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Die dunkle Seite des Winters

GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P16 / Het
Alaric Saltzman Bonnie Bennett Caroline Forbes Damon Salvatore OC (Own Character) Stefan Salvatore
07.07.2021
29.10.2021
63
148.167
5
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27.07.2021 1.574
 
People are strange – Echo and the Bunnymen


Neue Bilder tauchten ungewollt vor meinem inneren Auge auf. Es waren Erinnerungen. Bruchstücke der letzten Wochen. Obwohl die Sonne schien und es angenehm warm war, lief mir ein eisiger Schauer über den Rücken. Ich erinnerte mich wieder, wie ich in diesem kalten Raum aufgewacht bin. Auf diesem kalten Metalltisch, der mir die gleiche Gänsehaut beschert hatte. Ich brauchte nur einen Augenblick, um zu erkennen, wo ich mich befand. Der Kühlraum eines Leichenschauhauses oder eines Bestatters. Ich stieß einen entsetzten Schrei aus. Aber ich war nicht tot. Mein Herz schlug doch wie verrückt in meiner Brust. Und ich atmete. Ganz eindeutig. Hier musste irgendetwas richtig schief gelaufen sein. Jemand hatte einen riesigen Fehler gemacht.

Oder man hatte mich gefunden ... Ich konnte nicht hierbleiben. Es war nicht sicher.

Also hatte ich die Flucht ergriffen. Obwohl sich mir der Magen umdrehte und ich mich am liebsten auf die kalten Fliesen übergeben hätte, nahm ich meinen Mut zusammen und tauschte meine Kleider mit denen der toten Frau aus dem Kühlfach. Sie passten nicht wirklich, aber das war mir egal. Und sie waren verdammt kalt. Wieder lief mir ein Schauer über den Rücken. Doch ich hatte keine Zeit für Panik. Ich musste weg, untertauchen. Viel Zeit würde ich vermutlich nicht gewinnen, bis man den Fehler merkte. Allerdings hatte ich auch keine Wahl.

Das Adrenalin pumpte durch meinen Körper und trieb mich an. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Aber es war nicht Italien. Es sah aus, wie eine amerikanische Kleinstadt. Dabei war ich noch nie außerhalb von Italien gewesen. Was ging hier vor sich? Wie lange war ich schon hier? Wie war ich hierher gekommen?

Die einzige Möglichkeit, die mir in den Sinn kam, war die Schlimmste von allen. Was, wenn Tomaso mich nach all den Jahren gefunden hatte? Ich hatte mir große Mühe gegeben, sämtliche Spuren zu verwischen. Ich hatte jeden Zauber angewandt, den ich kannte, damit ich zu einem Geist wurde. Aber Tomaso war schon immer gerissen gewesen. Wenn er es darauf angelegt hätte, dann hätte er mich gefunden. Ich hatte angenommen, er wäre mit unserer Tochter und ihrer Ausbildung abgelenkt gewesen, allerdings war sie inzwischen in einem Alter, in dem sie bestimmt Fragen stellte.

Barfuß rannte ich durch die nächtlichen Straßen. Es musste mitten in der Nacht sein, da die Gehsteige völlig verlassen waren und ich als Einzige durch die unbekannte Stadt irrte. Zu Fuß würde ich nicht weit kommen. Ich brauchte dringend ein Fahrzeug, am besten eines mit Navigation, die mir sagen konnte, wo ich war. Außer Atem bog ich um die nächste Häuserecke und fand mich am Rand eines großen Platzes wieder. Eine bepflanzte Grünfläche mit kahlen Bäumen lag direkt vor mir. Zu meiner Rechten erhob sich ein beleuchteter Uhrenturm in den Himmel. Ich hatte das Stadtzentrum erreicht.

Ohne die umliegenden Gebäude näher zu beachten, hielt ich direkt auf die parkenden Autos vor mir zu. Die Entscheidung fiel mir nicht schwer. Der Porsche war ganz sicher der neueste Wagen in der Reihe. Und der Schnellste. Zielsicher lief ich zu ihm. Als ich meine Hände auf die Seitenscheibe legte, fiel mein Blick auf mein eigenes Spiegelbild.

Ich erschrak.

Was in aller Welt –?

Eine junge Frau mit herzförmigen Gesicht, hohen Wangenknochen und vollen Lippen blickte mir entgegen. Ihr langes dunkles Haar war zerzaust und ihre Hautfarbe war unnatürlich blass. Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen, aber sie sah aus wie eine jüngere Version von mir selbst.

Sie könnte meine Tochter sein.

Und dann begriff ich.

Plötzlich wusste ich, was passiert war. Entsetzt schlug ich die Hand vor den Mund. Es war nicht Tomaso, der mich gefunden und entführt hatte. Nein, viel schlimmer. Ich starrte das Gesicht in der Seitenscheibe an.

Das war Sienna, meine Tochter. Meine erwachsene Tochter.

Etwas Schreckliches musste geschehen sein. Eisige Schauer rieselten mir über den Rücken, als ich mich an den Bindungszauber erinnerte, den ich bei ihrer Geburt gesprochen hatte. Und wenn ich hier war, dann bedeutete das, dass meine Tochter tot war. Großer Gott. Aber warum war ich noch hier? Und sie nicht? Meine Lebensenergie hätte auf sie übergehen müssen, doch stattdessen steckte jetzt mein Geist in ihr. Irgendetwas hatte mit dem Bindungszauber nicht funktioniert. Ich musste sofort zurück. Ich brauchte mein Grimoire. Damit ich korrigieren konnte, was schief gelaufen ist. Entschlossen presste ich meine Handflächen gegen die Scheibe, schloss die Augen und murmelte den Zauberspruch. Mit einem kurzen Aufblitzen der Scheinwerfer entriegelte sich der Wagen. Ich riss die Fahrertür auf und sprang hinter das Lenkrad. Es war schon eine Weile her, seit ich das letzte Mal ein Auto gefahren war, aber ich hoffte, dass es genau wie beim Fahrradfahren war. Während ich den Motor startete, verdrängte ich die Panik, die in mir hochstieg. Ich hatte meine Tochter mit dem Zauber schützen wollen, stattdessen hatte ich alles schlimmer gemacht.


Mein Verstand wehrte sich gegen die Bilder. Irgendwie schien mein Unterbewusstsein zu wissen, dass es nicht meine Erinnerungen waren. Sie gehörten jemanden anderem, der von mir Besitz ergriffen hatte. Zumindest eine Zeitlang. Und dieser Jemand war noch immer da, spukte in meinem Kopf herum und kam immer wieder an die Oberfläche. Noch gelang es mir, diesen Geist - oder was auch immer dieses Ding in meinem Kopf war -  zu verdrängen. Aber es war wohl eine Frage der Zeit, bis ich es nicht mehr schaffte. Inzwischen war es zu meinem täglichen Mantra geworden, dass ich mich beim Namen nannte und sämtliche Erinnerungen aufzählte, die mir noch einfielen. Angefangen von meinem Zuhause über meinen Vater bis zu meiner Freundin Lucia. Weil ich nicht vergessen durfte, wer ich war. Weil sich mit jedem Tag die Erinnerungen immer mehr vermischten und ich bald nicht mehr unterscheiden konnte, welche davon meine eigenen waren.


In dieser Nacht träumte ich. Von meinem Vater. Wir befanden uns in einer unterirdischen Höhle. Ich trug ein merkwürdiges, durchsichtiges Nachthemd und meine Handgelenke waren blutig. Aus irgendeinem Grund hatte ich Angst vor ihm und versuchte, zu fliehen. Mein Vater war nicht mehr der geduldige, rücksichtsvolle Lehrer, den ich kannte. In seinen Augen flackerte der Wahnsinn. Quälend langsam kroch ich über den kalten Erdboden. Zum Laufen war ich zu schwach. Ich hatte das Gefühl, mich kaum von der Stelle zu bewegen. Es dauerte nicht lange, da hatte er mich eingeholt. Er packte mich und stieß mich gegen die nächste Wand. Panik lähmte meinen ganzen Körper. Und Schmerz. Jeder Muskel und jeder Knochen tat weh. Und ich war so müde. Seine Hand umschloss meinen Hals. Mit verzerrten Gesicht begann er, zuzudrücken. Meine Luftröhre wurde unter seinen Fingern zerquetscht, mein Hals brannte wie Feuer, während ich vergeblich nach Luft schnappte. Meine Lungen flatterten hektisch, aber es kam kein Sauerstoff mehr in ihnen an. Ich kämpfte gegen seinen Griff an, konnte mich jedoch nicht befreien. Er war so viel stärker als ich. Dann verlor ich die Kontrolle über meinen Körper und meinen Verstand.

Mit einem Schrei schreckte ich aus dem Traum. Völlig außer Atem saß ich aufrecht im Bett und sah mich um. Wo war ich? Das war nicht mein Zimmer. Der Traum war so real gewesen... Meine Hand hob sich an meinen Hals. Fast erwartete ich, dort Würgemale zu spüren. Doch meine Haut war unversehrt. Jetzt, wo ich wach war, konnte ich auch wieder normal atmen. Langsam kehrte auch die Orientierung zurück. Das hier war mein Schlafzimmer in meinem Haus. Hier war ich sicher. Hier würde mich niemand finden. Schon gar nicht Tomaso. Ich schüttelte den Kopf. Wieso sollte mich mein Vater nicht finden? Und wieso träumte ich, dass er mich umbringen wollte? Das ergab alles keinen Sinn.

Ich warf die Decke zurück und stand auf. Um mich zu beruhigen und wieder einen klaren Kopf zu bekommen, ging ich in die Küche, um mir einen Tee zu machen. Meine Hand tastete nach dem Lichtschalter, als ich unbewusst vor mich hin murmelte. Auf dem Esstisch flammte die Kerze auf und verströmte warmes Licht. Entsetzt starrte ich sie an. Eine Kerze konnte sich doch nicht einfach von selbst entzünden. Das war unmöglich. Oder war ich das gewesen? Ich lief ins Wohnzimmer, blieb vor dem Couchtisch stehen und fixierte die Kerze, die darauf stand. Nichts geschah. Ich schloss die Augen, konzentrierte mich. Brenne, Kerze. Als ich meine Augen wieder öffnete, wich ich fassungslos einen Schritt zurück. Die Kerze auf dem Couchtisch brannte.

Das war Zauberei. Irgendetwas passierte mit mir. Ich war ein Mensch, ich hatte keine magischen Kräfte.  Aber ich hatte es längst aufgegeben, herauszufinden, was hier vor sich ging. Die ersten Tage hatte ich noch die Zimmer nach einem Hinweis auf die Bewohner durchsucht, aber es gab keine persönlichen Gegenstände wie Fotoalben, Tagebücher oder andere Erinnerungsstücke. Nicht einmal ein Handy. Das hatte ich mir in einem Internetcafé im Dorf bestellen müssen und es hatte Tage gebraucht, bis der Postbote endlich das Paket gebracht hatte. Da ich irgendeine übersinnliche Ursache für meinen Zustand vermutete, hatte ich auch in dieser Richtung Nachforschungen betrieben, aber ebenfalls kein Glück gehabt. Wer oder was auch immer von mir Besitz ergriffen hat, hatte sich verdammt große Mühe gegeben, ein Geist zu werden. Und allmählich war ich es leid, dagegen anzukämpfen. Das Leben hier war nicht schlecht. Einfach, aber friedlich. Mit jedem Tag verblassten die Erinnerungen an meinen Vater und Venedig, bis ich keinen Grund mehr sah, hier wegzugehen. Ich hatte meine Tiere und meinen Garten, die mich erfüllten. Niemand bedrohte oder verfolgte mich. Und ich konnte zaubern, was ganz und gar erstaunlich war. Mir gefiel es hier, weil ich in Sicherheit war.
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