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Alpenglühen

GeschichteRomance / P16 / Het
Dr. Martin Gruber Dr. Roman Melchinger OC (Own Character)
01.07.2021
19.09.2021
8
12.250
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01.07.2021 1.417
 
Ich wusste nicht genau, wie ich mich fühlen sollte. Es war, als ob mein ganzer Körper taub geworden war, aber gleichzeitig nahm ich alles mit meinen Sinnen so geschärft wahr, wie noch nie zuvor.

Der Termin gerade eben hatte mich nicht sonderlich überrascht. Irgendwie hatte ich schon erwartet, dass das Ganze so ausgehen würde. Und doch war es wieder ein Schlag in die Magengrube gewesen.

Als ich das Hotel erreichte, verspürte ich den starken Drang nach einem starken Drink. Am besten etwas mit viel Wodka, was ich mir jetzt zu Gemüte führen würde. Da das auf nüchternen Magen geschehen würde, würde ich nicht lange brauchen, bis ich Sterne sehen würde und dann würde ich zumindest bis zum nächsten Morgen durchschlafen, ohne mir zu viele Gedanken machen zu müssen.

Ich steuerte die Hotelbar an, wo kaum Gäste saßen. Kein Wunder, zu dieser Zeit gingen die meisten Gäste aus, um zu Abend zu essen, insofern sie nicht im hoteleigenen Restaurant blieben.

„Guten Abend, die Dame.“, begrüßte mich der Barkeeper, der ganz klischeebehaftet ein Glas abtrocknete. „Was darf ich Ihnen servieren?“

Ich seufzte. „Etwas mit viel Sprit. Mit Wodka, wenn es geht.“

„Sehr wohl.“, nahm er die Bestellung an und legte das Glas, das mir doch sehr trocken vorkam, beiseite und griff nach einer Flasche Wodka, Eis und ein paar weiteren Zutaten, die ich jedoch nicht wirklich zuordnen konnte.

„Soll ich Ihnen das Getränk dann an Ihrem Platz servieren?“, fragte er, während er begann, alles in einen Shaker zu gießen.

„Nein.“, entgegnete ich. „Ich warte hier an der Bar, falls es in Ordnung ist.“

„Natürlich. Wie immer die Dame es wünscht.“, sagte er und lächelte mir zu. Jedoch blieb mir keine Zeit, es zu erwidern, da in diesem Moment mein Handy zu klingeln begann.

„Sorry.“, murmelte ich, öffnete meine Handtasche und fischte mein Handy hervor.

„Hallo?“

„Hallo, Veda!“, rief eine bestens gelaunte, weibliche Stimme mir entgegen, die ich nur zu gut kannte.

„Hallo Marie.“, grüßte ich meine Cousine, aber nicht ganz so überschwänglich wie sie. Und das merkte sie sofort.

„Ist alles in Ordnung bei dir?“

„Geht so.“, sagte ich. „Es… könnte besser sein.“

Meine Cousine verstand sofort. „Heißt das der Befund war wieder negativ?“

Ich nickte nur stumm.

„Oh Süße…“

„Ist schon ok.“, entgegnete ich schnell und stand dann auf, weil mir aufgefallen war, dass der Barkeeper meinem Gespräch neugierig lauschte. Ich ging zu den Sofas am anderen Ende des Raumes zu und setzte mich dort hin, sodass ich weit genug außer Hörweite war. „Um ehrlich zu sein, habe ich es eigentlich nicht anders erwartet.

„Dein wievielter Versuch war das jetzt?“

„Der vierte in zwei Jahren.“

Marie sagte nichts.

„Aber es ist schon okay.“, meinte ich. „Mein Arzt sagte, dass das nicht ungewöhnlich ist in meinem Alter. Und meiner Vorgeschichte.“

„Du bist Mitte dreißig.“, entrüstete sich Marie. „Das hat doch gar nichts zu heißen.“

„Das nicht. Aber das, was damals passiert ist, schon. Und dann ist es nicht ganz so außergewöhnlich, wenn die ganzen Versuche scheitern.“

Marie seufzte. „Oh Veda. Es tut mir so Leid... Wenn ich etwas für dich tun kann, dann…“

Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen schossen und kniff sie schnell zusammen, um sie zu vertreiben.

„Danke dir, Liebes.“, murmelte ich dann um zu verhindern, dass Marie meine tränenerstickte Stimme hören konnte.

„Und was hast du jetzt vor? Kommst du wieder nach Hause?“

„Nach Stuttgart? Ganz gewiss nicht. Also, vorerst zumindest.“

„Oh.“, sagte Marie und klang enttäuscht. „Ich hatte doch schon ein bisschen gehofft, dass ich dich bald wiedersehen würde.“

„Ich… glaube, dass ich erst einmal eine Auszeit brauche.“, begann ich langsam. „Ich glaube, dass ich vielleicht mal meine Tante hier in Tirol besuchen sollte.“

„Du meinst unsere Tante.“, entgegnete Marie und schnalzte missbilligend, aber nicht abwertend mit der Zunge.

„Ja klar, meine ich doch. Entschuldige bitte.“

Manchmal entging es mir, dass Marie meine Cousine war. Wir waren in Stuttgart zusammen aufgewachsen, waren sogar zusammen zur Schule gegangen und während unserem Studium hatten wir gemeinsam unsere erste Wohnung bezogen. Als Marie heiratete und auszog, blieb ich allein in der Wohnung. Freunde kamen und gingen, aber ich blieb und irgendwann, als meine Arbeit genug Geld abwarf, kaufte ich die Wohnung sogar, weil nach all den Jahren unser beider Herz daran hing.

„Und was wird aus der Wohnung?“, fragte Marie nun und klang ein wenig verzweifelt. „Ich meine, wie lange wirst du denn weg sein? Wirst du sie verkaufen?“

„Auf keinen Fall. So lange werde ich garantiert nicht weg bleiben. Außerdem habe ich die letzte Rate vor einem Monat bereits bezahlt, wenn die Wohnung eine Weile leer steht, ist das nicht besonders schlimm.“

„Ich schaue danach.“, bot Marie an. „Irgendjemand muss sich ja um Ferdinand kümmern.“

Ferdinand war unser Elefantenfuß, eine Topfpflanze, die wir seit beinahe sechzehn Jahren unser eigen nannten. Obwohl keine von uns beiden einen grünen Daumen besaß, nahm uns Ferdinand das nicht übel und Jahr ums Jahr sprossen neue Blätter. Jetzt stand er seit über einem Monat alleine in der Wohnung und obwohl ein Elefantenfuß nicht viel Wasser brauchte, sah er inzwischen bestimmt ein wenig traurig aus.

„Das wäre super.“, bedankte ich mich bei ihr. Der Barkeeper kam und stellte das Cocktailglas, dessen Inhalt in den Farben des Sonnenuntergangs leuchtete, vor mir ab.

„Wohl bekomm‘s.“, lächelte er, aber ich nickte nur. Als er wieder hinter seiner Bar verschwunden war, nippte ich daran. Er war verdammt stark und ich hustete leicht, als mir der Wodka mit all seiner Süße durch meine Kehle rann. Aber es tat verdammt gut und würde mir helfen, zu vergessen.

„Bist du sicher, dass alles in Ordnung ist?“, fragte Marie erneut besorgt, als sie mein Husten hörte.

„Ja.“, schnappte ich nach Luft und stellte das große, schlanke Glas auf den Tisch zurück. „Ich habe nur etwas getrunken und das hat ziemlich viel Sprit.“

„Ahja.“, sagte Marie langsam. Meine Cousine machte sich nicht viel daraus, Alkohol dann zu konsumieren, wenn man etwas vergessen wollte. Das hatte sie noch nie und vor allem bei niemandem jemals toleriert. „Belass es aber bei dem einen Glas. Okay?“

„Klar.“, log ich und tat es nicht gern. Aber heute Abend musste es leider sein.

„Also.“, wechselte meine Cousine das Thema. „Du willst also zu Tante Margaux?“

„Mhm.“, machte ich, während ich einen erneuten Schluck nahm. „Ich habe sie seit ich ein Kind war nicht mehr gesehen. Aber sie schickt uns immer noch Karten zum Geburtstag.“

Marie musste lachen. „Oh ja, immer zusammen mit einer Flasche ihrer neuesten Tinktur, die sie zusammengemischt hat! Wie wird sie dort nochmal genannt?“

„Die Kräuterhexe von Ellmau.“, entsinnte ich mich und lehnte mich nun endlich, durch den Alkohol entspannt, zurück. „Würden wir noch im Mittelalter leben, wäre der Name für sie nur ziemlich vom Nachteil gewesen.“

In diesem Moment betrat ein neuer Gast den Raum. Er sah sich um und machte den Eindruck, als würde er jemanden suchen. Unsere Blicke trafen sich und er lächelte, als er mich sah. Ich lächelte ebenfalls, wandte mich dann aber gleich wieder meinem Gespräch zu.

„Und wie lange wirst du dort bleiben?“

„Keine Ahnung.“, sagte ich und zuckte mit den Schultern. „Der Vorteil meiner Arbeit ist, dass ich von überall aus arbeiten kann. Das macht es mir dann doch etwas einfacher, länger weg zu bleiben.“

„Das verstehe ich.“, meinte Marie. „Wann fährst du zu ihr?“

„Morgen.“

„So schnell?“

Ich nickte erneut. „Ich will von hier weg. Innsbruck war meine letzte Hoffnung. Und jetzt, da auch dieser Funken erloschen ist, will ich nicht länger hier sein.“

„Hast du ihre Telefonnummer?“

„Ja.“, bestätigte ich. „Ich habe sie mir vorhin noch rausgesucht. Das Internet weiß wirklich alles.“

„So gut wie.“, meinte Marie. „Dann pass auf dich auf. Und melde dich bitte, wenn du bei ihr bist.“

„Das mache ich. Versprochen.“

Wir verabschiedeten uns und ich legte auf. Das Gespräch mit Marie hatte mir gut getan, aber es hatte nicht ganz die notwendige Ablenkung gebracht, die ich mir erhofft hatte. Genauso wenig wie der Cocktail vor mir, der inzwischen halb leer war.

Ich sah auf zur Bar. Der Mann, der soeben herein gekommen war, hatte sich an der Theke auf einen der Stühle gesetzt. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, aber sein Lächeln hatte mir imponiert. Vielleicht sogar ein wenig zu sehr.

„Ach, was soll's…“, murmelte ich mir Mut zu. Schließlich hatte ich nichts zu verlieren. Dann trank ich mein Glas mit einem langen Schluck leer, lockerte meine Haare etwas auf und ging auf die Bar und den mir gänzlich Unbekannten zu. Vielleicht würde mir ja ein kleiner Flirt helfen, den heutigen Tag zu vergessen.
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