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Rivalität mit Folgen

GeschichteLiebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Kageyama Tobio Kuroo Tetsurou
29.06.2021
22.10.2021
143
419.586
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14.10.2021 3.320
 
„Was ist das?“, fragte Kuroo und nahm den Zettel entgegen.

„Du willst wissen, was los ist? Dann solltest du diese Nummer anrufen“, fauchte Tobio wütend, riss sich von Kuroo los und stürmte nach oben zu den Zuschauersitzen.

Tetsurou fühlte sich, als hätte ihm gerade jemand mit voller Wucht ein Brett vor den Kopf geschlagen. Was zum Henker war hier gerade passiert? Was hatte dazu geführt, dass der Setter plötzlich wie ein rasender Berserker herumbrüllte. Er sah nach unten auf seine Hände, die noch immer das zusammengeklappte Stück Papier hielten. Benommen faltete er den Zettel auseinander. Er runzelte die Stirn. Matsuri. Noch nie war er jemandem begegnet, der so hieß. Dazu eine Telefonnummer. Was hatte das zu bedeuten? Die Antwort auf diese Frage konnte ihm wohl nur einer geben. Also riss er sich aus seiner Starre und folgte dem Jungen. Oben angekommen landeten seine Augen sofort auf Tobio, der die Ellenbogen auf die stark zitternden Beine abgestützt hatte, um den Kopf auf die zusammengefalteten Hände legen zu können. Er musste ein zweites Mal hinsehen: Biss sich Tobio auf die Fingerknöchel? Dieses aufgewühlte Verhalten des Jungen verlangte endlich nach Antworten.

„Tobio, erklärst du mir jetzt endlich mal, was das hier zu bedeuten hat?“, fragte Kuroo mit schneidender Stimme und hielt den Zettel anklagend in die Luft.

Die Augen des Setters weiteten sich, als er bemerkte, dass Tetsurou den Zettel aufgeklappt hatte. „Ich will jetzt nicht darüber reden.“

„Uh, gibt es etwa Ärger im Paradies?“, fragte Aisu mit einem schiefen Grinsen, verstummte jedoch augenblicklich, als sich zwei böse funkelnde Augenpaare auf ihn legten und mit Todesblicken bedachten. „V-Verstehe“, sagte er und richtete seine Aufmerksamkeit auf das unten stattfindende Spiel, welches gerade in den letzten Zügen war.

„Aber ich will jetzt darüber reden“, sagte Kuroo wütend, den Faden ihres Gesprächs wieder aufnehmend.

„Es geht aber nicht immer nur danach, was du willst“, sagte Tobio, während er aufsprang, sich den Rucksack schnappte und zum Ausgang stürmte. „Wo spielen Akaashi und Bokuto jetzt?“

Kuroos Verstand konnte einfach nicht begreifen, was hier gerade geschah. „Auf dem Feld 2.“

„Klasse, das ist da hinten“, sagte Tobio und verschwand in dem Treppenaufgang. Er wusste, dass er total irrational reagierte und dass es den Kapitän maximal verwirren musste, doch er wusste sich gerade einfach nicht anders zu helfen. Bilder, wie Kuroo vor Ekstase sabbernd und laut stöhnend von diesem Kerl genommen wurde, fluteten sein Hirn. Eine Vorstellung, gegen die sich sein Verstand so heftig wehrte, dass ihm regelrecht schlecht war. Kuroo war der stolze Kapitän, der immer selbstbewusst und cool auftrat. Der mit seinem Charme und seinem Lächeln andere Leute um den Finger wickelte, als wäre es das einfachste auf der ganzen Welt! Nein! Es war unmöglich, dass dieser erhabene Junge von so einem widerlichen Kerl entehrt wurde!

Kuroo sah Tobio fassungslos hinterher. Der Junge war hinausgerauscht, ohne auch nur ein einziges Wort des Abschieds an den Jungen zu richten, der sie die ganze Zeit zugetextet hatte. Höflichkeitshalber nickte er diesem also kurz zu und folgte dann dem Setter nach unten.

Also Tobio den Kapitän in dem Treppenaufgang entdeckte, ging er weiter. Sie mussten ans andere Ende der Halle, um einen bestmöglichen Blick auf das Spiel der zwei Eulen haben zu können. Ob es ihm überhaupt möglich war, dem Match aufmerksam zu folgen? Momentan bezweifelte er das sehr stark. Unwillkürlich glitt sein Blick nach rechts, wo die Toiletten lagen, in denen er gerade die unliebsame Bekanntschaft mit diesem ekelerregenden Kerl gehabt hatte.

Tetsurou, der hinter Tobio lief und diesen mit Adleraugen beobachtete, blieb nicht unentdeckt, dass sich der Setter anspannte, als sie an dem Herren-WC vorbeiliefen. Kein Zweifel, was auch immer geschehen war, es war dort geschehen. Aber was in Gottes Namen sollte dort passiert sein, dass Tobios Verhalten auf so drastische Weise verändert hatte? Wut stieg in ihm auf und er zerknüllte den Zettel in seiner Jackentasche. Tobio hatte zwar gesagt, er solle die Nummer anrufen, um zu erfahren, was den Jungen so aufwühlte, doch er hatte das Gefühl, als würde es die Sache nicht besser, sondern eher schlimmer machen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als zu warten, bis Tobio ihn erleuchtete.

Viel zu energisch stapfte Tobio den hintersten Treppenaufgang hinauf. Ohne zu zögern, bahnte er sich den Weg vor zu dem Geländer, von wo aus sie den besten Blick haben würden. Sein Körper spannte sich an, als Tetsurou neben ihn trat.

Tetsurou warf aus dem Augenwinkel einen prüfenden Blick auf seinen Freund. Ihm gefiel die Anspannung, mit der der Setter sich an das Geländer klammerte, so gar nicht. „Willst du etwas essen?“, fragte er und nahm ihm den Rucksack vorsichtig von der Schulter.

„Nein.“

„Vielleicht etwas trinken?“

Tobio wollte schon ablehnen, doch dann merkte er, dass er tatsächlich ziemlich durstig war. „Hast du Wasser eingesteckt?“

„Ja, habe ich. Hier“, sagte Kuroo und reichte dem Jungen die Wasserflasche, froh darüber, dass sie zumindest wieder halbwegs normal kommunizieren konnten.

„Danke.“ Tobio nahm die Flasche entgegen und trank gierig aus ihr. Oh ja, und was für einen Durst er hatte!

„Du kannst sie austrinken, ich habe noch eine zweite dabei“, erklärte Kuroo, der verwundert beobachtet hatte, wie der Setter beinahe die ganze Flasche leertrank.

Tobio nickte nur und leerte auch den letzten Rest. Kuroo nahm die Flasche wieder entgegen und verstaute sie im Rucksack. Er selbst nahm sich ein Sandwich hinaus und ließ sich auf einen der Sitze sinken. Während er einen Bissen nach dem anderen tat, lagen seine Augen ununterbrochen auf Tobio. Er wollte ihn so gerne berühren. Er wollte ihn so gerne in seine Arme nehmen und sagen, dass alles gut werden würde, was auch immer auf der Toilette geschehen war.

„Da sind sie“, sagte Tobio, als er Fukurodani aufs Spielfeld gehen sah.

Kuroo richtete sich auf und trat an das Geländer. Tatsächlich. Und die zwei Eulen hatten sie auch bereits entdeckt.

„Hey, hey, heeeeeeeey! Was sehen meine entzückten Augen denn da?“, schrie Bokuto zu den zwei Schwarzhaarigen hinauf und winkte wie ein Wahnsinniger.

„Hör auf, hier so herumzubrüllen“, forderte Akaashi sein Ass auf.

Tobio und Tetsurou winkten zurück.

„Hm. Ich glaube, die zwei haben sich schon wieder gestritten“, stellte Bokuto ernüchtert fest.

Interessiert drehte sich Akaashi um und sah zu dem Pärchen hinauf. Er ließ sich seine Verblüffung nicht anmerken, aber offenbar hatte Bokuto recht. Die Stimmung zwischen den zwei Schwarzhaarigen schien tatsächlich angespannt zu sein. „Konzentrieren wir uns erstmal auf das Spiel“, sagte er und nahm sich einen Ball.

Schweigend beobachteten Tobio und Tetsurou das Treiben auf dem Spielfeld. Nachdem das Aufwärmen vorbei war, wurde das Match angepfiffen. Bereits nach den ersten Zügen zeigte sich, dass dies ein Spiel zwischen zwei Giganten war, die sich einander nichts schenkten. Fukurodani gewann den ersten Satz.

Auch der zweite Satz war ein regelrechter Volleyball-Krimi. Das Spiel war sogar so spannend, dass Tobio hier und da vergaß, was vorher geschehen war. Wie zum Beispiel in diesem Moment, in dem er vor lauter Aufregung, da Fukurodani kurz davorstand, sich auch den zweiten Satz zu holen und damit das Spiel zu gewinnen, nach Kuroos Hand griff. Doch er bemerkte seinen Fehler augenblicklich und zog seine Hand erschrocken weg.

Aber Tetsurou war schnell und schnappte sich Tobios Hand, ehe dieser sie ihm gänzlich entziehen konnte und legte sie zurück aufs Geländer, seine Hand obenauf. Er bedachte Tobio mit einem vagen Lächeln, als dieser zu ihm aufsah.

Tobio senkte den Blick und sah wieder nach unten. „Oh nein“, hauchte er, als er entdeckte, dass es die Kamomedai gewesen war, die sich wider seiner Erwartungen den zweiten Satz geholt hatte. Die Spieler begaben sich an den Rand des Spielfeldes, um sich in der kurzen Pause zu erfrischen. Unsicher, was er nun tun sollte, verharrte er regungslos an dem Geländer.

„Tobio, rede doch bitte mit mir“, sagte Kuroo leise und streichelte mit dem Daumen sanft über die Hand des Schwarzhaarigen.

Tobio kniff gequält die Augen zusammen. Da waren sie wieder, diese grauenvollen Bilder. Doch wenn er seine Augen nur fest genug zusammendrückte, würden sie vielleicht verschwinden.

„Tobio.“

„Lass gut sein, Kuroo, ja?“, zischte Tobio wütend und zog dem Kapitän mit einem Ruck seine Hand weg.

Es war wie ein Stich in Kuroos Herz. Er konnte sehen, wie sehr Tobio litt und es tat ihm in der Seele weh, dass der Junge ihm nicht mitteilte, was geschehen war. Mit Sicherheit hätte er helfen können! Vielleicht war es nur ein Missverständnis? „Tobio, bitte. Ich kenne keinen Matsuri—“

„Das weiß ich selbst“, zischte Tobio zornig. Er wusste sofort, dass mit Matsuri dieser Typ gemeint sein musste.

„Ich versteh nicht, Tobio. Was wollte dieser Kerl denn von—“

„Hör auf! Hör einfach auf, okay?“, platzte es aus Tobio heraus und er hatte alle Mühe, seine Stimme in der Lautstärke gesenkt zu halten. Er spürte, wie sein Herz wild zu klopfen begann und seine Atmung immer schneller wurde. Wie war es möglich, dass die Bilder in seinem Kopf solch eine Reaktion hervorrufen konnten? Und das, obwohl sie ja noch nicht einmal der Realität entsprangen. Es war lediglich sein krankes Hirn, welches diese widerlichen Bilder kreierte.

Tetsurou biss sich auf die Zunge und schwieg. Sein Hirn arbeitete auf Hochtouren. Was wollte dieser Matsuri nur, dass der Junge so ausflippte? „Tobio, wenn du mir nicht sagst, was passiert ist, dann muss ich Matsuri anrufen und ihn fragen. Willst du das?“

Alles überwältigende Übelkeit stieg in dem Setter auf, als er sich vorstellte, wie dieser Matsuri Kuroo am Telefon erklärte, dass er ihm ‚den Arsch ficken‘ wollte, bis Tetsurou sabberte, wimmerte und wie ein willenloses Geschöpf nach mehr bettelte. Sein Magen machte eine Kehrtwende und er stieß Kuroo unsanft aus dem Weg, rannte Richtung Ausgang.

„Tobio!“, rief Kuroo und wollte dem Jungen hinterher, doch er stockte kurz, schnappte sich ihren Rucksack und lief dem Setter nach. Unten angekommen, sah er nur noch den Zipfel einer schwarzen Jacke, der in dem Toilettenraum verschwand und er eilte hinterher. Heftig keuchend betrat er den gekachelten Raum und sofort hörte er die Würgegeräusche, mit denen sich der Setter übergab.

Alles, was Tobio an diesem Tag gegessen und getrunken hatte, kam wieder heraus. Erst als nichts mehr in seinem Magen war und nur noch Galle herauskam, hörte es auf. Doch die Übelkeit blieb. „Scheiße“, hauchte er und lehnte sich erschöpft gegen die Kabinenwand. Was war nur mit ihm los? Wieso reagierte er so derart heftig?

„Tobio.“

Der Angesprochene zuckte erschrocken zusammen, als er die sanfte Stimme des Kapitäns hörte, und sein ganzer Körper schrie nach Flucht. Er stieß die Kabinentür auf und stürmte nach draußen zu den Waschbecken. „Mir geht es gut, du musst mir nicht ständig hinterhergerannt kommen. Ich bin kein kleines Kind mehr“, sagte und wusch sich gründlich den Mund aus.

Die Augen des Kapitäns verengten sich zu schmalen Schlitzen. Wie gerne hätte er den Setter jetzt darauf hingewiesen, dass er sich ganz genau wie ein Kind benahm. Wie ein bockiges Kind, das ihm nicht erzählen wollte, was geschehen war. Würde Tobio sich wie ein Erwachsener benehmen, dann könnten sie offen darüber reden. Aber Tetsurou schwieg.

„Lass uns zurückgehen“, sagte Tobio, nachdem er fertig war und ging hinaus. Kuroo folgte. Wortlos legten sie den Weg zu ihren Plätzen zurück. Ein Blick auf den Punktestand verriet ihnen, dass sie so viel noch nicht verpasst hatten. Der dritte Satz schien ein besonders zäher zu werden.

Tobio gab sich alle Mühe, sich auf das unten stattfindende Spiel zu konzentrieren. Sein Erfolg war mittelmäßig. Er bekam die Bilder, diese verfluchten Bilder, einfach nicht aus seinem Kopf! Es war zum Verrückt werden.

Kuroo hingegen konnte nur tatenlos zusehen, wie sich sein Freund quälte. Das, was auch immer dem Jungen so zusetzte, überstieg seine Vorstellungskraft. Aber heute Abend würde er die Wahrheit aus dem Setter herausholen, koste es, was es wolle. Tobio so leiden zu sehen, ließ auch ihn leiden. Er wollte die wenige Zeit, die sie miteinander hatten, in Frieden und Harmonie verbringen. Unwillig riss er sich von dem Anblick seines Freundes los und sah wieder nach unten. „Das sieht nicht gut aus.“

„Hm.“

Fukurodani begann zu straucheln. Die Kamomedai hatte seit geraumer Zeit die Führung und sie schritten zügig auf die 20 Punkte zu. Wie gebannt beobachteten die zwei Schwarzhaarigen das Spiel. Verzweiflung legte sich auf Tobios Herz. Die Eulen durften nicht verliefen. „Lass dich nicht unterkriegen, Bokuto!“, schrie Tobio aus voller Kehle, als er sah, dass der Grauhaarige hektisch wurde.

Ein Ruck ging durch den Körper der Eule und Fukurodani schaffte es tatsächlich, noch einmal aufzuholen. Doch es war nur ein kurzes Aufleben. Die Kamomedai setzte dem Aufholsprint der Eulen ein jähes Ende. Fukurodani verlor mit 22 zu 25 Punkten.

„Scheiße“, zischte Tobio wütend und klammerte sich ans Geländer. Die Niederlage der Eulen war das i-Tüpfelchen dieses beschissenen Tages. Das war eindeutig zu viel für seinen angeschlagenen Geisteszustand und er spürte, wie Tränen in ihm aufstiegen.

Kuroo war ebenfalls traurig darüber, dass nun auch seine besten Freunde aus dem Turnier geflogen waren. Doch noch trauriger machte es ihn, dass er Tobio trösten wollte, sich jedoch nicht traute, da er sich ziemlich sicher war, dass der Junge ihn wegstoßen würde und DAS würde ihm nicht nur ein, sondern tausende von Messern in sein Herz rammen. „Lass uns runter gehen“, sagte er stattdessen und nahm den Rucksack. Er hörte die leisen Schritte Tobios hinter sich, die ihm mitteilten, dass der Setter folgte. Unten angekommen gingen sie zu dem Eingang der Halle, durch welche die Eulen unweigerlich kommen mussten. Und da waren sie auch schon.

Tobio hatte großes Drama von der grauhaarigen Eule erwartet, doch dieser war ungewöhnlich ernst. Offenbar gab es auch Momente im Leben, wo Bokuto der Spaß abhanden ging. Wortlos umarmte er zunächst Kou, dann Keiji.

„Ihr habt gekämpft wie die Teufel“, sagte Kuroo, als er den Grauhaarigen umarmte.

„Ja, nur leider war der Dämonenkönig stärker“, sagte Bokuto mit finsterer Miene.

Tobio und Tetsurou tauschten einen fragenden Blick. Dämonenkönig?

„Und was ist mit euch?“, fragte Akaashi.

Schweigen.

„Was meinst du?“, fragte Kuroo schließlich, um den Schein zu wahren. Doch er wusste, dass das sinnlos war. Immerhin stand Akaashi vor ihm.

Keiji zog nur die Augenbrauen in die Luft. „Die Luft zwischen euch ist zum Schneiden dick. Was ist los?“

„Tobio ist sauer auf mich“, antwortete Tetsurou nun freiheraus und erntete dafür einen ungläubigen, jedoch durchaus bösen Blick der schwarzhaarigen Krähe.

„Wieso?“, fragte Akaashi interessiert, zwischen den zwei Jungs hin und her schauend.

Da Tobio nicht zu antworten gedachte, übernahm Kuroo die Erklärung. „Weiß ich nicht.“

Akaashi begnügte sich damit, eine Augenbraue fragend nach oben zu ziehen.

„Tobio hat mir ohne jegliche Erklärung diesen Zettel wutentbrannt in die Hand gedrückt“, sagte Kuroo.

„Was steht drauf?“, fragte Bokuto nun auch interessiert.

„Der Name Matsuri und eine Telefonnummer.“

„Wer ist Matsuri?“, wollte die grauhaarige Eule wissen.

„Weiß ich nicht.“

„Und Tobio hat nichts weiter dazu gesagt, ja?“, hakte Akaashi nach.

„Nein, hat er nicht.“

„Merkwürdig. Woher sollst du denn wissen, was es damit auf sich hat?“, grübelte Bokuto.

Tobio stand daneben und wurde von Mal zu Mal ungeduldiger, wütender.

„Er hat gesagt, ich soll anrufen, aber ich bezweifle, dass er das tatsächlich will“, erklärte Kuroo.

„Aber du wirst wohl keine andere Wahl haben, wenn er dir nichts sagt“, sinnierte Bokuto weiter.

„Ja, das—“

„Hey! Ich stehe neben euch!“, polterte Tobio los, als ihm der Geduldsfaden riss.

„Oh, tut mir leid. Da du dich den ganzen Tag schon in Schweigen hüllst, bin ich davon ausgegangen, dass du dich auch an diesem Gespräch nicht beteiligen willst“, sagte Kuroo mit einem gewissen, dezent provozierenden Unterton.

Tobio biss sich auf die Unterlippe.

Kuroo musterte den Jungen aus verengten Augen. Das war doch zum Haare ausreißen. Nicht mal so konnte er den Setter zum Reden bringen?

„Ts“, schnalzte Tobio verächtlich mit der Zunge und wandte demonstrativ den Kopf ab.

Akaashi schüttelte mit dem Kopf. „Mit euch wird es aber auch nie langweilig.“

Tetsurou wollte gerade zu einem bissigen Kommentar ansetzten, als ihn eine laute Stimme unterbrach.

„Akaashi, Bokuto, kommt ihr? Wir wollen ins Hotel zurück“, rief ein in Weiß gekleideter Fukurodani-Spieler.

„Wir kommen!“, rief Bokuto.

„Sehen wir uns morgen hier?“, erkundigte sich Akaashi bei den zwei Schwarzhaarigen.

„Ja“, antwortete Kuroo knapp.

„Okay, dann bis morgen“, sagte Akaashi und winkte den beiden zum Abschied. „Und bis dahin habt ihr euer Problem hoffentlich aus der Welt geschafft.“

„Bis morgen!“, rief Bokuto und folgte seinem Setter.

Kuroo seufzte resigniert. „Na los, gehen wir auch nach Hause.“

Nach Hause, echote Tobio innerlich und ein warmer Schauer durchrieselte ihn. Allerdings brachte dieses Gefühl auch ein schlechtes Gewissen mit sich. Aus Kuroos Sicht benahm er sich ohne jeglichen Grund wie ein totaler Arsch. Er würde wohl aussprechen müssen, was ihn quälte. Aber war er dazu überhaupt in der Lage? Ein heftiger Kloß hatte sich in seinem Hals gebildet und er musste krampfhaft die Tränen unterdrücken, die sich schon wieder an die Oberfläche kämpfen wollte. Verdammt, was war nur los mit ihm?

Tetsurou, aufmerksam wie er war, nahm Tobios Verzweiflung wahr. „Hey, komm her“, sagte er und zog den Jungen an sich, streichelte ihm durchs Haar. Erleichterung durchflutete ihn, als sich Tobio nicht aus seinen Armen wand. „Gehen wir nach Hause und dann können wir in Ruhe reden, wenn du so weit bist. In Ordnung?“

Ein schwaches Nicken.

„Dann komm“, sagte Kuroo und legte Tobio eine Hand auf die Schulter, um ihn zum Ausgang zu dirigieren. Ihr Nachhauseweg verlief schweigsam. Da der Setter den Blick unentwegt abgewandt hielt, konnte er den Jungen schamlos beobachten. Was war es nur, dass seinen süßen Tobio so sehr quälte?

Sie schritten durch die Lobby und wünschten dem Wachmann einen schönen Abend. Im Fahrstuhl fielen sie nicht übereinander her. Doch beide machte dieser Umstand gleichermaßen traurig. Sie verließen den Aufzug und überwanden die letzten Meter zu der massiven Wohnungstür. Stille empfing sie, als sie in das geräumige Apartment traten.

Ja, es war still. Doch es war eine gänzlich andere Stille als die, die Tobio stets entgegenschlug, wenn er zu sich nach ‚Hause‘ kam. In Miyagi war es eine gefährliche Stille, die einen am ganzen Körper erstarren ließ und kalte Schauer den Rücken hinunterjagte. Sie verbreitete Angst. Doch hier… Er konnte es nicht direkt in Worte fassen. Aber die Stille hier war eine angenehme Ruhe, die einen nach der Rückkehr von einem Ausflug herzlich willkommen hieß. Sie lockte einen hinein, versprach Wärme und Geborgenheit.

„Tobio?“

„Hm?“

„Kommst du?“, fragte Tetsurou sanft, nachdem Tobio nun eine geschlagene Minute lang in der Tür verharrt hatte.

„Oh, ja, entschuldige“, sagte Tobio hastig und trat hinein. Er zog Schuhe und Jacke aus und folgte seinem Freund ins Innere.

„Hast du Hunger?“, fragte Kuroo, obwohl er die Antwort schon kannte.

„Nein.“

Ja, genau das hatte sich Tetsurou bereits gedacht. Er nahm ein Glas aus dem Schrank und füllte es mit Wasser. „Hier, du musst was trinken“, sagte er.

„Ich habe keinen Durst.“

„Tobio, du musst was trinken. Du hast dich vorhin übergeben. Dein Körper braucht Wasser“, beharrte Kuroo.

Resigniert griff Tobio nach dem Glas und nahm einen vorsichtigen Schluck davon. Auf Tetsurous Gesicht erschien ein liebevolles Lächeln. Oh nein, warum musste der Kapitän ihn ausgerechnet jetzt so ansehen?! Mit klopfendem Herzen wandte er sich ab und ging hinüber ins Wohnzimmer.

„Was wollen wir machen?“, fragte Tetsurou, als er seinem Freund zu der geräumigen Sitzlandschaft folgte.

Tobio hielt den Kopf gesenkt. „Ich weiß nicht. Können wir vielleicht einfach nur einen Film gucken und…“ Er brach ab.

„Kuscheln?“, beendete Kuroo den Satz.

Ein Nicken.

„Okay“, sagte Tetsurou und schaltete den Fernseher an. Er wechselte zu Netflix und wählte irgendeinen beliebigen Film aus, der sie geistig nicht allzu sehr fordern würde. Schließlich setzte er sich neben Tobio und griff nach der Decke, um sie über sie auszubreiten. Doch er stockte. „Wollen wir die unbequemen Hosen ausziehen?“

Wieder ein Nicken. Also entledigten sich die zwei von dem unteren Kleidungsstück und machten es sich anschließend in einer liegenden Position auf dem Sofa bequem. Tobio ließ sein Bein zwischen die des Kapitäns wandern und bettete seinen Kopf auf dessen Brust. Sachte streichelte er darüber und lauschte dem beruhigenden Herzschlag.

Von dem Film bekam Tobio nur wenig mit.
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