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Die dunkle Seite des Winters

GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P16 / Het
Alaric Saltzman Bonnie Bennett Caroline Forbes Damon Salvatore OC (Own Character) Stefan Salvatore
07.07.2021
24.10.2021
60
146.527
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25.07.2021 3.167
 
When the music stops – Heather Nova


Zwei Stunden später lag Bonnie immer noch wach. Der Jetlag äußerte sich bei ihr scheinbar in Schlaflosigkeit. Sie blickte auf das Display ihres Telefons. In Mystic Falls säße sie gerade in Biologie. Kein Wunder, dass sie hellwach war. Sie schlug die Decke zurück und kletterte aus dem Bett. Würde sie sich eben nützlich machen. Sie hatte jetzt lange genug versucht, einzuschlafen. Es hatte keinen Sinn. Lautlos öffnete sie die Tür und glitt auf den Flur hinaus. Das ganze Stockwerk lag im Dunkeln, nur der Mond, der durch die Vorhänge drang, spendete blasses Licht. Bonnie schlich den Korridor entlang in Richtung Bibliothek. Der Teppich war so dick, dass er ihre Schritte verschluckte und sie unbemerkt in den rechten Flügel gelangte. Sie hatte die Bibliothek schon erreicht, als ihr auffiel, dass in Siennas Zimmer Licht brannte. Bonnie bekam eine Gänsehaut. Bestimmt gab es eine logische Erklärung. Das war nicht Siennas Geist, der sie heimsuchte. Sienna war noch am Leben. Wenn, dann müsste es der Geist ihrer Mutter sein. Und an den hätte sie ein paar brennende Fragen.

Es war kein Geist. Als sie den Kopf durch die halb geöffnete Tür steckte, entdeckte sie Damon, der mit dem Rücken zu ihr vor dem Schreibtisch stand, Rotweinflasche in der Hand, und die Fotos an der Wand betrachtete.

«Hey», machte sie sich bemerkbar.

«Bonnie.» Er hatte sie vermutlich schon gehört, sobald sie ihr Zimmer verlassen hatte.

Sie ging zu ihm und stellte sich neben ihn. Das Licht, das sie gesehen hatte, kam von der antiken Schreibtischlampe. Obwohl sie den ganzen Tisch ausleuchtete, waren die Fotos in den Schatten nur verschwommen zu erkennen.

«Kannst du auch nicht schlafen?», fragte sie. Er musste geduscht haben, denn ein herber Duft nach Sandelholz und Pfefferminz ging von ihm aus, und er hatte sich umgezogen, trug jetzt ein einfaches graues T-Shirt und eine dunkelblaue Jeans. Der Kragen des T-Shirts war feucht und seine Haare lockten sich im Nacken.

Damon nippte an der Flasche und deutete auf die Fotos. «Sie sieht glücklich aus.»

Ihr Blick glitt über die Fotos. «Das war sie bestimmt auch. Bis ihr Vater verschwunden ist.»

«Oder bis dieser Luca ihr Herz gebrochen hat.» Er öffnete die Schubladen, kramte wahllos darin herum.

«Wer ist Luca?», hakte Bonnie nach.

«Unwichtig.» Er machte eine nichtssagende Handbewegung und wandte sich ab.

«Wenn man sich die Fotos ansieht, könnte man meinen, dass ihr Vater sie wirklich geliebt hat. Und trotzdem hat er versucht, sie umzubringen. Seine eigene Tochter.»

«Er war ein Vampir. Wahrscheinlich hat er den Schalter umgelegt», meinte Damon knapp. «Ironie des Schicksals, dass sie ihn umgebracht hat.» Er ging zu der Kommode neben der Tür und zog die oberste Schublade auf. Bonnie fühlte sich nicht wohl dabei, dass sie Siennas Sachen durchsuchten. Auch wenn sie genau deshalb hier waren.

«Ah», machte Damon plötzlich. Bonnie eilte zu ihm. Nur um zu sehen, wie er ein schwarzes Spitzenhöschen aus der Schublade zog. «Italienische Mädchen verstehen wirklich was von Mode.» Er hielt den Hauch von nichts in die Höhe.

«Damon!», zischte Bonnie fassungslos und entriss ihm eilig den Slip. Ihre Wangen leuchteten.

«Was?» Er grinste. «Du glaubst nicht, was die Leute so in ihren Wäscheschubladen verstecken.» Sagte es und hatte schon das nächste Wäschestück in der Hand, einen weißen BH aus Seide mit Spitzenbordüre.

«Was dir nicht das Recht gibt, darin herumzuwühlen.» Bonnie brachte den BH an sich, warf ihn zurück in die Schublade und knallte sie zu. Damon zog hastig die Finger zurück, bevor sie sie einklemmen konnte. «Schade, dass sie die Teile nicht eingepackt hat. Ich hätte sie ihr gern ausgezogen.» Er nahm wieder einen Schluck aus der Flasche und widmete sich der nächsten Schublade. Zu Bonnies Glück befand sich darin etwas Unverfängliches, nämlich Socken.

«Sie war auf der Suche nach ihrem Vater, nicht nach einem erotischen Abenteuer. Also warum sollte sie Dessous einpacken?», erinnerte sie ihn. Dieses Gespräch rutschte in Gefilde ab, die sie nicht betreten wollte. Nicht mit ihm und nicht in ihrem aufgedrehten Zustand.

Damon zuckte mit den Schultern, bevor er die Schublade wieder schloss. «Na, so ganz unvorbereitet war sie nicht», bemerkte er und hob die Augenbrauen. Dank der Socken hatte er das Interesse an der Kommode verloren. Er spazierte zum Bett und ließ sich mitsamt der Weinflasche darauf fallen. Bonnie wusste nicht, ob es die späte Stunde oder der viele Rotwein war, warum er plötzlich so redselig war. Oder er brachte sie einfach gern aus der Fassung.

Sie drehte sich zu ihm, musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen. «Also hat sie wirklich mit dir geschlafen?» Am liebsten hätte sie sich auf die Zunge gebissen. Dann verfluchte sie ihre Neugier.

Damon nahm erst mal einen großen Schluck aus der Flasche. «Jetzt tu doch nicht so überrascht. Sienna ist scharf. Und nachdem ich ihr Blut nicht trinken konnte, haben wir uns eben auf das Zweitschönste im Leben eines Vampirs konzentriert. Außerdem war dieses viel zu enge Bowlinghemd verdammt sexy.» Er starrte an die Decke und schien in der Erinnerung an diesen Abend zu schwelgen.

Bonnie wusste, wovon er sprach. Sie hatte die Fotos auf Siennas Handy gesehen. Allerdings konnte sie ihm nicht davon erzählen, weil er nicht wusste, dass sie das Telefon genommen hatte. Auch wenn er es nie zugeben würde und lieber so tat, als wäre sie nichts als eine heiße Affäre gewesen, spürte sie, wie viel Sienna ihm bedeutet hatte. Ihre Beziehung war mehr als ein flüchtiger Urlaubsflirt gewesen. Egal, wie er es hinstellte. Sonst hätte er wohl kaum seine Gefühle abgeschaltet. Oder würde so verzweifelt nach ihr suchen.

Bonnie setzte sich im Schneidersitz neben ihn aufs Bett. «Du weißt doch, dass sie glücklich mit dir war, oder?», fragte sie sanft.

Damon drehte den Kopf zu ihr und blickte sie lange an. Seine Augen sahen im Licht der Schreibtischlampe traurig aus. Dann nickte er langsam. «Sie hat mir gesagt, dass sie mich liebt. Kurz bevor - der Pfahl sie getroffen hat.»

Bonnie keuchte überrascht. Das hatte sie nicht gewusst. Woher auch? Sienna hatte zwar kein Geheimnis daraus gemacht, dass sie Damon mochte und seltsamerweise auch gern mit ihm zusammen war, aber wie nahe sie sich gekommen waren und wie tief ihre Gefühle waren, hatte wohl niemand geahnt. Genau wie auf dem Markusplatz spürte sie wieder seinen Schmerz und seine Sehnsucht. Ihr fehlten die Worte. Stattdessen starrte sie auf ihre Hände, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen. So langsam verstand sie, warum er beschlossen hatte, seine Menschlichkeit abzuschalten.

«Und ich hab sie sterben lassen.» Damon setzte die Flasche erneut an.

Bonnie hob den Kopf. «Was hättest du denn tun wollen?» Es war alles so schnell gegangen. Von einem Moment zum nächsten war Sienna noch bei ihnen gewesen und dann tot. Diese Bilder würde sie nie vergessen. Und hier, wo ihre Freundin allgegenwärtig war, fiel es Bonnie noch schwerer, sie aus ihrem Kopf zu verbannen. Sie wollte sich an das temperamentvolle, mutige Mädchen erinnern, das hier gelebt hatte. Genau wie Damon, sonst wäre er nicht hier in ihrem Zimmer.

«Ich hätte sie verwandeln sollen. Dann würde wir jetzt nicht in dieser Scheiße stecken.»

«Sienna hätte dich gehasst –»

«Ganz bestimmt, aber sie wäre noch am Leben.» Er seufzte, trank die Flasche aus und stellte sie auf das Nachtkästchen.

«Kann ich dich was fragen?» So offen und ernst hatte sie ihn noch nie erlebt. Vielleicht war das der echte Damon, der Bruder, den Stefan so sehr vermisste, hinter der Fassade des Bösewichts. Auf jeden Fall wollte sie die Gelegenheit nicht verstreichen lassen, wenn sie kurz davor war, die Wahrheit zu erfahren.

Damon hob fragend eine Augenbraue.

«Aber flipp nicht gleich aus», schob sie vorweg. «Was ist passiert? Als du dich mit ihrem Geist verbunden hast? Hat Sienna etwas gesagt? Über mich? Ob sie wütend auf mich ist?» Diese Gedanken beschäftigten sie schon, seit sie erfahren hatte, was er getan hatte. Obwohl Sienna noch am Leben war, machte sie sich weiter Vorwürfe wegen Katherine. Sie wollte nicht, dass ihre Freundin gestorben war, ohne ihr zu verzeihen.

Damon legte die Stirn in Falten. «Warum sollte Sienna wütend auf dich sein?», wunderte er sich.

«Wegen Katherine. In der Höhle. Ich hab ständig das Gefühl, ich hätte mehr tun müssen.»

Er stöhnte genervt. «Schwachsinn, Bonnie. Das hatten wir doch alles schon. Du hast nichts falsch gemacht. Niemand gibt dir die Schuld. Also hör endlich auf, dir das einzureden. Wenn du jemanden zum aufmuntern brauchst, dann solltest du lieber zu Blondie gehen. Ich bin jedenfalls der Falsche.» Aber er war wenigstens ehrlich. Wenn sie eines mit Überzeugung von ihm sagen konnte, dann, dass er auch aussprach, was man nie hören wollte.

«Also hat Sienna nichts gesagt?», hakte sie nach. Sie stellte seine Geduld ganz schön auf die Probe.

«Nein.» Er machte Anstalten, sich aus dem Bett zu schwingen, ganz offensichtlich nicht gewillt, ihr Einzelheiten zu erzählen. Bonnie hielt ihn dennoch am Arm zurück. Sie forderte ihr Glück heraus, aber sie wussten beide, dass er ihr nichts tun konnte. Das war sicher auch ein Grund, warum er es so lange mit ihr ausgehalten hatte.

«Bitte, Damon», flehte sie. Er musste doch sehen, wie fertig sie die Schuldgefühle machten. Konnte er ihr nicht wenigstens ein klein wenig entgegenkommen?

Damon stieß die Luft aus, legte sich wieder zurück und packte den Plüschhund, der zwischen ihnen saß. Während er das Stofftier gegen seine Brust drückte, begann er: «Wir standen auf dem Markusplatz. Und haben geredet. Ich weiß nicht, warum sie sich ausgerechnet Venedig ausgesucht hat. Ich vermute, es hat damit zu tun, dass ich ihr irgendwann mal gesagt habe, alles wäre leichter, wenn sie keine Jägerin wäre und ich kein Vampir. Wenn sie eine Einheimische wäre und ich der Tourist, der sie nach dem Weg fragt. Außerdem habe ich bei dem völlig idiotischen Bowling Abend diese alberne Geschichte erzählt ... Vielleicht hat sie sich daran erinnert. Oder sie wollte einfach an einem vertrauten Ort sein.» Er wandte den Kopf ab und umklammerte den Plüschhund fester. «Sie hat sich bedankt, dass ich ihre Entscheidung respektiert habe.» Er gab ein bitteres Lachen von sich. «Sie sagte, es wären die schönsten Tage ihres Lebens gewesen. Sie hätte sich lebendig und frei gefühlt. Sie sagte, sie hätte mir gern ihre Stadt gezeigt. Sie wollte mit mir einen Cappuccino auf dem Markusplatz trinken, mit einer Gondel fahren und mir ihr Zuhause zeigen. Sie wollte sogar, dass ich mein europäisches Blut bekam.
Stattdessen musste ich ihr versprechen, eines Tages hierher zu kommen. Und Katherine zu töten. Ich hab sie in den Arm genommen, sie hat die Augen geschlossen und dann ist sie gestorben.»

Bonnie schluchzte leise. Bevor Damon es mitbekam, wischte sie sich eilig die Tränen aus dem Gesicht. Sie war so dumm gewesen. Da hatte sie doch tatsächlich angenommen, Sienna würde ihre letzten Minuten damit verbringen, einen Schuldigen zu suchen.

Dabei war ihr nur eines wichtig gewesen.

Damon.

Nicht er hatte ihr den Abschied erleichtert, sondern sie ihm. Wie schwer musste es für ihn sein, nun hier zu sein. Genau wie sie es sich gewünscht hatte.

«Wenn wir sie gefunden haben, dann wirst du genau das tun. Mit ihr zusammen.»

Sein Kopf fuhr herum. «Nein. Ich werde sie gehen lassen. So ist es das Beste.» Er schwang die Beine aus dem Bett.

«Was? Was meinst du mit du wirst sie gehen lassen?», rief Bonnie entsetzt. Sie bekam gerade noch das Ohr des Plüschhundes zu fassen, um ihn zurückzuhalten.

«Was zum Teufel?» Bonnie spürte, wie sich sämtliche Haare an ihrem Körper aufrichteten, als wären sie elektrisch geladen. Mit dem Stofftier stimmte etwas nicht. Damon schien es ebenfalls zu spüren, denn er zuckte kurz zusammen und ließ den Hund los.

«Bonnie? Warst du das?», fragte er.

Sie schüttelte den Kopf, berührte das Stofftier vorsichtig mit einem Finger. Sofort erfasste sie eine neue Woge Magie. Diesmal war sie darauf vorbereitet und konnte die Energie kanalisieren. Überrascht sah sie zu Damon auf, der mit verschränkten Armen am Schreibtisch lehnte und sie beobachtete. «Jemand hat ihn mit einem Schutzzauber belegt. Einem verdammt mächtigen. Wenn ich ihn anfasse, habe ich das Gefühl, in eine Steckdose zu fassen. Dieser Hund hat die Energie eines ganzen Kernkraftwerks. Das ist Wahnsinn. So etwas habe ich noch nie erlebt.»

Damon hob eine Augenbraue. «Ich spreche kein Hexisch. Was meinst du mit Schutzzauber?»

Bonnie wedelte mit dem Stofftier in der Luft herum. «Er soll seinen Besitzer beschützen. Vor dunklen Mächten und anderen übernatürlichen Gefahren. Wie ein Talisman. Nur viel stärker. Wer auch immer ihn Sienna geschenkt hat, war sehr mächtig.»

«Ihre Mutter?»

Sie zuckte mit den Schultern und untersuchte den Plüschhund eingehend. «Wäre möglich. Aber dann hätte uns Sienna angelogen, als sie gesagt hat, sie kennt ihre Mutter nicht.»

«Na, so zerfleddert wie das Ding aussieht, hat sie es schon ein paar Jahre. Könnte also ein Abschiedsgeschenk ihrer Mutter gewesen sein. Wir haben keine Ahnung, warum sie nach Siennas Geburt verschwunden ist. Vielleicht war sie auf der Flucht vor Siennas Vater und wollte ihre Tochter nicht schutzlos zurücklassen. Bisher waren wir immer der Annahme, dass ihre Mutter sie sitzen gelassen hat. Was, wenn wir uns geirrt haben?»

Damon hatte recht. Solange Sienna am Leben war, hatten sie nicht wissen können, dass ihre Mutter eine Hexe war. Erst der Bindungszauber nach ihrem Tod hatte die Wahrheit ans Licht gebracht. Siennas Vater hatte versucht, seine eigene Tochter umzubringen. Warum sollte er nicht auch das Gleiche bei seiner Frau getan haben? Und noch etwas anderes wurde Bonnie klar.

«Ich glaube, ich kann einen Lokalisierungszauber versuchen», murmelte sie. «Manchmal kann der Zauber zu seinem Ursprung zurückverfolgt werden. Wenn es wirklich Siennas Mutter war, die ihn gesprochen hat, dann kann ich sie vielleicht finden.»

«Worauf wartest du dann noch?», drängte Damon. Er zog den Schreibtischstuhl heran, drehte ihn um und setzte sich verkehrt herum darauf. Dann legte er die Arme auf die Lehne und sah sie erwartungsvoll an.

Bonnie schloss die Augen, versuchte, sich zu konzentrieren. Dieser Hund war ihr erster richtiger Hinweis. Eine kalte Faust packte ihr Herz und drückte zu. Jetzt hing alles an ihr. Wenn es ihr gelang, den Zauber zurückzuverfolgen, dann - Der Druck, der auf ihr lastete, war plötzlich übermächtig. Sie durfte nicht versagen. Nicht schon wieder. Sie war eine Hexe. Siennas Mutter war eine Hexe gewesen. Es musste funktionieren. Ihre Hand umklammerte den Hund fester. Sie öffnete ihren Geist für die Energie. Ein leises Rat-tat-tat machte ihre ganze Konzentration zunichte. Sie riss die Augen auf und schaute sich nach dem Geräusch um. Es waren Damons Finger, die auf die Lehne trommelten.

«Lass das! Du lenkst mich ab!», fuhr sie ihn wütend an.

Er hob die Hände und rollte mit den Augen.

Sie atmete tief ein und wieder aus, schloss die Augen. Öffnete ihren Geist. Spürte, wie die Energie von dem Stofftier auf sie überging. Erst dann begann sie, fremde Worte zu murmeln. Ihre Körper entspannte sich. Ihr Herzschlag beruhigte sich. Als sie die Augen wieder öffnete, war sie nicht länger in Siennas Zimmer. Sie befand sich in einem dunklen Raum. Die Fensterläden waren geschlossen. Es brannte kein Licht. Sobald sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatte, konnte sie die Umrisse von dunklen Möbeln erkennen. Ein breites Himmelbett mit zwei Nachtkästchen zu beiden Seiten. Ein schwerer Schrank und eine Kommode gegenüber. Ein Schminktisch in der Ecke. Sie war in einem fremden Schlafzimmer. Und unter dem Baldachin lag jemand in dem Bett. Bonnie machte einen Schritt in den Raum hinein. Sie kniff die Augen zusammen, um die Person besser erkennen zu können. Eine Frau. Sienna. Mit zwei weiteren schnellen Schritten hatte sie den Abstand zwischen ihnen verringert. Ja, es war eindeutig ihre Freundin. Eine schreckliche Sekunde lang dachte Bonnie, sie wäre tot. Doch dann bemerkte sie den kurzen Pyjama, wo Sienna nicht die Decke um sich gewickelt hatte. Und sie sah, dass sich ihre Brust regelmäßig hob und senkte. Sienna war nicht tot. Sie schlief tief und fest, wie jeder normale Mensch um diese Uhrzeit. Gott sei Dank. Bonnie fiel ein Stein vom Herzen. Sie hatte ihre Freundin tatsächlich gefunden. Und sie schien in Sicherheit zu sein.

Gerade als sie den Arm nach ihr ausstrecken wollte, packte sie jemand an der Schulter. Ein heftiger Sog erfasste sie und katapultierte sie zurück in die Gegenwart. Sie musste ein paar Mal blinzeln, bevor sie die Orientierung fand. Das Schlafzimmer und Sienna waren verschwunden, stattdessen stand Damon vor ihr und beugte sich mit besorgter Miene über sie. «Alles okay?»

«Warum hast du das gemacht?», schrie sie ihm ins Gesicht. «Fast hätte ich –»

Damon tippte sich nur wortlos an die Nase. Im selben Moment bemerkte sie das Blut, das aus ihrer Nase lief. Der Zauber hatte sie wohl mehr Kraft gekostet, als sie angenommen hatte. Wütend wischte sie sich das Blut aus dem Gesicht. Sie wusste, sie konnte Damon keinen Vorwurf machen. Er war besorgt um sie gewesen. Etwas, das sie nicht von ihm erwartet hatte und das zum völlig falschen Zeitpunkt kam. Dennoch war es besser gewesen, dass er sie zurückgeholt hatte, bevor der Zauber sie völlig verausgabt hätte.

«Danke», murmelte sie, nachdem ihre Wut verflogen war. Sie hielt noch immer den Plüschhund in der Hand, aber er schien sämtliche Energie vorerst verloren zu haben. Hoffentlich war das nicht ihr einziger Versuch gewesen. Bonnie warf einen panischen Blick zu Damon, der wieder verkehrt herum auf dem Stuhl saß. Selbst aus der Entfernung spürte sie seine Anspannung. Er trommelte wieder mit den Fingern auf der Lehne und ließ sie nicht aus den Augen.

«Ich hab sie gesehen», sagte sie schließlich.

Er richtete sich kerzengerade auf. «Und? Geht es ihr gut?»

«Ich denke schon. Sie lag in einem Bett und hat geschlafen. Ich konnte nichts Ungewöhnliches erkennen.»

«Und wo war sie? Hier in Venedig?»

«Keine Ahnung. Ich hab nur das Schlafzimmer gesehen.»

Damon sank in sich zusammen. «Also sind wir genauso schlau wie vorher», meinte er und fegte die Flasche vom Nachttisch. Mit einem Knall zersplitterte sie an der Wand und die Scherben regneten auf den Boden.

«Ich versuch es noch mal. Später. Ich brauch nur einen Moment, um mich zu erholen.» Bonnie sagte ihm besser nichts davon, dass das Stofftier ebenfalls seine gesamte Energie verbraucht hatte. «Glaub mir, ich will sie genauso sehr finden wie du», schob sie nach. Ihre Entschlossenheit schien ihn zu besänftigen, denn er erhob sich von dem Stuhl, legte sich zurück in die rechte Betthälfte und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

Den Hund weiter in den Armen, ließ sie sich zurückfallen, bis sie in gebührendem Abstand neben ihm lag.

«Dann warten wir eben, bis dein Akku wieder aufgeladen ist», sagte er enttäuscht.

Bonnie konnte ihn verstehen. Sie hatte sich ebenfalls mehr von dem Schutzzauber versprochen. Wenigstens wussten sie jetzt, dass Sienna wirklich am Leben war. Sie jagten keinem Geist hinterher. Es war ein kleiner Trost in Anbetracht der Tatsache, dass sie nun schon so lange auf der Suche nach ihr waren. Und Bonnie hatte keine Ahnung, was passieren würde, wenn sie Sienna fanden. Würde sie noch dieselbe sein? Obwohl sie aufgewühlt war, zwang sich Bonnie, die Augen zu schließen und sich zu entspannen. Beim nächsten Mal würde sie es tagsüber versuchen. Vielleicht konnte sie dann etwas mehr von der Umgebung erkennen.
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