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Drachenaugen - Der Vertrauensbruch (Band 5)

GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P16 / Gen
26.06.2021
18.09.2021
29
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15.09.2021 1.649
 
Kapitel 28

Einige Tage vergingen, in denen Fenrir täglich Kale beim Üben zusah und ganz unruhig wurde, weil sie es selbst wieder wollte. Allerdings war sie brav und hielt sich zurück.

Wie erwartet und von Vater prophezeit, waren die anderen ihr gegenüber nicht freundlich gesinnt. Tatsächlich bekam Fenrir viel Hass entgegen geschleudert. Böse, harsche Worte, dass sie eine Versagerin und Verräterin war, waren die noch am wenigsten verletzenden. Vor allem Bella war über Fenrirs Dasein alles andere als glücklich und sie machte ihrem Ärger auch Luft.

Es erinnerte sie an den Abend, als Kale sie entführt hatte. In Freyrs Bibliothek hatte sie ein Gespräch von zwei Haremsdamen mitbekommen, die sich lautstark über Fenrir ausgelassen hatten. Unschöne Worte waren gefallen, die Fenrir überhaupt dazu veranlasst hatten, einfach allein spazieren zu gehen.

Dunja hatte sie seit ihrem Auftauchen nicht mehr gesehen und sie machte sich Sorgen um die kleine Fee. Wenn es ihr und Freyr nur gut ging!

Auch heute saß sie wieder auf der Bank vor dem Haus und beobachtete die Kinder und ihre Fortschritte. Doch am meisten interessierte sie sich für Kales Übungen.

Irgendwann trat der Schamane an sie heran und hielt ihr ein Holzschwert hin. Er selbst hatte ebenfalls eines und war in Ledermontur gekleidet.

Diese ließ ihn ganz anders wirken. Noch schlanker und wenn Fenrir ehrlich war, sogar krank. Vielleicht lag es an seinem Alter, doch sie wusste, dass er zäh und hart im Nehmen war.

Über sein Auftreten war Fenrir ziemlich überrascht, doch sie nickte und nahm das Schwert mit einem glücklichen Lächeln an, bevor sie aufstand. „Danke, Vater." Wie sie wusste, war er ein hervorragender Schwertmeister. „Übst du mit mir?", fragte sie unsicher.

"Ja." Seine Stimme klang fest und klar. "Ich will sehen, was du noch kannst."

Fenrirs dunkelgrüne Augen strahlten. Mit Vater üben zu dürfen war einer ihrer größten Träume, der endlich wahr wurde! „Ich werde mein Bestes geben!", versprach sie und wurde genauso hibbelig wie früher.

"Das ist die Rina, die ich kenne", sagte er und klang zufrieden.

Aufgeregt und glücklich stellte sie sich ihm gegenüber auf den Sandplatz auf und wartete auf sein Nicken, dass der Kampf beginnen sollte. Ihr Griff um das Schwert war fest und sicher.

Der Schamane ging in Position, dann nickte er als Startsignal.

Die schaulustigen Kinder, die sich um den Kampfplatz eingefunden hatten, blendete Fenrir völlig aus. Unter anderem Kale und Bella, die ebenfalls zusahen.

Jetzt bekam Fenrir zu sehen, aber auch zu spüren, wie gut Vater wirklich war. Ihm zuzusehen, wie er das Schwert schwang, war ganz anders als gegen ihn selbst zu kämpfen. Er war für sein Alter und seine gebrechliche Statur erstaunlich schnell und wich mit Leichtigkeit ihren Angriffen aus.

Allerdings hatte Fenrir bei Freyr gut trainiert. Auch ihre Schnelligkeit, wie sie unter Beweis stellte. Sie wich geschickt und elegant Vaters Angriffen aus.

Dieser ließ jedoch nicht locker und wurde immer schneller und schneller. So schnell, dass es bald ziemlich schwer wurde, ihm auszuweichen.

Woher er diese Kraft nahm, verstand Fenrir nicht, doch sie tat ihr Bestes, nicht von ihm getroffen und eingeengt zu werden. Im Gegensatz zu früher war sie um einiges schneller geworden, was ihr half, die meisten seiner Angriffe auszuweichen. Oft genug wurde sie getroffen, doch sie bewies Standhaftigkeit und griff ihrerseits Vater an. Genau die Punkte, auf die er immer großen Wert gelegt hatte.

Sie traf ein paar Mal, jedoch nicht ernsthaft und schließlich wurde ihr die Beine weggezogen und sie landete am Boden.

Der kleine Schmerz im Rücken ignorierte sie gekonnt, auch wenn er sie beinahe lähmte. Statt liegenzubleiben, sprang sie keuchend und taumelnd auf die Beine und griff Vater erneut an.

Dieser wehrte ab und schickte sie erneut zu Boden, indem er ihren Angriff weiterleitete.

„Du bist echt gut, Vater", sagte Fenrir anerkennend, während sie sich erneut aufrappelte. Ihn besiegen konnte sie nicht, das hatte sie schnell gemerkt. Seine Weisheit und Erfahrung sprachen deutliche Bände. „So gut wie du möchte ich auch sein", gestand Fenrir und hielt sich für einen erneuten Angriff bereit, den sie dieses Mal geschickt auswich und es sogar schaffte, ihn zu kontern. Genau wie Kale sie damals in Bedrängnis gebracht hatte, blockierte sie Vaters Schwert so, dass er es nicht großartig bewegen konnte.

Das hatte sie bei Kayla und in den zahlreichen Übungsstunden mit Freyr gelernt. Sie musste Vater beweisen, dass sie besser geworden war!

Allerdings konnte der Schamane damit umgehen und riss ihr die Füße weg, sodass sie erneut ins Wanken kam.

Fast schon frustriert taumelte Fenrir und fing sich irgendwie wieder. Vater war unglaublich stark. Dagegen war Kale überhaupt nichts.

Sie würde wohl nie gegen ihn gewinnen können. Dazu würde er immer zu viel Erfahrung haben.

Daher beschränkte sich Fenrir darauf, durchzuhalten und nicht aufzugeben. Sie parierte einige seiner Angriffe, wurde aber sehr oft getroffen, was bei ihr zu einer Menge blauer Flecken führen würde. Aber Fenrir gab trotz allem nicht auf. Vater hatte ihr gelehrt, niemals aufzugeben!

Schlag auf Schlag ging der Kampf weiter und die Klänge, sowie die Schritte von ihnen waren alles, was zu hören war. Die Zuschauer waren stumm, wichen aber aus, wenn sie zu nahe kamen.

Sie kämpften sehr lange. So lange, dass einige sogar zu ihren Übungen zurückkehrten, aufhörten und wieder zusahen.

Davon bekamen beide wohl nichts mit. Zumindest Fenrir war so konzentriert, dass nur Vater für sie zählte. Ihr Atem ging keuchend und schwer und ihr Körper war wie aus dem Wasser gezogen, so sehr musste sie schwitzen. Durch das Fallen war sie überall schmutzig. Das störte sie aber nicht. Wie oft sie schon den Boden geküsst hatte, konnte sie gar nicht mehr zählen, aber ihre Bewunderung für Vater war groß und ehrlich. Noch nie hatte sie jemanden in diesem Alter gesehen, der so lange kämpfen und keine Müdigkeit zeigen konnte.

Obwohl er bereits schwer atmete, gab er doch nicht auf. Es schien, als würde er so lange weiter machen wollen, bis sie nicht mehr konnte oder aufgab.

Das wollte Fenrir nicht, sondern ihm beweisen, dass sie es würdig war, wieder bei ihm zu sein. Allerdings machte ihr Körper einen Strich durch die Rechnung. Ihre Bewegungen wurden langsamer, weil sie völlig außer Atem war. Das führte dazu, dass Vater sie mehr und mehr traf, bis sie schließlich nach Luft ringend am Boden liegenblieb und kaum noch aufstehen konnte.

Ihr Blick war in den dunklen Himmel gerichtet und jetzt erst wurde ihr klar, dass der Kampf Stunden gedauert hatte. „Ich bin noch nicht fertig", brachte sie unter Keuchen hervor. „Gib mir eine Minute, bitte Vater." Es kam gar nicht in Frage, dass sie einfach aufgab!

Er zog sich ein Stück zurück. "Trink einen Schluck", wies er sie mit rauer Stimme an, während er sich selbst einen großen Krug mit Wasser geben ließ und trank.

Wie er befohlen hatte, richtete sich Fenrir auf und ging wie selbstverständlich auf einen Eimer zu. Genau so, wie sie es in der Vergangenheit getan hatte. Dort schöpfte sie sich Wasser mit den Händen und trank. Ihr Körper zitterte, aber sie war nicht gewillt, aufzuhören. Nur deshalb erfrischte sie sich und kam dann zurück zu Vater. Durch das Wasser war sie wieder wacher, was nicht hieß, dass sie kaum noch konnte. „Ich bin bereit, Vater", sagte sie.

Sie wurde skeptisch gemustert, bevor sie ein herablassendes Lächeln bekam. "Fertig wäre passender", sagte er, ging aber wieder in Position. "Kenne deine Grenzen, Kind."

Fast schon trotzig schob Fenrir ihre Lippe nach vorne. „Fertig bedeutet, besiegt zu sein, Vater. Entweder aufgeben und als Verlierer hervorgehen oder weitermachen, bis es vorbei ist", sagte sie langsam und holte tief Luft. Ihr Griff um das Schwert wurde härter. „Außer, du bist zu erschöpft. Dann machen wir wirklich Pause", meinte sie und betrachtete Vater eindringlich.

"Ich bin nicht erschöpft", sagte er, wobei er lächelte und tatsächlich nicht mehr so erschöpft aussah. "Wir machen weiter."

Zustimmend nickte sie energisch und keine Sekunde später hallten die bekannten Geräusche über den Sandplatz. Auch jetzt ging es Schlag auf Schlag, wobei ihr Körper einfach fertig war. Daher war sie auch um Längen langsamer und wurde viel zu oft von Vater in Bedrängnis gebracht.

Er verpasste ihr viele blaue Flecke und auch Kratzer. Es war so anstrengend und Vater schien nicht gewillt zu sein, sie weiterhin Punkte machen zu lassen. Sie landete keinen einzigen Treffer mehr, weil er einfach viel zu schnell war.

Irgendwann, als sie kaum noch stehen konnte, gab sie ein Zeichen. Es war später Abend und sie konnte nicht mehr. Völlig erledigt stützte sie sich auf ihrem Schwert ab und versuchte aufzustehen, nachdem er sie wieder mit Leichtigkeit zu Boden geworfen hatte. Eine Pause würde guttun, aber sie glaubte nicht, dass sie sofort danach wieder weitermachen konnte. Vater war ihr um Längen überlegen. In der Schnelligkeit, Stärke und Ausdauer. Das frustrierte Fenrir.

Er zog sich etwas zurück. "Du hast dich gut gehalten. Länger, als ich erwartet habe", gestand er, bevor er sich auf einen Baumstamm niederließ.

„Ich wollte länger durchhalten", murmelte Fenrir und legte sich auf den Sandboden. Ihr fehlte die Kraft, aufzustehen, sich zu waschen oder umzuziehen. Geschweige denn zu laufen. Alle Körperteile waren in Mitleidenschaft gezogen worden und taten weh. „Es besteht großer Verbesserungsbedarf", seufzte sie und versuchte, ihren Atem unter Kontrolle zu bekommen.

Der Schamane schwieg, während er sie beobachtete.

Das bemerkte sie nur am Rande, weil sie ihre Augen geschlossen hielt. „Du bist der beste Meister, um zu üben", murmelte sie ehrlich und voller Ehrfurcht. „Von dir kann ich noch viel lernen." Sie hoffte, dass er ihr helfen würde, sich zu verbessern. Erneut hatte sie es nicht geschafft, jemanden zu besiegen und das wurmte sie sehr.

"Du bist auch noch sehr jung", meinte der alte Mann mit müder Stimme, bevor er noch einmal Wasser trank.

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