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Der Antiheld

Kurzbeschreibung
OneshotDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Cato Clove
06.07.2021
06.07.2021
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5.357
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Der Antiheld


Die goldene Achtzehn, die aus der mehrstöckigen Sahnetorte ragte, schien ihn zu verhöhnen.
Sie wurde eigens für ihn kreiert, seine Mutter hatte sich die letzten Wochen lang darum bemüht, dass alles perfekt werden würde, wenn sie endlich die Volljährigkeit ihres Sohnes zelebrierten.
Doch Cato wusste, es ging dabei nicht um ihn.
Der Tanzsaal wurde fein hergerichtet, prunkvolle Geschenke stapelten auf einem eigens dafür bereitgestellten goldenen Serviertischchen, und wenn die Gäste mit dem sündhaft teuren Champagner anstießen, war es sein Name der dabei aus ihrem Mund kam.
Aber es ging nicht um ihn. Nicht an dem Tag seiner Geburt und auch sonst nicht.
Die Hälfte seiner Gäste kannte er nicht, oder kannte sie nur des Namens nach, weil sein Vater sie irgendwann während einer geschäftlichen Plauderei erwähnt hatte. Die andere Hälfte waren missgünstige Mitschüler von ihm, die von ihren Eltern gedrängt worden waren und sich nun an dem großen Catering bedienten, das seine Familie für diesen Anlass zur Verfügung stellte.
Sie waren nicht dort, um sich mit ihm zu freuen - wofür auch? Immerhin hatte er nichts anderes getan, als ein weiteres Jahr auf dieser verdammten Erde zu verweilen, ohne sich umbringen zu lassen.
Eigentlich ging es niemandem um den Tag seiner Geburt, nicht einmal seiner Mutter, die sich an diesen Moment mehr als lebhaft erinnern dürfte. Es ging um etwas anderes, etwas so geschäftliches, dass sein Vater diese Feierlichkeit beinahe als Geschäftsessen verbuchen konnte.
Er war nun achtzehn Jahre alt und damit automatisch bei seiner letzten Gelegenheit angelangt, in die Hungerspiele ziehen zu dürfen. Für einige andere war dieser Tag möglicherweise ein Grund zur Trauer, doch nicht nur Cato selbst wusste, dass sein Schicksal in dieser Hinsicht bereits vorbestimmt war.
Hinter vorgehaltener Hand besprach man Strategien für seine kommenden Einzeltrainings und seine Mutter hatte bereits den Stoff für seinen Anzug bei der örtlichen Schneiderin bestellt. Für den Anzug, den er tragen würde, wenn er bei der großen Ernte offiziell zum Tribut ausgerufen wurde.
Im zweiten Distrikt liefen die Dinge anders, abgeklärter, denn man konnte es sich nicht leisten auf die Freiwilligen zu vertrauen, die sich aus einer Laune heraus melden würden. Die Ehre des Distrikts stand über dem Gesetz, und schon seit Jahren wurden die künftigen Tribute speziell ausgebildet und abgerichtet, um ihren Job zur vollsten Zufriedenheit erledigen zu können.
Jeder wusste es.
Er stolzierte beinahe die große Wendeltreppe herunter, beobachtete erhobenen Hauptes die Gäste in seinem Haus, die ihn mit stechenden Blicken löcherten. Einige nickten ihm lächelnd zu, hoben eine Hand zur Begrüßung, und wandten sich dann wieder ihren Gesprächspartnern zu, mit denen sie leicht verdauliche Gespräche zu führen schienen.
Seine Mutter, in ein edles fliederfarbenes Cocktailkleid gehüllt, lief eilig auf ihn zu. „Da bist du ja endlich!“, rief sie beinahe wütend aus, und ließ ihre schmalen Finger über den seidenen Stoff seines Anzugs wandern.
„Es ist unhöflich zu spät zu seiner eigenen Feier zu erscheinen. Komm, begrüß deine Gäste!“, forderte sie ihn mit zusammen gezogenen Brauen auf. Nichts war ihr wichtiger als das Bild, das die Öffentlichkeit von ihrer Familie hatte. Sie trug den Familiennamen mit Stolz und war stets darauf bedacht sich angemessen ihres Ranges zu verhalten. Verspätungen gehörten nicht zur schicklichen Art.
Eigentlich wäre Cato nicht zu spät gewesen, er hatte seinen Anzug schon vor Stunden aus der Reinigung holen lassen, und auch das morgendliche Training war nicht länger gegangen als sonst. Er hätte es zeitlich schaffen können, hatte bis zu diesem Moment jedoch kein Interesse daran gehabt, sich den kritischen Blicken der feinen Gesellschaft auszusetzen.
Er mochte es nicht. Weder die oberflächlichen Gespräche noch den Gestank nach zu viel Geld, der diese Leute zu umgeben schien. Nicht, dass er selbst das Vermögen seiner Familie nicht zu schätzen wusste. Verdammt, er konnte sich nicht vorstellen jemals etwas anderes zu tragen, als die feinste Seide des Distrikts.
Er liebte das Geld, es war ein Teil von ihm, den er nicht bereit war jemals aufzugeben. Doch er hasste die gesellschaftlichen Pflichten, die mit diesem ungemeinen Reichtum einhergingen.
Er hatte zu viele Geschäftsessen seines Vaters miterlebt, bei denen er den gut erzogenen Vorzeigesohn hatte spielen müssen, dass ihm speiübel wurde bei der Vorstellung irgendwann selbst zu einem von ihnen zu werden. Cato wusste, wenn er die Spiele gewann, würde das alles keine Rolle mehr spielen.
Er hätte sein eigenes Anwesen im Dorf der Sieger und genug Geld um sich jeden Abend um den Verstand zu trinken. Vielleicht würde er eine Nebentätigkeit als Trainer annehmen oder als Mentor künftige Tribute ausbilden. Aber wirklich arbeiten, das wollte er nicht. Er hatte sich daran gewöhnt nichts für sein Geld tun zu müssen und er fand die Spiele zu gewinnen war eine angenehme Art diesen Lebensstil aufrecht zu erhalten.
Cato war sich seines guten Aussehens bewusst. Daher wunderten ihn die eindeutigen Blicke der weiblichen Gesellschaft nicht, die ihm immer wieder begegneten.
Im Trainingszentrum hatte er mit mehr Mädchen geschlafen als er zählen konnte, und sein Ruf schien ihm voraus zu eilen, immerhin bekam er drei offensichtliche Angebote innerhalb der ersten Stunde.
Doch heute war ihm nicht danach. Später vielleicht, entschied er, als die hübsche Blondine in dem goldenen Kleid rauschend an ihm vorbeizog.
Seine Mutter würde ihn umbringen, wenn er wegen eines Mädchens die Feier verlassen würde, da war er sich sicher.
„Da ist ja der Mann des Abends!“, begrüßte ihn Richard Kentwell, ein Geschäftspartner seines Vaters, der sich in der Immobilienbranche eine goldene Nase verdiente. Er schüttelte die mit goldenen Ringen bestückte Hand des wohl reichsten Mannes des Distrikts. Richard war kein unfreundlicher Mann, sein Vater konnte ihn bloß nicht leiden weil sein Anwesen eindrucksvoller war als sein eigenes, und ihn diese Tatsache in seinem Stolz verletzte. Vielleicht mochte Cato ihn aus diesem Grund ein wenig mehr.
„Darf ich dir meine wunderbare Tochter Clove vorstellen?“, fragte er, und zog an der zierlichen Hand des Mädchens, das bisher hinter seinem Rücken gestanden und sich mit weiteren Gästen unterhalten hatte.
„Es freut mich sehr deine Bekanntschaft zu machen“, sagte das Mädchen mit einem Kopfnicken.
Sie hatte dunkles Haar, das zu einem aufwendigen Zopf geflochten worden war, und auf ihrer feinen Nase tummelten sich Sommersprossen. Sie trug ein gelbes Cocktailkleid, das ihre Figur sanft umspielte, und obwohl ein höfliches Lächeln auf ihren Lippen lag, konnte er an ihren dunklen Augen erkennen, dass sie alles andere als erfreut war, ihn kennen zu lernen.
Sie war hübsch, das würde er nicht abstreiten, aber sie war anders als die Mädchen, mit denen Cato sonst verkehrte. Hinter ihrer hübschen Fassade wirkte sie beinahe bedrohlich.
Er schüttelte leicht perplex ihre Hand, vergaß zu antworten, und konnte beinahe die Stimme seiner Mutter hören, die ihn für diese Unhöflichkeit zurechtwies.
„Ich habe einige Dinge mit deinem Vater zu besprechen. Cato, würdest du meiner Tochter solange Gesellschaft leisten? Ich bin mir sicher ihr werdet euch blendend verstehen!“, sagte Richard nun und wandte sich bereits von ihnen ab, ehe er verneinen konnte. Und obwohl ihm nicht danach war den Babysitter für Richards Tochter zu spielen, wusste er, dass die Antwort auf diese Frage niemals Nein gelautet hätte.
Seine Antwort durfte niemals Nein lauten.
„Deine Familie ist im Immobiliengeschäft tätig, da bist du doch sicher an einer kleinen Tour durch das Haus interessiert?“, versuchte Cato es charmant, mit dem breiten Lächeln und einem Augenzwinkern, so wie er es immer tat. Der Umgang mit Frauen war für ihn noch nie ein Problem gewesen, und er war sich sicher, dass auch sie ihn nach einem Spaziergang durch die Hallen des Anwesens unwiderstehlich finden würde.
Er hatte noch keine Frau getroffen, die ihm nicht zu Füßen lag. Die Vorstellung, dass sie ihm am Ende des Abends zu Füßen liegen würde, ihn anbetteln würde-
„Ich schlafe nicht mit eingebildeten Idioten wie dir“, informierte sie ihn sachlich, mit einem stechenden Blick in den dunkelbraunen Augen. Beinahe hätte er sich an dem Champagner verschluckt, den er sich von dem Tablett eines vorbeilaufenden Kellners gegriffen hatte. Er lachte auf, erschrocken über ihren frechen Kommentar. Er hatte auch noch keine Frau getroffen, die ihm so ehrlich ins Gesicht sagte, dass sie nicht mit ihm schlafen würde. Und das auch noch bevor er es wirklich angeboten hatte. Alle wollten ihn!
„Ich habe nie gesagt, dass ich mit dir schlafen möchte!“, verteidigte er sich eingeschnappt.
„Ich kann Gedanken lesen“, erwiderte sie bloß, und kurz beschlich ihn die Angst, dass sie tatsächlich seine Gedanken hatte lesen können. Dann griff sie ebenfalls nach einem Glas mit der sündhaft teuren Flüssigkeit, und nahm grinsend einen Schluck.
Nein, sie hatte ihn bloß durchschaut. Er musste sie so angesehen haben, dass sie es an seinen Augen hatte ablesen können. Das musste es sein!
„Dann hatte ich also recht“, bemerkte sie selbstgefällig, angesichts des ertappten Ausdrucks auf seinem Gesicht. Und wieder wollte er sich verfluchen, hasste es, dass sie ihn lesen konnte wie ein verdammtes offenes Buch. Und dass er gleichzeitig nicht an ihrer kühlen Fassade vorbei blicken konnte. Sie verriet ihm absolut gar nichts über sich selbst.
„Ich denke ständig an Sex, es ist nichts besonderes“, wagte er den kläglichen Versuch sich zu retten. Er hasste es, wie sie das Gespräch dominierte, und er wünschte, er hätte nicht bereits eine Flasche Wein allein geleert, wünschte sich jede klare Faser seines Verstands zurück.
Sie lachte auf. Und es war kein schönes Lachen, es war messerscharf, und gezeichnet von Gehässigkeit.
Er wollte keine Sekunde mehr mit ihr verbringen, und doch war sie wohl das absolut spannendste Geschöpf, das ihm seit einer ganzen Weile über den Weg gelaufen war. Der Widerstand reizte ihn. Er liebte die Herausforderung.
Einige Gäste nickten ihr im Vorbeigehen zu und sie erwiderte die Geste höflich. Sie schüttelte lächelnd fremde Hände, und Cato fragte sich, ob niemand außer ihm das Böse in ihren dunklen Augen flackern sehen konnte. Bildete er es sich bloß ein? Vertrug er tatsächlich so wenig Alkohol? Er hatte sich eigentlich immer für besonders standhaft gehalten.
„Cato!“, rief seine Mutter, scheinbar noch immer erzürnt, und er fragte sich, ob er ihre feinen Züge jemals entspannt gesehen hatte. Sie war dauerhaft wütend, gereizt oder gestresst. Sie bekam bereits erste Stressfalten, doch er würde sich diese Bemerkung besser sparen. Er war schließlich nicht lebensmüde.
Erst als sie seine Gesellschaft entdeckte, schien sie sich merklich zu beruhigen. „Clove! Wie schön dich zu sehen, Liebes. Wie geht es deiner werten Mutter? Ich habe gehört, dass sie es heute nicht einrichten konnte vorbeizuschauen. Wie überaus schade!“, sagte sie, und Cato fragte sich ob er die einzige Person auf dieser Feier war, die Clove nicht zu kennen schien. Wann verdammt hatten sie sich alle kennen gelernt?
„Claudia, es freut mich sehr Sie wieder zu sehen! Meiner Mutter geht es gut, vielen Dank der Nachfrage, sie ist bloß derzeit geschäftlich so eingespannt, dass sie wohl keine ruhige Minute mehr hatte um Sie davon zu unterrichten“, erwiderte Clove mit einer so liebevollen, säuselnden Stimme, dass er beinahe aufgelacht hätte.
Sie nannte seine Mutter bei ihrem Vornamen! Und er wusste, nur wenigen Menschen wurde diese Ehre zuteil. Wenn er nicht ihr Sohn wäre, hätte er sie selbst siezen müssen, da war er sich sicher. Seine Mutter konnte die meisten Menschen nicht leiden, sie war stets höflich distanziert, aber obwohl ihre Worte sorgfältig gewählt waren, war er sich sicher, dass sie sich tatsächlich freute Clove zu sehen.
„Mutter, was kann ich für dich tun?“, fragte er, und konnte nicht verhindern abschätzig zu klingen. Er wusste, sie war nicht gekommen um nette Plaudereien zu führen. Sie wollte etwas von ihm. Und meistens gefielen ihm die Dinge nicht, die sie von ihm verlangte.
Ihr strafender Blick traf ihn. Er wusste, sie missbilligte den Ton, in dem er mit ihr sprach, würde jedoch nichts sagen, wenn sie nicht allein waren. Sie war so berechenbar.
„Mein lieber Sohn, ich wollte dich einigen Leuten vorstellen, die es nicht erwarten können deine Bekanntschaft zu machen. Wichtige Leute“, erklärte sie nachdrücklich. Sie log. Niemand wollte wirklich seine Bekanntschaft machen, sie wollten bloß den Sohn ihres Geschäftspartners in Augenschein nehmen, der seine Geschäfte in Zukunft fortführen würde. Er hatte seinen Eltern noch nicht erzählt, dass er nach den Spielen ausziehen und sein eigenes Leben beginnen würde. Er hätte genauso gut sofort seine Koffer packen und auf die Straße ziehen können.
In der gehobenen Gesellschaft war es Tradition im Elternhaus wohnen zu bleiben bis man alt und vergesslich wurde. Die meisten Häuser im Dorf der Sieger standen leer, waren nicht mehr als ein weiteres Statussymbol für die Sieger, die in ihren deutlich größeren Anwesen hausten.
Seine Mutter würde einen Nervenzusammenbruch erleiden, wenn sie erfuhr, dass er hinaus wollte. Raus aus dem goldenen Familienkäfig, dessen Tore ihn zu erdrücken drohten.
Er hatte eine Idee.
„Sehr gerne, Mutter. Leider habe ich Cloves Vater versprochen ihr Gesellschaft zu leisten und gerade eben hat sie mich um eine Führung durch unser wunderschönes Haus gebeten“, erklärte er lächelnd, in dem Wissen den Zorn beider Frauen auf sich gezogen zu haben. Doch seine Mutter war absolut berechenbar, und wenn Clove auch nur annähernd so viel Wert auf die gesellschaftliche Höflichkeit legte wie sie, würde sein Spiel funktionieren. Und das tat es.
„Sie haben wirklich einen ganz fantastischen Einrichtungsstil!“, bestärkte Clove neben ihm seine dreiste Lüge, jedoch nicht ohne dabei eine gewisse Kälte in ihre Stimme zu legen, die seiner Mutter gänzlich zu entgehen schien.
Seiner Mutter schien es nicht zu gefallen, doch genau wie er erwartet hatte, würde sie sich nicht widersetzen. Das schickte sich nicht.
„Na schön, dann wünsche ich euch beiden viel Freude! Cato, wir werden sicherlich noch einen geeigneten Zeitpunkt dafür finden“, erklärte seine Mutter, sichtlich angespannt, und ließ sie zurück.
„Du verfluchter-“
„-welche Räumlichkeit interessiert dich denn besonders?“, unterbrach er sie, und zog sie ungefragt an ihrem Handgelenk mit sich. Wenn seine Mutter sah, dass er sie nicht tatsächlich im Haus herum führte, würde sie noch auf falsche Gedanken kommen, und ihn mit sich schleifen.
„Mich interessiert nichts in deinem scheiß Haus!“, gab sie giftig von sich, und wollte sich von ihm losreißen. Doch er war stärker. Cato fasste sich gespielt betroffen an die Brust.
„Nicht? Ich dachte wir hätten so eine fantastische Einrichtung?“, wiederholte er ihre Worte. Und dann sah er es. Sah, dass sie ihm am liebsten den Hals umdrehen wollte. Ihre dunklen Augenbrauen waren zusammen gezogen und sie hatte ihre feine Nase gerümpft. Unter anderen Umständen hätte sie ihm vielleicht gefährlich werden können. Doch Cato fürchtete sich generell nicht vor kleinen Mädchen, wie sie eines war. Er war zukünftiger Tribut der diesjährigen Hungerspiele und sie war- ja, was war sie eigentlich?
Missmutig ließ sie sich von ihm in ein angrenzendes Zimmer ziehen. Als er die Tür hinter ihnen schließen wollte, bedachte sie ihn mit einem warnenden Blick.
„Gott, ich tu dir schon nichts an. Nicht an meinem Geburtstag, in meinem eigenen Haus“, murmelte er verständnislos, ließ die schwere Eichentür jedoch einen Spalt geöffnet.
„Als könntest du das“, hörte er sie erwidern, doch er hatte sich bereits dem kleinen Schränkchen hinter dem Schreibtisch seines Vaters gewidmet. Dort bewahrte er seinen Alkohol auf, und Cato hatte entschieden, dass er die Feier nüchtern nicht mehr ertragen würde.
„Und jetzt?“, vernahm er ihre gereizte Stimme, während er sich durch die geöffneten Flaschen arbeitete, auf der Suche nach dem selbstgebrannten Schnaps seines Vaters, der ihm einmal alle Sinne geraubt hatte.
„Wir trinken!“, verkündete er feierlich, und hielt die dunkelbraune Glasflasche in die Höhe, die er gerade gefunden hatte. Er war neugierig und hoffte ihr betrunken das ein oder andere Geheimnis entlocken zu können. Sie hatte ihn bloßgestellt, nun war er an der Reihe, und er war sich sicher, dass sie ihn nicht unter den Tisch trinken würde. Nicht bei ihrer zierlichen Figur und dem angewiderten Ausdruck auf ihrem Gesicht, nachdem sie einen Schluck des besten Champagners genommen hatte, den seine Mutter hatte auftreiben können. Sie sah nicht aus wie jemand, der regelmäßig trank.
„Ich trinke nicht mit dir“, protestierte sie lautstark, als er begann ihre Gläser zu füllen. Er strich sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht, die sich aus seiner perfekt gegelten Frisur gelöst hatte, und betrachtete sie eingehend. Er konnte nicht sicher sein, aber er glaubte, sie zu haben.
„Nicht? Dann schlage ich vor du kehrst zur Feier zurück und unterhältst dich mit einem vierzigjährigen Glatzkopf über das Immobiliengeschäft“, meinte er schulterzuckend. Und er hatte sie. Er hatte es geahnt, so wie sie die Menschen betrachtet hatte. Er hatte geahnt, dass sie lieber mit ihm einen Schnaps trinken wollte, als sich mit den Gestalten dort draußen über die Geschäfte ihrer Familie zu unterhalten.
„Weiß dein Vater, dass du hinter seinem Rücken seinen Alkoholvorrat plünderst?“, fragte sie während sie sich auf den dunklen Ledersessel ihm gegenüber fallen ließ. Sie ließ ihn nicht aus den Augen, ihre scharfen Blicke bohrten sich so in seinen Körper, dass es beinahe schmerzte.
„Spielt das eine Rolle?“, gab er lässig zurück, und reichte ihr schließlich das Kristallglas. Zögernd nahm sie es und nippte daran. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht war unbezahlbar, und Cato war sicher, dass sie größte Mühe hatte ein Husten zu unterdrücken. Er selbst hatte sich beim ersten Mal die Lunge wund gehustet.
„Also Clove, wie kommt es, dass ich dir noch nie zuvor begegnet bin?“, platzte er mit der Frage heraus, die ihn beschäftigte seit er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Jeder schien sie zu kennen, selbst seine eigene Mutter, und er konnte sich nicht erklären wie sie aneinander vorbei gelebt haben sollten.
„Vielleicht bist du das ja“, gab sie zurück. Nein, das konnte nicht sein.
„Daran könnte ich mich erinnern“, meinte er und war froh, dass sie diese Offenbarung vorerst unkommentiert ließ. Er konnte seine verdammte Zunge nicht im Zaum halten, wenn sie ihn so ansah.
„Spielen wir ein Spiel“, sagte sie plötzlich, und nippte noch einmal an ihrem Drink, diesmal ohne eine Miene zu verziehen. Cato fragte sich, wie er jemals denken konnte, sie könne seiner Mutter ähneln. Sie war nicht berechenbar, sie war der Teufel höchstpersönlich, und noch nie hatte er sich von einem Mädchen so gereizt gefühlt.
Er hatte sich schon von Mädchen angezogen gefühlt, normalerweise lag dies jedoch an ihrem üppigen Vorbau, oder den lasziven Worten, mit denen sie ihn zu verführen versuchten. Es war immer ein leichtes Spiel gewesen, er hatte sich nicht einmal anstrengen müssen, sich selten überhaupt mit ihnen unterhalten.
Danach waren sie alle verschwunden, beinahe dankbar dass er seine kostbare Zeit mit ihnen verbracht hatte, und nicht eine einzige von ihnen hatte er wiedersehen wollen.
„Sprich weiter“, meinte er interessiert, und leerte sein Glas in einem Zug. Dieser Abend würde noch interessanter werden als er zuerst gedacht hatte.
Sie lehnte sich vor, sodass er einen Blick in ihren verführerischen Ausschnitt werfen konnte, doch ihre Augen waren das eigentlich fesselnde an ihrer Gestalt.
„Wer mich hat, der will mich teilen. Wer mich aber teilt, der hat mich nicht mehr. Was bin ich?“, sagte sie plötzlich und obwohl Cato eigentlich eher an ein verruchtes Trinkspiel gedacht hatte, ließ er sich darauf ein.
Ihm kamen viele mögliche Antworten in den Sinn, doch keine schien wirklich passend zu sein. Keine schien diejenige zu sein, die sie hören wollte. Aufmerksamkeit, eine eigene Meinung,.. nein.
„Du bist ein Geheimnis!“, entkam es ihm und er musste schmunzeln, weil es so absolut treffend war.
Sie schien nicht überrascht zu sein, dass er ihr kleines Rätsel gelöst hatte. Sie schien sogar fest damit gerechnet zu haben.
„Wenn du mir deins verrätst, verrate ich dir meins“, verkündete sie mit einem abgeklärten Lächeln auf den Lippen. Er hatte ihr Rätsel gelöst, aber sie spielte noch immer mit ihm.
Nachdem sie ihr Glas geleert hatte, goss er ihnen beiden nach, in der Hoffnung, dass sie bald betrunken genug sein würde zu vergessen, was er ihr erzählte.
„Schön, aber du zuerst. Wo bin ich dir schon einmal begegnet?“, gab er zurück, und obwohl ihre Anspielung schwammig gewesen war, war er sicher, dass sie sich an ihn erinnerte. Er war überrascht, als sie tatsächlich antwortete, schließlich hatte er nicht damit gerechnet dass sie es ihm so ohne Weiteres verraten würde. Er hatte erwartet, dass sie ihn noch etwas zappeln lassen würde, und plötzlich fragte er sich ob er sein unausgesprochenes Geheimnis unter Wert verkauft hatte.
„Im Trainingszentrum. Und es wundert mich nicht, dass du dich nicht an mich erinnerst, hast du doch immer bloß Augen für dich selbst und dein Spiegelbild“, erklärte sie gelassen. Und er fühlte sich ertappt. Hatte das Gefühl, er hätte es wissen müssen. Cato bildete sich ein jedes Mädchen aus dem Trainingszentrum zu kennen, wenn auch nicht namentlich, immerhin hatte er stets Ausschau nach neuen Eroberungen gehalten.
Er nahm an, dass sie jünger war. Sechzehn vielleicht, dann hätte er ihr unmöglich beim Training begegnen können. Aber sie hatte ihn gesehen! Sie wusste wer er war, und allein diese Tatsache brachte das selbstbewusste Grinsen zurück auf seine Lippen.
„Ich bin dir also aufgefallen“, sprach sein betrunkenes Ich den Gedanken aus, den er eigentlich hatte für sich behalten wollen. Clove zuckte nicht mit der Wimper, ließ sich ihre Emotionen nicht anmerken, wenn sie denn überhaupt welche hatte. Und sie war verdammt trinkfest, wie er feststellen musste.
Er leerte erneut sein Glas.
„Es ist unmöglich dich nicht zu beachten, du drängst dich einem ja förmlich auf, mit deinem ständigen Gehabe und den Eskapaden, die den sabbernden Idioten neuen Gesprächsstoff liefern.“
Und sie hatte den unterdrückten Zorn nicht verbergen können. Den Neid, der in ihrer sonst beherrschten Stimme mitschwang, und ihm verriet, dass es nicht nur pure Abneigung war, die sie ihm gegenüber empfand. Und er war nicht bloß erleichtert, dass er scheinbar Recht gehabt hatte mit der Aussage, dass ihm keine Frau widerstehen konnte. Er empfand Genugtuung.
Nun war er derjenige, der sich vorbeugte, und ihr einen tiefen Blick in seine eisblauen Augen ermöglichte.
„Sag mir Clove, seit wann stellst du mir schon heimlich nach? Sag nicht, dass du hergekommen bist um dich an dem prächtigen Catering zu bedienen, denn das glaube ich dir nicht.“
Sie lachte heiser auf. Und wenn er sich seiner Sache nicht so sicher gewesen wäre, hätte es ihn wohl verunsichert. Kopfschüttelnd betrachtete sie ihn, wie eine Mutter ihr Kind betrachtete, das gerade etwas vollkommen naiv-lächerliches von sich gegeben hatte.
„Ich stelle dir nicht nach. Ich gebe zu, dass es nicht bloß die Überredungskünste meines Vaters gewesen sind, die mich heute hierher geführt haben. Aber genauso wenig ist es deine umwerfende Ausstrahlung, die mich um den Verstand gebracht hat, falls du das dachtest.“
Und er glaubte ihr nicht. Glaubte nicht, dass seine umwerfende Ausstrahlung sie nicht um den Verstand brachte. Sie nahm einen weiteren tiefen Schluck aus ihrem Glas und er konnte nicht fassen, dass ihr Verstand noch immer so nüchtern war. Sie musste mittlerweile eine halbe Flasche geleert haben und das Zeug seines Vaters war alles andere als schwach.
„Dann sag mir doch, welches meiner Geheimnisse dich so brennend interessiert, dass du dieses verdammte Spiel vorgeschlagen hast“, sagte er, mittlerweile wütend, und lehnte sich tiefer in die weiche Lehne des Sessels hinein. Er hatte selten auf diesem Platz gesessen, sein Vater erlaubte ihm in der Regel nicht den Zutritt zu seinem heiligen Büro. Vor etwa zwei Jahren hatte Cato begonnen die Regeln seines Vaters zu ignorieren, stahl gelegentlich ein oder zwei Flaschen aus seinem Vorrat, um sie mit seinen Freunden zu vernichten. Ihre Feiern waren absolut grandios gewesen. Deutlich interessanter als seine Geburtstagsfeier.
Clove schien kurz darüber nachzudenken.
„Weißt du, ich glaube ich kenne die meisten deiner Geheimnisse bereits“, sagte sie schließlich unberührt.
„Ach ja? Bitte, erzähl mir mehr“, entgegnete er völlig gereizt. Betrunken.
„Du bist ein arrogantes Arschloch und so von dir selbst überzeugt, dass du einem Menschen eher Neid unterstellst als dich damit zu arrangieren, dass dich einfach nicht jeder mag. Du liebst das Geld, die Frauen, und den Luxus, aber es ist nicht zu übersehen, dass du lieber an einer Alkoholvergiftung sterben würdest als irgendwann deine gesellschaftlichen Pflichten anzunehmen. Du willst nichts mit den Geschäftspartnern deines Vaters zutun haben, weil du sicher bist, dass sie nicht deine künftigen Partner sein werden, richtig?“
Und obwohl sie den Nagel auf den Kopf getroffen hatte, oder vielleicht gerade deshalb, wollte er in diesem Moment lieber sein Whiskeyglas nach ihr werfen als zuzugeben, dass sie Recht hatte. Nicht mit allem, dachte er, denn er würde sich selbst nicht als arrogantes Arschloch bezeichnen, und er war sich auch sicher, dass seine Mitmenschen tatsächlich allesamt neidisch auf ihn waren. Sie eingeschlossen. Aber das wäre etwas, das sie selbst niemals zugeben würde, da war er sicher.
„Und was willst du dann noch wissen?“, fragte er betont ruhig, ignorierte ihre zutreffenden Ausführungen vollends. Sie leerte ihr Glas mit einem Zug.
„Ich möchte wissen, wie es sich anfühlt“, entkam es ihr, und beinahe meinte er einen Schimmer in ihren Augen gesehen zu haben, der auf Angst hindeutete.
„Wie sich was anfühlt?“, hakte er nach, nachdem sie geschwiegen hatte. Er musste daran denken, wie sich ihre weiche Haut wohl unter ihm anfühlen würde, wie ihre Lippen-
„Einen Menschen zu töten“, sagte sie schließlich und bedachte ihn mit einem Blick, der ihn praktisch vollkommen ausnüchtern ließ. Oh. Das.
Es war in seinem vierten Jahr im Trainingszentrum gewesen. Es war im Rahmen eines Projektes gewesen, das die Trainer sich ausgedacht hatten, um die Schüler für die Situation in den Spielen abzuhärten.
Er erinnerte sich nicht mehr an den Namen des Mannes, den er als Junge erdolcht hatte. Er wusste nur noch, dass es ein verurteilter Schwerverbrecher war, und seine Trainer ihm versichert hatten, dass er so oder so todgeweiht war, und er ihm sogar einen Gefallen tun würde, wenn er es schnell beendete.
Cato hatte diese Erinnerung verdrängt, mit dem Gedanken daran und den Schuldgefühlen schon vor Jahren abgeschlossen, und sie sicher verpackt in die hinterste Ecke seines Gedächtnis geschoben.
Damals war es schwer für ihn gewesen. Nur wenige Schüler hatten dieses Experiment überstanden, hatten tatsächlich getan was von ihnen verlangt worden war.
Seine Familie hatte es unterstützt. Sein Vater, der selbst ein ehemaliger Sieger war, hatte ihm gesagt, dass der Tod ein Teil des Lebens war, und dass er ein Schwächling war, wenn er es nicht akzeptieren konnte.
Und damals hatte Cato so viel Wert auf die Meinung seines Vaters gelegt, wollte alles sein, nur kein Schwächling in seinen Augen.
Niemand hatte ihn damals gefragt ob es ihm gut ging, wie es sich anfühlte, und er hatte einfach angenommen, dass es keine Rolle spielte. Dass es natürlich war, dazu gehörte, wie sein Vater gesagt hatte.
Cato hatte sich zuvor immer als Menschenfreund empfunden, doch nach diesem Tag hatte er sich bloß bei jeder Begegnung gefragt, wie es wohl wäre, wenn sein Gegenüber durch seine Hand das Leben verlor.
Und er hatte es sich ständig gefragt, schließlich hatte er selbst erlebt, wie schnell es gehen konnte. Binnen Sekunden konnte das Licht eines Lebens erlischen.
„Es ist ein grausames Gefühl von Macht. Du fühlst dich wie ein verdammter Gott, mit der Kontrolle über das Leben eines anderen. Und gleichzeitig fühlst du dich dreckig, so absolut widerlich schlecht, dass du denkst es wäre dein eigenes Leben, das du genommen hast.“
Er hatte leise gesprochen, mehr zu sich selbst, als er sich an den Tag zurück erinnerte, an dem sich für ihn alles geändert hatte. An dem er die brutale Ernsthaftigkeit dieses Spiels begriffen hatte.
Sie atmete hörbar aus, doch sie sagte nichts. Eine ganze Weile nicht.
„Verfolgt es dich manchmal? Denkst du an die Familie, die er verloren hat oder-“
„Das ist nichts worüber man nachdenkt!“, entkam es ihm beinahe zornig. Er hasste sie dafür, dass sie ihn zu dieser Erinnerung gezwungen hatte. Dass er all das innerlich wieder aufleben lassen musste.
An seinem gottverdammten Geburtstag! Der ihm so wenig bedeutete wie allen anderen Anwesenden.
Und sie schwieg wieder, nahm noch einen Schluck aus dem Glas, und schien einfach nicht betrunken werden zu wollen.
„Könntest du es tun, wenn du die Person kennst? Vielleicht sogar.. magst?“, fragte sie erneut nach, und Cato fand, dass sie ziemlich mutig war, ihn mit solchen Themen zu konfrontieren.
„Warum sollte ich jemanden umbringen wollen, den ich mag?“, gab er zurück und scheinbar schien sie darauf keine Antwort zu wissen, denn sie schwieg erneut.
Sie saßen noch eine Weile so da, beide in ihren eigenen Gedankenkonstrukten versunken, und Cato dachte noch dass die herrliche Anspannung, die zwischen ihnen geherrscht hatte, verschwunden war. Und dass er lieber mit den Geschäftspartnern seines Vaters geplaudert hätte, als dieses Gespräch zu führen.
Dann stand sie auf, kam sehr überraschend auf ihn zu, und stellte das Glas vorsichtig neben seines auf den massiven Schreibtisch. Endlich konnte er den Nebel in ihren Augen vernehmen, den der Alkohol hinterlassen hatte. Es war also doch nicht spurlos an ihr vorbei gegangen.
Auf eine schräge Art und Weise beruhigte ihn ihr schleierhafter Blick, als sie sich zu ihm hinunter beugte, und ihm einen federleichten Kuss auf die Wange hauchte. „Danke“, sagte sie bloß.
Und sie hätte sagen können was sie wollte, hätte ihn beleidigen können, er wusste, er hätte sie so oder so geküsst. Er hatte sie zu sich hinunter gezogen, in ihre überraschten dunklen Augen gesehen, bevor er ihre Lippen mit den seinen eingefangen hatte. Zu seiner Überraschung leistete sie keinen Widerstand, ließ ihn gewähren, und presste ihren Körper gefährlich verzweifelt an seinen.
Es war kein zarter Kuss. Er war verlangend, intensiv und toxisch. Er konnte die bittere Verzweiflung schmecken. Und das Verlangen, diese Feier doch noch für ein Mädchen zu verlassen.
Ihre Zungen begannen einen gewagten Tanz, und er spürte wie sie ihre zitternde Hand unter sein Hemd fahren ließ. Gott wusste, er wäre weiter gegangen. Hätte ihre Hand genommen und sie mit in sein Schlafzimmer genommen, in das einladende Bett, das er nur zu gern mit ihr geteilt hätte. Er stellte es sich fantastisch vor mit ihr zu schlafen, glaubte dass es wohl mit keinem Mädchen so interessant war wie mit ihr.
Doch wie so oft in seinem Leben machte die schneidende Stimme seiner Mutter ihm einen Strich durch die absolut perfekte Rechnung. Clove war erschrocken zurückgefahren, als sie das Räuspern vernommen hatte, das von der noch immer geöffneten Tür ausging. Ihre Wangen waren rot vor Scham, sie wagte es nicht mehr ihm in die Augen zu blicken. Sie schämte sich. Er verdrehte bloß die Augen. Es war nicht das erste Mal, dass seine Mutter ihn mit einem Mädchen erwischt hatte. Doch wohl das erste Mal, dass es ein Mädchen war, dem sie ihren Vornamen angeboten hatte, denn Claudia blickte beinahe enttäuscht zu Clove hinüber, die noch immer bloß auf den Teppich zu ihren Füßen starren konnte.
„Hier ist jemand, der euch sprechen möchte“, verkündete seine Mutter diplomatisch, was ihn vermuten ließ, dass diese Person gerade neben ihr auf der anderen Seite der Tür wartete. Großartig!
Und er hatte keine Zeit gehabt sich zu wundern weshalb jemand sie beide sprechen wollte, da hatte der Oberste Trainer bereits die Tür beiseite geschoben, und den Raum betreten.
Sein Blick flog kurz zwischen ihnen beiden her, schien zu registrieren was geschehen war, und er hatte zumindest den Anstand, nicht über diese peinliche Situation zu grinsen, oder sie gar zu kommentieren.
„Schön, Sie beide zu sehen“, meinte er trocken, und fügte ein „meinen Glückwunsch zu ihrem Geburtstag, Cato“ hinzu, das er mit einem höflichen Nicken registrierte. Er wusste nicht, was so wichtig war, dass er sie dafür hatte unterbrechen müssen. Er hatte gerade andere Dinge im Sinn, als sich mit dem Obersten Trainer über seine weiteren Karriereschritte zu unterhalten. Er wurde Tribut, das wusste er bereits, und es war überflüssig auf seiner Feier aufzutauchen nur um es ihm offiziell erneut mitzuteilen.
„Wie überaus treffend, dass ich Ihnen gleich beiden begegne. Dann kann ich mir einen Weg ja sparen“, meinte er lachend, und Cato verstand nicht. Vielleicht war es der Alkohol, vielleicht wollte er auch einfach nicht begreifen. Der Oberste Trainer streckte zuerst ihm die Hand hin, dann schüttelte er noch ihre.
Da löste sich der Nebel in seinen Gedanken plötzlich.
„Ich gratuliere Ihnen beiden, Sie sind die auserwählten Tribute der vierundsiebzigsten Hungerspiele!“, verkündete er feierlich, und seine nächsten Worte gingen geradewegs an Cato vorbei. Er berichtete von der Abstimmung, erklärte ihnen die weiteren Schritte, und wies sie an, am nächsten Morgen in seinem Büro zu erscheinen. Doch Cato sah bloß zu Clove herüber, und als er für einen kurzen Moment ihren Blick einfangen konnte, bemerkte er den Schatten auf ihrem sonst ausdruckslosen Gesicht.
Sie hatte es gewusst.
Scheiße.
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