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LESEPROBE zu meiner Buchveröffentlichung "Das Spiel der Ketzerin"

von Lady S
Kurzbeschreibung
LeseprobeLiebesgeschichte, Historisch / P18 / Het
28.06.2021
28.06.2021
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28.06.2021 3.886
 
Es ist soweit, mein dritter Roman, der wieder im mittelalterlichen Deutschland spielt, hat das Licht der Buchwelt erblickt.
Erhältlich ist er als E-Book und Taschenbuch überall wo es Bücher gibt, z.B. hier: https://www.amazon.de/gp/product/B08HR4XDML/ref=dbs_a_def_rwt_bibl_vppi_i2

Vom Support liegt dankenswerter Weise die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Leseprobe vor.  
Und bis wir uns hier wiederlesen, wünsche ich euch alles Gute

Eure
Lady S



Rheinland im Juni 1235

Lieses Hände streichelten den saphirfarbenen Surcot. Die Magd seufzte leise. »Warum nur wollt Ihr das kostbare Linnen nicht tragen, Herrin? Nur für ein paar Augenblicke, ich werde es auch niemandem verraten.«

Alida strich eine ihrer braunen Locken hinters Ohr. »Aber Liese«, tadelte sie. »Ich hätte Gewissensbisse und der Herr sieht ohnehin alles.« Sie deutete mit dem Zeigefinger an die Decke, um Liese deutlich zu machen, dass sie Gott meinte, und nicht ihren Vater, den Grafen Eduard von Erkenwald.

»Wollt Ihr wirklich auf jegliche Farbe an Eurem Leib verzichten, solange der Graf fern der Burg weilt?«

»So lautet mein Versprechen. Ich will meinem Vater beweisen, dass ich wahrlich bemüht bin, eine folgsame Tochter zu werden, auf die er stolz sein kann.« Alida entging nicht das kurze Zucken um Lieses Mundwinkel, ehe sich die Magd wieder der Tunika zuwandte. »Was hast du?«, fragte sie scharf.

Liese seufzte hörbar auf und drehte sich erneut um. »Meine Meinung ist unwichtig, edles Fräulein. Sie sollte Euch nicht kümmern.«

»Du bist schon so lange in meinen Diensten und ich vertraue dir«, widersprach Alida. »Rede frei heraus.«

Dennoch zögerte Liese kurz, ehe sie antwortete: »Ihr könnt nichts dafür, dass Ihr so seid. In Euren Adern fließt das temperamentvolle Blut Eures Vaters. Da er nach dem Tode Eurer Mutter nie eine andere zur Gemahlin nahm, fehlte Euch die weibliche Hand der Führung und Anleitung.«

»Du vergisst meine Amme und meine strenge Tante«, rief Alida ihr ins Gedächtnis.

»Die beide schon vor Jahren von uns gegangen sind. Sie konnten ohnehin kaum Einfluss nehmen. Ihr habt lieber Euren Vater gebeten, Euch mit auf die Jagd zu nehmen, anstatt das Sticken zu erlernen.«

Alida von Erkenwald stemmte die Hände in die Hüften. »Dafür kann ich aber singen und musizieren. Außerdem ist meine zugegebenermaßen etwas freie Erziehung keine Entschuldigung. Sobald Vater vom König zurückkehrt, fangen wir mit den Hochzeitsvorbereitungen an. Ich werde bald Dankwarts Haushalt führen und will, dass er und seine Eltern sich meiner nicht schämen müssen.«

»Die guten Vorsätze ehren Euch. Zum Glück liebt Euch Herr Dankwart so wie Ihr seid.«

Alida lächelte kurz, ehe ihr das immer ein wenig verbissen wirkende Gesicht von Dankwarts Mutter in den Sinn kam. Die Herrin von Heymberg war nicht erfreut über die Verbindung der beiden gräflichen Häuser. Doch Dankwarts und Alidas Väter hatten diese Vereinbarung schon vor sehr langer Zeit getroffen, als ihre Kinder noch im Hof Nachlaufen gespielt und die Mauernischen für Versteckspiele genutzt hatten.

Energisch wedelte Alida mit der Hand durch die Luft, um die Gedanken an ihre zukünftige Schwiegermutter zu vertreiben.

»Gerade fällt mir etwas ein, wie wir uns die Zeit bis zum Nachtmahl vertreiben können«, rief sie impulsiv. »Los, Liese, jetzt verwandeln wir dich für kurze Zeit in eine Grafentochter.«

Schwungvoll riss sie der überraschten Magd die Haube vom Kopf und setzte sie sich selbst auf. »Komm, zieh du das Kleid an.«

»Aber Fräulein Alida, das geht doch nicht!«

»Eine weitere Gelegenheit, solchen Stoff zu tragen, wirst du in deinem Leben vielleicht nicht mehr bekommen«, brachte Alida Lieses ohnehin schwachen Widerstand zum Schmelzen.

Vorsichtig, als wäre der Surcot zerbrechlich, hob Liese ihn aus der Truhe. Die Magd warf ihrer Herrin einen letzten fragenden Blick zu, ehe sie sich ihre Tunika aus dunkelbrauner Wolle über den Kopf zog.

Alida half Liese dabei, den blauen Stoff über ihr leicht angeschmutztes Untergewand zu streifen.

»Großartig«, freute sie sich und klatschte in die Hände, ehe sie ihr eigenes Übergewand auszog.

»Aber Herrin«, rief Liese entsetzt. »Was macht Ihr denn da?«

»Wenn du heute Nachmittag die Grafentochter bist, muss ich ja zwangsläufig deine Magd sein.«

Alida lächelte verschmitzt, als sie ihren grün gefärbten Surcot sorgsam in die Truhe legte und Lieses Tunika über ihre fein gewebte Cotte zog.
Sie drehte sich mit ausgebreiteten Armen einmal im Kreis. »Wie sehe ich aus?«

»Ungewohnt«, kicherte Liese. »Aber auf den ersten Blick schon überzeugend.«

»Und jetzt kümmere ich mich um dein Haar.«

Alida wies die verblüffte Magd an, sich auf den Faltstuhl zu setzen, der neben dem Kamin stand. Dann trat die Grafentochter an den kleinen Tisch in der Nähe der Bettstatt und öffnete das hölzerne Kästchen, in dem sie auch ihre Schmuckstücke aufbewahrte. Sie griff nach dem kunstvoll geschnitzten Kamm aus Hirschgeweih und trat hinter Liese.

Wie ihre Magd es schon so oft bei ihr getan hatte, öffnete sie zunächst den Zopf und kämmte sorgfältig die blonden Strähnen, die weit über Lieses Schultern reichten.

»Um deine Haarfarbe beneide ich dich«, murmelte Alida und dachte mit Bedauern an ihre eigenen dunkelbraunen Locken. »Der Surcot passt ausgezeichnet zu deinen blauen Augen, genau wie deine Tunika zu meinen.«

»Aber Herrin, mein Gewand hat die Farbe des Schlamms aus unserem Schweinestall. In Euren Augen hingegen brennt ein dunkles Feuer und sie leuchten wie die bronzene Handglocke in unserer Kapelle.«

»Meine Augen erwecken in dir also das Bild einer brennenden Kirchenglocke?« Alida wusste nicht, ob sie lachen oder sich ärgern sollte.

»Aber nein, Herrin, so habe ich das doch gar nicht gemeint«, verteidigte sich Liese schnell.

»Lass gut sein«, winkte Alida ab und teilte die goldblonden Haare in drei gleich dicke Strähnen. Für eine Weile schwieg sie, war ganz darauf bedacht, den Zopf gleichmäßig zu flechten. Sie band das Ende gerade zusammen, als das Klappern vieler Pferdehufe vom unebenen Kopfsteinpflaster des Vorhofs in ihre Kemenate heraufdrang. Sofort ließ sie den Zopf los und eilte zur Fensteröffnung.


Einige Männer waren in die Burg geritten. An ihren weißen Waffenröcken mit dem schwarzen Kreuz auf der Brust erkannte Alida sie als Ritter des Deutschen Ordens. Auch Männer mit grauen Mänteln befanden sich darunter.

Volkmar von Alpach, der Truchsess von Erkenwald, ging den Neuankömmlingen entgegen. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete Alida, wie der vorderste der Ritter ihm eine Pergamentrolle überreichte, während die Stallknechte dienstbeflissen herbeiliefen, um die Pferde zu versorgen.

Alida hatte den Eindruck, als würde der starke Volkmar ein wenig schwanken, als er dem Ritter das Pergament zurückgab. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Brachten die Männer Nachricht von ihrem Vater? Sie wusste, dass Kaiser Friedrich von Hohenstaufen dem Orden sehr zugetan war und dessen Hochmeister, Hermann von Salza, zu seinen engsten Beratern zählte. Es war also durchaus möglich, dass die Reiter im Auftrag des Staufers kamen.

Die Männer stiegen ab, übergaben den Knechten die Pferde und folgten dem Truchsess ins Hauptgebäude. Sicherlich würden sie im Palas bewirtet werden und Alida hatte die Pflicht, sie als Gastgeberin zu begrüßen.

»Wir haben Besuch von einigen Deutschordensrittern bekommen«, klärte Alida ihre Magd auf. »Ich werde ihnen später meine Aufwartung machen müssen. Unser kleines Spiel findet sein Ende leider schneller als gedacht.«

Sorgenvoll ließ sie sich auf die Sitzbank in der Fensternische sinken. »Sie haben Volkmar eine Nachricht übergeben. Bestimmt betrifft sie meinen Vater. Wenn ihm nur nichts zugestoßen ist.«

Liese erhob sich und ging auf Alida zu. »Sorgt Euch nicht, Herrin. Wenn es wirklich schlimm wäre, würde Volkmar doch direkt hierherkommen.«

»Du hast recht«, gab sie zu und wollte gerade erleichtert aufatmen, als sie die schweren Schritte mehrerer Paar Stiefel vernahm. Sie näherten sich schnell über die steinernen Stufen, die zu ihrer Kemenate führten. Auch Liese hatte sie gehört und sah ihre Herrin verängstigt an. »Was machen wir denn jetzt?«

Alida sprang auf und stellte sich neben Liese. »Gar nichts. Uns bleibt keine Zeit mehr, die Kleider zu tauschen. Hör dir an, was die Männer zu sagen haben, lächle und sage bei allem, du müsstest noch darüber nachdenken und dich beraten«, stieß Alida hastig hervor.

Einen Wimpernschlag später wurde die Tür aufgerissen. Das durchdringende Quietschen gemahnte Alida an ihre vergessenen Pflichten, sie ölen zu lassen. Volkmar trat herein, gefolgt von zwei Deutschordensrittern. Der Truchsess stutzte merklich, als er die beiden Frauen sah, verneigte sich jedoch vor Liese. »Herrin, diese Ritter des Glaubens wünschen dringend mit Euch zu sprechen. Sie bringen Nachricht von Eurem Vater.«

»Ist ihm etwas zugestoßen?«, rief Alida, völlig vergessend, was sie Liese eben noch geraten hatte. Der ältere der beiden Ritter, ein hagerer Mann mit einem kleinen Kinnbart und einer kühn geschwungenen Nase, warf ihr einen scharfen Blick zu. Volkmar schüttelte warnend den Kopf.

»Das ist Konrad von Westerburg«, stellte er den Mann an Liese gewandt vor. »Er …«

Doch der Ritter gebot dem Truchsess mit erhobener Hand zu schweigen. »Ich bin der neue Komtur von Erkenwald«, sagte er kalt.

»Aber …«, entfuhr es Alida.

Die Halsschlagadern von Westerburgs schwollen an. »Von Alpach, schafft mir dieses vorlaute Weibsbild aus den Augen. Ich will mit Graf Erkenwalds Tochter allein sprechen.«

Der Truchsess packte Alida am Oberarm. »Du kommst jetzt besser mit mir«, beschwor er sie eindringlich.

So schwer es ihr auch in diesem Augenblick fiel, sie vertraute dem Mann, den sie schon ihr ganzes Leben lang kannte, vollkommen. Ohne Widerstand zu leisten, ließ sie sich von ihm nach draußen geleiten. Mit einem Blick über die Schulter nickte sie Liese noch einmal aufmunternd zu. Und sah dabei, wie Konrad von Westerburg ihr das Pergament überreichte, das Liese mit spitzen Fingern entgegennahm.

Das angehängte Siegel schaukelte leicht, als sie die Urkunde ratlos betrachtete. Da die Magd nicht lesen konnte, würde sie auch keine unbedachte Äußerung von sich geben.

Volkmar atmete hörbar auf, als er die Tür hinter ihnen schloss. Alida holte Luft, um etwas zu sagen, doch der Truchsess legte den Finger an die Lippen. »Euer Vater lebt, ist aber beim Kaiser in Ungnade gefallen. Auf dem Pergament bestätigt seine Majestät, dass er Erkenwald dem Deutschen Orden überlässt, um hier eine Kommende einzurichten«, flüsterte er.

»Das kann der Kaiser doch nicht machen«, fuhr Alida auf, um sofort wieder ihre Stimme zu senken. »Vater ist Friedrich treu ergeben. Er ist doch nur zu König Heinrich gereist, um ihn zum Einlenken im Zerwürfnis mit seinem Vater, dem Kaiser, zu bewegen und ihn davon zu überzeugen, sich zu unterwerfen.«

Alida war es ein Rätsel, wie Graf Eduard beim Kaiser in Ungnade gefallen sein konnte. Jeder wusste, wie unzufrieden Friedrich mit dem schwankenden Regiment seines königlichen Sohnes war, dessen Entscheidungen und Anordnungen er teilweise sogar rückgängig gemacht hatte. Die Fürsten hatten dem Kaiser sogar geschworen, im Falle eines Bruchs zwischen Vater und Sohn ihre Treuebindung an den König für gelöst zu betrachten und Friedrich zu unterstützen.

Heinrich rebellierte nun offen gegen den Vater und Eduard von Erkenwald sah es als seine Pflicht an, den jungen König an seinen Gehorsamsschwur gegenüber dem kaiserlichen Vater zu erinnern. Niemals jedoch würde er Friedrich verraten und dessen Sohn unterstützen.

Entweder lag hier ein fürchterliches Missverständnis vor oder jemand trieb ein falsches Spiel. Vielleicht war das Siegel an dem Pergament, das der Komtur mitgebracht hatte, gefälscht. Doch Volkmar schüttelte den Kopf, als Alida ihre Vermutung äußerte.

»Es ist das kaiserliche Siegel«, antwortete er bestimmt. »Die Vorderseite zeigt ihn mit einigen Reichsinsignien auf dem Thron sitzend und die Rückseite einen Torturm. Ich habe keinen Zweifel an der Echtheit.«

»Es könnte auch sein, dass es seiner Majestät für die Siegelung entwendet wurde«, vermutete Alida, während sie sich ein paar Schritte von der Tür entfernten.

»Und seine Unterschrift wurde auch gefälscht?«, fragte Volkmar zynisch. »Ich fürchte, Ihr müsst Euch damit abfinden, dass dieses Schreiben echt ist.«

»Ich werde diesem geiernasigen Rittermönch da drinnen bestimmt nicht kampflos den Besitz meines Vaters überlassen, und wenn ich dafür selbst zum Kaiser reisen muss.« Alida unterdrückte das Bedürfnis, zur Bekräftigung mit dem Fuß aufzustampfen.

Beschwörend umfasste Volkmar ihre Schultern. »Aber Mädchen«, begann er in dem versöhnlichen Tonfall ihrer Kindertage, wenn sie im Begriff gewesen war etwas anzustellen und er sie davon abbringen wollte. »Wartet erst einmal ab. Eine voreilige Entscheidung ist selten gut. Was soll überhaupt die Maskerade mit dem Kleidertausch? Konrad von Westerburg wird sich nicht wenig wundern, wenn Ihr ihn später offiziell hier willkommen heißt.«

»Ich habe nicht die Absicht das zu tun. Soll Liese ruhig die Rolle weiterspielen«, murrte Alida.

Der Schrei, der in diesem Augenblick aus der Kemenate drang und sofort wieder abbrach, enthob den Truchsess einer Antwort.

Alida stürzte zurück in den Raum. Liese sank gerade rücklings zu Boden, beide Hände auf die linke Brust gedrückt. Zwischen ihren Fingern rann Blut hervor und färbte den blauen Stoff des Surkots dunkelrot. Das Pergament mit dem Siegel des Kaisers lag neben ihr auf dem Boden.

»Mörder!«, schrie Alida und stürzte auf den Komtur zu, der das Messer immer noch in der rechten Hand hielt.

Der andere Deutschordensritter packte sie sofort und hielt sie fest umschlungen. Alida strampelte, trat nach hinten gegen seinen Stiefel und war versucht in seinen Unterarm zu beißen. Doch durch die Glieder seines Kettenhemdes wäre das vollkommen aussichtslos gewesen.

Konrad von Westerburg beachtete sie nicht, sah sich jedoch genötigt, Volkmar gegenüber eine Erklärung abzugeben. »Sie hat sich selbst gerichtet, als sie las, dass ihr Vater die Gunst des Kaisers verloren hat«, behauptete er und bekreuzigte sich.

»Das ist gelogen!«, brüllte Alida außer sich vor Zorn und Schmerz. Hätte sie Liese nicht genötigt, die Kleider zu tauschen, würde die Magd noch leben.

Der Handrücken des Komturs traf mit voller Wucht Alidas Mund und Kinn. Sie fühlte, wie ihre Lippe aufplatzte, war jedoch klug genug, augenblicklich zu verstummen, und ihn nur mit Blicken zu durchbohren. Mit einem Mal wurde ihr bewusst, dass der Komtur den Mord an der Grafentochter von Erkenwald geplant haben musste. Er war mit der Absicht hierher geritten, sich den Besitz anzueignen und die Tochter des Hauses aus dem Weg zu räumen.

Alidas Tod würde ihren Vater brechen. Er würde seinen Lebensmut verlieren und im Kerker des Kaisers zugrunde gehen, sofern er überhaupt gefangen gehalten wurde. Vielleicht war er auch schon tot.

Nein, Alida glaubte zu spüren, dass ihr Vater noch lebte.

»Verzeiht der Magd, Herr«, mischte sich Volkmar ein und sah Alida eindringlich an. »Sie hängt sehr an ihrer Herrin und ist außer sich vor Kummer.«

»Ich will sie nicht mehr sehen. Schafft mir das Weibsstück aus den Augen«, befahl Konrad von Westerburg, derweil er nach einem kleinen Tuch auf dem Tisch griff, das Liese einst liebevoll bestickt hatte, und die Klinge daran abwischte.

Mit einem letzten Blick auf die Tote ließ Alida sich widerstandslos von Volkmar aus der Kammer führen.

Uns bleibt nicht viel Zeit«, drängte er auf dem Weg über die Stufen nach unten. »Ihr müsst die Burg sofort verlassen. Es wird nicht lange dauern und von Westerburg findet heraus, dass er nur Eure Magd ermordet hat.«

»Ich werde zu Dankwart reiten«, erwiderte Alida entschlossen.

»Auf keinen Fall«, widersprach Volkmar. Sie hatten das Ende der Wendeltreppe erreicht und wandten sich nach links. »Da wird von Westerburg zuerst nach Euch suchen lassen und er wird Euch auf dem Weg dorthin einholen. Ihr könnt kein Pferd nehmen. Die gehören nun dem Orden und Ihr wollt doch nicht, dass er Euch als Pferdediebin anklagt.« Nach einigen Schritten öffnete der Truchsess die Tür zum Privatgemach des Grafen. »Wartet hier. Es ist besser, wenn Euch niemand in dieser Aufmachung erkennt. Ich besorge einen Beutel mit Proviant, einen Umhang und etwas Geld.«

»Wohin soll ich denn gehen?«, fragte Alida verzweifelt.

»Nach Coellen, zu dem Kaufmann Salomon ben Isaak. Der Jude schuldet Eurem Vater noch einen Gefallen. Er soll Euch verstecken, bis ich Dankwart benachrichtigt habe und er Euch dort abholt.« Mit diesen Worten zog er die Tür hinter sich zu.

Alida lehnte sich an einen der Pfosten, die den dunkelgrünen Baldachin über dem Bett ihres Vaters stützten. Sie biss sich auf die Unterlippe, um nicht die Beherrschung zu verlieren und zuckte bei dem Schmerz zusammen, der sie durchfuhr.

Ihre Wut, die sie bei Lieses Anblick überwältigt hatte, wich der Trauer. Schuldgefühle brandeten in ihr hoch, als sie an Liese und ihr kleines Spiel dachte. Zugleich wurde ihr Herz von Furcht erfüllt. Die Angst um ihren Vater schnürte ihr die Kehle zu.
Sie musste die Wahrheit herausfinden und den Kaiser davon überzeugen, dass ihr Vater ihn niemals betrogen hatte. Aber wie sollte sie das anstellen? Würde Friedrich sie überhaupt empfangen? Kaum, wenn sie nicht ihre Herkunft nachweisen konnte.

Alida sah sich in der Kammer um. Ihr Blick fiel auf die schwere Truhe, die an der Wand stand. Dort bewahrte ihr Vater seine Siegelstempel auf. Sie trat einen Schritt darauf zu, als sich auf der anderen Seite der Tür Stimmen näherten.

Es war unwahrscheinlich, dass jemand den Raum betreten würde, dennoch rollte Alida sich schnell unter das Bett. Der Staub stieg ihr sofort in die Nase. Rasch hielt Alida sie zu. Gerade als die Tür geöffnet wurde, entwich ihr dennoch ein leises Niesen, das sie nicht mehr unterdrücken konnte. Inständig hoffte sie, dass es sie nicht verraten hatte. Dann traten zwei Paar Lederstiefel in ihr Blickfeld.

»Sieh an, wenn das nicht das Gemach des ehemaligen Grafen ist«, sagte der eine. Alida legte sich die Hand über den Mund, um keinen unbedachten Laut auszustoßen. Das war eindeutig die Stimme Konrads von Westerburg. Das Herz schlug ihr bis zum Hals.

»Lass uns in der Truhe nachsehen, vielleicht finden wir dort sein Siegel.«

Tränen des Zorns schossen Alida in die Augen und sie biss sich in die Handfläche, während sie hilflos mitanhören musste, wie der schwere Deckel aufgeklappt wurde.

Nach wenigen Augenblicken stieß einer der Männer einen triumphalen Laut des Entzückens aus. Offenbar hatten sie das Kästchen gefunden, in dem ihr Vater seine Siegel verwahrte.

»Ausgezeichnet«, brummte der Komtur zufrieden, während der Deckel wieder geschlossen wurde.

»Kann ich Euch behilflich sein?« Die barsche Stimme gehörte Volkmar.

Alida drehte den Kopf und sah dessen Stiefel im Eingang.

»Wir haben, was wir brauchen«, antwortete Konrad von Westerburg ohne eine Spur von Verlegenheit.

»Was wollt Ihr mit dem Siegelstempel des Grafen?«

»An diesem Ort ist er nicht sicher. Ich nehme ihn an mich, damit niemand ihn missbrauchen kann. Und was sucht Ihr hier, bepackt mit Bündel und Umhang?«

»Ich folge nur Eurem Befehl, die Magd vor die Tür zu setzen.«

»Sehr schön. Danach bereitet alles für die Grablegung der Grafentochter vor. Die Mägde sollen sie waschen und ihr ein sauberes Kleid anziehen.«

Der Komtur ging zwei Schritte auf Volkmar zu und senkte seine Stimme ein wenig. »Sorgt dafür, dass sie nicht über die Stichwunde reden. Offiziell ist die Tochter des Hauses vor Gram über das Unglück ihres Vaters gestorben. Wenn herauskommt, dass Alida von Erkenwald sich selbst gerichtet hat, wird ihr ein Begräbnis in geweihter Erde verwehrt. Das wollt Ihr doch sicherlich nicht gegenüber dem Grafen verantworten, solltet Ihr ihn jemals wiedersehen. Und noch etwas: Lasst diesen Raum für mich herrichten. Hier werde ich künftig schlafen.«

Der Komtur und sein Begleiter verließen die Kammer. Volkmar schloss die Tür hinter ihnen.

»Alida?«, wisperte er.

Die Erleichterung war ihm deutlich anzusehen, als sie unter dem Bett hervorkroch. Notdürftig klopfte sie ihre Tunika ab. »Diese Höllenhunde«, fluchte sie. »Möge der Blitz sie treffen. Das Siegel haben sie doch nur an sich genommen, um es nach eigenem Gutdünken einzusetzen.«

Verärgert wuchtete sie den Truhendeckel nach oben. Die Kleidung ihres Vaters war durchwühlt und oben auf lag das hölzerne Kästchen. Alida öffnete es. Zu ihrer Freude hatten sie wenigstens das Reitersiegel ihres Vaters darin belassen. Sie nahm es an sich. Es zeigte ihren gerüsteten Vater auf einem galoppierenden Ross. In der einen Hand hielt er sein Wappenschild, in der anderen das an der Lanze befestigte, zweizüngige Gonfanon, die Kriegsfahne. Die umlaufende Inschrift auf dem Stempel bezeugte den Namen des Siegelinhabers: Eduard von Erkenwald.

Alida entnahm der Truhe einen Gürtel samt Tasche. Darin verstaute sie das Siegel und schlang sich den Lederriemen um die Taille.

»Wollt Ihr etwa zum Kaiser und Euch damit bei ihm ausweisen?«, fragte Volkmar und reichte ihr den Umhang aus grober brauner Wolle.

»Ich muss meinen Vater retten und das hier geschehene Unrecht seiner Majestät melden. Die Hochzeit mit Isabella von England wird nächsten Monat in Worms stattfinden. Dort werde ich ihn aufsuchen.«

Alida, bitte, macht Euch nicht allein auf den Weg. Sucht zunächst den jüdischen Kaufmann auf. Sicherlich wird er Euch helfen und Unterkunft gewähren. Außerdem kann Dankwart Euch in Coellen leichter finden, als irgendwo auf dem Weg nach Worms. Ihr erinnert Euch doch sicherlich noch an Salomon ben Isaak?«

Sie nickte. Vor einem Jahr hatte sie den hageren Juden mit dem silbernen Haar und dem langen Bart zuletzt gesehen. Mit dem seidenen, mit Gold durchwirkten Tuch aus Syrien, das er ihrem Vater zum Geschenk gemacht hatte, war der Saum ihrer besten Cotte verziert worden.

Obwohl sie ihn schon seit ihrer Kindheit kannte, wusste Alida kaum etwas über Salomon, außer dass er irgendwo in Coellen lebte. Er war ein stiller Mann in fortgeschrittenem Alter. Eine Frau oder Kinder hatte er bei seinen Aufenthalten auf der Burg nie erwähnt. Alida erinnerte sich daran, dass er ihr immer winzige Portionen unbekannter Köstlichkeiten mitgebracht hatte: kandierte Schleckereien aus Datteln oder Ingwer, Pinienkonfekt und Früchtegelees.

Zu Beginn hatte sie ihn Onkel gerufen, bis ihr Vater es verbot und erklärte, dass Salomon ben Isaak nicht an den Heiland glaubte. Ihr Umgang miteinander müsse sich auf das Geschäftliche beschränken, hatte er befohlen.

Alida hatte das zu Beginn nicht verstanden und versucht, Salomon zum christlichen Glauben zu bekehren. Sie wollte nicht, dass ihm die Verdammnis drohte. Doch er hatte sie immer nur angelächelt, von Gott gesprochen, den er Adonai nannte, und versichert, der Herr würde in die Herzen eines jeden Menschen sehen.

Aber was geschähe, wenn er dort nicht den Glauben an seinen Sohn fände?, hatte Alida gefragt.

Salomon ben Isaak hatte ihre kleinen Hände in die seinen genommen, ihr tief in die Augen geblickt und geantwortet: »Dann wird er in dem Herzen eines kleinen Mädchens genug Glauben für mich mit finden.«

Das hatte Alida fürs Erste beruhigt. Im Laufe der Jahre hatte sie erkannt, dass er zwar anders an Gott glaubte als sie, aber nicht weniger fest. Sie nannte Salomon mittlerweile beim Vornamen, auch wenn er im Herzen für sie ihr Onkel geblieben war.

»Wisst Ihr, wo ich Salomon ben Isaak finden kann?«

»In Coellen gibt es ein jüdisches Viertel, zwischen der Kirche Sankt Laurenz und dem alten Markt. Ich nehme an, dass er dort lebt.«

»Wohnen denn nicht alle Juden dort?«

Der Truchsess schüttelte den Kopf. »Die meisten sicherlich, aber sie dürfen sich auch anderswo in der Stadt niederlassen. Dennoch rate ich Euch, es zuerst dort zu versuchen.«

»Volkmar«, begann Alida, stockte und warf sich den kleinen Beutel über die Schulter. »Wenn sie herausfinden, dass ich ihnen entkommen bin, werden sie Euch befragen. Versprecht mir, es ihnen zu sagen, damit sie Euch nicht foltern. Ihr werdet gebraucht, vergesst das nicht. Ohne Euch sind die Menschen hier verloren und mein Vater wird kein Heim mehr vorfinden, wenn ich ihn zurückbringe.«

Der Truchsess deutete eine Verbeugung an. »Und Ihr versprecht mir, im Gegenzug keine Tollheiten zu begehen. Gehorcht ben Isaak und wartet, bis Dankwart Euch dort abholt.«

»Ihr kennt mich doch«, versuchte sie auszuweichen.

»Eben, nun gebt mir Euer Wort«, verlangte Volkmar hartnäckig.

»Ich verspreche, Eure Wünsche zu befolgen«, antwortete Alida feierlich, kreuzte jedoch hinter ihrem Rücken Zeige- und Mittelfinger miteinander. Wer konnte schon wissen, was sie in Coellen erwarten würde. Es war sicherer, sich mit dem Fingerkreuz zu vergewissern, dass sie im Falle des Schwurbruchs nicht in der Hölle landete.
Entgegen aller Gewohnheit umarmte sie Volkmar kurz und verließ ungesehen die Burg.
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