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Stiller Sturm

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Chris Hikaru Hasama Kyoya Tategami Ryuga Tsubasa Otori
25.06.2021
25.11.2021
6
23.906
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25.11.2021 4.281
 
Stiller Sturm
Geister der Vergangenheit

„Im Leben geht es nicht darum, darauf zu warten, dass der Sturm vorübergeht.“

෴♕෴


> Fünftes Kapitel:
Bladersöldner



Kyoya zieht eilig seine Hand zurück und richtet sich sein Oberteil. Es ist ihm egal, ob dieses Falten wirft, verrutscht oder dreckig ist, aber nach ihrer kleinen Auseinandersetzung ist das ein Reflex von ihm. Chris hat ihn nicht überrascht, er hat ihn schließlich bewusst provoziert, allerdings ist er davon ausgegangen, dass er ihn weggestoßen hätte und nicht mehr. Anscheinend kann er sich tatsächlich gut wehren und spuckt nicht nur große Töne, sollte er sich nicht gerade bemitleiden.
      Sein Kampfgeist ist dennoch nicht erloschen und wie er gerade gesagt hat, lässt sich Chris nicht länger herumschubsen. So sehr ihm seine große Klappe und die dummen Kommentare öfter auf die Nerven gehen, ist ihm der sarkastische und unfreundliche Chris lieber als der ehemalige Bladersöldner mit Vertrauensproblemen und Schuldgefühlen. Kyoya ist kein Psychiater und andere können gerne den Therapeuten spielen. Das wäre eher eine Aufgabe für Gingka, der sowieso jeden befreundet – egal, ob derjenige möchte oder nicht.
     Sie sind hier, um einen Job zu erledigen und wenn sie Masaru aufgehalten haben, trennen sich ihre Wege wieder, bis sie irgendwann ein Beybattle gegeneinander austragen. Diesmal ist ihre Zusammenarbeit immerhin freiwillig und das bescheuerte Schicksal beeinflusst nicht ihre Pfade. Alle Entscheidungen liegen in ihrer Hand und während ihn das glücklich stimmt, überfordert es Chris scheinbar. Leider weiß er, wie das ist und das ist das Problem.
     An manchen Stellen überschneiden sich ihre Geschichten und sie wissen schon jetzt zu viel über den anderen. Trotz der Ähnlichkeit unterscheiden sich der Ausgang und ihr Umgang damit wesentlich. Benkei ist nie gegangen, nicht nach der Auflösung der Face Hunter und auch nicht, nachdem er ihn verletzt hat und beinahe seinen Bey zerstört hätte. Als er damals aufgewacht ist, hat er nicht damit gerechnet, dass er ihm überhaupt jemals verzeihen würde, aber Benkei war schlicht erleichtert. Er ist nie lange allein gewesen und es wäre eine Lüge, sollte er behaupten, dass er niemanden Bedeutendes in seinem Leben hätte.
     Seine Fehler hat Kyoya nie bestritten, sich von jenen allerdings auch nicht verunsichern lassen. Er hat den anderen den Weg zum ehemaligen Quartier der Dark Nebula gezeigt und ihnen öfter geholfen. Mittlerweile hat er außerdem häufig genug die Welt gerettet, was seine alten Taten ausgleichen würde. Im Gegensatz zu Chris hat er aber nie das Gefühl gehabt, Wiedergutmachung leisten zu müssen und sich dementsprechend keine Vorwürfe gemacht. Die Vergangenheit kann nicht geändert werden und er beschäftigt sich demnach nicht damit. Irgendwelche alten Dummheiten definieren ihn nicht und er muss niemandem etwas beweisen. Chris will allen anderen verzweifelt zeigen, dass er nun anders ist und benötigt die Bestätigung vor allem für sich selbst.
     Allein der Gedanke reicht, dass sich Kyoya die Nasenwurzel reibt. Es ist anstrengend mit ihm und dass Kakeru involviert ist, gestaltet alles schwieriger. Jetzt, wo er bei ihm ist, wird er nicht zulassen, dass er erneut verletzt wird und die unbändige Wut kann er kaum zügeln. Sollte Chris Masaru nicht die Nase brechen, wird er das tun. Er hätte das verdient und seine Spiele scheinen erst der Anfang zu sein.
     Sein Zimmergenosse – Kyoya kann immer noch nicht fassen, dass Kakeru ihn für seinen Freund versetzt hat – lehnt weiterhin am Fenster und mustert das zerfetzte Papier auf dem Schreibtisch nachdenklich. Irgendetwas verschweigt er ihm, das spürt er und das gestaltet ihre Zusammenarbeit noch schwieriger. Er benötigt Abstand sowie Ruhe und es ist gerade akzeptabel, wenn er sich mit seinem Bruder, Nile oder Benkei einen Raum teilt. Mit Chris wird er sowieso schon zu viel Zeit verbringen, weil Masaru es auf ihn abgesehen hat.
     Ryugas Anwesenheit ignoriert er gekonnt. Niemand kann ihn leiden, Ryuto zählt nicht und obwohl er ihm nicht gewünscht hat, draufzugehen, kann er ihm gestohlen bleiben. Er ist alles andere als hilfreich und Chris ist ihm gegenüber mindestens genauso feindselig eingestellt. Allein seine Existenz wird zig Diskussionen verursachen, die sie unnötig aufhalten werden. Sie alle haben Besseres zu tun und Kyoya hat nicht umsonst das Angebot abgelehnt, der WBBA beizutreten.
     Kyoya lässt sich nicht herumkommandieren und er hasst diesen diplomatischen Mist. Die meisten Regeln sind bescheuert und öfter wird erst reagiert, wenn es längst zu spät ist. Auf dem Papier ist alles immer einfach, in Wirklichkeit sehen die Situationen allerdings anders aus und die Menschen ganz oben in ihrem Büro werden das niemals verstehen können. Überall ist das gleich und die WBBA ist keine Ausnahme. Andere sind wesentlich besser für den Job geeignet und einer befindet sich direkt vor ihm. Die WBBA benötigt bei ihrer permanenten Unterbesetzung unbedingt neue Mitarbeiter und Chris braucht eine feste Arbeit. Beide Seiten wären blöd, dies nicht in Erwägung zu ziehen.
     
     Plötzlich vibriert Kyoyas Smartphone und er kramt dieses aus seiner Tasche aus. Tsubasas Name leuchtet auf dem Bildschirm auf und er zählt zu den wenigen Menschen, von denen er die Anrufe immer annimmt. Er meldet sich nicht aus Langeweile oder für dämlichen Smalltalk, sondern nur bei wichtigen Angelegenheiten. Eventuell hat er weitere Informationen oder fragt nach einem Update.
     „Tsubasa“, informiert er Chris freundlicherweise, ehe er das Gespräch annimmt. „Du bist auf laut. Chris ist auch hier im Zimmer.“
     Professionell und freundlich wie er ist, überspringt Tsubasa nicht die Begrüßung; „Hallo zusammen. Hikaru hat mich schon darüber in Kenntnis gesetzt, dass ihr gut angekommen seid.“
     Mit einer hochgezogenen Augenbraue schaut Kyoya bei der Aussage zu Chris. Entweder hat er das vor dem Brief berichtet oder er lügt die WBBA an. Letzteres müsste er mit ihm absprechen und es gibt keinen Grund, dies zu verschweigen. Sie haben nun die Bestätigung, dass Masaru sich in Fukaya aufhält und müssen diese zwangsläufig übermitteln.  
     „Zumindest, bis ich erfahren habe, dass ich mir mit Kyoya ein Zimmer teilen muss.“ Chris seufzt melodramatisch auf und rümpft die Nase.
     „Ihr teilt euch ein Zimmer?“ Ausnahmsweise wirkt Tsubasa überrascht und seine Verwunderung schwingt in seiner Stimme mit.
     Vielleicht sorgt er sich auch, dass sie einander umbringen oder aus Versehen das Hotel sprengen. Um das zu vermeiden, hätte die WBBA zumindest Ryuga nicht an demselben Ort wie sie beide unterbringen dürfen. Der Mord an ihm ist dann doch wahrscheinlicher, wären da nicht Kakerus Kulleraugen und sein bester Freund.
     „Frag nicht.“ Ihre Antwort erfolgt zeitgleich und sie verziehen bei der Synchronität das Gesicht.
     Kyoya will nicht erklären, dass sein eigener Bruder ihm eiskalt in den Rücken gefallen ist und lieber noch mehr Zeit mit seinem Kumpel verbringt, als wären sie nicht längst unzertrennlich und würden förmlich aneinanderkleben. Das Thema ist erledigt. Sie werden sich bestimmt nicht häufig in ihrem Raum aufhalten und notfalls sperrt er Chris für seine Ruhe im Bad ein.
     Grundlos kassiert er von jenem einen bösen Blick, bevor er einen Schritt nähertritt, damit er besser gehört werden kann. „Gibt es irgendetwas Neues?“
     Unbeeindruckt erwidert Kyoya derweil das Starrduell und lässt Tsubasa nicht zu Wort kommen: „Masaru hat Chris eine Nachricht hinterlassen. Er ist hier.“
     Sie verschwenden wertvolle Minuten und sonst redet auch keiner von ihnen um den heißen Brei herum. Dass er es auf Chris abgesehen hat, ist allgemein bekannt und die WBBA wäre gar nicht in der Lage, ihn von der Mission auszuschließen. Er ist gerade ihr größter Vorteil, den sie sich zunutze machen müssen. Solange er in Fukaya ist, wird Masaru es ebenso sein und sich angreifbarer denn je zeigen. Das Geschehene zu verschweigen, wäre daher dämlich.
     Trotzdem verfinstert sich Chris‘ Miene für wenige Sekunden. „Er hat einen Brief an der Rezeption hinterlassen. Keine Ahnung, was in ihm stand, wird nichts Sinnvolles gewesen sein.“
     Die Schnipsel liegen weiterhin auf dem Schreibtisch verteilt herum, ein Zusammensetzen wäre allerdings viel zu mühsam. Masaru wird wohl kaum seine Pläne offenlegen, sondern seinen ehemaligen Freund nur noch mehr in den Wahnsinn treiben wollen. Scheinbar hat Chris ein Talent dafür, mit den falschen Menschen in Kontakt zu geraten. Freunde waren das alles nicht.
     „Du hast das Bild von dir vorm Bahnhof vergessen. Irgendwer wusste von unserer Ankunft und hat ein Foto geschossen“, ergänzt Kyoya, weil Chris es nicht tut. „Er hat sein Gesicht mit einem X durchgestrichen, das sagt alles aus.“
     „Wir haben schon festgestellt, dass er es auf mich abgesehen hat und das Thema abgeschlossen.“ Fast trotzig dreht Chris seinen Kopf zur Seite und presst sichtbar unzufrieden die Lippen zusammen.
     „Das Ausmaß war aber nicht absehbar. Wir können die eindeutige Botschaft nicht ignorieren.“ Die Überraschung ist Ernsthaftigkeit gewichen und leises Tippen ertönt im Hintergrund. „Ich muss den Direktor darüber informieren.“
     „Und ich bin immer noch ein verdammter legendärer Blader und ehemaliger Bladersöldner!“, platzt es förmlich aus Chris heraus und er schlägt das Fenster beinahe zu.
     Da fühlt sich jemand eindeutig in seinem Stolz angegriffen und reagiert entsprechend beleidigt. Dabei zweifelt niemand an seinen Fähigkeiten als Blader, sondern nur zu Recht an seiner Befangenheit. Er wäre schon einmal fast in eine Falle gelaufen und sollte Masaru Chris wirklich für sein Vorhaben benötigen, würde das andere unnötig in Gefahr bringen.
     „Das weiß ich.“ Tsubasa bleibt komplett gefasst und insgeheim bewundert Kyoya die Geduld sowie die Selbstkontrolle. „Dennoch solltet ihr draußen mindestens zu zweit unterwegs sein.“
     In Kakerus Fall wäre dies noch zu wenig. Es reicht, dass er einmal mit seiner Verletzung bladen musste und so kann er sein volles Potential logischerweise nicht ausschöpfen. Unter Betrachtung dieses Aspektes ist die Zimmeraufteilung dann nicht gänzlich unpraktisch, denn Kakeru und Ryuto können gemeinsam extrem anstrengend sein. Sie haben es sich gefühlt zur Aufgabe gemacht, ihm mit ihrer frechen und lauten Art auf die Nerven zu gehen und ihre Grenzen auszutesten.

     Im Vergleich zu den Gegnern, die sie schon besiegt haben, ist Masaru ein kleiner Fisch, aber Kyoya kennt solche Menschen. Er ist nicht anders als Doji, feige, manipulativ und skrupellos. Um seine Ziele zu erreichen, tut er alles und das kann zu einem großen Problem werden. Auch Tetsu hat das Bedrohen von Kakeru in seinen Plan eingearbeitet und Masaru wird nicht besser sein. Auf faire Weise kann er nicht gewinnen und das ist ihm bewusst. Demnach muss er eine andere Lösung finden und ihm wird jeder Weg recht sein. Leider ist es deshalb sinnig, achtsam zu bleiben und nicht allein unterwegs zu sein und das gilt nicht nur für Chris.
     „Ja, die gewaltige Anzahl wird ihn sicherlich verschrecken.“ Wiedermal greift Chris auf seine Ironie zurück und rollt passend dazu mit den Augen.
     „Der Begleitschutz ist noch nicht vom Tisch und ich kann die Mission jederzeit beenden“, betont Tsubasa scharf und solch eine Autorität legt er selten an den Tag.
     Für einen kurzen Moment glaubt Kyoya, dass Chris tatsächlich so dämlich ist, zu widersprechen, weil er den Mund öffnet. Schlussendlich schließt er ihn aber kommentarlos wieder und fügt sich seinem Schicksal. Die Diskussion kann er nur verlieren und Tsubasa ist hartnäckig. Regelmäßig übersteht er Yus Anwesenheit und nun auch noch ab und an die von Tithi. Dafür braucht er eine Menge Geduld und Nerven aus Stahl.
     „Es wird keine Alleingänge geben.“ Kyoya kann selbst nicht fassen, dass ausgerechnet er das sagt und er kneift sich in die Nasenwurzel. „Wolltest du nur ein Update oder gibt es was Neues?“
     Gereizt zuckt Chris‘ Braue in die Höhe, aber ein Kommentar seinerseits bleibt aus. Seine Frage war angemessen, jedoch war sein Zeitpunkt unpassend gewählt. Trotz ihres Kampfes gegen Nemesis funktioniert ihre Zusammenarbeit noch nicht sonderlich und Kyoya kann nicht einschätzen, ob Chris das mit Masaru erwähnt oder verheimlicht hätte. Jetzt ist das Thema vorerst abgehakt und die WBBA wird in der vergangenen Zeit nicht untätig gewesen sein.
     Tsubasa seufzt leise. „Tetsus Handlanger werden gleich entlassen. Ihnen konnte nichts nachgewiesen werden. Der Kampf würde angeblich nicht damit zusammenhängen und wäre schlicht ein normales Beybattle gewesen. Es gibt keine ausreichenden Beweise und steht Aussage gegen Aussage.“
     „Was?!“
     Das kann nicht deren Ernst sein! Wie unfähig sind diese Leute und warum greift die WBBA nicht ein? Egal, wo die Zuständigkeiten liegen, diese Kerle wollten seinen Bruder verletzen und sollen nun ungeschoren davonkommen? Dies ist ein schlechter Witz und Kyoya umfasst sein Handy etwas zu fest. Immerhin schmeißt er es nicht gegen die Wand, obwohl die Vorstellung gerade zu verlockend ist. Noch besser wäre es, wenn er es den Typen direkt in ihr dämliches Gesicht werfen könnte.  
     „Wo sind sie? Wir können sie abfangen.“ Chris‘ Worte klingen gepresst und er wirkt mit seiner angespannten Kieferpartie nicht weniger wütend als er selbst. „Nur zum Reden natürlich.“
     „In der Polizeistadion am Fuku River.“ Natürlich kann sich Tsubasa eine moralische Ansprache nicht verkneifen: „Ich bin auch verärgert, aber sie müssen nicht mit euch reden. Wenn sie das nicht wollen, respektiert das und lasst sie gehen. Keine Beys und keinen Ärger, verstanden?“
     Noch während der Moralpredigt schnappt sich Kyoya seine Jacke vom Bügel und schmeißt Chris seine zu, dass sie sofort loskönnen. Weil er sich in Fukaya auskennt, weiß er, wo die Polizeistadion liegt und sie brauchen ungefähr fünfundzwanzig Minuten dorthin. Mit dem Taxi wären sie schneller, allerdings müssten sie erst eines rufen und zur baldigen Rushhour können sie das vergessen.
     Hektisch zieht sich Kyoya seinen schwarzen Mantel an und lässt die Schlüsselkarte in seine Tasche gleiten. „Kannst du sie etwas aufhalten?“
     „Ihr habt fünfzehn Minuten und denkt an die Abmachungen“, lenkt Tsubasa ein. „Wir hören uns später. Passt auf euch auf.“
     „Ja, ja. Bis später.“ Nach dem Auflegen folgt das Handy der Karte und er öffnet die Tür.
     Chris ist direkt hinter ihm und ein kurzer Blickkontakt reicht als Verständigung zwischen ihnen aus. Sie müssen sich beeilen und die Strecke laufen, was bei ihrer Fitness kein Problem darstellen sollte. Kakeru kann er immer noch auf dem Weg informieren. Die Handlanger sind nicht nur eine wichtige Quelle, sondern sie sind dazu bereit, anderen zu schaden und müssen gestoppt werden. Noch einmal werden sie seinen kleinen Bruder und Ryuto nicht angreifen können, das werden sie verhindern und sie können äußerst überzeugend sein.
     Laut fällt die Tür hinter Chris in ihr Schloss und sie rennen gleichzeitig nach dem Geräusch los. Die Typen werden ihnen nicht entkommen und ihr blaues Wunder erleben.

     Sie unterhalten sich auf dem Weg kaum – Kyoya gibt ab und an die Richtung an, wenn sie abbiegen müssen und sie fluchen bei nervigen Passanten, die dumm herumstehen – und den Läden und Häusern schenken sie keinerlei Aufmerksamkeit. Dies würde sie nur ablenken und keiner von ihnen ist zum Einkaufen in Fukaya. Sämtliche Geschäfte und Restaurants tummeln sich sowieso im Zentrum und Masaru wird sich wohl kaum in einem von ihnen verstecken. Durch den getauten Schnee ist der Boden rutschig und bei dem hohen Tempo können sie irgendwann nicht mehr verhindern, dass ihr Atem schneller geht. Selbstverständlich ist Chris zuerst aus der Puste, zumindest Kyoyas Meinung nach.
     Trotz der Umstände stoppen sie nicht und schlittern manchmal förmlich über die Straßen und Bürgersteige, bis sie die kleine Brücke über dem Fuku River erreichen. Jener ist eher ein winziges Flüsschen und nicht der Grund, weshalb sie Halt machen. Die Polizeistation ist im Hintergrund zu erkennen und sie trennt keine Minute Fußmarsch mehr von ihr. Die fünfzehn Minuten sind um, Kyoyas Zeitgefühl ist gut genug, dass er dies mit Sicherheit weiß und sie fallen mit ihrem Rennen auf. Die Abzweigung ist die schnellste zum Bahnhof und Tetsus dämliche Handlanger werden sie daher sicherlich nehmen, sollten sie nicht vorgewarnt werden.
     „Willst du sie hier abfangen oder weiter?“ Chris‘ Stimme ist belegt und er stützt außer Atem die Hände auf seinen Knien ab.
     „Weiter“, fasst sich Kyoya kurz und pausiert extra, damit sein Tonfall nicht ebenso matt klingt. „Oder benötigst du eine Pause?“
     Wären seine Wangen durch die Anstrengung und die Kälte nicht rötlich verfärbt, könnte er den Todesblick, den Chris ihm zuwirft, zumindest ernst nehmen, so ist er nur erheiternd. „Mir geht es bestens, du wirkst aber ziemlich fertig. Es ist keine Schande –“
      Plötzlich stoppt er und kneift seine violetten Augen zusammen. Rasch ändert sich seine komplette Haltung, er richtet sich auf und seine Lippen bilden eine dünne Linie, bevor er Kyoya am Handgelenk packt und auffordernd an seinem Arm zieht.
     Mit dem Kopf deutet er zur Straße und setzt dann zu einer Erklärung an: „Da sind sie. Wenn sie mich entdecken, werden sie abhauen.“
     Zwar befreit Kyoya seine Hand aus Reflex sogleich, überquert zusammen mit Chris aber im nächsten Moment die Brücke und biegt nach links ab. Hinter ihnen befindet sich der Hof einer Schule und der Wegweiser am Zaun verbirgt die Sicht auf sie gut. Alarmiert schaut Kyoya über seine Schulter und er kann die besagten Personen schnell ausmachen.
     Mit den abstehenden braunen Haaren und seiner Karatekleidung – anders kann er den komischen Stil nicht beschreiben – sticht einer von ihnen sofort aus der Menge heraus. Der neben ihm ist mit seinem blauen Schopf nicht deutlich unauffälliger, kleidet sich jedoch wie ein normaler Mensch. Sie beide führen einen Launcher mit sich und trotz der Entfernung ist ihr selbstgefälliges Grinsen zu erkennen. Diese arrogante Ausstrahlung, als seien sie die Besten und hätten Großartiges geleistet, gehört wohl zur Standardausstattung bei Bladersöldnern.
     „Wer sind die?“, fragt Kyoya Chris leise und bemüht sich, die zwei möglichst unauffällig im Auge zu behalten.
     „Takeru und Crow, gute Blader mit einem schlechten Charakter.“ Chris presst die Aussage zwischen zusammengebissenen Zähnen durch und zischt verächtlich. „Sie gehören zu Tetsus besten Leuten und ich konnte sie noch nie leiden.“
     Das sagt alles aus und die Wut kehrt schlagartig zurück. Seine kurzen Nägel bohren sich in seine Handflächen und er verlagert sein Gewicht auf seinen linken Fuß. Mit dem rechten holt er nicht aus und tritt gegen den Zaun, weil das zu auffällig wäre, sein Blut kocht dennoch förmlich. Tetsu hat Kakeru gefährliche Leute auf den Hals gehetzt, die dazu bereit gewesen wären, ihn zu verletzen und sie konnten das nur knapp verhindern. Wenn Chris, der damals selbst einige Fehler begangen hat und moralisch ebenfalls nicht glänzen konnte, sie schon nicht ausstehen konnte, bedeutet das viel.       
     Für wenige Sekunden huschen seine Augen zu Chris und jener ist zu der Personifizierung der Anspannung geworden. Seine komplette Haltung ist verkrampft und er hat seine Schultern hochgezogen. In der Position ist er erstarrt und sein Gesicht ist wie versteinert.
     „Takeru ist schlimmer. Er ist rücksichtlos und besessen nach Macht. Er bladet, um zu gewinnen und sein Bey ist gestohlen.“ Ernst guckt er ihn an. „Trau ihm alles zu.“
     Darauf gibt es nichts zu erwidern und Kyoya nickt knapp. Vor solchen Typen würde er sowieso niemals seine Deckung fallen lassen und allein mit ihrer Einstellung sind sie viel schwächer als Chris und er. Das gilt allerdings nicht für jeden und ein übler Nachgeschmack bleibt in seinem Mund. Chris kennt sie, weil er mit ihnen zusammengearbeitet und mal zu ihnen gehört hat. Wenige Monate vorher hätte er derjenige sein können, der auf Kakeru gewartet hätte.  

     Ohne weitere Absprache schießt Orion dann an ihm vorbei, als Takeru und Crow die Abzweigung beinahe erreicht haben und blockiert ihnen den Weg. Chris schreitet erhobenen Hauptes an ihm vorbei und sein ganzes Auftreten ändert sich in dem Moment. Er wirkt unnahbar und kühl. Seine Mimik ist hart und in den violetten Iriden liegt ein gefährliches Blitzen. Gerade macht er seinem Namen als Winterblader alle Ehre und er baut sich mit bohrendem Blick vor den beiden Handlangern Tetsus auf. Das vor ihm ist nicht mehr der legendäre Blader, sondern der ehemalige Bladersöldner.
     Zur Abschreckung und Verhinderung, dass er irgendwelche Dummheiten begeht, gesellt sich Kyoya zu ihnen und seine Hand ruht angriffsbereit auf seinem Launcher. Crow zuckt nicht einmal, er mustert erst Orion und dann Chris. Das kurze Weiten seiner Augen und die schwindende Arroganz verraten aber, dass er von ihrem Auftauchen überrascht ist.
     Takeru grinst wiederum nur noch breiter. „Chris, lange nicht gesehen. Was treibt Tetsus Lieblingsblader und Zeitvertreib denn so?“ Seine Stimme wird von einem höhnischen Unterton begleitet.
     Kyoya rechnet es ihm hoch an, dass er ihm nicht direkt eine verpasst und nur tonlos auflacht. „Immer noch neidisch? Ich stoppe nun armselige Gestalten wie euch.“
     Das Grinsen weicht einer wutverzerrten Fratze und Takeru macht einen ausladenden Schritt nach vorne. „Wen nennst du hier armselig?“ Eine weitere Bewegung auf ihn zu wird von Orion geblockt. „Willst du toller Held mich wie früher mit einem Bey angreifen?“
     Die Vergangenheit ist vorbei und trotzdem hallt das „Wie früher“ in Kyoyas Ohren wider. Diese Unterhaltung ist nicht für ihn bestimmt, allerdings kann er nicht weghören und seine Aufmerksamkeit hüpft dauernd zwischen Chris, Takeru und Crow hin und her. Er hat keine Ahnung, worüber sie genau reden und was damals alles geschehen ist.
     „Nein, das habe ich nicht nötig.“ Als Bestätigung ruft Chris seinen Bey zu sich zurück und fängt ihn auf. „Sagt mir, wo Masaru ist und ihr könnt gehen.“
     „Und wie willst du uns aufhalten?“ Abscheu flimmert durch Takerus rote Augen und er macht einen weiteren Schritt auf Chris zu.
     Gelassen streicht Crow derweil seinen dunklen Mantel zurück. „Wir wissen nicht, wo er ist.“ Zwischen all dem Zorn und der Anspannung wirkt seine Ruhe unpassend.
      „Ach und wo wolltet ihr dann hin?“, hakt Kyoya nach und schnalzt mit der Zunge.
     Loyalität gibt es scheinbar unter Bladersöldnern nicht, sie dienen demjenigen, der sie bezahlt und das ist nun Masaru. Sie könnten einfach mit Masaru in Kontakt treten und neue Jobs für ihn erledigen, als würden sie sich das Geld entgehen lassen. Dafür werden sie ihnen niemals seine Lokation sagen und das wird Chris von Anfang an gewusst haben. Er hat sich nie Informationen erhofft und ist aus einem anderen Grund hier.
     „Weg aus Fukaya, bevor wir Besuch von der WBBA bekommen. Das ist für beide Seiten immer ermüdend.“ Demonstrativ gähnt Crow und zuckt die Schultern. „All das war ein Missverständnis und wir durften gehen. Ihr habt keinen Grund, uns aufzuhalten.“
     Kyoya starrt ihn nieder. „Das war kein Missverständnis.“ Er passt sich Chris‘ Kälte an und fokussiert ihn eindringlich. „Sollte ich euch nur in der Nähe sehen, werdet ihr das bereuen.“
     „Pah, eine leere Drohung, nichts weiter.“ Takeru wedelt mit seiner Hand und öffnet und schließt sie danach mehrmals. „Die WBBA würde das nie zulassen.“
     „Ich arbeite nicht für die WBBA“, widerspricht Kyoya und nähert sich Takeru, dass er mehr Raum einnimmt, „und meine Drohungen sind Versprechungen.“ Weil er größer ist, kann er auf ihn herabschauen. „Wo ist Masaru?“
     Er betont jedes Wort einzeln und legt noch mehr Selbstbewusstsein an den Tag als sonst. Kyoya ist allgemein mit einer autoritären Aura gesegnet und nun hebt er sie noch hervor. Niemand verletzt ungestraft seinen Bruder oder startet den Versuch, dies zu tun. Große Reden sind nicht seine Art und er lässt immer Taten folgen, sie hören also lieber auf seine Drohung oder geben ihm einen Grund, sich zu wehren.  
     „Ihr werdet das noch früh genug erfahren. Er hat noch viel mit dir vor, Chris.“ Ein breites Grinsen thront auf Takerus Lippen und er guckt an ihm vorbei zu Chris.
     Dass er die weitere Zusammenarbeit und das Wissen über seine Pläne gerade bestätigt hat, geht bei seinem Größenwahn scheinbar geflissentlich an ihm vorbei. Sie könnten ihn verfolgen oder überwachen lassen und so Masarus Versteck finden. Egal, was er vorhat, er wird sowieso scheitern. Seine Fixierung auf Chris ist und bleibt allerdings besorgniserregend.
     Jener ist so dreist, ihn ein Stückchen zur Seite zu schieben und er hebt die Mundwinkel zu einem einseitigen Lächeln. „Mit euch ebenfalls. Ihr seid eher Last als Nutzen für ihn und er wird euch loswerden wollen. Dann endet ihr wie die anderen Bladersöldner mit einem zerstörten Bey und Ego.“
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