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Alpenglühen

GeschichteRomance / P16 / Het
Dr. Martin Gruber Dr. Roman Melchinger OC (Own Character)
01.07.2021
22.07.2021
5
7.180
 
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22.07.2021 1.564
 
Der Gasthof Wilder Kaiser mit zugehöriger Pension lag mitten in Ellmau. Das Restaurant befand sich in einem für die Gegend typischen Haus und versprühte so viel Charme, dass es damit den ganzen Platz in Beschlag nahm. Besonders bestechend war jedoch das Panorama, das sich den Gästen bot, die draußen ihren Platz fanden. Man konnte direkt auf den Namensgeber des Gasthofes sehen und obwohl es jetzt schon dämmerte, war da wieder dieses magische und inspirierende Gefühl, das mich durchfuhr, als wir einen der letzten freien Plätze draußen ergatterten.

„Kannst du dich noch an das alles hier erinnern?“, fragte Tante Margaux mit einem Lächeln. „Du schaust so interessiert umher.“

In diesem Augenblick fiel mein Blick auf die Kirche hinter uns und ich zögerte. „Nicht so wirklich. Nur an die Kirche dort hinten kann ich mich recht gut erinnern. Vor allem an ihren Beichtstuhl.“

Tante Margaux lachte. „In den dich die beiden Gruber-Jungen damals eingesperrt haben? Ach Liebes. Das ist so lange her!“

„Ich weiß.“, meinte ich und zuckte mit den Schultern. „Aber trotzdem fand ich es damals nicht besonders lustig.“

„Man muss auch irgendwann mal einen Schlussstrich ziehen können.“, erwiderte meine Tante da und auf einmal kam ich mir wirklich bescheuert vor. Sie hatte ja recht. Das Ganze war so lange her und wir waren alle erwachsen geworden.

„Lebt der Bruder von Martin eigentlich auch noch hier?“, fragte ich nach einer kleinen Weile, nachdem wir unser Essen bestellt hatten.

„Der Hans?“

„Hieß er so? Ich weiß es um ehrlich zu sein nicht mehr.“

Tante Margaux nickte jedoch. „Doch, er ist nach seinem Vater so genannt worden, meine ich. Hans hat den Gruberhof übernommen, als sein Vater vor einigen Jahren ums Leben kam.“

Ich stutzte. „Wie meinst du das, er kam ums Leben?“

„Johann Gruber ist bei einer Wanderung verunglückt.“, sagte Tante Margaux leise. „Seine Frau hat das schwer getroffen. Martin war erst kurz zuvor weggegangen und Hans musste von heute auf morgen den Hof ganz allein bewirtschaften.“

„Oh.“, murmelte ich. „Aber der Hof existiert noch?“

„Tut er.“, nickte meine Tante. „Mal gut und mal weniger gut. Ich sehe Lisbeth ab und an, wenn sie sich ihren Tee bei mir holt. Das sieht zwar ihr ältester Sohn nicht so gerne, aber das ist ihr zum Glück egal.“ Sie zwinkerte und ich musste grinsen.

„Einmal Filettopf mit Butterspätzle und einmal Tiroler Speckknödel?“, fragte uns da eine junge, blonde Frau im Dirndl und ich wusste sofort, wer das war.

„Susanne?“, fragte ich frei heraus und die Wirtin lächelte.

„Ja, die bin ich.“, erwiderte sie und servierte uns unser Abendessen. „Kennen wir uns?“

„Ein wenig vielleicht.“, warf meine Tante ein. „Das ist meine Nichte Veda. Sie war als Kind einmal hier zu Besuch und ihr beide habt auf einem Fest zusammen gespielt.“

„So?“, fragte Susanne und ich nickte langsam. „Ich kann mich nur leider nicht an dich erinnern…“

„Ich mich an dich auch nicht.“, sagte ich schnell. „Also ist es gar nicht schlimm, und…“

„Warte, haben Martin und Hans dich nicht damals im Beichtstuhl eingeschlossen?“

Ich spürte, wie meine Gesichtszüge gefroren.

„Ja, das war sie.“, antwortete Tante Margaux für mich, bevor ich etwas sagen konnte.

„Dann erinnere ich mich an dich!“, rief Susanne. „Oh je, das tut mir so leid. Das ist bestimmt keine schöne Erinnerung für dich an Ellmau.“

Das war es gewiss nicht, aber ich zuckte, so gut es ging, unbekümmert mit den Schultern und meinte dann: „Es ist ja schon eine ganze Weile her. Und ich denke kaum, dass die beiden Brüder das heute noch machen würden.“

Die Wirtin lachte glockenhell. „Das garantiert nicht, aber dafür stellen sie ganz andere Dinge an.“, sagte sie.
„So? Zum Beispiel?“

Susanne winkte ab. „Das ist eine sehr lange Geschichte.“

„Die dich jetzt nicht zu kümmern braucht.“, warf Tante Margaux ein und tätschelte mir die Hand. „Komm, lass uns essen.“

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, vor allem da mein Magen jetzt mehr als deutlich zu knurren begann. Mit Blick auf das herrliche Alpenpanorama genossen wir unser Abendessen und als wir fertig waren, wurde es bereits dunkel. Ein Teil der Gäste, die nur zum Essen gekommen waren, verabschiedeten sich von der Wirtin und dafür kamen einige Dorfbewohner nach getaner Arbeit, um den restlichen Abend hier zu verbringen. Auch Tante Margaux und ich blieben noch sitzen, bestellten uns jeder einen Likör und unterhielten uns, bis auf einmal ihre Augen etwas hinter mir fixierten.

„Was ist denn?“, fragte ich und wollte mich herumdrehen, doch meine Tante schüttelte nur den Kopf um mir zu bedeuten, dass ich das nicht tun sollte. Dann richtete sie sich auf, strich sich ihre Haare zurück und legte die Hände aufeinander.

„Guten Abend die Damen.“, sagte eine raue, männliche Stimme neben mir und ich wusste sofort, wer da stand.

„Hallo, Roman.“, entgegnete Tante Margaux relativ kühl. „Feierabend?“

Der pensionierte Arzt nickte. „Und du auch, vermute ich? War heute nicht der Markt in Hall?“

Meine Tante nickte, aber sah den Arzt nicht direkt an, was mir im ersten Moment zwar merkwürdig vorkam. Doch die beiden verband nicht wirklich eine Freundschaft und ich konnte mich nicht daran erinnern, dass Tante Margaux jemals auch nur ein positives Wort über den Provinzarzt verloren hatte.

„Du bist in Begleitung, wie ich sehe?“, fragte der Arzt und deutete dann in meine Richtung eine kleine Verbeugung an.

„Das ist meine Nichte Veda.“, sagte Margaux rasch und nippte dann an ihrem Likör.

„Veda?“, wiederholte Doktor Melchinger und stutzte etwas. „Warst du nicht als kleines Kind einmal in meiner Praxis?“

„Ja.“, sagte ich schnell, denn an Tante Margaux‘ Blick konnte ich sehen, dass sie ihm eine schnippische Antwort geben wollte. Allem Anschein nach hatte sie den Streit damals in seiner Praxis nicht vergessen. Da war ich wohl nicht die einzige, die irgendwann vergeben und vergessen konnte.

Roman Melchinger bemerkte, dass Tante Margaux nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen war und so schnell wie er aufgetaucht war, verabschiedete er sich auch wieder und ging in den Gasthof hinein.

„Das war nicht besonders nett von dir.“, erlaubte ich mir, sie zu tadeln, als der Arzt außer Hörweite war.

Tante Margaux jedoch nahm es mir nicht übel. Stattdessen zuckte sie mit den Schultern und ich erkannte darin deutlich unsere Verwandtschaft. Sie war mir doch ähnlicher, als ich bisher geahnt hatte.

„Vielleicht sollten wir nun langsam nach Hause fahren.“, sagte sie dann, nachdem sie ihren Likör ausgetrunken hatte. „Es ist schon spät und wir müssen morgen wieder früh raus.“

„Natürlich.“, stimmte ich ihr zu und trank auch meinen Likör aus, aber Tante Margaux hatte es ziemlich eilig, stand schnell auf und ging bereits auf ihr Auto zu. Rasch folgte ich ihr, als sie auf einmal das Gleichgewicht zu verlieren schien und zur Seite wegkippte.

„Tante Margaux?“

„Oh…“, hörte ich sie nur murmeln, bevor ich sie gerade noch so auffangen konnte und sie dann ohnmächtig wurde.

„Tante Margaux!“, rief ich entsetzt und tätschelte ihr die Wange, um sie wieder aufzuwecken. Da bemerkte ich, wie bleich sie auf einmal geworden war.

„Was ist passiert?“, rief jemand neben mir und Susanne tauchte neben mir auf. „Was ist mir ihr?“

„Ich… weiß es nicht.“, haspelte ich und begann zu zittern. „Sie ist einfach so ohnmächtig geworden, und ich…“

„Ich rufe Martin an.“, sagte die Gastwirtin geistesgegenwärtig und zog ihr Handy hervor.

Ich bekam gar nicht mit, was Susanne dem Arzt alles sagte. Ich fühlte nichts außer bodenlose Angst um meine Tante, vor allem als ihr Atmen immer flacher zu werden schien.

„Martin ist ganz in der Nähe.“, sagte die blonde Wirtin dann. „Hab keine Angst, Veda, das wird schon wieder!“

Ich nickte, aber spürte nicht wirklich Zuversicht. Was war nur mit ihr los? Den ganzen Tag über hatte es keine Anzeichen dafür gegeben, dass mit ihr etwas nicht stimmen konnte. Aber das hier…

„Veda…?“, klang es auf einmal schwach an mein Ohr und ich sah, wie Tante Margaux‘ Augenlider flatterten. „Was… ist passiert…?“

Susanne und ich atmeten erleichtert auf.

„Du bist ohnmächtig geworden.“, klärte ich sie rasch auf. „Der Arzt ist schon unterwegs und wird gleich da sein.“

Tante Margaux öffnete nun vollständig ihre Augen. Sie waren glasig und es sah aus, als würde sie durch mich hindurchsehen.

„Doktor… Gruber?“

„Genau der.“, nickte Susanne.

In diesem Augenblick sah ich auf und ein grüner Mercedes bog um die Ecke.

„Das ist er, oder?“, fragte ich Susanne und sie nickte.

Das Auto hielt und ein Mann mit Lederjacke und Sonnenbrille stieg aus. Als er die Autotür zuschlug, zog er im selben Moment seine Brille herunter. Und mir blieb das Herz stehen.

„Oh nein…“, murmelte ich und glaubte, in einem falschen Film zu stecken. „Das darf doch nicht wahr sein… Das ist Martin Gruber?“

Die Gastwirtin neben mir nickte. „Ja, das ist er. Kennst du ihn?“

„Hallo.“, sagte der Arzt und als er näher kam, schien er kurz zu stutzen. Für einen kurzen Augenblick sah er überrascht, aber nicht unerfreut aus, als er bei uns ankam. Und vor allem, als er mich erkannte.

„Hallo.“, murmelte ich, sah ihn aber nicht direkt an.

„Ihr kennt euch, ihr beiden.“, sagte Tante Margaux schwach. „Martin, das ist meine Nichte Veda. Sie war als kleines Kind einmal hier in Ellmau zu Besuch.“

Ich sah ihn immer noch nicht an, aber hörte deutlich, dass er grinste. „So heißt du also. Hat ja wirklich eine Weile gedauert, deinen Namen herauszufinden.“

Tante Margaux sah verwirrt zu mir auf. „Was meint er denn damit?“

„Nichts.“, murmelte ich nicht sonderlich erfreut. „Absolut gar nichts.“
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