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171 Tage

von Schrotti
GeschichteAllgemein / P16 / Het
Florian David Fitz OC (Own Character)
23.06.2021
20.07.2021
67
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23.06.2021 1.692
 
Ich schob mein Fahrrad aus der Haustür, klemmte es so zwischen meinem Bein und der Hauswand ein, damit ich die Tür hinter mir schließen konnte, fluchte dabei wie jeden Tag und zog die Tür zu.
Meine Nachbarin Roos, die gerade in ihrem Vorgarten die Blumen goss, beobachtete mich dabei. Ihr breites Lächeln verriet, wie amüsiert sie war.
Ich seufzte. „Seit sechs Jahren wohne ich hier, und ich habe immer noch nicht den richtigen Kniff gefunden.“, seufzte ich.
„Macht nichts. Irgendwann lernst du es auch. Fährst du zum Dienst?“
„Ja. Sonntagsdienst. Ich hoffe, es bleibt ruhig.“
„Viel Glück. Und wenn du magst, Willem schmeißt heute Abend den Grill an.“
„Falls ich es rechtzeitig raus schaffe, komme ich rüber.“
Kurz darauf radelte ich an der Rozengracht entlang Richtung Klinik.
Die Sonne schien an diesem Augusttag schon am frühen Morgen, aber noch lag keine drückende Hitze über der Stadt, wie es sicher später der Fall sein würde.
In nur 15 Minuten erreichte ich die private Physiotherapie Klinik im Amsterdamer Westen, in der ich als Krankenschwester arbeitete.
Zu uns kamen Patienten aus der ganzen Welt. Die Niederlande waren bekannt für ihre guten Physiotherapeuten. Hier wurde dieser Beruf nicht in einer schulischen Ausbildung, sondern in einem Studium erlernt, ähnlich dem eines Arztes, so dass unsere Therapeuten den besten Ruf hatten.
Die Klinik hatte sich auf Rehabilitation von Unfallopfern spezialisiert, und viele der Patienten blieben für Monate bei uns, manche sogar bis zu einem Jahr.
Diese Pflege hatte ihren Preis, so dass überwiegend wohlhabende Patienten bei uns untergebracht waren.

„Guten Morgen Marie.“, begrüßte mich mein Lieblingskollege Maarten, nachdem ich mich umgezogen hatte und unseren Aufenthaltsraum betreten hatte. „Frisch und bereit für die Schicht?“
„Immer.“, lächelte ich. „Irgendwelche besonderen Vorkommnisse?“
„Wir haben einen Neuzugang. Ist gestern gekommen. Aus Deutschland, deswegen meinte Lynn, du sollst dich um ihn kümmern.“
„Na klar. Krankheitsgeschichte?“
„Steht hier in der Akte.“ Er hielt mir eine Mappe hin. „Aber kurz zusammen gefasst: Er hat sich so ziemlich alle Knochen in beiden Beinen gebrochen. Oberschenkel, Mittelfußknochen, Sprunggelenk, Innen- und Außenknöchel und rechts noch den Fußwurzelknochen. Wurde in Deutschland operiert, hat Marknägel und Schrauben eingesetzt bekommen.“
Ich warf einen Blick in die Akte. „Wie ist das denn passiert? Motorradunfall?“
„Keine Ahnung. Ich war heute morgen mal bei ihm, aber er spricht nicht viel. Dabei hatte ich mich gefreut, meine exzellenten Deutsch-Skills mal anwenden zu können.“
„Haha Maarten, deine Deutsch-Skills bestehen aus „Was kostet ein Bier?“ und „Wo geht’s zum Oktoberfest?“.“
„Naja, er kommt aus München, ich dachte, wir verstehen uns.“, grinste er.
Ich lachte, nahm die Akte und besuchte zuerst meine anderen Patienten.
Da wir ein privates Haus waren, ging es bei uns anders zu als in anderen Reha-Kliniken.
Hier hatte jeder Phyiotherapeut und das Pflegepersonal einen eigenen Stamm an Patienten. Das machte Sinn, da viele der Unfallopfer auch oft leicht bis etwas schwerer traumatisiert waren und sich so über die Wochen und Monate ein Vertrauensverhältnis aufbauen konnte.
Wenn Not am Mann war, war immer noch jeder für jeden zuständig, aber in der Regel bekamen wir es ganz gut hin, dass wir zumindest tagsüber nur für unsere Patienten da sein konnten.
Nachdem ich meine Runde gedreht und überall nach dem Rechten geschaut hatte, klopfte ich an die Tür unseres Neuzugangs und trat ein.
„Guten Morgen.“, sagte ich fröhlich und trat an das Bett des Mannes.
Er schien nicht überrascht, dass er auf deutsch angesprochen wurde. Überhaupt zeigte er keinerlei Regung.
„Ich bin Marie. Wir duzen uns hier in der Regel, ist das okay, oder soll ich lieber beim Sie bleiben?“
Er drehte den Kopf zu mir uns sah mich zum ersten Mal an.
Oh je, hier würde ich mit unseren Psychologen reden müssen, das war mir auf den ersten Blick klar.
„Du ist okay. Florian. Aber das steht ja sicher da in deiner schlauen Akte.“
„Stimmt. Was ist denn passiert Florian?“, fragte ich, nahm einen Stuhl und setzte mich neben ihn.
„Bergunfall. Mehr weiß ich nicht. Ich erinnere mich nicht.“
„Und wann ist das passiert?“
„Steht das nicht auch in der Akte?“
„Doch bestimmt. Aber ich habe sie noch nicht gelesen. Ich dachte, vielleicht magst du es mir lieber selber erzählen.“
„Vor einer Woche. Es war eine kleine Wanderung. Der Schnürsenkel meines Wanderschuhs ist kurz vorher gerissen und ich dachte, ausnahmsweise reichen auch die Sneaker. Wie sich herausstellte, was das ein Irrglaube.“
„Wurde schon was gemacht in Deutschland? Physiotherapiemäßig meine ich?“
„Ich liege hier eingegipst mit sämtlichen gebrochenen Knochen. Was soll man denn da machen?“
„Wir müssen jetzt schon anfangen, deinen Oberkörper zu trainieren, damit dieser stark genug ist für die kommende Zeit. Und auch deine Beinmuskeln können schon ein bisschen in Schwung gebracht werden. Aber das erklärt dir dein Physiotherapeut morgen. Gibt es irgendwas, was ich für dich tun kann? Brauchst du was?“
„Nein.“
„Bist du alleine in Amsterdam oder ist jemand von deiner Familie mit gekommen? Frau? Mann? Freunde?“
„Meine Mutter ist hier.“
„Im Hotel oder in einer unserer Angehörigenwohnungen?“
„Im Hotel. Sie kommt gleich.“
„Super, dann werde ich nachher noch mal vorbei kommen und sie begrüßen. Lass mich wissen, wenn ich was für dich tun kann, okay?“
„Ja.“
Ich begegnete Maarten auf dem Flur.
„Und?“, fragte er.
„Ich mache eine Notiz, dass einer der Psychologen mal mit ihm spricht. Er wirkt ziemlich depressiv.“
„Kein Wunder. Er hat einen langen Weg vor sich.“
„Das auf jeden Fall.“

Nachdem alle Patienten begrüßt und versorgt waren, was Maarten zum größten Teil schon im ganzen frühen Dienst übernommen hatte, machte ich mich an den Papierkram.
Sortieren, abheften, weiterleiten, Post vorbereiten... Damit verbrachte ich täglich Stunden.
Gegen Nachmittag verteilte ich Kaffee, Tee und Kuchen.
Im Zimmer von Neuzugang Florian saß eine ältere, aber sehr hübsche Frau neben ihm auf dem selben Stuhl, auf dem ich am Morgen gesessen hatte.
„Hallo.“, begrüßte ich sie. „Ich bin Marie.“
Hallo.“, sagte sie und lächelte mich an.
„Sie sind sicher Florians Mutter.“
Ihr Blick war betrübt, trotz des Lächelns. Sie machte sich eindeutig Sorgen um ihren Sohn.
„Ja die bin ich.“
„Freut mich. Wollen sie auch ein Stück Kuchen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, vielen Dank.“
„Meinen kannst du auch gleich wieder mitnehmen.“, meinte Florian ohne mich anzusehen. Er starrte aus dem Fenster.
„Sicher? Ein bisschen Kuchen hebt die Stimmung.“
„Und macht fett. Schlimm genug, dass ich nicht laufen kann, da will ich nicht auch noch wie ein fetter Klops im Bett rum liegen.“
„Gut dass du es ansprichst. Morgen früh versuchen wir mal, dich aus dem Bett in einen Rollstuhl zu bekommen. Der Physiotherapeut und ich helfen dir dabei.“
„Und wie soll das funktionieren?“, fragte er grimmig.
„Das zeigen wir dir dann. Wenn du erstmal wieder ein bisschen beweglicher wirst, fühlst du dich gleich viel besser.“
„Ah ja.“
Innerlich seufzte ich. Ich hatte öfter Patienten, die am Anfang  deprimiert waren, besonders wenn sie vorher sehr sportlich aktiv gewesen waren. Florian schien einer der hartnäckigeren zu sein.
„Okay, ich nehme den Kuchen wieder mit, ja?“
„Ja.“
„Bis später dann.“
Seine Mutter folgte mir auf den Flur.
„Haben sie mal einen Moment für mich?“, fragte sie.
Ich nickte. „Sicher. Sie können mich übrigens gerne duzen. Wollen wir irgendwo hin gehen, wo wir ungestört sind?“
„Ja bitte. Ich bin dann aber auch Gabi.“
Ich lächelte und ging mit ihr in eines der Besprechungszimmer.
„Also, was kann ich für dich tun Gabi?“, fragte ich, nachdem wir uns gesetzt hatten.
Sie seufzte schwer.
„Normalerweise ist Florian nicht so. Er hat immer einen Hang zur Melancholie und denkt viel nach, aber normalerweise ist er optimistisch und vor allem sehr aktiv. Ich habe ein bisschen Angst, dass er in eine Depression verfällt.“
„Den Eindruck hatte ich heute morgen auch, deswegen habe ich schon veranlasst, dass sich ein Psychologe mit ihm unterhält, um festzustellen, ob da Handlungsbedarf besteht.“
„Gut. Wird er denn wieder normal laufen können?“
„Das kann ich nicht sagen, aber unsere Ärzte und Physiotherapeuten können das sicher bald abschätzen. Es liegt hängt auch viel daran, ob und wie sehr er mitarbeitet. Nach meinem ersten Eindruck fürchte ich, müssen wir ihn erstmal motivieren.“
„Bekommen ihr das hin? Ich meine, gab es schon mal Fälle, wo der Patient nicht mitgearbeitet hat?“
„Sehr selten, aber ja, sowas gibt es auch. Die mir bekannten Patienten wurden dann erstmal in eine andere Einrichtung verlegt, wo es hauptsächlich um die psychologische Therapie ging. Aber das würde ich bei Florian jetzt erstmal nicht vermuten. Manchmal braucht es eine Weile, bis sie wieder Energie verspüren und den Willen, an sich zu arbeiten. Und auch dann ist es oft ein auf und ab.“
„Weißt du, mein Sohn liebt seinen Beruf und ist auch sehr erfolgreich. Dazu braucht er aber seine Beine. Wenn er nicht mehr richtig laufen kann, dann wird ihn das wirklich in ein tiefes Loch stürzen.“
„Soweit sind wir noch nicht. Ich denke, morgen sind wir schon einen Schritt weiter und wir bekommen eine Prognose. Heute können wir leider noch nicht viel dazu sagen. Ich denke, es ist auch wichtig für ihn, dass du da bist oder jemand, dem er vertraut.“
„Das dachte die Familie auch. Aber er scheint nicht glücklich darüber zu sein, dass ich hier bin.“
„Manche Patienten wollen ihre Familie nicht mit ihrem Zustand belasten, das kommt auch vor, und in manchen Fällen schicken wir die Angehörigen auch erstmal wieder nach Hause. Wir werden raus finden, ob das bei Florian auch der Fall ist.“
„Hälst du mich auf dem Laufenden?“ Sie schob mir eine Karte mit ihrer Telefonnummer entgegen.
„Ich kann dich anrufen, wenn was ist, aber ich bin natürlich an die Schweigepflicht gebunden.“
„Natürlich, das verstehe ich.“
„Mach dir keine zu großen Sorgen Gabi. Die allermeisten Patienten verlassen unser Haus wieder auf ihren eigenen Beinen. Und Florian ist ein starker, sportlicher Mann. Bei ihm wird es auch noch klicken und er wird mitarbeiten. Ich bin mir ziemlich sicher.“
„Danke Marie. Ich hoffe, du behältst recht.“

Ich ließ den Tag bei meinen Nachbarn Willem und Roos mit einem Steak und einer Flasche Bier im Garten ausklingen, bevor ich mich zur Nacht verabschiedete und mich müde auf meine Seite des Doppelbettes legte, wo ich sofort einschlief, nur um nach einer Stunde wieder wach zu werden.
Ich hatte mich daran gewöhnt, es gab keine erholsamen Nächte für mich.
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