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Die dunkle Seite des Winters

GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P16 / Het
Alaric Saltzman Bonnie Bennett Caroline Forbes Damon Salvatore OC (Own Character) Stefan Salvatore
07.07.2021
18.09.2021
38
94.492
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21.07.2021 3.099
 
Leaving on a jet plane – Coby Grant

Eine Woche später waren sie immer noch nicht viel schlauer. Der DNA-Test hatte einzig und allein bestätigt, dass es sich bei der Frau auf der Flucht um Sienna handelte. Aber einen Aufenthaltsort bekamen sie nicht. Weitere drei Tage später verbuchte Sheriff Forbes einen kleinen Erfolg. Sie rief das gesamte Team Findet Sienna in ihrem winzigen Büro zusammen, um ihnen die gute Nachricht zu verkünden.

«Wir haben den gestohlenen Porsche gefunden», sagte sie anstelle einer Begrüßung. Alle hingen an ihren Lippen. «Er steht in einem Parkhaus am Flughafen von Richmond. Die Schlüssel steckten und der Tank war leer.»

«Am Flughafen von Richmond?», wiederholte Alaric verblüfft. «Was will sie denn da?»

«Tja, das ist eine gute Frage», stimmte ihm Liz Forbes zu. «Aber wenn ihr mich fragt, dann hat sie längst das Land verlassen.»

«Wieso?», rief Bonnie.

«Wir gehen gerade mit den Leuten von der Flughafensicherheit deren Aufnahmen durch, aber das ist eine ganze Menge Material. Es wird eine Weile dauern, alles zu sichten.»

«Wollte sie wieder zurück? Nach Venedig?» Caroline setzte sich auf den Schreibtisch ihrer Mutter und betrachtete das Foto vor ihr. Darauf war der Porsche zu sehen, der in einem Parkhausdeck zwischen anderen Autos stand.

«Ohne Geld und ohne Pass kann sie nicht weit gekommen sein», überlegte Stefan.

«Es sei denn, sie ist ein Vampir und hat das Flughafenpersonal manipuliert.»

«Sie ist kein Vampir», fiel ihr Damon ins Wort. «Es hat nicht funktioniert. Außerdem hat sie keinen Tageslichtring. Das macht es fast unmöglich für sie, irgendwohin zu gehen.»

«Na ja, sämtliche Videos, auf denen sie zu sehen war, waren in der Nacht aufgenommen worden», wandte der Sheriff ein.

«Sie ist kein Vampir», beharrte Damon.

«Dann hat sie wieder Magie benutzt», sagte Bonnie.

«Wir können natürlich die Passagierlisten der letzten Wochen durchgehen, aber ich bezweifle, dass sie unter ihrem richtigen Namen gereist ist. Dafür ist sie zu clever. So leid es mir tut, aber ich fürchte, wir befinden uns in einer Sackgasse. Wenn wir Glück haben, finden wir noch einen Hinweis auf den Bändern, aber wie gesagt, das wird dauern.»

Woraufhin Damon beschlossen hatte, nach Venedig zu fliegen und sich in Siennas Zuhause umzusehen. Und jeder wollte mit, allen voran Caroline. Sie ließ sich nicht davon abbringen. Ihr war egal, dass es nicht der romantische Wochenendtrip werden würde, den sie sich vorgestellt hatte. Stattdessen würde sie mit Damon dort sein. Gut, es waren noch Bonnie und Stefan dabei, die dafür sorgen würden, dass sie sich nicht die ganze Zeit in die Haare kriegten. Trotzdem, sie hatte schon immer nach Venedig gewollt. Und sie wollte Siennas Zuhause kennenlernen. Dafür nahm sie alles in Kauf. Und wenn sie mit Damon in einem Bett schlafen musste, sie kam mit!

Nach zwei Tagen, in denen zwischen den Freunden die Fetzen geflogen waren, hatte man sich darauf geeinigt, dass Stefan und Damon mit Bonnie und Caroline unter der Aufsicht von Alaric reisten. Damon hatte unbedingt auf eigene Faust losziehen wollen. Stefan hatte sich geweigert, ihn alleine gehen zu lassen, weil er wohl befürchtete, dass sein Bruder halb Venedig im Meer versenkte oder aussaugte. Bonnie wollte mit, weil sie als Hexe womöglich mit Sienna in Verbindung treten konnte. Und Caroline war die Einzige, die italienisch sprach. Alaric hatte es als Studienreise getarnt, damit in der Schule niemand misstrauisch wurde. Angeblich wollten sie für den Fachbereich Geschichte die Stellung der Handelsstadt Venedig im Mittelalter erforschen. Caroline hoffte, dass sie deshalb jede Menge Sightseeing machen mussten, um den Schein zu wahren. Sie hatte jedenfalls nichts dagegen. Carolines Mom war noch eingeweiht, sonst keiner. Elena würde mit Matt und Jeremy die Stellung halten und sie sofort informieren, falls es etwas Neues gab. Sie war zwar traurig, dass sie nicht mit konnte, aber Stefan hatte ihr versprochen, noch einmal mit ihr nach Venedig zu fliegen - unter anderen Umständen und ohne lästige Begleiter.

«Schon mal erster Klasse geflogen?», fragte Damon und stellte seine schwarze Lederreisetasche zu den anderen Koffern und Taschen in die Eingangshalle. Bonnie und Caroline waren schon da, Stefan verabschiedete sich noch von Elena. Sie warteten auf Alaric, der sie alle zum Flughafen mitnehmen würde.

«Wen hast du denn dafür manipuliert?», gab Bonnie zurück. Insgeheim war sie begeistert, dass er ihnen das Upgrade besorgt hatte.

«Also bitte! Für wen hältst du mich? Vielfliegermeilen.» Er ging zur Haustür und öffnete sie, bevor Alaric klopfen konnte. «Rick! Bereit, den hübschen Italienerinnen zu zeigen, was wir so drauf haben?»

«Können wir los?»

Bonnie und Caroline drängten sich mit ihrem Gepäck an ihnen vorbei und verstauten es im Kofferraum des Pickup.

«Hey, ich sitze vorn!», rief ihnen Damon hinterher, bevor er seine Tasche holte. «Stefan, mach die Hose zu und komm endlich!», schrie er über seine Schulter. Stefan kam fünf Minuten später, und sie machten sich auf den Weg zum Flughafen.

Und jetzt saßen sie in der Maschine nach Venedig. Bonnie konnte es noch immer nicht glauben. Sie hätte nie gedacht, dass sie überhaupt jemals aus Mystic Falls raus kommen würde. Auch wenn klar war, was sie dort machen wollten, hoffte sie, zumindest ein paar Eindrücke von der Stadt zu bekommen. Und Sienna zu finden. Es war merkwürdig, ohne ihre Freundin in ihre Heimatstadt zu reisen.
Die Stewardess unterbrach ihre Gedanken und erkundigte sich zum zigsten Mal, ob sie noch Champagner oder etwas zu essen wollte. Damon hatte sie manipuliert, damit sie keine Fragen stellte, warum sie eine Kühltasche voller Blutkonserven mit an Bord brachten. Dabei hatte er beiläufig erwähnt, den Champagnernachschub immer aufrecht zu erhalten. Deshalb nervte sie jetzt alle zehn Minuten mit ihrem aufgesetzten Lächeln und ihrer übertriebenen Fürsorge. Bonnie schüttelte den Kopf und kuschelte sich tiefer in ihren Sitz. Sie war noch nie erster Klasse geflogen, aber sie konnte sich daran gewöhnen. Jeder von ihnen hatte einen großzügigen abgetrennten Bereich mit bequemen Sesseln, die sich zu Betten umfunktionieren ließen. Sie hatte ihren eigenen Fernseher mit Entertainmentsystem, eine Decke und was man sonst brauchte, um sich wohl zu fühlen. Sie blickte den Mittelgang nach vorne bis zu der runden Bar, deren kompletten Bestand Damon und Alaric auf dem zwölf Stunden Flug vermutlich vernichten würden. Sie saßen neben einander auf zwei Barhockern, leerten ein Glas nach dem anderen und flirteten mit der Stewardess hinter dem Tresen. Wenn sie so weiter machten, würde es bald einem der Passagiere auffallen und sie würden sich fragen, warum die beiden Erziehungsberechtigten ihres Schulausflugs derart nachlässig mit ihrer Aufsichtspflicht umgingen.

Bonnie sah nach links, wo Stefan lang ausgestreckt in seinem Sitz saß, Kopfhörer auf, und sich einen Film ansah. Caroline auf dem Platz hinter ihm las in einem Reiseführer für Venedig. Der Monitor an der Wand über ihr verkündete, dass ihr Flug noch sieben Stunden und dreiundzwanzig Minuten dauern würde. Bonnie griff in ihre Handtasche und holte Siennas Telefon heraus. Alarics Schnüfflerfreund hatte es irgendwie geschafft, den Code zu umgehen und das Telefon zu entsperren. Bisher hatte es sich Damon als Einziger angesehen und den Kontakt einer Freundin namens Lucia in Venedig herausgefunden. Diese Lucia wollten sie als Erstes ausfindig machen. Bis jetzt war sie ihre beste Option. Vor ihrer Abreise hatte Bonnie das Telefon aus seinem Zimmer geklaut. Hoffentlich konnte sie auf diesem Weg etwas mehr über Sienna erfahren. Oder etwas herausfinden, was sie bisher übersehen hatten. Zeit genug hatte sie. Und sie vermisste ihre Freundin. Auf diesem Weg konnte sie ihr wenigstens etwas näher sein.

Ein paar Minuten vergingen, bis sie sich mit der Bedienung des Telefons vertraut gemacht hatte. Dann musste sie die Sprache von italienisch auf englisch umstellen, um überhaupt etwas damit anfangen zu können. Als Erstes sah sie sich die gespeicherten Fotos an. Sienna musste das Telefon bei ihrer Ankunft in Amerika gekauft haben, denn es gab keine Bilder ihres früheren Lebens. Nichts aus Venedig. Keine Freunde, keine Familie. Es waren alles Fotos, die in Mystic Falls aufgenommen worden waren. Vielleicht hatte sie mit Absicht nichts von ihrer Vergangenheit gespeichert, damit sie ihre Spuren verwischen konnte, wenn es nötig gewesen wäre.
Die ersten Aufnahmen zeigten wahllos irgendwelche Gebäude. Bonnie erkannte das Rathaus, das Gründerarchiv und die Highschool. Danach kamen ein paar unvorteilhafte Aufnahmen von ihren Freunden und Klassenkameraden. Sie sahen alle aus wie die Polizeifotos ihrer Verbrecherakten. Als hatte Sienna dokumentieren wollen, wem sie begegnet war. Es passte zur Jägerin, die ihre Verdächtigen sammelte. Am Anfang waren sie für Sienna vermutlich genau das gewesen. Verdächtige. Sie hatte ja noch nicht gewusst, wer ein Vampir war und wer nicht.
Je weiter Bonnie blätterte, desto persönlicher wurden die Fotos. Irgendwann hatte Sienna aufgehört, nur ihre Gesichter festzuhalten, sondern die Erlebnisse mit ihren Freunden. Es gab ein Foto von Matt in seiner Football-Ausrüstung, wie er gerade verschwitzt vom Training kam. Caroline, wie sie auf der Party zum Semesteranfang fröhlich einen Becher mit Bowle in der Hand hielt. Stefan und Elena, die Hand in Hand mit verliebten Blicken über die Wiese zum Haupteingang liefen. Bonnie in der Mittagspause, während sie an einem Baum lehnte und in ihrem Grimoire las. Damon an der Bar im Grill. Jeremy in der Kifferecke der Schule. Ein Bild zeigte Sienna mit Alaric, beide in Sportkleidung und Boxhandschuhen und einem Sandsack zwischen ihnen. Wie Tochter und Vater strahlten sie abgekämpft in die Kamera. Das Nächste zeigte Sienna und Stefan in Laufklamotten beim Joggen. Sie musste das Bild im Laufen gemacht haben, denn es war verwackelt und unscharf. Beim Nächsten musste Bonnie grinsen. Damon in der Küche, einen Bratwender und eine Pfanne in den Händen, wie er einen Pfannkuchen in die Luft warf.
Dann kamen mehrere Aufnahmen eines historischen Textes, der in einer ausladenden Schreibschrift verfasst worden war. Bonnie konnte ihn nicht entziffern, aber für Sienna schien er wichtig gewesen zu sein. Die nächsten Fotos überraschten sie völlig. Sie waren genau einen Tag vor ihrem Tod entstanden. Bonnie traute ihren Augen nicht. Sie blinzelte ein paar Mal, aber sie hatte sich nicht getäuscht. Das waren tatsächlich Sienna und Damon in schlecht sitzenden, grellblauen Bowlinghemden. Siennas Knopfreihe spannte sich gefährlich über ihrer Brust, während Damon sein Hemd gar nicht erst zugeknöpft hatte, sondern es offen über einem schwarzen T-Shirt trug. Eigentlich müssten sie unmöglich aussehen in diesem Aufzug, sie taten es jedoch nicht. Im Gegenteil, sie sahen richtig süß aus. Wie ein ganz normales Paar, das sich mit seinen Freunden zum Bowling traf. Vielleicht lag es daran, dass Sienna so glücklich aussah. Sie war noch ein wenig blass im Gesicht, dafür strahlten ihre Augen umso mehr. Und auch Damon wirkte fröhlicher und ausgelassener.

Es gab noch mehr Fotos von dem Bowling Abend. Sie hatten ihn ganz offensichtlich mit Caroline und Matt verbracht. Es gab drei Bilder, auf denen sie ebenfalls Bowlinghemden trugen und in einer Sitzecke mit knallrotem Kunstleder saßen. Die nächsten Fotos musste jemand anderes gemacht haben, denn sie zeigten Sienna, wie sie gekonnt die Bowling Kugel warf und wie sie zusammen mit Damon in genau der gleichen Sitzecke saß wie Caroline und Matt. Auch wenn Bonnie es nur ungern zugab, die beiden waren ein hübsches Paar. Auf dem letzten Bild war Damon zu sehen, wie er mit stolz geschwellter Brust und einem verschmitzten Grinsen einen hässlichen silbernen Pokal hochhielt. Bonnie las die Plakette auf dem Pokal und musste lachen. Worst Bowler of the night. Wenn man sein Gesicht und seine Haltung anschaute, könnte man meinen, er hätte die Weltmeisterschaft gewonnen. Gut zu wissen, dachte Bonnie. Falls sie jemals etwas gegen ihn verwenden musste ... diese Fotos waren das reinste Gold. Bonnie spähte den Gang entlang zur Bar. Alaric und Damon saßen noch immer auf ihren Plätzen und hatten eine neue Flasche zwischen ihnen stehen. Ihre Haltung war nicht mehr so aufrecht wie zu Beginn des Fluges und die Stewardess hatte sich anderen Aufgaben zugewandt. Bonnie musterte Damon, der mit dem Rücken zu ihr saß. Sie hatte nicht gedacht, dass er so normal sein konnte. So fürsorglich und nett. Bei Sienna musste er wirklich ein anderer gewesen sein, wie sie immer behauptet hatte. Die Fotos bewiesen es. Und auch Stefan war der Ansicht gewesen, dass Sienna einen guten Einfluss auf seinen Bruder gehabt und ihn verändert hatte.

Die Fotos hatten sie ziemlich aufgewühlt, deshalb widmete sich Bonnie als nächstes den gespeicherten Nachrichten. Die meisten davon kannte sie, da sie zwischen Sienna und ihren Freunden gewesen waren. Ein paar waren an ihre Freundin Lucia auf italienisch, die Bonnie nicht lesen konnte. Sonst gab es nur ein paar - zugegeben ziemlich witzige - Nachrichtengefechte zwischen Sienna und Damon. Bonnie musste schmunzeln. Falls es ihr bis jetzt noch nicht klar war, dann ganz bestimmt nach diesen Zeilen. Sienna hatte nicht die geringste Angst vor ihm gehabt. Im Gegenteil, sie sagte ihm gehörig die Meinung und ließ sich nicht einschüchtern. Natürlich hatte es Damon überhaupt nicht interessiert, zumindest in schriftlicher Form, aber insgeheim musste es ihm gefallen haben. Vielleicht war das einer der Gründe, warum er sich in sie verliebt hatte. Ihr Temperament spiegelte sich auf jeden Fall in den Nachrichten wieder. Und Damon hatte ihr mehr durchgehen lassen als jedem anderen von ihnen. Zum Schluss entdeckte sie mehrere Hinweise des Mobilfunkanbieters, dass ihre Mailbox voll war. Die letzte Nachricht war zwei Tage nach ihrem Tod eingetroffen. Merkwürdig. Jemand musste auf ihre Mailbox gesprochen haben, obwohl sie längst tot war. Vielleicht ihre Freundin, weil sie sich nicht mehr gemeldet hatte? Das wäre zumindest logisch.

Bonnies Finger schwebte einen Moment über der Kurzwahltaste für die Mailbox. Bevor sie es verhindern konnte, hatte sie den Button gedrückt und die Computerstimme verkündete ihr, dass sie drei neue Nachrichten hatte. Die erste Nachricht stammte vom 1. Dezember um 02:38 Uhr. Es piepte und die Aufzeichnung wurde abgespielt. Bonnie konnte es nicht fassen, als sie eine ihr wohl bekannte Stimme hörte:

«Das ist es? Das ist deine Mailboxansage? Wirklich? Ich meine, nur ein einziges Mal noch will ich den Klang deiner Stimme hören und mehr kriege ich nicht? Perfekt ... Wie auch immer ... Ich bin in deinem Zimmer. Es ist sehr viel weniger schräg als es sich anhört. Ich wollte dir nur sagen, du ... du hast es mir ermöglicht, dass ich heute hier bin. Also danke. Und es tut mir leid. Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll. Oder sagen müsste, abgesehen davon, dass entgegen der meisten möglichen Szenarien ich dich liebe. Und vermisse.»

Bei den Worten richteten sich ihr die Nackenhaare auf. Damon hatte sie angerufen. Nach ihrem Tod. Nur um ihre Stimme zu hören. O Gott. Bestimmt hätte er nicht gewollt, dass sie davon erfuhr. Bonnie blickte mit einem unwohlen Gefühl nach vorne. Damon saß noch immer bei Alaric an der Bar und hatte ihr den Rücken zugedreht. Er wusste nicht, dass sie Siennas Handy genommen hatte. Genauso wenig wie er wusste, dass sie die Mailbox abgehört hatte. Warum fühlte es sich dennoch an, als hätte sie etwas sehr Intimes erfahren, das nicht für sie bestimmt gewesen war? Hastig verstaute sie das Telefon wieder in ihrer Tasche. Sie würde diese Worte nie mehr aus ihrem Kopf bekommen. Und egal, was Damon Schreckliches in der Zukunft tat, sie würde diese weiche Seite von ihm nie mehr vergessen.

«Also was ist los?», erkundigte sich Alaric, nachdem sie die dritte Flasche Bourbon angefangen hatten.

Damon zuckte mit den Schultern. «Was soll los sein? Ich trinke ein Glas mit meinem Kumpel.»

«Ein Glas? Wenn du so weiter machst, hast du noch vor der Landung den ganzen Bestand vernichtet.» Alaric deutete auf die Flasche zwischen ihnen.

«Soll ich mich lieber an der Stewardess bedienen?»

«Manipuliert hast du sie ja schon.»

«Der Höhenunterschied bringt meinen Stoffwechsel durcheinander. Der Hunger wird stärker, also muss ich mehr trinken, um ihn unter Kontrolle zu halten. Nur dass es bei mir eben kein Tomatensaft ist.»

«Bullshit!», erklärte Alaric. «Noch mal: Was ist los?»

«Hast du nicht auch das Gefühl, dass wir einem Hirngespinst nachjagen?»

«Seit ich in Mystic Falls bin, habe ich schon verrücktere Geschichten erlebt.»

«Alles, was wir haben, ist eine unbekannte Leiche und eine zusammengebastelte Theorie. Da, wo ich herkomme, sind Menschen für gewöhnlich tot und bleiben auch tot, es sei denn, sie werden verwandelt. In meinen ganzen hundertfünfzig Jahren habe ich noch nie gehört, dass jemand durch einen Zauber von den Toten auferstanden ist.»

«Was ist mit Jeremy? Bonnie hat ihn von den Toten zurückgeholt», wandte Alaric ein.

Damon verzog das Gesicht. «Mit der Hilfe von hundert toten Hexen. Und sie hat dafür bezahlt.»

«Wir haben keine Ahnung, wer Siennas Mutter war. Vielleicht hat Bonnie recht und sie war eine sehr mächtige Hexe. Aber das ist nicht das eigentliche Problem, oder?» Er sah Damon forschend an. «Du willst Sienna gar nicht finden», stellte er verwundert fest.

«Wieso bin ich der Einzige hier, der sieht, dass es so am besten für sie ist? Mal angenommen, wir finden sie und holen sie zurück. Sie hat noch immer das Gen und Katherine läuft noch immer frei herum und will sich rächen.» Damon kippte seinen Bourbon hinunter.

«Es war nicht deine Schuld.»

«Natürlich war es das!» Er knallte das Glas auf die Theke. «Ich hätte sie nie in die Geschichte reinziehen dürfen. Ich hätte ihr nie helfen sollen.»

Alaric hob eine Augenbraue. «Wir wissen doch beide, dass du nicht so selbstlos bist.»

Damon schnaubte nur ungehalten.

«Und jetzt bist du es auch nicht. Du triffst eine Entscheidung, die du nicht treffen solltest. Wenn Sienna noch am Leben ist, dann muss sie diese Wahl kriegen. Genau wie sie sich dazu entschieden hatte, dein Leben zu retten. Und du musst ihr die Wahrheit sagen, was du tun wolltest. Das bist du ihr schuldig. Sie sollte die ganze Geschichte hören, damit sie ihre Entscheidung treffen kann. Denkst du nicht?»

«Ich weiß, wie sie darüber denkt. Dafür brauche ich nicht um die halbe Welt zu reisen.»

«Gut. Dann weißt du ja auch, dass es ein Fehler war. Und du mit den Konsequenzen leben musst.»

«Was soll das, Rick? Du kannst dir deine Moralpredigt sparen. Wie wir alle wissen, hat es nicht funktioniert. Ich hätte nicht zögern dürfen.» Damon leerte das nächste Glas.

«Dein Zögern sagt mir, dass du zumindest ein Moment lang daran gedacht hast, was Sienna gewollt hätte.»

«Jaaa», sagte er gedehnt. «Und jetzt ist sie tot.»

Alaric zuckte mit den Schultern. «Das werden wir wohl bald herausfinden.»

«Ihr Herz hat nicht mehr geschlagen, Rick.» Damon drehte das Glas in seinen Händen. «Sie hat nicht mehr geatmet.»

«Ich weiß.» Alaric legte die Hand auf seine Schulter und drückte sie kurz. «Aber wie hast du sie immer genannt? Kriegerprinzessin? Und, verdammt, das war sie. Was bedeutet, sie ist noch irgendwo da draußen und kämpft.»

«Ja, na dann.» Damon hob sein Glas. «Trinken wir auf verrückte Frauen mit bescheuerten Ideen, für die wir sie noch mehr lieben.»

Alaric nickte zustimmend und hob ebenfalls sein Glas. Sie stießen an und tranken den Inhalt in einem Zug.
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