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Die Angst vor neuem Glück

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf Thomas Schmitt
03.07.2021
09.09.2021
28
56.934
10
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38 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
20.07.2021 2.276
 
Heute wieder gewohnt früh.
In diesem Sinne, ohne viel Gelaber: Viel Spaß mit diesem Kapitel.

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Kapitel 6: "Ich bin dein Freund - kapier das endlich"

Mit dem Kopf auf der Lehne abgelegt, saß Klaas auf seiner Couch, die ihm – wie es sich Joko vor einigen Tagen schon gedacht hatte – viel zu groß vorkam und ihn noch einsamer machte, als er ohnehin schon war. Dabei starrte er die ganze Zeit an die Decke, führte hin und wieder seine Zigarette an die Lippen und entließ ein paar Sekunden später den ungesunden Dunst wieder seiner Lunge.


Er war so glücklich und stolz darauf gewesen, als er vor einigen Jahren aufgehört hatte zu rauchen. Doch der ganze Stress seit diesem Unfall, hatte ihn wieder damit anfangen lassen. Dass das seiner Gesundheit und vor Allem seiner Lunge gar nicht guttat wusste er. Allerdings war es ihm egal. Alles war ihm egal.


So wiederholte er seine Handlung noch einmal. Sein Blick blieb dabei die ganze Zeit starr zur Decke gerichtet, während er seine Hand abermals an seine Lippen führte, nur um sie einen Moment später wieder sinken zu lassen. Er hatte nicht bemerkt, wie sich kalte Asche auf seiner Hose und auch seinem Teppich abgesetzt hatte. Jedoch wäre ihm dies ebenso egal gewesen, wie sein derzeitiger Zustand.

Immer mehr versank er in Selbstmittleid. Konnte nur noch daran denken, völlig allein zu sein und auch noch selbst schuld daran zu tragen. Hätte er Doris doch aufgehalten, dann wäre das Ganze nicht passiert. Oder er hätte sich viel früher von ihr trennen müssen. Das wäre noch besser gewesen. Für sie. Für ihn. Für ihre toten Kinder. Letzter Gedanke traf ihn am meisten. Warum zur Hölle hatte er erst zugelassen, dass es so weit gekommen war?

Aus Pflichtgefühl?

Aus Bequemlichkeit?

Aus Ignoranz?

Oder einfach nur, um die Wahrheit zu vertuschen?

Vermutlich war es das. Er hatte Angst davor gehabt, dass seine wahren Gefühle zum Vorschein kommen würde. Gefühle, die er so lange hatte verbergen können. Und jetzt? Jetzt brachte ihm all das nichts mehr. Joko lebte in München und Doris war tot. Ebenso wie seine Kinder. Übrig blieb nur noch er. Er allein in dieser großen Stadt, in der auch er sich niemals wirklich zuhause gefühlt hatte.

„Fuck!“

Ein unsagbarer Schmerz erfüllte seine Brust. Nichts war schlimmer als Einsamkeit. Das hatte er in den letzten Jahren gelernt. Doch was brachte ihm das? Allein war er trotz dieser Erkenntnis. Er war allein und keiner holte ihn hier raus.

So zumindest sein Gedanke. Doch er vergaß, dass er Freunde hatte. Freunde, die sich Sorgen um ihn machten. Freunde, die für ihn da sein würden. Freunde, die ihn aus jedem Loch herausholen würden, egal wie tief es war.

Doch in seiner Welt, die er sich selbst geschaffen hatte, existierten keine Freunde, die ihm helfen wollten. Dort existierte nur die Schuld, die ganz allein er trug. Allein würde er aus diesen Gedanken auch nicht mehr herauskommen. Zu Anfang hatte er das noch gewollt. Versucht. Jetzt aber hatte er nicht mehr die Kraft dazu. Zu kaputt war er mittlerweile.

Jedoch gab es Jemanden, der dies nicht glauben wollte. Dieser Jemand wollte nicht glauben und erst recht nicht akzeptieren, dass sich Klaas selbst kaputt gemacht hatte. Dementsprechend versuchte er seine Aufmerksamkeit zu erlangen, indem er an seiner Haustür klingelte.

Natürlich vernahm Klaas das Klingeln. Auch, wenn er gerade noch in seinen trostlosen Gedanken versunken gewesen war, die Türglocke drang zu ihm vor. Dass er darauf hätte reagieren sollen, war eine andere Sache. Dazu konnte er sich wie, schon beim letzten Mal, allerdings nicht sofort aufraffen. Eigentlich hatte er es gar nicht vorgehabt. Er hatte keine Kraft sich zu erheben. Also blieb er sitzen, seufzte tief und wartete. Vielleicht würde die Person ja auch gleich wieder verschwinden. Vielleicht hatte sie gar nicht zu ihm gewollt.

Einige Sekunden lang geschah dann tatsächlich nichts. Dann aber klingelte es erneut. Scheinbar hatte Derjenige, der dort vor der Tür stand, doch zu ihm gewollt. Allerdings blieb Klaas‘ Motivation sich zu erheben noch immer aus. Er redete sich ein, dass es mit Sicherheit nicht wichtig war. Wer auch immer bei ihm klingelte, würde wahrscheinlich auch gleich wieder verschwinden. So hoffte er zumindest.

Doch stattdessen klingelte es plötzlich sturm. Scheinbar hatte sein „Besucher“ den Finger einfach ein paar Sekunden lang auf dem Knopf gelassen, um ein durchgehendes, schrilles Geräusch zu verursachen. Er wusste nicht, ob dies aus Hoffnung, dass er ihm öffnete entstand, oder um ihn zu nerven. Allerdings sorgte es tatsächlich dafür, dass er sich erhob.

Dieses Mal drückte er sofort den Summer, der die Tür zum Treppenhaus öffnete. Dann tat er selbes mit seiner Eigenen. Er musste einen Moment lang warten, bis Jemand zu ihm nach oben gekommen war. Als er diese Person jedoch erblickte, stockte er.

„J-Joko…? Was…-?“

Seine Verwirrung wurde jedoch sofort wieder zu Abweisung.

„Was willst du hier? Ich habe dir gesagt, dass…-!“
„Lass mich rein, Klaas."

Ohne ihm wirklich die Chance zu geben, auf diese „Bitte“ zu reagieren, drängte sich Joko an ihm vorbei. In der Wohnung drehte er sich dann wieder zu ihm, musterte ihn und seufzte. Klaas hatte sich gehen lassen. Seit seinem Besuch waren nicht viele Tage vergangen, doch seiner Meinung nach sah Klaas noch schlimmer aus als vorher. Dem und dessen schlechter Laune, musste er Abhilfe verschaffen.

„Joko, ich hab dir gesagt, dass…-!“
„Das ist mir egal, Klaas. Ich bin dein Freund, wann kapierst du das endlich?“
„Ich brauche dich nicht!“
„Und ob du mich brauchst. Klaas! So kann es nicht weitergehen. Du…-.“
„Lass mich in Ruhe, Winterscheidt!“

Mit jedem Wort wurde Klaas nicht nur abweisender, sondern auch gereizter. Doch Joko wollte nicht so einfach aufgeben. Er musste ihn irgendwie wachrütteln. Dafür ergriff er nun seine Hand und zog ihn zum Badezimmer. Dort fackelte er nicht lange, sondern öffnete die Duschkabinentür, schubste ihn hinein und stellte ohne Vorwarnung das Wasser an. Der eiskalte Strahl, den er mit einer kurzen Umdrehung eingestellt hatte, traf Klaas sofort. Dieser schrie erschrocken auf. Doch Joko reagierte nicht, hielt ihn fest und sorgte dafür, dass er dort stehen bleiben musste. Ohnehin hätte er sich nicht viel wehren können, ohne auf dem glatten Boden auszurutschen, das Gleichgewicht zu verlieren und auf dem harten Boden zu landen.

Erst als ein klarerer Blick durch seine Augen erkennbar und das Mitleid, das Joko entwickelte, groß genug war, stellte dieser den Wasserhahn wieder ab. Die Dankbarkeit war Klaas sofort anzusehen, auch wenn der Schock über seine Handlung noch immer in seinen Gliedern hing. Diese zitterten. Er zitterte am ganz Körper. Er war nicht nur wach, sondern auch komplett durchgefroren. Doch Joko hatte das Gefühl nun endlich zu ihm durchringen zu können. Daher zog er ihn nun aus der Kabine heraus, direkt in seine Arme, die er fest um den schmalen Körper schlang.

Nun, wo Klaas‘ Kleidung komplett durchweicht war und er ihn fest im Arm hielt, wurde Joko noch einmal bewusst, wie schmal sein Körper inzwischen geworden war. Schon vor einigen Tagen, als er ihn bei seinem letzten Besuch umarmt hatte, war ihm das aufgefallen. Jetzt aber wurde es ihm erst so richtig bewusst. Daher seufzte er tief, während er ihm sachte über sein durchdrängtes T-Shirt streichelte. Und tatsächlich erhielt er die Reaktion, die er sich erwünscht und vor allem erhofft hatte:

Klaas schlang ebenso seine Arme um ihn. Drückte sich fest an ihn. Sein Körper bebte und Joko konnte nicht genau festlegen, ob es aufgrund der Kälte, oder etwas Anderem war. Das leise Wimmern, dass von ihm ausging, wies auf etwas Anderes hin. Doch es war ihm egal. Viel mehr konzentrierte er sich darauf, seinem Freund zu zeigen, dass er für ihn da war.


Es dauerte eine ganze Weile, bis sich Klaas wieder einigermaßen beruhigt hatte. Wieder wartete Joko allerdings darauf, bis er ihre Umarmung löste. Dies tat Klaas, indem er seine Finger aus Jokos Jacke löste, seinen Kopf, den er in dessen Shirt gedrückt hatte, von ihm entfernte und nun zu ihm aufblickte. Das Blau, dass Joko traf, ließ ihn seufzen. Es war trüb, strahlte nicht den gewohnten Glanz und Schelm aus, den er so an ihm liebte. Doch er würde dieses Mal nicht eher gehen, bis Klaas sich ihm geöffnet hatte. Für den ersten Schritt dorthin streifte er ihm nun sachte durch die nassen Strähnen und schenkte ihm ein Lächeln.

„Willst du dich mal umziehen gehen?“

Er nickte. Dann sah Klaas auf Joko, dessen Oberteil ebenso feucht war.

„Willst du…-? Soll ich…-?“

Er holte tief Luft, bevor er dann einen anständigen Satz zustande brachte:

„Dein T-Shirt ist auch ganz nass.“

Auf diese Worte hin blickte Joko nach unten. Dann lächelte er und winkte ab.

„Ach was. Das bisschen.“

Doch Klaas ließ nicht locker. Signalisierte ihm, ihm zu folgen. Dies tat er, wobei sie gemeinsam ins Schlafzimmer gingen. Dort musste Klaas erst die Deckenbeleuchtung anschalten, da der Raum durch die geschlossenen Jalousien komplett verdunkelt war. Wann er das letzte Mal Licht bekommen hatte, wusste Joko nicht. Doch er hatte die Befürchtung, dass dies und frischer Sauerstoff schon länger nicht mehr hineingekommen waren. Natürlich nahm er sich vor, dies zu ändern. Vorher sollten sie sich jedoch erst einmal umziehen.

Dafür zog Klaas ein Hemd aus seinem Kleiderschrank, von dem er wusste, dass es Joko einigermaßen passen musste. Für sich selbst benötigte er etwas mehr als das, was er ebenso herausnahm, nachdem Joko das Kleidungsstück angenommen hatte und begann sich umzuziehen. Er tat Selbes. Hatte keine Scheu davor, es vor ihm zu tun. Zu oft hatten sie sich schon nackt gesehen.

Dass ihn Joko beim Umziehen jedoch beobachtete, war eine Neuheit. Doch dieser konnte seinen Blick nicht von Klaas abwenden. Die Blässe, die sich über seinen gesamten Körper zog. Seine schmale Taille. Die Sichtbaren Rippen. Er sah zusammengefallen aus. Nicht nur im Gesicht, wenn er ihn nun genau betrachtete.

Eben das wollte Klaas nun aber doch unterbinden. Leises Räuspern trat aus seiner Kehle, als er seine Finger an seine nassen Shorts legte. Joko verstand sofort, wandte den Blick zur Seite. Dankbar fuhr Klaas daraufhin fort, zog sich frische Boxershorts, ein T-Shirt und eine dünne Jogginghose über. Dann signalisierte er Joko, ihm ins Wohnzimmer zu folgen, indem sie sich auf die große Couch setzten. Dieses Mal nahm Klaas nicht so großen Abstand ein, wofür ihm sein Freund sehr dankbar war.

Es dauerte allerdings einige Minuten, bis Klaas auch den Mut fand, seine Stimme zu heben. Dass es ihm nicht leichtfiel, verstand Joko, weshalb er ihm Zeit lassen wollte. Er würde aufmerksam zuhören und so endlich dafür sorgen, dass er sich Jemandem anvertrauen würde.

„Ich…-. Es tut mir leid, Joko. Ich wollte dich das letzte Mal nicht so anschreien.“
„Schon gut. Ich hab vermutlich auch falsch gehandelt. Nach drei Jahren hier aufzutauchen und dir irgendwelche Sachen, die ich von irgendjemand Anderem erfahren habe, vor den Latz zu knallen, war vielleicht auch nicht richtig.“

Klaas nickte. Doch es war klargewesen, dass Joko es irgendwann von einem ihrer Kollegen erfahren würde. Wenn er es ihm schon nicht erzählte, sondern alles in sich hineinfraß. Eben das war ein Punkt, den Joko ein für alle Mal ändern wollte.

„Ich hatte…-. Ich hätte viel eher das Gespräch von mir aus mit dir suchen sollen.“

„Ach was. Dass ich es dir nicht erzählt habe, daran war ich ja selbst schuld. Nur…-. Ich konnte mit keinem darüber sprechen. Ich…-. Es ist einfach so schwer, weil…-. Ich gebe mir die Schuld daran und…-.“

Seine Stimme brach ab, bevor er seinen Satz beenden konnte. Dies war der Moment, indem Joko wieder einmal den Abstand zwischen ihnen überwand und ihn in seine Arme zog. Dabei legte er ihm seine rechte an seinen nassen Schopf, während ihm seine Linke sachte über den Rücken streichelte.

„Psst, Klaas. Du bist nicht schuld daran. Es war ein dummer Unfall. Du bist nicht schuld.“
„Doch. Hätte ich nur viel früher einen Schlussstrich gezogen. Wenn ich viel früher diese Beziehung beendet hätte, wäre Doris nicht im Streit abgehauen und hätte nicht…-.“

Er konnte es noch immer nicht aussprechen. Doch Joko zwang ihn nicht dazu. Er wollte ihn nicht unnötig quälen. Allerdings war da eine Sache, die ihn stutzig machte.

„Klaas, es war richtig von dir, zu versuchen, eure Beziehung aufrecht zu erhalten. Warum hättest du die denn beenden sollen?“

Auf diese Frage hin, hob Klaas seinen Blick. Sah direkt in die vertrauten braunen Augen, die ihn sanft ansahen.

„Weil…-.“

Dann brach er von neuem ab. Er konnte es nicht sagen. Nicht jetzt. Daher schüttelte er den Kopf.

„Es hatte schon lange keinen Sinn mehr.“

Auch wenn Joko ahnte, dass Klaas eigentlich etwas Anderes hatte sagen wollen, gab er sich mit dieser Antwort zufrieden. Er kannte die Situation, in der er sich befunden hatte. Er selbst war auch noch eine ganze Zeitlang in einer Beziehung gewesen, von der er lange vor dessen Beendigung gewusst hatte, dass es keinen Sinn mehr machte. Auch er hatte versucht sie aufgrund seines Kindes aufrecht zu erhalten. Doch am Ende war eine Trennung das Beste für sie Alle gewesen.

Vermutlich war es bei Klaas genauso gewesen. Mit großer Wahrscheinlichkeit war das Einzige, was sie noch zusammengehalten hatte, ihre beiden Kinder gewesen. Keiner hatte ahnen können, dass dies der größte Fehler war, den sie hatten begehen können. Doch was noch dahintersteckte, wusste Joko noch nicht.

Tbc
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Und wieder viel Schmerz, aber endlich ein wenig mehr Chance für Joko dagegen mit Trost zu helfen. Er hat es endlich geschafft, zu Klaas durchzudringen. Mal sehen, ob er es such schaffen wird, ihm von seinen Selbstvorwürfen zu befreien.

Schreibt mir gerne, wie ihr das Kapitel fandet. Eure Meinung über Klaas' Sturheit, Jokos verbissenen Drang ihn zu helfen, die kalte Dusche, oder auch ihre innige Umarmung, sowie das Gespräch am Ende.

Weiter geht es dann wohl wieder am Samstag. Byebye
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