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Raketen-Zombies!

GeschichteHorror, Action / P16 / Gen
Carlotta John Sinclair
24.06.2021
30.06.2021
11
8.625
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24.06.2021 1.552
 

Fliegen ist doch was Wunderbares, dachte das Vogelmädchen Carlotta. Frei sein wie ein Vogel, unbeschwert und leicht. Sie machte einen Salto vorwärts, dann einen rückwärts, stellte sich senkrecht in die Luft und vollführte eine vollendete Pirouette. Ein Schwarm Spatzen, der sich neugierig genähert hatte, spritzte zeternd auseinander.
Es war hoher Mittag, die Sonne schien vom makellos tiefblauen Himmel, und bei der jungen Frau mit den zwei beeindruckenden gefiederten Schwingen auf dem Rücken waren sämtliche Sicherungen durchgebrannt. Sie war sich des Risikos bewusst, am hellichten Tag und bei einem solchen Wetter zu fliegen, auch ohne Maxine Wells eindringliche Warnung. Aber sie hatte nicht anders gekonnt, alles in ihr hatte danach geschrien, sich in die Lüfte zu erheben.
Sie hatte Maxine versprechen müssen, mit ihrem neuen Roller mindestens bis an den Stadtrand von Dundee zu fahren, bevor sie der Schwerkraft ade sagte. Und das hatte sie auch getan. Schließlich galt es, unter allen Umständen zu vermeiden, dass jemand auf Carlotta und ihre ungewöhnliche, ja beinah magische Fähigkeit aufmerksam wurde. Schon in ihrem eigenen und somit auch in Maxines Interesse.
Sie war zwei, drei Meilen Richtung Nordwest gefahren, bis an die Stadtgrenze, hinter der sich weite Felder erstreckten, nur hier und da unterbrochen von kleinen, wie von einem Landschaftsmaler hingetupften Flecken Waldes.
In einem dieser Haine hatte sie den Roller geparkt, die Steppjacke abgestreift, unter der sie ihre Flügel verborgen hatte, sich die Ärmel um die Hüften geknotet - und dann hatte sie nichts mehr halten können.
In einer Höhe von dreißig, vierzig Yard hatte sie das Camperdown Wildlife Centre und den Downfield Golf Club weiträumig umflogen. Es war immerhin Samstag, Wochenende, und da würde sowohl in dem Tierpark als auch auf dem Golfplatz einiges los sein.
Die Tiere in Camperdown, die Bären, Wölfe, Affen, Murmeltiere in ihren Gattern und Käfigen, die sie von oben aus der Ferne sah, taten Carlotta leid. Ganz zu schweigen von den exotischen, wunderschönen Vögeln in den Volieren. Sie war einmal mit Maxine in dem Tierpark gewesen, als es Komplikationen bei der Schwangerschaft eines Luchsweibchens gegeben hatte und der Tierarzt, den der Park fest angestellt hatte, die Meinung einer Fachkollegin hatte einholen wollen. Auch Maxine war mittlerweile dagegen, Tiere zu Anschauungszwecken oder zur schlichten Unterhaltung oder zum Zeitvertreib einzusperren. Sicher, in früheren Zeiten boten Zoos die einzige Möglichkeit, dass etwa ein Nordeuropäer sich einen lebendigen Eindruck von der Fauna anderer Kontinente wie Afrika oder Asien verschaffen konnte, ohne selbst eine halbe Weltreise zu unternehmen. Heutzutage indes, in Zeiten, da es zu jeder noch so exotischen Spezies ein Dutzend Dokumentarfilme und unzählige gestochen scharfe, hochauflösende Fotos im Internet zu sehen gab, gab es weder für Carlotta noch Maxine einen vernünftigen Grund, wilde Tiere Tausende von Meilen von ihrem natürlichen Lebensraum entfernt einzusperren, damit Wochenendausflügler sich an ihrem Anblick ergötzen konnten.
Carlotta flog eine weitere Meile, den leichten Wind im Rücken, ließ Birkhill links und Bridgefoot rechts liegen. Vor ihr öffnete sich ein Areal aus Futtermais- und Getreidefeldern und weitläufigen Wiesen, auf denen Schafe, Kühe und Pferde grasten.
Hier ließ sich das Vogelmädchen, das seine Flügel und die mit diesen einhergehenden Fähigkeiten fürchterlichen schwarzmagischen Experimenten verdankte, die man in ihrer Kindheit mit ihr angestellt hatte, auf einem starken Ast in der Krone einer Birke am Rande eines kleinen ländlichen Friedhofs nieder.
Aus einer Tasche ihrer Jacke, die sie sich um die Hüften geknotet hatte, holte sie eine kleine Plastikflasche mit Wasser und trank langsam einige Schlucke. Fliegen machte durstig. Was die körperliche Anstrengung betraf, die es erforderte, verglich Carlotta es Eingeweihten gegenüber mit einem mittelschnellen Dauerlauf.
Sie ließ ihren Blick über die sonnenbeschienene Landschaft gleiten und ihre Gedanken schweifen.
Nicht nur das wunderbare Frühlingswetter hatte Carlotta aus dem Haus und in die Lüfte getrieben. Auch die Aussicht auf die Flugschau, die am morgigen Sonntag ganz in der Nähe stattfinden sollte, hatte in ihr den Wunsch erweckt, selbst mal wieder flügge zu werden.
Bei der Flugschau würden tollkühne Flieger in allerlei fliegenden Kisten Kunststücke zum Besten geben. Laut den Ankündigungen in allen regionalen Medien sollten außerdem Fallschirmspringer abspringen und in der Luft eine Art Ballett aufführen. Und so allerlei sonst noch. Carlotta stellte sich vor, was sie darbieten würde, wenn sie bei der Schau auftreten könnte. Aber die Gedanken waren müßig. Bis auf Maxine, die Tierärztin, die Carlotta damals zu sich genommen und sich um sie gekümmert hatte, John Sinclair, der sie damals vor noch schlimmerem bewahrt hatte, und ein paar anderen Freunden und Kollegen, die Bescheid wussten, durfte niemand von Carlottas wundersamer Gabe erfahren. Das Vogelmädchen konnte sich lebhaft ausmalen, wie sich Medien, Politik und Wissenschaft und nicht zuletzt eine Milliarde Kommentatoren im Internet auf sie stürzen würden. Bei der Vorstellung lief es ihr eiskalt den Rücken runter.
Der Friedhof, auf den sie aus etwa zehn Yards Höhe hinabblickte, lag halb im Schatten der angrenzenden Bäume. Es waren vielleicht drei Dutzend Gräber, umgeben von einem hüfthohen, stellenweise eingeknickten Holzzaun. Die einfachen grauen Grabsteine waren verwittert, hier und da von dunklem Moos bewachsen, standen teilweise windschief oder waren längst umgekippt. Die Gräber waren überwuchert von Unkraut, die zwei schmalen Wege, an denen sie aufgereiht lagen, waren wahrscheinlich nur von hier oben, wo Carlotta saß, noch als solche auszumachen.
Der Blitz kam wortwörtlich aus heiterem Himmel. Carlotta verlor den Halt, schlug gegen Äste und Zweige und sah im nächsten Moment den Waldboden auf sich zu rasen. Keinen Yard über der Erde konnte sie sich, wild mit den Flügeln schlagend, fangen und plumpste relativ schmerzfrei auf ihre vier Buchstaben.
Verdutzt rieb sie sich die Augen. Was war das denn gewesen?
Vom blauen, wolkenlosen Himmel war ein Blitz herabgefahren und eingeschlagen. Allerdings wohl nicht in den Baum, auf dem sie gesessen hatte, sondern irgendwo in den Boden ringsum. Carlotta stand auf, klopfte sich den Hosenboden ab und ließ den Blick schweifen. In der Richtung, in der der kleine Friedhof lag, sah sie schemenhaft eine dünne Rauchsäule aufsteigen. Dabei gaukelte ihr ihr Auge nach wie vor ein langsam verblassendes Nachbild des Blitzes vor. Carlotta konzentrierte sich darauf. Irgendetwas an dem Nachbild stimmte nicht. Es hatte sich beinah aufgelöst, da fiel es Carlotta wie Schuppen von den Augen. Das Nachbild war hell, weiß gewesen.
Nachbilder, das wusste Carlotta, zeigten sich gewöhnlich als Negativ, wie man es aus der analogen Fotografie kannte. Hell wurde dunkel, Dunkel hell, Schwarzes erschien Weiß und umgekehrt. Farben wurden verfälscht wahrgenommen, meist als ihre Komplementärfarbe.
Der Blitz, der sich als Nachbild kurzzeitig auf Carlottas Netzhaut eingebrannt hatte, war weiß gewesen. Strahlend weiß.
Was im Umkehrschluss hieß, dass das Original pechschwarz gewesen sein musste. Und auch gewesen war, wie sich Carlotta, von Schreck und plötzlichem Absturz noch immer etwas benommen, jetzt erinnerte.
Ein schwarzer Blitz. Aus heiterstem Himmel.
Und er war in den kleinen, offenbar jahrhundertealten Friedhof eingeschlagen.
Carlotta blickte sich um. Sie sah niemanden, der sie seinerseits hätte sehen können, spreizte die Schwingen, lockerte ihre Nackenmuskulatur und erhob sich ein paar Yards senkrecht in die Luft, bis sie wieder von schräg oben den Friedhof sehen konnte.
Ziemlich genau in der Mitte des eingezäunten Fleckens Erde zeichnete sich ein dunkles Mal am Boden ab. Noch immer stiegen vereinzelte Rauchfähnchen daraus auf, die der leichte Frühlingswind spielerisch in Fetzen riss und verwehte.
Dann spritze unvermittelt, in Form einer mehrere Yards hohen Fontäne, Sand auf.
Carlotta blickte nochmal um sich, dann steuerte sie auf den Friedhof zu.
Für die gut zweihundert Yards brauchte sie keine zehn Sekunden.
Aus gut zehn Yards Höhe sah sie ihren Schatten über die Gräberreihen huschen.
Und dann sah Carlotta etwas, das ihr im wahrsten Sinne des Wortes die Nackenhaare zu Berge stehen ließ.
Erdklumpen flogen, Staubwolken stiegen auf. Vögel, die am Boden nach Futter gesucht hatten, stieben aufgeregt zwitschernd in die Höhe. Mäuse und anderes Kleingetier ergriff die Flucht, flitzte Richtung Zaun, um dahinter im Unterholz zu verschwinden. Dafür schien die Luft plötzlich von Fliegen zu schwirren.
Eine knochige Kralle, nur noch spärlich in verrottete, lederartige Hautfetzen gehüllt, grub sich aus der dunklen Erde hervor. Dann noch eine. Knorrige Arme stießen ins Freie, stützten sich ab und hievten furchtbar entstellte Körper dem strahlenden Licht der Sonne entgegen.
Carlotta brach der kalte Schweiß aus. Ihr Herz hämmerte in ihrem Hals und trug seinen Teil dazu bei, dass sich Übelkeit in ihrem Bauch breitmachte.
Aus gut zwei Dutzend Gräbern wühlten sich die Toten ans Licht des Tages.
Carlotta stieg weiter auf und flog in Richtung einer Gruppe hoher Bäume. Sie suchte sich einen Ast, der stark genug war und dessen Blattwerk sie weitestgehend verbarg. Sie selbst behielt den Friedhof im Blick, auf dem die ersten der zu grausigem Halbleben wiedererwachten Leichname sich aufrichteten, die Gesichter der Sonne zuwandten und zögerlich, wankend die ersten Schritte taten.
Carlotta löste die Ärmel ihrer Jacke von ihren Hüften und zog sie an. Ihr war plötzlich eiskalt. Mit zitternden Fingern nestelte sie ihr Smartphone aus der Jackentasche. Es entglitt ihren Fingern, fiel, sie griff schnell nach und konnte es gerade noch fassen.
Die Nummer desjenigen, den sie anrufen wollte, anrufen musste, war eingespeichert. Ein Tastendruck reichte aus, um die Verbindung aufzubauen.
Die ersten der wandelnden Toten stießen gegen die niedrige Umzäunung des Friedhofs und trampelten sie nieder.
Carlotta zählte die Freizeichen.
Vier, fünf, sechs ...
Oh Gott, lass´ ihm nichts passiert sein, beschwor das Vogelmädchen einen Geist, an den es selbst nicht so recht glauben mochte.
Im nächsten Moment meldete sich am anderen Ende der Leitung die vertraute Stimme ...
 
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