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Ein Engel für einen Vampirjäger

von K4thi02
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Action / P18 / Gen
Dr. Jack Seward Dracula OC (Own Character) Prof. Abraham van Helsing Renfield
04.07.2021
19.06.2022
11
22.088
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04.07.2021 2.369
 
6 Jahre später

Die Sonne geht unter über der großen Stadt. Eine schwarze Gestalt läuft durch die engen Gassen. Dichter Rauch hängt über den Häusern und auch der eisige Wind, der durch die Straßen fegt, vermag den schweren Dunst über London nicht zu heben. Abgesehen von einigen zusammengekauerten Figuren sind die dreckigen Straßen menschenleer. Und auch die Obdachlosen versuchen sich, so gut wie möglich, in dunklen Ecken und schmalen Nischen zwischen den dicht gebauten Häusern zu verbergen. Die gesamte Bevölkerung der englischen Hauptstadt scheint diese dunkle Bedrohung zu spüren. Die Gestalt zieht sich den schwarzen Mantel enger um den zierlichen Körper. Sie weiß, dass hier etwas Mächtiges und Übermenschliches am Werk ist. Doch genau darum ist sie hier. Am Ende der Straße erhebt sich unheilvoll ein großes Anwesen, eine Irrenanstalt, auf welches die Gestalt zu eilt. Mit dem letzten Sonnenstrahl tritt sie durch das schmiedeeiserne Tor, dann verschlucken die Abgaswolken das letzte Licht des Tages.

Ein stechender Schmerz schießt durch Saskias Hand. Hinter ihr fällt das schwere Tor mit einem Knirschen wieder ins Schloss. Besorgt betrachtet sie ihre Hand. Aus einer kleinen Schnittwunde tritt ein einzelner Tropfen goldenen Blutes hervor. Dann schließt sich die Wunde. Die junge Frau setzt erleichtert ihren Weg zu dem großen Gebäude fort.
Saskia klopft an das dunkle Portal. Fast augenblicklich wird die schwere Tür einen Spalt breit aufgeschoben und zwei helle Augen blitzen aufmerksam in die Dunkelheit. Als die Person erkennt, wer vor der Tür steht, öffnet sie diese komplett und strahlt über das ganze Gesicht. „Saskia!”, ruft der Pförtner aus. „Was für eine Freude Sie einmal wieder zu sehen. Dr. Seward erwartet Sie bereits!” Der Pförtner ist ein fröhlicher und offenherziger Mann. Er hat kurze, stämmige Beine und einen dicken Bauch, über den sich die hellblaue Uniform aller Angestellten der Klinik spannt. Als Saskia das erste Mal hier gewesen war, hatte sie gedacht, dass ein Pförtner so etwas wie ein Wächter wäre. Beim Anblick dieses Mannes hatte sie ihre Meinung schnell wieder geändert.
Die beiden betreten das große Foyer. „Jack erwartet mich? Ich hatte mich gar nicht angemeldet.”
Der Pförtner zuckt mit den Schultern. „Ich weiß leider nichts genaueres. Er ist in seinem Büro. Aber es muss ein besonderer Anlass sein. Er hat die halbe Belegschaft zusammengerufen.”

Neugierig macht Saskia sich auf den Weg. Seit sie vor einigen Jahren von dem besonderen Fall von Mr. Renfield, einem der Patienten, erfahren hatte, war sie immer häufiger nach London gekommen und hatte sich schnell mit Jack Seward, dem leitenden Arzt der Klinik, angefreundet.
Sie eilt durch die kahlen Gänge der Anstalt. Nach kurzer Zeit steht sie vor einer dunklen Holztür, an der ein bronzenes Schild angebracht wurde. Die feinen Buchstaben verraten, dass es sich um Jacks Büro handelt. Ohne zu zögern klopft Saskia an.

„Herein!” Sie öffnet die Tür und sieht sich sofort einem vollem Büro gegenüber. In der Mitte des Raumes steht ein großer Schreibtisch, hinter dem ein junger Mann sitzt.
„Hallo Saskia!”, begrüßt er die junge Frau.
„Grüß dich, Jack!” Saskia guckt sich im Raum um. Es sind hauptsächlich Pfleger anwesend, die sich angeregt über irgendwelche Akten unterhalten. Keiner von ihnen scheint Notiz von Saskia zu nehmen. In einer der hinteren Ecken lehnt Professor van Helsing. Wie oft hatte sie ihn schon aus der Ferne beobachtet? Sie kann sich nicht erinnern. Der Professor trägt, wie so häufig, ein beiges Hemd unter einer braunen Lederweste. Die lederne Hose ist schmierig, die Stiefel sind fast schwarz vor Dreck. Auf dem Kopf trägt er einen braunen Schlapphut. Aufmerksam beobachtet er die neu Angekommene.
Nach einem letzten Blick auf die Unterlagen vor ihm kommt Jack um den Tisch herum und zieht Saskia in eine kräftige Umarmung.
„Ich bin froh, dass du es einrichten konntest. Ich war mir nicht sicher, ob mein Brief dich noch erreicht.” Irritiert erwidert Saskia die Umarmung.
„Ich habe keinen Brief erhalten. Ich bin erst seit heute wieder in London. Was ist denn los?”, fragt sie besorgt.
„Ich möchte dir Professor Abraham van Helsing vorstellen.” Jack fasst sie sanft am Arm und führt sie in die Ecke, in der der Professor lehnt. „Er war mein Mentor und ist Experte auf dem Gebiet für außergewöhnliche Krankheiten.” Was für außergewöhnliche Krankheiten das sind, kann sich Saskia nur zu gut denken. Van Helsing zieht den Hut. Blonde, wirre Haare kommen darunter zum Vorschein. Er mustert Saskia intensiv aus tiefblauen Augen.
„Professor, das ist Saskia Hammond”, stellt Jack sie vor. Van Helsing reicht ihr die Hand.
„Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen. Auch wenn die Umstände nicht ganz so schön sind.” Mit Mühe muss Saskia ein Stöhnen unterdrücken. Denken die Männer eigentlich, sie könne Gedanken lesen? Sie weiß schließlich immer noch nicht, was genau hier los ist. Stattdessen antwortet sie lächelnd:
„Die Freude ist ganz meinerseits.”
Sie betrachtet den Professor noch einmal genauer. Bisher hatte sie sich selbst nicht erlaubt, ihn sich aus nächster Nähe an zu sehen, aus Angst er würde sie bemerken. Sofort fallen ihr dunkle Ringe unter den blutunterlaufenen Augen und tiefe Sorgenfalten auf seiner Stirn auf. Genauso wie sie, scheint auch van Helsing in Beobachtungen versunken zu sein. Jack räuspert sich. Langsam klärt sich van Helsings Blick und auch Saskia muss einige Male blinzeln, ehe sie wieder im Hier und Jetzt ankommt. Verlegen wendet sie sich ab.

„Ich habe dich hergebeten, da wir denken, dass du in großer Gefahr schwebst”, erklärt Jack endlich. „Wir sind auf der Jagd nach Graf Dracula, einem mächtigen Vampir. Professor van Helsing vermutet eine mentale Verbindung zwischen Mr. Renfield und Dracula.” Jack geht zurück an den Schreibtisch und holt Renfields Patientenakte. „Er hat des Nachts wiederholt wie im Wahn gesprochen. Nicht, dass das etwas besonderes wäre. Was mir dagegen Sorgen bereitet, ist, was er sagte: Er hat nach dir gerufen, Saskia. Außerdem hat er verkündet, dass sein ‘Meister’ kommt und ihn befreit.” Saskia runzelt die Stirn.
„Dann denken Sie, dass Graf Dracula nach London kommt?”, fragt sie van Helsing. Dieser schüttelt den Kopf.
„Er ist bereits hier”, seine Stimme klingt hart und verbittert. Jack stützt sich auf den Sessel hinter seinem Schreibtisch und starrt auf den Boden. Seine Finger krampfen und graben sich tief in das weiche Polster. Innerlich gratuliert sich Saskia. Ihr Plan scheint aufgegangen zu sein. Doch sie kann sich über ihren Erfolg nicht freuen, wenn Jack so verstört reagiert.
„Was ist geschehen?”, fragt sie leise. Von Jack keine Antwort erwartend, blickt sie van Helsing auffordernd an.
„In seiner Heimat hatte er mehrere Gefährtinnen. Wir denken, dass er sich hier wieder einige Frauen an die Seite holt. Bis jetzt wissen wir von nur einer jungen Frau, die er gebissen hat.”, erklärt der Professor. Jack zuckt zusammen. „Das ist vor einigen Tagen geschehen und ich vermute, dass er noch einige andere direkt getötet hat.”
Besorgt betrachtet Saskia ihren Freund.
„Wer war sie, Jack?” Sanft zwingt sie ihn, sie anzusehen. Seine Stimme ist leise, als er antwortet. Doch inzwischen ist es so still im Raum, dass man das geflüsterte Wort ohne Probleme verstehen kann: „Lucy.” Wie als hätte sie sich an Jack verbrannt, zuckt Saskia zurück. Lucy war eine gute Freundin von Jack gewesen. Er hatte sie geliebt und um ihre Hand angehalten. Auch Saskia hatte sie in den vergangenen Jahren häufig getroffen. Langsam zieht Saskia den Doktor wieder in ihre Arme. Über seine Schulter sieht sie zu van Helsing. Der Professor starrt aus dem Fenster. Seine Hand streicht langsam über seinen linken Unterarm. Die Trauer im Raum drückt Saskia schwer aufs Gemüt, doch sie weiß nicht, wie sie den Männern helfen kann.

Einige Minuten waren verstrichen und die Pfleger hatten wieder angefangen, sich leise zu unterhalten, als Jack Saskia ein Stück von sich weg schiebt.
„Du musst vorsichtig sein. Wenn Dracula dich tatsächlich als Nächste haben möchte, solltest du nicht mehr alleine sein! Ich bitte dich, hör auf Professor van Helsing. Er weiß am besten, was zu tun ist. Ich möchte nicht noch eine Freundin an dieses Monster verlieren.” Seine Stimme ist brüchig. Saskia nickt langsam mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen.  
„Ich verspreche dir, Dracula wird mich nicht bekommen.” Sie löst sich sanft von Jack, atmet einmal tief durch und wendet sich Professor van Helsing zu. „Wie sollen wir denn jetzt weiter vorgehen?”
„Ich würde gerne Mr. Renfield direkt zu Ihnen befragen, Ms. Hammond. Natürlich nur, wenn Sie sich das zutrauen.”
„Ich habe extra die Belegschaft antreten lassen, zu eurer Sicherheit.”
„Danke Jack. Aber das wäre nicht nötig gewesen. Ich bin bisher doch auch ohne weitere Sicherheitsmaßnahmen klar gekommen.” Dann nickt sie van Helsing zu. „Gehen wir!”
Und so verlassen van Helsing, Jack und Saskia das Büro, hinter ihnen ein langer Zug aus mindestens einem Duzend Pfleger. Saskia behagt die Situation nicht. Sie war gewohnt, allein mit Renfield zu sprechen und so fürchtet sie jetzt, dass er verraten würde, was bei ihren letzten Treffen geschehen war, wenn so viele Andere anwesend sein würden. Der Professor musste gemerkt haben, dass sie sich unwohl fühlt, denn er sagt:
„Dr. Jack hat die richtige Entscheidung getroffen. Dracula wird bereits wach sein und befindet sich möglicherweise in Mr. Renfields Geist. Sollten Sie tatsächlich die Nächste sein, sind ein paar mehr helfende Hände sehr nützlich. Wir dürfen nicht riskieren, dass er Sie angreift.” Ein Blick aus dem nächsten Fenster bestätigt Saskia van Helsings Aussage, dass Dracula bereits wach ist: Es ist pechschwarze Nacht und kein Stern ist zu sehen. Die perfekte Nacht für einen Vampir! Sie muss schlucken. Heute Nacht würde wieder jemand sterben. Womöglich jemand, den niemand kennt. Eine weitere namenlose Leiche in Londons dreckigen Straßen. Ein Bild des Grauens baut sich vor ihrem inneren Auge auf und ein kalter Schauer läuft ihr den Rücken herunter. Sie schüttelt sich. Doch mit dem Grauen kommt auch die Entschlossenheit. Sie war van Helsing nach London gefolgt, um ihm im Kampf gegen Dracula beizustehen und das würde sie tun, auch wenn das bedeuten würde, dass gleich eine ganze Horde Pfleger Renfields Zelle stürmen würde. Entschlossen beschleunigt sie ihren Schritt.

Jack öffnet die schwere Tür der Zelle und tritt als Erster in den kleinen Raum. „Hallo Doktor!”, dringt eine hohe Stimme nach draußen.
„Guten Tag, Mr. Renfield! Ich habe Ihnen Besuch mitgebracht.”, grüßt Jack. Professor van Helsing und Saskia betreten die Zelle. Jack geht einen Schritt zur Seite und macht den Blick auf eine hagere, zusammengesunkene Gestalt frei. Hinter den beiden Gästen drängen sich zwei Pfleger in den inzwischen völlig überfüllten Raum. Sie sind angespannt und auch Professor van Helsing scheint sich nicht wohl zu fühlen.  
„Ms. Saskia ist wieder da und das ist Professor Abraham van Helsing.”, kündigt Jack den Besuch an. Renfield mustert alle Anwesenden kurz, bis sein Blick an Saskia hängen bleibt. Langsam leckt er sich über die Lippen und bleckt die Zähne. Schnell macht van Helsing einen Schritt weiter in den Raum hinein und schiebt Saskia hinter sich. Renfield mustert die beiden Gäste noch einmal, dann fängt er an, schallend zu lachen.
„Du kannst sie nicht beschützen, Professor!”, sagt er leise. „Du wirst sie verlieren. Genauso, wie du damals dein Mädchen verloren hast.” Dann lacht er wieder verrückt. Van Helsing zuckt zusammen und kratzt sich hektisch am linken Unterarm. Besorgt beobachtet Saskia seine Reaktion. Renfield hat auf Roseanne angespielt. Das ist ihr bewusst, aber was hat van Helsings Verhalten zu bedeuten? Sie legt ihm eine Hand auf den Rücken. Der Professor sieht sie überrascht an. Saskia lächelt ihm zu und geht dann an ihm vorbei auf den kichernden Mann zu. Sie hockt sich vor ihn und fragt: „Bin ich es, nach der Ihr Meister verlangt?” Renfield sieht die junge Frau mit großen Augen an. Dann leckt er sich schnell über die Lippen. Wie bei einer Schlange schnellt seine Zunge immer wieder vor.
„Sie wissen es doch schon längst.” Er kichert. „Er liebt dieses reine, unschuldige Blut. Es ist wie flüssiges Gold.” Renfield kriecht ein Stück auf Saskia zu und lehnt sich nach vorne. Würde sie nicht zurückweichen, würden sich ihre Nasenspitzen jetzt berühren. Die Pfleger reagieren endlich und ziehen Renfield zurück. Nachdenklich steht Saskia auf und verlässt die Zelle. Dass Jack und van Helsing ebenfalls den Raum verlassen, bemerkt sie nur am Rande und folgt ihnen, tief in Gedanken versunken.
Flüssiges Gold. Immer wieder hallen diese Worte in ihrem Kopf nach. Sie hatte in all den Jahren, die sie jetzt schon auf der Erde war, penibel darauf geachtet, dass niemand erfuhr, dass sie ein Engel ist. Wie also kommt Renfield auf diesen Ausdruck? Flüssiges Gold. Weiß Dracula etwas?
Erst als sie vor Jacks Büro beinahe in die beiden Männer hineinläuft, realisiert sie wieder, wo sie ist und ihre Gedankengänge finden ein jähes Ende.
An Jacks Schreibtisch beraten sie gemeinsam, wie es weiter gehen soll. Wobei gemeinsam übertrieben ist. Die Männer diskutieren darüber, ob Saskia bei Jack in der Klinik bleiben soll oder ob sie bei van Helsing in einem Hotel bleibt. Irgendwann reicht es ihr. Da die beiden Doktoren es nicht für nötig zu halten scheinen, Saskia nach ihrer Meinung zu fragen, unterbricht sie die Diskussion laut:
„Wenn ich das richtig verstanden habe, haben Sie keine Wohnung hier in London, nicht wahr, Professor?”
„Das stimmt.”, antwortet er, ein wenig irritiert von ihrer plötzlichen Teilnahme an dem Gespräch. Zufrieden nickt Saskia.
„Dann könnten Sie bei mir einziehen für die Zeit, die wir brauchen, um Dracula zu besiegen.” So ganz sicher ist Saskia sich nicht, ob das wirklich eine gute Idee ist. Immerhin gibt es in ihrer Wohnung genug Beweise, dass sie van Helsing schon länger kennt, als sie vorgibt. Auf der anderen Seite hätte sie auch damit rechnen müssen. Schließlich hatte sie gezielt daraufhin gearbeitet, Draculas Aufmerksamkeit zu erregen und ihn zu besiegen, bevor van Helsing sich rächen kann. Dass van Helsing nicht weit sein würde, wenn Dracula sich in Europa zeigt, daran hatte sie nicht gedacht. Jetzt aber hatte sich die Situation geändert, van Helsing ist in London und sie würde das Beste aus der Situation machen müssen. Es läuft eben nicht immer alles nach Plan.
„Das ist eine gute Idee.”, stimmt Jack zu. „Hier in der Klinik wäre es sowieso zu riskant gewesen, wegen Renfield.”
Van Helsing sieht Saskia prüfend an. „Wenn es Ihnen wirklich nichts ausmacht, Ms. Hammond. Ich möchte nicht zu sehr in Ihre Privatsphäre eindringen.”
Saskia winkt ab. „Dracula fragt auch nicht. Und Sie sind mir alle Male lieber als ein Vampir.”
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