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Dem Himmel so nah...

GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Julia Schindel Tonio Niederegger
04.07.2021
26.08.2021
8
19.182
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04.07.2021 3.474
 
Dem Himmel so nah…



„Lieben heißt, man will,
das es dem anderen gut geht!“



Disclaimer:
Tonio und Julia, sowie die anderen Charaktere gehören nicht mir und ich möchte mich auch keinesfalls an ihnen bereichern.




Prolog


Ein Schritt und noch einen Schritt weiter. Ich mache einen Schritt nach dem anderen. 100 Höhenmeter, 500 Höhenmeter, vielleicht 1000? Ich weiß es nicht, auf jeden Fall setze ich einen Fuß vor dem anderen. Schnaufen tu ich scho ein bisschen, aber das bekomme ich gar nicht wirklich mit. Wann war ich auch das letzte mal oben in die Berg?
Ich liebe es hier oben zu sein. Die Berge, die Ferne, die Wiesen, der Himmel, die Unendlichkeit... Doch ich bin viel zu selten hier oben.
Kein noch so begabter Maler könnte es je so schön aufs Papier oder auf die Leinwand bekommen,  wie  die Wirklichkeit aussieht. Auch wenn ich diesen Ausblick, auch noch so sehr mag, bekomme ich heute nicht wirklich was davon mit. Meine Füße gehen zwar immer weiter, immer weiter Richtung Gipfelkreuz, doch in meinem Kopf sieht es ganz anders aus. Da trete ich nur auf einer Stelle. Immer und immer wieder.
Kirche, der Herrgott, Priesterseminar, die Gemeinde, den Zölibat, Pfarrer…
Wenn ich es in die Berg hinaus schreien würd, bekäme ich wohl das Echo um die Ohren, aber bestimmt nicht das gleiche wie es in meinem Hirn schalt.
Kirche, Julia,  der Herrgott, Julia, Priesterseminar, Julia, die Gemeinde, Julia,  den Zölibat, Julia, Pfarrer…

Ja ich bin Pfarrer, seid über zehn Jahren nun scho.  Paar Jährchen nur noch dann sind es schon zwanzig Jahr her wo  ich mich für diesen Weg entschieden hab.
Haben meine Mitmenschen damals verstanden, warum ich mich so entschieden habe? Oh nein, sie meinten wohl eher ich hätte den Verstand verloren. Vorne weg natürlich Julia, meine Freunde und mein Vater Franz. Er hatte gerade seine Frau viel zu früh verloren. Ich meine Mutter, klar mit meinen Anfang  20 war ich kein Kind mehr, dennoch war es auch für mich viel zu früh. Tja mein Vater meinte natürlich, das er mit meinem Theologie-Studium, nicht nur auch noch seinen Sohn „verliert“ , außerdem war es ganz sicher nicht das was meine Mutter und er sich für mich vorgestellt hatten. Und Julia? Juli und ich waren ein Paar. Gott wie sehr ich sie geliebt habe, aber wir wollten zu diesem Zeitpunkt einfach nicht das gleiche. Auch sie wollte Studieren, Psychologie, aber bloß nicht hier in Bayern, sie wollte raus, weg aus den Bergen, die sie nur noch einschnüren wie sie meinte. Weg von der Mutter die sich ständig mit ihrem Sohn, Julias Bruder Max stritt. Oh sie liebte ihre Familie von Herzen, Vor allem Xaver, ihren Vater, dennoch wollte sie endlich frei sein, raus in die Weite Welt. Ich, der sich nirgends freier fühlen könnt, als hier oben auf die Berg, war froh das ich die Möglichkeit bekäme in München zu studieren. Klar auch eine Millionen große Stadt, aber dennoch nicht mit Berlin vergleichbar. München war nie eine Großstadt für mich. Wenn man München richtig kennenlernt, ist es eine kleine Stadt im Zentrum und  die anderen Stadteile sind alles Dörfer. Eins nach dem anderen und alle mit ihrer eigen Geschichte und deren Stil. Ich glaube in keiner anderen Großstadt ist es möglich, das du Mitten im Zentrum im Stau stehst, weil eine Schäferin ihre 500 Schafe, Dutzende Ziegen, Esels und das Lama nicht zu vergessen aus dem Englischen Garten führt.
Doch das wohl schönste an München war…, noch net mal eine Stund in die richtige Richtung, egal mit Zug oder Auto und schon waren sie wieder da, meine Berg.
Wo wir gerade bei den Schafen waren. Nehme ich doch glatt das geblöke um mich herum war und muss ein bisschen grinsen, denn Schafe gibt es nicht nur in München, sondern auch hier oben, eine Weide nicht weit vom Gipfel entfernt.
Schafe… Schafe, gibst auch in der Bibel und das nicht wenige. Schafe werden immer wieder mit Jesus in Verbindung gebracht und somit auch mit Gott und der Kirche selbst. Der Herr der seine Schäfchen rief… diesen Satz kennt man meist. Gläubig oder nicht.
Ja, er rief auch mich damals. Warum? Kann ich nicht direkt sagen. Wie? Auch das kann ich nicht wirklich erklären. Ich weiß das es als Außenstehender schwer zu begreifen ist, doch ich wusste das es mein Weg ist den ich gehen musste.
Da waren wir nun. Juli die frei wie ein Vogel sein wollte um hinaus in die bunte Welt zu fliegen. Und ich das Schaf, das den Rufs seines Herren folgte?
Wir stritten viel damals, weil wir die Beweggründe des anderen einfach nicht verstanden, dafür waren wir wohl einfach noch zu jung. Wir liebten uns wirklich sehr, doch mit der Großen Enttäuschung dem anderen Gegenüber, trennten sich von da an unsere Wege. Sie nach Berlin und ich nach München. Auch wenn die A9, diese beiden Städte miteinander verband, uns nicht…

                   

Es ist nicht mehr weit, dann bin ich oben angekommen. Mein Weg? Der war weit. Weit, steinig, mit Höhen und tiefen tiefen Tälern, manchmal waren es ganze Schluchten. Natürlich rede ich nicht von dem Weg hier nach oben. Oh nein, ich rede von meinem Weg bis hier her, bis zu dem Punkt wo ich heute stehe. Wie oft wollte ich das ganze an den Nagel hängen? Ich kann es nicht mehr zählen. Und doch wusste ich es doch, das es richtig war. Zweifel, klar waren sie da, mal schrieen sie mich an, mal flüsterten sie. Es war immer das gleiche was sie sagten, immer der gleiche Name. Julia…

Mit der Zeit die verging wurden sie immer leiser, irgendwann war es nur noch ein hauchen und dann war stille. Ich wusste einfach, das ist meine Bestimmung. Mit jedem Semester mehr. Die ersten beiden Studienjahre die ich an der LMU München verbracht habe, waren harte Jahre für mich. Mein drittes Studien Jahr hatte ich in Süd Tirol absolviert und da lernte ich die Welt eines Pfarrers richtig kennen.  Da gab es nicht nur die Bücher, die Theorie, der Glaube, nein es war die Praxis. Es war eine relativ kleine Gemeinde dort, jeder kannte jeden. Das spannende daran war, wie die Menschen dort ihren Pfarrer mit in ihre Familie integriert hatten. Er war ein Teil ihrer Familie. Pfarrer Jakobus ist zu meinem großen Vorbild geworden. Er war immer für seine Gemeinde da, hat mit allen Mitteln versucht ihnen zu helfen und zu unterstützen, mit einer Selbstverständlichkeit die ich nur bewundern konnte, genau wie diesen Zusammenhalt unter den Leuten. Wenn es irgendwas gab im Ort, oder irgendwer Hilfe benötigte, sei es das der Baum in Die Scheune gestürzt war, dem Bauern die Rindsviehcher ausgekommen sind, oder die Wasserrohre in der Schule geplatzt waren, was es auch war. Jeder der konnte war sofort zur Stelle, vorne dran Pfarrer Jakobus.  So stellte ich mir mein „großes“ Ich vor. So wollte ich als Pfarrer sein.
Für meine letzten Semester war ich wieder an der LMU und darauf folgten die letzten beiden Jahre bis zur Priesterweihe, die ich in Der Nähe von Freising verbracht habe. Auch nach meiner Priesterweihe blieb ich noch eine Weile dort. Julia hatte ich bis dahin zwar nicht vergessen, sie wird immer ein Teil meines Leben bleiben, aber ich hatte sie in die äußerste Ecke meines inneren verbannt Und dann trat das unfassbare ein. Ich hätte nicht im Traum dran gedacht, doch der Pfarrer meiner Heimatgemeinde  musste sich gesundheitlich bedingt zur Ruhe setzten und Generalvikar Zumbrodt rief mich an um mich zu fragen, ob ich mir vorstellen könnt zurück nach Tölz zu kommen. Ich überlegte keine Sekunde, ich sagte sofort zu. Klar kam da auch Julia mal wieder Kurz raus aus ihrer Ecke meines Kopfes geschossen, aber Julia war soweit ich wusste immer noch in Berlin, die Gefahr Bestand natürlich, das wir uns über den Weg laufen würden, wenn sie ihre Familie besucht, Feierlichkeiten von Freunden, oder was weiß ich. Doch ich war mir sicher, es sind jetzt so viele Jahre her, da gab es kein Grund mehr für Zweifel.  Wie ich mich täuschte…,  aber das würde ich erst viel später merken.
Die Entscheidung war absolut richtig gewesen zurück nach Hause zu gehen. Natürlich nicht ganz nach Hause, ich zog ins Pfarrhaus direkt neben der Kirch. Aber ich war wieder dohoam. Auch die Gemeinde nahm mich mit offenen Armen in Empfang. Es war eine tolle Gemeinde. Meine Gemeinde. Auch wenn ich früher der kleine Bua war der durch ihren Reihen flitze, akzeptierten sie mich nun als ihren neuen Pfarrer und das obwohl ich nicht ganz wie ihr alter Pfarrer war. Die Skepsis war bei manchen natürlich groß, so ein junger Pfarrer und dann war er auch noch so Modern wie sie es immer nannten. Aber ich war stolz drauf. Ich wollte nicht wie die alten Priester und ihren ganzen Vorurteilen sein. Und ja, ich überzeugte sie. Glaube hat eben nicht nur was mit dem Alter oder dem strengen Kirchenregiment zu tun. Nein man kann es eben auch anders. Es zeigte mir, das es nicht ganz so falsch war was ich tu jeden Sonntag mehr. Denn die Kirche füllte sich immer mehr, auch mit bekannten Gesichtern, die mich schon in der Schulzeit begleiteten. Der Andrang der Beratungsstelle unserer Kirche nahm zu. Immer mehr die Leute vertrauten mir und  kamen mit vielen Anliegen zu mir.  Ich versuchte mein Möglichstes, manchmal reichte auch nur ein Ohr zum zuhören und davon hatte ich zwei.
So wie stetig  das Wasser der Isar entlang floss, so floss  Auch die Zeit dahin. Ich war mittlerweile vollkommen angekommen, wieder in Tölz, im Leben, in der Kirche und in der Gemeinde. Ja ich hatte es geschafft, ich war ein Teil von ihnen. Die Terminanfragen in der Beratungsstelle quollen über und ich kam mit den ganzen Gottesdiensten, Trauungen, Taufen und den ganzen anderen Gemeindetätigkeiten kaum hinterher. Aber die Beratungsstelle war mir wichtig. Ich wollte das die Leute zu uns kamen wenn sie Rat brauchen, auch wenn es bis spät abends war. Frau Vogt die Vorsitzende des Gemeinderats hatte Wohl irgendwann Mitleid mit mir. Sie liebäugelte eh schon immer mit der Idee eines weitern Anlaufpunkt für die Beratungsstelle. Sie hätte gern auch jemand vor Ort, der nicht mit der Kirche liiert ist. „Für die Hilfe- Suchenden die mit der katholischen Kirch nix am Hut haben.“ So ihre  Worte. Also boxte sie im Gemeinderat die Einstellung eines Therapeuten für die Beratungsstelle durch. Ich hatte es nicht gedacht, das es da viele gibt, die Interesse haben in einer katholischen Gemeinde im tiefsten Bayrischen Nirgendwo sich nieder zulassen um den Einwohner mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Na gut ich tat dem Tölzer Land da jetzt gerade wirklich unrecht, ich geb es ja zu. Tatsächlich gab es  doch einige Bewerbungen wie ich gehört habe. Um die Vorauswahl hatte sich Frau Vogt gekümmert, ich musste dann nur zu den Vorstellungsgesprächen der engeren Wahl erscheinen. Schließlich müssen wir ja eng miteinander arbeiten. Ich weiß noch genau als Maja meine Sekretärin mir die Bewerbungsmappen der letzten drei Kandidaten gab. „Mit freundlichen Grüßen vom Generalvikar, sie sollen sich ein Bild machen, morgen wär das erste Vorstellungsgespräch.“ Mit diesen Worten verlies Maja wieder mein Büro. Sekunden später kam sie wieder herein gestürmt. Nach einem scheppern. Dass scheppern kam von mir. Ich hatte meine Tasse Kaffee fallen gelassen. Nachdem mein Blick auf die obere Mappe fiel, auf der ein Foto der Bewerberin klebte. Braune Locken…, grüne Augen…, ein leichtes Lächeln…
Julia…

Ich konnte es damals einfach nicht verstehen. Wollte Julia mir das wirklich antun? Nach all dem was zwischen uns war. Da wollte sie sich ausgerechnet bei einer Stelle bei mir bewerben? Bei mir? Und sie musste wissen, das die Stelle hier bei mir war, dass sie mit mir zusammen arbeiten muss. Und vor allem was wollte sie wieder hier in Tölz? Klar ihre Reverenzen war ausgezeichnet, aber das kann sie doch nicht ernst meinen. Doch anscheinend war es ihr Ernst, dass sie selbst mit einem Traktor zum Vorstellungsgespräch fuhr um noch relativ pünktlich zu erscheinen. Mein inneres war völlig zerrissen zu diesen Zeitpunkt. Natürlich wollte ich jemanden der sein Handwerk verstand, für die Beratungsstelle, aber Julia? Konnte ich wirklich jeden Tag mit ihr zusammen arbeiten. Ich traute mir nicht. Ich hatte Panik vor mir selbst, aber vorfallen das die Zweifel wieder kamen. Somit werte ich  mich gegen die Einstellung von Julia, vielleicht nicht ganz gerecht und ja, ich war zu diesen Zeitpunkt wohl ganz auf mich bedacht. Egoistisch ich weiß, aber ich war eben auch nur ein Mensch. Frau Vogt flehte mich an. Julia bat mich, sich für sie einzusetzen, sie wollte einfach nach Hause, meinte sie. Ich gab nach und betete…
Wir arbeiten gut zusammen, wir waren wirklich ein super Team. Ich der Seelsorger und sie die Therapeutin, klar waren wir manchmal nicht einer Meinung, aber wir hatten immer ein Ziel. Zu helfen. Und was mich faszinierte war, dass Julia ihre Klienten wirklich ernst nahm und für sie alle Hebel in Bewegung setzte. Sie war eine tolle Therapeutin. Und ich? Ich, war fix und fertig. Mit Julia waren sie wieder da, die Gefühle die ich nicht haben durfte und deswegen auch die Zweifel die ich nicht haben durfte. Das war einfach nur der Wahnsinn. Sah ich Juli, hatte ich sofort den Drang sie in meine Arme zu schließen, ihr die eine Locke aus ihrem bezauberten Gesicht zu streichen, um dann das zwingende Bedürfnis zu bekommen mit schrillenden Alarmglocken zu fliehen. Sobald sie aber nicht in meiner Nähe war, sehnte ich mich nach Ihr. Ich war sprichwörtlich verZWEIFELt. Manchmal dachte ich mir, Juli gehts ähnlich, doch dann tanzte sie wieder ausgelassen mit dem Lackl aus Berlin auf unserem Seefest. Doch der größere Stich war allerdings das sie dann noch mit diesem Paul an unsere Stelle zum schwimmen gegangen ist. An unserer Stelle. Wo wir uns das erste mal geküsst haben. Diese Stelle war heilig!! Das Wort Heilig und diese eifersüchtigen Gedanken, passenden wohl nicht ganz in mein Berufsbild, aber ich konnte es nicht länger leugnen, ich war eifersüchtig. Ich liebte sie noch genauso wie früher, aber das durfte ich nicht, es war mir verboten. Aber erklärt das mal einem in der Brust hämmerten Herz, sobald man sie sah. Mein Kopf wusste dies und versuchte noch die überhand zu behalten. Klappte semi gut. Ich geb’s zu. Besonders den einen Moment in dem ich kurz schwach geworden bin. Wie sie auf der Wiese stand, an unserem See. Mit jedem Schritt den ich auf sie zu ging, wusste ich das mein Kopf verlieren würde. Der letzte Funke verstand lies mich stehen bleiben, keinen Schritt ging ich weiter, so  sehr mein Herz auch schrie. Juli musste es gehört haben, sie drehte sich zu mir und bewegte sich auf mich zu, sie schloss den Abstand zwischen uns und ich schaltete meine Vernunft einen kurz Augenblick aus. Als sie meinen Platz erreichte schloss ich sie ohne irgendeines Wortes in meine Arme. Ich wollte sie nur noch festhalten, halten ganz nah bei mir. Dieses Gefühl endlich wieder Vollständig zu sein, war so gegenwärtig und ich wusste in diesem Moment ging es mir nicht alleine so. Ich spürte wie Julia sich an mich klammerte, spürte ihren Herzschlag und im nächsten Moment spürte ich ihre Lippen auf meinen. Ich hatte sie geküsst. Ich glaube in keinem Buch kann beschrieben werden wie sich ein Kuss so anfühlen konnte. Wunderschön und doch so voller Verzweiflung, glückselig und doch voller Schmerz, nie wieder aufhören zu wollen und doch aufhören zu müssen. Diese Zerrissenheit lies mich wieder aufwachen. Ich löste den Kuss, löste unsere Umarmung, löste unsere Verbundenheit und ging mit entschuldigende Worte davon. Lies eine nicht minder durcheinandere Juli zurück.
Wieder stand ich vor den Toren einer Entscheidung. Ging ich durch das eine Tor? Oh es sah verlockend dahinter aus, wenn ich nur an Julis Lippen denke zog es mich in die Richtung dieses Tores, doch es waren eben nicht nur ihre süßen braunen Locken, ihre bezaubernde Augen, ihre Sanfte Haut, ihre goldigen Grübchen, es war eben nicht nur Julia dort. Es war auch so viel Ungewissheit dort, Angst, Verrat und noch so viel mehr was ich noch nicht verstand. Im Gegensatz zu dem Tor was auf der anderen Seite war. Da wusste ich was sich dahinter verbarg, ich kannte diese Welt. Ich liebte diese Welt und ich wusste eigentlich immer das ich in diese Welt gehörte, alles was ich brauchte war hinter diesem Tor. Alles bis auf Julia.     Es könnte eine folgenschwere Entscheidung für mich sein, dass wusste ich. Nur leider gab es im Leben nicht diese Option. „Tor 1 oder Tor 2, ob sie richtig stehen, sehen sie wenn das Licht angeht.“
Ich war feig, insgeheim war mir das klar, aber zu diesen Momentanen Zeitpunkt war die Hoffnung das alles wieder gut werden wurde noch größer. Vielleicht war ich auch einfach noch nicht bereit dazu. Im Nachhinein schämte ich mich für meine Entscheidung. Gegen Julia. Gegen ihre Übernahme nach ihrer Probezeit. Ja ich war feig. Das zeigten mir auch die Wochen danach. Ein scheiß wurde alles wieder gut. Die Gemeinde brauchte Julia, die Tölzer brauchten Julia, die Beratungsstelle brauchte Julia und ja, ich brauchte Julia.

                   

Da ist es, das Gipfelkreuz. Ich habe mein Ziel erreicht, mein Tagesziel mindestens. Beim Rest irre ich immer noch ziellos durch die Gegend. Bin ich einen Schritt weiter? Wenn ihr mein inneres fragt, würde es wohl mit ja antworten, mein Kopf ist da noch etwas sturer.
Ich lasse meinen Blick in die unendlich scheinende Ferne schweifen. Es ist so atemberaubend schön hier oben. Atemberaubend schön! Und schon sind meine Gedanken wieder bei Julia. Juli wie sie in unserem See schwimmt, wie sie mich anschaut. Wie sie in meinem Armen gelehnt liegt, als wir die Nacht im Krankenhaus verbrachten und gemeinsam hofften und beteten, dass Melli es schaffte. Was sie leider nicht tat. Der Schmerz in Julis Augen, als sie ihre beste Freundin für immer gehen lassen musste, ich hoffte diesen Schmerz nie wieder in ihren Augen sehen zu müssen, es tat mir so weh sie so zu sehen. Die Nächsten Bilder erschienen mir. Unseren kleinen unschuldigen Berührungen, immer und immer wieder. Die nicht, ganz so unschuldige Blicke. Ich wüsste gerne wie Juli zu mir stehen würde, wenn ich nicht das bin was ich bin. Doch Ich bin nun mal das was ich bin und wir wären nicht hier, wenn wir nicht der sein können der wir sind. Ich glaube Julia geht es manchmal ähnlich wir mir. Vielleicht hoffte ich das aber auch nur, denn schließlich gibts da auch noch Felix, mit dem sie sich immer öfters trifft, aber Manchmal Bilde ich mir ein, die gleiche Zerrissenheit in ihren Blicken zu sehen, die gleiche Hilflosigkeit.
Vielleicht hätte ich München doch annehmen sollen, Aber es geht nicht, nicht in meiner Momentanen Gefühlswelt,  wie hätte Ich da auch nur als Regens das Priesterseminar übernehmen können. Wie könnte ich jungen Männern den Weg weißen, ihnen beibringen woran ich selbst gerade Zweifel. Nein das kann ich nicht, auch wenn es vielleicht für mich besser gewesen wäre. Gerade jetzt wo Juli mit diesem Arzt Felix immer mehr anbandelt. Genau in dem Augenblick wo ich dem Generalvikar meine Zweifel gestanden hab und er mich geschickt hat es zu klären. Ja ich wollte es klären ihr sagen, das es da mehr gibt zwischen uns. Da steht sie da und lässt sich von dem küssen. Aber was hätte ich tun können, ihr Glück nicht gönnen, wo zwar meine Gefühle klar sind, aber der Rest noch völlig ungewiss ist. Nein das ist nicht mein Recht, auch wenn es noch so weh tut. Sie hat ein Recht glücklich zu sein.
Das einzige was ich momentan zu hundert Prozent weiß, ist das es so nicht weiter gehen kann. Irgendwas musste ich tun, mit irgendwen musste ich sprechen und zwar offen. Mit jemanden, der mein Zerwürfnis versteht. Viele fielen mir da nicht ein.
Wieder nahm ich ein blöken war, dieses Mal war es nur ein einzelnes was mich aus meinen Gedanken riss. Ein Lamm hat sich hier hoch verirrt, weg von der Herde. Oh man wie sinnbildlich es doch wieder war. Kurz schaute ich kopfschüttelnd nach Oben in den Himmel, dann schnappte ich mir das verloren gegangene Schaf und brachte es zurück, dahin wo es hingehörte. Ob das mit mir auch noch so einfach funktionierte, wird sich wohl noch rausstellen.
Auf dem Weg nach unten wird mir klar mit wem ich reden muss. Mit meinem Vater kann ich das nicht, der denkt da nicht ganz so objektiv. Ich werde mich an meinen früheren Seminarleiter Dr. Klare vom Priesterseminars wenden, mit ihm hab ich auch damals schon über meine Zweifel gesprochen. Die Entscheidung kann er mir nicht nehmen, das weiß ich, die muss ich ganz allein treffen.
 
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