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Der letzte Finger

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteSchmerz/Trost, Action / P16 / Gen
Megumi Fushiguro Ryomen Sukuna Yuji Itadori
04.07.2021
04.07.2021
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04.07.2021 4.558
 
Guten Abend. Mir ließen einige Gedanken einfach keine Ruhe, also habe ich sie nieder geschrieben und dachte mir, warum nicht teilen? Das hier ist meine Vorstellung, wie Jujutsu Kaisen denn vielleicht irgendwann einmal enden könnte.  Ich habe den Manga bis Kapitel 152 gelesen (möglicherweise aber nicht verstanden ^^") aber hier sollten wenn dann nur minimale Spoiler enthalten sein, die zwischen meinen wirren Gedanken nicht auffallen dürften.

Was glaubt ihr, wie der Manga/Anime ausgehen wird? Wer gewinnt, Gut oder Böse? Oder wie es so "schön" heißt, Krieg kennt keine Sieger.

Viel Spaß beim lesen!



Der letzte Finger

Die Luft war so schwül, dass ihre Kleidung sofort an ihnen zu kleben begann. Schweiß tropfte Megumi von der Stirn, obwohl er gerade einmal zwei Schritte getan hatte. Ein Blick zu Yuji sagte ihm, dass dieser sich nicht daran störte. Wie auch? Sie waren hier in der Sphäre des Sonder-Fluches, der Sukunas letzten Finger in sich aufgenommen hatte. Er hatte sichtlich andere Dinge im Kopf, als die hohe Luftfeuchtigkeit.

Gemeinsam folgten sie vorsichtig dem Pfad, der sich durch den Dschungel vor ihnen schlängelte. Er war schmal und gesäumt von dicht gedrängten Bäumen, die hoch über ihre Köpfe ragte. Ihre grün belaubten Kronen verdeckte jegliche Sicht auf den Himmel. Nue würde hier nicht ihr Potenzial ausschöpfen können. Die Flügel des Shikigamis würden sich in den vielen Lianen verheddern, wenn inmitten der Bäume und ihren gewaltigen Austrieben überhaupt genügend Platz war, um diese auszubreiten.

„Wo versteckt sich dieses Sackgesicht?“, presste Yuji zwischen zusammengebissen Zähnen hervor, während er mit der Machete, die Maki ihm gegeben hatte (als wenn sie so eine Vorahnung gehabt hätte), ihren Weg frei schlug. Megumi verstand ihn beinahe nicht, denn um sie herum herrschte ein ohrenbetäubender Lärmpegel. Es war irritierend. In den meisten Sphären war es totenstill, doch dieser Ort wimmelte nur so vor Insekten und anderen Tieren. Oder jedenfalls hörte es sich so an. Gesehen hatte er bisher keines der Lebewesen.

„Geh einfach weiter“, antwortete er Yuji etwas kurzatmig. Die Luftfeuchtigkeit war wirklich die reinste Hölle.

„Er wird uns schon-“

Gefunden!

Megumi riss es von den Füßen. Er krachte durchs Unterholz. Äste zerbarsten, Lianen zerrissen. Dann prallte er gegen den Stamm eines besonders breiten Baumes. Die Luft blieb ihm weg und kurz sah er Sterne, bevor Yuji besorgte Stimme durch den Wald hallte.

„MEGUMIII!“

„So eine Scheiße!“ Mühsam kämpfte er sich auf die Füße und blickte die Schneise zurück, die er durch das Dickicht gezogen hatte. Alles drehte sich einen Augenblick, dann kam Yujis Körper in sein Sichtfeld und gerade rechtzeitig konnte er erkennen, dass auch er durch den Dschungel geschleudert wurde. Megumi konnte sich nur eine Sekunde auf den Aufprall vorbereiten, doch bevor sie erneut mit dem Baum kollidierten, ließ er sie in ihrem eigenen Schatten versinken.

Es hatte lange gedauert, aber mittlerweile war ihm diese Technik in Fleisch und Blut übergegangen. Auch Yuji hatte sich schon daran gewöhnte, dass sie die Schatten nutzten, um kurze Wege zurückzulegen. Er nannte es den Schattengang.

Auf der anderen Seite des Baumes tauchten Sie wieder aus der Dunkelheit auf. Stolpernd, immer noch die Wucht des Schlags kompensierend, gingen sie gemeinsam zu Boden.

„Er sieht aus wie die anderen“, knurrte Yuji.

Sein Gesichtsausdruck jagte Megumi beinahe etwas Angst ein. In seinen Augen funkelte diese wilde Entschlossenheit, die keine Widerrede duldete. Langsam erhob er sich und zog Megumi mit auf die Füße. Die Welt schien sich nur noch in Zeitlupe zu bewegen, als sie beide je um eine Seite des Baumes herum gingen. Megumi war so schrecklich bewusst, dass das hier vermutlich ihre letzten gemeinsamen Minuten sein würden.

Seitdem Tag, an dem er Yuji das Leben gerettet und dieser den ersten der Finger gegessen hatte, war so viel Zeit verstrichen; so viel passiert. Heute war nichts mehr wie damals und nichts würde so enden, wie Satoru es sich vorgestellt hatte. Es waren nicht die hohen Tiere, die Yuji hinrichten würden. Es waren nicht die Oberhäupter der drei großen Familien, die seinen Tod forderten. Es war Yuji ganz allein, der Sukunas Tod wollte. Ein Ende dieses Leidens. Ein Ende seines eigenen Leidens. Viel zu häufig sah Megumi den Schmerz und den Hass in den goldenen Augen anstatt des unbändigen Glaubens an das Gute. Ein ehrliches Lächeln war eine Seltenheit auf Yujis Gesicht geworden.

Zurück in ihrer Flugschneise passierte alles ganz schnell. Während Megumi Gama beschwor, um den Fluch an Ort und Stelle festzuhalten, ging Yuji schon zum Angriff über. Megumi blieb kaum Zeit darüber nachzudenken, dass auch dieser Fluch so aussah, wie der, dem sie damals in der Erziehungsanstalt begegnet waren. Wie Yuji gesagt hatte. Es war jetzt der fünfte insgesamt, der so aussah und wie bei denen zuvor, war auch er offensichtlich stärker als sein Vorgänger. Was jedoch nichts hieß, denn schon seit einer Weile schien es vollkommen egal zu sein, wie stark ihre Gegner waren. Seit Yuji in der Lage war, einige von Sukunas Fluchtechniken zu verwenden und Megumi selber noch einiges mehr gelernt hatte, als nur den Schattengang, konnte sie nichts und niemand aufhalten.

Anfangs war Yuji nicht begeistert davon gewesen, dass Sukunas Techniken sich in ihm manifestierten. Das erste Mal passierte es aus Versehen. Wie man zufällig die richtige Handbewegung machen konnte, verstand Megumi bis jetzt nicht. Er vermutete eher, dass Yujis Muskelgedächtnis sich die Bewegung eingeprägt haben musste und im nächsten Moment waren Kopf und Körper des Fluches, gegen den sie damals gekämpft hatten, auch schon von einander getrennt gewesen.

Sukuna hatte das Ganze nicht gefallen. So gar nicht. Es hatte eine halbe Ewigkeit gedauert, bis Yuji den Mund des Fluches hatte vertreiben können.

So gut es für ihre Kämpfe auch sein mochte, Megumi fragte sich, was genau das hieß. Was passierte da mit Yuji? Wenn Sukunas Fluchkraft und sogar seine Techniken immer mehr Teil von Yuji wurden, hieß das, dass die beiden immer mehr miteinander verschmolzen? Was würde passieren, wenn sie so weiterleben würden? Würde Sukunas Seele Yujis Körper Stück für Stück in Beschlag nehmen und schließlich auch sein Bewusstsein verdrängen?

Es spielte keine Rolle. So bald Yuji den letzten Finger gegessen hatte, würde alles ein Ende nehme.
Der Fluch verlor eine Extremität nach der anderen. Erst die Beine, dann die Arme, doch bevor Yuji seinen Kopf abhacken konnte, ließ der Fluch seine Arme wieder wachsen und packte den auf ihn zuspringenden Yuji am Kragen. Sie machten eine halbe Drehung, dann wurde Yuji in die entgegengesetzte Richtung geschleudert. Megumi öffnete einen Schattengang für Yuji, bevor er den Höllenhund beschwor und dieser den Fluch attackierte. Der Fluch reagierte schnell und ehe Megumi etwas tun konnte, durchbohrte ein Pfeil aus reiner Fluchkraft den Hund. Es verletzte ihn, brachte ihn aber nicht um. Als er den Shikigami erlöste, schoss Yuji hinter dem Fluch aus einem Schatten und amte die Bewegung des Fluches nach. Amte Sukuna nach. Doch im Gegensatz zum Angriff des Fluches bestand Yujis Pfeil nicht aus reiner Fluchkraft, sondern aus Feuer. Er bohrte sich durch den Schädel des Fluches. Einen Moment passierte nichts, dann loderte die Flamme auf und der Körper explodierte in lila Maße, bevor er sich auflöste. Auch die Sphäre verschwand, der Dschungel wurde zu Staub, zurückblieb der kalte Gang des Krankenhauses, in dem für Yuji alles angefangen zu haben schien. Sukunas letzter Finger lag auf den hellen Fliesen und schien harmlos auf die nächsten Geschehnisse zu warten.

Megumi ließ den unbewusst angehaltenen Atem aus seinen Lungen entweichen. Sein Blick war starr auf den Finger gerichtet. Ihm wurde übel. Yujis Finger glitten in sein Blickfeld, umschlossen das Fluchobjekt. Megumis Augen wanderten die Hand hinauf, den Arm entlang über die Schulter zu Yujis Gesicht. Er wusste, dass ihm der Unglaube ins Gesicht geschrieben stand, aber sein Freund hatte lange eine Entscheidung getroffen und er hatte ihm versprochen, ihm zu helfen.

Megumi schluckte.

Er hatte den Eindruck gewonnen, dass er über die vergangenen Monate - waren es schon Jahre? - seine Überzeugungen verloren hatte.

Er hatte Yuji versprochen, ihn umzubringen. Yuji hatte ihn darum gebeten.

Du musst mich töten, wenn es so weit ist, hatte er gesagt. Du musst dafür sorgen, dass Sukuna niemals wieder jemanden töten wird. Hilf mir, nicht zu bereuen, dass ich diesen Finger gegessen habe, hatte er ihn angefleht. Alles in Megumi hatte gegen dieses Versprechen rebelliert. Dafür hatte er Yuji nicht gerettet.

Und dann war da noch Sukuna selbst. Er hatte ihm versprochen- es war egal, was er gesagt hatte. Wenn Yuji starb, dann würde auch Sukuna sterben und ihr Vertrag würde sich in Luft auflösen. Es war ein schwacher Trost, dass er Yuji so nicht beichten musste, warum Tsumiki wirklich noch am Leben war.
Er hatte das Gefühl, seine eigenen Überzeugungen verraten zu haben. Aber sollte es ihm zu denken geben, dass es für ihn ein größerer Verrat war, dass er Yuji töten sollte, als das er Sukuna einen Gefallen schuldete?

Yuji zögerte keine Sekunde und steckte sich den Finger in den Mund. Ein letztes Mal beobachtete Megumi wie Sukunas Fluchkraft mehr wurde und sich für wenige Augenblicke die Tattoos auf dem Gesicht seines Freundes manifestierten, bevor dieser es auf wundersame Weise wieder mit Leichtigkeit schaffte, den König der Flüche zu unterdrücken.  

„So langsam hatte ich mich an den Geschmack gewöhnte“, murmelte Yuji mit einem angeekelten Gesichtsausdruck.

Megumi konnte nicht an sich halten und fragte: „Wonach schmecken sie?“

„Seife.“

„Seife?“

„Seife“, wiederholte Yuji, dann zuckte er mit den Schultern. „Vielleicht hatte Sukuna als Mensch einen Putzfimmel.“

Eine von Megumis Augenbrauen wanderte in die Höhe. „Das bezweifle ich.“

Für einen kurzen Moment fühlte sich alles wie immer an. Auf Yujis Gesicht war sein herzliches Grinsen zu sehen und Megumi spürte, wie auch seine Lippen zuckten. Warum konnte es nicht für immer so sein?

„Du weißt, was du zu tun hast?“, fragte Yuji nach einem Moment des Schweigens. Es war eine rhetorische Frage, schließlich wusste er, dass sie sich aufeinander verlassen konnten. Bevor Megumi allerdings das Schwert, das sie gemeinsam für diesen Zweck ausgesucht hatte, aus den Schatten hervorholen konnte, veränderte sich ganz plötzlich Yujis Gesichtsausdruck. Er wurde blass und seine Augen weiteten sich.

„Fuck!“, kam es ihm noch über die Lippen, dann fielen seine Augen zu. Noch bevor sie sich einen Augenblick später wieder öffneten, manifestierten sich die schwarzen Linien auf seinem Gesicht. Anstatt warmes Gold starrte ihm blutiges Rot entgegen.

Vor Schreck machte er einen Schritt rückwärts und stolperte dabei über seine eigenen Füße. Die Kälte der Fliesen sickerte durch seine Kleidung und fraß sich in seine Handflächen, während er wie erstarrt in Sukunas diabolisches Gesicht sah.

„Na, na, Megumi. Hast du wirklich geglaubt, es würde so einfach werden?“, säuselte er. Sein Grinsen wurde noch süffisanter, als er langsam auf Megumi zu ging und dieser unwillkürlich weiter zurückweichen wollte. Ungelenk schaffte er es irgendwie wieder auf die Füße und stolperte dann weiter. Er übersah einige Besucherstühle, blieb hängen, erblickte aber direkt daneben die Tür zu einem Behandlungsraum. Er konnte sich nicht erklären warum seine Angst ihn in diesem Augenblick zur Flucht antrieb. Er stürzte sich auf die Tür und stieß sie auf, rannte in den Raum und durch die nächste Tür, die dieses Zimmer, mit dem nebenan verband. Dort führte eine weitere Tür in ein Fluchttreppenhaus. Er hatte eine Hand schon an der Türklinke, als Sukunas Stimme wieder erklang.

„Megumi“, sagte er ruhig und dieses Mal schwang kein Hohn mit, doch alles, was er nicht sagte, schien dem jungen Jujuzisten die Luft abzuschnüren.

Was hatte er nur getan? Geschlagen ließ er den Kopf gegen das Türblatt sinken und atmete einige Mal tief ein und wieder aus. Er spürte, wie die Tränen in seinen Augen stachen, und kämpfte eisern gegen sie an. Dann drehte er sich zum König der Flüche um und sah ihm fest ins Gesicht.

„Was soll ich tun?“

„Du hast noch 21 Sekunden, um Itadoris Schatten zum Leben zu erwecken.“

„Was?!“ Megumi blieb beinahe der Mund offen stehen. Er war sich sicher, dass er den Schatten in Masse verwandeln konnte, aber konnte er ihn auch manifestieren wie seine Shikigami? Er hatte es noch nie ausprobiert, wenn man mal von seinem eigenen Schatten absah. Er verstand nicht, was das bringen sollte.

„19...“, begann Sukuna herunter zu zählen. „18...“

Er machte keine Anstalten Megumi anzugreifen und so kam Megumi kurz der Gedanke, es hier und jetzt darauf anzulegen. Vielleicht konnte er Sukuna töten oder ihn wenigstens soweit schwächen, dass Yuji wieder die Kontrolle übernehmen konnte. Aber das wäre möglicherweise sein Todesurteil. Selbst wenn es funktionierte. Der Pakt mit dem Teufel würde ihn auf jeden Fall bestrafen.

Wenn Sukuna allerdings eine Möglichkeit gefunden hatte, seine Seele in den Schattendoppelgänger zu übertragen, musste Yuji nicht sterben. Sie konnten dann gemeinsam Sukuna besiegen. Die Wahrscheinlichkeit, dass das klappte, war viel größer, als wenn er es alleine versuchte.
Entschlossen trat Megumi hinter den König der Flüche. Der blieb ungerührt stehen und zählte gelassen weiter die Sekunden herunter.

„16 ..., 15 ...“

Mit einer gehörigen Portion Vorsicht legte Megumi seine Fingerspitzen auf Sukunas Schulterblätter. Er schloss die Augen und murmelte: „Doppelgänger.“

„14 ..., 13 ..., 12 ...“

Er konnte spüren, wie der Schatten seinem Ruf gehorchte und zu Sukunas Füßen aus dem Boden emporstieg. Er wuchs und wuchs, die schwarze Wolke formte sich, während er sich Yuji so lebensecht wie möglich vorstellte. Seine Fluchkraft strömte unaufhörlich in den noch nicht fertigen Körper, bis sich die Schatten in Fleisch verwandelten.

„8 ..., 7 ..., 6 ...“

Die Schatten wanden sich um die nackten Beine des Yuji-Doppelgängers und bildeten die dunkle Kleidung, die Megumi unter seinen Fingern spürte. Zuletzt färbten sich die Haare rosa.

Sukuna war still geworden. Sein Oberkörper hob sich unter Megumis Fingern, als würde er tief Luft, dann sackte der Körper so plötzlich nach hinten, dass Megumi keine Chance hatte, ihn aufzufangen. Gemeinsam sackten sie zu Boden.

„Yuji? Yuji!“, entfuhr es Megumi panisch, als er bemerkt, dass auf dem Gesicht, das auf seine Brust lag, keine Tattoos zu sehen waren.

„Yu-“, begann er erneut, doch die Worte blieben ihm im Halse stecken, als das leise Lachen an seine Ohren drang. Er hob den Blick und konnte nicht glauben, was er da sah. Der Doppelgänger war keineswegs wieder in sich zusammengefallen, obwohl Megumi spürte, dass er die Technik unterbewusst abgebrochen haben musste. Er hatte keinen Kontakt mehr zu dem Wesen. Das Wesen, das wie Sukuna lachte. Das Wesen, das aussah wie Yuji. Mit dem Unterschied, dass dort die Tattoos waren. Sie leuchteten im Augenblick rot, sodass Megumi sogar die Teile des Tattoos sehen konnte, die sich unter der Kleidung befanden.

Das Lachen wurde lauter und Sukuna öffnete alle vier Augen, während das rote Leuchten verschwand und die schwarzen Linien auf der Haut zurückblieben. Mit beinahe perverser Freude betrachtete er seine Hände, seine Arme, seinen Körper.

„So habe ich mir das vorgestellt!“, verkündete er. Ein fast schon kindliches Kichern entwich ihm, während er mit den Fingern wackelte. Dann wanderten seine Augen zu Megumi und Yuji hinunter. Sein Grinsen wurde wenn möglich noch breiter, wobei er sich zu ihnen hinunter beugte und Yuji am Kragen packte. Mit Leichtigkeit hob er den bewusstlosen Körper in die Luft.

„Ich hatte so viel Zeit mir zu überlegen, was ich mit dir anstelle, dass ich mich jetzt gar nicht für eine Sache entscheiden kann“, flüsterte der Fluch mit teuflischem Vergnügen.

Die Worte lösten Megumi aus seiner Starre. Sukunas Fluchkraft und seine tatsächliche Präsenz hatten ihm die Luft abgeschnürt, ihm den Schweiß auf die Stirn getrieben. Er war wortwörtlich vor Angst erstarrt gewesen. Aber die Worte – oh, diese so abscheulich klingenden Worte – brachten alles zurück, wofür Megumi stand. Und wenn er sich eines sicher war, dann, dass er Yuji niemals einfach so sterben lassen würden. Und jetzt gab es keinen Vertrag mehr, der ihn daran hindern würde.

In Bruchteilen von Sekunden war er auf die Beine und hatte das Schwert in den Händen, mit dem er geschworen hatte, Sukunas Schrecken ein Ende zu setzen.

Das Kurzschwert lag gut in der Hand, wie alle Waffen, die Maki ihm jemals gereicht hatte. Im Sprung holte er aus und mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, schlug er die Klinge in Sukunas ausgestreckten Arm. Sie schnitt wie durch Butter. Das Blut spritzte Megumi ins Gesicht, aber alles, was ihn interessierte, war Yuji, der mit dem abgetrennten Arm zu Boden ging. Er öffnete die Schatten, ließ sie Yuji verschlucken und versank selbst darin. Aber Sukuna erholte sich schnell von seinem Schock. Er ließ seine Hand wie nebensächlich nachwachsen und bekam Megumi noch im Nacken seines Kragens zu fassen. Ehe er sich versah, flog er durch die Luft und durchschlug die gegenüberliegende Wand. Über den Lärm der einstürzenden Betonmauer drang Sukunas kaltes Lachen an seine Ohren. Er hustete und wischte sich den Staub aus den Augen. Er musste Yuji aus den Schatten holen. Sie waren einfach nicht dafür gemacht, Lebewesen für längere Zeit zu beherbergen. Sukuna nicht aus den Augen lassend, stand er langsam auf. Der König der Flüche hatte sich noch keinen Millimeter gerührt. Er sah nur fasziniert seine nachgewachsene Hand an. Megumi griff kurzentschlossen in den Schatten seines Armes an der Wand und zog den immer noch bewusstlosen Körper heraus.

„Yuji!“, fauchte er. „Wach endlich wieder auf!“

Etwas hilflos packte er seinen Freund an den Schultern und schüttelte ihn. Es schien zu helfen, denn Yujis Augenlider flatterten, und im nächsten Moment sah Megumi in unfokussierte gold-braune Augen.

Er wollte etwas sagen, doch im Augenwinkel bewegte sich etwas. Im letzten Moment stieß er Yuji von sich weg. So wie damals, als sie sich kennengelernt hatten. Dieses Mal war es jedoch kein einfacher Fluchgeist, der auf der Suche nach einem starken Fluchobjekt war. Dieses Mal war es Sukunas Fluchkraft, die ihn von den Füßen riss und durch die nächste Wand schmetterte. Er landete wieder in dem Flur, in dem Yuji den letzten Finger gegessen hatte. Ihm blieb kaum Zeit sich wieder auf die Füße zu rappeln, da schlug neben ihm ein Pfeil aus Feuer in den Boden. Megumi biss die Zähne zusammen. Sukuna spielte nur mit ihm. Aber wie lange? Wie lange würde der König der Flüche noch Spaß daran haben? Er wusste nur eines, wenn Sukuna seine Sphäre erweckte, war alles vorbei. Er brauchte ihn jetzt nicht mehr und Megumi hatte nicht den Hauch einer Chance. Sukuna würde alle seine Shikigami mit Leichtigkeit zerstören. Es kribbelte ihm in den Fingern, seine eigene Sphäre zu nutzen, aber gleichzeitig hatte er Angst davor. Er war besser darin geworden, sie zu kontrollieren, aber sie war noch lange nicht perfekt und am Ende käme sie so oder so nicht gegen Sukunas Sphäre an.

Satoru wäre wirklich der Einzige, der eine Chance hätte. Dennoch hatten sie am Ende beschlossen, dass es besser wäre, wenn Satoru nicht gegen ihn kämpfte. Nicht einmal als Plan B. Die Zerstörung und der Tod, die mit diesem Kampf einhergehen würden, waren einfach nicht tragbar. Daher wollten sie Sukuna im Gefängnisportal versiegeln. Satoru würde sich nicht an diesen Plan halten, wenn einer von ihnen hier starb.

„Los Megumi, zeigs mir“, wiederholte Sukuna seine Worte aus ihrem ersten Kampf. Seine Lippen waren zu einem breiten Grinsen verzogen und sein Körper sprühte nicht nur so vor Fluchenergie, sondern auch vor freudiger Erwartung. Jede noch so kleine Bewegung, seine Haltung, ja jedes Blinzeln zeigte, wie sehr er es genoss, einen eigenen Körper zu haben.

Einen Körper, den Megumi ihm gemacht hatte. Knirschend biss er die Zähne zusammen. Er musste diesen Fehler wieder gut machen. Entschlossen griff er in den Schatten zu seiner linken und zog Yujis Schlagringe heraus. Sorgfältig schob er sie über seine Finger und scannte den Raum. Der Flur war hell erleuchtet und die einzigen Schatten, die es gab, waren sein eigener und der von Sukuna. Was alles andere als ideal war.

Megumi setzte zu einem Frontalangriff an. Sukuna wich mit Leichtigkeit aus. Wie damals tänzelte er mit den Händen in den Hosentaschen herum und schien jeden seiner Schläge vorauszusehen. Und dann immer noch dieses abscheuliche Grinsen. Es stachelte ihn an, machte ihn unendlich wütend. Und unaufmerksam. Zu spät merkte er, dass Sukuna seinem nächsten Schlag ausgewichen war und er auf die Treppe nach unten zusteuerte. Er schaffte es nicht rechtzeitig, die Füße unter seinen Körperschwerpunkt zu bekommen, und segelte den Kopf voran hinunter. Blut floss ihm von der Stirn über das Gesicht, als er sich wieder auf die Beine kämpfte und zu Sukuna hinauf sah. Der Fluch sah auf ihn herab, kam dabei langsam Stufe für Stufe auf ihn zu.

„Ich habe etwas mehr von dir erwartet, Megumi. Wo ist dein Kampfgeist hin? Wo sind dein Leichtsinn und deine Risikobereitschaft?“ Der Fluch blieb stehen, während er sprach, und sah beinahe etwas enttäuscht drein. „Wo ist der Wahnsinn geblieben, den du in letzter Zeit an den Tag gelegt hast?“

Es zuckte an Megumis Mundwinkel und schließlich konnte er das Grinsen nicht mehr unterdrücken. Es war dieser Wahnsinn, diese Verrücktheit, von der Sukuna sprach. Es war das, was ihm jahrelang gefehlt und ihn schließlich weitergebracht hatte. Und das alles nur dank Sukuna.

„Sei vorsichtig, was du dir wünschst.“

Megumi preschte vor, holte aus und Sukuna machte sich bereit, den Schlag zu blocken, doch Megumi versank im Schatten der untersten Stufe, um hinter dem König der Flüche aus dem Schatten der obersten Stufe wieder aufzutauchen. Sukuna konnte sich hoch halb umdrehen, aber dem Schlag nicht mehr ausweichen. Megumis Faust samt Schlagring traf ihm im Gesicht. Der Fluch, der auf dem Schlagring lag, ließ alles gefrieren, womit er kollidierte. Eiskristalle flogen durch Luft, Sukunas Augen weiteten sich in Schock und Megumi sprang weiter von einem Schatten zum nächsten. Er hatte nur darauf gewartet, dass sich ihr Kampf in eine dunklere Ecke verlagerte. Jeder Sprung war ein Schlag. Jeder Schlag einmal Gefrierbrand. Aber es schwächte Sukuna nur minimal.

Und dann hatte er sich an Megumis Angriffstaktik gewöhnt. Sukuna wich der heranrauschend Faust aus, packte das Handgelenk, zog und ließ ihn den Kopf voran in die nächste Wand krachen. Er zog erneut an dem Handgelenk, doch dann war die Hand plötzlich weg und Megumi stolperte rückwärts, ließ sich in den Schatten fallen. Bevor ihn die Schwärze verschluckte, sah er Yuji, der mit den Füßen voran den Treppenabsatz hinuntersprang und Sukuna attackierte.

„Der Scheißkerl hat mir mein Gesicht geklaut!“, brüllte Yuji, als Megumi aus dem nächsten Schatten wieder auftauchte. Wie sie es schon einige Male gemacht hatte, warf Megumi die Schlagringe durch die Luft und Yuji fing sie im Sprung mit einer fließenden Bewegung auf. Als hätte er nie etwas anderes gemacht. Sein erster Schlag traf und beförderte Sukuna durch das Fenster nach draußen.

Schwer atmend, blieben die beiden jungen Männer an der zertrümmerten Glasscheibe stehen und sahen nach unten.

„Hab ich immer so ausgesehen, wenn er ich war?“, fragte Yuji in weinerlichem ton.

Megumi nickte nur.

„Ich dachte immer, er würde alle vier Arme haben und so, wenn er einmal einen eigenen Körper haben würde“, mutmaßte Yuji weiter. Ihre beider Augen waren dabei auf Sukuna gerichtet, der langsam auf die Beine kam und sich dann den Staub von den Klamotten klopfte.

Einen Moment schwieg Megumi, dann holte er tief Luft und gab zu: „Das ist meine Schuld. Ich hatte einen Pakt mit ihm. Er hat Tsukimi gerettet.“

Etwas hilflos und ängstlich sah er Yuji in die Augen, doch der lächelte nur.

„Versteh ich. Scheinbar hatte auch ich einen Vertrag mit ihm. Ich hab es nur vergessen. Deswegen konnte er die Kontrolle übernehmen.“

„Kommt ihr jetzt hier runter oder muss ich daraufkommen, um eurem Gequatsche ein Ende zu bereiten?!“

Schnaubend wandte Megumi den Blick wieder nach draußen, nachdem Yuji mit den Augen gerollt hatte. Sukuna hatte sich die Jacke und Shirt vom Oberkörper gerissen und breitete jetzt die Arme aus.

„Kommt schon!“

Sie ließen sich das nicht zwei Mal sagen und schwangen sich aus dem kaputten Fenster auf den Innenhof des Krankenhauses. Megumi wunderte es nicht, dass keine Menschenseele hier war. Schon die Fluchenergie des letzten Fingerträgers war enorm gewesen, aber Sukunas Ausstrahlung war überwältigend, ja beinahe greifbar.

„Er darf seine Sphäre nicht entfalten.“

„Schon klar.“

„Kannst du- kannst du noch Fluchkraft nutzen?“ Megumi fragte nur zögernd, während sie die letzten paar Schritte zu ihrem Gegner langsam gingen.

„Kein bisschen.“

Etwas in Megumis Kiefer verkrampfte sich. Hatte sie so noch eine Chance? Yuji schien es jedenfalls nichts auszumachen. Er packte die Schlagringe noch etwas fester und ohne ein Kommentar abzuwarten, stürmte er los.

Was folgte, war ein schmutziger, ein blutiger Kampf. Megumi und Yuji nutzten die Schatten so häufig wie noch nie zuvor. Sie nutzten das gesamte Waffenarsenal, das sich darin verbarg. Sie attackierten Sukuna mit allem, was sie aufzubieten hatte. Sukuna sah sogar mitgenommen aus, aber das überhebliche Grinsen war nicht aus seinem Gesicht zu wischen. Die Tatsache, dass er mehrere Gelegenheiten hatte, um seine Sphäre zu entfalten, und es nicht tat, sagte aber alles. Er spielte immer noch mit ihnen. Und so fasste Megumi einen Entschluss.

„Sphärenentfaltung. Schattengarten-Gefäß!“

Während die Schatten um sie waberten, begann Sukuna hysterisch zu lachen. Auch ihm lief das Blut in Strömen über das Gesicht, aber körperlich schien ihm das nichts auszumachen. Wie auch. Megumi hatte es zwischenzeitlich geschafft, ihm einen Arm abzuhacken. Wenige Sekunden später war er wieder nachgewachsen.

Aber jetzt in den Schatten kämpfte Megumi ohne Rücksicht auf Verluste und Yuji passte sich dem an. Ihre Bewegungen waren weiterhin aufeinanderabgestimmt. Sie schwächten Sukuna sichtlich, trieben ihn in die Enge und dann-

Es war, als hätte Todo in die Hände geklatscht. Anstatt Sukuna stand da plötzlich Yuji vor ihm. Sie starrten sich fassungslos in die Augen, bevor ihre Blicke nach unten wanderten. Mitten aus Yujis Brust ragte Sukunas Faust.

Megumi fühlte sich an diesen einen Tag zurückversetzt. Yuji lief das Blut aus den Mundwinkeln, dieses Mal begleitet von einem grässlichen Gurgeln.

Yuji sank eine Armlänge vor ihm auf die Knie, sah mit geweiteten Augen zu ihm nach oben. Erst jetzt, trotz der Schmerzen, trotz der vielen Schrammen im Gesicht, fiel Megumi auf, wie befreit sein Freund aussah. Da war der Schmerz, die Erschöpfung und die Angst. Da war die Gewissheit, versagt zu haben und die Sorge, um die Zukunft der Welt, die Reue und die Traurigkeit. Aber da war auch Yujis Lippenbewegung und der Hauch seiner Stimme.

Danke.

Und dann zog Sukuna seine blutige Hand wieder aus Yujis Brustkorb. Ein klaffendes Loch blieb zurück und das Leuchten in den gold-braunen Augen erlosch, bevor der leblose Körper vor Megumis Füße fiel.

Die Stille dröhnte in seinen Ohren. Das Blut gefror in seinen Adern. Sein starrer Blick glitt nach oben über das Herz in Sukunas Händen bis hin zu dessen Gesicht. Mit der Zunge leckte er sich über die mit Blut – Yujis Blut – beschmierten Lippen. Kurz verzogen sich diese zu einem Grinsen und im nächsten Augenblick stand er hinter Megumi. Er spürte Sukunas warmen Körper. Er war ein gutes Stück größer als Megumi, weil Yuji in den letzten Monaten einen gewaltigen Wachstumsschub zurückgelegt hatte.

Von rechts legte sich eine Hand um seinen Hals und links eine an sein Kinn. Die Berührung war sanft, fast beruhigend. Beinahe liebkosend strich Sukunas Nase hinter seinem Ohr entlang. Megumi spürte, wie sich seine Lippen an seinem Nacken bewegten als er sprach, aber er war noch zu schockiert, als dass ihm ein kalter Schauer den Rücken hinunterlaufen konnte.

„Eigentlich-“, drang das Flüstern an seine Ohren, aber Sukuna hielt noch einmal inne, leckte sich erneut über die Lippen, bevor er fortfuhr: „Eigentlich wollte ich dich noch eine Weile am Leben lassen, aber ...“

Megumi hörte nicht mehr, ob der Fluch seinen Satz beendete. Die Hände schlossen sich mit einem Mal kräftiger um seinen Hals und sein Kinn. Dann ging ein Ruck durch seinen Körper. Sein Genick brach.
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