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Edel hoch zwei

von Sassie
GeschichteHumor, Romance / P18 / Het
Felix Edel OC (Own Character) Sandra Starck
25.06.2021
28.07.2021
16
58.881
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20.07.2021 3.582
 
Der Anwalt schnappte zwei Gläser und eine Flasche Wein, rückte seine Krawatte nochmal zurecht und atmete tief durch. Er wusste, dass dieser Abend womöglich der erste entscheidende Schritt zurück in die richtige Richtung sein konnte und er durfte es nicht versauen. Kurz vor ihrer Bürotür bremste er sich noch einmal ein. Das Herz schlug ihm bis zum Hals und er war unvorstellbar nervös. Leise klopfte er und öffnete, als Sandra ihn hinein bat.
„Sie können die Tür offen lassen“, meinte sie ohne aufzublicken.
„Gut“ Felix ging auf ihren Schreibtisch zu und betrachtete sie kurz, bevor er lächelte. Es gab absolut keinen Grund nervös zu sein. Otto hatte recht gehabt. Heimvorteil. Er kannte sie besser als Lukas und genau das war sein Ass im Ärmel.
Langsam stellte er die Gläser ab und als er den Korken aus der Flasche zog, blickte Sandra auf.
„Wein?“, fragte sie etwas verwirrt.
„Ja. Wollten Sie die Tage doch… als ich keine Zeit hatte.“, schmunzelte Felix und füllte die Gläser, bevor er Sandra eines reichte.
„Danke“, meinte sie leise und sah ihn an.
„Es tut mir übrigens leid“ Er erwiderte ihren Blick und lächelte sie an. „Ich war in letzter Zeit wohl etwas, na ja… muffeliger als sonst“
„Ja“, lachte Sandra. „Durchaus“
„Wie gesagt; ich entschuldige mich in aller Form“ Er ließ sich auf den Stuhl sinken, den Sandra bereitgestellt hatte, und lehnte sich zurück.
Sie räusperte sich leise. „Schon gut, Felix“
Er merkte, dass sie wohl etwas irritiert war von seiner 180-Grad-Drehung und beschloss ihr kurz Zeit zu lassen sich wieder zu akklimatisieren. Sie zupfte die Unterlagen aus einer Akte hervor und schnappte sich das Handelsgesetzbuch, schlug es auf und atmete tief durch.
„Um ehrlich zu sein hab ich nicht mehr an dem Fall weitergearbeitet seit Sie den Paragraphen vorgeschlagen hatten“, schmunzelte sie verlegen. „Ich bin gedanklich irgendwie nicht ganz reingekommen“
„Kein Ding“, antwortete Felix. „Dann machen wir das gemeinsam“
Sie nickte und atmete tief durch, schlug auch noch das BGB auf und begann dann Felix auf den momentanen Stand der Dinge zu bringen. Der Anwalt hörte ihr zu und konnte ihr auch folgen, aber sein Hauptaugenmerk lag darauf sie zu betrachten. Alles an ihr war so vertraut und trotzdem sah er sie so genau an wie schon lang nicht mehr. Sie war eine absolut außergewöhnliche Schönheit, ihr Gesicht war anmutig und wahnsinnig einzigartig und obwohl er ihre Mimik kannte, war er fasziniert von der Ausdrucksstärke.
Sandra seufzte leise, während sie Felix erklärte wo sie gedanklich festhing und schaute dann auf.
„Jedenfalls bin ich mir nicht ganz sicher, ob…“ Sie hatte nicht mit einem solch intensiven Blick gerechnet und verstummte kurz, blinzelte verlegen und konzentrierte sich wieder auf das Blatt Papier auf ihrem Schreibtisch. „Ich bin mir nicht sicher, ob… Felix“
Erneut blickte sie auf.
Der Anwalt lächelte leicht.
„Warum sehen Sie mich so an?“, fragte sie leise.
„Wie seh ich Sie denn an?“, gab er zurück und schmunzelte kurz.
Sie strich ihr Haar hinters Ohr und räusperte sich nervös, weil sie vermutete, dass sie keine Antwort erhalten würde. Als sie bereits den Mund öffnete, um fortzufahren, atmete Felix tief durch. „Ich hab mich nur gefragt…“
„Ja?“
„Was passiert wäre, wenn ich Sie so kennenlernen hätte dürfen wie Lukas“, beendete er den Satz ruhig. „Ich meine… ich verstehe, warum er absolut keine Chance hatte“
„Keine Chance?“, fragte sie etwas schwach.
„Ja. Keine Chance. Nicht den Hauch. Ich hätte mich vermutlich auch als sonst jemand ausgegeben nur damit Sie sich zu mir an den Tisch setzen.“ Er bemerkte ganz genau, dass sie leicht errötete.
Sandra hatte keinen blassen Schimmer woher dieses Verhalten plötzlich kam, aber sie hätte nicht behaupten können, dass es sie störte. Ganz im Gegenteil, sie fühlte sich ziemlich wohl, dass er offenbar wieder normal war. Andererseits… war das normal? Machte man einer Geschäftspartnerin solche Komplimente? Vorsichtig hob sie den Blick wieder, er hatte seine Aufmerksamkeit glücklicherweise auf das Gesetzbuch gerichtet.
„Hmm…“, meinte er leise. „Was haben Sie dazu denn schon?“
„Das hab ich Ihnen doch gerade erklärt“, gab sie zurück.
„Ich war damit beschäftigt Sie anzusehen“ Er erhob sich und wanderte um den Schreibtisch herum, blieb knapp neben ihrem Stuhl stehen. „Sind das die Notizen dazu?“
„Ja“
„Hm“ Er stützte seine Hand auf den Tisch und lehnte sich knapp neben ihr hinab.
Sandra schluckte, als ihr sein Aftershave in die Nase stieg und sich sofort dieses warme Gefühl in ihr breit machte. Sie liebte es wie er roch und war froh, dass sie sich in diesem Moment nicht ganz so konzentrieren musste, denn das hätte sie vermutlich ohnehin nicht geschafft.
„Na, das sieht doch schon mal gut aus. Dann machen wir da einfach mit dem HGB weiter.“
„Klar“, gab sie zurück und beobachtete, wie er langsam wieder zurück wanderte. Sie fragte sich, ob er auch nur den Hauch einer Ahnung hatte wie wahnsinnig gut er in diesem weißen Hemd aussah, dessen Ärmel er locker ein wenig hochgekrempelt hatte. Die ersten beiden Knöpfe waren geöffnet und als er sich von der anderen Seite noch einmal über den Schreibtisch beugte und sie was fragte, rutschte ihr Blick auf das Stückchen nackten Oberkörper, das man sehen konnte, und mit einem Mal merkte sie, dass sie die wenigen aber doch vorhandenen Brusthaare an ihm eigentlich wahnsinnig attraktiv fand.
„Sandra...“ Er schmunzelte.
Verwirrt sah sie zu ihm hoch, wurde empfangen von dem warmen Blick aus seinen blauen Augen. „Ja?“
„Ich wollte wissen was Sie da im Sinn hatten“, grinste er.
„Wo?“, gab sie blinzelnd zurück.
Er deutete mit dem Finger auf einen nicht fertiggestellten Satz. „Da“
„Ach so… nichts von Bedeutung, hatte nur versucht meine Gedanken zu sortieren, ist aber danebengegangen“, gab sie leise zurück.
„Gut, dann sortieren wir neu“ Er setzte sich wieder und räusperte sich, setzte seinen konzentrierten Denkerblick auf und seine Kollegin konnte nicht umher kurz zu schmunzeln.
Sie rollten den Fall noch einmal von vorne auf und Sandra merkte zunehmend, dass sie viel zu kompliziert gedacht hatte. Alles was Felix da so aus dem Ärmel zauberte, klang wahnsinnig logisch und vielversprechend und es dauerte keine zwei Stunden, bis sie vor einem ziemlich ausgeklügelten Konzept für die Verhandlung saß und nickend noch einmal alles durchlas.
Sie hatten währenddessen eine Weinflasche getilgt, miteinander gelacht und gescherzt und Sandra konnte sich nicht erinnern, wann sie sich zuletzt so losgelöst gefühlt hatte.
Felix bemerkte, dass sie plötzlich anfing die Augenbrauen hinabzuziehen und zu grübeln und er konnte nicht umher zu schmunzeln. Das war typisch für sie, vermutlich fing sie gerade wieder an sämtliche utopische Szenarien durchzugehen.
„Moment mal“, murmelte sie just in diesem Moment. „Wenn wir aber hier...“
Sie deutete mit dem Finger auf eine Stelle in ihren Notizen und brachte den Satz nicht zu Ende, da er seine Hand plötzlich sanft auf ihre legte.
„Das wird nicht passieren. Der Richter wird die Frage nicht stellen. Ich weiß was Sie denken, aber nein.“, antwortete er leise.
„Aber was wenn doch?“, schluckte sie und spürte die Wärme seiner Haut ganz deutlich auf ihrer.
„Sandra, wie oft war es schon der Fall, dass Ihre Sorgen Sie schlussendlich in noch größeres Wirrwarr gestürzt haben…?“
„Das ist nicht fair“, murmelte sie. „Ich versuch nur mich abzusichern“
„Ja, ich weiß“, gab er zurück und zog seine Hand langsam wieder weg. „In dem Fall aber nicht nötig“
„Ja, vielleicht haben Sie recht“ Sie lehnte sich zurück und strich sich dann kurz über ihren flachen Bauch, was Felix‘ Aufmerksamkeit natürlich nicht entging.
Er überlegte für einen Moment, wägte Für und Wider ab, wusste aber, dass er sich für heute noch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen konnte.
„Sollen wir was zu essen bestellen?“ Er streckte sich kurz durch. „Ich weiß, Pizza oder Chinesisch sind kein guter Ausgleich für was auch immer Sie heute Abend ursprünglich gegessen hätten, aber… vermutlich auch besser als ein leerer Magen.“
Sandra überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf. „Nein, danke, schon gut. Patrizia hat bestimmt wieder zu viel gekocht.“
Felix nickte und beobachtete, wie sie langsam begann etwas Ordnung auf ihrem Schreibtisch zu machen. Er kaute noch für einen Moment auf seiner Unterlippe herum, aber dann fiel es ihm wieder ein; Offensive.
„Und was halten Sie davon, wenn wir wieder mal was essen gehen? Das haben wir schon ewig nicht mehr gemacht.“
Sie holte Luft, blickte auf, wollte eigentlich höflich ablehnen, aber das Gefühl, das er in ihr auslöste allein mit diesem intensiven Blick, ließ ihr einfach keine Wahl. Sie nickte langsam und ihre Stimme war ruhig. „Das wär schön“
Er lächelte. „Gut. Wann haben Sie Zeit?“
„Äh...“ Sie räusperte sich und dachte kurz nach. Gut, Lukas hatte heute Abend keine Zeit gehabt, aber wenn er etwas verschob, dann meist nur um einen Tag. „Wie wär es mit übermorgen?“
Felix begriff ganz genau, warum sie einen Tag dazwischen frei ließ und er hätte nicht behaupten können, dass der Gedanke ihm schmeckte, aber er nickte. „Klar. Gerne.“
„Gut“ Sie lächelte und atmete dann tief durch, bevor sie sich erhob und ihren Rock glatt strich. „Dann räum ich hier noch ein wenig auf und...“
„Lassen Sie nur, ich mach das schon. Fahren Sie nach Hause bevor Sie mir verhungern.“
„Quatsch“, winkte sie ab und schnappte die Weingläser.
Sie ging um ihren Schreibtisch herum, blieb aber abrupt stehen, als er sich knapp vor ihr aufbaute und seine Stimme dunkler klang, als sie es in Erinnerung hatte. „Sandra, das war ernst gemeint. Ich mach das.“
Er lächelte und ihr entglitten die Gläser beinah, als sie spürte, dass seine Hände ihre eindeutig berührten bei dem Versuch sie abzunehmen.
„Okay“, nickte sie und brachte es für einen Moment nicht übers Herz sich einfach zu entziehen. Sie merkte was für eine unbändige Wirkung seine körperliche Nähe auf sie hatte und für den Bruchteil einer Sekunde verirrte ihr Blick sich auf seine Lippen. Unwillkürlich schluckte sie, ihr Herzschlag geriet etwas außer Kontrolle.
Sie spürte diese wahnsinnige Anziehung, seine Wärme, nahm seinen Geruch erneut wahr und es war wahrscheinlich diese irrsinnige Vertrautheit, die sie genau in diesem Moment so abholte.
Langsam schaffte sie es schlussendlich ihre Arme wieder zu senken und sie machte einen vorsichtigen Schritt zurück. „Sehen wir uns morgen früh im Café?“
„Ach Sandra“, grinste er. „War das schon jemals anders?“
Sie schmunzelte. „Stimmt...“
Er drehte sich um und wanderte breit grinsend in die Küche, um die Gläser in die Spülmaschine zu räumen. Als er damit fertig war, lehnte er sich in den Türrahmen und beobachtete sie dabei, wie sie in ihren Mantel schlüpfte und ihr langes Haar aus dem Kragen strich, bevor sie sich zu ihm umdrehte und leicht lächelte. „Bis morgen“
„Bis morgen“, gab er zurück und blickte ihr hinterher.
In der Tür drehte sie sich noch einmal um und sah ihn an und er zwinkerte ihr zu. Sie biss sich verlegen auf die Unterlippe, schmunzelte leicht, und zog dann die Tür zu.
Felix atmete tief durch. Das war ja schon mal ein vielversprechender Start gewesen. Jetzt musste er nur noch irgendwie sicherstellen, dass Lukas morgen nicht an Sandra rankam.

Sandra hatte recht behalten; Patrizia hatte natürlich wirklich zu viel gekocht und die junge Anwältin saß mit dem aufgewärmten Auflauf beim Küchentisch und stocherte gedankenverloren darin herum. Ihre beste Freundin hing an der Strippe – dem Kichern nach zu urteilen mit einem Mann – und das bot Sandra die Gelegenheit nachzudenken.
Sie fühlte sich irgendwie magisch verzaubert nach diesem eigentlich gewöhnlichen Abend in der Kanzlei, aber sie merkte selbst wie wahnsinnig sie es genossen hatte, dass Felix sie wieder mit derselben charmanten Aufmerksamkeit bedacht hatte wie früher – und vielleicht sogar mit noch etwas mehr. Sandra schob sich einen Bissen in den Mund und kaute langsam darauf herum.
Im Moment konnte sie sich keinen Reim auf all das machen. Er hatte ihr doch klar und deutlich gesagt, dass sie nur seine Kollegin war, eine Geschäftspartnerin, nicht mehr und nicht weniger. Und auch Lukas gegenüber hatte er das geäußert. Aber sie konnte und wollte nicht glauben, dass er dieses feine Knistern heute Abend nicht gespürt hatte, jedes einzelne Mal, wenn sie sich berührt hatten. Und auch seine Komplimente waren nichts gewesen, das man einer Geschäftspartnerin einfach so lapidar aus dem Nichts um die Ohren hauen würde. Sandra war äußert irritiert. Hatte Felix nun doch Absichten? Hatte er kapiert, dass sie ursprünglich ihn gewollt hatte? Oder war das irgendein perfides kleines Spielchen zwischen den beiden Brüdern? Sie schluckte, dann aber verdrängte sie den Gedanken wieder. Gut, sie kannte Lukas womöglich noch nicht gut genug, aber sie bezweifelte ernsthaft, dass Felix mit ihren Gefühlen gespielt hätte.
Als sie sich daran erinnerte, dass sie übermorgen mit ihm essen ging, schmunzelte sie. Er hatte recht, das hatten sie schon lange nicht mehr gemacht und bis jetzt waren die Abende immer wahnsinnig toll gewesen… genau wie die mit Lukas. Sandra seufzte leise. Gut, bei ihrem letzten Date hatte er unfassbar danebengehauen mit diesem strunzlangweiligen Theaterstück, aber sie hatte es ihm verziehen, weil er wahnsinnig charmant gewesen war. Ihr Blick fiel auf ihr Handy und sie wusste nicht, ob sie Lukas schreiben sollte. Andererseits hatte sie sich den morgigen Abend bewusst freigehalten.
Sandra schluckte leise und strich sich über die Stirn. Sie merkte, dass sie hier gerade mit der Nasenspitze voran in ein reines Gefühlschaos abtauchte und dass Felix maßgeblich daran schuld war. Wäre er heute nicht plötzlich so anders gewesen, dann hätte sie sich vielleicht irgendwann wirklich damit abgefunden, dass sie sich einer Illusion hingegeben hatte, aber heute war er der Mann gewesen, von dem sie gedacht hatte diese wundervollen Samstage geschenkt bekommen zu haben und das Problem war; sie war sich zu hundert Prozent sicher, dass sie nicht weniger schön gewesen wären, wenn es tatsächlich Felix gewesen wäre und nicht sein Zwillingsbruder.
Die junge Anwältin stochert weiter auf ihrem Teller herum. Ja, sie war mit Lukas ausgegangen in dem Glauben es wäre Felix gewesen und ja, in genau demselben Glauben hatte sie ihn auch geküsst. Sie hatte im Hotelzimmer abgebrochen, weil ihr sein Bruder in den Kopf geschossen war, weil sie gemerkt hatte, dass sie erwartet hatte Brusthaare unter ihren Fingern zu spüren, weil sie insgeheim irgendwie doch gespürt hatte, dass es nicht Felix gewesen war. Mit Felix fühlte sich alles anders an, vertrauter. Und generell war an dieser Situation irgendwas falsch gewesen, auch wenn sie es immer noch nicht genau festmachen konnte.
Sandra blickte auf die Tischplatte hinab und seufzte leise. Sie wusste nicht, ob das, was sie hier gerade tat, fair war. Aber sie mochte Lukas, das stand außer Frage. Nur war sie sich auch bewusst, dass sie Felix vermutlich über jeden Mann dieser Erde gestellt hätte, wenn er eindeutig klarmachen würde, dass er sie wollte… so naiv und träumerisch das auch war. Sandra seufzte leise und warf dann einen Blick auf ihr Mobiltelefon, das aufleuchtete. Natürlich, als hätte er es gefühlt. Sie legte die Gabel beiseite und öffnete Lukas‘ SMS.
‚Hast du morgen Abend für mich Zeit? Essen?‘
Lächelnd tippte sie ‚Ja‘ zurück und legte das Handy dann wieder beiseite. Musste sie ein schlechtes Gewissen haben? Nein, denn es war ja noch nichts passiert. Spielte sie hier gerade ein doppeltes Spiel? Auch das nicht, denn wenn sich am Ende vielleicht herausstellte, dass Felix doch einfach nur freundlich war, dann wäre sie sich blöd vorgekommen Lukas vorzeitig einfach abzuschießen, ohne ihm eine richtige Chance zu geben.
Sandra lehnte sich zurück und schob den Teller weg. Sie hatte keinen Hunger mehr… genau wie damals mit fünfzehn, als sie zum letzten Mal in so einem wahnsinnig Gefühlschaos gesteckt hatte.

Felix war mehr als unruhig, das konnte er nicht abstreiten. Er blickte immer wieder durch die gläserne Front des Ottenthal, aber bis jetzt war Sandra noch nicht in Sicht. In aller Eile hatte er gestern Otto und auch noch Frank angerufen, um sie irgendwie dazu bewegen Lukas für heute zu beschäftigen, aber sie hatten beide gemeint, dass das auffällig und zu kurzfristig wäre, ihm aber versprochen, dass sie ihn zumindest die nächsten Tage über irgendwie einplanen würden. Felix kaute auf seiner Unterlippe herum. Er war sich ziemlich sicher, dass Lukas sich gestern noch bei Sandra gemeldet und ein Treffen mit ihr vereinbart hatte und dem Anwalt graute vor dem Gedanken, dass sein Bruder womöglich irgendetwas ahnen könnte und das deshalb alles vorantreiben wollte… denn was auch immer passieren würde, Lukas wusste, dass Felix niemals eine Frau angerührt hätte, die er schon vor ihm gehabt hatte.
Der Anwalt war sich bewusst, dass sich das Treffen womöglich nicht mehr verhindern ließ, aber er konnte vielleicht noch etwas entgegenwirken. Offensive. Das war das einzige Zauberwort. Und womöglich war es gar nicht so schlecht, dass Sandra in Lukas‘ Gesicht starren, Felix sehen, und sich daran erinnern würde, wie charmant er heute wieder gewesen war.
„Susi“, zischte der Anwalt und winkte sie übertrieben zu sich.
Die junge Kellnerin stapfte auf ihn zu. „Ja?“
„Bring mir doch bitte einen Cappuccino… und wenn Frau Starck kommt und einen bestellt, könntest du dann bitte sagen, dass eure Kaffeemaschine kaputt ist? Oder der Milchaufschäumer oder so?“, bat er mit einem nervösen Seitenblick aus dem Fenster.
Susi zog eine Augenbraue hoch, zuckte dann aber die Schultern. „Klar“
Der Anwalt atmete erleichtert auf und faltete seine Zeitung auseinander. Nach wenigen Augenblicken kam Susi mit dem Cappuccino zurück und stellte ihn vor Felix ab, keine dreißig Sekunden später betrat Sandra das Café.
„Guten Morgen“, lächelte sie Felix im Vorbeigehen zu.
„Morgen“, antwortete er freundlich und lauschte angestrengt, als sie aus seinem Blickfeld verschwunden war.
„Hallo Susi. Einen Cappuccino bitte.“, meinte Sandra und atmete tief durch.
„Tut mir leid, die Kaffeemaschine ist kaputt“, gab die Kellnerin in ihrer betont gelangweilten Stimmlage zurück.
„Aber…“ Sandra sah sich um, auf jedem Tisch stand bereits eine Tasse.
Felix hörte, wie Susi schwieg, und drehte sich eilig um. „Hat ganz komische Geräusche gemacht, das Ding. Eben erst gerade. Hab Susi schon gesagt sie soll den Support anrufen, bevor hier noch was in die Luft fliegt. Kommen Sie.“
Die Kellnerin verdrehte die Augen, als Sandra sich umgedreht hatte.
Seufzend stellte die junge Anwältin sich an den Tisch und blickte überrascht auf, als Felix seinen Cappuccino zu ihr schob. „Hier. Sie können meinen haben.“
„Felix, Sie bekommen morgens ohne Koffein doch kaum die Augen auf. Das ist lieb von Ihnen, aber Sie brauchen ihn dringender.“, schüttelte Sandra den Kopf.
„Unsinn“, entgegnete er. „Ich trinke dann in der Kanzlei einen. Der ist eh viel stärker, hilft morgens besser. Hier.“
Er schob die Tasse demonstrativ noch ein Stück weiter zu ihr hinüber und sie strich sich das Haar hinter die Ohren. „Danke“
„Keine Ursache. Susi?“ Er drehte sich um.
„Ja?“, antwortete die Kellnerin genervt.
„Ein Croissant noch bitte, ja?“ Felix wandte sich wieder an Sandra und ließ seinen Blick kurz über sie schweifen. „Sie müssen mir mal das Geheimnis verraten wie Sie es jeden Morgen schaffen so wahnsinnig gut auszusehen. Meine Mandanten befürchten wohl immer ich käme gerade aus der Gosse.“
Sandra lachte verlegen und schüttelte den Kopf. „Quatsch… Sie sehen doch auch gut aus. Sehr sogar.“
Ihr Herz stolperte für einen kurzen Moment, ob aufgrund seines Kompliments oder des Satzes, der ihr unbewusst rausgerutscht war, war ihr nicht so ganz klar.
Susi stellte den kleinen Teller mit dem Croissant auf den Stehtisch und entfernte sich wieder.
„Auch für mich?“, fragte sie erstaunt.
Felix nickte und blickte lächelnd in seine Zeitung hinab. Sandra atmete tief durch und aß dann ihr Croissant, während auch sie sich in ihre tägliche Lektüre vertiefte.
Nach einiger Zeit blickte Felix wieder auf und schmunzelte. „Sandra…“
„Ja?“ Sie blickte auf.
Der Anwalt drehte sich in ihre Richtung und trat einen Schritt näher an sie heran. Sie blinzelte nervös und blickte zu ihm hoch.
Felix‘ Blick fixierte sie für einen Moment, dann grinste er und zupfte ihr Croissantkrümel aus den Haarspitzen.
Sandra konnte nicht anders, sie lachte leise. „Danke“
„Gern geschehen“, gab er zurück und machte wieder einen Schritt von ihr weg. „Ich geh noch eben bezahlen“
„Aber Sie haben doch gar nichts…“ Sie verstummte, als er ihr nur zuzwinkerte und an den Tresen trat.
Sandra atmete tief durch, trank den letzten Schluck Cappuccino, und griff nach ihrer Aktentasche.
Als sie nach draußen getreten waren, atmete sie tief durch und hakte sich beinah automatisch bei Felix unter. Sie genoss seine Nähe immer noch, genau wie gestern Abend, und ihr war mehr als bewusst warum. Während sie nebeneinander zur Kanzlei schlenderten, sah sie ihn immer wieder unauffällig von der Seite an und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass er ihr vertrauter vorkam, als Lukas, auch wenn die beiden sich eigentlich zum Verwechseln ähnlich sahen, aber womöglich bildete sie sich das auch nur ein.
„Oh nein, ist das schon mein erster Mandant?“, murmelte Felix leise, als sie in der Ferne einen nervös rauchenden Mann vor der Tür stehen sahen. Der Anwalt kniff die Augen zusammen und seufzte dann theatralisch.
„Ich nehme mal an; ja“, lachte Sandra und zog ihn ein wenig an sich heran. „Ach, kommen Sie schon, ist doch ein schöner Tag heute“
„Für Sie ja“, gab Felix etwas bitter zurück und glücklicherweise ahnte sie nicht, dass er auf den Abend anspielte, er fügte dennoch etwas hinzu. „Ihr Terminkalender ist heute bei weitem nicht so zu wie meiner. Und dann muss ich auch noch Überstunden schieben.“
„Oh...“, murmelte Sandra. „Das tut mir leid“
Sie zog langsam ihren Arm zurück, als der Mandant die beiden erblickte und sofort auf sie zusteurte.
„Herr Edel!“, stammelte er nervös und reichte ihm fahrig die Hand.
„Herr Lünemann, kommen Sie doch bitte“ Felix drückte die Haustür auf und bat ihn vor sich hinein, bevor er Sandra ansah und die Augen verdrehte.
Diese grinste und knuffte ihn leicht in die Seite, bevor sie ihm ins Treppenhaus folgte.
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