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Edel hoch zwei

von Sassie
GeschichteHumor, Romance / P18 / Het
Felix Edel OC (Own Character) Sandra Starck
25.06.2021
28.07.2021
16
58.881
1
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25.06.2021 3.296
 
Er fröstelte für einen kurzen Moment, als ein Windstoß durch die Straßen jagte und die Bäume durchschüttelte. Ein rot-gelbes Blatt segelte sanft hinab, drehte noch eine Pirouette, und landete dann kaum merklich auf seinem Kopf. Summend zupfte er es aus den Haaren und brachte die letzten paar Schritte bis zum Eingang des Restaurants hinter sich, bevor er die Tür aufzog. Der Geruch von Curry und angebratenem Hühnerfleisch kroch sofort in seine Nase und kitzelte seine Geschmacksknospen verführerisch. Er schaute für einen Moment hinab, schüttelte ein paar Regentropfen von seinem Schuh, und hob den Blick aus seinen blauen Augen wieder, als ein Kellner ihn freundlich auf ihn zukam. „Auf welchen Namen haben Sie reserviert?“
„Edel“
Im Vorbeigehen hatte er gar nicht bemerkt, dass eine junge Frau den Kopf gehoben und ihm hinterher geschaut hatte. Er ließ sich auf den Stuhl sinken, hängte seinen Mantel kurzerhand über die Rückenlehne und bestellte ein Glas Shiraz, senkte seinen Blick anschließend in die Speisekarte, allerdings nicht für lange, denn er wusste ganz genau worauf er Lust hatte. Als der Kellner ihm das Glas mit der blutroten Flüssigkeit brachte, nannte er das Gericht, das er wollte, und lehnte sich dann zurück, sah sich um. Es hatte sich viel verändert in der Stadt und er hätte nicht sagen können, dass er irgendwas hier vermisst hätte – außer die Vielfalt an exotischen Speiseangeboten. Wäre er die Straße weiter entlanggelaufen, hätte er vermutlich noch ganz andere Gaumenfreuden genießen können, aber jetzt im Moment war ihm nach indisch.
Sein Blick schweifte durch das Restaurant. Es waren einige Familien da, viele Paare. An einem Tisch blieb seine Aufmerksamkeit allerdings hängen und das nicht nur, weil die Person auch alleine war. Sie konnte nicht viel älter als dreißig sein und obwohl er aus der Ferne keine Details sehen konnte, war es nicht schwer auszumachen, dass sie umwerfend war. Ihre Ausstrahlung füllte beinah den ganzen Raum und selbst wenn noch hundert andere Frauen anwesend gewesen wären, hätte sein Blick vermutlich nach ihr gesucht.
Er genoss den Wein, wartete auf sein Essen, und verspeiste es schließlich mit gesundem Appetit, als es gebracht worden war. Gerade als er sich mit der Serviette zufrieden den Mund sauber tupfte, fiel ein Schatten auf den Tisch und seine blauen Augen richteten sich zur Seite und ruhten für einen Moment auf dem hübschen Anblick. Unwillkürlich zog er einen Mundwinkel zu einem schiefen Schmunzeln nach oben.
„Ich war mir nicht sicher, ob Sie es sind“, lächelte die hübsche Brünette. „Ich hätte jetzt auch nicht darauf gewettet Sie beim Inder zu treffen“
Für den Bruchteil einer Sekunde war er irritiert, dann begriff er allerdings relativ schnell, dass dieses bezaubernde Geschöpf, das er zwischendurch immer wieder angesehen hatte, ihn wohl mit seinem Zwillingsbruder verwechselt haben musste. Doch er war mehr als  angetan von ihrer Gestalt, von dieser vollen brünetten Mähne und den tief dunklen Augen, die ihn da so freundlich ansahen.
„Ja, ich bin immer mal wieder für eine Überraschung gut“, schmunzelte er.
„Tja! Was machen Sie denn eigentlich alleine hier?“, hakte die hübsche Frau nach und zog spielerisch eine Augenbraue hoch.
„Die Frage könnte ich auch zurückgeben“, antwortete er und warf einen kurzen Blick zu ihrem Tisch. „Aber nachdem wir hier offenbar beide ohne Begleitung sind, würde ich vorschlagen Sie holen Ihr Glas und setzen sich noch für ein paar Minuten zu mir.“
Er sah, dass sie lächelte, dann drehte sie sich um und kam mit ihrem Wein zu ihm zurück, bevor sie sich gegenüber sinken ließ und ihr Glas kurz gegen seines klirren ließ.
Langsam lehnte er sich zurück und betrachtete sie noch einmal ganz genau und er merkte, dass sie zwar etwas verlegen aber offenbar glücklich war hier auf ihn getroffen zu sein. Auch wenn sie ihn für jemand anderen hielt.
„Ich glaube ich hab Sie erst ein oder zweimal in Jeans gesehen“, meinte sie dann nachdenklich, bevor sie ihr Weinglas an ihre Lippen führte. „Steht Ihnen“
„Danke“, grinste er. „Du siehst auch toll aus in deinem Kleid“
Er merkte genau, wie sie leicht errötete und ihren Blick senkte, sich leise räusperte. Wer auch immer diese Frau war, sie schien seinen Zwillingsbruder äußerst sympathisch zu finden und vielleicht hatte er ihm ja gerade einen Weg geebnet mit seiner lockeren Art sie einfach aus dem Nichts heraus zu duzen.
„Ich bin immer noch verwundert darüber, dass...“ Sie zögerte für einen winzigen Moment, das nächste Wort war vorsichtig. „...du… zum Inder gehst“
„Kann es sein, dass du mich vielleicht nicht ganz so gut kennst?“, antwortete er schmunzelnd und wenn sie geahnt hätte, wie ernst er die Frage gemeint hatte, hätte sie wahrscheinlich nicht grinsend die Augen verdreht.
Sie stellte das Weinglas auf den Tisch zurück und warf einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr, was ihm wiederum signalisierte, dass sie offensichtlich schon dabei war aufzubrechen.
Er überlegte kurz. „Ich sollte jeden Samstag hierher kommen. Das Essen ist so wahnsinnig lecker, das sollte definitiv zu einem Ritual werden.“
„Klingt nach einer ziemlich brauchbaren Idee“
„Einverstanden. Dann sehen wir uns nächsten Samstag wieder. Hier.“
Sie blinzelte überrascht und er merkte, dass er sie völlig kalt erwischt hatte, aber es war ihm egal. Entweder sie stieg darauf ein, oder er hatte verspielt. In jedem Fall würde es keine schwereren Konsequenzen haben – weder für ihn, noch für seinen Bruder.
Sie zögerte noch kurz, dann zuckte sie allerdings die Schultern. „Gar kein schlechter Vorschlag“
„Ich mache nie schlechte Vorschläge“
„Aaah, darüber lässt sich streiten...“
„Ich möchte aber gar nicht mit dir streiten“ Er lächelte und war für einen Augenblick amüsiert darüber, dass sie ihn so überrascht ansah. „Hast du es eilig?“
„Ein bisschen. Eigentlich wollten Patrizia und ich gemeinsam hier essen, ihr ist aber noch was dazwischengekommen… und ich hatte Hunger. Aber wir gehen noch ins Kino.“, erklärte die junge Frau.
„Tja, dann mal Abmarsch. Ich mach das schon mit dem Bezahlen. Du kannst es nicht riskieren den Film zu verpassen, vor allem die ersten zwanzig Minuten sind absolut wichtig!“
„Du meinst den Werbeblock?“
„Genau den“, grinste er.
Sie lachte und ihre glockenhelle Stimme war wie Musik in seinen Ohren. Etwas unsicher erhob sie sich und räusperte sich. „Gut, dann vielen Dank. Und nächstes Mal revanchiere ich mich.“
„Kein Ding“, antwortete er. „Viel Spaß im Kino“
„Danke… schönes Wochenende noch“ Sie schenkte ihm noch einmal ein bezauberndes Lächeln und verschwand dann.
Er atmete tief durch und trank den letzten Schluck Wein, bevor er den Kellner zu sich rief, um zu bezahlen. Jetzt musste er wohl doch nochmal einen kleinen Abstecher zu seinem Bruder machen.

Sandra winkte kurz, als sie ihre beste Freundin sah, und stieg dann zurück in ihren Wagen, ließ ihn wieder an, und stellte die Heizung auf volle Stärke. Keine halbe Minute später ließ Patrizia sich auf den Beifahrersitz fallen und zog fröstelnd die Tür zu. „Nächstes Mal geh ich einfach nicht mehr ans Handy. Erinner mich bitte.“
„Mach ich“, antwortete Sandra nickend, und legte den Rückwärtsgang ein, um auszuparken.
„Wie war das Essen?“, hakte Patrizia nach, während sie den Sicherheitsgurt umlegte.
Sandra ließ die Hände vom Steuer sinken und sah ihre beste Freundin an. „Du glaubst nie wen ich getroffen hab“
„Wen?“
„Mister ‚Aber ich muss dringender an den Kopierer als Sie‘“
Patrizia grinste. „Oh nein. Ist er auf den Tisch gesprungen und hat dich mit Essensresten beworfen?“
Sandra lachte kurz über die Vorstellung, schüttelte dann aber den Kopf. „Nein. Er war wie ausgewechselt. Total gut gelaunt, total charmant.“
„Aha…“ Patrizia zog skeptisch eine Augenbraue hoch.
Die junge Anwältin legte die Hände wieder ans Lenkrad und fuhr los. „Irgendwas an ihm war sowieso anders, diese ganze Ausstrahlung…“
„Vielleicht hat Biene da irgendwas mit ihrem Raki gemacht“
„Reiki“, korrigierte Sandra sie und grinste dann. „Also wenn das so einschlägt, dann darf sie das bei mir auch gern mal machen.“
Patrizia lehnte sich schmunzelnd zurück und warf einen Blick aus dem Seitenfenster, beobachtete die vorbeiziehenden Stadtbilder.
Sandra überlegte noch für einen Moment, kaute auf ihrer Unterlippe, dann sprach sie leise weiter. „Er hat mich geduzt“
Der überraschte Blick aus den grünen Augen der Richterin schoss in der Sekunde zurück zu ihrer besten Freundin und sie setzte sich kerzengerade auf. „Bitte was? Willst du mir hier gerade sagen, dass Felix Edel nach vier langen Jahren endlich den Stock aus dem Arsch gezogen hat?“
Sandra zuckte schmunzelnd die Schultern und es war schwer zu übersehen wie glücklich sie über diese kleine Annäherung war. Sie hatte sich schon oft gefragt, ob es nicht dämlich war sich immer noch zu siezen nach so langer Zeit, aber es hatte immer gut funktioniert und wieso hätte man etwas Funktionierendes ändern sollen? Aber er hatte diesen Schritt heute Abend so ungewöhnlich selbstsicher gewagt, so völlig frei von jeglichem Zweifel, einfach so, und allein das gab ihr das Gefühl, dass es richtig war. Diese neue Seite an ihm hatte sie zwar fast ein wenig irritiert, aber trotzdem spürte sie, dass es sie reizte. War es möglich, dass Felix Edel am Ende wohl doch nicht dieser spießige Kerl war, den sie tagtäglich im Büro serviert bekam? Anwandlungen von einer gewissen Lockerheit hatte sie ja schon öfter gemerkt, aber heute war es tatsächlich gewesen, als hätte ein anderer Mensch vor ihr gesessen – wenn auch nur für ein paar Minuten. Und es war unheimlich erfrischend gewesen, dass es mal nicht verkrampft gewesen war. Lächelnd und gut gelaunt fuhr Sandra weiter und konnte nicht leugnen, dass sie sich tatsächlich schon ein bisschen auf Montag freute.

Felix kratzte sich verschlafen am Kopf und gähnte, brachte die kleine Treppe hinter sich und blinzelte auf die Uhr in der Küche. Es war acht Uhr morgens an einem Sonntag. Wer zur Hölle klingelte ihn um diese gottlose Zeit aus dem Bett?
Seufzend schlurfte er ins Vorzimmer und riss die Wohnungstür auf. Er konnte nicht umher die Augen zu verdrehen, bevor er wortlos wieder zurück in sein Wohnzimmer schlich. Eine halbe Minute später betrat der gut gelaunte Mann ebenfalls den Raum. „Gibts Kaffee?“
„Du weißt wo die Maschine steht“, antwortete Felix müde und gähnte.
Er erntete ein Grinsen. „Du siehst beschissen aus, Alter“
„Wir sind Zwillingsbrüder, Lukas. Mit dem Kommentar hast du dir gerade selbst ins Knie geschossen.“ Felix zupfte die Decke, die fein säuberlich auf seinem Sofa gelegen hatte, zu sich und wickelte sich darin ein.
Am Donnerstagabend hatte sein Bruder plötzlich auf der Matte gestanden. Nach Jahren sporadischen Kontakts. Wenn sie telefoniert hatten, dann hatte Felix das alles irgendwie ertragen, hatte eben ein paar Minuten Smalltalk mit ihm geführt und dann wieder aufgelegt. Abgehakt. Aber seit Lukas vor fast fünfzehn Jahren einfach nach Hannover abgehauen war, und das auch noch im Streit, hatten die beiden sich nicht mehr gegenübergestanden – bis vorgestern. Er hatte immer noch keine wirkliche Idee was Lukas hier wollte und warum er so tat als wäre alles in Ordnung, aber so war sein Bruder schon immer gewesen. Locker, lässig, hatte sich bei so ziemlich allem immer aus der Affäre gezogen. Das war mit ein Grund gewesen, warum die beiden Brüder nie das beste Verhältnis zueinander gehabt haben. Sie waren zu unterschiedlich.
„Schmeckt wesentlich besser als die Plörre im Hotel“, meinte Lukas zufrieden und ließ sich auf den Fernsehsessel sinken.
„Ich hab dir gesagt du kannst hier pennen, solang du in Berlin bist“, gab Felix seufzend zurück.
Sein Bruder winkte ab. „Quatsch. Ich hab ja nicht vor ewig zu bleiben und die Zeiten, in denen wir uns ein Zimmer teilen mussten, sind Gott sei Dank schon lange vorbei. So viel Nostalgie brauch ich dann auch nicht.“
„Mhm“ Felix gähnte erneut und ließ sich zurücksinken.
„Gibts denn keine Frau, die bei dir schläft?“, grinste Lukas in Anspielung auf die hübsche Dame gestern.
Der Angesprochene hob den Kopf und zog die Augenbrauen hinab. Was sollte dieser Spruch nun wieder? Ja, wäre er so ein Hallodri gewesen wie sein Bruder hätte es gut sein können, dass hier alle vierzehn Tage eine andere lag, aber Felix war noch nie wirklich der Typ für schnelle Nummern gewesen.
„Nein, es gibt keine“, knurrte er. „Und weißt du auch warum? Die würde dann nämlich Sonntagmorgen auch hier sitzen und mir vor meinem ersten Kaffee auf die Nerven fallen. Darum bin ich allein. Und ich würde nachher auch gerne wieder ins Bett zurück.“
Lukas blinzelte. „Immer noch derselbe faule Sack wie früher. Lass uns später Fußball spielen gehen!“
„Fußball? Wir sind doch keine fünf mehr.“
„Ja, wir sind aber auch noch keine siebzig, also kannst du Badminton knicken“
„Spiel ich auch schon seit Jahren nicht mehr“ Felix zog die Decke enger um sich.
Lukas grinste. „Ach? Tja, Dickerchen, dann wirds aber Zeit.“
Sein Bruder verschob seinen genervten Blick zu ihm. „Ich frag mich wie viele Kalorien man wohl verbrennt, wenn einem jemand auf den Sack geht“
„Nicht annähernd genug“ Lukas trank den letzten Schluck Espresso, erhob sich, und schlug seinem Bruder auf den Oberschenkel. „Los, duschen, anziehen. Morgens ist man am aktivsten.“
Er erhob sich und ignorierte das genervte Seufzen seines Bruders. Insgeheim wunderte er sich gerade, dass Felix seinen Beziehungsspruch offenbar ernst gemeint hatte. Die Kleine gestern war doch offensichtlich angetan gewesen von ihm, beziehungsweise seinem Bruder. Wieso hatte er noch nicht zugeschlagen?
Lukas überlegte, ob er ihn fragen sollte, als er allerdings die Todesmiene sah, entschied er sich dagegen. Er würde sich Samstag einfach wirklich nochmal mit ihr treffen, vielleicht fand er dann heraus, was es damit auf sich hatte. Und ein bisschen spaßig würde es auch werden sich als sein spießiger Bruder auszugeben.

Sandra war guter Dinge, als sie am Montagmorgen das Café betrat. Sie lächelte der Bedienung freundlich zu und rief ihr ein ‚Wie üblich, bitte‘ über den Tresen, bevor sie sich neben ihren Geschäftspartner an den Tisch stellte und sich räusperte. „Guten Morgen“
Er war wie immer unbeeindruckt von ihrer betont fröhlichen Art und hob nur kurz den Kopf. „Morgen“
„Na? Sodbrennen?“, grinste sie.
Der Anwalt, der schon wieder in seine Zeitung geblickt hatte, schaut wieder auf und schien irritiert. „Nein… ist glücklicherweise kein Dauerzustand“
„Stimmt, war ja auch nicht der Mexikaner dieses Mal“, schmunzelte sie und zog selbst eine Zeitung zu sich.
Felix zog verwirrt die Augenbrauen hinab und sah sie an, öffnete den Mund, um sie zu fragen wovon sie eigentlich sprach, aber Susi drängte sich zwischen sie und schob das Tablett mit Sandras Cappuccino auf den Tisch. Felix beschloss den seltsamen Kommentar zu ignorieren, er war eigentlich auch zu müde für eine Erklärung. Seufzend sah er zurück in seine Zeitung und bemühte sich zumindest etwas Konversation zu betreiben, weil er wusste, dass Sandra das morgens schätzte. „Haben Sie gut geschlafen?“
Sie blickte auf und blinzelte kurz, war mehr als irritiert, dass er sie wieder siezte. Dann aber  dachte sie kurz darüber nach und fand es eigentlich ziemlich in Ordnung, dass er ihr hier wieder auf professioneller Ebene begegnete. Vielleicht war es gar keine so schlecht Idee das zu trennen.
„Ja, vielen Dank“, antwortete sie. „Sie ja nicht so, nehm ich an“
„Wieso?“
„Na, weil Sie schon wieder so griesgrämig sind“
„Sandra, wie lange kennen Sie mich jetzt schon?“, fragte er seufzend. „Sie müssten eigentlich wissen, dass ich morgens nicht so wahnsinnig gesprächig bin. Das hat aber nichts mit Griesgrämigkeit zu tun, sondern damit, dass ich ein Mensch bin, der seinen Kaffee gerne in Ruhe und Frieden trinkt. Ich bemühe mich ja schon, extra für Sie, dass ich ein Gespräch führe, aber wenn Sie mir dann ständig vorwerfen, dass ich...“
„Felix. So ernst war es gar nicht gemeint.“, unterbrach sie ihn seufzend. „Entspannen Sie sich“
Er klappte den Mund zu, starrte wieder in seine Zeitung, und Sandra fragte sich für einen Moment, wo die Leichtigkeit vom Samstag hingekommen war. Aber gut, irgendwie hätte sie sich denken können, dass das ein Glückstreffer gewesen war. Vielleicht hatte er auch einfach zu viel Wein intus gehabt.
Sie tranken beide schweigend ihren Kaffee aus, falteten die Zeitungen zusammen, Felix bezahlte und sie traten aus dem Café.
„Eigentlich wollte ich mich doch revanchieren“, meinte Sandra dann.
„Wofür?“, hakte der Anwalt nach.
„Na, für das Essen“
Er überlegte für einen Moment. Wann waren sie denn zuletzt miteinander essen gewesen? Vor Wochen. In der Zwischenzeit hatte sie den Kaffee schon einige Male wieder bezahlt. Er war mehr als irritiert, sagte aber nichts mehr darauf. Vielleicht war er einfach auch noch zu müde. Und nebenbei taten ihm alle Knochen weh. Lukas hatte ihn gestern noch zu einer kleinen Fahrradtour überredet, und Felix hatte den Muskelkater schon abends unter der Dusche gespürt.
„Was haben Sie heute?“, fragte Sandra.
Er war froh, dass sie wieder zur Tagesordnung übergingen und er sich keine Gedanken mehr darüber machen musste, warum sie so komische Kommentare abließ, die er nicht verstand. Sie sprachen ganz normal über die Arbeit, bis sie oben im Empfangsraum angekommen waren und schließlich auseinander drifteten – jeder in sein Büro.

Sandras Begeisterung flaute die restliche Woche über exponentiell ab. Dieser klitzekleine Nachglanz des Treffens beim Inder hatte nur noch den Montag überlebt, ab Dienstag war sie schon wieder ganz normal genervt von seinen Launen und verstand nebenbei nicht, warum er seit einer guten Woche so absolut mies drauf war. Ja, gut, sie hatten im Moment enormen Stress in der Kanzlei, aber das war nichts Ungewöhnliches. Es war Herbst, die Tage waren kürzer und dunkler, es wurde kälter, es regnete mehr, die Menschen waren schlechter gelaunt und es war beinah humoristisch wie die Zahl der Körperverletzungen und Scheidungen anstieg – aber eben auch nichts Neues.
Sandras Hoffnung für ein erneutes Treffen am Samstag – wie er ja so groß herum getönt hatte – waren spätestens Donnerstag vollkommen tot, als Felix nur genervt schnaufte, nachdem sie ihn gefragt hatte, ob er sich aufs Wochenende freute. Sie versuchte sich zu erinnern, ob sie den Eindruck gehabt hatte, dass er womöglich rotzevoll von dem Shiraz gewesen und deswegen so ungewöhnlich locker gewesen war, stempelte es aber schlussendlich einfach als kleinen Ausrutscher ab. Es wäre ja auch zu schön gewesen.
Sandra war nur erleichtert, dass es Freitagnachmittag war, denn auch wenn sie weitaus besser gelaunt war als ihr Kollege, ging der Stress auch an ihr nicht spurlos vorbei.
Sie kippte gerade etwas Milch in ihre Tasse, als die Archivtür aufging und Felix mit dem Handy in der Hand in die Küche gehetzt kam.
„Ja, Frank, das weiß ich, aber ich hab wirklich keine Zeit für noch ein Mandat“ Er seufzte und sah Sandra kurz an, verdrehte die Augen.
Diese schmunzelte und ließ einen Löffel in ihre Tasse sinken.
„Gut. Ich meld mich. Danke. Tschüss.“ Felix drückte auf das Mobiltelefon und schnaufte dann übertrieben, bevor er die Thermoskanne aus der Maschine zog und sie probeweise schüttelte. Er war sichtlich erleichtert, als noch Kaffee da war.
„Was trinken Sie da? Riecht lecker“, meinte er nebenbei und warf einen kurzen Blick auf Sandras Tasse.
„Chai Tee“, gab sie zurück und nahm einen Schluck.
„Oh, indisch?“, hakte der Anwalt nach und bemerkte gar nicht, dass sie mit großen Augen wieder aufblickte und dann leicht schmunzelte.
„Ja…“, antwortete sie so ungewöhnlich leise, dass er wiederum seinen Blick hob und zwar irritiert über ihr süßes Lächeln war, es allerdings erwiderte.
„Vielleicht sollte ich sowas auch mal probieren. Bestimmt gesünder als Kaffee.“, meinte er und atmete tief durch.
Sandra schob ihm ihre Tasse hinüber. „Hier“
Er wollte sich gerade bedanken, hörte dann aber, dass das Telefon in seinem Büro klingelte. Stöhnend drehte er sich um und wandte sich dann nochmal kurz an Sandra. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie wahnsinnig ich mich auf morgen freue!“
Dass sie seinen Kommentar völlig anders aufgefasst hatte, ahnte er natürlich nicht. Und er sah auch ihr glückliches Schmunzeln nicht mehr, denn er hetzte mit seiner Kaffeetasse wieder zurück in sein Büro.
Sandra kaute kurz auf ihrer Unterlippe herum und rührte dann noch einmal in ihrem Chai Tee herum. Vielleicht hatte er ja wirklich nur wegen des Stresses schlechte Laune gehabt und hatte sich dann selbst eingestanden, dass sie nichts dafür konnte. Sandra seufzte zufrieden, drehte sich um, und flanierte in ihr Büro.
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