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Commilitones 1 - Waffenbrüder [Real History Version]

GeschichteAbenteuer, Historisch / P18 / MaleSlash
Claudia Auditore da Firenze Ezio Auditore da Firenze Giovanni Auditore da Firenze La Volpe Leonardo da Vinci Lorenzo de Medici
03.07.2021
22.07.2021
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22.07.2021 3.463
 
Als Ezio das Zimmer betrat, das seiner Mutter und Claudia zugewiesen worden war, hatte er das Gefühl, eine mit Bleikugeln behängte Kette hinter sich herzuziehen. Jeder Schritt kostete Überwindung, und die Angst, die ungeheuerliche Wahrheit aussprechen zu müssen, ließ ihn zaudern.
Maria sah nur kurz zu ihm auf, und die Erkenntnis, die in ihren Pupillen flackerte, zerriss Ezio das Herz. Schweigend senkte seine Mutter den Kopf und zog Petruccios Schatulle auf ihren Schoß. Ihre Fingerknöchel stachen weiß hervor, so heftig umklammerte sie das Holz. Claudia war von ihrem Stuhl aufgesprungen und lief Ezio entgegen, doch noch bevor sie ihn erreichte und nach seinen Händen fasste, begriff auch sie, dass etwas Schreckliches geschehen war.
„Ezio …“, begann sie.
Er schüttelte den Kopf, und Claudias Augen füllten sich mit Tränen.
„Wo ist Vater?“, verlangte sie zu wissen. „Wo sind Federico und Petruccio?“
„Tot.“
Es war nur ein einziges Wort, bestehend aus drei Buchtstaben, doch keine Zahl, die Ezio kannte, reichte aus, um die Menge der Qualen zu bestimmen, die es ausdrückte. Er ließ die Schultern hängen, und als Claudia sich schluchzend an seine Brust warf, hielt er sie beinahe so fest wie Maria die kleine Schatulle auf ihrem Schoß.
„Nein! Sag, dass das nicht wahr ist!“ Ezio spürte Claudias Fäuste, die gegen seine Arme schlugen. „Sie haben nichts Unrechtes getan!“
„Wir sind verraten worden“, sagte Ezio. „Wir alle. Alberti hat öffentlich dementiert, jemals Unterlagen von Vater erhalten zu haben. Es gäbe nichts, das seine Unschuld beweist.“
„Alberti?“ Claudia war fassungslos. Sie löste sich von Ezio und starrte ihn aus tränennassen Augen an. „Er und Vater waren Freunde!“
„Das dachten wir.“ Ezio seufzte, und mit einem Blick auf seine Mutter, die in Apathie versunken auf dem Bett saß, fasste er Claudias Gesicht mit beiden Händen. „Du musst jetzt stark sein, sorellina, versprich mir das. Wir haben nur noch uns, und wir müssen aufeinander aufpassen.“
Claudias Pupillen zitterten, doch sie nickte.
„Ich verspreche es“, flüsterte sie.
Ezio küsste ihre Stirn. Das Wissen, dass er es war, dem nun die Verantwortung für seine Familie oblag, verbot ihm das Weinen. Er durfte nicht schwach sein. Nicht vor seiner Mutter und seiner Schwester, für die er nach Kräften zu sorgen hatte – und die er in Sicherheit bringen musste, denn in Florenz gab es keine mehr.
Eine Weile herrschte Stille im Raum, in der Ezio Claudia den Rücken streichelte und sie sich mit den Ärmeln ihres Kleides über die Augen wischte. Sie zog die Nase hoch, dann straffte sie ihre Schultern und trat einen Schritt zurück. Ihre aufrechte Haltung erfüllte Ezio mit Stolz und nährte seinen eigenen Willen, sich von nichts und niemandem brechen zu lassen.
„Wir werden uns eine neue Heimat suchen“, sagte er. „Ich weiß noch nicht, wo oder wie genau wir aus der Stadt herauskommen sollen, aber –“
In diesem Moment flog die Tür auf. Der Mann, der das Zimmer betrat, riss sich die Kapuze vom Kopf und erfasste mit einem Blick, in welches Gespräch er da hineingeplatzt war. Ein Anflug von Scham stahl sich in seine Züge, wurde jedoch von Erleichterung verdrängt, als er Ezio entdeckte.
Grazie a Dio, du lebst!“
Mit zwei Schritten war Leonardo heran und schloss Ezio in die Arme. Von diesem Ausbruch an Emotionen überwältigt, kämpfte Ezio mit seiner Beherrschung. Er unterlag, als er Leonardo seinerseits umschlang und die Nase in dem festen Stoff seiner Kapuze vergrub. Es war der gleiche Ornat, den auch Ezio trug. Und der gleiche, den einst auch Giovanni Auditore getragen hatte.
„Deshalb also“, flüsterte Ezio. „Du gehörst dazu.“
Die nun noch fester werdende Umarmung war wie eine Bestätigung. Ezio schloss die Augen und ließ es zu, dass er Tränen vergoss, heimlich und ungesehen von Claudia und Maria, die auf dem Bett zusammengerückt waren, um einander Trost zu spenden.
Leonardo ließ Ezio nicht eher los, bis dieser ihm signalisierte, dass er sich wieder gefasst hatte. Sie standen voreinander und sahen sich an, in einem stillen Verständnis, wie es Ezio außerhalb seiner Familie noch nie begegnet war. Durfte er hoffen, in seiner neuen Rolle doch nicht alleine dazustehen?
„Ich muss alles erfahren“, sagte er. „Alles, worin Vater verwickelt war. Wenn ich nicht begreife, warum uns diese schrecklichen Dinge passiert sind, kann ich auch nichts in Ordnung bringen.“
„Ich bin nicht in alles eingeweiht“, gestand Leonardo. „Aber was ich weiß, das sollst du hören.“
Sie setzten sich an den Tisch, an dem Claudia Ezio erwartet hatte, und Leonardo begann, zu erzählen. Er berichtete davon, dass Giovanni nach dem Attentat auf den Herzog von Mailand nach Venedig gereist war, um die ihm verdächtig gewordene Familie Barbarigo zu beschatten. Von dem Brief, den Giovanni mit nach Florenz gebracht hatte und der angeblich nicht zu entschlüsseln gewesen war. Und von seiner Reise nach Rom, wo Giovanni den Empfänger des Schreibens ausfindig gemacht hatte: den Vizekanzler des päpstlichen Stuhls, Rodrigo Borgia.
„Er versuchte deinen Vater zu überreden, die Seiten zu wechseln und für ihn zu arbeiten“, sagte Leonardo. „Giovanni schlug aus, und so kam es zum Kampf, bei dem er schwer verletzt wurde. Deine Mutter muss davon wissen.“
Ezios Blick flog zu Maria. Sie sprach kein Wort, aber ihr Nicken war ihm genug.
„Giovanni war bei mir in der Bottega“, fuhr Leonardo fort. „Vorgestern Nacht. Sein Ornat war beschädigt, und er wollte es zu einem Mann seines Vertrauens bringen, um es flicken zu lassen. Also tauschte er es aus. Gegen das Ornat, das er letzten Monat für dich hat anfertigen lassen und das du jetzt trägst. Was er gestern vorhatte, war, uns miteinander bekannt zu machen und dir zu eröffnen, dass er dich zusammen mit mir ausbilden will.“
„Ausbilden zu was?“
„Assassinen, Ezio. Das ist es, was dein Vater war. Ein Assassine.“
„Ein Meuchelmörder?“
„Dieser Begriff wird dem, wofür dein Vater stand, nicht gerecht.“
Der beschwörende Ernst, mit dem Leonardo sprach, wusste den Schrecken zu mindern, den Ezio ob dieser Enthüllung empfand. Dennoch starb ein weiteres Stück der Unbekümmertheit in ihm, von der er erst jetzt verstand, dass er sie noch vor wenigen Tagen gelebt hatte. Er sah auf Leonardos Hand, die sich über seine legte, während er weitersprach. Es war eine intime Geste, doch Ezio ließ sie zu.
„Was deinen Vater trieb, war der Wunsch nach Gerechtigkeit. Nie hat er seine Klinge gegen einen Unschuldigen geführt. Es verstößt gegen das Credo, und das war ihm immer heilig. Seitdem ich Giovanni kenne, hat er nicht geruht, Wissen an mich heranzutragen. Ich besitze keine Schulbildung. Ich bin unehelich geboren, und so stehen mir nicht allzu viele Möglichkeiten offen.“ Für den Bruchteil einer Sekunde schien sein Blick an Fokus zu verlieren, doch Leonardo verstand es, seine Wehmut zu überspielen. „Dein Vater erkannte, dass ich die Gabe besitze. So wie er. So wie du. Zuerst begann er, mich zu testen, dann ging er dazu über, mich zu schulen. Wozu er mich stets ermahnte, war, das Leben zu achten. Man nimmt es niemandem, der es ebenfalls schätzt. Wogegen sich dein Vater auflehnte, waren Tyrannen, die für ein paar Dukaten oder einen politischen Vorteil sogar ihre eigenen Kinder verkauft hätten.“
„Oder ihre Freunde“, sagte Ezio bitter. „So wie Alberti.“
Leonardo nickte. „Etwas muss passiert sein, was ihn davon überzeugt hat, dass es besser ist, deine Familie zu verraten als … irgendetwas anderes.“
Sie wurden unterbrochen, als die Tür ein weiteres Mal aufschwang. Eine mitfühlend dreinblickende Paola stand auf der Schwelle. Neben ihr erschien Volpe.
„Gilberto hat mir gerade berichtet, was passiert ist“, sagte Paola. „Es tut mir so leid.“
„Es war abzusehen!“, grollte Volpe, der selbst in einem geschlossenen Raum nicht daran dachte, sich die Kapuze vom Kopf zu ziehen. „Giovanni ist zu tief reingerutscht. Hat sich mit den Falschen angelegt. Dieser Mann, der da neben unserem geschätzten Stadtfähnchen stand, das sich nach dem Wind dreht – ratet mal, wer das war!“
„Wer?“, wollte Ezio wissen.
Il Spagnolo“, antwortete Volpe. „Vizekanzler Rodrigo Borgia.“
Ezio stockte der Atem, als er die Zusammenhänge begriff. „Das heißt, dass die Hinrichtung auf sein Drängen hin geschah? Als ich gestern Abend bei Alberti war, um die Dokumente abzugeben, wollte mich sein Diener zuerst gar nicht ins Haus lassen. Wichtiger Besuch sei zugegen. Es war auch jemand bei Alberti in der Bibliothek. Ich habe kein Gesicht erkannt. Das Zimmer war schlecht beleuchtet …“
„Das war er wohl“, sagte Volpe. „Und dich wird er erkannt haben, Ezio. Er will deinen Tod!“
„Aber warum? Was habe ich mit ihm zu schaffen?“
„Hast du mal in einen Spiegel geschaut?“ Volpe streckte die Arme aus und deutete an Ezio herab. „Das, was du hier repräsentierst, ist Borgias Feind. Er ist ein Templer, wir sind Assassinen.“
„Was zum Teufel sind jetzt auch noch Templer?“
Je mehr er hörte, desto weniger verstand Ezio. Er stützte sich auf den Ellenbogen und rieb sich die Nasenwurzel. Er bekam Kopfschmerzen.
„Du weißt es nicht?“, fragte Volpe. „Was hat dir dein Vater überhaupt erzählt? Du bist sein Nachfolger!“
„Gilberto!“
Dass sich ausgerechnet Maria in das Gespräch einmischte, kam so unerwartet, dass alle Anwesenden in Schweigen verfielen. Sogar Volpe gab seine aggressive Haltung auf und verschränkte stattdessen die Arme vor der Brust.
„Giovanni hat nie gewollt, dass der Schatten der Bruderschaft über seinen Kindern liegt, solange sie eben genau das sind: Kinder.“
„Ezio ist siebzehn!“, knurrte Volpe.
„Und darum wollte Giovanni ihn gestern einweihen“, entgegnete Maria.
„Was für ein großartig gewählter Zeitpunkt.“
Volpes Spott blieb, wenn auch verhalten in Hinblick auf Maria, die ihn anklagend anstarrte.
„Er wusste, dass du es nicht verstehen würdest. So wenig, wie es Mario verstehen wird.“
Ezio wurde hellhörig. „Zio Mario?“
„Ja, dein Onkel!“ Volpe schnaubte. „Im Kreis springen wird er, wie ein tollwütiger Hund! Er hat sich auf Giovanni verlassen.“
„Und er hat ihn nicht enttäuscht!“ Maria stand auf und legte das Kästchen aus Zedernholz vorsichtig auf das Kopfkissen. Dann wandte sie sich wieder an Volpe. „Giovanni war sich seiner Verantwortung stets bewusst. Bei allem, was er tat, hat er sich etwas gedacht.“
„Ah, auch bei dem da?“ Damit deutete Volpe auf Leonardo. „Du kannst mir nicht erzählen, dass Giovanni nicht wusste, dass er sich den Feind ins Haus geholt hat! Ser Piero steht noch mehr unter der Knute von Borgia als Alberti! Er gehört zu ihnen!“
Von all den Verbindungen und Vorwürfen überfordert, sah Ezio zwischen den Sprechenden hin und her – und blieb schlussendlich an Leonardo hängen, der nicht verbergen konnte, dass ihn Volpes Worte verletzten.
„Ser Piero ist mir nie ein Vater gewesen“, sagte er. „Und ich habe keine Ahnung, in welche Geschäfte er verwickelt ist.“
„Gute Taktik, Pinselschwinger!“, schnarrte Volpe. „Das hätte ich an deiner Stelle auch gesagt, um meine Tarnung aufrechtzuerhalten!“
Nun stand auch Leonardo auf. Die Hände an seinen Seiten ballten sich zu Fäusten.
„Ich habe es nicht nötig, Theater zu spielen!“, fauchte er. „Und noch weniger habe ich es nötig, Menschen zu denunzieren, deren Gesicht mir nicht in den Kram passt!“
„Oh, sind wir etwa nachtragend?“
Es war Leonardo anzusehen, dass er kurz davor stand, Volpe ins Gesicht zu schlagen. Ezio sprang auf und fasste ihn am Arm. Er spürte, wie angespannt Leonardo war. Wie heftig er zitterte.
„Genug!“, rief Ezio. „Ich habe heute meinen Vater verloren und wahrlich anderes im Sinn, als mir euren fruchtlosen Streit anzuhören! Leonardo war zur Stelle, als ich ihn gebraucht habe, und mein Vater hat ihm vertraut. Ich will es auch tun.“
„Weil du noch nicht verstehst, in was du hier hineingeraten bist, Junge“, sagte Volpe. Die griesgrämige Miene, die er dabei zog, trug nicht gerade dazu bei, dass Ezio ihm mehr Gehör schenken wollte. „Borgia wird dich jagen, denn du bist ein Auditore. Es gibt Dinge, denen kann man nicht entfliehen. Dein Blut gehört nicht dir.“
„So ist es“, erwiderte Ezio. „Es gehört meiner Familie, und in ihrem Interesse werde ich handeln.“
Volpe schürzte die Lippen. „Sie ins Verderben stürzen, das wirst du.“
„Er sagte, es reicht!“ Maria trat einen Schritt nach vorn. Der Klang ihrer Stimme war unerwartet gebieterisch. „Ich verlange, dass man meinem Mann und meinen Söhnen gedenkt. Und dass man ihnen ein ordentliches Begräbnis zuteilwerden lässt.“
Volpe entglitten die Züge. „Aber Madonna, das ist unmöglich! Keine Kirche gestattet die Beisetzung von Verurteilten auf ihrem Totenacker. Man wird die Drei in die Kalkgrube vor der Stadt werfen. Natürlich erst, nachdem sie über Tage zur Abschreckung auf der Piazza zur Schau ge–“
„Und genau das akzeptiere ich nicht!“, unterbrach ihn Maria. „Sie bleiben nicht dort! Keinen einzigen weiteren Tag! Hängt sie ab und schafft sie an einen Ort, wo sie die Geier nicht finden, die sich an ihrem Tod ergötzen!“
„Es tut mir leid, Madonna, aber ich wüsste nicht, wie das zu bewerkstelligen sein sollte.“ Zum ersten Mal klang Volpe überfordert, beinahe schon verzweifelt. Es war Paola, die eine Lösung parat hatte.
„In anderen Kulturen bettet man die Toten auf ein Lager aus Stroh und Holz und verbrennt sie. Oder man legt sie auf ein Boot, mit dem sie auf das Wasser hinaustreiben, in dem ihre Asche versinkt.“
Volpe erschauderte. „Das ist barbarisch!“
„Nein“, sagte Maria. „Es ist recht. Lieber übergebe ich meinen Mann und meine Söhne dem Fluss als einem Massengrab, aus dem man sie jederzeit wieder herauszerren kann. Niemand soll bar allen Respekts Hand an sie legen. Niemand!“
Ezio sah seine Mutter an, dankbar für die Entschlossenheit, die sie zeigte. Dann stand er auf.
„Ich kümmere mich darum. Bei den Anlegestellen von Santa Croce liegen ein paar ungenutzte Kähne. Sobald die Dunkelheit hereinbricht, wird es niemand bemerken, wenn einer von ihnen verschwindet.“
„Ich helfe dir“, sagte Leonardo ohne zu zögern. „Der Weg von der Piazza zum Fluss ist zwar nicht weit, aber wenn du sie tragen willst, wirst du mehr als eine Stunde brauchen, bis alle auf einem Boot sind. Vergiss nicht, dass überall Gardisten patrouillieren. Wenn sie dich entdecken …“
„Wir werden auch zu zweit mehrmals gehen müssen“, gab Ezio zu bedenken. „Und im schlimmsten Fall werden wir keine Hand freihaben, um uns zu verteidigen, sollten wir angegriffen werden.“
„Doch, das werdet ihr“, versicherte Paola. „Alles, was ihr dazu braucht, ist ein Handkarren und eine passende Verkleidung. Zufällig besitze ich beides.“

***


Die Glocke im Turm des Palazzo della Signoria läutete gerade zur dritten Nachtstunde, als zwei Lumpensammler mit ihrem Karren auf den Platz schlurften. In ihren Gonellen aus grober Wolle und den für die arme Bevölkerungsschicht charakteristischen Kopfbedeckungen erregten sie um diese Zeit kein Aufsehen. Selbst eine Wachpatrouille, die ihre Runde über der Piazza drehte, um dann nach Norden in Richtung des Duomo zu marschieren, würdigte sie keines Blickes. Sie waren Unsichtbare, die Kinder der Nacht – Abdecker, Schinder und Huren. Und natürlich auch die Lumpensammler, die auf der Suche nach Textilabfällen durch die Straßen und Gassen zogen.
Ezio sah sich aufmerksam um, bevor sie den Karren neben dem Galgen abstellten. Erst, als sie sicher sein konnten, dass sich niemand mehr auf dem Platz oder in den daran angrenzenden Straßen herumtrieb, kletterten sie auf die mit Falltüren versehende Konstruktion. Giovanni hing ihnen am nächsten. Ezio widerstand dem Drang, ihm ins wächsern gewordene Gesicht zu sehen, und dankte der Dunkelheit dafür, dass ihm allzu grauenvolle Details erspart blieben. So, wie er seinen Vater hier vorfand, wollte er ihn nicht in Erinnerung behalten. Sein kalter, starrer Leib, den Ezio zwischen seinen Händen spürte, schnürte ihm von Neuem die Kehle zu, und er blickte stumm zu Boden, während er darauf wartete, dass Leonardo die Schlinge löste. Gemeinsam trugen sie Giovanni zum Karren, wo sie ihn unter zerschlissenen Laken versteckten, und traten zurück unter den Querbalken, um nacheinander auch Federico und Petruccio abzunehmen. Den schmächtigen Leib seines Bruders auf den Armen zu wissen, schmerzte Ezio besonders, und noch bevor er ihn zu den anderen legte, schwor er sich, Alberti für das, was er getan hatte, umzubringen.
Sie stellten sicher, dass die Laken alle Leichen verdeckten, dann fasste Ezio die Griffstangen und stemmte sich gegen den Karren. Die Last erschwerte die Kontrolle über das Gefährt, und Leonardo musste nach einer der Holzwände greifen und beim Schieben helfen.
Der Weg hinab zum Fluss war nicht weit. Sie folgten der Hauptstraße des Bezirks von Carro und stießen nach zehn Minuten auf die Promenade. Ohne Last und zu Fuß hätten sie nicht einmal die Hälfte der Zeit gebraucht. So aber schnauften sie, und selbst die kalte Nachtluft, die ihren Atem kondensieren ließ, bewahrte sie nicht vor dem Schwitzen.
„Bis zur Ponte di Rubaconte sollten wir unbehelligt kommen“, sagte Leonardo. „Kurz davor befindet sich ein Anlegeplatz. Vielleicht haben wir da schon Glück.“
Ezio nickte. Es gab insgesamt drei Anlegestellen auf der Nordseite des Arno. Eine in Unicorno, das weit im Westen lag und keine Option für sie war, und zwei zwischen Carro und Leon Nero, das bereits zum Stadtteil von Santa Croce gehörte. Der Fluss war durch seine fehlende Anbindung zum Meer nicht schiffbar, und alles, was ihn befuhr, waren Fischerboote und einfache Lastenkähne. Auf eines dieser Gefährte hofften sie.
Sie hatten Glück. Außer einem Nachtwächter und zwei betrunkenen Handwerksgesellen, die auf ihrem Heimweg ein wenig zu nah am Ufer entlangtorkelten, begegneten sie keiner Menschenseele, und tatsächlich fanden sie eine Reihe von Booten vor der Brücke. Ezio suchte eines heraus, das nicht mehr allzu gepflegt aussah und wahrscheinlich nicht mal den Winter überstehen würde, ohne Leck zu gehen. Das Risiko, dass es jemand vermissen würde, war relativ gering. Nacheinander trugen sie die Toten über die zum Steg führende Treppe und legten sie ins Boot. Ezio hätte ihnen gerne die Hände über den Körpern gefaltet, doch die anhaltende Leichenstarre machte sein Vorhaben unmöglich. Seufzend breitete er eines der Laken über seinem Vater und seinen Brüdern aus, und trat zurück. Leonardo saß mit Zunderschwamm und Pyrit auf der Treppe und schlug Funken, um einen mitgebrachten Kienspan zu entzünden.
„Ich hoffe, sie verbrennen schnell genug, sodass sie keiner findet und zurück an Land zieht“, murmelte Ezio.
Leonardo sah zu ihm auf. „Das werden sie. Bevor wir losgezogen sind, habe ich eine Flasche mit Verdünner auf den Wagen gelegt.“
„Verdünner?“
. Kannst du ihn holen?“
Ezio runzelte die Stirn, kam der Bitte jedoch nach. Er lief zum Karren, wühlte zwischen den übrigen Laken und fand tatsächlich eine Flasche in einer der Ecken. Als er zu Leonardo zurückkehrte, reichte ihm dieser den nun brennenden Kienspan im Tausch gegen den Verdünner und trat ans Boot. Er entkorkte die Flasche und leerte ihren Inhalt über dem Leinentuch aus. Ein scharfer Geruch stieg Ezio in die Nase, und er verzog das Gesicht.
„Das riecht ja ekelhaft.“
„Spiritus“, erklärte Leonardo, warf die Flasche in das Boot und bückte sich dann nach dem Seil, mit dem es am Landungssteg festgebunden war. Er brauchte nicht lange, um den Knoten zu lösen. „Bist du soweit?“
„Ja.“
Ezio blickte auf das Tuch, unter dem er drei Menschen wusste, die sein Leben begleitet hatten, solange er sich erinnern konnte. Ihren Tod zu akzeptieren, fiel schwer, und er hoffte, dass ihm die ungewöhnliche Bestattungsform, die sie gewählt hatten, wenigstens etwas helfen würde. Er wartete, bis Leonardo dem Boot einen Tritt gab, damit es von der Anlegestelle weg und auf den Fluss hinaus trieb, und warf den Kienspan. Dieser hatte kaum das mit Spiritus getränkte Tuch berührt, als Flammen in die Höhe schossen und sich mit einer für Ezio erstaunlichen Geschwindigkeit durch den Stoff fraßen. Noch bevor das Boot die Flussmitte erreichte, brannte es lichterloh.
„Damit keiner wagt, noch einmal Hand an euch zu legen“, flüsterte Ezio. Dann senkte er den Kopf, um das Vaterunser zu sprechen. Es war eins der wenigen Gebete, die er auswendig kannte. Seine Familie war nie besonders religiös gewesen, und Giovanni hatte keinen Wert darauf gelegt, Ezio und seinen Geschwistern eine entsprechende Erziehung angedeihen zu lassen. Ezio hatte es nie hinterfragt. Er kannte es nicht anders.
Leonardo, der neben ihm stand, schwieg. Er hatte die Hände vor dem Schoß übereinandergelegt, und als Ezio wieder den Kopf hob, sah er, dass Leonardos Blick an dem Boot hing. Der Schein der Flammen spiegelte sich in seinen Augen und dem feuchten Glanz auf seinen Wangen. Die Tatsache, dass er weinte – er, ein Ezio bis vor Kurzem noch vollkommen Fremder –, berührte ihn und zeigte ihm, wie nah sich Leonardo Giovanni gefühlt haben musste.
Schweigend legte Ezio eine Hand auf Leonardos Schulter und sah gemeinsam mit ihm auf den Fluss hinaus. Das Boot glich einer Fackel, deren Licht sich durch die Nacht fraß und jeden Schatten vertrieb, der ihr zu nahe kam. Ezio wurde bewusst, dass er kein Grab haben würde, zu dem er zurückkehren konnte, um seinem Vater und seinen Brüdern zu gedenken. Sie würden einfach aus der Welt des Sichtbaren verschwinden. Aber im Herzen, das schwor sich Ezio, würde er sie immer bei sich tragen.
Requiescat in pace.
Die leisen Worte, die an sein Ohr drangen, jagten Ezio einen Schauer über den Rücken. Sein Griff um Leonardos Schulter wurde fester, und er schloss die Augen. Als er sie wieder aufschlug, war das Boot schon viele Meter weit fort.
Träge trieb es stromabwärts.

***


Glossar:
sorellina – Koseform für sorella = Schwester
Gonelle – über dem Knie endendes, einfaches Obergewand
Requiescat in pace. – Ruhe[t] in Frieden.
 
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