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Commilitones 1 - Waffenbrüder [neue Version]

GeschichteAbenteuer, Historisch / P18 / MaleSlash
Claudia Auditore da Firenze Ezio Auditore da Firenze Giovanni Auditore da Firenze Leonardo da Vinci Lorenzo de Medici Mario Auditore
03.07.2021
21.09.2021
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20.07.2021 5.241
 
Der Dienstboteneingang des Palazzo befand sich in einer Seitengasse und lag bereits im Schatten, als Ezio und Leonardo sie erreichten. Kein Marktstand fand sich mehr auf den Piazze, und auch die ortsansässigen Betriebe schlossen ihre Läden. Nach Sonnenuntergang war Arbeiten untersagt. Fuhrwerke und Ochsenkarren verschwanden von den Straßen, und die Geschäftigkeit in den Handwerkervierteln kam zum Erliegen. Für gewöhnlich genoss Ezio diese Tageszeit, zu der die Menschen in die Tavernen strömten, um ihren Feierabend in Geselligkeit und bei einem dampfenden Eintopf und einem Krug Wein zu genießen. Heute aber war ihm schwer ums Herz. Er tastete nach dem Schlüssel, den ihm Paola überreicht hatte, schob ihn ins Schloss und drehte ihn zweimal. Ein Knacken war zu hören, als der Riegel zurücksprang. Dann schwang die Tür auf.
Nach einem kurzen Blick, den sowohl Ezio als auch Leonardo in die Gasse warfen, schlüpften sie ins Haus. Der Flur lag im Zwielicht. Ezio tastete sich an der Wand entlang bis zum Durchgang zur Küche, in der sich zumindest noch die Schemen der Möbel und Kochutensilien erkennen ließen. Im Ofen glommen die Überreste eines Feuers. Ezio benötigte nur eine Handvoll Späne und einen Holzscheit, um es zu entfachen. In einer Kiste neben dem Herd wühlte er nach Kerzenstumpen, wurde fündig und drückte Leonardo einen von ihnen in die Hand.
„Folge mir“, flüsterte er, obwohl niemand im Haus war, der sie hätte hören können. Als sie durch die Korridore schlichen, fühlte sich Ezio wie ein Einbrecher, der kein Recht besaß, hier zu sein.
Giovannis Büro lag vom Hauptportal des Palazzo aus gesehen zu rechter Hand. Es war ein repräsentativer Raum mit Kassettendecken und zwei großen Schreibtischen, die einander gegenüberstanden. Einer gehörte Giovanni, der andere seinem Privatsekretär Giulio. Ezio fragte sich, wo er war – oder die übrige Dienerschaft, über die seine Familie verfügte. Wahrscheinlich hatte Annetta sie fortgeschickt, bevor sie mit Maria und Claudia zum La Rosa Colta aufgebrochen war.
Ezio umrundete den Schreibtisch seines Vaters und blieb vor der Wand stehen, die von einem offenen Kamin dominiert wurde. Auch hier glomm noch die Glut zwischen verkohltem Holz und Asche. Bis zum Morgen würde sie erloschen und kalt sein. Ein Haus ohne Feuer war ein Haus ohne Leben. Dieser Gedanke schnürte Ezio die Kehle zu.
Er hob den Blick und starrte auf den Kaminsims, aber bevor er auch nur dazu kam, ihn abzutasten oder sich an seine Gabe zu erinnern, griff Leonardo an ihm vorbei und drückte seine Finger auf eines der Zierelemente im Stein. Etwas rumpelte und knarzte. Dann sank der Feuerraum mitsamt der Kaminrückwand in eine Vertiefung unter dem Boden.
„Was zur Hölle …“, entfuhr es Ezio.
„Dein Vater sagte, wir sollen unsere Gabe benutzen. Los, Beeilung. Du sollst diese Dokumente, von denen er uns erzählt hat, noch heute zum Gonfaloniere bringen.“
Ezio nickte und starrte auf den Durchgang, in den sich der Kamin verwandelt hatte. Er bückte sich, machte einen Schritt nach vorn und fand sich in einer quadratischen Kammer wieder. Als Leonardo neben ihn trat, fiel das Licht seiner Kerze auf eine Truhe und eine über ihr liegende Wandnische. Eine Laterne stand darin. Leonardo entzündete sie. Die Umrisse der Truhe wurden klarer, so wie auch die einer Schneiderpuppe, die neben ihr aufgestellt worden war. Ein Kapuzenwams ruhte auf ihr, beigegrau und mit roten Streifen, die mit weißen Säumen versehen waren. Ezio betrachtete es. Dann fiel sein Blick auf die Wand zu seiner Rechten, und seine Augen wurden groß. Die Wand war übersät mit Schwertern und Dolchen, die in diversen Halterungen steckten. Sogar eine Armbrust fand sich dort, und über ihr zwei miteinander gekreuzte Lanzen.
„Was ist das alles?“, fragte er.
„Dein Vater ist mehr als nur ein Bankier, Ezio. Als Krieger steht er seit Jahren im Dienste der Medici. Zieh alles an.“
Prego?
„Das ist, worum er dich gebeten hat. Du sollst alles an dich nehmen.“ Leonardo klappte die Truhe auf, in der Ezio einen Waffenrock entdeckte, dazu einen Lederumhang, eine rote Schärpe, Handschuhe und einen Gürtel mit auffälliger Schnalle.
„Es wäre viel zu umständlich, alles in einen Beutel zu stecken“, sagte Leonardo. „Die Sachen passen dir. Du hast dieselbe Statur wie dein Vater. Mach schon!“
Ezio zögerte, doch dann gehorchte er. Er legte das grüne Lederwams ab, das er getragen hatte, und tauschte es gegen den Waffenrock, den Leonardo für ihn aus der Truhe nahm.
„Du hast meinen Vater in diesem … Aufzug gesehen?“
„Mehr als einmal.“
„Was ist er?“
„Das spielt jetzt keine Rolle, Ezio. Für Erklärungen ist auch später noch Zeit. Hier, das Wams.“
Besagtes Kleidungsstück wurde von der Schneiderpuppe gezogen und Ezio in die Hand gedrückt. Er seufzte und legte es an. Es passte wie angegossen. Ezio fiel der dicht gewebte, starre Stoff auf, aus dem es bestand. Er zupfte an den Aufschlägen und blickte zu Leonardo, der nun die Schärpe gegriffen hatte und sie Ezio um den Bauch schlang. Er tat es mit so selbstverständlichen Handgriffen, dass Ezio keinen Protest gegen diese Behandlung wagte.
„Es waren also gar keine Bankgeschäfte, die ihn ständig fortgetrieben haben“, murmelte er.
„Nicht in letzter Zeit“, sagte Leonardo. „Dein Vater war in Mailand, um das Attentat auf den Herzog zu verhindern. Es ist ihm nicht gelungen, aber …“
Er brach ab und legte Ezio den Gürtel an. Mit flinken Fingern zurrte er an den Lederriemen und zog sie durch die für sie vorgesehenen Verschlüsse.
„Aber was?“, fragte Ezio.
„Ich weiß nichts Genaues, aber er scheint einem Komplott auf die Spur gekommen zu sein. Er war damit beschäftigt, die Hintermänner ausfindig zu machen, darum ist er wieder und wieder verreist. Im Auftrag von Lorenzo de’ Medici.“
„Wenn all das stimmt, begreife ich immer weniger, warum man ihn und meine Brüder festgenommen hat. Was soll das alles?“
„Ich habe keine Ahnung.“
„Dennoch scheinst du mehr über meinen Vater zu wissen als ich.“ Seine Stimme war bitter, und bereits im nächsten Moment bereute Ezio seinen Vorwurf. Dass er im Dunklen tappte, war nicht Leonardos Schuld. Ezios Vater hatte geschwiegen, und so, wie es schien, machte er bereits seit Jahren ein Geheimnis aus seiner zweiten Identität als Krieger im Dienste der Medici. War das der Tribut, den die heimlichen Herrscher von Florenz dafür verlangten, dass sie das Bankhaus Auditore so nachdrücklich unterstützten?
„Ich habe deinen Vater vor sechs Jahren zum ersten Mal getroffen“, sagte Leonardo. „Er kam damals in Verrocchios Werkstatt und wollte eine Gürtelschnalle gefertigt haben. Mein Meister verwies ihn an mich, und so habe ich entworfen, was Giovanni gefordert hat. Das hier.“ Leonardo deutete auf die Schnalle, die ein Ezio unbekanntes Symbol zeigte. Es war mit stilisierten Federn geschmückt und erinnerte an ein Wappen.
„Du hast die Ausrüstung für meinen Vater gefertigt?“
„Nur ein paar Einzelteile. Dreh dich um.“
Ezio gehorchte und ließ sich den Umhang über die linke Schulter werfen. Die ihn haltenden Riemen zog Leonardo über Ezios Brust und Rücken und zurrte sie fest. Leder knarrte, Metallverschlüsse klackten. Ein Dolch fand seinen Platz am Gürtel. Hinzu kamen Stiefelmesser und ein Schwert, das Leonardo von der Wand nahm und Ezio in die Hand drückte.
„Das hier benutzt er am liebsten. Er hat mal gesagt, dass es sich leichter führen lässt als ein Rasiermesser. Nimm es mit.“
„Wofür brauche ich all die Waffen, wenn es doch die Dokumente sind, die Vater retten sollen?“
„Du hast gehört, was er gesagt hat, Ezio. Nimm alles mit, egal, wie seltsam es dir erscheint. Und zieh die Kapuze auf.“
„Warum?“
„Warum wohl? Damit dich niemand erkennt! Die Garde sucht nach dir, schon vergessen? Es kann also nicht schaden, wenn du dein Gesicht verbirgst.“
Diesem Argument hatte Ezio nichts entgegenzusetzen, und so fasste er nach der Kapuze und zog sie über seinen Kopf. Ihr Stoff war ebenso fest und starr wie das Wams. Ezio beugte sich über die Truhe. Das Einzige, was jetzt noch in ihr lag, waren ein Paar Handschuhe und die Dokumente, von denen Giovanni gesprochen hatte. Ezio nahm sie an sich und schob sie in eine Ledertasche, die er an seinem Gürtel befestigte.
„Ich denke, wir haben alles.“
Bene. Dann lass uns aufbrechen. Du gehst zum Gonfaloniere und ich in meine Bottega.“
„Diesen Auftrag fertigstellen?“
„Genau. Ich erzähle dir morgen davon, versprochen. Aber jetzt ist es wichtig, dass die Dokumente überbracht werden, die deinen Vater entlasten sollen.“
Ezio nickte. Sie löschten die Laterne und verließen die Kammer. Zurück in Giovannis Büro, betätigte Leonardo erneut den Mechanismus, der im Kaminsims verborgen war, und der Geheimgang verschwand hinter der Feuerstelle. Als die Bodenplatte einrastete, war es so, als wäre er nie dagewesen.
Gemeinsam schlichen sie durch den Palazzo. Vor dem Dienstboteneingang blies Leonardo die Kerze aus und schob sie in eine Ecke neben der Tür. Dann trennten sie sich. Während Leonardo für seinen Heimweg die Straßen wählte, erklomm Ezio die Fassade und zog sich auf das Dach des Palazzo. Einen Moment verharrte er dort, im verzweifelten Versuch, das soeben Erfahrene zu verarbeiten. Sein Vater war ein Krieger. Wieso hatte er diesen Umstand vor seiner eigenen Familie verheimlicht, während Menschen wie Leonardo, Paola und sogar dieser Volpe genau über ihn Bescheid zu wissen schienen?
Ezio erinnerte sich an die Worte, die Giovanni bei ihrem Abschied an ihn und Leonardo gerichtet hatte: „Haltet zusammen, egal, was kommt. Ihr werdet einander brauchen.“
Einem Reflex folgend, tastete Ezio nach der Ledertasche mit den Dokumenten. Giovanni vertraute Leonardo. Und er vertraute darauf, dass Ezio im Sinne seines Vaters handelte und seinen Auftrag ausführte. Schwermütig blickte er über die Dächer und fokussierte den Glockenturm des Palazzo della Signoria. Messer Alberti wohnte in einer seiner Nebenstraßen. Es kostete Ezio keine fünf Minuten, um zu ihr überzusetzen. Nachdem er die Umgebung mit aufmerksamen Blicken geprüft hatte, kletterte er vom Dach. Von der Piazza drangen plötzlich die Schritte einer Patrouille zu ihm herüber, und Ezio duckte sich in den Schatten, bis die Gardisten an der Straße vorübergezogen waren. Dann trat er vor die Tür der Villa Alberti. Ezio klopfte und wartete mit wild pochendem Herzen. Nichts rührte sich. Auch sein zweiter Versuch blieb ohne Erfolg. Das konnte doch nicht sein! Die Nacht war längst hereingebrochen. Kein Mann von Stand trieb sich jetzt noch auf den Straßen herum, erst recht nicht bei diesen Temperaturen! Ezio spähte zum Zugang der Piazza, dann klopfte er ein drittes Mal.
Endlich wurde geöffnet. Ein misstrauisch dreinschauender Diener streckte seinen Kopf ins Freie.
„Ich muss zu Messer Alberti“, sagte Ezio. „Es ist dringend!“
„Der Signore hat Besuch“, erwiderte der Diener. „Er ist sehr beschäftigt. Ihr könntet morgen –“
„Nein!“ Fürchtend, die Tür vor der Nase zugeschlagen zu bekommen, trat Ezio einen Schritt nach vorn und schob seinen Fuß über die Schwelle. „Morgen ist es zu spät. Ich muss ihn jetzt sprechen. Es dauert auch nicht lange. Nur zwei Minuten. Bitte, ich flehe Euch an!“
Der Diener neigte abwägend den Kopf. Dann gab er nach, ließ Ezio herein und führte ihn in den ersten Stock. Dort komplimentierte er ihn in die Bibliothek, in der sich Alberti über einen von Papieren schier überquellenden Schreibtisch beugte. Wenige Meter von ihm entfernt und von der Tür abgewandt, saß ein Mann in einem Sessel. Ezio konnte ihn bei den schlechten Lichtverhältnissen nur erahnen. Er schien groß gewachsen und kräftig zu sein. Kein Wort der Begrüßung kam aus seinem Mund. Alberti dagegen sah auf.
„Giovanni?“, fragte er überrascht.
„Nein, ich bin’s.“ Ezio trat näher und zog sich die Kapuze vom Kopf. Also wusste sogar der Gonfaloniere über Giovannis zweite Identität Bescheid. Am liebsten hätte Ezio Alberti mit Vorwürfen überhäuft, aber er wusste, dass er dafür jetzt keine Zeit hatte. Sein Blick glitt zu der mechanischen Uhr, die hinter dem Schreibtisch an der Wand stand, und die ihm zeigte, dass bereits die zweite Nachtstunde angebrochen war. War es wirklich erst einen halben Tag her, dass Ezio sich unbekümmert mit seiner Mutter auf den Weg zu Leonardos Bottega gemacht hatte? Ein halber Tag, in dem man ihn aus seinem vertrauten Leben gerissen und in ein neues geworfen hatte, das Ezio noch nicht verstand? Der sterbende Junge in ihm wollte sich abwenden und Tränen über die Verzweiflung vergießen, die ihn quälte. Doch der Mann, der sich unter dem Berg aus Wut und Angst hervorwühlte und danach trachtete, wieder Ordnung ins Chaos zu bringen, wusste, dass er sich nicht länger zurückhalten durfte. Ezio musste handeln. Notfalls auch allein.
„Mein Vater und meine Brüder wurden gefangen genommen“, sagte er. „Ich weiß nicht, auf wessen Befehl dies geschehen ist und was man ihnen vorwirft, doch ich bin überzeugt, dass sich mein Vater keines Verbrechens schuldig gemacht hat. Er bat mich, Euch diese Dokumente zu bringen. Sie sollen ihn entlasten.“
Alberti blickte auf den versiegelten Brief und die Papiere, die Ezio ihm reichte, und nahm sie an sich. Dann griff er nach seiner Lesebrille und beugte sich über das Licht einer Öllampe, die auf dem Schreibtisch stand. Schweigend studierte er Blatt um Blatt, brach das Siegel des Briefes und las ihn. Ernst stahl sich in seine Züge. Er schob den Brief unter sein Wams und legte die übrigen Dokumente auf den Tisch.
„Es ist wahr, Ezio“, sagte er. „Gegen deinen Vater sind schwere Anschuldigungen erhoben worden, aber wie mir scheint, ist da jemand etwas … voreilig gewesen. Für morgen früh ist eine Verhandlung angesetzt, aber mit diesen Dokumenten hier lässt sich tatsächlich etwas machen. Sei unbesorgt. Ich werde mich um die Angelegenheit kümmern. Es wird sich alles aufklären.“
Grazie mille, messere.
„Nichts zu danken, mein Junge. Dein Vater und ich sind schließlich langjährige Freunde.“ Alberti lächelte. „Lass dich von meinem Diener in ein Gästezimmer führen. Du bist nach all der Aufregung sicher sehr müde und willst dich ausruhen. Ich glaube, es ist auch noch etwas Pastete vom Abendessen übrig.“
„Habt Dank, messere, aber ich möchte lieber bei meiner Mutter und meiner Schwester sein.“
„Wie du willst.“ Alberti schien Ezios Entscheidung zu bedauern, zuckte jedoch mit den Schultern und wies zur Tür. „Dann sehen wir uns morgen. Die Verhandlung ist für die siebzehnte Stunde angesetzt.“
„Ich werde da sein.“
Bene, Ezio. E buona notte.“
Buona notte, messere.

***


Ezio fühlte sich hin- und hergerissen zwischen Erleichterung und Sorge, als er ins La Rosa Colta zurückkehrte. Auf Paolas Geheiß hin mied er das Erdgeschoss, in dem sich das Bordell befand, kletterte an der dem Brühl zugewandten Hausseite hinauf und zog sich durch ein offenstehendes Fenster im zweiten Stock. Es gehörte zum Flur zwischen dem Treppenhaus und Paolas Privaträumen, und fast fiel Ezio einer blonden Frau in die Arme, die gerade die Stufen hinabsteigen wollte. Erschrocken sprang sie zurück und griff nach dem Geländer. Als sie bemerkte, dass Ezio von ihrer Anwesenheit ebenso verblüfft war wie sie über seine, begann sie zu grinsen.
„Kommen die Freier jetzt schon wie Diebe ins Haus?“, fragte sie. „Du bist Ezio, nicht wahr?“
„Woher weißt du das?“
„Paola hat mir aufgetragen, dir etwas zu Essen zu bringen, doch leider, leider war dein Zimmer so leer wie die Geldbörse eines Tagelöhners. Ich hab dir das Tablett auf den Tisch neben dem Bett gestellt.“
„Das ist sehr nett, danke.“ Ezio strich sich das Wams glatt und sah die Frau vor sich fragend an. „Wie geht es meiner Mutter und Claudia?“
„Sie schlafen bereits seit einer Stunde. Die Armen, sie waren vollkommen erschöpft.“ Mit diesen Worten streckte sie ihre Hand aus und legte sie auf Ezios Brust. „Was ist mit dir?“
„Was meinst du?“
„Du siehst auch müde aus. Und sehr besorgt.“
„Das bin ich auch“, erwiderte Ezio matt. „Mir schwirrt der Kopf.“
„Das kann ich mir vorstellen. Ruhe wirst du so jedoch kaum finden.“
Ezio hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. Sein Blick glitt in den Flur, und ihm fiel ein, dass er gar nicht wusste, welches der Zimmer Paola für ihn hatte herrichten lassen.
„Wo genau soll ich denn schlafen?“
„Ich zeige es dir.“ Die Frau fasste nach seiner Hand und zog Ezio hinter sich her. Ihre Zutraulichkeit amüsierte ihn, auch wenn er verstand, warum sie sich so gab. Der viel zu tiefe Ausschnitt und ihre in der typischen Manier der Dirnen gebundenen Zöpfe ließen keinen Zweifel an ihrer Profession. Sie war eines von Paolas Mädchen, und Ezio glaubte sich sogar daran zu erinnern, sie schon einige Male gesehen zu haben.
„Wie heißt du?“, fragte er.
„Aurora.“
„Das ist ein hübscher Name.“
„Danke der Herr.“ Sie lachte kokett. Dann stieß sie die Tür zu einem der Zimmer auf. Es war etwas kleiner als das, in dem Maria und Claudia untergebracht worden waren, aber es war sauber und zweckmäßig eingerichtet. Neben dem Bett standen zwei Stühle und ein kleiner Tisch. Auf ihm hatte Aurora das Tablett mit dem versprochenen Abendessen abgestellt, gemeinsam mit einer Laterne, die das Zimmer in warmes Licht tauchte.
Dio“, seufzte Ezio. „Das sieht großartig aus!“
Er trat ein und griff an den Gürtel, um ihn mitsamt dem Schwert zu lösen. Er wollte sich setzen und die müden Beine von sich strecken, die vom vielen Klettern und Springen schmerzten. Achtlos warf er die Sachen auf den Boden. Der Umhang und die rote Schärpe folgten.
„Neben dem Fenster steht ein Waschtisch“, sagte Aurora. „Der Krug ist voll. Ich bringe dir noch etwas Lauge und ein Handtuch.“
Grazie.
Sie nickte und verschwand. Dankbar schälte sich Ezio aus dem so unvertrauten Wams wie Waffenrock und hängte beides über einen Stuhl. Dann schlüpfte er aus seinen Stiefeln und lief barfuß zum Waschtisch hinüber. Jeder Muskel in seinem Körper schmerzte. Ezio war es gewohnt, seine akrobatischen Künste unter Beweis zu stellen, aber so lange und ausgiebig geklettert wie heute war er noch nie. Er goss Wasser in die Schüssel, tauchte die Hände hinein und wusch sich das Gesicht. Die Kühle tat gut, und mit energischen Bewegungen rieb er sich den Straßenstaub von der Haut.
„Ich glaube, du brauchst mehr Licht.“
Aurora war zurück. Ezio hörte sie in seinem Rücken rumoren. Eine zweite Laterne wurde entzündet. Aurora brachte sie ihm, zusammen mit einem Tongefäß voll aufgelöster Seife, einem Lappen und dem versprochenen Handtuch.
„Soll ich dich waschen?“
Ihre Frage stieß Ezio vor den Kopf. Er musste ein lustiges Bild für die Dirne abgeben, denn sie lachte herzlich.
„Du bist ja richtig süß“, sagte sie. „Setz dich und iss. Ich kümmere mich um alles.“
„Aber –“
„Ich habe Zeit“, versicherte sie. „Heute ist mein freier Tag.“
„Den solltest du genießen“, murmelte Ezio und war verblüfft, als Aurora an sein Kinn griff und ihn dazu bewegte, ihr den Kopf zuzudrehen.
„Genau das habe ich vor“, raunte sie. „Du gefällst mir, Ezio.“
Er spürte, wie ihm die Röte in die Wangen kroch, und sie lachte erneut.
„Du hast mir selbst gesagt, dass dir der Kopf schwirrt. Ich könnte etwas dagegen tun. Wenn du mich lässt.“
Ihre Hand wanderte über sein Kinn zu seiner Wange und liebkoste sie. Ezio spürte, wie er schwach wurde. Aurora war eine schöne Frau, und auch wenn ihm bewusst war, dass sie ihr persönliches Vergnügen im Sinn hatte, konnte er ihr keine Vorwürfe machen. Er dachte an Cristina und seufzte. Was man den Auditore gerade antat, würde ihren Vater erst recht nicht davon überzeugen, Ezios Werben um seine Tochter zu akzeptieren. Er würde loslassen müssen. Alles. Cristina. Sein altes Leben. Seine Illusion der Unschuld.
„Ich freue mich, wenn du bleibst“, sagte er, und war erstaunt darüber, wie rau seine Stimme klang. Er sah das breite Lächeln auf Auroras Gesicht. Es erreichte ihre Augen und ließ sie funkeln. Sie war wirklich eine schöne Frau.
Flinke Finger öffneten sein Hemd und strichen es über seine Schultern nach hinten. Ezio ließ es geschehen. Er genoss Auroras Hände, die den Waschlappen über seine Brust und seine Arme führten. Als sie die Verschnürung seiner Hosen öffnete und ihn rücklings aufs Bett stieß, sank er mit dem Kopf ins Kissen und schloss die Augen. All die nagenden Fragen und Gedanken verblassten unter der Sinnlichkeit, die Aurora ihm zuteilwerden ließ, wenn auch nur für einen kurzen, Kraft schenkenden Moment.

***


Als Ezio am nächsten Morgen auf der Piazza della Signoria eintraf, war er überrascht, eine Menschenmenge vorzufinden. Verhandlungen wurden für gewöhnlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit und im Innern des Regierungsgebäudes abgehalten. Was man unter freiem Himmel vollstreckte, waren Urteile. Von einer bösen Ahnung getrieben, blickte Ezio zum Galgen auf der Mitte des Platzes. Von seinem Querbalken hingen drei Schlingen. Unter ihnen standen Giovanni, Federico und Petruccio.
„Nein!“, flüsterte Ezio. „Das ist falsch!“
Er schob sich an schnatternden Wäscherinnen und derbe Witze reißenden Handwerkern vorbei zum Galgen. Vor diesem hatte man ein Podium errichtet, auf dem ein mit Brokat verhängter Tisch stand. Das Wappen von Florenz prangte auf dem Stoff und signalisierte, dass es sich bei dieser Veranstaltung um einen offiziellen Akt der Signoria handelte. Hinter dem Tisch standen der Gonfaloniere Uberto Alberti und ein großer, kräftiger Mann, den Ezio nicht kannte. Für ihn interessierte er sich auch nicht. Er hatte nur Augen für seinen Vater und seine Brüder. Ezio versuchte, noch näher an den Galgen heranzukommen, aber bald standen die Menschen so dicht, dass er keinen Meter mehr gewinnen konnte.
Scusi, signor, aber dürfte ich mal vorbei?“, fragte er einen Herrn in schwarzem Mantel. Der Mann drehte sich zu ihm um und reckte hochmütig das Kinn.
„Selbst Schuld, wenn Ihr nicht früher kommt!“, sagte er. „Versucht Euch doch woanders vorzudrängeln!“
Ezio versuchte es tatsächlich, aber auch hinter ihm rückten die Schaulustigen nach und machten es ihm unmöglich, zurückzuweichen. Bald stand Ezio eingequetscht zwischen den Leibern, viel zu weit vom Galgen entfernt und mit einem Gefühl im Magen, das ihn zittern ließ.
Alberti hob die Hände. Stille kehrte auf der Piazza ein. Alle Anwesenden starrten gebannt auf den Gonfaloniere, der sich auf dem Podium gedreht hatte und die drei Gefangenen ansah.
„Giovanni Auditore“, rief er. „Ihr und Eure Komplizen werden des Verrats an der ehrwürdigen Republik von Florenz angeklagt. Habt Ihr Beweise, die diesen Vorwurf widerlegen?“
Von seinem Platz aus konnte Ezio die Miene seines Vaters kaum erkennen, aber seine Stimme klang verwirrt.
„Natürlich. Ich habe Euch noch gestern Abend Dokumente zukommen lassen, die meine Unschuld beweisen.“
„Von diesen Dokumenten weiß ich nichts.“
Die Kaltschnäuzigkeit, mit der Alberti sprach, erschütterte Ezio.
„Das ist eine Lüge!“, schrie er, aber seine Stimme ging im Aufbrausen der Menge unter. Fäuste wurden geballt und in die Luft gestoßen. Irgendwo skandierte eine Männergruppe, dass man Verräter aufs Rad spannen sollte. Gejohle wurde laut, und mit einem Mal fühlte sich Ezio wie ein Lamm in einem Wolfsudel, das nach Blut gierte.
Wieder hob der Gonfaloniere die Hände, und wieder kehrte Ruhe ein.
„Die Signoria von Florenz hat die Anklageschriften gegen Euch geprüft und für unwiderlegbar befunden“, sagte Alberti. „Da Ihr, Giovanni, keinen Gegenbeweis liefern könnt, seid Ihr nach dem Gesetz der Republik schuldig, und ich bin von Amts wegen dazu verpflichtet, Euch und Eure Komplizen – Eure Söhne Federico, Petruccio und den hier nicht anwesenden Ezio – zum Tode zu verurteilen. Dieses Urteil ist mit sofortiger Wirkung zu vollstrecken.“
Die Menge tobte. Erneut startete Ezio den Versuch, sich zwischen den dichtgedrängten Leibern hindurchzuschieben, aber man stieß ihn pöbelnd und schimpfend zurück. Das makabere Schauspiel war eröffnet, und wie beim Palio, dem alljährlich stattfindenden Pferderennen, wollte sich jeder die beste Aussicht sichern. Ezio hatte die Begeisterung für öffentliche Exekutionen nie nachvollziehen können. Er begriff nicht, wie sich Menschen am Leid Wehrloser ergötzen konnten, die gefesselt unter dem Galgenbaum standen und sich die Schlinge um den Hals legen lassen mussten, wie es nun mit Petruccio geschah. Er war der Erste, den der Henker über einer Falltür im Aufbau des Galgens positionierte. Ein Priester trat an den Jungen heran und bespritzte ihn Gebete murmelnd mit Weihwasser. Für diese Scheinheiligkeit hätte Ezio ihm am liebsten den Hals umgedreht. Wütend stieß er einen Halbstarken zur Seite, der vor ihm auf und ab hüpfte wie ein aufgeregter Hund, dem man ein Stöckchen zum Spielen zuwarf. Der Bengel fluchte. Ezio verstand nicht, was er sagte, denn just in diesem Moment hatte der Henker den Hebel der Falltür ergriffen und zurückgezogen. Petruccio verlor den Halt und fiel. Sein zarter Körper hatte der Wucht des Sturzes nichts entgegenzusetzen, und auch wenn Ezio auf die Entfernung unmöglich hören konnte, wie sein Genick brach, so hatte er den hässlichen Klang so deutlich im Ohr, dass ihm schwindelte.
„Nein“, flüsterte er, während Tränen in seinen Augen brannten. „Lieber Gott, nein!“
Nun griff der Henker nach Federico, der sich, so gut er konnte, zu wehren versuchte.
„Wir haben nichts getan!“, schrie er in die Menge, doch die buhte nur hämisch zurück. Die Schlinge wurde auch um Federicos Hals gelegt. Als sich die Falltür unter seinen Füßen öffnete, zappelte er im Todeskampf. Ezio musste wegsehen. Er ertrug den Anblick nicht – ertrug nicht die Menschenverachtung, die aus Hunderten von Kehlen drang, die wild durcheinander schrien, Verwünschungen ausstießen und die Gerechtigkeit der Republik priesen, die keine war. Als Ezio wieder zum Galgen zu sehen wagte, konnte er erkennen, wie aschfahl das Gesicht seines Vaters war und wie sehr seine Schultern bebten. Sein Schmerz fand ein Echo in Ezios, der es nicht verkraftete, dass Giovanni im Glauben starb, dass Ezio ihn im Stich gelassen hatte.
„Papa!“, schrie er, und diesmal schien seine Stimme das Grölen der Umstehenden zu übertönen. Der fremde Mann, der neben Alberti auf dem Podium stand, drehte den Kopf und starrte Ezio an. Gebieterisch hob er die Hand, und die Menge kam zur Ruhe. Ezio nahm es gar nicht wahr. Er sah nur seinen Vater, zu dem er sich erneut vorzukämpfen versuchte. Er zog das Schwert aus seinem Gürtel und stieß es in die Höhe, im letzten Versuch, auf sich aufmerksam zu machen. Erschrocken wichen die Menschen um ihn herum zurück.
„Er hat eine Waffe!“, schrie einer.
Dio mio, pass doch auf“, tönte ein anderer.
Ezio ignorierte sie. Er hatte Platz. Er konnte wieder atmen. Und sein Vater sah ihn an.
Giovannis Blick war voll Trauer und Enttäuschung. Für einen Moment fürchtete Ezio, sie gälte ihm, doch dann wandte sich sein Vater zum Podium und an Alberti, den er einst seinen Freund genannt hatte.
„Du bist der Verräter, Uberto, und ich bin ein Narr“, sagte er, und da die Menge verstummt war, konnte es auch jeder der Umstehenden hören. „Ich hielt dich für einen aufrechten Mann, und ich habe dir mein Leben anvertraut. In meinem Glauben an die Freundschaft habe ich dich nicht für einen von denen gehalten.“ Kurz blickte er auf den Mann, der an Albertis Seite stand, und schnaubte. Dann drehte er sich um, und auch wenn er in die Menge sprach, wusste Ezio, dass er derjenige war, den Giovannis Worte erreichen sollten. „Man mag uns unser Leben nehmen, aber das, wofür wir stehen, kann niemand zerstören. Unsere Herzen sind aufrecht. Wenn ich gehe, wird jemand anderes an meine Stelle treten und tun, was getan werden muss. Doch er wird sich nicht opfern. Nicht dieser Gerechtigkeit, die keine ist.“
Dann senkte Giovanni den Kopf. Er versuchte nicht einmal, vor dem Henker zurückzuweichen, der ihm die Schlinge um den Hals legte. Stolz und beherrscht erwartete Giovanni Auditore sein Schicksal. Ezio keuchte. Die Tränen, die über seine Wangen liefen, hatte er schon vor Ende der kleinen Ansprache nicht mehr zurückhalten können. Er verstand, was sein Vater ihm mitgeteilt hatte. Wusste, was er von ihm verlangte. Es war das Schlimmste, was sich Ezio vorstellen konnte. Langsam trat er einen Schritt zurück. Dann einen zweiten. Die Menschen wichen zur Seite, das Schwert fürchtend, das Ezio noch immer fest umklammert hielt.
„Hängt diesen Verräter endlich!“, donnerte der Fremde auf dem Podium. Dann hob er den Arm und deutete über die Köpfe der Umstehenden hinweg auf Ezio. „Und fasst seinen übrigen Komplizen. Da steht er! Tötet ihn!“
Mit einem Mal brach das Chaos aus. Das Geräusch des Hebels, mit dem der Henker die dritte Falltür öffnete, ging in wildem Geschrei unter, als die Gardisten heranstürmten, die bis jetzt vor dem Palazzo Wache gestanden hatten. Mit erhobenen Hellebarden pflügten sie durch die Menschen, die auseinanderstoben wie eine in Panik geratene Viehherde. Zeitgleich trat Ezio seine Flucht an. Er warf sich herum und stieß jeden beiseite, dem es nicht gelang, rechtzeitig auszuweichen. Einer der Gardisten erreichte ihn und ging auf ihn los. Seinem Instinkt gehorchend, wich Ezio der scharfen Spitze der Hellebarde aus, die an ihm vorbei ins Leere stieß, und rammte seinem Gegner das Schwert in den Bauch. Der Mann gurgelte und sackte in sich zusammen. Ezio setzte ihm den Fuß auf die Brust, zog ihm die Klinge aus dem Leib und hechtete weiter. Die Menschen auf der Piazza flüchteten in alle Richtungen, kamen sich in die Quere und stolperten übereinander. Zu Hindernissen verkommend, brachten sie andere zu Fall. Ezio sprang über sie hinweg, wissend, dass das kleinste Straucheln seinen Tod bedeuten würde. Die Gardisten kamen näher, und aus der Via de Gondi, die entlang des Palazzo della Signoria verlief, rannten weitere auf den Platz. Sie wurden von Männern angegriffen, die sich wie aus dem Nichts von den Balkonbrüstungen der umliegenden Häuser auf die Straße stürzten. Einer von ihnen war komplett in Brauntöne gekleidet.
Volpe …
Ezio schlug einen Haken um einen Brunnen und hetzte auf die dahinterliegende Straße zu. Er musste weg von diesem offenen Platz, auf dem er kein Versteck finden konnte. Doch auch hier stellten sich ihm zwei Gardisten in den Weg und erwarteten ihn mit gezückten Schwertern.
„Du kommst hier nicht vorbei, Bürschchen!“, höhnte einer. Ezio konnte sehen, wie er die Zähne bleckte. Dann entglitten dem Gardisten die Züge und sein Blick brach. Ezio bemerkte den Dolch, der in seinem Hals steckte, und den Mann, der ihn führte. Er war gekleidet wie Ezio, in einen hellen Waffenrock mit roter Schärpe. Sein Gesicht lag im Dunklen einer Kapuze verborgen.
„Lauf, Ezio“, rief er. „Halt nicht an, lauf!“
Der Mann stieß den sterbenden Gardisten von sich und wirbelte herum, um den Schwerthieb seines Kollegen abzufangen. Ein Kampf entbrannte, und Ezio eilte, die eigene Waffe zurück in den Gürtel steckend, an den beiden Kontrahenten vorbei – hinunter von der Piazza und hinein in die Gasse. Das Geschrei seiner Verfolger im Ohr, rannte er um die nächste Biegung, sprang eine Treppe hinab, die zwei unterschiedliche Straßenebenen miteinander verband, und hechtete auf das Dach eines Wirtschaftsgebäudes. Die Werkstatt eines Drechslers schloss daran an, und hinter ihr das zweistöckige Gebäude eines Hutmachers. Ezio nutzte Fenster und Simse als Tritthilfe, bekam die Dachkante zu fassen und zog sich auf die Ziegel. Dann stürmte er weiter, sprang von Haus zu Haus, überquerte Gassen und Stichwege und hielt nicht eher an, bis er den Lärm auf der Piazza della Signoria nicht mehr hören konnte. Seitenstechen plagte ihn. Er sank gegen die Wand eines vor ihm aufragenden Stockwerks, um zu verschnaufen. Seine Brust schien zerreißen zu wollen, so heftig klopfte sein Herz. Es wurde nicht besser, als Ezio erneut die Tränen in die Augen stiegen und ihm ein Kloß im Hals das Schlucken erschwerte. Sein Vater und seine Brüder waren tot, verraten vom Gonfaloniere der Stadt. Einem Mann, den sie einen Freund der Familie genannt hatten. Auch Ezio war in Gefahr. Die Signoria hatte ihn ebenfalls verurteilt, für ein Verbrechen, das er nicht begangen hatte. Giovanni wusste es, und er hatte seinem Sohn eine klare Anweisung erteilt: Ezio sollte alles tun, um nicht gefasst zu werden. Und er sollte Rache üben.
Ezio presste seine Stirn gegen das Mauerwerk und schloss die Augen. Er wusste, dass er nicht so einfach verarbeiten konnte, was in der letzten halben Stunde geschehen war, aber ein Gedanke drängte sich durch seinen Schmerz und hinterließ ein seltsames Gefühl von Verstehen und Hoffnung. Ezio wusste, wer der Mann gewesen war, der ihm im Tumult auf der Piazza durch sein beherztes Eingreifen zur Flucht verholfen hatte. Er hatte ihn an seiner Stimme erkannt.
Leonardo.

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Glossar:
siebzehnte Stunde – entspricht im Monat Januar etwa 9.00 Uhr morgens (der neue Tag begann stets zu Sonnenuntergang, wenn die mechanischen Uhren zurück auf Null gestellt wurden)
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