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Die dunkle Seite des Winters

GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P16 / Het
Alaric Saltzman Bonnie Bennett Caroline Forbes Damon Salvatore OC (Own Character) Stefan Salvatore
07.07.2021
24.07.2021
11
26.164
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22.07.2021 4.060
 
Venice Canals – Passenger

Nachdem sie am Flughafen gelandet waren, brachte sie ein Wassertaxi mitsamt ihrem Gepäck zu einer Anlegestelle in der Nähe des Dogenpalastes. Caroline hatte dem Fahrer die Adresse des Conti-Palazzos genannt und er meinte, dass sie schneller dorthin kämen, wenn sie zu Fuß über den Markusplatz und an der Bibliothek vorbei gingen, als wenn er mit seinem Taxi außen herum durch die mit Gondeln überfüllten Kanäle fuhr. Da sich niemand von ihnen auskannte, mussten sie ihm wohl glauben. Die Überfahrt dauerte nicht lange. Caroline hätte ewig an der Reling stehen und auf die beeindruckende Kulisse vor ihr blicken können, obwohl das Wasser unruhig war und das Motorboot mächtig auf und ab schwankte. Hoffentlich war keiner von ihnen seekrank. Für eine Sekunde riss sie den Blick von den historischen Gebäuden los und sah zu ihren Freunden. Niemand war grün im Gesicht oder hing über der Reling. Sie standen alle über das Boot verteilt und ließen den ersten Anblick von Venedig auf sich wirken. Bonnie war genauso fasziniert wie sie, ihre Augen leuchteten und sie hatte ein verzücktes Grinsen im Gesicht. Alaric hatte sein Handy in der Hand und machte die ersten Fotos. Stefan und Damon standen nebeneinander mit dem Rücken zu ihr, einen Fuß auf der untersten Strebe und die Ellenbogen auf das Schiffsgeländer gestützt, und betrachteten das Panorama. Caroline zückte nun ebenfalls ihre Kamera und wandte sich wieder der Szenerie zu. Neben ihnen waren noch jede Menge anderer Boote auf dem Wasser unterwegs. Die Motorengeräusche kamen aus allen Richtungen. In der Ferne konnte sie drei Kreuzfahrtschiffe vor Anker liegen sehen. Und am Kai wimmelte es bereits von Menschen, die aus ihrer Entfernung wie Ameisen aussahen. Dennoch verliebte sich Caroline auf den ersten Blick in die schwimmende Stadt.

Viel zu früh mussten sie von Bord gehen. Alaric bezahlte den Fahrer, dann standen sie alle vor den Rundbögen des Dogenpalastes. Am Kai drängten sich jede Menge Touristen mit Kameras und Telefonen bewaffnet. Ein gutes Dutzend japanischer Touristen, die ihrer Reiseführerin hinterher trotteten wie junge Enten, zwängte sich um sie herum. Kaum waren sie vorbei, näherte sich von hinten bereits die nächste Gruppe. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als sich von der Menge mittreiben zu lassen. Sobald Caroline stehen blieb, um ein Foto zu machen, lief sofort jemand in sie hinein. Nach ein paar Minuten kannte sie das Wort "Entschuldigung" in zehn verschiedenen Sprachen. Je näher sie dem Stadtzentrum kamen, desto schlimmer wurde es.

Caroline deutete auf den quadratischen Backsteinturm, der vor ihnen in die Höhe ragte. «Da vorne ist der Markusturm. Da müssen wir lang.» Ihre Stimme überschlug sich fast, so aufgeregt war sie. Sie zerrte ihren Koffer schneller über das unebene Kopfsteinpflaster. Überquerte eine Brücke über einen Kanal voller Gondeln, bog nach rechts und dann stand sie plötzlich auf dem Markusplatz. Es herrschte ein heilloses Durcheinander aus Menschen und Tauben. Rechts von ihr befand sich der Dogenpalast, dem sich der Markusdom anschloss. Geradeaus blickte sie direkt auf den Uhrenturm und zu ihrer Linken eröffnete sich der große, gepflasterte Platz mit den Prokuratien und der Bibliothek. Ihr stockte der Atem bei dem Anblick. Es war einfach wunderschön. Sie hatte noch nie solche Bauwerke gesehen.

«Wow!», machte Bonnie neben ihr und schaute sich mit großen Augen um.

Alaric hatte sein Handy gezückt und schoss ein Foto nach dem anderen. Selbst Stefan, der in seinem langen Leben bestimmt schon vieles gesehen hatte, schien beeindruckt. Sie erwischte ihn dabei, wie er ebenfalls ein paar Fotos machte, wohl für Elena.

«Hast du es dir so vorgestellt, Caroline?», fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. «Nein, es ist viel schöner. Mal abgesehen von den Touristen.» Das laute Stimmengewirr aus verschiedenen Sprachen und die vielen Menschen waren auf Dauer etwas anstrengend. Vor allem, weil sie ständig angerempelt und umgestoßen wurde. Caroline überredete Alaric, ein Foto von ihr und Bonnie vor dem Dogenpalast zu machen und dann noch eines mit Stefan vor dem Markusdom. Und weil sie so gut gelaunt und wohl gesinnt war, wollte sie gerade Damon fragen, ob er für ein Foto mit ihr vor dem Uhrenturm bereit war, als ihr auffiel, dass er nicht mehr hinter ihnen war. Stattdessen drängte sich jetzt eine französische Touristengruppe an ihnen vorbei.

«Wo ist Damon?», meinte Bonnie plötzlich und sah sich suchend um.

«Er ist schon mal vorgegangen,» sagte Alaric, nachdem Caroline ein Bild von ihm vor dem Campanile gemacht hatte. Angeblich für den Geschichtsunterricht, aber sie hatte eher den Verdacht, dass er genauso fasziniert von der Stadt war wie sie alle und eine Erinnerung an seinen Besuch wollte. Er erzählte etwas davon, dass der Turm früher als Leuchtturm gedient hatte, allerdings hörte ihm niemand zu.

Sie kämpften sich am Markusdom vorbei, vor dem eine Menschenschlange darauf wartete, eingelassen zu werden. Caroline wollte unbedingt auch das Innere besichtigen. Aber wenn sie sich die lange Reihe an Touristen ansah, dann musste sie sich auf eine Wartezeit von mehreren Stunden einstellen. Das konnte sie ihren Freunden im Moment nicht zumuten. Damon würde sicher ausrasten. Und Stefans Miene verfinsterte sich mit jeder Minute, weil ihm die vielen Menschen wohl auf die Nerven gingen. Das hier war wirklich etwas ganz anderes als die ruhige Kleinstadtidylle, in der sie aufgewachsen war. Sobald sie Sienna gefunden hatten, würde sie ihre Freundin um eine private Sightseeingtour bitten.

"Ich hab noch nie so viele Tauben auf einem Fleck gesehen," hörte sie Bonnie irgendwo hinter sich sagen.

"Oder Menschen. In New York kann es nicht schlimmer sein," fügte Alaric hinzu.

"Da musst du Damon fragen. Er hat dort gelebt. Ich war schon immer mehr der Kleinstadttyp," meinte Stefan. "Und jetzt weiß ich auch warum."

In der Mitte des riesigen Platzes war es etwas ruhiger. Hier drängten sich nur die Tauben. Ein paar Touristen studierten ihre Stadtpläne oder fütterten die Vögel, die meisten sammelten sich jedoch vor dem Markusdom. Sie fanden Damon in der Nähe eines Straßencafés, dass sogar ein eigenes Streichquartett auf einer kleinen Bühne für seine Gäste aufbot. Die Bistrotische waren gut gefüllt und Kellner in schwarzer Uniform eilten zwischen ihnen mit ihren Tabletts hindurch.

Damon hatte seine Tasche abgestellt und stand ganz still in der Mitte des Platzes. Sein Blick wirkte abwesend, als würde er den Lärm und die Leute um sich herum gar nicht wahrnehmen. Er sah traurig und einsam aus.

Bonnie ging zu ihm.

«Hey,» machte sie sich bemerkbar. «Alles okay?»

Er blinzelte und schien erst jetzt in die Gegenwart zurückzukehren. «Ja, klar. Wo geht's lang?» Er nahm seine Tasche und marschierte zielstrebig in Richtung Bibliothek. Bonnie glaubte ihm kein Wort. Dieser Ort hatte etwas in ihm ausgelöst. Etwas, worüber er nicht reden konnte. Oder wollte. «Was ist los mit ihm?», fragte sie Stefan, der an ihr vorbei lief.

«Ich glaube, er war schon mal hier,» sagte er leise. Damon war ein gutes Stück voraus, aber sein Vampirgehör konnte sie dennoch verstehen, wenn er wollte.

«Was meinst du?»

«Mit Sienna. Kurz bevor sie -»

«Oh.» Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. «Aber woher wusste er -?» Bonnie sah sich um. Sie hatte angenommen, Damon wäre noch nie hier gewesen.

«Es war ihr Traum. Sie hat entschieden, wo sie sein wollte. Er hat sie nur begleitet. Und scheinbar wollte sie hier sein.» Stefan zuckte mit den Schultern. «Sie hat eine gute Wahl getroffen.»

Bonnie nickte. «Hat Damon mal erwähnt, was passiert ist? Was Sienna gesagt hat?»

«Nein, das ist eine Angelegenheit zwischen Sienna und ihm. Aber ich bin sicher, sie hatte keine Angst und keine Schmerzen.»

Wenn sich Bonnie umblickte und sah, wie die Sonne durch die Rundbögen schien und ihre Haut erwärmte, konnte sie sich das gut vorstellen.

«Wo bleibt ihr denn?», rief Caroline, die sie längst überholt hatte.

«Komm, sehen wir uns lieber Siennas Zuhause an.» Stefan legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie mit sich.



Der Palazzo Conti war nicht zu übersehen. Der Fahrer ihres Taxis hatte ihn auf dem Stadtplan markiert. Er war nicht weit vom Markusplatz entfernt. Alaric führte sie durch die engen Gassen, über Brücken und an Kanälen entlang, bis sie alle mit offenen Mündern vor einem riesigen dreistöckigen Palast standen. Im Erdgeschoss gab es ein breites Tor mit Anlegesteg und jeweils drei Rundbogenfenstern zu beiden Seiten, die mit Schmiedeeisengittern verziert waren. Im ersten und zweiten Stock befand sich ein breiter Balkon hinter vier schmalen Säulen und daneben wieder jeweils zwei Rundbogenfenster. Die Fassade war mit Stuckelementen und eingelassenen Keramikornamenten verziert. Der Palast war in keinem guten Zustand und müsste dringend restauriert werden, wie so viele andere Gebäude in der Stadt. Dennoch war er gerade wegen seiner vergänglichen Schönheit so beeindruckend.

«Ich werde nie wieder was über Tylers Zuhause sagen,» murmelte Bonnie, legte den Kopf in den Nacken und bestaunte den Palast. «Kein Wunder, dass sich Sienna bei euch so wohl gefühlt hat. Scheinbar ist sie diesen Luxus gewohnt.»

«Ich nehme mal an, dass niemand einen Schlüssel hat, oder?», fragte Damon und rüttelte probeweise an dem Tor.

«Bei ihren Sachen habe ich nichts gefunden. Wahrscheinlich hat sie ihrer Freundin den Schlüssel gegeben, damit sie nach dem Rechten sieht,» meinte Caroline.

«Na dann.» Damon zog einmal kräftig an, die Scharniere ächzten in ihrer Verankerung und das Schloss brach auf. Das Tor schwang nach hinten. Alaric ging voran und betrat das dunkle Treppenhaus. «Alles sauber,» rief er. Caroline und Bonnie folgten ihm. Stefan und Damon blieben auf der Schwelle stehen.

«Siennas Vater ist tot. Er war der letzte Besitzer,» überlegte Stefan.

«Es gibt nur eine Möglichkeit, das rauszufinden.» Damon schob vorsichtig seinen Stiefel über die Schwelle. Nichts geschah. Er machte einen Schritt und als er nicht zurückprallte, drehte er sich zu Stefan und winkte ihn zu sich.

«Alles klar bei euch?», erkundigte sich Alaric.

«Jetzt schon. Wir wussten nur nicht, ob wir rein können.»

Sie versammelten sich am Fuß der steilen Steintreppe, die ins obere Stockwerk führte. Eine weitere Treppe führte nach unten, aber selbst im schwachen Licht, das durch das offene Tor hereinschien, war zu erkennen, dass sie zum größten Teil unter Wasser stand. Das Mosaik zu ihren Füßen wirkte verwaschen und ausgebleicht, das dunkle Muster zwischen den hellen Steinen war kaum noch zu erkennen. Als ob das Wasser schon mehrfach bis zum Hauseingang angestiegen war. Der Verfall war hier im Treppenhaus noch deutlicher zu sehen. Viele der Stufen hatten sich abgesenkt oder waren gebrochen. Durch die Wände zogen sich tiefe Risse, als würde das ganze Gebäude langsam im Wasser versinken.

Diesmal übernahm Damon die Führung, stieg trotz der Dunkelheit behände die Stufen hinauf. Stefan war direkt hinter ihm, die anderen ohne Vampirnachtsicht gingen etwas vorsichtiger nach oben. Die Treppen sahen nicht sonderlich stabil aus, wie Caroline fand. Am oberen Ende erwartete sie ein langer Gang, der in beide Richtungen führte und von dem zahlreiche Türen zu beiden Seiten abgingen. Sie stellten ihre Taschen ab, bevor sie sich aufteilten. Damon und Alaric gingen nach links, Stefan und die Mädchen nach rechts. Der rote Teppich im Korridor musste dringend ausgebessert und von den Mottenlöchern befreit werden. Die Holzvertäfelung an den Wänden wirkte dumpf und konnte eine Politur vertragen. An den Wänden hingen Porträts italienischer Adeliger, die ihnen grimmig hinterherblickten. Stefan öffnete eine Tür nach der anderen. Bei den meisten handelte es sich um ehemalige Gästezimmer. Teilweise waren sie komplett leer, die Fensterläden geschlossen und der Boden verstaubt. Die wenigen Möbel waren mit weißen Tüchern verhangen. Auf jeder Seite gab es noch jeweils ein Badezimmer. Auch hier waren die kleinen Fliesen größtenteils gesprungen oder völlig kaputt, die Kupferleitungen an der Decke waren oxidiert und die Armaturen verrostet. Diesen Teil des Palastes hatte schon lange niemand mehr genutzt. Stattdessen hatte man ihn seinem Schicksal überlassen. Caroline vermutete, dass es einen ganzen Haufen Geld kostete, einen Palast dieser Größe instand zu halten. Siennas Vater hatte sich wohl auf das Nötigste beschränkt. Sie fanden keinerlei persönliche Gegenstände oder Hinweise auf Leben. Sienna und ihr Vater mussten im anderen Stockwerk gewohnt haben.

Nachdem sie ihre Inspektion beendet hatten, kehrten sie zum Treppenhaus zurück. Von Alaric und Damon fehlte jede Spur. Gleich darauf hörten sie Metall klirren, etwas fiel polternd zu Boden und jemand ächzte. Die Kampfgeräusche kamen aus dem Zimmer direkt vor ihnen. Stefan stellte sich schützend vor die beiden Mädchen und stieß mit dem Fuß die Tür auf. Dahinter kam ein riesiger, lichtdurchfluteter Ballsaal zum Vorschein. Caroline und Bonnie gaben gleichzeitig ein verzücktes Seufzen von sich, bevor sie an Stefan vorbei in den Saal stürmten. In letzter Sekunde wichen sie einem Holzpfeil aus, der direkt vor ihnen durch die ganze Länge des Raumes schoss und im Herz einer Strohpuppe zu ihrer Linken landete. Auf dem edlen Parkettboden lagen mehrere Turnmatten verstreut. Von der Stuckdecke hingen Seile, zwei Sandsäcke und drei weitere Strohpuppen. Am rechten Ende des Saales standen Alaric und Damon vor einem langen Regal voller Waffen.

«Das gibt's doch nicht,» entfuhr es Stefan. Er lief zu seinem Bruder und war sofort gefangen von der Waffensammlung. Soweit Caroline es erkennen konnte, gab es Schwerter, Degen, Armbrüste, Pfeil und Bogen, sogar einen Morgenstern und Krummsäbel. Sie hatte das Gefühl, plötzlich in der Waffenkammer einer mittelalterlichen Burg zu stehen. Das hier war kein Ballsaal, es war ein Trainingsraum für Vampirjäger. In einem anderen Regal entdeckte sie Holzpfähle in allen Größen und Varianten. Alaric war sichtlich beeindruckt. Seine Augen glänzten beim Anblick der Waffen und er grinste wie ein kleiner Junge im Spielzeugladen. Damon legte Pfeil und Bogen zurück und widmete sich den verschiedenen Dolchen. Caroline wusste nicht, ob sie entsetzt oder beeindruckt sein sollte. So wirklich hatte sie bisher nicht glauben wollen, dass Sienna eine Vampirjägerin war. Dieser Raum hier ließ keinen Zweifel mehr.

Stefan war zu einer der bodenlangen Türen an der Längsseite des Saales gegangen und öffnete sie, um auf den Balkon zu gelangen. Allerdings war der Boden der Terrasse mit Blumentöpfen und Kübeln vollgestellt. Und darin wuchs Eisenkraut. Stefan pfiff überrascht durch die Zähne. Alaric und Damon kamen zu ihm und bekamen große Augen.

«Verdammt!», rief Damon. Alaric schob ein «Scheiße» hinterher. «Das nenne ich mal einen beachtlichen Vorrat.»

Stefan schloss die Balkontüren wieder. «Zumindest wissen wir jetzt, dass wir im richtigen Haus sind. Habt ihr was gefunden? Auf unserer Seite waren alle Zimmer unbewohnt.»

«Auf unserer Seite auch. Ich hatte schon bezweifelt, dass überhaupt jemand hier wohnt. Bis wir den Saal gefunden haben.»

«Das ist ein Riesenkasten für zwei Personen. Sie können ja kaum alle Räume nutzen.»

«Sagt der, der in einer ehemaligen Pension lebt,» meinte Bonnie.

«Wir sollten uns mal im oberen Stockwerk umsehen.» Alaric machte auf dem Absatz kehrt.

Gemeinsam holten sie ihr Gepäck und stiegen die Treppen in das oberste Stockwerk hinauf. Hier waren die Stufen intakt oder durch neue ersetzt worden. Der rote Teppich war zentimeterdick, makellos und sauber. Die Holzvertäfelung glänzte im Sonnenlicht, das durch die offenen Türen bis in die hinterste Ecke schien. Alles wirkte hell und freundlich, das komplette Gegenteil zu dem Stockwerk unter ihnen. Mit neu gewonnener Hoffnung teilten sie sich wieder auf.

Staunend wanderte Caroline mit Bonnie und Stefan durch die Räume im rechten Flügel. Es gab eine gut gefüllte Bibliothek, ein Schlafzimmer, das wohl Siennas Vater gehört hatte, ein Arbeitszimmer, ein Badezimmer mit moderner Ausstattung und eine Art Abstellkammer. Am Ende des Ganges mit Blick auf den Kanal und einem kleinen Erker befand sich Siennas Zimmer. Es war ein typisches Mädchenzimmer, ähnlich dem von Caroline und Bonnie. Mitten im Raum stand ein breites Holzbett mit vier Pfosten. Die linke Wand wurde komplett von einem Kleiderschrank eingenommen. Auf der rechten Seite gab es einen Schreibtisch und einen schmalen Frisiertisch in der Ecke. Das Bett war ordentlich gemacht und die Schreibtischplatte aufgeräumt. Caroline setzte sich an den Bettrand und schaute sich um. Das war also Siennas Zimmer. Sie war sich nicht sicher, was sie erwartet hatte. Wie das Zimmer einer Vampirjägerin aussah. Und nach dem Trainingsraum voller Waffen einen Stock tiefer hatte sie wohl mit allem gerechnet, nur nicht mit einem ganz normalen Mädchenzimmer. Die Wände waren in einem hellen Gelb gestrichen, an den bodenlangen Fenstern hingen blütenweiße, zarte Gardinen und zwischen den Kissen auf dem Bett saß ein zotteliger Plüschhund. Bonnie stand vor dem Schreibtisch und betrachtete die Fotos, die an der Wand darüber mit einer Lichterkette befestigt waren. Mehrere Bilder zeigten Sienna mit ihrem Vater, ein paar andere Sienna mit einem dunkelhaarigen Mädchen mit Brille und kleiner Zahnlücke. Vermutlich war das ihre Freundin Lucia. Keiner von ihnen wagte es, etwas anzufassen oder in Unordnung zu bringen. Eigentlich waren sie ja genau deshalb hier. Um in Siennas Zimmer einen Hinweis auf ihre Mutter zu finden. Und jetzt trauten sie sich nicht. Es war merkwürdig. Als hätten sie Angst, dass Sienna jede Minute durch die Tür kam und sie beim Schnüffeln erwischte. Was sie sicher nicht tun würde.

Stefan kam aus der Tür neben dem Kleiderschrank, die in ein weiteres Bad führte. «Was gefunden?», erkundigte er sich.

Bonnie und Caroline schüttelten die Köpfe. Stefan schien ihnen ihre Verunsicherung anzumerken. «Lasst uns erst mal sehen, was Damon und Alaric gefunden haben. Wir können später noch mal zurückkommen.» Später, wenn es sich nicht mehr so falsch anfühlte, in Siennas Privatleben einzudringen.

Auf diesem Stockwerk befand sich das Wohnzimmer dort, wo im ersten Stock der Trainingsraum lag. Es war genauso groß und genauso aufgebaut wie der Ballsaal unter ihnen. Allerdings war es mit zwei großen Sofas, einem Couchtisch, zwei Kommoden und modernen Geräten wie einem Breitbildfernseher und einer Stereoanlage gefüllt. Überall lagen Bücher. Auf den Tischen, auf dem Boden, auf dem Kaminsims und auf den antiken Möbeln. Sie hatten sich noch gar nicht richtig umgesehen, als Alaric und Damon zu ihnen stießen.

«Wir haben die Küche und drei Gästezimmer mit Bad gefunden. Die sind in gutem Zustand und sehen ganz gemütlich aus. Wir müssen bloß die Betten überziehen, dann können wir uns häuslich einrichten. Die Küche ist voll ausgestattet, alles funktioniert und die Schränke sind gefüllt. Ein paar Tage kommen wir auf jeden Fall über die Runden,» berichtete Alaric.

«Wir haben Siennas Zimmer gefunden, aber wir konnten uns noch nicht genauer umsehen. Und es gibt eine Bibliothek, die sehr vielversprechend aussieht. Wenn wir die durchkämmen wollen, sind wir ein paar Tage beschäftigt,» sagte Stefan.

«Da kann ich vielleicht helfen,» wandte Bonnie ein.

Hinter den Rundbogenfenstern verschwand die Sonne hinter den Gebäuden auf der anderen Seite des Kanals. «Für heute sollten wir es gut sein lassen,» schlug Alaric beim Anblick der immer länger werdenden Schatten vor. Bald würde es dunkel werden und ihnen die Suche nur unnötig erschweren. «Packen wir unsere Sachen aus, essen eine Kleinigkeit und gehen früh schlafen, damit wir morgen fit sind. Ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber bei mir macht sich der Jetlag bemerkbar.» Oder der viele Alkohol, den er mit Damon im Flugzeug vernichtet hatte, dachte Bonnie. Aber er hatte recht. Für heute hatten sie genug erreicht. Sie waren in Venedig, sie hatten Siennas Zuhause gefunden.

Caroline gähnte unauffällig und stimmte Alaric zu. Während sie und Bonnie ein Gästezimmer belegten und Stefan und Damon ein weiteres, kümmerte sich Alaric, der das dritte Zimmer alleine bewohnen würde, um das Abendessen.

«Venedig ist wunderschön,» schwärmte Caroline, während sie ihre Kleider vom Koffer in den leeren Antikholzschrank räumte.

«Du hast doch noch gar nicht so viel davon gesehen,» wandte Bonnie ein. Sie brachte ihren Kulturbeutel in das kleine Bad.

«Sag bloß, dich lässt das alles kalt. Die Kanäle, die Gebäude, die Kultur ...»

«Natürlich nicht. Es hat einen morbiden Charme, aber ich finde die Vorstellung, dass unter uns nur Wasser und ein paar Holzpfähle sind, schon ein wenig merkwürdig.»

Caroline setzte sich auf ihre Seite des Bettes und schaute sich um. Die Wände waren in einem hellen Blau gestrichen, das sie an Damons Augen erinnerte, und die wenigen Möbel aus dunklem Walnussholz bildeten einen warmen Kontrast. An der Wand über dem Bett hing ein Aquarell vom Dogenpalast. «Ich hoffe, wir finden endlich einen Hinweis auf Siennas Mom. Bis jetzt hat sich Damon ganz schön zusammengerissen, aber ich glaube, wenn das hier eine Sackgasse ist, dann flippt er irgendwann aus.»

Bonnie tippte an ihr Ohr und bedeutete ihrer Freundin, leiser zu sprechen. Das Zimmer der Brüder lag gleich gegenüber von ihnen und wenn sie wollten, konnten sie jedes Wort hören. Sie setzte sich neben Caroline aufs Bett. «Ja, er ist nicht ganz so ekelhaft wie sonst. Stefan hat mir erzählt, dass Damon schon mal hier war. Mit Sienna zusammen in ihrer Vorstellung. Kurz bevor sie gestorben ist», flüsterte sie.

«Oh.» Caroline wurde blass. «Deshalb stand er ganz alleine auf dem Platz. Ich habe mich schon gefragt, was er da macht. Es muss merkwürdig sein, plötzlich hier zu sein. Ohne sie. Das kann ihn nicht kalt lassen.»

«Schon möglich. Ich habe trotzdem kein Mitleid mit ihm. Er hat einfach den Schalter umgelegt, so getan, als wäre nichts gewesen, und sein Leben weitergelebt. Statt mit uns zu trauern und sich von Sienna zu verabschieden, hat er es vorgezogen, sie komplett aus seiner Erinnerung zu streichen, fünf unschuldige Menschen umzubringen und sich voll laufen zu lassen. Das werde ich ihm nicht verzeihen. Und ich hoffe, Sienna auch nicht, wenn wir sie gefunden haben.»

«Ausgerechnet du sagst das. Ich dachte, du bist seine neue beste Freundin.»

Bonnie warf ihr einen verächtlichen Blick zu. «Ich bin nicht seine Freundin. Ich kann ihn nicht leiden. Ich will nur, dass er uns dabei hilft, Sienna zu finden. Weil wir ihn brauchen.»

Caroline grinste breit. «Wer's glaubt!» Bevor Bonnie sich auf sie stürzen oder einen ihrer Zaubersprüche wirken konnte, rannte sie aus dem Zimmer.

In der Küche fand sie Alaric an dem monströsen Gasherd stehend, auf dem zwei große Töpfe vor sich hin köchelten. «Caroline, du kannst schon mal den Tisch decken. Es gibt Nudeln mit Tomatensoße, was besseres habe ich nicht gefunden. Aber davon gab es reichlich.»

«Mach ich.» Caroline arbeitete sich durch die Oberschränke auf der Suche nach Tellern. Im letzten wurde sie fündig und holte fünf heraus, die sie zu dem breiten Esstisch aus Nussbaum brachte.

«Sieh mal, was ich gefunden habe.» Mit einer Flasche Rotwein in der Hand kam Damon in die Küche. Er stellte sie zu den Tellern auf den Tisch und beobachtete Caroline, wie sie das Besteck aus der Schublade holte.

Alaric warf einen Blick auf die Flasche. «Willst du mich umbringen? Ich hab noch nicht mal den Bourbon verdaut. Und jetzt kommst du mit Rotwein?»

«Irgendwie muss man ja Blondies ständiges Gequatsche überstehen.» Damon war zum Kühlschrank gegangen und stapelte die Blutkonserven aus seiner Tasche auf der freien Ablage. Einen Beutel behielt er in der Hand, riss ihn auf und nahm einen großen Schluck.

«Hey, du musst überhaupt nichts überstehen, weil ich nämlich nicht mit dir rede!», fauchte Caroline.

«Dafür mit den anderen aber umso mehr. Kannst du nicht mal fünf Minuten die Klappe halten?»

«Und dir einen Gefallen tun? Auf gar keinen Fall.»

Damon starrte sie an wie der Wolf das Kaninchen, kurz bevor er es verschlang. «Ich könnte dir die Zunge rausreißen.»

«Damon, lass sie in Ruhe.» Stefan war zu ihnen gestoßen und warf seinem Bruder einen warnenden Blick zu.

«Ich würde der Welt einen großen Gefallen tun, wenn ich sie von Blondies Geschwätz befreie.»

«Niemand reißt hier irgendwem die Zunge raus», sagte Stefan. «Wir brauchen sie noch. Caroline ist die einzige von uns, die italienisch spricht.»

«Na schön.» Damon schnappte sich die Weinflasche und spazierte aus der Küche.

«Idiot», murmelte Caroline.

«Das hab ich gehört!», rief Damon irgendwo aus den hinteren Räumen.

Zu viert aßen sie in der Küche die Pasta, während Damon es vorzog, mit der Rotweinflasche zu schmollen. Bonnie vermisste ihn jedenfalls nicht. Sie unterhielten sich über die Erlebnisse dieses Tages, ihre ersten Eindrücke von der Stadt und planten den morgigen Tag. Zusammen mit dem Sättigungsgefühl kam auch die Müdigkeit. Sie waren seit knapp zwanzig Stunden auf den Beinen. Auch wenn Caroline im Flugzeug ein paar Stunden geschlafen hatte, machten sich die Strapazen jetzt bemerkbar. Sie verabschiedete sich als erste. Die anderen folgten ihr kurz darauf. Als Bonnie ihr gemeinsames Zimmer betrat, lag Caroline bereits zusammengerollt in ihrer Hälfte des Doppelbettes und schlief tief und fest. Im Schein der Straßenbeleuchtung, die durch das große Fenster hereinschien, zog Bonnie ihren Pyjama an, verschwand kurz im Bad und kuschelte sich dann neben Caroline unter die Decke. Leise konnte sie das Wasser im Kanal hören, wie es sich an den Hauswänden brach. Irgendwo ein paar Straßen weiter ertönte Gelächter und direkt unter dem Fenster unterhielt sich jemand auf Italienisch. Bonnie lauschte auf die fremden Geräusche, die sie hoffentlich in den Schlaf wiegen würden.
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