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Edel hoch zwei

von Sassie
GeschichteHumor, Romance / P18 / Het
Felix Edel OC (Own Character) Sandra Starck
25.06.2021
26.07.2021
15
53.479
 
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22.07.2021 4.474
 
Sandra knipste die Schreibtischlampe auf ihrem Tisch aus, streckte sich noch einmal durch, und wanderte in den Empfangsraum. Sie stellte ihre Aktentasche ab, zupfte ihren Mantel vom Haken und schlüpfte hinein, dann strich sie ihr langes Haar aus dem Kragen und ging lächelnd auf die Bürotür ihres Kollegen zu. Vorsichtig schob sie sie auf und sah, dass Felix konzentriert über einigen Unterlagen brütete.
„Ich mach mich dann mal auf den Weg“, meinte Sandra leise, aber es kam keine Reaktion. Er war offenbar viel zu beschäftigt.
Sie schmunzelte. „Felix...“
„Ja?“ Blinzelnd blickte er auf.
Sie atmete ein, um ihm noch einmal zu sagen, dass sie los wollte, dann erinnerte sie sich aber an gestern Abend und wie wahnsinnig er ihr geholfen hatte und er sah so gestresst aus, sie hätte sich vermutlich schäbig gefühlt ihn jetzt einfach so allein zu lassen.
„Brauchen Sie Hilfe?“, hakte sie nach.
Er atmete tief durch, blickte auf seinem Schreibtisch herum, und zuckte die Schultern, bevor er seufzte. Das war Antwort genug.
Sandra schlüpfte wieder aus ihrem Mantel. „Ich bin gleich bei Ihnen. Aber mit Wein! Nur, dass Sie gewarnt sind.“
„Einverstanden“, schmunzelte er.
Sie drehte sich um und hängte ihren Mantel wieder auf, dann bremste sie sich kurz ein, kaute auf ihrer Unterlippe herum und schlich zurück in ihr Büro. Leise schloss sie die Tür und ging auf ihren Schreibtisch zu, tippte auf ihrem Handy herum.
Es dauerte keine Minute, bis Lukas abnahm.
„Schönen guten Abend“, hörte sie ihn lächeln. „Vermisst du mich schon so sehr, dass du unser Treffen nicht mehr erwarten kannst?“
„Lukas“, setzte sie vorsichtig an. „Ich fürchte das wird heute nichts. Wir haben noch wahnsinnig viel zu tun, du weißt ja… wir ersticken im Moment im Stress...“
„Oh...“ Sie konnte die Enttäuschung deutlich hören.
„Aber hey, wie wäre es mit… übermorgen? Wir könnten doch übermorgen was machen. Und dann kommt auch nichts mehr dazwischen, versprochen. Dann lass ich alles stehen und liegen.“, beeilte sie sich.
Kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung, dann ein leises Lachen. „Abgemacht. Aber übermorgen wirklich. Ich hab Sehnsucht nach dir.“
Sandra lächelte kurz und nickte. „Übermorgen. Versprochen. Wegen der Details schreiben wir uns noch?“
„Klar. Dann noch einen schönen Abend… sofern er schön werden kann mit so viel Arbeit.“
„Danke, Lukas. Wir hören uns. Schlaf gut.“
„Du auch“
Sie legte auf und atmete tief durch und obwohl sie nicht gelogen hatte, fühlte sie sich ein wenig schäbig dafür, dass sie ihn versetzt hatte. Andererseits hatte es ja auch einen wirklich triftigen Grund dafür gegeben.
Sandra schob ihr Handy wieder in die Hosentasche und marschierte in die Küche, schnappte sich eine Flasche Wein und zwei Gläser und betrat dann durch das Archiv Felix‘ Büro. „So!“
Die beiden beschlossen erst einmal anzustoßen, dann lehnte Sandra sich langsam zurück und strich sich durch ihr Haar. Felix beobachtete sie dabei und lächelte. Er konnte nicht fassen, dass sie Lukas tatsächlich für ihn versetzt hatte, aber das war ganz offensichtlich ein gutes Zeichen.
„Woran arbeiten Sie denn da?“, hakte sie dann nach und linste auf die Akte.
„Der Nachbarschaftsstreit“, seufzte Felix augenrollend. „Hab ich Ihnen ja erzählt“
„Ah ja, die zwei… was waren die? Cousins?“
„Jap“, nickte der Anwalt. „Das macht es nicht grade leichter“
Sandra schmunzelte und zuckte die Schultern. „Schade, dass es auch in Familien solche Streitereien gibt“
Felix lachte kurz auf und schüttelte leicht den Kopf und Sandra biss sich auf die Unterlippe. Sie hatte schon befürchtet, dass Lukas und Felix nicht das beste Verhältnis hatten, hatte aber aus beiden nicht viel rausbekommen. Offenbar hatte keiner Lust darüber zu reden und trotzdem plagte ihre Neugierde sie. Hieß es nicht immer eigentlich Zwillinge hätten ein noch engeres Band? Sie befürchtete, dass das bei Felix und Lukas eher das Gegenteil war, die beiden waren wie zwei gleich gepolte Magnete, die sich abstießen.
Sandra haderte noch einen kurzen Moment mit sich, dann erklang ihre Stimme leise. „Felix?“
„Hm?“
„Sie und Lukas… Sie verstehen sich nicht wirklich so wahnsinnig gut, oder?“, fragte sie vorsichtig.
Felix atmete tief durch und ließ seinen Stift sinken, bevor er den Kopf schüttelte und die Schultern zuckte. „Nein“
Sandra nickte und blickte wieder auf ihr Weinglas. Sie hatte schon befürchtet, dass sie mit dem Thema an ihm abprallen würde, hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass er weitersprechen würde.
„Wir haben uns schon als Kinder noch nie so wahnsinnig gut verstanden… das wird Zwillingen ja oft nachgesagt.“, grinste der Anwalt. „In der Schule wurde es dann schlimmer, in der Pubertät am allermeisten. Lukas hatte immer eine gewisse Leichtigkeit, eine Lässigkeit, die mir ein wenig gefehlt hat. Wir hatten oft Konflikte deswegen… ich hatte immer das Gefühl er klaut mir meine Freunde… und später auch Freundinnen...“
„Oh“, murmelte Sandra und knibbelte nervös an dem Stil ihres Weinglases herum.
„Tja, deswegen bin ich vermutlich auch so ausgerastet, als ich ihn mit Ihnen gesehen habe. Es war bei weitem nicht das erste Mal, dass er sich als mich ausgegeben hat, um sich an Mädchen ranzumachen, die ich toll fand, und ihnen dann zu erklären ‚oh, ganz nebenbei, ich bin überhaupt nicht Felix, ich bin sein viel coolerer Bruder‘. Das hab ich früher schon gehasst.“, murmelte der Anwalt und seufzte leise. „Tja und richtig schlecht wurde unser Verhältnis dann, als Vater uns die Kanzlei überlassen hat. Lukas hatte schon aufs Studium keinen Bock, aber wir haben darüber geredet. Und als es dann ernst wurde, ist er abgehauen nach Hannover. Vielleicht war ich auch nur wütend, weil ich gern an seiner Stelle gewesen wäre, weil ich gern derjenige gewesen wäre, der abgehauen wäre, der zuerst die Idee gehabt hätte einfach zu gehen. Ich weiß es nicht. Jetzt im Nachhinein kann ich Lukas sogar verstehen, er wurde immer viel mehr in dieses Anwaltsleben gedrängt als ich, ich war ganz okay damit. Aber wir haben eben beide vergebens um das Ansehen unseres Vaters gebuhlt… gewonnen hat es niemand, aber irgendwie habe ich doch den Eindruck, dass Lukas immer viel mehr sein eigenes Ding durchgezogen hat, als ich… vielleicht bin ich ja insgeheim auch nur auf mich selbst sauer.“
Sandra hatte nicht mit einem derartigen Geständnis gerechnet und sie fand es mehr als groß, dass Felix sich selbst und ihr gegenüber solche Schwächen eingestand. Sie atmete lautlos durch und blickte dann wieder zu ihm auf.
„Lukas und ich sind einfach wahnsinnig unterschiedlich in gewissen Dingen und das hat schon immer zu Konflikten geführt. Natürlich hat jede Ansicht und jeder Charakter seine Daseinsberechtigung, aber Sie kennen das bestimmt auch, wenn Sie mit jemandem einfach nicht so gut klarkommen. Ich hab eben das Pech, dass es in meinem Fall mein eigener Bruder ist.“, meinte Felix und zuckte die Schultern. „Und wer weiß, vielleicht wird sich das nie ändern“
„Haben Sie schon versucht sich auszusprechen?“, fragte Sandra.
Der Anwalt blickte überrascht auf. „Hat Lukas das nicht erzählt?“
Sie schüttelte den Kopf.
Felix räusperte sich leise. „Wir hatten uns ausgesprochen. Also zumindest ein wenig… aber… na ja, sagen wir mal so, es hat ihm nicht gerade geholfen meine Sympathie zu gewinnen, als er angefangen hat mit Ihnen auszugehen.“
„Weil er sich anfangs als Sie ausgegeben hat“, nickte Sandra verständnisvoll.
„Nein...“, entgegnete Felix leise.
Sie blickte auf und sah ihn mit großen Augen an und er erwiderte den Blick, bis ein leichtes Lächeln seine Lippen umspielte. Sandras Mund wurde trocken und sie schluckte leicht. Verstand sie das gerade richtig? War er womöglich tatsächlich sowas wie… eifersüchtig?
Sie zuckte zusammen, als Felix‘ Telefon klingelte.
Stöhnend zupfte der Anwalt den Hörer von der Gabel. „Edel“
Sandras Aufmerksamkeit driftete ab und sie dachte krampfhaft über das nach, was er gerade gesagt hatte. Konnte es wirklich sein, dass es ihm nicht passte, dass Lukas mit ihr ausging, weil da in gewisser Weise eigenes Interesse bestand?
Nein… nein, sie durfte sich nicht wieder in diese Gedanken hineinsteigern, solang es keine Beweise gab. Am Ende würde sie damit nur sich selbst enttäuschen… und im schlimmsten Fall auch Lukas. Sie wollte bei Gott nicht der Grund sein, weswegen die zwei sich womöglich noch mehr entzweiten.
Felix schüttelte den Kopf, als er wieder aufgelegt hatte. „Die glauben ja auch echt wir haben nichts zu tun“
„Wer?“, hakte Sandra nach.
„Pflichtverteidigung… konnte ich gerade an einen Kollegen abwimmeln. Oder hätten Sie sie machen wollen?“
„Definitiv nicht“, lachte die junge Anwältin und räusperte sich dann. „Wo brauchen Sie denn hier jetzt Hilfe?“
Er schwieg und sah sie an, verlor sich in dem Anblick ihrer wunderschönen dunkelbraunen Iris, und der nächste Satz purzelte ihm einfach über die Lippen. „Ich mag Ihre Augen“
Überrascht blickte sie auf und schmunzelte dann leicht. „Das beantwortet meine Frage aber nicht“
„War aber trotzdem eine wichtige Information, die ich mal loswerden wollte“, entgegnete er und blickte dann auf seine Unterlagen. „Tja, im Endeffekt fürchte ich, dass es den zeitlichen Rahmen sprengen würde Sie komplett in diesen Fall einzuführen“
Sandra blickte auf ihre Armbanduhr und dann auf den Stapel Papier auf Felix‘ Schreibtisch. „Tja, da könnten Sie ausnahmsweise recht haben. Und jetzt?“
„Na, jetzt trinken wir erst mal die Flasche Wein hier aus“
„Felix, das entwickelt sich langsam in eine ungesunde Richtung mit uns! Wir können nicht jeden Abend eine Flasche Wein trinken!“
Sie lachten kurz und Sandra lehnte sich wieder zurück, wischte mit dem Daumen das Kondenswasser vom Glas.
„Sandra?“, setzte Felix leise an.
„Hm?“
„Waren Sie heute Abend mit Lukas verabredet?“
Sie hob ihren Blick und sah ihr Gegenüber an. Dann nickte sie leicht. „Ja“
Felix wusste, dass die Frage gewagt war, er stellte sie dennoch. „Und dann haben Sie ihm meinetwegen abgesagt… wieso?“
Sandra schluckte, weil sie sich nicht sicher war, was er hier gerade von ihr hören wollte. Es gab nicht nur einen Grund, sie konnte ihm den für sie vorrangigsten allerdings nicht nennen, denn dazu war sie sich noch zu unsicher was er wirklich im Sinn hatte. „Na ja, Sie haben mir gestern ja auch noch geholfen und als ich mich verabschieden wollte, hab ich Sie hier so angestrengt sitzen und grübeln sehen… da wollte ich Ihnen den Gefallen auch tun.“
Er nickte leicht.
„Und außerdem“, fügte sie schnell hinzu. „Treff ich mich ja übermorgen wieder mit Lukas. Also ganz sicher dieses Mal. Ich habs ihm versprochen...“
Felix spürte, wie sein Herz eine Etage tiefer sank, aber im Endeffekt hatte er gewusst, dass es irgendwann wieder soweit sein würde. Aber noch war nichts verloren. Er hatte noch morgen. Einen ganzen Abend, um ihr klarzumachen, dass er sie wollte. Auch wenn er sich bewusst war, dass sie im Endeffekt den entscheidenden Schritt tun musste, denn die Blöße sich nachsagen zu lassen er hätte sie Lukas überfallsartig entrissen, würde er sich bestimmt nicht geben.

Lukas zog die Kneipentür auf und seufzte missmutig, als er sah, dass sein Bruder noch nicht da war. Er hatte gehofft Sandra vielleicht zumindest noch zu einem Drink überreden zu können, wenn sie womöglich doch früher fertig wurden mit der Arbeit, aber Felix‘ Abwesenheit signalisierte ihm deutlich, dass sie es wohl ernst gemeint hatte, als sie ihm gesagt hatte, dass sie in Arbeit erstickten. Glücklicherweise war Otto da und das beruhigte Lukas schon sehr.
Er hoffte, dass Sandra sich bewusst war, dass er nicht ewig in Berlin bleiben konnte und irgendwann wieder nach Hannover zurück musste und bis dahin hätte er gerne gewusst woran sie waren, ob es Sinn machen würde sich dieses Grundstück wirklich zu kaufen, oder doch lieber eine Wohnung in Berlin anzumieten. Lukas mochte sie sehr und es hätte keinen Sinn mehr gehabt das noch in irgendeiner Weise zu leugnen, aber er verstand auch, dass Sandra vorsichtig war. Sie kannten sich noch nicht so lange und Lukas schätzte es, dass sie sich ihm nicht einfach blindlings an den Hals warf, sondern die Dinge auch etwas langsamer angehen wollte. Sich gut zu kennen war die Grundvoraussetzung für eine funktionierende Beziehung.
Er lächelte verträumt, während er sich auf den Barhocker sinken ließ.
„Was auch immer du genommen hast, davon hätt ich gerne eine Ration!“, meinte Otto grinsend und nickte Horst zu, um ein Bier zu bestellen.
„Eine Portion Sandra Starck?“, gab Lukas zurück und sah ihn an.
„Oh… wow...“ Der Türke räusperte sich und starrte schnell zurück auf sein Glas. Er hatte befürchtet, dass irgendwas in die Richtung kam, und nachdem er von Felix schon einige Zeit nichts gehört hatte, war er sich nicht ganz sicher, ob er das hier gerade gut finden sollte. Hatte er ihm nicht gesagt, dass er voll in die Offensive gehen musste? Lukas hörte sich jedenfalls nicht so an, als hätte Sandra ihn abgeschossen.
„Schade, dass sie schon wieder länger arbeiten muss“, seufzte Lukas leise. „Danke, Horst“
„Ach...“, meinte Otto und glaubte zu ahnen, was hier vor sich ging. Sein bester Freund war ganz schön ausgeklügelt.
„Ja… leider“, zuckte Lukas die Schultern.
„Aber ist normal, um die Jahreszeiten ersticken die in Fällen“, pflichtete Otto eilig bei.
„Ja ja, versteh ich ja auch. Hat nicht wie ein Vorwurf klingen sollen. Ich finde es toll, dass sie so zielstrebig ist.“, lächelte Lukas und atmete dann tief durch. „Sag mal, Otto, hat dich schon mal eine Frau dermaßen umgehauen, dass du für sie sämtliche Pläne einfach über Bord geworfen hättest?“
„Öh…“ Der Türke schluckte. „Na ja… ja, aber das war meist nur ein Hirngespinst. Ich meine, wir sind doch Kerle und nur wegen einer Frau seine Pläne aufgeben, also… nein!“
„Na, wenn sie es wert ist“, zuckte Lukas die Schultern.
Otto schluckte und schwieg. Er hoffte nur, dass sein bester Freund gerade aktiv dabei war seine Chance zu nutzen, denn verdammt, die Konkurrenz war offensichtlich ebenfalls deutlich auf Angriff gebürstet.

Irgendwie war es trotz allem ein wenig befremdlich, als Sandra aus der Tür trat und Felix sah… und wusste, dass er es tatsächlich auch war. Sie hatte sich so sehr an den Gedanken gewöhnt, dass sie die letzten paarmal mit Lukas aus gewesen war, dass sie jetzt Mühe hatte sich wieder vom Gegenteil zu überzeugen.
Er lächelte, als sie auf ihn zukam und obwohl sie ihren Mantel trug und er noch nicht viel erkennen konnte, fand er jetzt schon, dass sie umwerfend aussah.
„Wo essen wir heute?“, begrüßte sie ihn.
„Wagner“, gab Felix zurück. „Karl wird allerdings leider nicht anwesend sein. Haben sie mir am Telefon schon gesagt.“
„Schade“
„Wir haben trotzdem den besten Tisch im gesamten Restaurant bekommen“, grinste Felix und streckte seine Hand aus.
Irritiert blieb Sandra vor ihm stehen und sah ihn skeptisch an.
Er lachte leise und griff nach ihrer Hand, zog sie sanft hoch, und hauchte einen leichten Kuss darauf. „Guten Abend, Sandra“
Sie war noch damit beschäftigt innerlich zu zerfließen aufgrund dieser kleinen Geste, während er sich schon umdrehte und ihr die Autotür aufhielt. „Darf ich bitten“
„Gern“, lächelte sie und als sie sich knapp an ihm vorbeischob, um in den Wagen zu steigen, nahm er ihren Duft wahr und realisierte wie gern er sie roch. Für einen winzigen Moment schloss er die Augen, dann schloss er die Beifahrertür und begab sich hinters Steuer.
„Haben Sie schon Hunger?“, fragte Felix, während er losfuhr.
„Ja“, antwortete Sandra und grinste kurz. „Ich würde ja die Gegenfrage stellen, wenn ich die Antwort nicht schon kennen würde“
Er schnaufte leise. „Ja, ich könnte dauernd essen“
Sandra lachte und nickte. „Stimmt. Ziemlich liebenswert eigentlich.“
„Ach ja?“, grinste er und sah sie kurz an, bevor er die Schultern zuckte. „Das würden Sie nicht aushalten, wenn wir…“
Er schluckte den Rest des Satzes, weil er selbst merkte, dass das eindeutig zu weit gegangen wäre, aber er konnte sich kaum helfen. Er fühlte diese unbändige Vertrautheit zwischen ihnen und war davon mehr als beflügelt, trotzdem musste er einen klaren Kopf bewahren. Der nächste Schritt konnte immer einer zu viel sein und obwohl er wusste, dass er ihr klarmachen musste, was er wollte, durfte er nicht zu ruppig vorgehen.
„Ich glaube das würden SIE nicht aushalten mit meinen miesen Kochkünsten“, antwortete sie seufzend und er war erstaunt darüber, dass sie seinen Gedankengang offenbar zu Ende gedacht und nicht fehlinterpretiert hatte.
Der Weg bis zum Gendarmenmarkt verging wie im Flug und als sie beide lachend aus dem Wagen stiegen, war Sandra so entspannt, dass sie schlichtweg nach seiner Hand griff, als er neben ihr auf den Bürgersteig getreten war.
Er sah sie überrascht an und sie begriff ihren Fehler sofort und zog ihre Hand eilig wieder zurück, bevor sie sich räusperte. „Tut mir leid“
„Muss es nicht“, antwortete Felix und konnte sich ein kurzen triumphales Grinsen nicht verkneifen. Verschwammen ihr hier etwa gerade die Grenzen? Fühlte sie sich an die Dates mit Lukas zurückerinnert, bei denen sie gedacht hatte es wäre er gewesen?
Sandra schob ihre Hände in ihre Manteltaschen, damit ihr das nicht noch einmal passieren konnte. Sie wusste nicht was los war, aber vermutlich konnte sie wirklich nicht mehr ganz unterscheiden zwischen dem Felix, mit dem sie vermeintlich jeden Samstag ausgegangen und der so nahbar gewesen war und dem echten, der hier gerade neben ihr wanderte und bei dem sie sich noch nicht sicher war, wie weit sie wirklich gehen konnte.
Felix machte zwei schnelle Schritte nach vor und zog die Tür des Restaurants auf, Sandra bedankte sich und trat ein und spürte sogleich seine Hand im Rücken. Schluckend stellte sie fest, dass er sie dort nicht nur hingelegt hatte, um sie nach vor zu schieben, sie blieb auch liegen, als sie stehenblieben und auf den Kellner warteten, der sie zu ihrem Tisch geleiten würde.
„Darf ich Ihnen schon mal den Mantel abnehmen?“, fragte Felix leise in ihr Ohr.
Sie spürte, wie sich ihre Nackenhärchen aufstellten, und nickte.
Sie öffnete die Knöpfe und seine Finger wanderten von hinten über ihre Schultern und zogen das Kleidungsstück sacht hinab. Wenige Augenblicke später hatte er ihre Mäntel an die Garderobe gehängt und gesellte sich wieder zu ihr.
„Herr Edel?“, begrüßte der Kellner ihn fragend.
Felix nickte.
„Wir haben Ihren Tisch vorbereitet. Kommen Sie bitte.“
Die beiden Anwälte folgten dem jungen Mann und Sandra versuchte ihr Erstaunen so gut wie möglich im Zaum zu halten, als sie sah, dass auf dem Tisch eine Kerze brannte und eine Flasche Wein bereitstand.
„Ich war so frei gleich ein Menü zu bestellen, als ich angerufen habe“, meinte Felix, während er dem Kellner dankend zunickte, und einen Stuhl zurückzog, bevor er darauf deutete.
Sandra setzte sich und lächelte ihn dann an, als er ihr gegenüber Platz genommen hatte. „Danke Felix, das ist wahnsinnig aufmerksam“
„Na, Sie wissen ja noch gar nicht was es gibt. Vielleicht ja… Schnecken mit Minzsauce…“
Sandra verzog das Gesicht und ihr Gegenüber lachte.
„Ich hoffe das war ein Scherz“, meinte sie grinsend.
Felix nickte und atmete dann tief durch. Ihm war bewusst, dass er den Abend auf eine gute Fährte gelenkt hatte, allerdings hatte er immer noch keinen Plan, wie er Sandra soweit bringen konnte morgen im Zweifelsfall nicht mit seinem Bruder ins Bett zu steigen. Er hatte sich zwar geschworen nicht über das Thema nachzudenken, aber ihm war auch bewusst wie viel hier auf dem Spiel stand. Gestern hatte er sich sogar gefragt, ob es für ihn am Ende wirklich so ein Problem sein würde, wenn Lukas einmal mit ihr im Bett gewesen wäre, aber die Antwort war immer Ja gewesen – egal, wie er es drehte und wendete. Sein Blick fiel wieder auf die wundervolle Frau, die ihm gegenüber saß, und sich unauffällig in dem Restaurant umsah, und er wusste, dass er sie Lukas nicht einfach so völlig kampflos überlassen konnte.
Er räusperte sich leise, als er sein Glas hob. Sie sah ihn an und tat es ihm gleich.
„Auf uns“, lächelte er und sie prosteten sich zu und tranken einen Schluck.
„Wow… der ist lecker. Hast du den ausgesucht?“ Sandra betrachtete den blutroten Inhalt des Glases und erst durch Felix‘ Schweigen wurde ihr einen Augenblick später bewusst, was sie gesagt hatte. „Tut mir leid, ich… das… tut mir leid“
Wieder eine Situation, in der sie es offenbar nicht mehr hatte trennen können. Felix wusste, dass er hier gerade meterweise Vorsprung sammelte.
„Würden Sie wohl aufhören sich für alles zu entschuldigen?“, schmunzelte er. „Solang Sie mir heute nicht noch unabsichtlich zwischen die Beine treten, müssen Sie sich für gar nichts entschuldigen. Okay?“
„Okay“, antwortete sie verlegen und atmete dann tief durch.
Sie lächelte den Kellner freundlich an, als er ihnen die Vorspeise servierte.
Während des Essens versuchte Felix die Themen locker zu halten, die Unterhaltungen entspannt aufrecht zu erhalten, was ihm nicht schwer fiel. Sie hatten sich eigentlich immer viel zu sagen. Aber als sie fast mit dem Nachtisch fertig waren, wurde ihm bewusst, dass dieser Abend irgendwann enden würde und alles was ihm blieb war der kurze Spaziergang zum Auto und die Fahrt zu ihr nach Hause. Würde er es schaffen da noch einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen? Je mehr Zeit verging und je länger er hier mit ihr saß und realisierte wie unglaublich schön es war mit ihr zu sein, umso mehr brach ihm der Gedanke das Herz, dass sein Bruder das morgen Abend alles erleben durfte.
Sie lächelte ihn an und Felix merkte, wie es ihm die Kehle fast zuschnürte, weil er spürte, wie sehr er das alles exklusiv haben wollte.
„Möchten Sie noch irgendwas? Essen? Trinken?“
„Felix, ich platze gleich“, gab sie zurück. „Wenn überhaupt bräuchte ich jetzt ein schönes, großes Bett“
„Tja, dann kann ich Ihnen meines leider nicht anbieten, das ist nicht so groß“, gab er zurück und zuckte die Schultern.
„Schade“, murmelte sie leise, aber er hatte es genau gehört.
Er beschloss den Kommentar allerdings gentlemanlike zu übergehen und erhob sich. „Ich geh bezahlen, bin sofort wieder da“
„Danke“, schmunzelte sie.
Während Felix sich auf den Weg zur Bar machte, saß Sandra da und atmete tief durch. Dieser Abend war mehr als magisch gewesen und die Tatsache, dass es tatsächlich Felix gewesen war, der ihr hier heute gegenüber gesessen hatte und mit Charme nicht gegeizt hatte, verunsicherte Sandra. Hatte sie Lukas womöglich nur deshalb in Erwägung gezogen, weil sie ihn für eine Kopie von Felix hielt? Wenn sie das Original schon nicht haben konnte, dann wenigstens etwas, was ihm am ähnlichsten war? Sie vertrieb den Gedanken eilig wieder, weil sie merkte, dass sie damit womöglich ziemlich ins Schwarze traf, es mit ihrer Moral aber nicht vereinbaren konnte.
Als sie Felix‘ Schritte wieder hörte, warf sie einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr und erschrak fast ein wenig. „Oh Gott, wann ist es denn so spät geworden?“
„Irgendwann zwischen dem Hauptgang und dem Nachtisch, fürchte ich“, lächelte Felix und blieb stehen. „Sollen wir?“
„Ja… wäre vielleicht klüger“ Sandra erhob sich und sie gingen gemeinsam auf die Garderobe zu. Felix half ihr in den Mantel, bevor er seinen eigenen anzog, sie verabschiedeten sich von dem Kellner, und traten wieder in die kalte Nachtluft hinaus.
Sandra fröstelte und Felix sah sie an.
„Na ja, wenn ich so viel gegessen habe, werde ich immer müde, und wenn ich müde bin, wird mir kalt“, entschuldigte sie sich, bevor sie stehen blieb und lauschte. „Hören Sie das?“
„Ja… Musik“, meinte Felix. „Klingt als käme das aus diesem Club da“
„Für Clubmusik ist das aber zu… geschmackvoll…“, murmelte Sandra, während sie neben Felix auf die Tür an der Ecke des Gebäudes zuging.
Sie blieben stehen und lauschten und der Anwalt nickte. „Sag ich doch“
„Hm“ Sandra zog eine Augenbraue hoch.
Felix sah sie einen Moment an und schlang dann kurzerhand einen Arm um ihre Taille, bevor er grinste. „Darf ich bitten, Frau Starck?“
Sie lachte, als er sich schwungvoll mit ihr im Kreis drehte und wieder stehenblieb. „Ist das Ihr Ernst?“
Vorsichtig legte sie ihre Hand in seine.
„Mein voller Ernst“, antwortete er und begann mit ihr zu tanzen. Sandra war absolut sprachlos, sie hätte mit allem gerechnet, nur nicht damit. Felix tanzte mitten auf dem Gendarmenmarkt mit ihr und auch wenn nicht mehr viele Menschen unterwegs waren, Sandra war sich ziemlich sicher, dass es ihm auch egal gewesen wäre, wenn sie ein Massenpublikum beobachtet hätte. Er schien so ungewohnt losgelöst, so völlig frei und locker und das gefiel ihr mehr, als sie zugeben wollte.
Sie konnte nicht mehr aufhören ihn anzulächeln, ihren Blick über sein Gesicht wandern zu lassen, zu sehen, wie er lachte und sie immer wieder herumwirbelte. Als das Lied endete, bremste auch Felix sich ein und verbeugte sich dann vor ihr.
„Sie verrückter Kerl“, lachte Sandra kopfschüttelnd.
„Kommen Sie“, grinste er. „Bevor noch jemand die Polizei holt“
Sandra kicherte, während sie eilig neben ihm auf seinen Wagen zuging und sich auf den Beifahrersitz fallenließ.
Sie beobachtete, wie Felix sofort die Heizung anstellte, als er das Auto gestartet hatte, und während er sie nach Hause fuhr, redeten sie nicht viel, denn beide genossen die pure Anwesenheit des anderen und die angenehme Ruhe.
Felix graute mit jedem Meter, den er ihrem Zuhause näher kam, immer mehr davor, dass dieser Abend jetzt endete und dass er nicht wusste, ob er übermorgen immer noch so wahnsinnig glücklich sein würde.
Er parkte den Wagen und atmete tief durch, sah sie an. Sandra lächelte und blickte dann überrascht hinab, als Felix sich abschnallte.
„Ich bring Sie noch zur Tür“, erklärte er und öffnete die Wagentür.
„Klar. Die drei Meter schaff ich natürlich nicht alleine.“, antwortete sie lachend und stieg ebenfalls aus dem Auto.
Sie wartete, bis Felix neben ihr war und ging dann mit ihm gemeinsam auf die Haustür zu, bevor sie sich zu ihm umdrehte und tief durchatmete. „Tja, Felix, danke für diesen wunderschönen Abend“
„Keine Ursache. Können wir ruhig wieder öfter machen.“, meinte er und sah sie an.
Sie nickte lächelnd und biss sich leicht auf die Unterlippe, als sie das unbändige Kribbeln in ihrer Magengegend spürte. Langsam ging sie einen Schritt auf ihn zu. „Gute Nacht, Felix“
„Gute Nacht“ Er lächelte und beugte sich bewusst langsam vor, damit sie noch Gelegenheit hatte sich zurückzuziehen, falls ihr das zu nah war, aber nichts dergleichen passierte.
Felix‘ Lippen landeten zart auf ihrer Wange.
Sandras Schmetterlingsmeer explodierte. Sie spürte, wie er sich wieder ein wenig von ihr entfernte und ohne groß darüber nachzudenken, drehte sie ihren Kopf in seine Richtung und drückte ihre Lippen für einen kurzen Moment auf seine.
Er schluckte, verharrte in seiner Bewegung und auch Sandra zog sich nicht weiter zurück. Sie waren sich immer noch zum Greifen nah, spürten den Atem des jeweils anderen und die junge Anwältin konnte nicht anders, sie wollte ihn noch einmal, noch ein wenig länger. Vorsichtig legte sie ihm eine Hand in den Nacken, zog ihn wieder etwas weiter zu sich und noch einmal verschmolzen ihre Lippen zu einem hauchzarten unschuldigen Kuss. Er dauerte einige Sekunden, dann brachten sie ihre Gesichter weit genug auseinander, um sich ansehen zu können.
Sandra zog ihre rechte Hand aus seinem Nacken und Felix legte seine auf ihre linke, die auf seiner Brust ruhte.
„Bis morgen“, flüsterte er leise und machte einen Schritt zurück.
Sie nickte nur und schluckte atemlos, beobachtete, wie er zu seinem Wagen zurückging und einstieg. Sie sah, dass er sie anlächelte und dann den Motor anließ und während sie immer noch wie angewurzelt hier stand, fuhr er langsam die Straße entlang.
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