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Commilitones 1 - Waffenbrüder

GeschichteAbenteuer, Historisch / P18 / MaleSlash
Claudia Auditore da Firenze Ezio Auditore da Firenze Giovanni Auditore da Firenze Leonardo da Vinci Lorenzo de Medici Mario Auditore
03.07.2021
14.10.2021
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14.10.2021 3.599
 
Ezio holte tief Luft, bevor er den Kopf in den Kübel steckte. Er hatte darauf verzichtet, das Wasser über dem Herd zu erwärmen, und bereute es augenblicklich. Ihm war, als würde eine Armee aus Eisnadeln sein Gesicht traktieren.
Cavolo!“, keuchte er, als er wieder auftauchte. „Das ist ja nicht auszuhalten!“
„Du hast es frisch aus dem Brunnen gezogen. Was erwartest du?“
„Keinen Tod durch Erfrieren!“
„Jetzt übertreib mal nicht.“
Ezio schob die Hand unter sein tropfnasses Haar und hob es so weit an, dass er Leonardo einen vorwurfsvollen Blick schenken konnte. Was er dafür erntete, war ein Lachen – und einen Schwall Wasser aus einem über dem Feuer baumelnden Kessel.
„Das sollte eigentlich Suppe werden“, sagte Leonardo und hielt die Hand in den Kübel, um die Temperatur zu fühlen. „Jetzt ist es besser. Beug dich wieder vor.“
Ezio gehorchte. Er hatte den Kübel auf einem Schemel neben dem Tisch positioniert und umschloss die Sitzfläche nun mit beiden Händen. Als er Leonardos Fingerspitzen auf seiner Kopfhaut spürte, die Seifenlauge in seinem Haar verteilten, brummte er zufrieden. „Mhm … ein bisschen mehr links.“
„Barbier da Vinci nimmt zwei Soldi pro Wäsche. Besondere Zuwendung kostet extra.“
„Ich revanchiere mich auch“, versprach Ezio mit anzüglichem Unterton. „Mir würde da ein Teil von dir einfallen, das besondere Zuwendung sehr zu schätzen weiß …“
Er grinste, als er leises Lachen über sich vernahm, drehte den Kopf und haschte nach Leonardos Lippen. Seifenschaum klatschte auf seine Wangen und troff von seinen Schläfen in seinen Hemdkragen.
„Ezio!“
Der halbherzige Protest verstummte unter seinem Kuss. Von Triumph beseelt, fasste Ezio Leonardo bei den Schultern und drückte ihn auf den Tisch hinunter. Seine Finger fanden den Gürtel und lösten die Schnalle.
„Ich dachte, ich soll dir die Haare waschen.“
„Sollst du auch. Aber nach einer kleinen Anzahlung gibst du dir bestimmt mehr Mühe.“
Vaffanculo, Ezio!“, rief Leonardo.
„Oh, das kannst du haben, wenn du mich so nett darum bittest!“
Das Lachen schwoll an. Leonardo bebte förmlich, und Ezio spürte, wie die Lust in ihm erwachte. Mit den Fingern schlüpfte er unter Leonardos Hemd und streichelte seinen Bauch, wobei er den Leinenstoff höher zog, langsam und genüsslich. Wassertropfen perlten aus seinem Haar und fielen auf nackte Haut. Leonardo zuckte. Gerade wollte Ezio nach dem Saum seiner Hosen greifen, als eine Stimme aus der Werkstatt erklang.
Scusi? Ist jemand da?“
Ihr Lachen verstummte. Sich aufrichtend, starrte Leonardo durch die offene Tür in den Flur. Wer auch immer da sprach, er musste unmittelbar vor dem Vorhang stehen, der den Arbeitsbereich von den Privaträumen trennte.
„Hallo?“, fragte der Besucher.
Leonardo rutschte vom Tisch, wobei er seinen Gürtel wieder schloss.
Uno momento!“, rief er. „Ich komme sofort.“
Wortlos richtete sich Ezio auf, um Leonardo Platz zu machen. Der zupfte sein Hemd gerade und griff nach einem Tuch, um sich Wasser und Seifenschaum aus dem Gesicht zu wischen. Ezio gab ihm mit einem Nicken zu verstehen, dass er vorzeigbar war, fing das Tuch auf und sah seinem Freund hinterher, der mit großen Schritten in den Flur eilte. Der Vorhang wurde zurückgeschlagen. Ezio hörte den Stoff flattern.
Buongiorno, signor. Was kann ich für Euch tun?“
„Seid Ihr Maestro da Vinci?“
Sì.
„Mein Name ist Paolo Capponi. Ich war gestern schon hier. Leider habe ich nur Euren Lehrjungen angetroffen.“
Die Stimme des Besuchers klang jung. Ezio widerstand dem Drang, in den Flur zu treten, um einen Blick auf diesen Paolo zu werfen. Er würde ein seltsames Bild abgeben, patschnass vom Kopf bis zur Brust und mit Schaum im zerzausten Haar. Seufzend trat er zurück an den Schemel und beugte sich über den Eimer. Während er sich die Seife ausspülte, versuchte er, so viel wie möglich von dem Gespräch mitanzuhören, das aus der Werkstatt in die Küche drang.
„Davide ist nicht mein Lehrjunge“, sagte Leonardo. „Er wohnt in der Nachbarschaft und kümmert sich in meiner Abwesenheit um die Tiere.“
„Ich verstehe. Verzeiht meinen Irrtum, Maestro, aber ich bin noch nicht lange in der Stadt. Ich hatte einen Ausbildungsplatz in Mailand, in der Marketerie. Aber ich verstehe mich auch auf Intarsien und Ornamentik und habe die Grundzüge des Malhandwerks erlernt. Ich hatte gehofft, hier eine Bottega zu finden, in der ich meine Ausbildung vollenden kann. Doch die meisten legniauoli di tarssie scheinen momentan keine Lehrjungen anzunehmen, da sie auswärtig tätig sind …“
„Es gibt derzeit viele Aufträge aus Siena und Urbino.“ Leonardo zögerte kurz, und Ezio nutzte die Gelegenheit, den Eimer über dem Ausguss auszuleeren und sich das restliche Wasser aus dem Kessel über den Kopf zu schütten. Es gab nichts Lästigeres, als sich mit von Seifenrückständen verklebten Haaren herumzuärgern.
„Ich bilde eigentlich nicht in der Marketerie aus“, nahm Leonardo das Gespräch wieder auf. „Ich habe mich auf die Malerei spezialisiert.“
„Das macht nichts“, erwiderte Paolo. „Ich bin einfach froh, wenn ich wieder in einer Werkstatt stehen und arbeiten kann. Wie gesagt, die Grundkenntnisse der Malerei beherrsche ich. Ich weiß, wie man Farben und Malgründe herstellt, und bin mit allen gängigen Lacken vertraut. Was meine fehlenden Zeichenkenntnisse angeht, so könnt Ihr mir gewiss viel beibringen. Was stellt Ihr Euch als Lehrgeld vor?“
„Erm …“
„Vier Soldi pro Tag?“
„Ihr macht mir ein Angebot?“ Leonardo klang verwundert, und Ezio beeilte sich, sein Haar auszuwringen. Er trocknete es, so gut es ging, mit dem Tuch, warf es sich über die Schultern und trat in den Flur hinaus.
„Meine Familie ist wohlhabend“, sagte Paolo. „Und meinem Vater ist es wichtig, dass ich irgendeine Prüfung ablege, damit ich einer Zunft beitreten kann. Ich habe auf der Suche nach einem Lehrplatz in der Stadt herumgefragt, und jemand sagte mir, dass ich in der Bottega da Vinci Glück haben könnte.“
Ezio schlug den Vorhang zurück und blickte auf Leonardo, dem sein konsterniertes „Wer hat mich denn empfohlen?“ ein wenig zu schnell über die Lippen kam. Sein Gegenüber lächelte. Bei diesem handelte es sich um einen dunkelblonden jungen Mann mit wilden Locken, in etwa so groß wie Ezio und wohl auch im selben Alter.
„Er nannte sich Botticelli“, sagte Paolo. „Sandro Botticelli.“
Leonardo legte die Stirn in Falten, aber bevor er etwas sagen konnte, wandte sich Paolo an Ezio.
„Ah, da ist ja noch jemand. Paolo Capponi, piacere.“
Er verbeugte sich, und der Etikette verschrieben, neigte auch Ezio den Kopf.
„Angenehm“, sagte er.
„Seid Ihr auch in Ausbildung?“, wollte Paolo wissen.
Ezio blinzelte. Was sollte er nur auf diese Frage erwidern? Gewiss, er ging Leonardo zur Hand, machte Besorgungen für ihn und versuchte sich durch Zusehen und Imitieren einige Fertigkeiten anzueignen. Aber er zahlte Leonardo weder ein Lehrgeld, noch genoss er eine wirkliche Ausbildung.
„Das ist mein Geselle“, sagte Leonardo. „Er wohnt und arbeitet hier.“
„Ich verstehe.“ Für einen Augenblick hing Paolos Blick an Ezio, dann drehte er sich wieder zu Leonardo. „Ihr habt also keinen Platz für einen Lehrjungen?“
„Wie Ihr seht, ist meine Bottega eher von bescheidenem Ausmaß. Ich kann Euch eine Lehre anbieten, aber keinen Schlafplatz.“
„Das ist bedauerlich“, sagte Paolo. „Aber besser als nichts.“
„Wenn Ihr dringend eine Bleibe braucht, könnt Ihr Euch in größeren Werkstätten umhören. Bei Verrocchio, zum Beispiel, oder Ghirlandaio in der Via Ghi–“
No!“ Paolo schüttelte heftig mit dem Kopf. „Bei Verrocchio sind so viele Lehrjungen und Gesellen, dass man in der Masse untergeht. Ich bevorzuge eine kleine Werkstatt. Wenn es nicht anders geht, werde ich bei meinem Bruder wohnen bleiben. Oder mir zur Not ein Zimmer in einem Gasthaus nehmen, sollte seine Frau beschließen, noch mehr schreiende Kinder in die Welt zu setzen. Allerdings kann ich Euch dann auch kein Geld für Logis bezahlen …“
„Das wäre nur gerecht“, erwiderte Leonardo. „Was ich Euch bieten kann, ist eine intensive Prüfung Eurer Fähigkeiten, um zu entscheiden, in welchen Techniken Ihr noch ausgebildet werden müsst, um eine Handwerkszulassung zu erlangen. Ich arbeite momentan an einer Hochzeitstruhe, die bis San Martino fertig sein soll. Dieser Auftrag wird ein guter Einstieg für Euch sein.“
Paolo strahlte. „Dann nehmt Ihr mich an?“
„Ich sehe keinen Grund, der gegen eine Probezeit spräche.“
„Drei Soldi pro Tag?“
„Einverstanden.“
Leonardo streckte dem jungen Mann die Hand entgegen, der einschlug, um die Vereinbarungen in eine bindende Abmachung zu verwandeln. Sie wechselten noch einige Worte und legten fest, dass Paolo am Folgetag eine Stunde nach Sonnenaufgang zur Arbeit zu erscheinen hatte. Dann verließ der Bursche mit beschwingten Schritten die Werkstatt und verschwand auf der Piazza.
„Du hast eine Kammer im Flur“, sagte Ezio. „Darin hätten ein Bett und eine Kleidertruhe Platz.“
Sì. Und wer erklärt einem rund um die Uhr im Haus herumlungernden Halbstarken, warum wir hier regelmäßig in Waffenröcken ein und aus gehen?“
„Stimmt.“ Zerknirscht fasste sich Ezio in den Nacken. Er war feucht und kalt, und Ezio verzog das Gesicht. Er nahm das Handtuch von den Schultern und schüttelte es aus. „Es ist nur schade um das Geld. Vier Soldi pro Tag! So viel hat mein Vater damals für mich an Messer Tornabuoni gezahlt. Für eine Bankierslehre …“
„Du hast aber nicht bei ihm gewohnt.“
„Nein, natürlich nicht.“
„Siehst du, so gleicht es sich wieder aus. Im Handwerk ist es üblich, dass man seine Lehrlinge bei sich wohnen lässt, sie mit Essen versorgt und ihnen ein- bis zweimal pro Woche den Besuch im Badehaus finanziert. Was Paolo mir zahlen will, ohne all diese Vorzüge, ist also überdurchschnittlich.“
„Du hast ihn einen Halbstarken genannt.“ Ezio warf das Handtuch zum Trocknen über eine Stuhllehne und musterte Leonardo mit unsicherem Blick. „Er ist kaum jünger als ich.“
„Willst du dich wirklich mit einer verwöhnten Rotznase vergleichen, der bisher alles in den Schoß gefallen ist?“
„Das ist es mir die längste Zeit auch.“
„Ezio …“ Leonardo trat vor ihn und fasste nach seinem Kopf. „Du warst schon bodenständig, bevor all diese Dinge passiert sind. Weil du einfach du bist, verstehst du?“
Ezio war sich nicht sicher, ob er tatsächlich das verstand, was Leonardo meinte, aber die Unsicherheit wich aus seinen Zügen. Er schloss die Augen und schmiegte seine Wange in Leonardos Handfläche.
„Manchmal habe ich noch Angst“, sagte er. „Davor, dass es einfach vorbeigeht.“
„Die habe ich auch.“ Leonardos Stimme war fast ebenso leise wie Ezios. „Und dann mache ich mir klar, dass man nur Angst um etwas haben kann, das einem wirklich viel bedeutet.“
Dieses Mal war sich Ezio sicher, dass er begriff, was Leonardo meinte. Er hob den Blick, ließ sich einige verirrte Haarsträhnen aus dem Gesicht streichen und lächelte. Dann lehnte er seine Stirn an Leonardos.
Amore“, flüsterte er, und für einen Moment schien die Welt in Ordnung zu sein.

***


Der August brach an, und Leonardo verwandte die Tage darauf, Paolos Fertigkeiten auf die Probe zu stellen. Während sie gemeinsam an der Hochzeitstruhe arbeiteten, sie mit Ornamenten versahen und bemalten, kümmerte sich Ezio um diverse Aufgaben in Haus und Hof. Er mistete die Ställe aus, sammelte die Eier aus den Nestern, kochte und fegte die Räume und Treppen. Solche Tätigkeiten hatten früher Diener für ihn übernommen und Ezio dadurch ein Leben ermöglicht, das aus Bequemlichkeit und Kurzweil bestand. Inzwischen wunderte er sich nicht mehr darüber, dass er mit Federico und einigen damaligen Freunden durch die Straßen gezogen war, um Streit mit anderen Banden zu suchen, vornehmlich mit den Pazzi. Wer zu wenig zu tun hatte, fiel der Langeweile anheim und suchte Ventile für seine aufgestauten Energien. Dieses Problem hatte Ezio inzwischen nicht mehr. Wenn er nicht arbeitete oder schlief, jagte er mit Leonardo über die Dächer, und die wenigen Stunden an freier Zeit, die ihm blieben, wusste er inzwischen sehr zu schätzen.
Am Tag vor Mariä Himmelfahrt drückte Leonardo Ezio eine Einkaufsliste in die Hand.
„Mir gehen Schellack und einige Pigmente aus“, sagte er. „Geh mit Paolo zum speziale, und bring bei der Gelegenheit auch frische Arnikasalbe mit.“
Ezio nickte und steckte den Zettel ein. Leonardos Stammladen für Künstlerbedarf war ihm wohlbekannt. Er befand sich am Mercato Vecchio neben Sant’ Andrea – jener Kirche, vor der Ezio im vergangenen Winter zum ersten Mal Volpe begegnet war, um ihm einen Brief seines Vaters zu übergeben. Darüber nachdenkend, wie sehr sich sein Leben seitdem verändert hatte, lief Ezio die Via Larga entlang, Paolo im Schlepptau.
„Florenz ist eine seltsame Stadt“, sagte dieser und schob im Gehen lässig den Daumen unter den Gürtelriemen. „So viele prunkvolle Kirchen und Palazzi! Und doch hat man das Gefühl, dass die meisten Leute hier nur auf der Durchreise sind.“
„Wie meinst du das?“
„Mir scheinen nur Händler und Kaufleute durch die Straßen zu laufen. Und die vielen Maler und Bildhauer … die zieht es doch ständig von einem Ort zum anderen. Es gab viele Florentiner in Mailand, und sie alle sagten, dass sie ausgewandert seien, weil die Konkurrenz in der Heimat viel zu groß ist, um dort Fuß zu fassen.“
„Wir sind nun mal die Stadt der Künstler und Bankiers“, sagte Ezio. „Die Leistungen beider Berufsgruppen sind auch an anderen Orten beliebt. Wofür ist Mailand bekannt?“
„Für Metallarbeiten und Tuche. Es ist alles ein wenig enger dort. Und voller.“
„Noch voller?“ Fassungslos starrte Ezio auf die Menschentrauben, die ein Vorankommen in schmalen Gassen und an Kreuzungen erschwerten. Sie waren allgegenwärtig, und er wollte sich gar nicht vorstellen, durch ein noch dichteres Gewühl pflügen zu müssen.
Sie erreichten den speziale und betraten den Verkaufsraum. Hinter einer Theke reihten sich Bretter an die Wand, auf denen ein buntes Durcheinander aus Töpfen, Tiegeln, Flaschen und Phiolen stand. Die meisten waren sorgfältig beschriftet und enthielten alles, was man zur Herstellung von Medizin oder Kosmetik benötigte – oder von Farben.
Buongiorno, Ezio“, grüßte der Apotheker. „Heute in Begleitung?“
Ciao, Salvatore. Ja, wir haben Anfang des Monats einen Lehrjungen bekommen, der –“
„Paolo di Leonardo da Vinci, piacere!“, sagte Paolo übereifrig und verbeugte sich. Ezio runzelte die Stirn. Daran, dass es im Handwerk nicht unüblich war, den Namen seines Meisters anzunehmen, musste er sich noch gewöhnen.
„Schön, schön“, sagte Salvatore. Er beugte sich über die Theke und griff nach dem Zettel, den Ezio aus seiner Tasche gezogen hatte. „Lass mal sehen, was der Maestro heute braucht. Zahlt er gleich oder soll ich anschreiben?“
„Ich denke, ich habe genug Geld bei mir.“
Bene! Mit dem Bleiweiß muss er bis Freitag warten, dann bekomme ich eine neue Lieferung. Den Rest habe ich auf Lager.“
Mit diesen Worten verschwand Salvatore im Nebenraum. Ezio lehnte sich gegen die Theke und beobachtete Paolo, der sich die Auslagen ansah. Wie die meisten Apotheker führte auch Salvatore eine Auswahl an Spirituosen, Gewürzen und Süßigkeiten. Insbesondere die getrockneten Feigen schienen es dem Lehrjungen angetan zu haben, und so kaufte Ezio eine Handvoll, die sie auf dem Rückweg zur Bottega naschen konnten.
„Ich hätte sie uns auch spendieren können“, sagte Paolo.
„Dass du gerne mit Geld um dich wirfst, hast du schon zu Genüge bewiesen“, erwiderte Ezio. „Was ist dein Vater eigentlich von Beruf, dass er dir so viel finanzieren kann?“
„Er ist Gelehrter und hatte den Lehrstuhl für Latein an einer Mailänder Schule inne. Dort hat er auch Pietro Grassi unterrichtet.“
„Und der ist was?“
„Ein berühmter Jurist. Du bist noch nicht viel herumgekommen, hm?“
Die Frage versetzte Ezio einen Stich. Er schob sich eine Feige in den Mund, um sein Schweigen mit bedächtigem Kauen zu kaschieren, und marschierte über die Piazza des Mercato Vecchio. Samstags konnte man hier Nutzvieh und Pferde erstehen, wochentags war es dagegen relativ still – abgesehen von den allgegenwärtigen Dirnen, die an den Häuserecken um Freier warben. An der Kreuzung zur Via trai Cappellei warf sich eine von ihnen unverhofft an Ezios Brust.
„Na, mein Hübscher?“, schnurrte sie. „Hast du heute Abend schon was vor?“
Ezio wollte zurückweichen, doch sie beugte den Kopf nach vorn und brachte dabei ihren Mund nahe an sein Ohr.
„Paola schickt mich. Ich hab was für dich.“
Während sie sprach, umschlang sie seine Hüften mit einem Arm, schmiegte sich eng an ihn und steckte ihm einen Brief unter das Wams. Ezio verstand ihre Aufforderung zum Schauspiel und wartete, bis das Papier zur Gänze unter dem Stoff verschwunden war. Dann fasste er die Dirne und schob sie brüsk von sich.
„Noch teurer geht’s wohl nicht!“, schimpfte er. „Sehe ich aus wie Krösus, oder was?“
„Dann such dir doch ’ne andere, du Knauser! Und nimm deine Wichsgriffel von mir!“
Sie patschte ihm auf die Finger und wirbelte herum. Hoch erhobenen Hauptes stolzierte sie zu ihrem Platz an der Hausecke zurück und warf sich dort erneut in Pose.
„Ein hübsches Biest“, kommentierte Paolo. „Wäre bestimmt ein Spaß im Bett gewesen. Soll ich einen ausgeben? Wir könnten sie uns teilen.“
„Ich kann drauf verzichten.“
„Wieso? Magst du etwa keine Weiber?“
Ezio holte tief Luft. Langsam gingen ihm Paolos unterschwellige Provokationen auf die Nerven, und er fühlte sich nicht bemüßigt, auf sie einzugehen. Er hatte nun ohnehin anderes im Sinn, als sich mit einem verwöhnten Weiberhelden herumzuschlagen. So umsichtig, wie die Dirne bei der Übergabe des Briefes vorgegangen war, musste es sich bei ihm um ein wichtiges Schreiben handeln – oder um eines, dessen Verfasser besonderen Schutz verdiente. Ezio fiel nur einer ein, und dieser Name trug nicht gerade dazu bei, dass er sich zum Trödeln bemüßigt sah.
Dai!“, sagte er. „Die Sonne geht gleich unter, und ich will pünktlich zu Hause sein.“
„Ah, hast du die Dirne etwa weggejagt, weil du schon jemand anderen hast, der auf dich wartet?“
„Hör auf zu reden und beweg deinen Arsch!“, knurrte Ezio.
Nein, er hatte wirklich keine Lust mehr, sich auf dieses pubertäre Fragespiel einzulassen. Leonardo hatte recht. Paolo war nichts weiter als ein naiver Halbstarker.

***


Ezio wartete, bis sich Paolo verabschiedete und auf den Heimweg machte. Er verriegelte die Tür und schloss die Fensterläden, während Leonardo einige Öllampen entzündete. Dann zog Ezio den Brief aus seinem Wams hervor und hielt ihn ins Licht. Verblüfft stellte er fest, dass die Anschrift fehlte. Das Siegel jedoch entlarvte den Verfasser, handelte es sich doch um ein Wappen, das einen Adler neben Schrägbalken zeigte.
„Das kann nur von deinem Onkel sein“, sagte Leonardo.
Ezio nickte und ließ sich auf einen Schemel sinken. Dabei griff er nach einem der herumliegenden Spatel, die Leonardo zum Auftragen von Farben benutzte, und schob ihn unter das Wachs, bis es sich vom Papier löste. Nachdem er sich versichert hatte, dass auch die Hintertür zum Hof geschlossen war, entfaltete er den Brief und begann, ihn laut vorzulesen.
Seid in den folgenden Wochen bitte besonders wachsam ... Meine Güte, er hat nicht einmal Zeit für eine persönliche Anrede!“
„Das ist wohl eine reine Vorsichtsmaßnahme“, sagte Leonardo. „Falls jemand Unbefugtes das Schreiben in die Finger bekommt, weiß er nicht, wem es gilt.“
Ezio ließ einen unwilligen Laut der Zustimmung hören und las weiter. „Es gibt Truppenbewegungen im ganzen Land, von denen einige Anlass zur Sorge geben. In Umbrien ist es zu Unruhen gekommen, die das ohnehin angeschlagene Verhältnis zwischen dem Kirchenstaat und der Republik Florenz bedrohen. Söldner, die dem Dreierbündnis angehören, haben in Siena Station gemacht und die Stadt geplündert, was den Zorn von König Ferrante herausgefordert hat. Er versteht sich als Schutzpatron Sienas und wettert gegen Lorenzo de’ Medici, der das Treiben der Söldner offensichtlich duldet. Auch der Papst soll ungehalten reagiert haben, denn er sieht seine Herrschaft in Umbrien bedroht. Ich hege die Befürchtung, dass Florenz sehr bald im Fokus eines außer Kontrolle geratenen Konfliktes stehen könnte. Habt ein Auge auf die Günstlinge des Päpstlichen Stuhls und beobachtet ihr Treiben. Sollten euch auswärtige Besucher oder ungewöhnliche Zusammenkünfte auffallen, informiert mich umgehend darüber. Ich habe auch den Fuchs instruiert.“
Ezio ließ den Brief sinken und runzelte die Stirn. „Von was für einem Dreierbündnis spricht zio Mario da?“
„Einem Abkommen zwischen Florenz, Mailand und Venedig“, sagte Leonardo. „Lorenzo hat es vor einigen Jahren eingefädelt, zur wirtschaftlichen wie militärischen Absicherung der Republik. Darum war es ihm auch so wichtig, dass dein Vater das Attentat an Galeazzo Maria Sforza verhindert. Durch dieses sind Unruhen entstanden, die das Bündnis schwächen. Die Söldner, die Mario erwähnt, müssen jene sein, die dieser Fortebracci aus Venedig und zurück in die Heimat führt. Er ist der Sohn eines berühmten Condottiere. Die Herolde haben in den letzten Tagen öfter über ihn gesprochen und betont, dass Fortebracci Florenz bei seinem Plünderungszug verschont hat, den freundschaftlichen Beziehungen zuliebe. Dass er dafür Siena ausgenommen hat, wirft natürlich ein schlechtes Bild auf uns.“
„Politik!“ Ezio stöhnte. „Ich hasse sie!“
Anch’io, Ezio. Aber wir dürfen nicht weghören, nur weil sie für uns abstrakt ist. Vergiss nicht, was meine Verwicklung in die Saltarelli-Affäre und den Verrat an deiner Familie verschuldet hat: politische Intrigen. In beiden Fällen war man um die Schwächung der Medici bemüht, die einigen Zeitgenossen zu mächtig geworden sind. Ihr Verhältnis zum Kirchenstaat ist wirklich nicht besonders gut. Nicht mehr, seitdem Sixtus sie als Hausbank des Vatikans abgesetzt und gegen eine andere ausgetauscht hat.“
„Die der Pazzi“, knurrte Ezio.
Appunto! Sie sind die Günstlinge des Päpstlichen Stuhls, auf die wir ein Auge haben sollen. Und am besten fangen wir gleich morgen damit an. Die Gelegenheit ist günstig.“
„Wie meinst du das?“
„Es ist Mariä Himmelfahrt.“ Leonardo feixte. „Der Duomo wird voller Menschen sein. Es ist die ideale Gelegenheit, um unauffällig zusammenzukommen und delikate Angelegenheiten zu besprechen. Wir sollten dort sein und tun, was uns dein Onkel aufgetragen hat: Augen und Ohren offenhalten.“
Va bene“, sagte Ezio. „Wenn die Werkstatt wegen des Feiertags geschlossen bleibt, fällt es auch niemandem auf, wenn wir nicht zu Hause sind. Ich habe schon lange keine Messe mehr gehört.“
Leonardo lehnte sich gegen die Wand neben dem Türrahmen und kreuzte die Arme vor der Brust. „Ich auch nicht. Und da ich nicht glaube, dass den Pfaffen in meiner Abwesenheit neue Geschichten und Gebote eingefallen sind, werde ich auch genug Muße haben, mich unter den frommen Schäfchen nach ein paar Exemplaren umzusehen, die besonders schwarz geraten sind!“

***


Glossar:
Vaffanculo! – Leck mich am Arsch! [wörtl.: Geh mir in den Arsch]
legniauoli di tarssie – auf Intarsien und andere Einlegearbeiten spezialisierte Werkstätten
Anch’io. – Ich auch.
Appunto! – Genau!
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