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Hope is Near

GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P16 / Het
Near OC (Own Character)
24.06.2021
14.10.2021
35
117.455
9
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14.10.2021 4.479
 
Sieben Stunden waren eine verdammt lange Zeit. Sieben Stunden ohne WLAN jedoch waren eine Ewigkeit. Natürlich musste ausgerechnet sie das Glück haben, dass gerade in ihrem Flieger die Internetverbindung streikte.
Keine Verbindung zur Außenwelt.
Keine Nachricht an Nate.
Nicht einmal Netflix. Und das in der 1. Klasse. Luxus war definitiv was anderes. Aber sie wollte sich nicht aufregen. Das hatte schon ein anderer Passagier drei Plätze vor ihr zur Genüge getan. Lauthals und unfreundlich hatte er das Flugpersonal angeblafft. Vom Aussehen her ein Geschäftsmann und Wichtigtuer. Wie sie sollte Leute hasste. Genervt steckte sie ihre Kopfhörer in die Ohren und schirmte sich damit von dieser anstrengenden Welt ab. Wenigstens hatte sie ein Buch zum Lesen dabei. Ganz old school mit Seiten zum Umblättern.
Es half immerhin um sich eine Weile abzulenken. Sie hatte sich fest entschlossen nicht mehr zu weinen bis sie zu Hause war. Nicht einmal einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden. Und bisher lief es erstaunlich gut. Als sie des Lesens überdrüssig wurde, starrte sie aus dem Fenster oder beobachtete die Menschen um sich herum. Ein paar kleinere Kinder, die mit an Bord waren, wussten sich offenbar ohne Internet nicht zu beschäftigen und quengelten in einer Tour, rannten die Gänge auf und ab und rissen ihren Eltern das Smartphone aus der Hand um sinnlos darauf herumzutatschen. Sie hatte die Welt da draußen nicht sonderlich vermisst. Mit ihm war sie so weit weg von alledem gewesen. Wie in einer Art eigenen kleinen Mikrokosmos. Eine Welt, wo nur sie beide existierten. Doch plötzlich wurde sie wieder eiskalt in die Realität befördert mit ihrer ewig währenden Flugangst. Doch außer dem defekten WLAN schien der Flug reibungslos zu verlaufen. Nur die Landung machte sie ein weiteres Mal unruhig und sie war dankbar als sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Willkommen zurück in der Heimat, Hope!  Zumindest kannte sie sich in London am Flughafen besser aus als in New York, weshalb sie auch schnell den vereinbarten Treffpunkt fand, den sie mit Grandpa vereinbart hatte. Außerdem waren kaum Menschen unterwegs. Sie sah prüfend auf die Uhr an der Anzeigetafel. Es war 00.35 Uhr in London. Kein Wunder also, dass es so ruhig war. Und außerdem regnete es draußen. Erst jetzt fiel ihr auf wie sehr ihr der Regen gefehlt hatte. Während ihrer Zeit in New York hatte es kein einziges Mal geregnet. Dabei liebte sie das prasselnde Geräusch über den Dächern. Es hatte eine erstaunlich beruhigende Wirkung.
"Sookie!"
Sie wandte sich zu der vertrauten Stimme direkt hinter ihr um. Ihr Blick fiel zuerst auf Grandpa, doch er war nicht alleine. Neben ihm stand ihre Mutter. Sie konnte es kaum fassen.
"Mum."
Sie lächelte, kam auf sie zu und zog sie in eine feste Umarmung.
"Meine Süße." Diesmal war es unmöglich den Tränenschwall aufzuhalten. All ihre angestauten Emotionen entluden sich und auch ihre Mum begann heftig zu schluchzen. "Das alles tut mir sehr leid, Hope."
"Ich weiß. Mir tut's auch leid. Ich hätte hartnäckiger sein sollen und dich nicht einfach fallen lassen.", schniefte sie.
"Red keinen Unsinn. Du hast alles getan. Ich war nur völlig starrsinnig. Das weiß ich jetzt."
Hope spürte, dass der Körper ihrer Mutter zitterte wie Espenlaub. Ihre Wange, die sie an sie presste, war eiskalt. Sie löste die Umarmung und sah sie zum ersten Mal eingehender an. Schweiß lief an ihrer Stirn herunter und unter ihren hellen Augen hoben sich dunkle Schatten hervor. Ihre lockigen Haare, die sie sonst immer hübsch frisiert hatte, sahen trocken und struppig aus.
"Bist du auf kalten Entzug, Mum?", fragte sie mit einem skeptischen Seitenblick zu Grandpa. Dieser mied es angestrengt ihr in die Augen zu sehen. Nur anhand ihrer Blicke, die sie miteinander austauschten wusste sie, was Phase war.
"Grandpa.", entgegnete sie vorwurfsvoll. "Überlass das den Ärzten in der Entzugsklinik. Du weißt wie gefährlich es sein kann sie eigenständig auf einen kalten Entzug zu setzen. Willst du, dass sie einen Krampfanfall bekommt?"
"Was schlägst du vor? Soll ich ihr nach allem noch mehr von diesem Teufelszeug verabreichen, das sie beinahe getötet hätte?", antwortete er etwas reserviert.
"Ein kalter Entzug kann auch tödlich enden. Was sie braucht ist ein kontrollierter Entzug, wo man die Trinkmenge langsam reduziert. Was du tust, ist zu radikal. Sowas macht man nicht zu Hause."
"Ich denke das ist nicht der richtige Ort für solch ein Gespräch.", blockte er ihre Versuche ihn zur Vernunft zu bringen ab.
"Meine Tochter hat Recht. Mit allem.", sagte Mum kraftlos. "Außerdem ist es bereits spät. Wir sollten langsam losfahren. Hope ist sicher geschafft von der langen Reise."
Grandpa sah für einen Moment so aus als wolle er noch etwas erwidern, überlegte es sich dann offenbar doch anders.
"Ich bin froh, dass du wieder da bist, Sookie.", sagte er schließlich und umarmte sie dann ebenfalls.
"Danke, Grandpa."
"Dann lass uns mal nach Hause fahren. Und du erzählst uns wie es in New York war."
Hope verspürte wenig Lust auf Reden, besonders da sie nicht wusste, was sie ihnen erzählen sollte. Abgesehen vom Central Park und der Shopping Mall hatte sie nicht viel auf ihrer Reise gesehen. Und um über Nate zu sprechen, war es ihrer Meinung nach zu früh. Ihre Mum schien jedenfalls noch nicht darüber informiert zu sein, dass ihr sogenannter Patient mehr war als das und ihre Dienstreise vielmehr ein Erholungsurlaub. Zum Glück. Sie hätte es jetzt nicht ertragen tausend Fragen über ihren neuen Freund beantworten zu müssen. Hope versuchte also so gut es ging ihre wenigen Eindrücke von New York widerzugeben und gab dann vor müde zu sein, um nicht noch mehr erzählen zu müssen.
Grandpa setzte sie direkt vor ihrer Wohnung ab und half noch dabei ihr Gepäck die Treppen nach oben zu hieven. Als die Tür ins Schloss fiel, verspürte sie eine große Erleichterung. Sie sah sich in ihrer kleinen Wohnung um, als wäre es die Wohnung einer Fremden. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, die sie weg gewesen war. Sie ging zu ihrem Aquarium und blickte hinein. Alle Fische schienen noch froh und munter vor sich hinzuschwimmen dank Großvaters intensiver Pflege. Ihre Pflanzen sahen nach den zwei Wochen sogar besser aus als vorher, was nicht allzu verwunderlich war, denn sie hatte ein Talent dafür sie eingehen zu lassen. Inzwischen war es schon nach 1:30 Uhr morgens, doch an Schlafen war im Moment nicht zu denken. Sie hatte Nate außerdem versprochen anzurufen, sobald sie da war. Doch bevor sie das tat, musste sie aus den unbequemen Klamotten raus. In Rekordgeschwindigkeit zog sie sich um und entschied sich ihre Sachen später auszupacken. Das einzige, was sie bereits aus der Kiste hervorholte, war die Lampe. Sie schaffte schnell genügend Platz auf ihrem Nachttisch, um sie dort zu platzieren. Erst dann nahm sie ihr Telefon in die Hand. Es waren keinerlei Nachrichten angekommen seit sie New York verlassen hatte. Offenbar hatte er sie noch nicht vermisst. Ein wenig enttäuscht darüber wählte sie Nates Kontakt aus. Es tutete mehrmals hintereinander. Schien so als wäre er beschäftigt. Womöglich hatte er sie längst vergessen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Irgendetwas musste an dem Sprichwort dran sein. Allmählich wurde sie unruhig. Dann nach einer gefühlten Ewigkeit hörte sie seine vertraute Stimme am anderen Ende.
"Guten Abend, Hope! Obwohl gute Nacht bei dir wohl angebrachter wäre.", begrüßte er sie.
"Hey!", hauchte sie und schloss für einen Moment die Augen. Seine besänftigende Stimme löste augenblicklich Glücksgefühle in ihr aus. "Ja, du hast Recht. Es ist mitten in der Nacht, aber ich habe dir ja versprochen mich zu melden, sobald ich da bin. Und hier bin ich. Winchester hat mich wieder zurück und das sogar in einem Stück."
"Ich hatte nichts anderes erwartet. Ich hatte höchstens damit gerechnet, dass du dich schon eher meldest."
Sie seufzte.
"Das wollte ich, aber im ganzen Flugzeug ist das WLAN ausgefallen. Das war ein Wenig frustrierend. Aber immerhin bin ich so mal wieder zum Lesen gekommen. Und nicht nur das: einige Ehepaare waren seit langen gezwungen dazu wieder miteinander zu reden und andere Passagiere haben festgestellt, dass sie ihre Kinder ohne Internet nicht im Griff haben. Ich habe immernoch ein Fiepen im Ohr, weil dieses Balg neben mir lautstark seine Eltern angeschrien hat."
"Ich bin nicht sonderlich neidisch.", entgegnete er und klang dabei leicht belustigt.
"Hätte mich auch gewundert. Was hast du gerade gemacht? Hab ich dich bei irgendwas gestört?",fragte sie arglos.
"Ich habe meine Quallen gefüttert und dabei festgestellt, dass ein weiteres Exemplar verstorben ist. Mein Telefon lag oben, daher hat es gedauert bis ich rangehen konnte."
"Oh, das tut mir Leid. Also wegen der Qualle. Sie haben wirklich ein kurzes Leben."
"Nun, ich vermute sie empfinden das nicht so.", sagte er. "Was ich jedoch seltsam finde, ist, dass eine starb als du herkamst und es erneut passierte als du gingst."
"Stimmt. Das ist tatsächlich ein wenig bedenklich, oder? Denkst du sie sterben absichtlich, um dich zu verwirren?",scherzte sie.
"Unwahrscheinlich bei ihrer geringen Intelligenz."
"Dann muss es wohl an meiner Aura liegen. Wobei meine Fische alle noch quicklebendig sind."
"Wie viele Fische hast du?"
Nachdenklich ließ sie sich nach hinten aufs Bett fallen und starrte an die Decke.
"Also...ich glaube es müssten 22 sein, aber wenn du willst, zähle ich für dich morgen nochmal nach. Nein, heute. Also bei mir heute. Bei dir morgen.", korrigierte sie sich. Nate lachte leise. Das war etwas, dass sie in letzter Zeit immer öfter zu hören bekam. "Ich vermiss dich so.", rutschte es ihr heraus, bevor sie über ihre Worte nachdenken konnte. "Dabei ist es noch nicht einmal 9 Stunden her, als wir uns zuletzt gesehen haben."
"Es kommt mir auch länger vor.", entgegnete er nur. Etwas in ihrem Sichtfeld flackerte auf. Sie sah zu ihrem Nachttisch und stellte fest, dass die Lampe darauf jetzt weiß leuchtete.
"Was tust du?", wisperte sie ohne den Blick abzuwenden. Ein wenig unheimlich war es schon, wenn eine Lampe sich völlig von selbst einschaltete.
"Was meinst du?", fragte er ahnungslos tuend.
"Du weißt genau, was ich meine.", sagte sie scharf.
"Warum fragst du dann?"
"Ich vermute ich habe für einen Moment geglaubt, dass es bei mir spukt.", gestand sie schüchtern.
"So ist es auch. Ich suche dich heim."
Er sagte es mit solch einer monotonen ernsten Stimmlage, dass sie lachen musste.
"So lange du der Geist bist, ist das okay. Alle anderen muss ich mit meinem Ouija-Brett verjagen."
"Du besitzt ein Ouija-Brett?", fragte er beinahe erstaunt.
"Ähm ja. Ich verwende es aber nie. Dafür hab ich zu viele Horrorfilme gesehen."
"Und warum hast du es dann?"
"Eine Freundin auf der Uni schenkte es mir, weil ich so fasziniert davon war. Sie wollte es mit mir ausprobieren, aber ich hatte zu viel Angst. Seitdem liegt es nur nur Deko in meinem Wohnzimmer."
"Vermutlich besser so. Es gibt Dinge auf dieser Welt, die wir nie vollends verstehen werden.", sagte er düster.
"Es wundert mich etwas, dass du sowas sagst. Ich hätte eher gedacht, dass du es lächerlich findest an Übernatürliches zu glauben."
"Damals habe ich auch so gedacht. Doch dann erfuhr ich von der Existenz der Shinigamis. Ich hätte derartiges niemals für möglich gehalten, wenn ich nicht einen mit meinen eigenen Augen gesehen hätte."
"Würde mir genauso gehen. Obwohl ich weiß, dass es wahr ist, ist es dennoch schwer zu glauben."
"Deshalb habe ich inzwischen gelernt auch an das zu glauben, was ich nicht verstehe. Nur weil wir es nicht verstehen, heißt es nicht, dass es unmöglich ist.", sinnierte er. "Was der Kira-Fall eindeutig bewiesen hat."
"Irgendwie gefällt mir der Gedanke, dass wir nicht alles wissen können. Es würde den Dingen seinen Zauber nehmen und auch das Geheimnisvolle. Außerdem würden die meisten Menschen durchdrehen, wenn sie von der Existenz der Todesgötter wüssten."
"Der Meinung bin ich auch.", sagte er und klang als wolle er das Thema damit abschließen. "Du solltest jetzt vielleicht versuchen ein Wenig zu schlafen. Wir können morgen auch noch reden."
Sein Ton war sanft, aber auch bestimmt.
"Selbst wenn ich es versuchen würde. Ich könnte ja doch nicht einschlafen, weil ich die ganze Zeit nur an dich denken würde.", murmelte sie verlegen.
"Also das macht mir nichts aus.", sagte er trocken.
Sie gluckste.
"Du bist unglaublich."
"Ja, und aus diesem Grund verstehe ich dich auch vollkommen.", erklärte er sachlich.
"Sieht aus als würde ich von dir kein Mitleid für meine Situation erwarten können."
"An mich zu denken sollte nichts sein wofür du bemitleidet werden musst. Ich für meinen Teil könnte mir Schlimmeres vorstellen."
"Aber nicht, wenn es mich um den Schlaf bringt.", stöhnte sie.
"Hast du morgen nicht sowieso noch frei?"
"Ja, die Vergangenheits-Hope war glücklicherweise so schlau und hat einen Erholungstag nach der Reise mit einkalkuliert."
"Sehr vorrausschauend von ihr.", stimmte er ihr zu.
"Ich finde auch sie hat etwas Anerkennung dafür verdient.", sagte sie mit einem Lächeln.
"Aber die Gegenwarts-Hope sollte auch vernünftig sein und ihre Zeit nutzen um sich auszuruhen, damit die Zukunfts-Hope am kommenden Dienstag nicht durchhängt."
"Aye.", seufzte sie ergeben. "Aber kann ich dich morgen nochmal anrufen? Also nach deiner Zeitrechnung morgen versteht sich."
"Du kannst mich jederzeit anrufen."
Diese Worte waren erleichternd.
"Ich freu mich darauf."
"Schlaf gut, Hope."
"Du auch, Nate. Es war schön deine Stimme zu hören."
"Ging mir auch so.", antwortete er.
Sie verabschiedeten sich voneinander, bevor sie auflegte und ihr Telefon zurück auf den Nachtisch legte. Dabei fiel ihr auf, dass sie Lampe inzwischen blau leuchtete. Gute Nacht. Sie lächelte. Dann schickte sie selbst ein pinkes Licht zurück. Kuss. Wie sehr wünschte sie sich, dass der Kuss nicht nur imaginär wäre. Wie sollte sie die Zeit nur überstehen bis sie ihn wiedersehen würde? Es gab ja noch nicht einmal ein Datum für ein Wiedersehen. Sie stand auf und ging zu dem Kalender, der an der Wand hing. Ihr nächster größerer Urlaub war erst nach Weihnachten. Das war noch eine Ewigkeit hin. Vier Monate. Sie konnte sich Nates Begeisterung darüber schon lebhaft vorstellen, wenn sie ihm das irgendwie beibringen musste. Warum hatte sie auch ihren gesamten Urlaub schon im ersten halben Jahr auf den Kopf gehauen?
Sie hatte zwar noch ein paar einzelne freie Tage im November, aber nur für 4 Tage nach New York zu fliegen war nicht unbedingt sinnvoll und noch dazu nicht gerade billig. Sie konnte schließlich schlecht davon ausgehen, dass Nate ihre nächste Reise auch bezahlen würde. Zudem hätte sie auf Dauer auch ein schlechtes Gewissen dabei, wenn er jedes Mal für die Tickets aufkommen musste. Sie zweifelte jedoch nicht daran, dass er es ohne mit der Wimper zu zucken tun würde. Abgesehen davon hatte sie den Urlaub im November hauptsächlich genommen, weil ihre Mum in diesem Zeitraum Geburtstag hatte und gerade jetzt, wo sie bald in die Entzugsklinik aufgenommen werden würde, wäre es eine nette Geste ihr an diesen Tagen einen Besuch dort abzustatten. Frustriert legte sie sich wieder zurück ins Bett und schaltete das Licht aus, auch wenn sie keine Ahnung hatte wie sie jetzt Schlaf finden sollte. Ihr Blick fiel auf den leeren Platz neben ihr. Für einen Augenblick stellte sie sich vor wie er wieder neben ihr lag und ihr dabei tief in die Augen sah. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie sich nicht einsam gefühlt, sondern stattdessen behaglich und geliebt. Seine Nähe hatte sich stets vertraut anfühlt. Doch jetzt war sie wieder allein. Für eine noch ungewisse Zeit jedenfalls. Hope schloss die Augen und versuchte zu schlafen und sich frei zu machen von ihren Gedanken, die ihr im Kopf herumschwirrten. Doch ihr Körper drehte sich nur ruhelos von einer auf die andere Seite unfähig an etwas anderes als ihn zu denken.
Seine Stimme.
Seine Augen.
Seine Küsse.
Im Geiste war sie immer noch in New York. Bei ihm.

***

Als Hope am nächsten Morgen erwachte und auf die Uhr sah, war es schon fast Mittag. Offenbar hatte sie den Schlaf bitter nötig gehabt. Sie rechnete automatisch fünf Stunden zurück. In New York war es erst kurz nach 6. Nate war zwar ein Frühaufsteher, aber sie bezweifelte, dass er schon so früh wach war. Dennoch checkte sie ihr Handy kurz auf verpasste Nachrichten. Wie erwartet gab es keine.
Schwerfällig erhob sie sich vom Bett. Im gleichen Moment begann ihr Magen zu rebellieren. Sie ging in die Küche und öffnete ein paar Schränke in der Hoffnung etwas essbares zu finden, doch offenbar hatte sie vor ihrer Reise fast alles aufgebraucht. Eine Tütensuppe, die vor 2 Jahren abgelaufen war, fiel ihr in die Hände. War sie so verzweifelt? Nein. Abgesehen davon hatte sie solchen Hunger, dass eine Suppe sie nicht annähernd satt machen würde.
Ein lautes Geräusch ließ sie zusammenfahren.
Die Türklingel. Bitte nicht!
Sie sah aus wie das gruselige Mädchen aus The Ring, allerdings nachdem sie in den Brunnen gefallen war. Der Paketdienst sollte sich gefälligst ein anderes Opfer suchen um seine Pakete loszuwerden. Als wäre das nicht schon schlimm genug, klopfte es mehrmals drängend an ihrer Wohnungstür.
"Hope? Bist du da?", drang eine weibliche Stimme durch die Tür. Das war doch...
"Mum?"
Ohne länger zu Zögern öffnete sie und war ein wenig perplex über ihren Anblick. Sie sah noch fertiger aus als vorhin am Flughafen. Ihre Augen wirkten glasig und ihre Haut war kalkweiß. Mit Mühe brachte sie ein fahriges Lächeln zustande.
"Kann ich reinkommen? Tut mir Leid, dass ich dich so überfalle. Aber ich hab's nicht mehr ausgehalten."
Sie hielt die Tür auf um ihre Mutter reinzulassen.
"Alles in Ordnung. Aber wie bist du hierher gekommen? Bist du in deinem Zustand etwa gefahren?", fragte sie entgeistert.
Ihre Mutter nahm auf dem Sofa Platz, doch ihr umherirrender Blick war unruhig. Ihre Hände zitterten sichtbar.
"Dad hat mich hergefahren. Er lässt mich kaum aus den Augen seit ich bei ihm wohne. Er behandelt mich wie einen unselbständigen Teenager.", grummelte sie abfällig.
Hope setzte sich schweigend neben sie.
"Du weißt er meint es nur gut."
"Mag sein, aber schau mich doch an, Hope. Ich fühle mich furchtbar."
Sie war den Tränen nahe. Ihre schwarzer  Wimperntusche verschmierte als sie über ihre Wangen liefen.
"Ich weiß.", sagte Hope. "Leider ist das normal bei einem kalten Entzug. Aber ich bin auch dagegen es auf diese Art zu tun. Es kann gut gehen, muss es aber nicht."
"Bitte, Hope, hilf mir!", jammerte sie und lehnte sich vor Verzweiflung an ihre Schulter, während ihre Finger sich in ihrem Oberarm krallten.
"Mum, ich habe nichts zu Trinken für dich. Ich habe nichtmal Frühstück. Ich muss erst einkaufen gehen."
"Ich kann dich begleiten. Dein Großvater ist kurz auf Arbeit gegangen um dort nach dem Rechten zu sehen. Er wird also nichts mitbekommen."
Hope war unentschlossen. Sie fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken ihren Großvater zu hintergehen, aber andererseits brauchte sie dringend etwas essbares. Und besser so, als wenn ihre Mum sich heimlich Alkohol besorgte und hinter seinem Rücken trank.
Sie seufzte.
"Gut, lass uns zusammen gehen.", gab sie schließlich nach. "Ich muss mich nur schnell fertig machen, dann gehen wir los."
Ihre Mum legte dankbar ihre Hände in ihre.
"Danke, Hope. Du bist die beste Tochter überhaupt.", strahlte sie.
Sie war sich trotzdem unsicher, ob es die richtige Entscheidung war. Andererseits würde sie ohnehin bald in die Entzugsklinik eingewiesen werden, wo sie es hoffentlich ein für alle Mal schaffte ihre Sucht loszuwerden.
Als Hope sich fertig angezogen hatte, liefen sie gemeinsam zum Supermarkt um die Ecke. Kaum dort angekommen war ihre Mutter im Weinregal verschwunden.
"Zwei Flaschen. Mehr nicht.", sagte sie, bevor sie eskalieren würde und kam sich dabei vor als wäre sie die Mutter und nicht die Tochter.
Nach einer halben Stunde verließen sie den Laden und gingen zu ihr zurück, während sie ihre Mum davon abhalten musste die Flaschen bereits auf dem Weg dahin zu leeren. Es würde schwierig werden ihr das Zeug auf Zuteilung zu verabreichen. Sobald sie Blut geleckt hatte, war es vermutlich vorbei mit der Zurückhaltung.
Hope schenkte ihr ein Glas von dem Rotwein ein und stellte es ihr hin.
"Teile es dir ein. Du bekommst nur einmal nachgeschenkt und das wars dann."
Sie nickte gehorsam und griff nach dem Glas als enthielt es göttliches Weihwasser. Hope würde nie verstehen was ihre Mutter an dem Zeug fand besonders da der Wein staubtrocken war. Während ihre Mum ruhig gestellt war, bereitete sie ein paar Tortellini zu. Das Frühstück war ohnehin gelaufen also konnte sie auch gleich nahtlos zum Mittagessen übergehen.
Als sie fertig war, verteilte sie das Essen auf zwei Teller und stellte es auf den Esstisch. Schon während des Essens bemerkte sie wie ihre Mum allmählich ruhiger wurde. Man konnte beinahe dabei zusehen wie ihre Hände ihre Koordination zurückgewannen. Und auch ihr Verstand schien wieder ein bisschen klarer zu sein.
"Grandpa hat gestern noch gemeint, dass du und dein Patient euch in New York näher gekommen seid.", sagte sie irgendwann als sie fertig waren.
Hope schloss kurz die Augen und versuchte Ruhe zu bewahren. "Ich muss zugeben, dass mich das ein wenig überrascht hat.", fuhr sie unbeirrt fort als Hope nicht antwortete. "Meine überkorrekte Tochter stürzt sich in eine wilde Affäre und dann noch mit einem ihrer Patienten."
Sie wirkte seltsamerweise amüsiert bei diesen Worten.
"Also erstens ist er nicht mehr mein Patient und zweitens ist es auch keine Affäre. Da hast du wohl etwas missverstanden. Du weißt, dass ich keine Affären habe."
"Ich will dich doch nur ein bisschen aufziehen, Süße.", kicherte sie und leerte dann ihr Glas. "Wie ist er so? Seid ihr zusammen? Erzähl mir alles."
Genau dieses Gespräch hatte sie befürchtet. Sie redete ungern über intime Details ihrer Liebesbeziehungen und überlegte eine Weile was sie ihr anvertrauen konnte.
"Er ist... speziell, ausgesprochen intelligent und nett. Man kann ihn schwer in Worte fassen. Und ja... wir sind zusammen."
"Es ist also was ernsthaftes. Nun das muss es wohl, wenn du dich auf eine Fernbeziehung wie diese einlässt. New York ist eine ziemliche Hausnummer."
"Ich weiß.", nuschelte sie. "Aber ich habe das nicht geplant. Doch er macht mich glücklich."
Ihre Mum lächelte. Diesmal wirkte es aufrichtig.
"Das ist die Hauptsache. Hast du denn ein Foto von deinem neuen Freund?"
Sie schüttelte betreten den Kopf.
"Leider nicht. Er ist etwas kamerascheu.", erklärte sie und hoffe, dass sie es ihr abkaufen würde.
"Oh schade. Aber gutaussend ist er, ja?"
Hope dachte kurz über diese Frage nach.
"Ich finde ihn ziemlich süß, aber das ist sicher Ansichtssache. Er entspricht keinem üblichen Schönheitsideal."
"Verstehe. Und was macht er so beruflich?", fragte sie, während Hope ihrer Mum wie versprochen den Wein nachschenkte. Beinahe hätte sie ihn jedoch verschüttet bei ihrer Frage.
"A-...also er ist Ermittler beim FBI.", log sie und fühlte sich schrecklich dabei. Der Blick ihrer Mum war auch alles andere als begeistert.
"Du wirst genauso wie ich. Ich wusste es schon immer.", seufzte sie und nahm einen kräftigen Zug.
"Was soll das heißen?", fragte sie tonlos.
"Nun ja, du suchst dir jemand der tausende Kilometer von dir entfernt lebt und dann arbeitet er auch noch fürs FBI. Das ist fast wie ein Déjà-Vu. Es macht mir ein bisschen Angst. Ich möchte nicht, dass du dich in Gefahr bringst. Du weißt was alles passieren kann."
Sie starrte nachdenklich in ihr Glas, was bereits wieder leer war. Hope verdrehte die Augen.
"Ich bin nicht wie du. Und mir ist klar, dass es ein Risiko ist. Das ganze Leben ist ein Risiko. Soll ich jetzt meine Beziehung aufgeben, nur weil du glaubst, dass etwas passieren könnte?"
"Ich habe nicht gesagt, dass du sie aufgeben sollst, aber ich halte es dennoch für riskant."
"Nun, Alkohol ist das auch. Aber jeder trifft seine Entscheidungen für sich und muss dann mit den Konsequenzen leben. Und ich bin alt genug, um zu wissen, was ich tue, Mum, mit dem Unterschied, dass ich immerhin nicht krankhaft süchtig bin, sondern lediglich verliebt."
"Schon gut.", sagte sie trotzig. "Ich wollte dir auch nicht reinreden. Tu, was du für richtig hältst."
"Das werde ich auch.", sagte sie entschieden. "Wenn du nochmal von vorne anfangen könntest, würdest du dich doch auch wieder für Dad entscheiden oder nicht?"
Ihre Mutter sah zu ihr auf und nickte dann langsam.
"Du hast Recht. Es war eine schöne Zeit damals und ohne ihn, gäbe es dich schließlich nicht." Sie griff nach Hopes Händen und drückte sie fest. "Du bist das wertvollste, was ich habe und du siehst ihm so ähnlich."
Hope musste sich eine Träne verdrücken bei ihren netten Worten. Sie erwiderte ihren Händedruck.
"Ich bin auch froh dich zu haben, Mum.", wisperte sie.
Sie redeten noch eine ganze Weile über die Dinge, die in den letzten Monaten passiert sind als sie keinen Kontakt zueinander hatten. Hope zeigte ihr den YouTube Account, den sie erstellt hatte und ihre bisherigen Songcover. Irgendwann rief Grandpa an und teilte ihr mit, dass er sie wieder abholen würde.
"Du brauchst den Alkohol doch bestimmt nicht mehr, oder?", fragte Mum, als sie gehen wollte und fixierte die zwei Flaschen mit ihrem Blick.
"Wenn Grandpa sieht, dass ich dir Alkohol gegeben habe, wird er ausrasten."
"Dann erkläre es ihm nochmal. Bitte!" ,jammerte sie. "Ich habe mich ja schon in der Klinik angemeldet, aber es dauert noch 2 Wochen bis ein Platz frei ist."
Hope stöhnte auf. Sie hatte keine Lust auf Diskussionen, besonders nicht mit Grandpa. Schließlich musste sie noch mit ihm zusammenarbeiten und da konnte sie keinerlei Konflikte gebrauchen, die ihnen im Weg standen.
"Ich versuche es.", sagte Hope dennoch, weil ihre Mum so verzweifelt wirkte. Sie war eindeutig zu gut für diese Welt. Und in gewisser Hinsicht wahrscheinlich auch naiv...
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