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Dem Himmel so nah...

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Julia Schindel Tonio Niederegger
04.07.2021
26.08.2021
8
19.182
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11.07.2021 2.337
 
JULIAs POV

„Tonio?“ Was macht er denn hier, ausgerechnet jetzt? Den Augenblick wo Felix mich das erste mal küsst. Und jetzt steht er da, er muss hier her gerast sein mit seinem Rennrad, ich kann ihn von hier aus angestrengt atmen sehen. Mein Rufen hat ihn wohl aus der Starre gerüttelt, er schwingt sich wieder auf sein Radl, aber nicht in meine Richtung, sondern weg vom mir. „TONIO?“ rief ich lauter. Keine Reaktion, er raste den Weg weiter davon und ich steh da mit meinen mit Teig verklebten Händen.
Ich muss wohl wieder rein, drinnen wartet meine Teigschüssel, ich muss die Knödel fertig machen. Außerdem warten da wohl noch meine Eltern, die würden sich wohl wundern, wenn die Teigschüssel noch halb voll rum steht und die Knödel nicht fertig sind, doch ich nicht mehr auftauche. Naja und sie würden sich wohl auch wundern, das Felix drinnen sitzt mit Teig verklebter Backe und von mir keine Spur. Auch der wird sich wohl wundern, erst küsst er mich und dann bin ich verschwunden. Aber ich will da gerade nicht rein, eigentlich würde ich mich lieber auf mein Radl schwingen und Tonio hinterher fahren. Kann das irgendwer verstehen? Gerade küsst mich ein toller Mann, der mir mehrmals angedeutet hat, das er mir die Welt zu Füßen legen würde und ich will Tonio hinterher, nur um zu wissen, was er hier wollte. Wahh das kann doch nicht so weitergehen, also zam reisen und rein.

Der Abend verlief relativ schweigend für mich, zu sehr war ich in meinen Gedanken verstrickt. Felix verstand sich blenden mit meinen Eltern, selbst Maxl hat nichts gefunden an ihm auszusetzen. Sie quetschten Felix bis zur Unterhose aus, aber ich hielt sie nicht auf, da fiel es wenigstens nicht auf, das ich nicht ganz anwesend war. Doch wo war ich? Was wollte Tonio hier? Wieso kann ich ihn nicht los lassen. Los lassen? Trifft’s das überhaupt?
Ich weiß nicht ob es wirklich richtig war wieder zurück nach Tölz zu gehen. Es sind jetzt fast zwei Jahre, das ich wieder hier bin. Verdammt noch mal, Ja es war richtig zurück nach Hause zu kommen und ja ich liebe meinen Job. Doch Tonio wirft mich immer wieder aus der Bahn. Erst erklärt er mir vor fast 20 Jahren, dass er Priester werden will, wo ich schon auf gepackten Koffern nach Berlin saß. Dann bin ich wieder hier und es ist die reinste Achterbahnfahrt, wie als wäre ich nicht Jahre lang in Berlin gewesen, sondern nur paar Wochen. Alles wie früher, die Gefühle alles. Naja nicht ganz alles. Ich darf keine Gefühle mehr für Tonio haben und er keine für mich, denn er ist jetzt Pfarrer… Katholischer Pfarrer…

Doch dann küsst er mich einfach, um mich dann wieder stehen zulassen. Natürlich sehe ich seinen inneren Kampf den er mit sich austrägt und ich merke auch, wie er sich immer mehr von mir distanziert, oder es mindestens versucht. Meist scheint das nicht ganz zu funktionieren, schließlich arbeiten wir zusammen und das tun wir richtig gut. Ich kann mich auf ihn verlassen und er sich auf mich. Immer wenn ich Hilfe oder Unterstützung brauche ist er sofort zustelle, genau wie umgekehrt. Das möchte ich echt nicht missen, wir sind ein tolles Team. Was ich mache, wenn Tonio wirklich nach München geht, dass weiß ich nicht. Eigentlich müsste ich dann etwas aufatmen können, die Achterbahnfahrt ist ja dann vorbei. Beruflich gesehen allerdings wäre es eine halbe Tragödie, so fühlt es sich mindestens an… Nicht nur wie eine halbe… und nicht nur beruflich gesehen…
Genau das muss ich verschließen, ich muss Tonio gehen lassen. Wieder… Da ist ja auch noch die Vernunft die ganz laut „Felix“ schreit. Ja sie hat ja auch recht. Felix ist ein guter, zwar mit kleinen Ecken und Kanten, aber die haben wir alle. Seine größte Ecke ist aus meiner Sicht sein Hobby. Segelflieger! Wie kann man denn freiwillig in so ein Ding einsteigen. Das Ding hat noch nicht mal ein Motor!!! Natürlich sieht die Welt von oben total schön aus, aber in so einer kleinen Nuckelpinne?? Ich muss ihn ja zum Glück nicht wegen seines Hobbys lieben. Ich muss ihn überhaupt nicht lieben, außer man lässt meinen Kopf und die Vernunft mal zu Wort. Dass wohl wichtigste an der Geschichte ist, das ich ihn lieben darf. Ich darf Felix lieben. Da hat keiner was dagegen, meine Mutter anscheint nicht, selbst Maxl nicht, auch nicht der Generalvikar und schon garnicht der Herrgott persönlich. Naja einer vielleicht, aber der ist vorhin mit seinem Radl davon geschossen…

                    

In den nächsten Tagen war noch alles etwas ungewohnt, ungewohnt seltsam irgendwie. Ich kann nicht genau erklären was, aber ich muss noch alles ein bisschen zusammensetzten, so ähnlich wie bei einem Puzzle.
Ich habe mich für die Wohnung entschieden, die genau gegenüber der Wohnung von Felix ist. Somit habe ich mich indirekt wohl auch für Felix entschieden. Wenn man da überhaupt von Entscheidung reden kann. Ich habe die Vernunft mal walten lassen. Es wird auch Zeit, dass ich mich vom Schindel-Hof zurückziehe, wie sehr ich sie auch liebe, aber manchmal treiben sie mich einfach nur in den Wahnsinn. Ich frage mich oft wie Yassin und Papa das aushalten. Aber mein Vater liebt nun mal meine Mutter, viele viele Jahre schon und Yassin liebt meinen Bruder Max mit haut und Haaren. Für mich wird es jetzt aber Zeit, mein Glück zu finden und wenn alle sagen das Felix der richtige ist, dann kann das doch nicht so falsch sein.
Das Tonio  mir die letzten Tage komplett aus dem Weg gegangen ist, habe ich natürlich gemerkt und ich muss trotz aller Vernunft gestehen, dass sich das nicht gut anfühlt. Auch nicht, dass ich immer noch nicht weiß, was er wollte als er zum Hof kam, macht mich etwas unsicher. Meist kann ich das gut verdrängen, aber manchmal eben nicht…
Wie eben gerade… ich traf ihn, als er auf den Weg in die Kirche war  und wieder wollte er mir mit einem kurzen „Morgen!“ ausweichen, doch ich wollte das nicht zu lassen und was hab ich jetzt davon. Nichts! außer das wir uns gezofft haben, mal wieder. Man warum redet er denn nicht mit mir. Immerhin hat er zugegeben das es da was gibt, was zwischen uns steht. Ich wüsste es doch ganz genau, hat er gemeint. Nein Gottverdammisch das weiß ich nicht. Oder will es nicht wissen,  bis er es nicht ausgesprochen hat. Denn sonst bringt es meine Welt gleich wieder komplett zum wanken, die die ich gerade versuche so kampfhaft ins Gleichgewicht zu bringen. Zum Glück hat er mich gerade nicht gedanklich fluchen gehört, da ist er immer sehr…. Naja sensibel.

„Julia!“ Kaum habe ich die Beratungsstelle betreten, kommt Maja mir entgegengelaufen, dass kann nur bedeuten das unsere liebevoll genannte Ratsch-Kathl, brennend neue Informationen hat. „Julia, ich muss Dir was erzählen.“ haa ich hab’s gewusst „Was denn?“ Erwarte ich ihre neue Sensation mit einem leichten Grinsen. Hoffentlich kein Horoskop, mit meinem Sternen bin irgendwie leicht auf Kriegsfuß. Nein es war kein Horoskop, aber auch etwas, mit dem ich noch auf Kriegsfuß steh. „Der Pfarrer hat ein Angebot vom Priesterseminar in München.“ Platzt Maja raus. Shit das hab ich ja ganz vergessen. „Woher weißt du denn das jetzt?“ Ich hoffe ich kann es nur alleine hören, das meine Antwort leicht Panisch war. Hat er sich dafür entschieden? Woher soll sie es denn sonst wissen. „Na der Generalvikar, hat deswegen jetzt einen Termin mit ihm.“ sagt mir Maja und deutet auf den Empfang hin, wo dieser Wohl auf Tonio wartet.  Kann es das wirklich bedeuten, dass Tonio sich gegen unsere Gemeinde entschieden hat und für München? Den Stich ignoriere ich mit voller Absicht, atme noch mal tief Durch und gehe rüber zu Generalvikar Zumbrodt.
„ Herr Generalvikar, Grüß Gott.“ begrüße ich diesen.  „Grüß Gott, Frau Schindel.“ wendet er Sich zu mir und reicht mir die Hand. „Und sie sind sich Sicher, das sie den Termin jetzt haben?“ frage ich auch gleich. Nicht in 20 oder 30 Jahren vielleicht? Aber das füge ich nur in Gedanken hinzu. Ich erkläre dem Generalvikar, dass ich Tonio gerade in die Kirche gehen sehen habe und somit verabschiedet er sich und folgt Tonio hoch in die Kirche. Bei mir verabschiedet sich da auch gleich was und zwar meine Haltung, vor allem jetzt da Maja ihren Missmut laut kund macht. Sie spricht darüber, was sie davon hält, ob Venus da seine Finger nun im Spiel hat oder nicht, aber ich muss es runterschlucken. Sie hat nur das Berufliche und die Gemeinde im Blick, sie darf das nicht in Ordnung finden. Und ich? Tonio meinte mal zu mir, ich soll mein Leben leben und ich hab ihm das zurück gegeben, als das erste Angebot aus München kam. Dazu muss ich jetzt stehen. So schwer es mir fällt, so sehr ich das noch so bescheiden finde.  

Meiner Neuen Klientin werde ich nicht gerecht, dass tut mir leid. Ich glaube zwar, dass sie es nicht wirklich merkt, das ich ihr  nur mit einem Halben Ohr zuhöre, wie sie von ihrem Sohn erzählt, der wohl wieder auftaucht ist und sie ihn sofort wieder anfängt zu „Pampern“ und das mit seinen 28 Jahren.  Ich kann das nicht ganz nachvollziehen, dies ist auch nicht mein Job, ich muss herausfinden warum sie so handelt, dass ist nur nicht ganz einfach, denn in meinem Kopf läuft gerade ein komplett anderer Film. Frau Clemens und ihr Andy kommen mir da eher wie eine nervige Werbe Unterbrechung vor. Das ist nicht fair und auch beruflich alles andere als eine Glanzleistung. Doch so sehr ich auch versuche mich auf diesen Fall einzulassen, so sehr steht Tonio gedanklich vor mir, wie er sich nach München verabschiedet.  Wie er mich verlässt, mal wieder. Ich weiß ich bin gerade nicht ganz gerecht, schließlich bin damals auch nach Berlin gegangen. Mein Inneres tanzt gefühlt gerade Cha cha cha, aber auf glühende Kohlen wie es sich anfühlt. Die Vernunft die sich immer wieder einmischt. Ich soll Tonio gehen lassen, ich hab doch schließlich Felix. Ich habe mich für Felix entschiedenen und Tonio für München, also ist doch alles in Butter.
Einen Scheiß ist in Butter…, so gar nichts. Denn wenn alles in Butter wäre, würde es nicht so Weh tun. Und es tut verdammt weh dieser Gedanke. Mit Tonio verlier ich so viel. Einen Tollen Arbeitskollegen, aber auch einen sehr guten Freund, der immer für mich da war, der mir immer zu hören würde, trotz der ganzen Gefühle die zwischen uns stehen. Das Gewissen meldet sich aber auch noch zu Wort und reit sich mit ein, in meiner Hilflosigkeit. Es sagt mir das meine Gedanken ganz schön Egoistisch sind. Die Tatsache ist doch, das wir keine Gefühle haben dürfen die zwischen uns stehen, das mir meine Vernunft deswegen Felix auf dem Silbertablett präsentiert. Was wenn Tonios  Vernunft eben München aus dem Ärmel gezogen hat. Ja was wenn…

Mein Zwiespalt wird immer größer. Ich sollte es aufgeben, den Bericht heute zu schreiben, es bringt doch gerade alles nichts. Und schon garnicht wenn Tonio jetzt noch in mein Büro gestürmt kommt. „Morgen“ sagt er. Mensch Tonio was machst du denn jetzt hier. Mach es mir doch nicht noch schwerer. „Morgen“ was du kannst kann ich auch…
„Die Frau Clemens war gerade bei Dir, oder“ mit den Worten schließt er meine Bürotür hinter sich. „Ja“ etwas Wortkarg ich weiß aber ich hab gerade andere Probleme als Frau Clemens schon wieder. „Ich hab ihrem Sohn grad ein Job beim Giudo besorgt.“ erzählt mit Tonio sein Anliegen. „Das ist aber nett!…“ Tonio merkt sofort an meinem Ton, das ich alles andere als begeistert bin, so mach ich auch gleich weiter mit meinem Unmut. „…aber es bringt nichts, wenn andere seine Probleme lösen.“ „Du, dass war jetzt erste Hilfe, die Frau ist halt verzweifelt.“ verzweifelt, du hast gut reden, ich bin auch verzweifelt!! Ich schlage die Akte zu und steh auf und irgendwas zu tun. „Mir scheint, in dem Mutter- Sohn- Verhältnis was anderes vorrangig zu sein“ gebe ich noch motzen zurück, während ich rüber zu meiner Ablage gehe. „Ja…“ auch Tonio steigt wieder mit ein und der nächste Zoff ist kreifend nah. „ da liegt mein Fokus als Seelsorger halt wo anders.“ damit wollte sich Tonio schon  wieder aus dem Staub machen und ging auf die Tür zum Wintergarten zu. Wir können momentan irgendwie überhaupt nicht mit einander reden. Es liegt so viel unausgesprochenes zwischen uns, das wir auch schon über die noch so kleinen sinnlosen Gesprächen an die Decke gehen. Aber so will ich ihn jetzt nicht gehen lassen, nicht so! „Schön das wir das festhalten können, so zum Abschluss unsere Zusammenarbeit.“ ich haue ihm die Worte gerade zu um die Ohren. Ich wende mich ab von ihm um ihn dieses Mal stehen zu lassen, aber ich komm nicht weit. Seine Worte lassen mich sofort inne halten.
„ Ich geh ja gar ned nach München.“ Was? Was hat er da gerade  gesagt? Er geht nicht nach München? Ich atme einmal richtig durch, als hätte ich seit Tagen die Luft angehalten. Erst jetzt wo sich der knoten in der Brust löst, merke ich erst, wie sehr ich wirklich zugeschnürt war mit dem Gedanken das Tonio geht. Ich Dreh mich um zu ihm. Da steht er wie so ein kleines Häufchen. „Nicht?“ frage ich sicherheitshalber noch mal nach. Er schüttelt nur leicht mit dem Kopf, dass reicht mir. Sofort gehe ich auf ihn zu und nehme ihn ganz fest in die Arme. Halt ihn fest, fest bei mir und er mich. Ich bin so erleichtert das ich es nicht in Worte fasse kann. Wir lösen uns langsam. Zaghaft schaut er mich an. Seine Augen werden groß, als er meine Tränen sieht. „Weinst du?“ Ja ich weine, so viel Trauer lag in mir, bei dem Gedanken das er geht, ums so froher bin ich jetzt das ich den Kopf schüttel. „Nein, ich freu mich.“
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