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Friends Will Be Friends

von NotMyName
OneshotDrama, Freundschaft / P12 / Mix
Kriminalhauptkommissar Adam Schürk Kriminalhauptkommissarin Martina Bönisch Kriminaloberkommissarin Leonie Winkler Polizeioberkommissarin Julia Grosz
03.07.2021
24.07.2021
4
10.688
3
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4 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
03.07.2021 2.301
 
Vorwort:

Hallo,

Herzlich Willkommen zu meiner Oneshot Sammlung zum Thema Freundschaft. Natürlich können einige, oder sogar fast alle Geschichten als Pre-Relationship gelesen werden, dementsprechend ist das Rating auch Mix. Das zweite Kapitel hat allerdings auf jeden Fall ein Femslash-Rating.
Ob man eine Oneshot Sammlung je als fertiggestellt betrachten kann, l
ässt sich hinterfragen, allerdings sind vorerst nur vier Oneshots geschrieben, obwohl eigentlich noch mehr geplant waren, die sich letztendlich jedoch nicht ergeben haben, aber mal sehen, was die Zukunft noch so bringt. Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass der erste Oneshot geschrieben wurde, bevor der Tatort Der Herr des Waldesausgestrahlt wurde.


Und jetzt wünsche ich viel Spaß beim lesen!

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Adam spürte einen unermesslichen Hass, der wie ein Blitz einschlug, seinen ganzen Körper durchströmten. Immer und immer wieder. Ein Hass, der eigentlich nie wirklich verschwunden war, der auch nie verschwinden konnte, denn was er gemacht hatte, das war unverzeihlich. Hatte seine Mutter ihm wirklich gerade mitgeteilt, er sei wieder aufgewacht, als ob all die schrecklichen Dinge nie passiert wären? Als ob er wirklich ins Krankenhaus wollte, um ihn wieder zu sehen, den Schrecken, das Monster, das seine ganze Kindheit mit heftigen Schlägen zerstört hatte.

Er, der Adams Leben unendlich schmerzvoll gemacht hatte, der ihn geschlagen hatte, getrimmt, gefoltert, den man deshalb auch nicht Mensch nennen konnte, der ihm Schmerzen zugefügt hatte, die ihn noch bis heute verfolgten und ihn wahrscheinlich bis in alle Ewigkeit weiter verfolgen würden.

Wieso, fragte er sich, begriff seine Mutter nicht endlich, dass auch sie das Recht hatte, diesen unermesslichen Hass auf seinen Vater zu verspüren? Schließlich war Adam deshalb gegangen, hatte sich verschanzt, hatte nie jemand anderen zum Freund gehabt als Leo. Schließlich war doch auch sie von seinem schrecklichen Verhalten betroffen, nicht allein er. Aus seiner mittlerweile schon einige Jahre langen Polizeikarriere wusste er zwar, dass Opfer häuslicher Gewalt oftmals nicht zugaben, dass ihnen Leid angetan wurde, es sich manchmal nicht einmal selbst eingestanden, dass ihnen unrecht widerfuhr, aber doch nicht seine eigene Mutter, die doch auch mitbekommen hatte, wie sein Vater ihn, ihren Sohn, behandelt hatte. Oder eher misshandelt. Sie war ja doch keinen Deut besser, als all die anderen Frauen. Ängstlich bis zum Gehtnichtmehr. Schweigen zog sie scheinbar dem Wohl ihres eigenen Kindes vor. Somit hatte nicht nur sein Vater sein ganzes Leben zerstört, sondern auch seine Mutter hatte durch ihr Schweigen nicht verhindert, dass Adam Traumata mit sich trug, die ständig auf ihm lasteten, ihn Tag und Nacht begleiteten.

*

Adam fühlte sich, als würde alles wieder wie früher werden, als drohe eine große Gefahr, ausgehend von seinem Vater. Andere Kinder hatten früher Angst gehabt, schlechte Noten zu schreiben oder davor keine Freunde zu finden, er hatte Angst vor seinem Vater gehabt und vor dem, zu was der fähig war, alles Andere war egal. Und wie früher wollte Adam einfach nur weg. Weg von allem, was drohte ihn kaputt zu machen, wenn das nicht schon längst geschehen war. Dann eben weg von allem, was verhinderte, dass er die Scherben seiner Seele wieder zusammenschweißen konnte. Adam wusste aber, dass wenn er sich jetzt nicht seinen Ängsten stellte, es in seinem Kopf immer wieder Revue passieren würde und es ihn letztendlich ganz zerstörte. Also nicht weg, sondern weiterhin Saarbrücken.

Er hatte wirklich gedacht, dass das alles vorbei wär. Sonst, musste er sich eingestehen, wäre er womöglich nicht hierher zurückgekehrt. Wär weiter weggelaufen vor seiner Vergangenheit, seinen Problemen, sich selbst. Er hatte sich nicht helfen lassen wollen. Von niemandem, hatte die Person die Hilfe auch noch so aufrichtig angeboten. Adam hatte sie weggestoßen. Wie fast alles. Den einzigen, den er nicht weggestoßen hatte, das war Leo. Eigentlich war Adam dann auch nicht viel besser als seine Mutter. Leugnen und weglaufen, das konnten sie beide gleich gut. Dennoch wusste er, dass es sie immer wieder einholen würde, dass die Chance wirklich wegzukommen gleich null war.

Parallelen waren da genug zwischen ihnen. Die Hoffnung es würde alles anders und besser werden. Wie dumm es war das zu glauben. Seine Mutter dachte bestimmt, dass nur weil sein Vater jetzt nach all den Jahren aufgewacht war, er sich vielleicht geändert hatte und sie nicht mehr leiden musste. Er hatte gedacht, dass nur wenn er einige Zeit aus Saarbrücken verschwand, alles anders sein würde, ohne dass er besonders viel dafür tun musste. Wirklich dumm, das zu glauben. Es hatte doch schon auf der Busfahrt angefangen. Die hatte schon gezeigt, dass nichts anders war. Der Vater, der seinen Sohn so drangsaliert hatte. Adam hatte es nicht ausgehalten. Der Junge hatte ihn so furchtbar an sich selber erinnert. So viel zu vergessen also. Vielleicht, sollte man auch gar nicht vergessen. Sondern damit leben lernen. Sich um sich selbst kümmern, um das, was jetzt war, nicht um das, was schon vergangen war. Die Belastung war nach wie vor da, so präsent, wie sie es schon lange nicht mehr war.

Eigentlich hatte er sich mit seiner Mutter aussprechen wollen. Hatte gedacht, dass sie so abschließen konnten — sie beide. Aber das war wohl Wunschdenken. Versaut hatte sie ihm das, hatte mit ihrer Offenbarung den alten Hass in Adam wieder auflodern lassen, die Flamme, deren Glut nie erlosch. Nie hätte er gedacht, dass der Hass zurückkommen sollte, nie hätte er gedacht, dass er größer als je zuvor war und alles bisher Gefühlte überstieg.

Adam kehrte um, ohne ein einziges Wort. Seine Mutter würde sowieso ins Krankenhaus gehen. Feige wie sie war. Vielleicht auch mutig. Er wusste es nicht. Adam würde auf keinen Fall dorthin gehen. Und plötzlich wusste er nicht mehr, wem von ihnen beiden er jetzt welche Eigenschaft zuordnen sollte.

*

Sein Daumen drückte die Taste auf seinem Schlüssel, die sein Auto öffnete, mit weitaus mehr Kraft als nötig. Sein Fingernagel bohrte sich in das Material und hinterließ einen kleinen Abdruck.

Adam ließ sich in den Fahrersitz des Autos fallen. Hatten seine Finger eben noch mit einer großen Bestimmtheit den Autoschlüssel umklammert, zitterten sie jetzt, als er nach seinem Handy suchte. Er musste es hier doch irgendwo haben.

„Fuck!“, schrie er, seine Atmung schwer und schneller als gewöhnlich. Er suchte weiter nach seinem Handy. Er musste jetzt jemanden anrufen. So richtig wusste er nicht, wen genau. Aber eigentlich hatte er auch keine große Wahl. Leo war die einzige Person hier, die er kannte und die ihn auch verstehen würde. Adam schaute unter dem Beifahrersitz nach, unter seinem eigenen Sitz. Auf der Rückbank. Nichts. Er lehnte sich im Fahrersitz zurück und versuchte tief durchzuatmen. Da fiel es ihm wieder ein. Das Handschuhfach. Tatsächlich. Kaum hatte er das Handy in der Hand, entsperrte er es und öffnete seine Kontakte. Lange suchen, bis er Leos Nummer darunter fand, musste er nicht. So viele andere waren nicht eingespeichert. Adams Hände zitterten noch immer als er auf das grüne Hörer-Symbol drückte. Er hielt sein Handy ans Ohr und lauschte dem vertrauten Tuten.

*

Es hatte kaum dreimal geklingelt, da ging Leo schon ran.

„Adam?“, kam es überrascht von ihm. „Was ist?“

„Kann ich zu dir kommen?“, fragte er, seine Stimme zitterte dabei ein wenig, obwohl er versuchte seine Unsicherheit zu überspielen.

„Klar.“ Noch immer klang Leo ein wenig verdattert. Aber das machte nichts. Ohne ein weiteres Wort legte Adam auf, schnallte sich an, startete den Motor, zog die Handbremse und ließ seinen Fuß auf das Gaspedal herab sinken.

*

Normalerweise hätte Adam für den Weg zu Leo und Caros Wohnung fast zwanzig Minuten gebraucht, heute hatte er ihn in nur zwölf Minuten zurückgelegt. Der Hass, die Wut, der Schmerz hatten sich mittlerweile in ein dumpfes Gefühl der Gleichgültigkeit und Gefühllosigkeit umgewandelt. Hätte er sich jetzt verletzt hätte er es vermutlich nicht mal bemerkt, so sehr hatte sein Körper seinen Schutzmechanismus hochgefahren. Schutz vor eigentlich längst verdrängten Schlägen.

*

Ungeduldig wartete Adam, nachdem er geklingelt hatte, darauf, dass Leo ihn reinließ. Kaum ertönte das vertraute Surren, stieß er die Tür auf und hastete die Treppe herauf, drei Stufen auf einmal nehmend.

*

„Alles klar?“, fragte Leo ihn, obwohl er ganz genau wusste, dass das Gegenteil der Fall war, als Adam außer Atem vor dessen Wohnungstür angekommen war.

Am liebsten hätte Adam ihm das bestätigt, aber nun musste auch er einmal zugeben, dass nicht alles in Ordnung war. Langsam schüttelte er den Kopf, fast so, als wär er in einer Trance gefangen.

Plötzlich klang Leos Stimme, die ihn aufforderte erst einmal reinzukommen, als wäre sie Meter weit entfernt.

Dennoch kam Adam der Aufforderung nach und ließ sich im Wohnzimmer schließlich kraftlos ins Sofa sinken und stützte die Ellenbogen auf seine Knie. Ein paar Momente verharrte er so, dann richtete er sich wieder auf.

*

„Er ist aufgewacht“, eröffnete Adam Leo und schaute ihm fest in die Augen, eine Reaktion abwartend.

Zunächst schaute Leo ihn ungläubig an, doch dann wechselten Ungläubigkeit zu Wut, zu Angst bis hin zur Schuld.

„Scheiße, Mann!“, rief Leo laut und raufte sich die Haare. Offensichtlich wusste Leo, der es sonst schaffte, in den unmöglichsten Situationen ruhig zu bleiben, ganz im Gegensatz zu Adam, ausgerechnet jetzt genauso wenig, was zu tun war. Zumindest war es früher so gewesen. Leo war der ruhige Gegenpol zu Adam. Allerdings wurde ihm auch immer bewusster, wie sehr es Leo noch zu schaffen machte, was damals mit seinem Vater passiert war. Ihn plagten die Schuldgefühle förmlich, dass er keinen anderen Ausweg gewusst hatte, als Herrn Schürk regelmäßig im Krankenhaus zu besuchen. Auch das konnte Adam nach und nach begreifen. Manchmal tat es ihm leid, dass er solange einfach weg war, ohne sich je zu melden. Besser für Leos Gewissen wäre das gewesen.

*

Mittlerweile machte sich neben dem Hass, den er gegen seinen Vater verspürte, neben all der Wut, auch noch eine andere Emotion in Adam breit, Mitgefühl. Ihm tat es leid, dass er Leo all die Jahre alleine gelassen hatte, stets mit seiner vermeintlichen Schuld konfrontiert, während er selber vollkommen egoistisch Deutschlands Großstädte unsicher, oder besser gesagt sicher gemacht hatte.

*

Er vernahm einen Seufzer neben sich.

Adam legte Leo eine Hand auf die Schulter, als würde das alles wieder gut machen.

Vielleicht verstand Leo aber auch endlich, dass Adam es in Saarbrücken einfach nicht mehr ausgehalten hatte.

„Was machen wir jetzt?“, fragte Leo nun, Stimme und Augen voller Panik.

Adam wusste, was Leos Angst war. Leo fürchtete, sein Vater würde sich daran erinnern, was passiert war, würde die beiden verpfeifen. Obwohl es doch eigentlich Notwehr gewesen war, wie Adam Leo versichern wollte, aber nicht konnte, weil er selber zu wenig daran glaubte. Obwohl doch eigentlich sein Vater der war, der ihm — und nicht nur ihm — das Leid angetan, ihn misshandelt hatte und alle hatten weggesehen. Bis auf Leo.

*

Mit einem Mal fühlte Adam sich, als wäre er Leo etwas schuldig. Jedoch konnte er nur ratlos die vom schwarzen Rollkragenpulli bedeckten Schultern zucken.

„Wir machen nichts“, sagte er dann dennoch bestimmt und etwas härter, als beabsichtigt.

Leo zuckte zusammen.

„Wir tragen keine Schuld, es ist alles allein seine Schuld. Im Zweifelsfall weiß er nicht mal, was passiert ist“, fügte er etwas ruhiger hinzu. Trotzdem konnte auch er die Schuldgefühle, die ihn manchmal plagten, die ihn nachts dazu brachten, all die Erinnerungen, die ihm präsent wie eh und je waren, noch einmal zu durchleben, nicht leugnen. Aber wenn man sich es lange genug selbst einredete, dann musste es doch irgendwann stimmen, dann musste er doch irgendwann glauben, dass er keine Schuld trug. Er starrte auf die hellen Fliesen des lichtdurchfluteten Raums. Eben, als er reingekommen war, war ihm das alles gar nicht so aufgefallen, obwohl er noch nie zuvor in Leos Wohnung gewesen war. Die hellen Wände, die die Räume groß wirken ließen, die dazu passenden Möbel, die entweder weiß oder cremefarben waren, waren nur verschwommen an ihm vorbeigezogen. Jetzt ließ sein Unmut ihn das plötzlich aber ganz bewusst werden.

Dennoch schien ausgerechnet Leo jetzt ein bisschen Hoffnung gefasst zu haben. „Das Unverzeihliche“ — damit meinte er vermutlich, das was Adams Vater ihm angetan hatte — „das überwiegt doch. Auch in ihm. Es wird nichts passieren, oder?“, fragte er unsicher.

Adam schüttelte den Kopf. Nein, es würde nichts passieren. Wenn er schaffte, das zu glauben, dann würde es bestimmt auch so kommen. Die Stille, die nun wieder entstanden war, lastete auf ihnen. Mit seinen Gedanken alleingelassen, fühlte Adam sich plötzlich wieder so verlassen wie damals, als er Leo noch nicht gekannt hatte, als er wirklich niemanden hatte, als nur seine eigene Mutter einfach alles nur stumm und verschreckt mitansah.

*

Schlagartig wurde ihm bewusst, wie viel die Freundschaft zu Leo ihm eigentlich bedeutete. Wie sehr wünschte er sich doch eigentlich, dass sie auch jetzt, nach seiner Rückkehr, weiter bestehen blieb. Leo und er brauchten einander, waren seit sie sich kannten immer füreinander da, halfen sich gegenseitig aus den brenzligsten Situationen heraus. Daran, beschloss Adam, sollte auch seine lange Abwesenheit nichts ändern.

„Willst du was trinken?“, fragte Leo ihn. „Oder was essen? Ich hab den Pudding da, den wir früher immer gegessen haben.“

Adam wollte schon den Kopf schütteln, als er es sich anders überlegte. Er nickte dankbar. „Klar.“ Und fast war alles so wie damals, als Leo ihm was zu essen ins Baumhaus mitgebracht hatte, wenn es zu Hause für ihn nichts gegeben hatte.

*

Leo hatte die Antwort aber auch gar nicht abgewartet, war fast hektisch aufgestanden und hatte ihm und sich selber in der Küche sogleich je ein Glas Wasser gemacht und zwei Becher Schokoladenpudding aus dem Kühlschrank geholt. Nun kam er ihm entgegen und drückte ihm den einen Becher mitsamt Löffel in die Hand, stellte die Gläser auf dem Couchtisch ab und setzte sich wieder hin.

Trotz des Ernstes der Lage musste Adam plötzlich lächeln, als Leo seinen Pudding öffnete. Es gab dank Leo eben auch positive, glückliche Erinnerungen an früher, Erinnerungen an Hilfe und Freundschaft, wenn diese auch immer mit etwas traurigem verbunden waren.

„Danke“, sagte Adam und bedachte Leo mit einem warmen Blick. „Für alles.“
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