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Nicht schwul

GeschichteFreundschaft, Erotik / P18 / MaleSlash
Dr. John Watson Sherlock Holmes
09.07.2021
02.09.2021
20
42.694
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Dieses Kapitel
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09.07.2021 1.689
 
Anmerkung: Hallo meine Lieben, da bin ich schon wieder. :D Ich arbeite tatsächlich an einer Fortsetzung der letzten Geschichte, aber auf meinem Weg stellte sich die Frage: Geht es auch anders herum? Was, wenn Sherlock der Federführende ist? Könnte auch John bottom sein? Das klingt in meinen Ohren erstmal ooc, aber fordert mich gerade deswegen heraus, es einfach mal zu probieren. Smut, aber vermutlich kein BDSM-Kontext. Und bisher auch noch kein Plot, aber der entwickelt sich meist von alleine.^^

Und nun viel Spaß!

Kietzemaze

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Dieser Blick. Dieser Blick, der immer sofort unter seine Haut zu gehen schien. Durchdringend und entblößend und brennend. Sherlocks Hände in den Hosentaschen, die Pupillen groß und schwarz, den Kopf leicht nach unten geneigt. Wie bei ihrem ersten gemeinsamen Fall, als John nicht glauben konnte, dass jemand wie der clevere Meisterdetektiv eine Drogenrazzia über sich ergehen lassen musste - weil er tatsächlich Drogen nahm, die er (zumindest aus Johns Sicht) gar nicht nötig hatte. Und die so gar nicht zu seinem eleganten und überaus intelligenten Auftritt zu jeder Tages- und Nachtzeit passten.

Diese grün-blau schimmernden Augen hatten ihn zum Schweigen bringen sollen. Damals. Zusammen mit diesem dunkel geraunten und absolut simplen "John".

Heute war er sich der Intention allerdings nicht mehr ganz so sicher. Sherlock schien den Blick gezielt einzusetzen, um ihn zu irritieren. Um ihn zu verunsichern und ins Straucheln zu bringen. Und immer wieder waren sie sich dabei viel zu nah. John konnte nicht sagen, ob er davon fasziniert war oder eher abgestoßen. Und sein lustiges, kleines Gehirn wusste ebensowenig, in welche Schublade es diesen Blick - diese alles durchblickenden und analysierenden Augen - hinein sortieren durfte.

Auch jetzt wusste er es nicht.

„Du musst damit aufhören“, sagte Sherlock fest und lehnte sich gegen die Anrichte, auf der John sich gerade ein Sandwich zubereitete. Ein großes und hohes, von dem der Belag jeden Moment herunterzurutschen drohte. Eines von der Sorte, die Maulsperre verursachte, wenn man gierig versuchte, sich von allem etwas in den Mund zu stopfen.

Hunger!

„Ich habe heute den ganzen Tag noch nichts ge…“

„Ich rede von deinem Blog“, erklärte Sherlock und funkelte ihn an. Könnte er vielleicht einen kleinen Schritt zurück gehen? Oder auch nur einen halben? Bitte?

„Meinem Blog?“

„Zu viele Klicks, John. Ich bin beratender Detektiv. Das letzte, was ich brauche, sind Klicks!“

Ah. Darum ging es also. Mal wieder. Der gute Doktor lächelte nur müde.

„Damit kann ich leider nicht dienen, Sherlock. Der ist ärztlich verordnet“, erwiderte er stumpf und legte sich eine Scheibe Käse aufs Brot, um diesen Augen zu entkommen. Zumindest für eine klitzekleine Sekunde.

"Ja, von derselben Ärztin, die dir eine posttraumatische Belastungsstörung attestiert hat!", schnaubte der Lockenkopf verächtlich und brachte John fast dazu, wütend zu werden. Du liebe Güte! Was sollte das bitte? Warum wiederholten sie diese Diskussion immer wieder auf's Neue? John seufzte. Er warf Sherlock nun doch einen genervten Blick zu und ignorierte die Aufregung, die sich in seinem Magen ausbreitete und die Härchen seines Nackens, die sich aufstellten. Musste der Lockenkopf denn gar nicht blinzeln? Nicht ein einziges Mal?

"Hör zu, Sherlock", begann er - entschlossen, sich völlig unbeeindruckt zu zeigen. "Es macht mir Spaß, okay? Ich schreibe gerne und ich werde es weiter tun. Du wirst mich nicht davon abhalten."

Er unterbrach den Blickkontakt wieder und erklärte das Gespräch damit für beendet. Es fehlten ohnehin noch mehrere Salami-Scheiben, das Salatblatt, die Gewürzgurken, die Sauce (Gott, diese köstliche Sauce, die ihm bereits das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ!) und vielleicht noch ein bisschen Tomate.

Sein Magen knurrte.

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis Sherlock schnaubte und einigermaßen resigniert wieder Distanz zwischen sie brachte. John entspannte sich zögerlich. Dass er überhaupt angespannt gewesen war, beunruhigte ihn.

~~~

Dr. John Watson. Seit ein paar Monaten nicht nur ein Mitbewohner, mit dem sich hervorragend die Mietkosten halbieren ließen, sondern auch ein Gefährte, dessen Intelligenzquotient nicht ganz so weit unten lag wie der der Durchschnittsbevölkerung. Äußerst erfrischend und angenehm. Und so viel weniger nervig.

Was den Lockenkopf aber regelrecht zum Staunen brachte, war, wie gut sie miteinander harmonierten. Weil man mit einem Sherlock Holmes nicht harmonierte. Die einen ertrugen ihn mehr oder weniger stillschweigend, die anderen gingen ihm aus dem Weg. Nicht, dass es ihn störte. Er hatte diesen Weg bewusst gewählt. Dass sich allerdings jemand so eindrucksvoll gegen dieses ungeschriebene Gesetz wehrte und ihn auf verschrobene Art sogar mochte, war neu.

‚Die Chemie stimmt‘ - würde man wohl im Volksmund sagen, auch wenn es Sherlock nie gelungen war, eben diese chemischen Komponenten zu extrahieren und zu vergleichen, ganz zu schweigen davon, dass das Wort „stimmen“ viel zu wenig präzise und empirisch war. Laienhaftes Geschwätz, mit dem kein Wissenschaftler etwas anfangen konnte. Wie konnte so etwas stimmen? Atome, Moleküle und chemische Reaktionen jedweder Art existierten einfach so wie sie waren und konnten höchstens noch ein paar weitere Verbindungen eingehen - oder eben nicht.

Es hatte nur wenige Tage gebraucht, bis er erkannte, dass der Doktor das Leben des Detektiven ebenso umkrempeln würde, wie er das sinnentleerte Leben des ehemaligen Soldaten. Des vermeintlich halb-Invaliden, der alles und jedem gegenüber beteuerte, nicht schwul zu sein. Warum er das tat, wusste Sherlock nicht. Sollte sich der Detektiv vielleicht beleidigt fühlen? War der Arzt homophob oder wollte er allen verfügbaren Weibchen da draußen signalisieren, dass er zu haben war? Es erschloss sich ihm nicht und normalerweise hätte ihn das auch herzlich wenig interessiert, hätte er nicht bemerkt, dass John auf ihn reagierte.

Er wurde nervös, wenn Sherlock ihn eine Spur zu lange ansah. Seine Muskeln spannten sich an, wenn er ihm zu nahe kam. Seine grau-blauen Augen leuchteten erstaunt, wenn der Lockenkopf ihn mit seinen Deduktionen verblüffte. Und er lächelte ihn an. Er lächelte. Nicht nur auf erzwungen-höfliche Weise, nein, er lächelte oft fasziniert, noch öfter amüsiert und manchmal - nur ab und zu - auch warmherzig. Verblüffend.

Und reizvoll.

Dr. John Watson war auf unerklärliche Weise reizvoll. Weil er den Lockenkopf ganz anders behandelte als alle anderen? Weil er ihm eine gewisse Art der Sympathie oder gar Zuneigung entgegen brachte, zu der kein anderer imstande war? Weil Sherlock ihm die "Ich-bin-nicht-schwul"-Schimpftiraden nicht ganz abkaufte? Oder weil der sonst so kontrollierte Körper des Lockenkopfes auf den Arzt reagierte, ohne dass er es abstellen konnte? Er wusste es nicht. Und es nicht zu wissen, erhöhte nur seinen exzessiven Drang, es herauszufinden und seine Theorien zu überprüfen.

Sherlock war so in seinen Gedanken versunken, dass er gar nicht merkte, wie seine Mundwinkel nach oben zuckten, während er mit den Fingerspitzen seiner verschränkten Hände immer wieder gegen sein Kinn tippte. Und wie seine Augen vor Aufregung aufleuchteten, als hätte das Spiel gerade erst begonnen.

"Was? Was hast du entdeckt?", fragte John aus dem Sessel ihm gegenüber und mit erwartungsvollem Blick. Er trug ein blau-weiß kariertes Hemd, das für Sherlocks Geschmack ein wenig zu altbacken und vor allem zu billig war, aber wenigstens die neue Jeans, die besser an ihm saß als die, die noch in seinem Kleiderschrank hingen. Wäre Sherlock nicht immer so beherrscht, wäre er wohl erschrocken zusammen gezuckt. Sein Hirn überlegte fieberhaft. Entdeckt? Was entdeckt? Wovon sprach er? Gott sei Dank waren seine Gedankenströme um ein Vielfaches schneller als die der normalen Menschen, dass seine Antwort nahezu ohne Verzögerung aus ihm herausschoss.

"Unser Mörder ist ein Kunstdieb. Es ist die einzige Erklärung, die alles miteinander verbindet. Es kann gar nicht anders sein."

"Ein Kunstdieb? Wie kommst du darauf?", fragte John stirnrunzelnd, aber Sherlock zog sich lieber in rätselhaftes Schweigen zurück. Dann stand er auf, marschierte zielgerichtet zu seinem Couchtisch und stieg auf die Platte. Dann betrachtete er die Hinweise, die er an die Wand über seinem Sofa gepinnt hatte und konzentrierte sich lieber wieder auf seinen Fall.

~~~

John stieg aus der Dusche - die Haut noch feucht, die Haare nass, der Spiegel über dem Waschbecken milchig-beschlagen. Es roch nach seinem Duschgel - irgendetwas sportlich-männliches, was nie so ganz zu definieren aber trotzdem angenehm war. Er rubbelte das Handtuch über seinen Kopf und spürte, wie sich der flauschige Stoff unter seinen Fingern mit dem verbliebenen Wasser vollsog. Er fühlte sich gleich viel besser. Die Wärme der Dusche hatte seine Muskeln entspannt und die leichten Kopfschmerzen vertrieben. Es war nicht nur Körperpflege gewesen, sondern auch ein Moment der Ruhe. Wohltuend und bitter nötig nach einem Arbeitstag voll genervter, unkooperativer und unzufriedener Patienten.

„John? Ich habe etwas übersehen! Wir müssen nochmal zu Lady Johnson und ihren Teppichen!“, rief Sherlock und stand plötzlich vor dem Arzt, dessen Entspannung sich sofort wieder verflüchtigte.

Ihre Teppiche?

„Sherlock, ich bin nackt!“, zischte John und bedeckte seine Blöße rasch mit dem Handtuch.

„Irrelevant! Wir müssen los!“, erwiderte der Detektiv unbeeindruckt und verschwand hektisch wieder aus dem Badezimmer. John war zu überrumpelt um peinlich berührt zu sein. Er seufzte - es war eigentlich eher ein Fluchen - dann trocknete er sich zügig ab und sprang in die Kleider, die bereits brav auf dem kleinen Badschrank auf ihn gewartet hatten.

Der Detektiv war schon im Treppenhaus, als der Arzt ihm folgen wollte. Manchmal hatte John das Gefühl, Sherlock würde ihn einfach zurücklassen, wenn er nicht mit ihm Schritt halten konnte. Er machte sich nicht einmal die Mühe, sich nach ihm umzudrehen oder ihn zur Eile anzutreiben. Und ehrlicherweise wusste John nicht einmal, was seine Rolle als Assistent konkret beinhaltete. Was seine eigentliche Aufgabe war. Vielleicht brauchte der Detektiv auch nur jemanden, bei dem er seine Fähigkeiten schamlos zur Schau stellen konnte, um sein Ego zu füttern. Wieder und wieder und wieder. Bisher hatte John zumindest noch nie den Eindruck gehabt, etwas wirklich Gehaltvolles beizusteuern.

Er hechtete zu Sherlock ins Taxi und sparte sich jeglichen Kommentar. Der Gesichtsausdruck seines Gegenübers signalisierte deutlich, dass er nicht ansprechbar war. John starrte aus dem Fenster, an dem die Straßen Londons nur so vorbei flogen und war schwer damit beschäftigt, den Genervten zu mimen und dem ruhigen Abend hinterher zu trauern, den er sich eigentlich hatte gönnen wollen. Die freudige Erregung seiner Körperzellen über eine gemeinsame, spontane Verbrecherjagd ignorierte er dabei geflissentlich. Die ging ihm manchmal deutlich zu weit.

Viel zu weit.
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