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Overlooked | Taekook

GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
Jungkook V
06.07.2021
21.10.2021
30
25.568
4
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
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14.10.2021 1.027
 
꧁Jungkook꧂

Ich verstehe Taehyungs Aussage zu Beginn nicht ganz. Ist das etwa sein wahres Ich?

Niedergeschlagen.

Verletzlich.

In sich gekehrt.

„Ich hasse dich nicht, Taehyung. Falls du das wissen möchtest."

Als meine Mutter mir das erste Mal von Taehyung erzählte, habe ich lächeln müssen. Sie klang völlig begeistert von dem Sohn ihres Zukünftigen. Sie malte sich bereits aus, wie es sein würde, sich von nun an um zwei Söhne zu kümmern. Sie war voller Begeisterung. Ich habe mich für sie gefreut, versucht neutral an die Sache heranzugehen. Mein Ziel ist es gewesen, ihr so wenig Komplikationen zu bereiten, wie nur möglich.

Ich wollte, dass sie wieder glücklich ist.

„Möchte ich das wissen?", stellt der Ältere eher die Frage an sich selbst. Ich verbleibe still. Im Krieg gegen sich selbst habe ich mich nicht einzumischen.

„Papa und Yejin sind erst mit der Wahrheit herausgerückt, als er bereits zu spät war. Ich kann immer noch nicht glauben, dass das alles passiert ist. Von heute auf morgen habe ich alles verloren, was mir wichtig war."

Ich höre ihm einfach zu. Der Wind weht rasch über das Dach und löst eine Gänsehaut aus.

„Wenn er mir doch wenigstens etwas Zeit gegeben hätte..." Er kneift die Augen zusammen. Gegen Tränen anzukämpfen ist ein unfaires Spiel.

„Aber hättest du zu der Zeit überhaupt zugestimmt, auch wenn er dir Bedenkzeit gegeben hätte? Wäre der Taehyung von dann darauf eingegangen?", frage ich vorsichtig nach. Mein Blick haftete an ihm und mustert ihn. Ich zweifele sehr stark daran, dass der ziemlich eigensinnige und durchsetzungsfähige Taehyung zu dieser Zeit dem Wunsch seines Vaters nachgegangen wäre.

Er ist ja schließlich glücklich gewesen. Und wer möchte schon gerne aus seinem Himmel gerissen werden?

„Ich möchte es doch einfach nur so, wie es war. Was habe ich falsch gemacht, dass man es mir wegnimmt? Ich war kein schlechter Mensch. Ich habe nur versucht, das zu tun, um glücklich zu sein."

Mit den Ärmeln seiner Kapuzenjacke wischt er sich die Tränen aus den Augen. Es wirkt beinahe zwanghaft, als dürfe er mir gegenüber keine Schwäche zeigen.

„Danke, dass du mich gestern vor diesen Typen beschützt hast. Das hättest du nicht tun müssen." Er nickt nur und zieht die Lippen zu einem Strich. Die Reaktion meines Retters versetzt mir einen sachten Hieb — als wäre ihm sein Einsatz gleichgültig. Sein Handeln hat am vergangenen Tag anders ausgeschaut, als wär er mir etwas schuldig und er würde mit seiner Fürsorge seine Schuld begleichen, sein Gewissen zum Schweigen bringen.

„Dein wahres Ich scheint sich selbst noch nicht ganz gefunden zu haben", bemerke ich, während ich mich erhebe. Die Bewegungen schmerzen. Gegen die Folgen des gestrigen Tages ankämpfend, verziehe ich bloß beiläufig das Gesicht. Es gibt keine Wunden zu beklagen. Mir geht es wieder gut.

„Und du spielst dir vor mit all der Last alleine umgehen zu können."

Seine konternde Antwort, als hätte er meine Gedanken gelesen, bringt mich zum Stocken. Ich lege die Stirn und Falten, weiß nicht so ganz was ich ihm antworten soll. Gerade möchte ich ihm entgegnen, sein Argument entkräften, da klingelt die Schulglocke schon wieder, diesmal aber zum Schluss des heutigen Tages.

Es ist Freitag. Wieder eine Woche überstanden, wieder eine Woche näher an meinem Abschluss.

„Lass uns nachhause gehen."

Da der Regen mittlerweile über einem anderen Stadtteil die Szenerie unter Wasser stellt, haben Taehyungs und meine Kleidung endlich eine Chance zu trocknen. Unsere beiden Haarschöpfe hängen platt vor unserer Stirn. Es ist kalt.

Als wir das Schulgelände verlassen, sind bereits alle anderen Schüler auf ihrem Nachhauseweg. Es ist still auf dem Pausenhof und den umliegenden Gassen. Stillschweigen laufen wir die Gehwege entlang.

„Jungs! Kommt, ich nehm euch beide die letzten Meter noch mit."

Zu Tode erschrocken, schnellen Taehyung wie auch ich herum, nachdem wir eine kleine Kreuzung überquert haben. Aus dem Auto rufend, macht Mama auf sich aufmerksam. Sie sitzt mit Sonnenbrille und frisch gefärbten Haar in ihrem Auto und winkt uns freudig zu. Was ein Glück ist keine andere Seele in unserer Nähe zu erkennen. Der Ältere an meiner Seite würde wahrscheinlich vor Charme im Boden versinken.

„Hallo, Mama!", begrüße ich sie und laufe erleichtert auf das Auto zu. Über jeden gesparten Schritt mit meinem Körper bin ich mehr als dankbar.

„Ach, dass ich euch beide einmal zusammen laufen sehen. Heute Morgen dachte ich bereits, dass ich bloß träume."

Wir steigen beide ein. Stumm. Taehyung blickt die restliche Fahrt über aus dem Fenster und hüllt sich in Schweigen. Ich selbst antworte leise und karg den Fragen meiner Mutter über den Schultag. Dass der Junge hinter mir und ich den Großteil der Stunden heute geschwänzt haben, lasse ich bewusst aus.

Für Mama bin ich ein Musterschüler mit schneeweißer Weste.

„Wisst ihr was, ich rufe gleich euren Vater an, um ihm davon zu berichten, dass ich mich heute Morgen doch nicht getäuscht habe und ihr euer Kriegsbeil endlich begraben habt."

Wir haben nicht einmal mehr die Möglichkeit uns zu erklären, da ertönt bereits die einprägsame Stimme von Taehyungs Vater über die Freisprechanlage.

„Ich habe gerade die Mittagspause beendet. Es passt momentan sehr schlecht, Liebes."

Mama lässt sich von dieser Aussage nicht beirren. Mit freudiger Stimme berichtet sie ihrem Gatten von ihrem neuen Erfahrungsstand. Beinahe noch erfreuter lobt der Vater seinen Sohn und mich. Er ist stolz auf uns. Aber besonders auf seinen Taehyung.

„Siehst du Tae, jetzt bist du Mann genug gewesen und bist über deinen Schatten gesprungen. Ich bin sehr stolz auf dich."
Sorglich schaue ich in den Rückspiegel und sehe den unbehaglichen Blick meines Stiefbruders. Wenn sein Vater ihn momentan sehen könnte, würde es ihm den Magen umdrehen.

„Oder Frau, man weiß ja nie", lacht Mama nach weniger Zeit.

„Wenn ihr euch nun so gut versteht, dann können Papa und ich ja endlich in unsere ersehnten Flitterwochen nach Thailand reisen. Wisst ihr was, genau das tun wir."

Mir gefriert das Blut in den Adern. Das kann sie nicht ernst meinen.

„Ach, darauf freue ich mich bereits so lange."

Ihr Lachen und Vorfreude, die Taehyungs Vater nur teilen kann, lassen mich und den Älteren beinahe in einen Schock verfallen.
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