes. Tief inhalierte sie die Luft, die hier frischer schien als auf dem Hof. Der Regen hatte sie reingewaschen. Das Schlechte für einen Moment fortgespült. Mit sich genommen. Eine Illusion. Das wusste sie. Dennoch, sie gab sich ihr gerne hin, nur um dem Grauen für einen Augenblick zu entfliehen.

Obwohl sie sich geschworen hatte, nicht zu weinen, spürte sie dennoch, wie die Tränen sich Bahn brachten. Sie spürte das salzige Nass über ihre Wangen laufen. Die Tränen zeichneten das Bildnis stiller Trauer. Kein Auge würde dieses Indiz der Schwäche je sehen. Das Herz brach ungesehen. Unbemerkt blutete die Seele. Das Leben zersplitterte in Tausende Scherben. Ein fader Beigeschmack. Schmerzen, nicht sichtbar, Risse, nicht heilbar. Ein unerhörter Schrei.

So friedlich. Dieses Stück Land. Ein Abbild unberührter Unschuld. Von Krieg verschont. Rein. Unschuldig. Frisch. Eine Versprechung des Friedens.

Frieden. Ein Wunsch. Ein Begehren. Ein Traum der gepeinigten Seele. Unerreichbar. Noch. Doch die Zeit würde kommen. Die Tyrannei ein Ende finden. All das Leid gerächt. Es würde dauern. Gewiss, noch hielt der Krieg die Welt zur sehr im Atem, doch sie glaubte daran. Ein Versprechen an Omama gab ihr Kraft. Wenn sie drohte an dem Grauen zu verzweifeln, kamen ihr die Worte wieder in den Sinn. Aus dem Tiefen ihres Herzens drangen sie an ihr Ohr, ließen die Seele vibrieren. Dann war es, als stünde ihre Großmutter neben ihr und ermahnte sie, den Kampf nicht aufzugeben. Sonst wäre alles vorbei. Die Mühe, das Opfer des Großvaters. Alles.

Nein, das durfte auch keinen Fall passieren. Sie durfte Omama nicht enttäuschen. In ihrem Herzen würde die Hoffnung weiter atmen. Das schwor sie sich. Auf keinen Fall würde sie zulassen, dass der Krieg und der Tyrann gewannen. Oh, wie verachtete sie diesen Mann, der die Schuld an dem unschuldig vergossenem Blut zahlreicher Opfer trug. An dem Leid. An dem Schrecken.

Sie kannte seinen Namen nicht. Keiner sprach darüber. Nur einmal ließ Vater seine Wut über diesen Tyrannen aus. Doch war er sofort verstummt, als die Schwestern und sie hereinkamen. Sie wusste nicht, wie er aussah. Hatte ihn nie gesehen. Er ließ sich nie in dem ärmlichen Teil des Landes blicken. Dafür war er sich zu schade. Schließlich könnte seine teure Kleidung im Unrat schmutzig werden.

Sie lachte auf. Doch nicht amüsiert. Es war ein verzweifelter Laut. Freude gab es in ihrem Leben keine. Worüber sollte sie sich auch freuen? Eine Kindheit hatte sie nie erlebt. Seit sie denken konnte, hatte sie mitgeholfen, war der Mutter zur Hand gegangen. Später dann dem Vater auf den Feld. Ihre Eltern hatten keine Söhne. Nach der dritten Geburt und einer erneuten Tochter, hatte die Hebamme der Mutter abgeraten, die Strapazen der Schwangerschaft erneut auf sich zu nehmen. Ansonsten, so habe das Kräuterweib, das gleichzeitig als Hebamme in ihrem Dorf tätig war, Mutter gewarnt, würde sie im Kinderbett sterben.

Widerwillig hatten die Eltern das akzeptiert. Mutter hatte sich stets einen kräftigen Sohn gewünscht, der mit anpackte auf dem Feld, oder wie ihr Vater im Krieg für den Frieden kämpfte. Gegen die Ungerechtigkeit der Bauern. Gegen den Tyrannen, der das Leben der Menschen aussaugte wie ein Ungeheuer. Der Kinder zu Waisen machte, Frauen zu Witwen. Der ganze Höfe und Güter einverleibte. Der jede Grundlage der Existenz zerstörte und raubte.

Seufzend ließ sie sich in das nasse Gras fallen. Dass das Kleid Flecken bekam, interessierte sie nicht. An solchen Kleinigkeiten hielt sie sich nie auf. Es war nur Zeitverschwendung. Und Zeit war ein Luxus, das sie sich fast nie leisten konnte.

Ihr Blick wanderte über die unberührte Landschaft. Sehnsucht schmeichelte ihr Herz. Sie wollte endlich frei sein, wie ein Vogel die Flügel entfalten, sich in die Lüfte erheben, davon gleiten. Getragen auf den Flügeln der Freiheit auf dem Wind schwebend über der sich bis zum Horizont erstreckenden Felder und Wiesen.

Als die Herbstsonne die ersten Strahlen zur Erde schickte, erhob sie sich schwer. Der Saum des Kleides war nass, ihre Füße klamm. Der Wind schlug ihr das offene Haar in das von Kälte gerötete Gesicht. Doch zum ersten Mal fühlte sie sich frei. Endlich konnte sie die Freiheit schmecken, von der Omama ihr immer erzählt hatte, als sie noch ein kleiner Spross war.

Ein letzter Blick zum Horizont, zu den spielenden Wolken, dann drehte sie sich um, verließ ihr Paradies. Mit neuem Mut im Herzen trat sie dem anbrechenden Tag entgegen …
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