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Alpenglühen

GeschichteRomance / P16 / Het
Dr. Martin Gruber Dr. Roman Melchinger OC (Own Character)
01.07.2021
26.09.2021
9
13.994
1
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15.07.2021 1.154
 
Die Tage auf dem Hof von Tante Margaux vergingen und aus einer Woche wurden schnell zwei. Ich lebte mich sehr schnell ein und obwohl ich zuhause selten vor zehn Uhr aus den Laken kroch, war das hier ganz anders. Die frische, reine Bergluft sorgte dafür, dass ich abends früh ins Bett ging und zum ersten Mal seit Wochen endlich wieder durchschlief. Am nächsten Morgen war ich bereits früh wach, zog mich an und ging in den Stall, um die wenigen Tiere, die meine Tante noch ihr eigen nannte, zu füttern und zu versorgen. Danach gab es Frühstück, das wir gemeinsam draußen zu uns nahmen und anschließend begann ich mit meiner Arbeit. Der Hof war immerhin inzwischen so modern, dass es die eine oder andere Steckdose gab und somit war es ein leichtes, meiner Arbeit nachzukommen. Auch Tante Margaux arbeitete und in ihrer kleinen Gartenscheune bereitete sie ihre Salben zu, die sie einmal in der Woche in Hall auf dem Wochenmarkt verkaufte.

„Woran arbeitest du eigentlich genau?“, fragte meine Tante, als sie sich mit einer Tasse Tee zu mir setzte. Es war bereits Nachmittag und die Sonne war im Begriff, tiefer zu sinken und eben diese kurze Zeit empfand ich als ganz besonders magisch.

„An einem neuen Roman.“, antwortete ich ihr.

„Aha.“, sagte sie und nippte an ihrem Tee. „Und darf ich fragen, um was es geht?“

Ich lehnte mich zurück und streckte mich, um meine verspannten Muskeln ein wenig zu entspannen. „Um ehrlich zu sein, habe ich das noch nicht ganz entschieden.“

„Fehlt dir die Inspiration? Ich könnte dir einen meiner Kräutertees kochen. Die regen den Kopf an und du schreibst dann wie ein Ass.“, bot Tante Margaux an, aber ich lehnte lachend ab.

„Danke dir, das ist lieb. Aber manchmal braucht es einfach ein bisschen Zeit, bis mir ein passendes Thema einfällt. Und dann läuft es wie von selbst. Das war schon immer so.“ Dass ich seit fast zwei Jahren an einer Schreibblockade litt, verschwieg ich ihr.

„Dann hoffe ich für dich, dass das sehr bald der Fall sein wird.“, schmunzelte sie. „Vielleicht tut es dir auch ganz gut, mal vom Hof weg zu kommen. Warum gehst du nicht wandern? Oder an den See zum schwimmen?“

Ich verneinte. „Mir tut die Ruhe ganz gut.“

„Aber zu viel Ruhe bringt dir auch nichts.“, meinte sie. „Du brauchst ein paar Ideen für deinen neuen Roman. Wie wäre es denn, wenn du morgen mit mir nach Hall auf den Markt kommst? Du könntest dir die Stadt anschauen, während ich den Verkauf mache. Und am Abend gehen wir dort essen. Was meinst du?“

Ich überlegte kurz. „Ja, das klingt gut. Aber ich würde dir viel lieber beim Verkauf helfen, als…“

„Ach was.“, winkte meine Tante ab. „Ich mache das seit dreißig Jahren alleine. Außerdem, die meiste Arbeit habe ich in der Vorbereitung für den Markttag. Am Stand ist alles seit Jahren eingespielt und ich kenne meine Stammkunden. Das geht mir alles ganz einfach aus der Hand.“

„Also gut.“, willigte ich ein und nahm Tante Margaux in den Arm. „Aber dafür mache ich heute das Abendessen.“

„Tu dir keinen Zwang an.“, lachte sie. „Soll ich mal drüber lesen, was du bisher geschrieben hast? Vielleicht fällt mir ja auch was ein.“

„Gerne.“, erwiderte ich. Dann schob ich Tante Margaux meinen Laptop hin, stand auf und ging ins Haus, um das Abendessen zuzubereiten.

~~~

Tante Margaux hatte Recht gehabt. Hall war wirklich eine sehr schöne Stadt und es tat gut, mal wieder etwas mehr Leben um sich zu haben. Die letzten beiden Wochen in den Bergen hatten mir schon sehr geholfen und so langsam kehrten meine Lebensgeister wieder zurück.

Wir waren frühmorgens nach Hall gefahren und nachdem ich meiner Tante noch geholfen hatte, den Stand einzurichten, machte ich mich bereit, die Stadt zu erkunden.

„Bist du sicher, dass ich dir nicht helfen soll?“, fragte ich.

„Auf keinen Fall!“, rief sie und lachte wieder, dann drückte sie mir meine Tasche in die Hand. „Los, geh und mach dir einen schönen Tag! Das hast du dir nach der ganzen Arbeit, die du dir gerade immer auf dem Hof machst, auch verdient.“

„Na gut.“, willigte ich ein, wenn auch wiederwillig.

Dennoch befolgte ich den Rat meiner Tante und ging die Altstadt von Hall erkunden. Wie sie gesagt hatte, war sie wirklich wunderschön. Ich fand eine Kirche, die mir besonders gut gefiel und verbrachte eine Weile darin. Ich mochte die ruhige Atmosphäre von Kirchen sehr und tatsächlich halfen sie mir, ein paar Ideen zu sammeln. Als ich wieder durch die Stadt schlenderte, kam ich an einer Bibliothek vorbei. Es schadete nie, solch einen Ort des Wissens aufzusuchen und deswegen ging ich hinein und suchte mir dort ein paar Bücher zu der Region heraus, die ich mir mit meinem neuen Bibliotheksausweis auslieh. Ich würde sicher wieder hierher kommen, um mir noch mehr Bücher zu holen denn ich hatte nicht vor, so schnell wieder nach Hause zu fahren.

Gegen Nachmittag ging ich einen Kaffee trinken und als ich damit fertig war, kehrte ich zum Stand von Tante Margaux zurück.

„Du hast ja alles verkauft bekommen!“, rief ich erstaunt, als ich all die leeren Kisten sah. „Ist das immer so?“

„Die meiste Zeit ja.“, meinte meine Tante. „Heute lief es aber besonders gut. Ich hatte nur leider zu wenig von der Ringeblumensalbe eingepackt. Erinnere mich bitte zuhause daran, dass ich für die kommende Woche eine Kiste mehr einpacke.“

Ich nickte, dann holte ich das Auto und wir begannen, die leeren Kisten ins Auto zu verladen. Auf dem Rückweg hielten wir bei der Bank, um das erwirtschaftete Geld einzubezahlen. Als Margaux wieder im Auto saß, warf sie einen Blick auf die Uhr und seufzte: „Jetzt ist es doch später geworden, als gedacht.“

„Das macht doch nichts.“

„Hm.“, machte meine Tante. „Ich wollte dir so gerne eines meiner Lieblingsrestaurants hier in Hall zeigen. Aber dann wird es noch später, bis wir wieder zuhause sind.“

„Wir könnten auch einfach zu Hause zu Abend essen.“, schlug ich vor. „Von gestern ist noch genügend da.“

„Nein, nein.“, winkte meine Tante ab. „Ich möchte dich gerne heute Abend einladen. Wie wäre es, wenn wir in Ellmau essen gehen? Im Wilden Kaiser?“

Erstaunt hob eine Augenbraue an. „Ich meine mich zu erinnern, dass du früher nicht gerne in diesen Gasthof gegangen bist.“

„Stimmt auch.“, meinte Tante Beate. „Seit die Susanne den Hof jedoch übernommen hat, bin ich dort ganz gerne. Nicht oft, aber ab und an kann man das schon mal machen. Außerdem kennst du die Susanne, du hast als Kind mit ihr damals auf dem Fest zusammen gespielt.“

Ich versuchte erneut, mich an meinen bisher einzigen Urlaub in Ellmau zu erinnern. „Die kleine Braunhaarige meinst du? Die immer im Dirndl rumgerannt ist?“

„Inzwischen ist sie blond.“, sagte Tante Beate und startete den Wagen. „Aber die Dirndl trägt sie immer noch. Sie ist wirklich nett und kochen kann sie auch.“

„Wie du möchtest.“, sagte ich und nickte. Dann fuhren wir zurück nach Ellmau.
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