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Finstermond

von Hakuyu
Kurzbeschreibung
OneshotDrama, Schmerz/Trost / P16 / Mix
Jeanne Noé Archiviste Vanitas (Mensch)
27.06.2021
27.06.2021
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27.06.2021 9.859
 
Der schwarze Schleier des Nachtwerdens hatte sich über Paris gelegt. Wie tropfende Tinte in reinem Wasser breitete sich die Dunkelheit über den Himmel aus und vertilgte das Blutrot des Sonnenuntergangs.
Selbst die weißen Hausfassaden wurden grau und verschwammen schließlich in der Schwärze. Hinter manchen, entfernten Fenstern brannte noch Licht. Diffuses Leuchten wie von Irrlichtern im Morast. Die kalte Luft kratzte in Vanitas Hals. Wind zerrte an seinen Haaren und an seinem Mantel. Er schlang die Arme fester um die angewinkelten Knie. In den meisten Nächten konnte er hier, vom Dach aus, den Mond sehen.
In dieser Nacht blieb der Mond finster. Er war weder rot noch blau, sondern hüllte sich vollkommen in Schwärze. Neumond.
Allein die Sterne traten aus der Dunkelheit hervor. Es war, als hätte man eine undurchdringlich dicke, schwarze Decke über den Himmel geworfen und die Welt abgeschottet. Durch unzählige kleine Löcher fand das Licht von der unerreichbaren, anderen Seite seinen Weg in diese Welt. Plötzlich erschienen ihm die Sterne wie kleine, glitzernde Diamanten. Wie das Glitzern in Jeannes Augen. Vanitas zischte.
Nein, nein, nein. Er durfte nicht an sie denken. Das Leuchten in ihren Augen. Ihr kindliches, freudiges, übermütiges Lächeln, das so gar nicht zu ihr gepasst hatte, aber deswegen...deswegen…Er war nur überrascht gewesen.
Genau! Ebenso war er nur überrascht, dass sie sein Blut getrunken hatte. Sicher war das Adrenalin in Jeannes Blut für ihren Übermut verantwortlich und sicherlich hatte sie ihn gar nicht küssen wollen! Bestimmt hatte sie ihn noch einmal beißen wollen, schleierhaft warum ausgerechnet seine Wange das Ziel war, aber deswegen hatte Jeanne ihn ja auch nicht gebissen, sondern sich im letzten Moment für etwas anderes entschieden, weil sie merkte, dass Beißen nicht effektiv war…Genau! Das musste passiert sein! Ein Versehen! Aber warum hatte sich das so gut angefühlt?
Dafür gab es eine logische Erklärung! Es musste an dem Gift liegen, dass der Vampirbiss zur Beruhigung des Gebissenen in den Körper spülte!
Es gab keine andere Möglichkeit! Sicher hatte er eine Überdosis bekommen! Da war wieder Jeannes Lächeln. Ihre zartrosafarbenen Haare, die locker ihr Gesicht umspielten. Seine Brust schnürte sich zu. Hitze stieg in ihm auf. In ihm kribbelte es so sehr, dass seine Finger zu zittern begannen. Er legte seine Stirn auf die angewinkelten Knie. Es war furchtbar. Würde das jetzt ewig so weitergehen? Nein, er würde das nicht zulassen! Er hatte gehofft, die Symptome würden verwelken. Verwelken wie dieser Tag. Verwelken wie mittlerweile sicherlich das Blumenfeld verwelkt war, in das Jeanne ihn niedergeworfen hatte. Verwelken, wie alles auf dieser ganzen verdammten Welt irgendwann verwelken musste. Das Blumenfeld in seinem Kopf aber blühte…Jeanne wie sie lächelte blühte auch. Jeanne wie sie sich bei ihm bedankte. Jeanne wie sie begeistert mit ihm durch Paris ging, über jede Sehenswürdigkeit strahlend. Jeanne. Jeanne. Jeanne. Er versuchte, die Blüten in seinem Kopf zu zerfetzen.
Doch alles, was ihn bei den fallenden Blütenblättern einfiel war: Liebt mich, liebt mich nicht, liebt mich, liebt mich nicht, liebt mich…
„Scheiße“, entfuhr es Vanitas, er krallte seine Hände in die Kopfhaut. Warum?! Ich hasse das! Vollkommen unmöglich. Das konnte doch nicht sein! Als ob so etwas Schreckliches Liebe war. Als ob irgendjemand einen Menschen wie ihn lieben könnte. Jeanne würde sich jedenfalls niemals in ihn verlieben. Dafür hatte er gesorgt. Er war sicher gewesen.
Am Ende war alles nur ein Theaterspiel gewesen. Eine Komödie. Von Anfang an. Der Kuss während ihrer ersten Begegnung lediglich eine Taktik, um Irritation auszulösen, um einen ausweglosen Kampf zu gewinnen – das war alles. Nichts davon war ernst. Eine Aufführung. Das Kribbeln im Bauch, die Aufregung – das hatte er für ‚Liebe‘ erklärt, weil es so spannender war, aber vielleicht irrte er sich auch.
Aber das war gleichgültig. Darum ging es nicht. Nicht darum, was ‚Liebe‘ wirklich war. Am Ende war es ein Was-wäre-wenn, ein Vorgeben, ein Spiel ohne ernste Konsequenzen. Darum hatte er sie doch erst gemocht. Warum hatte er überhaupt damit angefangen?
Aber wenn Jeanne sich gegen alle Wahrscheinlichkeit und Vernunft sich tatsächlich…Scheiße! Laurent hatte das nur noch schlimmer gemacht! Wie verzweifelt war er gewesen, diesen Typen zu fragen?!
Aber eigentlich auch kein Wunder! Er verlor langsam den Verstand, kein Wunder also, dass er zu solchen scheiß Aktionen griff. Dieses Kribbeln und das Gefühl der Hitze, die er damals als ‚Liebe‘ bezeichnet hatten, taten nur noch weh. Seine Sinne waren wie betäubt. Er konnte nicht essen, nicht schlafen. Tagelang hatte er das Bett nicht verlassen. Wenn das so weiterging, würde er sterben. Vanitas schloss die Augen so fest, dass leuchtende Farben in sein schwarzes Sichtfeld schossen, presste die pochende Stirn gegen seine Knie, in der Hoffnung, seine Gedanken erdrücken zu können. So kalt und schneidend der Wind war auch, er vermochte nicht die Bilder in seinem Kopf zu durchtrennen.
Selbst mit dem Messer an seinem Gürtel war dies nicht möglich.
Vanitas versucht sich auf die Sterne zu konzentrieren, die ihn stumm verlachten. Wenn man alle diese Sterne vom Himmel schöpfen und in eine Sanduhr geben würde, wie lange würde es dauern, bis die Zeit abgelaufen war…

Jemand berührte seine Stirn. Vanitas zuckte zusammen und riss die Augen auf.
„Alter, Noé! Erschreck mich nicht so“, fuhr er Noé an, dessen Gesicht sein ganzes Sichtfeld einnahm. „Du bist ja doch wach“, stellte Noé fest.
Er war ihm so nahe, dass Vanitas seinen warmen Atem spürte. Anstatt von ihm abzulassen, presste Noé seine Handfläche noch stärker gegen Vanitas‘ Stirn. „Was soll denn das?“, knurrte Vanitas und drehte den Kopf weg, entriss sich damit Noés Hand. Durch die Drehbewegung wurde ihm plötzlich schwindelig.
Abermals legte Vanitas seine Stirn auf seine angewinkelten Knie ab. Damit er Noés Gesicht nicht sehen musste. Die verdammte Sorge darin.
„Ich habe dir doch gesagt, du erkältest dich! Wenn du nur draußen sitzt oder im Bett liegst und auch sonst kaum was isst, ist es kein Wunder, wenn du Fieber bekommst.“
„Mir doch egal“, murmelte Vanitas. Aber eigentlich…war das nicht so egal.
Er hatte also Fieber? Das würde alles erklären.
Wirklich alles! Schließlich hatte er in Gévaudan durch das Gift dieses verfluchten Chausseurs Astolpho auch Fieber bekommen. An diese Nacht in der Holzhütte hatte er kaum Erinnerung, außer dass Jeanne…Jeanne…Schwummerige Hitze stieg in Vanitas Kopf auf. Seine Gedanken lösten sich langsam auf.
„Dir vielleicht. Mir ist das aber nicht egal!“, Noé packte ihn am Kragen und schleifte ihn in Richtung Fenster.
„Ich kann alleine laufen!“, keifte Vanitas. Wie zum Beweis sprang er auf, doch im selben Moment fuhr stechender Schmerz durch seinen Kopf.
Seine Knie fühlten sich seltsam weich an. Noé hielt ihn an den Schultern fest.
„Das seh‘ ich“, sagte er, „Pass auf, dass du nicht noch vom Dach fällst. Und jetzt kommt, du gehörst ins Bett.“ Vanitas schob die Unterlippe vor, schnaubte abfällig und schlug die brennenden Augen nieder.
Er sagte kein Wort und er wagte es auch nicht, ihm in die Augen zu schauen, als Noé ihn an den Händen nahm und ihn durch das Fenster in ihr gemeinsames Zimmer führte.
Noés Finger waren weich und angenehm kühl. Das konnte er selbst durch die Handschuhe spüren. Die Wärme, die von seinen Handgelenken in seine Arme hochzog, musste an dem Fieber liegen.
„Das hätte ich auch alleine gekonnt“, murmelte Vanitas, als er mit den Sohlen auf die Holzdielen des kleinen Hotelzimmers trat.
Er riss sich von Noés Griff los.
Mit einem Mal fühlten sich seine Arme seltsam nackt an, die Welt ein klein wenig unsteter. Aber das war gleichgültig! Schwankend ging Vanitas auf sein Bett zu. War die Strecke durch das Zimmer schon immer so lang? Noé lief dicht hinter ihm. Auch wenn er ihn nicht sah, Vanitas hörte seine Schritte, fühlte seinen Atem, spürte seine Präsenz.
Glaubte er, er würde fallen?
Würde er ihn auffangen, wenn er fiel?
Was würde dann passieren? Was würde dann sein? Es wäre erbärmlich…es war schon erbärmlich, dass Noé ihn so sah und bereits seit Tagen seinen lächerlichen Zustand mitbekam.
Das musste doch schrecklich sein. Wer tat sich sowas freiwillig an? Warum haute Noé nicht einfach ab?
Die Matratze knarzte, als Vanitas sich auf das Bett fallen ließ. Die Beine angezogen. Das Gesicht zur Wand. Schwer legte sich die Bettdecke über ihn. Als könnte er sich nicht alleine zudecken. Noé war wirklich…
Hoffentlich ließ er ihn in Ruhe. Es war schließlich mitten in der Nacht. Noé Schritte auf dem Parkettboden hallten in dem kleinen Zimmer wieder. Es hörte sich so an, als würde er im Kreis laufen. Vanitas hörte ihn murmeln. Was sollte denn das?
„Ich hab’s!“, rief Noé irgendwann, „Ich hole dir Tee! Dann geht es dir besser!“ Vanitas drehte seinen Kopf in Richtung Noé. „Brauch ich nicht! Ich bin Arzt und ich sag, du übertreibst!“, rief er noch. Aber seine Worte wurden von der zuknallenden Tür quittiert. Noé war wirklich…Vanitas drückte seinen dröhnenden Kopf in das Kissen. Noé hatte wohl wirklich vor, sich um ihn zu kümmern. Am liebsten wäre Vanitas abermals durch das Fenster gestiegen. Über die Dächer von Paris geklettert. Hoch oben, wo ihn niemand finden konnte. Dort hätte er ausgeharrt, bis es ihm wieder besserging. Doch seine Gliedmaßen fühlten sich viel zu schwer an, als dass er sie bewegen könnte. So, als hätte man seine Arme und Beine mit Sand gefüllt.
Sein Kopf rauschte.
Trotz seines Mantels und der Decke war ihm so kalt, dass er zitterte. So leicht würde er sich nicht ergeben…so leicht nicht…nicht noch einmal…Was, wenn er die Kontrolle verlor und im Fieber irgendetwas Komisches sagte oder tat?
Was, wenn er etwas sagte, was er nie irgendjemandem sagen wollte? Nein, er hatte nur etwas Fieber. Darüber würde er nicht die Kontrolle verlieren. Vanitas krümmte den Rücken und zog die Knie an.
Der Stoff seiner Kleidung rieb unangenehm an seiner Haut, alles kribbelte unangenehm. Als fasse ihn jemand an. Am ganzen Körper.
Aber er würde seine Kleidung nicht ausziehen. Um nicht eine Schicht. Auf keinen Fall. Vanitas blickte in den Raum.
Sah Noés gemachtes Bett.
Also hatte er auch noch nicht geschlafen. Doch die Nachttischlampe leuchtete matt und daneben lag ein aufgeschlagenes Buch. Am Fußende von Noés Bett hatte sich Murr, der weiße, selbst im Schlaf grimmig guckende Fellball eingerollt.
An der Seite des Raumes standen die Schränke.
Das Bild des Zimmers verschwamm vor Vanitas‘ Augen.

Schnelle Schritte hallten vom Flur in den Raum.
Noé? Schon?
Verdammt und er lag hier rum! So einen Anblick konnte er nicht bieten. Hastig stemmte Vanitas sich hoch, sein Ellenbogen knickte jedoch und beinahe wäre er wieder seitlings auf die Matratze gefallen. Sein Kopf hämmerte und einen Moment wusste er nicht, wo oben und unten war. Zischend zog Vanitas sich in eine einigermaßen sitzende Position.
Seine Arme und Beine fühlten sich viel zu weich an. Nichts wollte ihm gehorchen. Verdammte Scheiße. Ein Klacken. Die Türklinke.
Vanitas atmete auf, als er endlich saß, den harten, haltgebenden Kopfteil des Bettes an Kopf und Rücken spürte. Gerade noch rechtzeitig.
Hell quietschend öffnete sich die Tür.
„Da bin ich wieder“, keuchte Noé, vollkommen außer Atem. In der einen Hand hielt er eine bauchige Porzellantasse, dessen Inhalt sich halb über die Untertasse ergoss. In der anderen ein gläsernes Fieberthermometer.
„Es tat etwas gedauert“, erklärte Noé nach einer Atempause.
Von mir aus hätte er sich nicht so beeilen müssen…  
„Aha…“, machte Vanitas nur und als er sicher war, dass er nicht erschöpft klang, fügte an, „Du hast hoffentlich nicht das ganze Hotel aufgeweckt.“
Ein freudiges Lächeln breitete sich über Noés Gesicht aus.
„Nein, zum Glück nicht. Es ist zum Teil auch nachts besetzt und Amelia hat mir mit dem Tee geholfen!“ …und die Gäste? Egal.
Noé stellte die Tasse auf Vanitas Nachttisch. Dieser betrachtete die gelbliche, dampfende Flüssigkeit aus dem Augenwinkel.
Der Geruch von Kräutern umwehte ihn plötzlich. Stuhlbeine schabten über den Parkettboden und ehe Vanitas protestieren konnte, ließ sich Noé neben seinem Bett nieder und hielt ihm das Fieberthermometer vor das Gesicht.
„Mund auf“, sagte Noé. Vanitas verschränkte die Arme.
„Im ernst? So schlecht geht’s mir auch nicht! Mir geht’s gut.“
„Mund auf“, wiederholte Noé ernst, „oder ich schieb es dir so rein.“
„Du bist echt anstrengend“, knurrte Vanitas.
„Und du bist echt stur“, erwiderte Noé, „Na los, komm schon.“ Vanitas schnaubte.
„Eher hörst du eh nicht auf zu nerven, oder?“ Ein unschuldiges Lächeln stahl sich auf Noés Gesicht. „Da hast du wohl recht.“ Widerwillig öffnete Vanitas den Mund. Noé beugte sich vor und schob das kühle Metallröhrchen unter Vanitas‘ Zunge.
Mit aller Kraft versuchte er den Würgereiz zu unterdrücken, während Noé viel zu langsam bis sechzig zählte.
Dann zog Noé das Gerät heraus und prüfte die Temperatur. Auch Vanitas beugte sich vor, um zu erhaschen zu können, wie hoch das Quecksilber in dem Thermometer gestiegen war.
Doch so, wie Noé das Thermometer hielt konnte er nichts erkennen.
„38,5 Grad“, murmelte Noé und kratze sich am Kopf, „Das ist schlecht. Was machen wir denn jetzt?“ Am besten gar nichts… Noé jedoch war offenbar anderer Meinung. Die Ratlosigkeit in Noés Gesicht wandelte sich schlagartig zu einem hoffnungsvollen Lächeln.
„Stimmt ja, der Tee! Der hilft dir bestimmt. Das ist Kamillentee“, Noé legte das Thermometer beiseite, griff nach der Tasse und hielt sie Vanitas entgegen, „Der hilft dir bestimmt. Mir hat er auch immer geholfen. Wenn ich als Kind krank war, hat das ältere Ehepaar, bei dem ich aufgewachsen bin, auch immer welchen gemacht. Ich habe extra Amelia gefragt und war froh, dass hier auch welchen haben.“
Noé strahlte ihn an.
Vanitas nahm die Tasse entgegen und starrte in die halbdurchsichtige, stark riechende Flüssigkeit. Ob er sowas auch als Kind bekommen hatte? Von seinen Eltern…? Er konnte sich nicht erinnern. Überhaupt nicht. Hitze strahlte auf seine Hände ab. Doch seine Finger zitterten, als hielte er Eis umklammert. Wenn er zu lange brauchte, würde ihm die Tasse am Ende noch aus der Hand fallen. Vanitas legte die Lippen an den Porzellanrand und trank einen Schluck. Bitterer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Alles in ihm sträubte sich. „Und?“, fragte Noé erwartungsvoll. „Furchtbar“, murrte Vanitas und streckte die Zunge heraus.
Noé lachte leise auf. „Nicht wahr? So ging es mir auch“, sagte er fröhlich.
„Und du drehst mir so ein Zeug auch noch an?!“
„Es hat trotzdem immer geholfen. Also trink gut aus.“
„Vergiss es.“ Stur starrte Vanitas in die Tasse. Drückendes Schweigen. Vanitas nippte schließlich an der Tasse, noch einen weiteren Schluck. Noch einen. Von etwas bitterem Geschmack würde er sich nicht abhalten lassen. Außerdem spülte die Bitterkeit den schalen, faulen Geschmack in seinem Mund davon. Wärme breitete sich in seinem Mund aus. In seinem Hals. Seinem Bauch. Seinem Kopf. Sie überstrahlte fiebrige Hitze, die ihn von innen verbrannte, sich wie eine ölige Schicht auf seine Haut legte und seine Gedanken vernebelte.
Die Wärme war ganz anders, als das Fieber…Das Gefühl war fast das gleiche, welches er gespürt hatte, als Jeanne…
Vanitas starrte in die halbleere Tasse. Die Flüssigkeit schlug durch das Zittern seiner Hände leichte Ringe an der Oberfläche. Es war als blicke er in einen warmen, unendlich tiefen, klaren See, in den er langsam hineingezogen wurde. Mit einem Mal nahm Noé ihm die Tasse aus der Hand. Für einen Moment fixierte Vanitas nur die weiße Bettdecke und fragte sich, was gerade passiert war, wo der warme See, die Tasse, geblieben war. Scheiße, er war echt durcheinander. Alles nur wegen ein bisschen Fieber.
„Du solltest versuchen zu schlafen“, sprach Noé genau das aus, was er zu tun gedachte. Vanitas ließ den Kopf aufs Kissen fallen. Zu schnell. Reißender Schmerz. Farben explodierten vor seinen Augen. Abermals schob sich die Decke über seinen Körper.
Noé behandelte ihn, als wäre er ein kleines Kind…Durch das Farbengewirr hindurch sah Vanitas, wie Noé aufstand und in Richtung seines Bettes ging.
Also würde er sich nun auch schlafen legen. Doch Noé nahm lediglich sein Buch von dem Nachttisch und ließ er auf dem Stuhl nieder, welcher er neben Vanitas‘ Bett gerückt hatte.
„Mir geht’s gut. Du musst nicht danebensitzen“, murmelte Vanitas.
„Und wenn es dir plötzlich schlechter geht?“
„Ich kann aber nicht schlafen, wenn du mich beobachtest!“
„Deswegen lese ich ja!“ Wie zum Beweis hielt Noé sein Buch hoch. Vanitas erhaschte einen Blick auf den Einband. „Madame Bovary“ von Flaubert, was?
„Dann lies in deinem eigenen Bett!“
„Darum geht es aber nicht. Ich will wissen, wie es dir geht und für dich da sein, wenn es dir schlecht geht. Als Arzt kannst du das doch nachvollziehen, oder?“
Ja…als Arzt…aber dass sich Noé wirklich um ihn sorgte, seine ganze hartnäckige, anhängliche Fürsorge ihm gegenüber…das konnte er nicht nachvollziehen. Doch…das konnte er. In Gévaudan hatte er kaum an etwas anderes denken können.
Wie geht es Noé? Ist er am Leben? Geht es ihm gut?
Ich muss ihn finden. Ich darf keine Zeit verlieren. Warum er so gedacht hatte, wusste er selbst nicht, doch diese Gedanken hatten ihn, sein Wesen, sein Handeln, vollkommen eingenommen. Aber dass Noé sich gerade um jemanden wie ihn sorgte…
„Du nervst!“, fauchte Vanitas.
„Dann nerve ich halt.“ Noé zuckte nur gleichmütig mit den Schultern und schlug sein Buch auf.
„Ich find’s erschreckend, wie egal dir das ist.“
Noé antwortete nicht, sondern blätterte lediglich eine Seite um. Er hatte echt nicht vor, sich hier wegzubewegen, oder?
Vanitas seufzte. „Na schön“, murmelte er und drehte sich mit dem Gesicht zur Wand und schloss die Augen, „Aber weck mich nicht.“
„In Ordnung, erhol dich gut.“  

Vanitas hatte gehofft in einen tiefen Schlaf zu fallen. Doch seine Gedanken drehten sich in ihm. Sein Bett drehte sich unter ihm.
Ihm war heiß. So schrecklich heiß. Noé ist...Jeanne hat…Jeanne hat…Noé ist…
Die Gedankenbruchstücke rissen ab, wechselten sich ab, zogen ihn hinab. Doch nie tief genug, dass er das Bewusstsein verlor.
Noé hat…Jeanne ist…Ich bin…ich habe…
All diese Gedanken zerfetzten, ohne, dass je einer von ihnen Bedeutung bekam.
In seinen Ohren rauschte es. Ab und zu setze sich das Rascheln von umgeblätterten Buchseiten über das drückende Wummern hinweg. Wie lange wollte Noé noch bei ihm sitzen? Hatte er nicht irgendwann genug? Warum? Warum war Noé nur so? Dabei sagte Noé immer wieder, dass er ihn nicht leiden konnte. Daraufhin sagte er aber Dinge wie „ich finde dich als Person interessant“. Oder „ich bin froh, dass du so bist, wie du bist“. Für einen Moment saß Vanitas wieder auf dem Dach, spürte den sich hebenden Wind in seinen Haaren, sah Noé unter sich, wie er ihn anlächelte, sein Lächeln wie ein Sonnenaufgang nach einer mondlosen Nacht.
Ich bin froh, dass du so bist, wie du bist.
Ich bin froh, dass du so bist, wie du bist.
„Ich kann dich immer noch nicht leiden, aber…Ich bin froh, dass du so bist, wie du bist.“
Immer wieder echote der Satz in seinen Gedanken, hinterließ heiße Wellen.
Vanitas‘ Hals schnürte sich zusammen. Noé war so naiv. Sowas sagte man doch nicht zu jemandem, den man nicht mochte.
Auch, wenn du dich nicht leiden kannst und auch, wenn ich dich nicht leiden kann, du bist in Ordnung, so wie du bist. Es ist alles in Ordnung. So hallte Noés Stimme in seinem Kopf nach, dabei hatte er diese Worte nie gesagt.
Es war nichts in Ordnung. Überhaupt nichts.
Doch dass Noé ihn nicht mochte, war in Ordnung. Das war gut so. So war es am besten. Wenn er ihn nicht mochte, konnte er auch nicht aufhören, ihn zu mögen. Er konnte ihn nicht verlieren. Noé konnte bei ihm bleiben.
Trotzdem durfte er es nicht riskieren. Niemals würde er ihn sein Blut trinken lassen.
Während Noés Gift in seinen Körper strömte, würde Vanitas‘ Gift in Noés Seele fließen. Der Körper baute das Gift ab.
Der Geist nicht. Seine Erinnerungen würden ihn beschmutzen. Ein Tropfen Tinte in reines Wasser und die ganze Flüssigkeit wurde schwarz.
Aber nein, nein, Noé war stärker als das. Vermutlich würde er ihn lediglich hassen. Das war in Ordnung. Er mochte ihn ohnehin nicht, doch ganz gleich, ob Vanitas ihn beleidigte, sich von ihm distanzierte, ihn bedrohte: Er blieb immer an seiner Seite.
Vor ihrer Abreise nach Gévaudan hatte Noé auf seinem Bett gesessen, den Koffer auf dem Schoss.
Er hatte kein Wort gesprochen, doch sein Blick sagte „Sag, was du willst, ich komme mit, keine Widerrede“, „Da bist du ja, ich hatte schon Angst, du kommst nicht“ und „Tut mir Leid“. Doch nichts war unvergänglich.
Wenn Noé erfuhr, was für ein Mensch er war, wie verrottet sein Innerstes…Es gab es keinen Zweifel, dass...aber…wenn Noé sein Blut trinken würde…wie würde es sich anfühlen…würde es sich gut anfühlen…warm sein…so ähnlich wie bei Jeanne…?
Damals…als Jeanne das erste Mal sein Blut getrunken hatte…er hatte wissen wollen, wie es sich anfühlte…er hatte diese Leere nicht ertragen…diese Leere, die sich in ihn hineingefressen hatte, als er gemerkt hatte, wie Noé das Blut von Dominique trank und ihm mit einem Mal klar war, dass sie mehr trennte und Noé und Dominique mehr verband, als das Innen und Außen einer Kutsche. Es tat weh. Auch jetzt tat es noch weh.
Er hatte diesem Schmerz entgehen wollen, doch war in ihm ein neuer, heftiger, alles versengender Schmerz aufgeflammt. Jeanne…
Vanitas krallte seine Hand in das Bettlacken, als wolle er sich festhalten. Unter seiner Haut kribbelte es. Unzählige Würmer wimmelten in ihm und zerfraßen sich durch sein verrottendes Fleisch. Die umblätternden Seiten waren wie das Ticken einer Uhr. Noé hatte wohl wirklich nicht vor, ins Bett zu gehen…Er blieb einfach an seiner Seite.
Wie schaffte er das? Woher nahm er diese Kraft? Sich zu um andere zu sorgen. Derartige Dinge zu anderen zu sagen? Derartig ehrlich zu lächeln. Jeannes Lächeln blitze in seinem Geist auf. Sein Herz zog sich zusammen.
Noé…Jeanne…beide hatte schreckliches durchgemacht und derartig gelitten…Schließlich hatte Noé seine Eltern verloren. War eine Waise wie er selbst. Vanitas wusste noch, wie überrascht er gewesen war… Und wer wusste, was Noé noch alles durchgemacht hatte. Personen mit starkem Gerechtigkeitssinn hatten es nie leicht und Noés Sinn für Gerechtigkeit war wirklich beeindruckend. Vermutlich hatte er öfters großes Unrecht erfahren. Und Jeanne war in die Rolle einer Jägerin ihrer eigenen Art gezwungen worden, welche sie mit berüchtigter Gnadenlosigkeit ausgeführt hatte. Angeblich. Chloé hatte sie retten wollen. Die Geschichten und Gerüchte über Jeannes Grausamkeit und Schönheit hatten ihre Güte und Freundlichkeit ausgelassen. Und ihr Lächeln.  
Noé und Jeanne hatten schlimmes durchgemacht und doch konnten sie auf diese Art und Weise lächeln. Sie konnten ihn anlächeln. Demjenigen, der es am wenigsten verdiente und dem ein derartiges Lächeln nie vergönnt sein würde. Es war nicht so, dass er sein Lachen fälschte oder keine Freude spürte.
Es war vielmehr ursprünglich eine Maske gewesen, die irgendwann mit seiner Haut verwuchs und Teil seines Organismus‘ wurde.
Eine praktische Maske. Keine Fälschung und doch zweckdienlich, wenn es darum ging, das Innere zu verbergen. Jeannes Lächeln… Noés Lächeln…Warum konnte er das nicht? War er bereits zu kaputt? Unrettbar verloren?
Dass ausgerechnet ihm echtes, unverfälschtes Lächeln geschenkt wurde. Was dachten sich Noé und Jeanne dabei?
Das war doch widerlich. Einfach widerlich.
Er ertrug das alles nicht länger.

Vanitas spürte, wie er die Decke umschlug. Trotz der Kälte, die seinen Körper selbst durch die Kleidung umfing, setzte er sich auf.
„Was ist los?“, hörte er Noé fragen, doch Vanitas sah ihn nicht an. Er konnte nicht. Er wollte die Sorge in seinem Blick nicht sehen, die allein in seiner Stimme schon unerträglich war. Die Matratze quietschte leise, als er sich erhob.
Er hörte seine Schritte auf dem harten Boden wiederhallen. Und doch war es, als sinke er mit den Füßen in losen Sand ein.
Er schwankte. Im schwachen Licht konnte er kaum sehen und doch war der Schein der Nachttischlampe stark genug, um die Sterne dieser mondlosen Nacht zu überstrahlen. Auch der Fensterrahmen zeichnete sich nur schwach ab.
So war es, als taumelte er auf einen schwarzen Abgrund zu.    
„Hey, Vanitas! Was ist denn?“, drang Noés aufgeregte Stimme zu ihm durch, „Was hast du? Musst du ins Bad? Ist dir schlecht?“
„Ich gehe…“, murmelte Vanitas.
„Hä? Was? Spinnst du? In deinem Zustand?“ Stuhlbeine, die über den Holzboden schabten. Schritte.
„Komm bloß nicht zu nahe…“ Ob Noé ihn gehört hatte? Er konnte die Zunge kaum heben.
Die Schritte erstarben. Noés Stimme jedoch nicht. „Vanitas! Was ist denn los, verdammt? Du bleibst hier! Als ob ich zulassen würde, dass du so durch die Dunkelheit stolperst! Wohin willst du überhaupt?“
„Mir egal. Ich will nicht mehr.“ Seltsam, wie er sich selbst kaum verstehen konnte. Endlich hatte er das andere Ende des Zimmers erreicht. Er stützte sich an der Fensterbank ab, lehnte die glühende Stirn gegen das kalte Fensterglas.
„Was willst du nicht mehr? Rede doch mit mir! Ich lasse nicht zu, dass du in deinem Zustand verschwindest. Ich kann dir nur helfen, wenn du mit mir redest.“ Die Schritte kamen näher. Komm nicht näher. Bleib weg. Bitte.
„Ich will deine Hilfe nicht! Ich ertrage das nicht mehr. Ich will keine Hilfe. Ich habe nie danach gefragt“, Vanitas‘ Hände bebten, „Dass du bei mir sitzt. Dass du dich um mich kümmerst. Ich will das nicht.“
„Habe ich etwas falsch gemacht?“, fragte Noé, die Stimme ganz ruhig.
„Nein!“, presste Vanitas hervor, lauter, als er wollte. Verdammt…er hätte Noé bestätigen sollen. Dann hätte er ihn bestimmt in Ruhe gelassen…wenn er nur klarer denken könnte… „Aber…“, setzte Vanitas erneut an, senkte den Kopf, spannte die Schultern an. Wie merkwürdig seine Stimme klang. Schrie er etwa? „Aber...“ Was…hatte er noch einmal sagen wollen…?
„Aber…du glaubst, du hast es nicht verdient, dass man sich um dich kümmert?“ Noés Stimme war ruhig und warm. Roter Samt. Seine Worte schneidend wie das Messer, welches darin eingehüllt war. Die Klinge durchtrennte die Fesseln und für einen Moment glaubte Vanitas, frei zu sein. Zu fallen.
Er hörte sich selbst heiser lachen.
„Ja genau! Genau, Noé! Wie sollte ich auch?“ Er wirbelte herum, um Noé in die Augen zu sehen. Doch Noé war nur ein undeutlicher Schemen in schwelender, sich auflösender Dunkelheit. „Wie sollte ich denn verdienen? Sieh mich doch an!“, Vanitas machte eine ausladende Handbewegung. Mit der anderen Hand, versuchte er sich irgendwo festzuhalten. An sich selbst festzuhalten, schließlich fand seine Hand die Schleife um seinen Hals. Er krallte die Finger in den Stoff.
„Sieh doch hin, Noé!“
„Ich sehe nichts“, sagte Noé ruhig, „zumindest nicht das, von dem du denkst, was ich sehen sollte.“ Hitze stieg in Vanitas auf. Wie konnte Noé so ruhig bleiben, während es ihn im Innern zerfraß? Rasselnd holte Vanitas Luft, er hustete.  

„Du kapierst es einfach nicht, Noé!“, spie er ihm entgegen, „Du und Jeanne! Mit euch stimmt doch etwas nicht! Wie ihr mich anlächelt...was ihr zu mir sagt! Was ihr tut! Ich ertrage das nicht! Es kotzt mich einfach nur an!“
Aber ich möchte mehr davon sehen.
Mehr davon hören.
Selbst wenn das, was ihr sagt, nicht stimmt. Ich will es hören. Ich will hören, dass ich in Ordnung bin. Sag noch einmal, dass ich so gut bin, wie ich bin. Sag, dass du froh bist. Dass du froh bist, mich als Vampirarzt, mich als mich selbst getroffen zu haben.
„Dieses Kribbeln im Bauch. Dieses Ziehen in der Brust! Diese komische Leichtigkeit! Das ist doch falsch! Das ist doch falsch für mich! Ich will nicht umgeschrieben werden! Ich will ich bleiben!“

Ich habe Angst. Ich will "ich" bleiben. Vanitas' Markierung wird mir schon mein Selbst nehmen. Ich will nicht auch noch von Innen umgeschrieben werden. Ich will "ich" bleiben - selbst wenn ich dieses "ich" nicht ertrage.

„Ich kann Jeanne nicht helfen, aber ich verspreche ihr, sie zu töten, sollte es keinen anderen Ausweg geben! Das ist doch widerwärtig! Allein jetzt! Du willst mir helfen und ich schreie dich nur an! Das ist doch einfach ekelhaft! Ich...“

Ich hasse Menschen und Vampire gleichermaßen.
Menschen und Vampire hassen mich.
Deswegen werde ich nichts anderes als Hass zu spüren oder zu spüren bekommen. Ich habe es nicht anders verdient.
Ich habe viele hassenswerte Dinge getan.
Überlebt, wenn ich sterben sollte. Als meine Eltern von dem Vampir getötet wurden, habe ich überlebt. Obwohl Moreau unzählige Male meinen Körper zerfetzt hat und mein Blut in Strömen über den Operationstisch auf den Boden gelaufen ist, habe ich überlebt. Während so viele anderen Kindern die Gliedmaßen abgetrennt wurden, ihnen Injektionen gegeben und ihr Innerstes durchwühlt wurde - habe ich als einer der wenigen überlebt. War sein "Liebling". Dass ich nicht gestorben bin, hat sich irgendwann so angefühlt, als hätte ich mit ihm gemeinsame Sache gemacht. Die anderen habe ich mit meinem Überleben verraten und ihn zu weiteren Forschungen angestiftet. Es sind so viele gestorben und ich habe überlebt. Vanitas hat mich und Mikhail aus der Hölle gerettet und für Mikhail war es das Paradies.
Das trügerische Paradies, das ich verbrannt habe und Vanitas und Mikhail gleich mit. Verzeih mir Mikhail. Verzeih mir.
Es tut mir Leid. Es tut mir Leid. Es tut mir Leid.
Für Moreau war ich nur eine Nummer…ich will keine Nummer mehr sein. Noé hat gesagt, dass Menschen keine Nummern sind und er hat mich gemeint. Er hat in mir einen Menschen gesehen. Er war auch nicht einmal angeekelt von mir, als er von den Experimenten erfahren. Stattdessen war er von Moreau angewidert. Nicht von mir.
Ich will kein Werkzeug mehr sein. Nicht für die Kirche als Chausseur. Nicht für Moreau. Nicht für Vanitas. Wenn, dann wird ‚das Buch des Vanitas‘ mein Werkzeug sein und ich werde es für nur meine Ziele benutzen. Ich werde nur das tun, was ich will!
Nur für mich alleine. Ich brauche keine anderen. Selbst dass ich Vampiren rette, ist nicht mehr als egoistische Rache.
Es ist besser sie hassen mich und ich hasse sie.
So sollte es sein. So ist es logisch. So ist es einfach.
Aber das hier...das ergibt überhaupt keinen Sinn! Das passt nicht! Und doch seid ihr unverrückbar. Es fühlt sich an, als würde ich auseinanderbrechen und ich kann mich nicht zusammenhalten. Was soll ich jetzt tun...? Was soll ich tun…?

„Ich weiß nicht, was ich machen soll...Eure Freundlichkeit...euer Lächeln...ihr geht damit so sorglos um...als wäre jemand wie ich je in der Lage...“
Jemand wie ich. Ein herzloser Egoist. Ein arroganter Heuchler. Ein lügender Feigling.
„…als wäre so jemand wie ich…in der Lage…euch je etwas davon zurückzugeben...“

Vanitas wusste nicht, welchen Teil davon er laut gesagt hatte und welchen Teil er nur gedacht hatte. In seinem faul schmeckenden Mund wimmelten unzählige der Würmer. Krochen aus seinem Hals, aus seiner Wangeninnenseite, aus seinem Zahnfleisch. Mit jedem Satz hatte er einen Schwall von ihnen vor Noés Füße erbrochen. Das Gewürm wandte sich in seinem eigenen Schleim auf dem Boden.
Er wusste auch nicht, ob Noé die ganze Zeit stumm zugehörte oder ob er seine Stimme über das schreckliche Rauschen und den Echos von Moreau, Mikhails und Vanitas' Stimmen nicht wahrgenommen hatte.
Echo und Lärm vermischten in seinem Kopf und vernichteten jeden Gedanken. Er wusste nicht, ob Noé überhaupt noch da war.
Seine Sicht war längst so verschwommen, dass er nur einen diffusen hellen Fleck als Schein der Nachttischlampe erkennen konnte. Der Rest war Schwärze. Er atmete rasselnd. Kalter Schweiß rann über seine Stirn. Kalt. Ihm war so kalt. Als läge er abermals im tiefen Schnee an einem Baum gelehnt, nicht in der Lage, sich zu bewegen.
Um ihn herum nur schreckliche Kälte, eisige Wüste und diesmal war niemand, niemand da.
Es war als sinke sein Körper in einen bodenlosen, schwarzen See, in den kein Geräusch vordrang. Alles drehte sich, er wusste nicht mehr, wo unten oder oben war. Als wäre er in einer sich drehenden Sanduhr gefangen.
Wurde in einem Moment von dem Sand ohne jeden Halt mit in die Tiefe gesaugt. Im nächsten Moment saß er auf dem Boden der Uhr, der Sand ergoss sich gnadenlos über ihm aus und begrub ihn, so sehr er versuchte, sich an die Oberfläche zu kämpfen. Aber allein der ruhige Klang seiner Stimme...als wäre alles – trotz allem – in Ordnung. Plötzlich spürte er ein sachtes Streichen an seiner glühenden, empfindlichen Haut. Lange weiße Haare streichelten seine nasse Wange, klebten an seinem Gesicht wie Spinnenweben.
Eine kalte Hand griff nach seinem Herzen.
Seine Augen weiteten sich.
„Mein armer, lieber Kleiner, dass du dich so quälen musst. Du bist allein, aber nicht einsam. Ich habe dich doch so lieb. Trotz allem. Ich verzeihe dir.“
Diese Stimme…diese Stimme. Sie sagte einen Namen. Seinen Namen. Nicht den Namen, der in Wahrheit dieser Stimme gehörte. Nicht ‚Vanitas‘. Nein, sie nannte ihm bei seinem wahren Namen...Sie nannte ihn…
„Bleib weg! Bleib weg von mir!“
Er taumelte nach hinten, spürte das Fensterbrett hart in seinem Rücken. Seine Beine gaben nach. Er sank zu Boden.
Seine Knie trafen auf das Holzparkett, sein Oberkörper sackte nach vorne. Arme schlangen sich um ihn, drückte ihn an sich.
„Nein! Lass mich los! Lass mich los!“, schrie Vanitas. Verzweifelt versuchte er, sich aus den fremden Armen zu winden. Schlug um sich. Versuchte sich loszureißen.
„Nein! Ich will nicht!“ Nur am Rande nahm er eine ruhige Stimme wahr.
„Du brauchst keine Angst haben.“
„Ich habe keine Angst!“ Er hasste alles an seiner Stimme, wenn es überhaupt seine eigene war. Dass sie viel zu hoch war, dass sie so brüchig klang bis hin zu der Tatsache, wie verdammt voller Angst sie klang.
„Es ist alles gut. Alles gut. Ich bin’s doch.“
„Lass mich los!“
„Sieh mich an“, man griff ihn sanft an den Schultern und zog ihn leicht nach hinten. Er hatte keine Kraft mehr, sich zu wehren.
„Sieh mich an.“
Vanitas blinzelte gegen die Dunkelheit und die tanzenden Schemen an. Nur langsam zeichneten sich Gesichtszüge ab.
„Vanitas“, flüsterte die Stimme, „Es ist alles gut. Niemand will dir wehtun.“
Noés Gesicht. Noés Stimme. ‚Vanitas‘. Noé sprach mit ihm. Sein Name. Es war sein Name. „Noé…“, brachte er hervor. Ein erbärmliches Wimmern. Dann kippte er nach vorne. Spürte noch, wie Noé seine Arme abermals um ihn schlang, wie er mit der Stirn auf Noés Schlüsselbein lag. Wie sein ganzer Körper unkontrolliert zitterte. Wie er sich seine bebenden Hände hilfesuchend in den Stoff fremder Kleidung krallten.
Nein! Lass los! Lass los!
Sein Herzschlag hallte durch seinen zitternden Körper wie dumpfe Trommelschläge.
An  seinem Ohr pochte sanft ein ruhiger Pulsschlag, der nicht sein eigener, wild schlagender war.
Lass los.
Denk nicht, dass ich schwach bin.
Sieh nicht, dass ich schwach bin.
Keuchend schnappte Vanitas nach Luft. Seine Augen brannten und tränten, als hätte jemand Säure hineingeträufelt. Ihm war kalt. So schrecklich kalt. Gleichzeitig wallte unerträgliche Hitze in ihm auf. Wie kühlendes, klares Wasser floss Noés Umarmung in ihn hinein. Und doch war Noé warm. So schön warm…
Mit aller Kraft krallte Vanitas in Noés Kleidung fest. Trotz der pochenden Schmerzen versuchte Vanitas, den bleiernen Kopf zu heben. Er biss die Zähne zusammen. Bald hatte er es geschafft. Nur ein wenig mehr.
Nur kurz. Dann spürte er es. Noés Haare streichelten seine Wange. Sanft, leicht kitzelnd.
Das Kribbeln sank tief und warm in seine Haut ein. Tiefer und so viel wärmer, als die Berührung von Vanitas’ Haaren in seinem Gesicht. Geschafft…er hatte es geschafft...die Empfindung zu überschreiben.
Sämtliche Kraft, die ihn dazu gebracht hatte, den Kopf zu heben, wich von ihm. Er sackte zusammen, sank mit dem Kopf wieder auf Noés Schulter. Noés Körper vibrierte, als sagte er etwas. Vanitas verstand nicht, doch die Vibration floss als angenehmes Prickeln auf ihn über. Noés Arme schlangen sich enger um ihn.
Mit einem Mal spürte Vanitas, wie Noé durch sein Haar fuhr. Sanft, vorsichtig. Er wollte sich in Noés Wärme sinken lassen.
Wie ein scharfkantiger Stein in klaren, warmen Wasser. Ja, sich einfach in ihm sinken lassen.
Nein, lass nicht los. Halte mich fest. Lass mich festhalten.
Nur für einen Moment.

Etwas lag auf seiner Stirn. Kühl. Weich. Schwer.
Ihm war, als überzöge eine dünne, langsam tauende Schichte Eiskristalle sein Bewusstsein. Eine Bettdecke, es musste eine Bettdecke sein, umfing ihn warm und drückend. Dennoch fühlte er sich seltsam leicht.
Flatternd öffnete Vanitas die Lider. Hastig kniff er sie wieder zu, seine Augen tränten unweigerlich. So hell.
War es bereits Tag? Wie lange hatte er geschlafen?
Abermals versuchte Vanitas, die Augen zu öffnen. Blinzelte mit aller Kraft gegen das helle Licht an. Schließlich gelang es ihm, die Lider zu offenzuhalten. Stumm starrte er an Zimmerdecke. Spüren tat er seinen Körper kaum. Als wäre nicht nur sein Geist, sondern auch sein Körper von Eisblumen überzogen. Hinter seinen Schläfen pochte es. Was…was war überhaupt passiert…? Richtig…er hatte gehen wollen…er hatte es nicht mehr ertragen…Seine eigenen Worte und Gedanken echoten in seinem Geist.
All das schien ihm wie ein Albtraum. Vielleicht war es auch ein Albtraum gewesen.
Dann hätte er all diese Dinge nicht zu Noé gesagt. Vanitas wusste nicht, was davon seine Gedanken und was seine wirklichen Worte gewesen waren.
Als hätte er sich vollkommen aufgelöst und keine mehr Grenze mehr gegeben zwischen seinem „Selbst“ und dem „Anderen“.
Wenn er Noé nur einen Bruchteil von diesem „Selbst“ gezeigt hatte, dann… Ein leises Atmen drang an sein Ohr.
Vanitas neigte den dröhnenden Kopf zur Seite. Er blinzelte, als er Noés Gesicht unmittelbar vor sich hatte. Noé hatte die Augen geschlossen, sein Oberkörper hob und senkte sich gleichmäßig. Er musste im Sitzen eingeschlafen sein. Halb mit dem Oberkörper lag er auf der Matratze. Einen Arm hatte er angewinkelt und seinen Kopf darauf gebettet. Den anderen Arm hielt er ausgestreckt. Vanitas zuckte innerlich zusammen, als er erkannte, wie sich sein eigener Arm unter der Bettdecke hervorschaute und eben seine Hand sich in den weißen Stoff von Noés Ärmel verkrallt hatte.  Zumindest glaubte Vanitas, dass er sich an Noé geklammert hatte, denn nun lag die Hand nur noch schlaff um Noés Unterarm.  
Erinnerungen an die wärmende Umarmung stiegen in ihm auf. Hitze kroch in seine Wangen. Vorsichtig, ganz vorsichtig ließ er von Noé ab.
Am liebsten hätte er sich gleich losgerissen…aber…Er wollte ihn nicht wecken.
Wenn Noé wach war, dann… Vanitas stemmte die Handflächen gegen die Matratze, zog sich mit aller Kraft hoch, bis er mit dem Rücken gegen das Kopfende lehnte. Dabei rutschte ihm das schwere, kalte Etwas von der Stirn und fiel als feuchter Waschlappen auf die Bettdecke. Er schnappte nach Luft. Kämpfte gegen den Schwindel an. Seine Arme zitterten. Scharf sog er die Luft an. Verdammt…verdammt… Vanitas sah an sich hinab. Jemand hatte ihn umgezogen. Er trug ein weißes, weites Nachthemd.
Die obersten zwei Knöpfe waren geöffnet und entblößten seine blasse, vor Schweiß feucht glänzende Haut.
Mit zitternden Fingern machte sich Noé daran, die Knöpfe zu schließen. Immer wieder rutschten sie ihm weg und am Ende dauerte es viel zu lange, bis das Hemd geschlossen war.
Zumindest war er nicht nackt aufgewacht.
Das war zumindest ein Vorteil im Vergleich zur der Situation…mit Jeanne. In seinem Bauch zog es heiß. Er war noch immer nicht ganz gesund.
Vanitas zog die unter der Decke liegenden Knie an und bette seine Stirn darauf. Er presste die Lippen aufeinander. Bestimmt hatte Noé sie gesehen.
Seine Narben. Doch spielte das bei dem, was er in der Nacht vielleicht gesagt hatte, noch eine Rolle?
Narben hatte Noé ohnehin gesehen.
Vanitas neigte den Kopf und sah Noé an, wie er mit geschlossenen Augen dalag. Er hatte sich nicht ernsthaft die ganze Nacht um ihn gekümmert, oder? Auf dem Nachttisch stand eine metallene Waschschüssel, über dessen Rand verschiedene, feuchte Lappen hingen.
Daneben Noés Buch, aus dessen Mitte in Lesezeichen ragte. Vanitas hob den Blick. Auf dem Tisch mehrere Schritte entfernt war ein dickes Buch mit schwerem Einband aufgeschlagen. Eines seiner Medizinbücher.
Auf dem Stuhl neben dem Tisch lagen ordentlich gefaltet seine Kleider, davor standen seine Stiefel, über die Lehne hing sein Mantel. Seine Handschuhe trug er noch. Die hatte Noé ihm nicht ausgezogen. Zum Glück.
Noé wäre sicher auch aufgefallen, dass es sich ausgebreitet hatte. Er wollte keine Fragen. Zu nichts. Aber Noé würde Fragen stellen, wenn er aufwachte.
Er würde sein Mitleid verkünden. Ihm sagen, dass das alles, was Vanitas über sich gesagt hatte, nicht stimmte.
Dabei wusste Noé nichts, überhaupt nichts.

Plötzlichen hallten Schritte auf dem Flur, welche vor ihrem Zimmer zum Erliegen kamen. Ein sachtes Klopfen.
Verdammt, wer störte denn jetzt?!
Langsam öffnete sich die Tür. Vanitas hob den Kopf. „Oh Monsieur Vanitas! Wie schön, dass es Ihnen besser geht“, eine sanfte Stimme. Falten eines Kleides.  
Ein warmes Lächeln. Vanitas‘ Herz begann zu hämmern. Jeanne? Nein! Er hatte sich getäuscht. Erleichtert atmete er aus. Amelia stand in der Tür und trat nach einer kurzen Verbeugung ein. Warum war sie hier…? „Monsieur Noé hatte mir gesagt, dass Sie erkrankt sind“, erklärte Amelia, „Ich habe ihm das Fieberthermometer den Tee gegeben und gehofft, dass es Ihnen wieder bessergehen wird.
Doch später kam Monsieur Noé sehr aufgeregt zu mir und hat gesagt, Ihr Zustand habe sich stark verschlechtert. In der Taten hatten Sie sehr hohes Fieber.“ Hoffentlich hatte Noé in seiner Aufregung nicht das ganze Hotel geweckt…Schlimm genug, dass Amelia davon mitbekommen hatte. Ihn so gesehen hatte. „Ich habe leider nicht viel tun können, verzeihen Sie. Ich habe Monsieur Noé lediglich geholfen, das kalte Wasser und die Tücher hierherzutragen und ich habe regelmäßig nach Ihnen geschaut.“ Amelia sprach betont leise, wohl um Noé nicht zu wecken. Vanitas presste die Lippen aufeinander.
„Das hättest du nicht tun müssen“, murmelte er, seine Zunge war seltsam taub und schwer, „Die ganze Arbeit…du hattest sicher genug zu tun und dann mitten in der Nacht.“
Amelia lächelte nur sanft. „Aber nicht doch. Ich habe das sehr gerne getan. Ich stehe schließlich tief in Ihrer Schuld. Sie haben sich um meine Krankheit gekümmert, ich bin froh, dass ich mich um Ihre Krankheit kümmern konnte. Auch wenn das natürlich kein Vergleich ist. Sie haben mich nicht nur von meiner Krankheit gerettet, sondern auch vor eine Verurteilung. Ich bin froh, wenn ich Ihnen Ihre Selbstlosigkeit zumindest ein wenig zurückgeben kann.“
Selbstlosigkeit…?
Vanitas starrte an Amelia vorbei, gegen die Wand.
„Ich möchte keine Gegenleistung.“
„Aber ich bin Ihnen trotzdem über alles dankbar und froh, dass es Ihnen wieder bessergeht. Ich möchte Sie auch nicht länger stören und bitte ruhen Sie sich gut aus“, sie verbeugte sich abermals, ging in Richtung Tür.
„Übrigens“, flüsterte sie noch, „Sie können ruhig Monsieur Noé wecken, er wird sich sehr freuen.“ Die Tür schloss sich.
Vanitas‘ Kopf rauschte.
Er hatte zwar geantwortet und jedes Wort verstanden. Aber trotzdem war das Gespräch vollkommen an ihm vorbeigeflossen.
Seltsam…wirklich seltsam, wie leicht andere Dankbarkeit zeigen konnten.
„Ich will keine Gegenleistung“ war dagegen alles, was er herausgebracht hatte. Vanitas neigte den Kopf und betrachtete Noé, der unbeeindruckt von Amelias Anwesenheit ruhig weitergeschlafen hatte. Was sollte er Noé nur sagen?
Würde er sich überhaupt tatsächlich freuen, bei all dem, was er möglicherweise von sich gegeben hatte?
Verdammt…Am liebsten wäre er aus dem Fenster geklettert und hätte sich auf das Dach gerettet. Schmerzhaftes Beißen breitete sich in seinem Bauch aus. Am einfachsten tat er so, als wäre nichts passiert.
Das wäre das Beste. Das hatte bei Jeanne schließlich auch funktioniert. Dann würde Noé das alles vielleicht, hoffentlich, irgendwann vergessen.
Vorsichtig beugte sich Vanitas zu Noé vor. Für einen Moment strich mit den Fingerspitzen sanft gegen Noés weißes Haar, das über seine Stirn hing.
Dann schnippte er ihm gegen die Stirn.

Sofort schlug Noé die Augen auf. Verdutzt blinzelte er einige Male, sah dann nicht weniger verdutzt zu Vanitas auf. Verschlafen und verwirrt rieb er sich die Stirn.
„Morgen, Noé!“, begrüßte ihn Vanitas mit einem breiten Grinsen. Langsam kehrte das Bewusstsein in Noés verschlafenen Blick zurück. Seine Augen weiteten und sein Mund öffnete sich. Hastig fuhr er mit Oberkörper auf. Murr, welcher scheinbar auf Noés Schoß geschlafen hatte, sprang ihm erschrocken und mit protestierendem Miauen von den Oberschenkeln.  
„Oh dir geht es wieder gut! Ein Glück“, rief Noé. Vanitas legte den Kopf schief und lächelte. „Na klar. War halb so schli-“
Bevor er aussprechen konnte, fiel Noé ihm ins Wort.
„Hast du Kopfschmerzen?“, fragte er.
„Nein.“ Nur ein bisschen.
„Ist dir schlecht?“
„Nö.“ Nur wenn ich daran denke, was gestern Nacht passiert ist.
„Ist dir kalt? Ist dir heiß? Schüttelfrost hast du nicht mehr. Hast du ein Schwindelgefühl? Verschwommene Sicht? Trockener Hals? Kopf- oder Gliederschmerzen? Du kannst mich hören, ja? Hm, Pupillengröße scheint normal zu sein. Fühlst du dich sonst irgendwie seltsam? Hast du Durst? Hunger? Brauchst du irgendwas?“ Noés Stimme überschlug sich förmlich, während er die Symptome herunterratterte. Vanitas seufzte innerlich. Was für einen Anblick musste er gestern Nacht abgegeben haben?
„Nein und jetzt komm mal runter.“
Jedoch statt runterzukommen drückte Noé ihm seine Hand auf die Stirn.
„Ey!“, protestierte Vanitas, doch sein Protest schien einfach an Noé vorbeizufließen.
„Hmm“, murmelte Noé und sah ihn ernst an, „Fieber hast du trotzdem noch.“
„Ist doch egal, mir geht’s gut.“ Vanitas verschränkte die Arme, neigte den Kopf zur Seite, in der Hoffnung, sich Noés stechendem Blick und der Hand auf der Stirn entziehen zu können. Vergeblich. „Das hast du gestern auch gesagt! Und was war das Ende vom Lied? 40 Grad Fieber!“
„Du hast gesagt, es sind irgendwie 38 Grad“, murrte Vanitas.
„Da ist es ja auch noch nicht schlimmer geworden! Hör zu, das war echt nicht lustig!“
„Ich lach ja auch nicht.“
„Vanitas!“
„Was denn?“
„Ich habe dir noch gesagt, du wirst krank, wenn du kaum isst und nur draußen rumsitzt!“
„Ist das jetzt etwa meine Schuld, dass ich krank geworden bin?“
„Nein, ich sag nur, pass in Zukunft besser auf dich auf!“
Dann murmelte Noé leise, mehr für sich als zu Vanitas: „Vielleicht war eine Decke nicht genug…und ich hätte vermutlich früher…“
„Ich kann allein auf mich aufpassen!“, protestierte Vanitas.
Er war schließlich immer alleine gewesen.
Mit anderen hatte er nur zusammengearbeitet, wenn es nötig war. Vanitas griff nach Noés Hand, die aus irgendeinem Grund noch immer auf seiner Stirn lag, um sie wegzuzerren und verhakte Noés Finger mit den seinigen.
„Oh ja, das sehe ich, du passt wunderbar auf dich auf!“, warf Noé ein.
„Pass erstmal selbst auf dich auf, bevor du auf andere zeigst“, murrte Vanitas, „So wie ich dich kenne, warst du die ganze Nacht auf.“
Noé lächelte ihn an, beinahe triumphierend oder stolz auf sich selbst. „Schon gut, ich habe ja gerade geschlafen.“
„Das hättest du nicht tun müssen…“
„Stimmt, dann hättest du mir nicht gegen die Stirn geschnipst.“
„Ich meinte das andere.“
„Vielleicht nicht, aber ich wollte es tun!“, rief Noé, „Ich wollte es – nicht mehr und nicht weniger! Ich wollte dich in diesem Zustand nicht alleine lassen!“ Vanitas schwieg. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er seine Finger noch immer in Noés verhakt hatte und Noés Hand immer noch warm und schwer auf seiner Stirn lag. Er schlug die Augen nieder. Er sollte loslassen. Verdammt, er hatte Noés Hand fortreißen wollen.
Aber… Noés Berührung war irgendwie…schön warm…
„Oh ja, richtig“, Noé wandte sich in Richtung Nachttisch. Dabei ließ er von Vanitas Stirn ab, löste ihrer beiden Finger voneinander. Mit einem Mal fühlte sich Vanitas seltsam nackt, nur schwer widerstand er dem Drang, sich gegen die Stirn zu fassen, um den Nachhall von Noés Berührung einzufangen. Noé griff nach einer kleinen, dunklen Flasche und einem Löffel, die auf der Ablagefläche neben seinem Buch lagen.
„Amelia hat mir das gegeben, ich soll dir einen Löffel von der Medizin geben, wenn du wieder aufwachst. Sie hat mir übrigens geholfen, sich um dich zu kümmern.“
Vanitas nickte. „Ich weiß. Sie war gerade da.“ Noé lächelte, nebenbei machte er sich daran, den Verschluss des Fläschchens zu öffnen.
„Ich verstehe, bist du denn schon länger wach?“
„Nein, überhaupt nicht“, murmelte Vanitas und beobachtete, wie dunkelbraune Flüssigkeit Tropfen für Tropfen auf den Löffel fiel, lauschte dem Gluckern der Luft in der Flasche.
„So! Mund auf!“, mit einem Grinsen, dass Vanitas überhaupt nicht gefallen wollte, hielt Noé ihm den Löffel hin. Scharfer, alkoholischer Geruch wehte ihm in die Nase.
„Vergiss es! Wenn du schon so guckst! Außerdem kann ich den Löffel alleine halten.“
Noé schien jedoch nicht daran zu denken, ihn zu überreichen. Zumindest deutete nichts daraufhin, vielmehr hielt er ihm den Löffel noch energischer entgegen.
„Stell dir einfach vor, es ist der Kamillentee von gestern“, Noé lächelte und brachte den Löffel in gefährliche Nähe zu Vanitas Mund.
„Spinnst du? Der war furchtbar! Hast du selbst gesagt.“
„Der ist aber bestimmt nicht so furchtbar, wie das. Du wirst die Medizin sicher hassen und einen riesigen Aufstand machen.“
Pah, als Arzt würde er doch etwas Medizin vertragen können.
„Ich kann das schon ab. Jetzt red nicht drumherum und mach schon!“ Vanitas öffnete den Mund einen Spalt und Noé schob ihm den Löffel zwischen die Lippen. Die Medizin berührte seine Zunge und es war, als brenne sie ein Loch hinein.
Gleichzeitig füllte ein grässlich, bitterer Geschmack seinen gesamten Mundraum. Ihm stellten sich die Nackenhaare auf. Mit aller Kraft kämpfte er gegen den Drang an, das Höllenzeug gleich wieder auszuspucken. Hustend schluckte Vanitas die Medizin herunter. Er spürte förmlich, wie sie sich eine heiße Spur durch seinen Hals bahnte.
„Na also, geht doch!“ Zufrieden schloss Noé die Augen und lächelte.
„Das war wirklich schrecklich. Und davon soll ich mich besser fühlen?“, ächzte er und schüttelte sich. Noé lachte. Hell. Warm. Gelöst.
„Das ist nicht witzig“, wollte er empört sagen, doch stattdessen prustete er diese Worte selbst lachend heraus.
Aber er schaffte es noch, Noé sanft in den Oberarm zu boxen.
„Du lachst ja selbst“, erwiderte Noé.
„Weil du angefangen hast!“, brachte Vanitas hervor. Oder gab es einen anderen Grund? Nein, es war einfach so passiert. So schnell, dass er es nicht kontrollieren, geschweige denn inszenieren konnte. Dieses so grundlose, banale Lachen war einfach so über ihn gekommen.
„Entschuldigung“, Noé holte tief Luft und räusperte sich. Lächelte ihn an. Sanft. „Ich bin nur so erleichtert, dass es dir wieder bessergeht.“
Vanitas starrte auf die weiße Bettdecke. Gerade hatte er gelacht, auch jetzt spürte er Wärme in sich aufsteigen, doch gleichzeitig fühlte er sich mit einem Mal verloren. Würde Noé jetzt das ansprechen, was in der Nacht geschehen war?
Am liebsten hätte er sich die Ohren zugehalten. Er wollte nichts davon hören. Er wollte nicht davon sprechen.
„Aber du bist noch nicht ganz gesund“, fuhr Noé fort, „und für heute bleibst du im Bett, komme was wolle. Ich weiß, das willst du nicht hören, aber…“
„Das weiß ich selbst. Hab ja selbst keine Lust drauf, dass es wieder schlimmer wird.“ Außerdem hatte er die letzten Tage größtenteils im Bett verbracht. So einen großen Unterschied würde das auch nicht machen. Aber doch…es war irgendwie anders…
„So ist gut. Sei auch zu dir selbst ein guter Arzt. Aber keine Sorge, du musst nichts tun. Ruh dich einfach nur aus. Warte einen Moment.“
Mit diesen Worten erhob sich Noé.
Wie auf Kommando streckte sich Murr, welcher sich zuvor neben dem Stuhl gesetzt und das weiße, lange Fell geputzt hatte, und ging um die Beine seines Herrchen streichend gemeinsam mit ihm in Richtung Tür.
„Wohin gehst du?“, fragte Vanitas und verfluchte sich für diese Frage. Am Ende dachte Noé noch, er hätte Angst davor, alleine zu sein.
Noé wandte sich zu ihm um und lächelte sanft. „Ich wollte dir noch einen Tee holen. Diesmal einen, der besser schmeckt. Earl Grey?“ Wenn es weiter nichts war…
„Meinetwegen“, sagte Vanitas.
Noé wandte sich um und legte seine Hand auf die Klinke. Doch eine ganze Weile geschah nichts. Er öffnete die Tür nicht, er sagte auch nichts.
Er reagierte nicht einmal auf Murrs ungeduldiges Miauen.
Vanitas verengte die Augen. „Was ist los?“
„Weißt du Vanitas“, begann Noé langsam, „ich habe es dir zwar neulich schon gesagt, aber ich möchte es noch einmal sagen. Ich bin froh, dass du so bist, wie du bist. Und du bist auch so viel besser, als du selbst vielleicht denkst. Gestern Nacht war Neumond, richtig? Da konnte man den Mond auch nicht sehen, obwohl er da war und alles ist finster erschienen.“
„Was willst du damit sagen?“, murmelte Vanitas und senkte den Kopf.
„Ich glaube, mit Menschen und Vampiren ist es auch so. Ich glaube, alle sehen einen anderen Mond, also, wenn sie in sich selbst schauen. Für manche ist in ihrem Inneren immer Vollmond, aber das kann in der Realität natürlich nicht sein, denn niemand ist ganz hell oder ganz dunkel. Andere sehen einen Halbmond oder einen Sichelmond. Manchmal dauert der Neumond so lange, dass man denkt, er wird überhaupt nicht mehr hell, ganz gleich, was man auch tut und fragt sich, ob es den Mond je gegeben hat. Manchmal sieht man nur eine winzige Sichel hellen Lichts, die dann sofort für lange Zeit verschwunden ist. Du magst glauben, dass alles finster ist. Aber wenn andere dich anschauen, sehen sie einen wunderschönen Mond. Und ich hoffe, dass dein innerer Mond auch wachsen kann. Du findest solche Vergleiche sicher total albern und ich habe mich wohl ziemlich komisch ausgedrückt, aber nun ja…“, Noé lachte leise, wandte sich zu ihm um und lächelte ihn an, „Was ich mit all dem sagen will: Du gibst anderen so viel mehr, als du denkst. Du hast viele so wunderbare Eigenschaften, die du selbst nicht siehst. Aber andere sehen sie. Und ich hoffe für dich, dass du sie eines Tages auch sehen kannst.“
Vanitas öffnete die Lippen leicht. Seine Brust zog sich zusammen. Die Hitze war erstickend. Die Wärme wanderte von seinem Bauch, in seine Brust, seinen Hals, Arme, Beine. Gerne hätte er Noé gescholten, ihm irgendetwas an den Kopf geworfen.
‚Du machst mich wahnsinnig.‘ ‚Wegen dir kriege ich erst recht Kopfschmerzen.‘ ‚Du hast zu viele Romane gelesen.‘ ‚Was ist das für ein schrecklicher Vergleich?‘ ‚Wie kann man nur so naiv sein?‘
Doch nichts davon wollte seine Kehle verlassen.
„…du bist echt…“, murrte Vanitas, so leise, dass er sich nicht einmal selbst verstand, „...du bist wirklich…“ Verdammt, er schaffte es nicht einmal, ihn richtig anzusehen. Noés Lächeln zu sehen. Warm, sanft, zärtlich.
„Ganz schön nette Worte dafür, dass du mich nicht leiden kannst“, brachte Vanitas endlich heraus. Ein spöttisches Lachen. Ein überhebliches Grinsen. Ein Glück.
„Ob ich dich leiden kann oder nicht, das hat nichts damit zu tun. Es ist einfach so, wie es ist. Du brauchst darauf auch nicht zu antworten. Vielleicht ist dir meine Meinung auch egal. Ich wollte es nur gesagt haben, da bin ich ganz egoistisch“, Noé lächelte und legte den Kopf schief.
War es in Ordnung?
War es in Ordnung, darauf nichts zu sagen? Musste er sich gar nicht anstrengen, verzweifelt die richtigen Worte zu finden? Wusste Noé am Ende möglicherweise, dass er keine Ahnung hatte, wie er reagieren sollte? Wollte ihm so den Druck nehmen? Verdammt. Wie oft hatte er Noé als naiv beschimpft…doch manchmal war er alles andere als das.
Vanitas schlug die Augen nieder. Wenn er nur ein wenig so wäre, wie Noé…vielleicht könnte er sich dann bei ihm bedanken.
So wie Amelia sich bei ihm bedankt hatte.
So wie…Jeanne sich bei ihm bedankt hatte.

„Wie auch immer, tut mir Leid, dass ich alles aufgehalten habe. Earl Grey, nicht wahr? Kommt sofort und ruh dich in der Zwischenzeit gut aus“, Noé drückte die Klinke herunter und öffnete die Tür.
Murr quetschte sich bereits durch den Spalt und tippelte in den Flur. Bald würde auch Noé durch diese Tür verschwunden sein.
Er konnte ihn nicht so einfach gehen lassen…er musste etwas tun…irgendetwas.
„Noé“, setzte Vanitas an. Am liebsten hätte er sich auf die Zunge gebissen, wusste er nicht einmal, was er überhaupt sagen wollte. Noé drehte sich um und lächelte sanft. „Ja?“ „Wenn du schon mal unten bist, kannst du aus dem Café Apfeltarte mitbringen?“
Bei der Erwähnung seines Lieblingskuchens glänzten Noés Augen.
„Warte mal, ich dachte, du magst das süßes Zeug nicht“, warf Noé jedoch ein und legte fragend den Kopf schief.
„Ist doch scheißegal!“, fuhr Vanitas ihn an, „Irgendwie muss ich ja den beschissenen Geschmack der Medizin loswerden. Außerdem!“ Vanitas zeigte mit dem Finger auf ihn. „Du magst es ja schließlich, also vergiss bloß nicht, dir ein Stück mitzubringen. Kapiert?“
Noé blinzelte ihn für einen Moment verblüfft an.
Hast du verstanden? Was ich dir sagen will? Ich kann auch hier nur meine eigenen Methoden anwenden.
Ich hoffe, du hast verstanden.
Noé lächelte ihn an und nickte. „Ja, ich habe verstanden.“

Als Noé das Tablett mit den zwei Tassen und zwei Tellern Kuchen mit den Worten „So, da bin ich wieder“ in das Zimmer trug, begrüßte ihn Stille.
Noé legte den Kopf schief.
War Vanitas etwa ernsthaft abgehauen? Gedanklich sah er sich selbst schon auf der Suche halb Paris durchstreifen. Aber nein, die Bettdecke wölbte sich, er war also noch da…Mit lautlosen Schritten trat Noé seitlich an das Bett heran.
Vanitas‘ Kopf war tief in das Kissen eingesunken. Die Augen geschlossen. Der Atem ruhig und gleichmäßig. Ein Teil von Noé bereitete sich darauf vor, dass Vanitas sich nur schlafend stellte ihn gleich erschrecken und darüber lachen würde.
Ein anderer Teil fürchtete, dass Vanitas sich plötzlich verkrampfen und das Fieber wieder steigen würde.
Nichts davon geschah.
„Vanitas?“, flüsterte Noé. Keine Reaktion. Die Gesichtszüge entspannt und weich. Er schlief also tatsächlich. Noé lächelte sanft. Er stellte das Tablett auf dem großen Tisch in der Mitte des Raumes und ließ sich wieder auf dem Stuhl neben Vanitas‘ Bett nieder.
Auf der Bettdecke lag noch immer der feuchte Lappen, der Vanitas von der Stirn gerutscht war. Noé nahm ihn auf und tunkte ihn in die Schüssel neben dem Bett. Das kalte Wasser stach ein wenig an seinen Händen. Er wrang das Stück Stoff aus.
Mit einem leisen Plätschern rann das Wasser zurück in die Schüssel. Sachte strich er mit den Fingern über Vanitas‘ Stirn, dabei kitzelten Vanitas‘ Haare sanft seine Hand. Seine Stirn immer sehr warm, das Fieber noch nicht überstanden…Bestimmt war er erschöpft. Sorgsam faltete Noé den Lappen und legte ihn auf Vanitas‘ Stirn. Hoffentlich würde von der plötzlichen Kälte nicht aufwachen. Noé hatte schon sein Zetern im Ohr. Doch Vanitas‘ Lider zuckten nur kurz und er atmete leise aus. Ein Glück. Er schlief tief und fest weiter.
Albträume schien er auch nicht zu haben. Wenn er sich weiter schonte, würde er bald ganz gesund sein. Die Uhr tickte leise. Es war bereits nachmittags. Noé selbst war ganz überrascht gewesen, als er unten im Café das erste Mal auf die Uhr geschaut hatte.
Er gähnte und hätte sich im selben Moment beinahe an seinem Gähnen verschluckt, als Murr ihm plötzlich mit heiserem Gurren auf den Schoß sprang.
„Oh hallo, na du?“, flüsterte Noé und fuhr ihm durch das dichte, weiße Fell. Der Kater drehte sich ein paar Mal um sich selbst, ließ sich letztendlich auf Noés Beinen nieder und schnurrte leise. Der zarte Geruch von Tee und Apfeltarte breitete sich im Raum aus. Sollte er Vanitas wecken, bevor der Tee kalt wurde?
Es war wichtig, dass er trank. In der Nacht hatte Noé verzweifelt versucht, ihn zu wecken und wachzuhalten und versucht, ihm zu trinken zu geben und Wasser einzuflößen, während Vanitas ihn kaum wahrgenommen hatte.
Ein Schauer ging über Noés Rücken.
Nach der schlimmen Nacht war es wohl besser, dass Vanitas ruhig schlafen konnte. So ruhig, wie er es jetzt tat.
Sobald er wach war, würden sie Tee trinken und Kuchen essen. Gemeinsam.
„Weißt du was, Vanitas?“, sagte Noé in die Stille hinein, „Du bist nicht alleine. Wirklich nicht.“
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