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Du bist das Licht

GeschichteRomance, Liebesgeschichte / P18 / Het
OC (Own Character) Severus Snape
08.07.2021
22.07.2021
3
13.417
5
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22.07.2021 5.946
 
Scarlett

Freitag war der anstrengendste Tag der ganzen Arbeitswoche und gleichzeitig der lukrativste, weswegen Scarlett die Freitage trotz des Stresses mochte. Am Wochenende war die Bar fast immer gut besucht und samstags war, zumindest bis Mitternacht, immer eine zweite Arbeitskraft und die Küchenkraft da. Aber die Freitage übernahm sie, bis auf die Küchenkraft, alleine. Das bedeutete natürlich, dass sie auch die Trinkgelder alleine behalten konnte und das war den Stress meistens wert.

Und so war es auch an diesem Freitag. Die Bar war gut gefüllt und sie war seit dem frühen Abend alleine beschäftigt, alle Tische zu bedienen und Getränke zu mixen, während Joseph in der Küche die Snacks für die Gäste zubereitete.

Die Hauptklientel der Bar bestand aus älteren Männern, die hier ihre Kumpels auf ein oder mehrere Biere trafen um noch nicht nach Hause gehen zu müssen. Aber an manchen Abenden und vor allem am Wochenende kam auch die jüngeren Bewohner der Stadt in die Bar zum trinken, flirten und Billard spielen. An diesem Abend lief auch ein Fußballspiel im Fernseher über der Theke und der Geräuschpegel war unangenehm hoch. Scarlett wusste, dass ihr noch lange nach dem Abschließen die Ohren klingeln würden.

Sie war froh, dass sie ihren Job gerne mochte, dachte sie, während sie vollbeladen durch den Raum lief, Stühlen, Beinen und grabschenden Händen auswich und betrunkene Annäherungsversuche charmant abwehrte, denn sonst würde sie so einen Abend nicht mehr als einmal aushalten.

Sie war so beschäftigt, dass sie sogar vergaß zur Tür zu sehen, wie sie es sich neuerdings eigentlich zur Angewohnheit gemacht hatte. Im Moment hörte sie allerdings meist nicht, wie die Tür sich öffnete, weil es sowieso zu laut war und so war sie überrascht, als sie an einem gerade frei gewordenen Tisch Gläser abräumte und dabei ihr Blick auf eine schwarz gekleidete Gestalt am Nebentisch fiel.

Schon wieder hüpfte ihr das Herz sofort in den Hals und beinahe hätte sie das Tablett umgestoßen. Sie hatte ihn am heutigen Abend nicht hier erwartet und sein plötzliches Auftauchen brachte sie etwas aus dem Konzept. Eigentlich hatte sie heute noch fast gar nicht an ihn gedacht und doch saß er jetzt plötzlich wieder hier, nur wenige Tage nachdem er das letzte Mal hier gewesen war.

Sie ermahnte sich, nichts hinein zu interpretieren und trat mit einem breiten Lächeln an seinem Tisch.  

„Guten Abend. Ich hoffe, sie warten noch nicht so lange?“

Es fuchste sie etwas, dass sie keine Ahnung hatte wann er hereingekommen war.

„Ich bin gerade erst gekommen.“, sagte er.

„So ein Glück, ich dachte schon ich hätte Sie übersehen. Obwohl Sie nicht gerade ein Mensch sind, denn man leicht übersieht.“ Sie lachte und fragte sich gleichzeitig, warum sie das gerade gesagt hatte. Das klang verdächtig nach flirten und das wollte sie ja gar nicht. „Wieder einen doppelten Whiskey?“

„Tatsächlich hätte ich gerne einen Kaffee, wenn es möglich wäre.“

„Oh, ja, natürlich.“, sagte Scarlett, erneut überrascht. „Schwarz oder mit Milch und Zucker?“

„Schwarz.“

Scarlett nickte und verschwand hinter der Bar und dann in die Küche, um die Kaffeemaschine zu starten.

„Ich mach dann fertig.“, sagte Joseph. „Kommst du klar?“

„Es geht schon, die große Gruppe beim Billardtisch will zahlen, dann wird es etwas ruhiger.“

Manchmal, wenn besonders viel los war und Joseph bereits Feierabend hatte half er ihr trotzdem noch etwas, obwohl er dafür nicht bezahlt wurde und sie überließ ihm dafür den Großteil des Trinkgeldes. Aber am heutigen Abend war das ihrer Meinung nach nicht nötig.

„Wenn du dir sicher bist? Dann sehen wir uns morgen.“

„Klar. Schönen Feierabend.“

Der Kaffee war fertig und ihr Blick fiel auf den Teller Kekse, die neben der Kaffeemaschine standen.

Einem Impuls folgend nahm sie einen, legte ihn auf ein Teller und brachte den Kaffee und das Gebäck an den Tisch in der Nische.

„Das habe ich nicht bestellt.“, sagte der Fremde leise, als sie beides vor ihm abstellte.

„Ich weiß. Das geht aufs Haus. Mit freundlichem Gruß vom Bäcker.“

„Warum?“

„Warum nicht.“, gab Scarlett zurück, lächelte und begab sich zurück an die Bar.

Sie wusste selbst nicht genau warum, aber sie wollte dem Fremden etwas Gutes tun. Sie hatte das Gefühl, dass er etwas Freundlichkeit in seinem Leben gut gebrauchen konnte.

Sie beobachtete ihn aus den Augenwinkeln, wie üblich. Es dauerte fast 10 Minuten, bis er den Keks überhaupt probierte und ihn dann auch aufaß. Scarlett lächelte zufrieden, während sie sich durch die Bar schlängelte, hier einem Stuhl auswich, Alkohol verteilte und Gäste schimpfte, die ihr an den Hintern fassten, was leider außerordentlich oft geschah.

Als sie wieder zur Nische sah, war der Fremde so plötzlich verschwunden, wie er aufgetaucht war und wieder lag ein 20 Pfund Schein unter der leeren Kaffeetasse.


Nachdem er nach so kurzer Zeit wieder aufgetaucht war, hoffte Scarlett, dass er auch dieses Mal nicht so lange weg bleiben würde beziehungsweise, dass er überhaupt wieder auftauchen würde. Sie konnte nicht mehr abstreiten, dass er ihr gefiel. Das war, wenn sie ehrlich war, sogar noch untertrieben. Sie war außerordentlich an ihm interessiert. Ihr Körper reagiert auf eine Weise auf den Mann, die sie nicht gewohnt war und die ihr etwas Angst einjagte. Er hatte ihr kaum mehr als einen Blick geschenkt, er schien keine Gesellschaft und keine Gespräche zu wollen und doch konnte sie nicht aufhören, an ihn zu denken. Er sah auf eine besondere Weise unheimlich gut aus. Er war mysteriös, geheimnisvoll und machte den Eindruck eines einsamen Menschen. Ob die Einsamkeit selbst gewählt war oder nicht hätte sie zu gern gewusst. Aber es war deutlich, dass er keine Gesellschaft wollte, so abweisend und wortkarg wie er war und so nahm sie an, dass er seine Einsamkeit selbst so wollte.

Tatsächlich vergingen nur wenige Tage bis zu seinem nächsten Besuch. Es war wieder einer dieser Abende, an denen die Bar schon recht früh geleert war. Es war erst kurz nach Mitternacht, als er die Bar betrat, einen nassen, schwarzen Schirm in der Hand, den er gerade zusammenklappte. Er brachte eine kleine Spur Matsch mit herein, der an seinen schwarzen Stiefeln klebte.

Von dem Moment an, in dem er die Bar betrat, hatte er sie in seinen Bann gezogen. Sie konnte kaum die Augen abwenden. Seine schwarzen Haare waren leicht feucht und fielen ihm etwas wirr ins Gesicht.

Er strich sich eine nasse Strähne aus dem Gesicht.

Sie fand die Geste menschlich, zeigte sie doch, dass auch dieser Mann, so außergewöhnlich er zu sein schien, nur ein normaler Mensch war, der vom schrecklichen britischen Wetter betroffen war wie jeder andere auch.

Er war kein Außerirdischer oder irgendein mystisches Wesen. Nein, er war ein ganz normaler Mensch, nass und leicht schlammig. Und sexy.

Kaum hatte sie das gedacht begegnete er ihrem Blick und sofort spürte sie, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss.

„Verzeihen Sie den Matsch.“, sagte er mit seiner tiefen, sonoren Stimme, die Scarlett gerne öfter hören würde. Aber dass er überhaupt von sich aus das Wort an sie richtete, glich schon fast einem Wunder.

„Das ist kein Problem.“, sagte Scarlett und nicht zum ersten Mal wünschte sie sich, seinen Namen zu kennen.

Er nickte und blieb noch einige Herzschläge lang steif an der Tür stehen. Scarlett wusste nicht warum, er schien über etwas nachzudenken.

Aber schließlich ging ein Ruck durch seinen Körper und er begab sich zu seinem üblichen Tisch in der Nische.

„Was darf ich Ihnen bringen?“, fragte Scarlett, als sie aufgestanden war.

„Kaffee. Schwarz.“, sagte er.

Scarlett nickte, obwohl es unnötig war, weil er sowieso nicht in ihre Richtung sah, stattdessen schüttelte er den Mantel von seinen Schultern, faltete ihn über den Stuhl, ließ sich auf der Bank in der Nische nieder und fuhr sich mit beiden Händen durch das feuchte Haar. Wie sich sein Haar wohl anfühlen würde…?

Scarlett schüttelte sich aus ihrer Starre, verdrängte ihre unangebrachten Gedanken und verschwand mit staubtrockener Kehle in der Küche, wo sie erst Mal ein Glas Wasser trank und sich Mühe gab, ihren Herzschlag wieder unter Kontrolle zu bringen, bevor sie den Kaffee raus ließ. Sie ärgerte sich, dass sie so reagierte, auf einen völlig Fremden! Das war doch sonst nicht ihre Art!

Ihr Blick fiel auf die frische Ladung Cupcakes, die sie am Vormittag gebacken hatte und mit der Erinnerung daran, wie delikat er den Keks gegessen hatte, lud sie ihm einen Cupcake auf ein Teller.

Dann brachte sie beides raus in den Raum und stellte es vor dem Fremden auf den Tisch.

Er hob eine Augenbraue, als sein Blick auf den Cupcake fiel, dann sah er auf und starrte sie an.

Sein Blick war so intensiv, dass sie spürte, wie sie schon wieder errötete. Es war, als würde er sie röntgen wollen. Er runzelte die Stirn und wandte den Blick wieder ab.

„Warum das Gebäck?“, fragte er. Sein Ton war abweisend und schroff, als wäre es eine Beleidigung für ihn, dass sie ihm ein Gebäckstück gebracht hatte, das er nicht bestellt hatte.

Scarlett fühlte sich etwas dumm, vor allem weil er sie jetzt nicht direkt ansah, sondern über ihre Schulter zu blicken schien, aber sie lächelte tapfer und ignorierte seinen Tonfall einfach.

„Sie bezahlen immer viel zu viel für Ihren Whiskey, ich dachte Sie hätten eine Sonderbehandlung verdient.“

Die Augenbraue wanderte noch höher. Sie hatte noch nie jemanden gesehen, der mit einer so kleinen Geste so viel ausdrücken konnte.

„Ähm – also … ich backe gerne, wenn ich die Zeit habe. Und – meine Gäste sind gerne meine Versuchskaninchen. Meistens kommt es ganz gut an und ab und an werde ich sogar engagiert für eine Geburtstagsparty oder so zu backen. Etwas Extrageld, wissen Sie, schadet nie. Nicht dass ich erwarte, dass sie dafür bezahlen, nein, auf keinen Fall. Tatsächlich wollte ich ihnen mitteilen, dass ihr Whiskey nur 8 Pfund kosten würde und der Kaffee sogar nur 2,80, daher – “

Sie bemerkte, dass sie angefangen hatte zu plappern und ließ ihren Mund zuschnappen. Wie peinlich.

„Danke.“, sagte er nur.

Scarlett nickte nur, drehte sich auf dem Absatz um und flüchtete hinter die Theke, wo sie sich damit beschäftigte, Gläser zu spülen und sich in Gedanken beide Hände vors Gesicht schlug. Wie peinlich, so zu plappern. Sie hatte die Nerven verloren, was ihr mit ihren Gästen eigentlich nie passierte. Aber sein Blick war so tiefgehend, so zermürbend gewesen, dass sie sich für einen Moment vergessen hatte und ihren Mund nicht mehr hatte stoppen können. Zusätzlich hatte es sie irritiert, dass er es scheinbar hatte vermeiden wollen, ihr ins Gesicht zu sehen.

Von ihrem Platz hinter der Theke konnte sie sehen, dass er den Kaffee trank, während der Cupcake noch immer unberührt auf dem Teller lag.

Scarlett begab sich in die Küche und packte die restlichen Cupcakes in den Container, um sie später für die Frühschicht in den Kühlschrank zu stellen. Dann beschloss sie, sich noch einen eigenen Kaffee zu machen und weil sie gerade dabei war, machte sie noch einen zweiten für den Fremden. Sie hoffte, dass sie damit nicht schon wieder eine unsichtbare Grenze übertrat oder ihn verärgerte, aber es konnte ja nicht schaden ihm einen zweiten Kaffee anzubieten, oder?

Sie machte ihren Spezialkaffee daraus, mit einem Hauch Gewürz und einem großzügigen Schuss Whiskey darin.

Dann brachte sie die zwei dampfenden Tassen in den Schankraum. Sofort fiel ihr auf, dass der Fremde den Cupcake probiert hatte. Als ob er nicht gewollt hätte, dass Scarlett ihn dabei beobachtete. Ob er merkte, wenn sie ihn beobachtete? Das wäre unheimlich peinlich, aber das konnte er doch nicht wissen, oder? Er sah nie in ihre Richtung.

Sie straffte ihre Schultern etwas und holte tief Luft, dann stellte sie eine Tasse Kaffee auf ihrem Lerntisch ab und durchquerte den Raum zu dem Tisch des Fremden.

„Darf ich Ihnen noch einen Kaffee anbieten? Ein Spezialgebräu.“

Wieder sah er auf und durchbohrte sie mit diesem intensiven Blick, der ihren Magen Purzelbäume schlagen ließ.

„Was darf ich darunter verstehen?“

„Ich habe etwas Zimt und einen ordentlichen Schuss Whiskey hinzugegeben.“, sagte sie und grinste. „Ich trinke das gerne am Ende einer langen Schicht.“

„Und danach können Sie schlafen?“

Wow, eine Gegenfrage. Er hatte gerade eine persönlichere Frage gestellt. Innerlich ließ Scarlett ihre Eingeweide Samba tanzen, äußerlich zeigte sie nur ein Lächeln.

„Ich funktioniere nur auf Kaffee, inzwischen könnte man sogar sagen, dass in meinen Adern Kaffee fließt.“

Sein Mundwinkel hob sich. War das der Anflug eines Lächelns? Sie freute sich über die Fortschritte, die sie zu machen schien und lächelte zurück.

„Ich nehme gerne das Spezialgebräu.“, sagte er dann.

Breit grinsend stellte Scarlett die dampfende Tasse vor ihm ab.

„Ich nehme an, Sie sind ebenfalls ein Kaffeejunkie, Mr. …“

Gemessen an der Tatsache, dass er nicht viel redete war das war ein ziemlich kühner Schritt gewesen und unwillkürlich hielt Scarlett die Luft an.

„Snape.“, sagte er nach einer Sekunde Zögern. „Und ja, Kaffee hält mich am Leben, Miss…?“

Er klang nicht belustigt, als er das sagte. Eher, als wäre das eine Tasche, die unumstößlich und bedauerlicherweise wahr war. Sie fragte sich, ob er Schlafprobleme hatte und er deshalb so spät abends immer noch hier saß. Aber sie befand sich nicht in der Position, so etwas zu fragen und beantwortete stattdessen seine Frage, erfreut, dass es ihn überhaupt interessierte. Oder war er nur höflich?

„Bennett. Aber nennen sie mich gerne Scarlett. Jeder hier tut das.“

Eine kleine Pause trat ein, als er nicht antwortete.

„Was für ein Glück, dass es dieses Wunderzeug gibt.“, sagte Scarlett schließlich. „Ich wüsste nicht, wie ich die Tage ohne Kaffee überstehen sollte. Wenn Sie noch einen Cupcake oder etwas anderes wollen, fragen Sie ruhig.“

Dann drehte sie sich mit heftig klopfendem Herzen wieder um und ging zurück zu ihrem Lerntisch. Sie nahm einen tiefen Schluck aus ihrer Tasse, was ihre flatternden Nerven etwas beruhigte und vertiefte sich dann wieder in ihr Lehrbuch.

Ab und an meinte sie, seinen Blick auf sich zu spüren, aber immer, wenn sie aufsah, starrte er auf den Tisch oder in seine Kaffeetasse und sie begann sich zu fragen, ob sie sich das nur einbildete weil sie gerne wollte, dass er sie ansah. Immerhin war der Cupcake inzwischen ganz aufgegessen.

Sie lächelte vor sich hin und tippte sich mit dem Stift gegen die Schläfe, während sie versuchte, in ihrem Buch einen Sinn zu finden. Sie war schon immer eine Nachteule gewesen, daher mochte sie diesen Job auch so gerne und nachts fiel es ihr meist leichter, zu lernen oder zu lesen. Aber heute, mit ihm hier ganz allein, konnte sie sich nicht so recht konzentrieren, obwohl er kaum ein Geräusch von sich gab.

Schließlich schaffte sie es doch noch, sich ganz in ihrem Buch zu vertiefen und sogar einen Sinn in den Worten zu finden, sodass sie etwas perplex war, als sie plötzlich seine Stimme vernahm.

„Vielen Dank und gute Nacht.“

Als sie aufsah, sah sie ihn gerade noch durch die Tür verschwinden, hinaus in den strömenden Regen. Sie blinzelte und sah auf die Uhr. Es war zwei Uhr. Er war fast zwei Stunden hier gewesen und hatte die ganze Zeit nur eine Handvoll Sätze geredet. Immerhin hatte er überhaupt geredet und er hatte sich sogar verabschiedet.

Sie lächelte vor sich hin, als sie den Wischmopp holte, um den Eingangsbereich zu säubern, bevor sie endlich nach Hause gehen konnte. Aber dort war nichts mehr zu säubern. Dort, wo vor zwei Stunden noch schlammige Fußspuren gewesen waren, war nichts mehr, nicht mal mehr eine kleine Wasserpfütze.

Verwirrt sperrte Scarlett ab, räumte den Wischmopp wieder weg, räumte den Tisch ab und ging dann endlich nach Hause, die Gedanken immer noch bei dem mysteriösen Mann namens Snape.


Severus

Aus irgendeinem Grund fühlte er sich von der Bar wie magisch angezogen. Für einen kurzen Moment konnte er sich völlig normal fühlen. Ein Muggel, ohne Verpflichtungen oder irgendwelche Bürden, die er mit sich herumschleppte.

Und so stand er schon wenige Tage später erneut vor der Bar, die ihn mit ihrem hellen Licht und der Wärme zu empfangen schien.

Doch heute konnte er schon auf der Straße hören, dass die Bar voll sein musste und ganz kurz zögerte er, wieder kehrt zu machen. Andererseits war er jetzt schon mal hier und konnte wenigstens einen Drink nehmen.

Tatsächlich war es voll. Und laut. Nicht verwunderlich, war doch Freitagabend. Viele Menschen gingen am Wochenende aus bis spät in die Nacht und am heutigen Abend gehörte er ebenfalls dazu.

Seltsamerweise störte es ihn auch nicht so sehr, wie er eigentlich erwartet hatte. Es war zwar voll und schrecklich laut, aber er ging in der Masse unter und konnte sich fast wie einer von diesen Muggeln hier fühlen. Ein ganz normaler Mensch, der an einem Freitagabend etwas trinken ging.

Ein flüchtiger Blick durch den Raum sagte ihm, dass auch an diesem Abend die junge Rothaarige bediente.

Zufrieden stellte er fest, dass der Tisch in der kleinen Nische noch frei war. Er hasste es, Gewohnheiten zu ändern und obwohl er erst zwei Mal hier gewesen war, fühlte sich dieser Tisch bereits an wie sein Tisch. Es war der perfekte Platz, um alles zu überblicken, ohne selbst zu sehr im Blickfeld zu sitzen.

Er ließ sich also auf die weiche Sitzbank gleiten und beobachtete unauffällig, wie sich die junge Frau geschmeidig durch die volle Bar bewegte und obwohl sie jede Menge zu tun hatte und ständig von einem Tisch zum nächsten lief, schien sie nicht im Mindesten gestresst zu sein. Stattdessen hatte sie die ganze Zeit ein Lächeln auf den Lippen, scherzte mit den Gästen und lachte über die Witze, die die Männer rissen.

Sie schien ein Sonnenschein zu sein und jeder schien sie zu mögen. Ihm wurde schnell klar, dass die meisten Leute, die heute da waren, Stammkunden waren, denn die meisten wurden von ihr mit dem Vornamen angesprochen.

Als die Gäste am Nachbartisch die Bar verließen, kam sie mit einem Tablett in der Hand herbeigeeilt, um abzuräumen. Da fiel ihr Blick auf ihn und zu seiner Verwunderung erschien ein Lächeln in ihrem Gesicht. Er wusste nicht, warum er sich darüber wunderte, immerhin lächelte sie alle Gäste freundlich an, aber es schien ihm einfach unnatürlich und ungewohnt, dass jemand ihn so ansah. Normalerweise wurde er mit Misstrauen, Widerwillen oder sogar Abneigung oder zumindest Gleichgültigkeit angesehen. Der einzige Mensch, den er kannte, der lächelte, wenn er ihn erblickte, war Albus Dumbledore. Nun, das war nicht ganz fair. Auch Minerva konnte durchaus lächeln, wenn sie ihn sah, wenn sie ihn nicht gerade böse anfunkelte, weil er die Quidditch-Wette gewonnen hatte oder er wieder einmal versucht hatte, Harry Potter loszuwerden.

„Guten Abend.“, begrüßte sie ihn. „Ich hoffe, sie warten noch nicht so lange?“

Sie sah tatsächlich so aus, als ob der Gedanke, dass er schon länger auf eine Bestellung hätte warten müssen, ihr unangenehm war. Und so behauptete er, gerade erst gekommen zu sein, obwohl er bestimmt schon über 10 Minuten da war, während er sich fragte, warum es ihn interessierte, wie sie sich dabei fühlte. Sonst log er auch nicht, nur um keine Gefühle zu verletzen. Meistens merkte er nicht mal, wenn er Gefühle verletzte.

„So ein Glück, ich dachte schon ich hätte Sie übersehen. Obwohl Sie nicht gerade ein Mensch sind, denn man leicht übersieht.“ Sie lachte. „Wieder einen doppelten Whiskey?“

„Tatsächlich hätte ich gerne einen Kaffee, wenn es möglich wäre.“

„Oh, ja, natürlich.“, sagte Scarlett überrascht. „Schwarz oder mit Milch und Zucker?“

„Schwarz.“

Stirnrunzelnd beobachtete er, wie sie zurück zur Bar ging und durch eine Tür verschwand, hinter der vermutlich die Küche lag. Was bedeutete das, dass er nicht leicht zu übersehen war? Weil er groß war? Weil er dunkel gekleidet war? Weil er wie ein bunter (oder schwarzer) Hund immer und überall aus der Masse herausstach? Etwas, das er weder wollte noch forcierte, im Gegenteil versuchte er stets, sich im Hintergrund zu halten und lieber nicht aufzufallen. Ein Unterfangen, das ihm scheinbar nicht besonders gut gelang.

Oder bedeutete das er war ihr aufgefallen? War das etwas Gutes oder etwas Schlechtes?

Er seufzte leise und begnügte sich damit, die Menschen um sich herum zu beobachten. Das meiste waren Männer, die ein, zwei oder auch mehrere Feierabendbier tranken. Am heutigen Abend saß außer ihm keine einsame, traurige Gestalt hier und betrank sich alleine. Das war auch der Grund, warum er einen Kaffee bestellt hatte. Er wollte nicht die bemitleidenswerte Gestalt sein, die sich an einem Freitagabend allein in einer Bar betrank. Das fühlte sich zu sehr an wie etwas, das sein Vater getan hatte und wenn er eines niemals wollte, dann, zu werden wie sein Vater.

Sie brachte den duftenden Kaffee an seinen Tisch und stellte außerdem einen Teller mit einem großen Schokoladenkeks neben seiner Tasse ab.

„Das habe ich nicht bestellt.“, sagte er irritiert.

„Ich weiß. Das geht aufs Haus. Mit freundlichem Gruß vom Bäcker.“, sagte sie.

Er runzelte die Stirn. War das hier normal, dass man ständig etwas zu Essen vor die Nase gestellt bekam?

„Warum?“

„Warum nicht.“, gab sie frech zurück, lächelte aber dabei und begab sich zurück an die Bar.

Eine Weile starrte er den Keks nur an. Er sah gut aus und wie üblich hatte er auch an diesem Tag nicht ausreichend gegessen. Er konnte sich manchmal kaum dazu aufraffen, sich etwas Anständiges zu Essen zu machen und so hatte er nur Ei und Toast zu Abend gegessen und das war schon einige Stunden her.

Schließlich brach er ein Stück ab und probierte und musste feststellen, dass er wunderbar schmeckte. Nicht zu trocken, leicht klebrig, aber nicht so klebrig, dass alles an den Zähnen hängen blieb. Er schmeckte nach Nüssen und Schokolade. So einen guten Keks hatte er noch nicht mal in Hogwarts gegessen, obwohl die Elfen sich mit ihren Koch – und Backkünsten regelmäßig selbst übertrafen. Er schmeckte ein Gewürz aus dem Keks heraus, welches er nicht zuordnen konnte, das dem Keks aber den besonderen Pfiff verlieh.

Also aß er den Keks ganz auf und beobachtete unauffällig, wie die junge Frau sich durch die Bar bewegte.

Mehr als einmal griff ihr dabei jemand ungebührlich an den Hintern oder versuchte sogar, sie auf seinen Schoß zu ziehen, denn inzwischen waren die Männer stark betrunken und die Hemmschwelle gesunken. Jedes Mal schoss eine Welle der Irritation durch ihn, wenn er das beobachtete. Konnten sich diese Kerle denn nicht beherrschen? Das war widerlich.

Aber sie ging entspannt damit um, vermutlich war sie es gewohnt. Sie schlug freche Hände einfach weg, schimpfte oder hielt sich aus der Reichweite unerwünschter Hände fern.

Um Punkt zwei Uhr stand er auf und verließ die Bar, obwohl er heute nicht der letzte Gast war.

Aber etwas hielt ihn davon ab, direkt nach Hause zu gehen. Stattdessen ging er ein Stück die Straße hinunter, um dann wieder umzukehren und sich auf einer Bank ganz in der Nähe niederzulassen.

Er sah hinauf in die Sterne.

Nach und nach tröpfelten die restlichen Gäste aus der Bar und als er hörte, wie von innen ein Schlüssel umgedreht wurde, erhob er sich und ging über die Straße in den Park, wo er wie die letzten Male zwischen den Bäumen verschwand und nach Hause apparierte.


Die nächsten Tage beschäftigte er sich intensiv mit der Vorbereitung auf das kommende Schuljahr. Er apparierte in die Winkelgasse, wo er bei Flourish & Blotts einige dringend benötigte Bücher bestellte oder, wenn sie vorhanden waren, direkt kaufte und im Schreibwarenladen neues Pergament und Federkiele besorgte. Er füllte seinen Vorrat an Zaubertrankzutaten wieder auf und trank einen Absacker im Tropfenden Kessel. Allerdings blieb er dort nicht lange. Die Blicke der anderen Gäste schlugen ihm aufs Gemüt und er leerte seinen Drink hastig, apparierte wieder nach Hause und lies sich frustriert in seinen Lesesessel sinken.

Unweigerlich wanderten seine Gedanken zu der Bar mit dem seltsamen Namen, wo er sich nicht wie ein Aussätziger fühlte und dann dachte er an die junge Frau, die stets dort zu sein schien.

Er merkte, dass sie ständig in seine Richtung sah. Bei seinem letzten Besuch hatte er absichtlich darauf geachtet und gemerkt, dass sie ihn beobachtete. Aber wenn sie Angst vor ihm hatte, zeigte sie das nicht. Sie lächelte ihr freundliches Lächeln und verhielt sich ganz normal. Also versteckte sie ihre Angst entweder sehr gut oder es gab einen anderen Grund, dass sie ihn anstarrte. Sah er denn wirklich so seltsam aus?

Es ärgerte ihn, dass er überhaupt darüber nachdachte. Er fand ihr Verhalten seltsam und konnte es nicht einschätzen und das irritierte ihn. Er mochte es, wenn alles klar und deutlich war, er wusste gern woran er war.

Und dafür, dass sie nur ein einfaches Muggelmädchen war schlich sie sich erstaunlich oft in seine Gedanken und das verwirrte ihn.

Schließlich stand er entschlossen wieder auf und griff nach seinem Regenschirm. Es konnte nicht schaden, noch etwas Zeit in der Bar zu verbringen. Dort fühlte er sich willkommen und warm, die Atmosphäre hatte etwas Beruhigendes auf ihn und auf sein Buch konnte er sich im Moment sowieso nicht konzentrieren.

Er trat aus der Haustür hinaus in den prasselnden Regen und apparierte in den dunklen kleinen Park in der Nähe der Bar, in den er immer apparierte. Dummerweise hatte er nicht bedacht, dass der Regen zwangsweise den Boden aufweichen würde und so apparierte er direkt in eine fette Schlammpfütze zwischen zwei Bäumen.

„Verdammt.“, murmelte er, trat auf den festen Weg und schüttelte den Schlamm bestmöglich von seinen Füßen.

Er sah sich um. Es war niemand in der Gegend, zumindest konnte er niemanden erkennen, aber dennoch wollte er hier keinen Zauber wagen. Man wusste nie, ob man hier nicht doch beobachtet wurde.

Also stiefelte er aus dem Park hinaus über die Straße zu der Bar, deren Licht ihn wie üblich einzuladen schien. Fast hoffte er, dass die junge Rothaarige nicht da wäre, sodass er in Ruhe seine Gedanken schweifen lassen konnte.

Aber er erblickte sie, kaum dass er die Bar betreten hatte. Sie schien tatsächlich immer hier zu sein. Die Bar war völlig leer, als er eintrat und seinen nassen Schirm zusammenklappte. Dabei fiel sein Blick auf den Matsch, den er mit hereingebracht hatte. Es sollte ihm egal sein, aber er wollte ihr ungern zusätzliche Arbeit machen.

Als er aufsah begegnete er ihrem Blick und konnte fasziniert dabei zusehen, wie sich ihre Wangen rot färbten.

Sie saß wieder hinter dem Tisch neben dem Tresen, der voller Bücher und Zettel war und er fragte sich, an was sie so intensiv arbeitete.

„Verzeihen Sie den Matsch.“, sagte er.

„Das ist kein Problem.“, antwortete sie.

Für einen Moment zögerte er und überlegte, sie zu fragen, was es mit den Büchern auf ihrem Tisch auf sich hatte. Aber dann entschied er, dass es besser war, nicht zu viel über sie zu erfahren. Außerdem wollte er nicht den Eindruck erwecken, sich für sie zu interessieren.

Daher begab er sich schließlich zu seinem Tisch in der Nische, legte seine Jacke über den Stuhl und ließ sich in die Nische gleiten.

Wann habe ich angefangen, das als meinen Tisch zu bezeichnen?

„Was darf ich Ihnen bringen?“, fragte die junge Frau durch den Raum.  

„Kaffee. Schwarz.“, antwortete er, ohne nochmal in ihre Richtung zu blicken.

Wieder brachte sie ein Gebäck mit, als sie an seinen Tisch trat. Dieses Mal war es ein Cupcake, der, zugegebenermaßen, köstlich aussah und mit einer ordentlichen Menge an Buttercreme und einer einzelnen Marzipanrose verziert war. Es grenzte fast an Kunst und allein der Anblick des Cupcakes wärmte schon sein Herz.

Dennoch irritierte es ihn, ständig kostenlose Naschereien vor die Nase gestellt zu bekommen. Vielleicht fand sie er sah aus, als bräuchte er mehr zu essen?

Er sah auf, direkt in ihre blauen Augen und für einen Moment sah er sich selbst in ihren Gedanken. Er wusste, dass es einfach war, die Gedanken von Muggeln zu lesen, aber ihre schienen ihn förmlich anzuspringen und das überraschte selbst ihn. Er hatte es nicht beabsichtigt und was genau er sah, überraschte ihn noch viel mehr und schnell wandte er den Blick wieder ab.

„Warum das Gebäck?“, fragte er, etwas schroffer als beabsichtigt.

„Sie bezahlen immer viel zu viel für ihren Whiskey, ich dachte Sie hätten eine Sonderbehandlung verdient.“, sagte sie, immer noch breit lächelnd, was seine Verwirrung nur erhöhte.

„Ähm – also … ich backe gerne, wenn ich die Zeit habe. Und – meine Gäste sind gerne meine Versuchskaninchen. Meistens kommt es ganz gut an und ab und an werde ich sogar engagiert, für eine Geburtstagsparty oder so zu backen. Etwas Extrageld, wissen Sie, schadet nie. Nicht dass ich erwarte, dass sie dafür bezahlen, nein, auf keinen Fall. Tatsächlich wollte ich ihnen mitteilen, dass ihr Whiskey nur 8 Pfund kosten würde und der Kaffee sogar nur 2,80, daher – “

Sie brach mitten im Satz ab, klappte den Mund zu und starrte ihn verlegen an.

Beinahe hätte er belustigt aufgeschnaubt, weil sie mit einem Mal so beschämt aussah, stattdessen beobachtete er, wie sich ihre Röte noch vertiefte. Was für eine schöne Farbe auf ihrer blassen Haut.

Er wollte etwas sagen, was ihre Beschämung abmilderte, aber er wusste nicht, was er sagen konnte, also sagte er schlicht „Danke.“

Er beobachtete, wie sie mit schnellen Schritten hinter die Theke zurückging, als würde sie vor ihm flüchten. Sein knappes Danke hatte nicht wirklich dazu beigetragen, ihr ein gutes Gefühl zu geben, schimpfte er sich selbst.

Er betrachtete den Cupcake, während er den Kaffee trank. Er war eigentlich zu schön, um ihn zu essen, aber er fragte sich, ob er so gut schmecken würde, wie der Keks. Allerdings wollte er sich nicht von oben bis unten mit Buttercreme beschmieren. Er war sowieso kein Fan davon, in der Öffentlichkeit zu essen und er spürte immer wieder ihren Blick auf sich.

Als sie in der Küche verschwand nahm er den Löffel zur Hand, um etwas von der Buttercreme zu probieren. Sie schmeckte köstlich und für einen kleinen Moment schloss er genießerisch die Augen und kostete den süßen Geschmack auf seiner Zunge aus. Es war die perfekte Mischung aus süß und reichhaltig. Er schmeckte einen Hauch Karamell aus dem intensiven Vanillearoma heraus.

Er hörte sie aus der Küche kommen und den Raum durchqueren, bis sie wieder an seinem Tisch ankam. Der Duft nach frischem Kaffee begleitete sie.

„Darf ich Ihnen noch einen Kaffee anbieten? Ein Spezialgebräu.“

Wieder sah er hoch in ihre schönen, blauen Augen und wieder sprangen ihre Gedanken ihn förmlich an.

„Was darf ich darunter verstehen?“, fragte er.

„Ich habe etwas Zimt und einen ordentlichen Schuss Whiskey hinzugegeben.“, sagte sie und grinste frech. „Ich trinke das gerne am Ende einer langen Schicht.“

„Und danach können Sie schlafen?“, fragte er überrascht. Er hätte sie nicht als große Trinkerin eingeschätzt. Allerdings wusste er gar nicht, als wer oder was er sie einschätzte, denn eigentlich wusste er rein gar nichts von ihr, außer, dass sie hier arbeitete und ein hübsches Lächeln hatte.

Ein überraschter Ausdruck trat in ihr Gesicht und er konnte förmlich hören, wie sie sich über seine Frage freute.

„Ich funktioniere nur auf Kaffee, inzwischen könnte man sogar sagen, dass in meinen Adern Kaffee fließt.“

Damit konnte er sich gut identifizieren, ging es ihm doch ganz ähnlich. Manche Schultage konnte er nur mit entsprechender Menge an Kaffee durchstehen, wenn er wieder einmal eine fast schlaflose Nacht verbracht hatte und unwillkürlich spürte er das Bedürfnis zu lächeln.

„Ich nehme gerne das Spezialgebräu.“, sagte er dann und betrachtete noch immer fasziniert das breite Lächeln auf ihrem Gesicht. Wenn er selbst so lächeln würde, würde er vermutlich einen Gesichtskrampf bekommen, aber bei ihr sah das einfach aus. Als wäre es das Normalste der Welt. Was es für die meisten Menschen wohl auch war.

Breit grinsend stellte sie die dampfende Tasse vor ihm ab.

„Ich nehme an, Sie sind ebenfalls ein Kaffeejunkie, Mr. …?“

Er zögerte nur eine Sekunde. Seinen Namen zu nennen machte die ganze Sache hier viel realer.

„Snape.“, sagte er schließlich. „Und ja, Kaffee hält mich am Leben, Miss…?“

Ihr Gesicht leuchtete auf. „Bennett. Aber nennen sie mich gerne Scarlett. Jeder hier tut das.“

Er klopfte sich innerlich zufrieden auf die Schulter, hatte er ihren Namen doch richtig erraten. Nicht, dass das besonders schwer gewesen wäre. Aber er würde definitiv beim Nachnamen bleiben. Ihm gefiel das Verwischen seiner Grenzen überhaupt nicht und vor allem nachdem er einen Bruchteil ihrer Gedanken gesehen hatte, war es wichtig, die Distanz zu wahren.

„Was für ein Glück, dass es dieses Wunderzeug gibt.“, sagte sie. „Ich wüsste nicht, wie ich die Tage ohne Kaffee überstehen sollte. Wenn Sie noch einen Cupcake oder etwas anderes wollen, fragen Sie ruhig.“

Sie drehte sich um und ging wieder weg.

Severus war erleichtert, dass sie nicht weiter das Gespräch gesucht hatte, obwohl es ihm nicht so viel ausgemacht hatte, wie er erwartet hätte, sich kurz mit ihr zu unterhalten. Sie schien Witz und Verstand zu haben. Dass sie schlagfertig war und durchaus auch frech werden konnte, hatte er schon an dem Abend beobachten können, an dem viel losgewesen war.

Er beobachtete, wie sie mit geschlossenen Augen den Kaffeegeruch aus ihrer Tasse inhalierte, bevor sie einen tiefen Schluck nahm. Dann zog sie ein Buch zu sich heran, das verdächtig nach einem Lehrbuch aussah und vertiefte sich darin.

Severus nahm selbst einen Schluck von dem heißen Getränk und stellte überrascht fest, dass es außerordentlich gut schmeckte und ihn von innen heraus zu wärmen schien. Er hatte noch nie einen so guten und so starken Kaffee getrunken, was sicher nicht zuletzt auch an dem Whiskey darin lag.

Sein Blick wanderte wieder zu Scarlett, die gerade eine Stelle in ihrem Buch mit einem grünen Neonstift kennzeichnete.

Er wandte den Blick wieder ab und aß ein weiteres Stück von dem Cupcake, der perfekt zu dem Kaffee zu passen schien. Die Geschmäcker vermischten sich auf angenehme Weise miteinander.

Er bemerkte, dass sie ab und an in seine Richtung blickte und wunderte sich. Der Einblick in ihre Gedankenwelt vermittelte ihm den Eindruck, dass sie an ihm interessiert war. Es war keine Angst, die sie immer wieder in seine Richtung blicken ließ, sondern Anziehung. Was keinen Sinn ergab. Wieso sollte sie sich zu ihm hingezogen fühlen? Sie kannte ihn doch überhaupt nicht und er war nicht gerade der Typ Mann, der Frauen durch sein Äußeres um den Finger wickeln konnte. Auch nicht mit seinem Inneren, wenn er ehrlich war. Und doch schien sie Interesse zu haben.  

Da er ihr auf keinen Fall einen falschen Eindruck vermitteln wollte beschränkte er seinen eigenen Blick in ihre Richtung auf ein Minimum und ging sicher, ihrem Blick nicht zu begegnen, wann immer sie aufsah. Zu seinem Glück war er gut darin, unauffällig zu beobachten.

Er beobachtete, wie sie sich mit dem Neonstift gegen die Schläfe tippte und aussah, als hätte sie Probleme, sich auf ihr Buch zu konzentrieren. Ihre Stirn lag in Falten und sie hatte ihre kleine Nase gekräuselt, während sie nachdachte.

Ob sie müde war? Wie konnte sie so spät in der Nacht überhaupt noch versuchen, so einen dicken Wälzer zu lesen? Ob sie vielleicht eine Nachteule war? Das würde erklären, dass sie ständig die Nachtschicht arbeitete.

Als sein Zauberstab ihn auf die Uhrzeit aufmerksam machte warf er wieder einen Blick zu ihr. Sie hatte sich tief über das Buch gebeugt, den Kopf in einer Hand abgestützt und entweder war sie eingeschlafen, oder sie war sehr vertieft in ihr Buch.

Er stand leise auf, zog seine Jacke an, legte das Geld auf den Tisch und zog unauffällig seinen Zauberstab. Er ließ den getrockneten Matsch vor der Tür und von seinen Stiefeln verschwinden, denn er wollte nicht dass sie wegen ihm noch sauber machen musste, wo es doch schon so spät war.

Er ging zur Tür. Sie hatte noch immer nicht aufgesehen und er fragte sich, ob sie tatsächlich eingeschlafen war. Falls ja wollte er sie ungern so zurück lassen. Schlafend wäre sie eine leichte Beute.

„Vielen Dank und gute Nacht.“, sagte er deutlich vernehmbar und als er sie zusammenzucken sah, drehte er sich um und verschwand durch die Tür.

Erst draußen erlaubte er sich ein kleines Lächeln. Noch immer hatte er den Geschmack des Gebäcks auf der Zunge und innerlich fühlte er sich warm, zufrieden und leicht schläfrig.
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