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Love Stories Suck

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Het
23.06.2021
05.07.2022
18
63.271
12
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Dieses Kapitel
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14.07.2021 3.588
 
Die Gespräche im Büro verstummten langsam. Es war Freitag und die Leute machten, dass sie nach Hause kamen. Nur Sadie saß wie so oft noch an ihrem Platz.
Wieder war eine recht ereignislose Woche an ihr vorbeigezogen. Eine von vielen in den letzten Jahren.
"Hey Sadie", ertönte es plötzlich vom Flur. Sadie kannte die Stimme nur zu gut. Sie versuchte sich hinter ihren Monitoren kleinzumachen als sie das Geräusch hoher Schuhe auf Teppichboden auf sich zukommen hörte.
"Was machst du da?" Oli beugte sich zu Sadie herunter.
Sadie schaute die junge Praktikantin über ihre Brille hinweg mit großen Augen an.
"Ich wollte gerade Feierabend machen." Sadie fuhr ihren Rechner herunter.
Oli fing an zu lächeln. Das konnte nichts Gutes bedeuten.
"Das trifft sich gut", Oli zückte ihr Handy. Sadie stand aus ihrem Bürostuhl auf. Sie stützte sich auf dem Schreibtisch ab und sammelte ihr Handy und ihre Kopfhörer zusammen. Dann suchte sie nach dem Rucksack unter ihrem Tisch. Den musste sie wohl mit ihren Füßen weiter unter die Tischplatte geschoben haben, als sie versucht hatte, sich vor Oli zu verstecken. Sadie bückte sich unter den Tisch. Keuchend fischte sie nach dem Rucksack, der bis an die Wand gerutscht war.
"Was meinst du mit das trifft sich gut?" Sadie kroch wieder unter dem Tisch hervor.
"Meine Freundin hat mich in eine Bar eingeladen."
"Glückwunsch", raunte Sadie während sie ihren Rucksack abstaubte.
"Und du kommst mit!"
Sadie glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Sie zog die Augenbrauen weit ins Gesicht.
"Keine Widerworte." Oli stemmte die Hände in ihre Hüfte. Sadie fing an zu lachen.
"Ach, komm schon. Was hast du zu verlieren?" Oli flehte sie förmlich an.
Sadie presste die Lippen zusammen. Eigentlich hatte sie recht. Was hatte sie zu verlieren?
"Okay", willigte Sadie ein. Sie warf sich den Rucksack über die Schulter.
„Aber sollte, das irgendein Kupplungsversuch werden, bin ich, weg.“
Oli quietschte fröhlich. Sadie drängte sich an ihr vorbei zur Tür.
„Und du zahlst.“
Oli schnappte nach Luft. Dann folgte sie Sadie zum Aufzug.

Was hatte Sadie sich nur dabei gedacht mit der viel jüngeren Praktikantin und ihrer Freundin Cocktails trinken zu gehen? Sie fühlte sich wie das fünfte Rad am Wagen. Die beiden Freundinnen waren nicht nur viel jünger als sie, sondern auch noch um vieles attraktiver. Sadie hatte das Gefühl wie ein rostiger Nagel aus der Gruppe herauszustechen. Wenigstens entsprachen die Cocktails ganz ihrem Geschmack auch, wenn sie kein sonderlich großer Fan von alkoholischen Mixgetränken war.
Immer wieder näherten sich neugierige Männer dem Tisch mit den drei Frauen. Während Oli und ihre Freundin, die auf den klanghaften Namen Emilia hörte, sich kaum vor Aufmerksamkeit retten konnten und in ein Gespräch nach dem anderen verwickelt wurden, sah Sadie sich in der Bar um. Wie so oft landete, sie direkt am Tresen, wo ein gar nicht so schlecht aussehender junger Mann Getränke ausschenkte. Aber mehr als etwas Smalltalk war für Sadie nicht drin. Der Barkeeper war zwar schön anzusehen, aber einen wirklichen Draht fand sie nicht zu ihm. Immer wieder schaute Sadie rüber zu den beiden Freundinnen, die sie so gar nicht zu vermissen schienen. Sadie ahnte es schon das sie am Ende ihre Abrechnung wohl doch selbst bezahlen müsste. Also machte sie etwas langsamer beim Trinken. Doch der Alkohol schien schon eine leichte Wirkung auf sie gehabt zu haben. Zumindest machte sich so langsam das vertraute warme Gefühl in ihrer Magengegend breit.
Sadie zog an ihrem Strohhalm, um auch den letzten Tropfen aus dem Glas zu bekommen als sie aus ihrem Augenwinkel heraus beobachtet wie sich jemand neben sie an den Tresen setzte. Ein Mann mittleren Alters mit tiefen Falten um die Augen. Sadie versuchte angestrengt seine fast schon gierigen Blicke zu ignorieren. Immer wieder musterte er sie von oben bis unten. Ein leichtes Gefühl von Déjà-vu überkam sie. Noch bevor er sie ansprechen konnte fingierte Sadie ein Telefongespräch. Sie stand von ihrem Barhocker auf und verzog sich in Richtung Waschräume. Dort stand sie ein paar Minuten ungläubig vor dem großen und schlecht beleuchteten Spiegel der Damentoilette. Was machte sie hier nur? Sadie entschloss sich den Abend endgültig zu beenden. Sie schaute auf das Handy in ihrer Hand. Die Anzeige blinkte hell auf. Sie musste aus Versehen auf die Kontaktliste gekommen sein als sie sich das Handy ans Ohr gedrückt hatte.
„Adam“ Sadie versuchte sich zu erinnern. „Adam“ wiederholte sie immer wieder in ihren Gedanken. Als sie plötzlich sein Gesicht vor Augen hatte. Es war nun schon eine Woche her das sie ihm im Café zuletzt über den Weg gelaufen war.
Sie lehnte sich rücklings gegen die kalten Fliesen. Das Handy in beiden Händen starrte sie minutenlang auf den Bildschirm. Sie kopierte die Nummer in den Messanger ihres Handys und siehe da er nutzte anscheinend denselben. Ihr Herz schlug wie wild in ihrer Brust als sie sein Profilbild aufrief. Sie konnte spüren wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Der Alkohol schien daran nicht ganz unschuldig gewesen zu sein.
Die Tür zum Damenwaschraum öffnete sich ruckartig. Erschrocken schaute Sadie von ihrem Handy hoch. Eine Gruppe junger Frauen drückte sich lachend und angeheitert an ihr vorbei. Die Stimmen hallten in dem kleinen Raum und die Luft wurde zunehmend dünner. Sadie ergriff die Flucht. Sie blieb kurz auf dem kleinen Flur vor den Waschräumen stehen. Vorsichtig versuchte sie einen Blick auf den Tresen zu werfen. Anscheinend hatte sich ihr Verehrer ein neues Opfer gesucht. Diesmal eine Frau in seinem Alter die sichtlich glücklicher mit seiner Wahl zu sein schien. Schön für sie dachte Sadie sich als sie sie beide herzhaft lachen sah.
Sadie setzte sich zurück zu Oli und Emilia an den Tisch. Leider saß sie nun auf dem Trockenen. Die beiden jungen Frauen hatten sich ein paar Jungs vom Nachbartisch angelacht. Die Stimmung war ausgelassen und anscheinend hatte niemanden auch nur ansatzweise mitbekommen, das Sadie minutenlang verschwunden war. Nur einer der jungen Männer schien mitbekommen zu haben, das Sadie sich zu ihnen gesetzt hatte.
Er lächelte sie schüchtern an. Sadie versuchte sich ebenfalls ein Lächeln abzuringen. Oli schien bemerkt zu haben, dass die beiden Blicke austauschten. Sie wandte sich Sadie zu.
„Da bist du ja wieder“, Sadie schaute sie überrascht an. Anscheinend hatte Oli ihr verschwinden doch wahrgenommen. „Ich dachte schon du bist, ohne ein Wort zu sagen abgehauen.“ Oli schlang ihre Hände um Sadies linken Oberarm als wollte sie dieses Mal dafür sorgen, dass sie nicht einfach wieder so verschwinden konnte.
Sadie atmete genervt ein und wieder aus. Sie zog ihr Handy aus ihrer rechten Hosentasche und schaute auf die Anzeige. Noch immer war der Messenger offen. Und noch immer strahlte sie Adams Profilbild von ihrem Handy aus an. Sie erwischte sich selbst dabei wie ihr ein leichtes Lächeln über die Lippen huschte.
Oli hatte sich schon wieder voll dem Gespräch mit den jungen Männern gewidmet und gar nicht mitbekommen das Sadie sich aus ihrer Umklammerung befreit hatte.
Der Cursor im Messenger blinkte nun schon ewig auf ohne das Sadie auch nur ein Wort geschrieben hatte. War es so eine vielversprechende Idee ihm gerade jetzt zu schreiben? Würde er sich überhaupt an sie erinnern? Schließlich hatte Sadie eine ganze Woche verstreichen lassen seit ihrem letzten Wiedersehen. Jemand wie Adam hätte bestimmt nicht zu Hause gesessen und brav auf ihre Rückmeldung gewartet. Er steckte bestimmt vielen jungen Frauen seine Nummer zu. Wieso sollte Sadie jetzt so etwas Besonderes für ihn gewesen sein?
Sadie legte das Handy erneut aus der Hand und bestellte sich bei der Bedienung, die an ihrem Tisch eilig vorbeihuschte einen weitern Cocktail. Immer wieder ließ sie ihren Blick rüber zu dem Gerät auf dem Tisch wandern, das neben ihren nervösen Fingern lag. Als die Bedienung den bestellten Cocktail brachte und Sadie sich mittlerweile ganz sicher war kein Teil der Unterhaltung gewesen zu sein, wagte sie es.
„Hey, Pfadfinder“ noch bevor sie ihre Handlung überdenken konnte, drückte sie auf senden. Kurz darauf bereute sie auch schon ihre Entscheidung. Wie so oft war in ihrem Fall Alkohol kein guter Berater. Sadie stocherte in ihrem Cocktail herum. In ihrem Kopf rasten die Gedanken. Als sie durch das vibrieren ihres Handys aufgeschreckt wurde. Zögerlich hob sie es von der Tischplatte auf. Ihr Mund fühlte sich sonderbar trocken an. Sie schluckte.
„Ich hätte, das mit den Pfadfindern vielleicht nicht erwähnen sollen.“
Sadie biss sich auf die Unterlippe. Ihr Herz raste.
„Der kleine Adam in einer Pfadfinderuniform ist eigentlich ein ganz süßer Gedanke.“
Sie wurde übermütig. Ihre Wangen glühten als sie darüber nachdachte. Ein leichtes Grinsen machte sich auf ihren Lippen breit. Wieder biss sie sich verlegen auf die Unterlippe.
„Bist du betrunken?“
Sadie schaute auf das halb volle Cocktail Glas vor sich. Sie zog die Oberlippe kraus und rümpfte die Nase. Anscheinend hatte sie wirklich schon etwas zu viel.
Sie fotografierte das Glas auf dem Tisch und schickte es Adam.
Sie legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch. Was machte sie hier bloß? Sadie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen.
„Alles gut?“ Sadie schaute von ihren Händen auf und sah in die großen braunen Rehaugen von Oli.
„Uhm, ja“, stammelte Sadie „Nur etwas müde. Ich glaube, ich werde langsam nach Hause.“
„Jetzt schon?“ Oli griff nach Sadies Unterarm. „Es ist doch gerade so lustig.“
Was auch immer Oli damit meinte anscheinend erlebten die beiden Frauen nicht denselben Abend. Sadie griff nach ihrem Handy auf dem Tisch. Langsam erhob sie sich von ihrem Stuhl. Als sie den Stuhl zurückschob, fiel sie fast nach hinten über. Anscheinend hatte sie wirklich genug und war für den Rest des Abends in ihrem Bett besser aufgehoben. Viel war davon sowieso nicht mehr übrig.
Sadie verabschiedete sich von der Gruppe. Oli wirkte leicht angesäuert aber darauf konnte und wollte Sadie jetzt keine Rücksicht nehmen. Sadie bezahlte ihren Anteil der Rechnung und holte ihren Rucksack von der Garderobe ab.
Die frische Nachtluft sorgte für eine gewisse Klarheit in Sadies Gedanken. Kurz blieb sie vor der Bar stehen und atmete tief durch, bevor sie sich in Richtung Metrostation bewegte. Die Straßen waren belebt wie immer. Man konnte kaum den Sternenhimmel sehen vor lauter Lichtern. Nur der Mond stand in seiner vollen Pracht am Himmel.
Sadie fischte ihre Kopfhörer aus ihrem Rucksack. Sie zog ihr Handy aus der Hosentasche. Zwei neue Nachrichten blinkten auf ihrem Handy auf. Die eine von Oli die sie wohl mit einem Gruppenfoto dazu bewegen wollte zurückzukommen. Um kein Geld der Welt würde sie zurück in die Bar gehen. Außerdem war sie bereits gut abgefüllt. Das reichte für einen Abend.
Die zweite Nachricht kam von Adam. Er hatte ihr ein Foto geschickt. Sadie hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend. Ihr Daumen schwebte zögerlich über dem Handydisplay. Sie atmete ein Mal tief durch und öffnete dann den Messenger. Adam hatte ein Selfie von sich geschickt mit einer Bierflasche in der Hand. Es sah aus als würde er ihr zuprosten. Sadie musste grinsen. Er sah verschlafen aus wie immer. Seine Haare standen zu allen Seiten ab. Sein Nasenring spiegelte sich im Licht.
Sadie saß endlich in der Metro nach Hause. Wieder zückte sie ihr Handy. Sie war sich nicht sicher, wie sie antworten sollte. Und ob sie überhaupt antworten sollte. Eigentlich war alles auch so schon unangenehm genug gewesen. Sie schaute nun schon minutenlang auf ihr Handy. Als sich plötzlich der Status von zuletzt online in online änderte. Fast schon panisch schloß Sadie die App. Sie hielt das Handy fest mit beiden Händen als es vibrierte. Fast schon verstohlen schaute sie sich im Abteil um. Außer ihr, einem Pärchen, das kaum seine Finger voneinander lassen konnte und ein paar Schaulustigen, die sich das Spektakel belustigt ansahen, war niemand im Abteil. Also hatte auch niemand ihre peinliche Reaktion mitbekommen. Sadie biss sich auf die Unterlippe. Ihr Mund war seltsam trocken. Sie versuchte zu schlucken.
Wieder starrte sie regungslos auf ihr Handy.
„Bist du noch wach?“
„Bin auf dem Weg nach Hause.“
„Was willst du zu Hause? Dort passieren die meisten Unfälle. Komm hier her!“
Er hatte tatsächlich ein Ausrufezeichen verwendet. Entweder meinte er es wirklich ernst oder er war was wahrscheinlicher einfach nur sehr betrunken und hatte es auf eine schnelle Nummer abgesehen. Da musste sie ihn leider enttäuschen.
„Niemand da der sich deiner erbarmt?“
„Niemand mit deinem Charme.“
Mit der Antwort hatte Sadie nicht gerechnet. Auch, wenn Sadie davon ausging, dass Adam nicht gerade wenig getrunken hatte, war er immer noch sehr reizend auf seine eigene verschrobene Art und Weise.
„Hat es dir jetzt doch plötzlich die Sprache verschlagen?“
Wieso sprang sie nur immer wieder auf seine Provokationen an? Adam hatte etwas an sich das Sadie die letzten vier Jahre so sehr vermisst hatte. Aber Adam war auch der Typ Mann, mit dem man nicht unbedingt sesshaft wurde. Wieso dachte Sadie überhaupt darüber nach? Vielleicht tat ihr ein kleines Abenteuer auch einfach mal gut? Vielleicht war er auch das, was sie zur Abwechslung mal brauchte? Jedoch nicht heute Nacht. Sie war angetrunken, stank nach Schweiß und war einfach nur hundemüde. Würde sie die Gelegenheit heute nutzen würde sie sich wohl einfach nur selbst dafür hassen. Das konnte sie nun wirklich nicht gebrauchen. Noch mehr Frust.
„Meine Mutter hat ein anständiges Mädchen erzogen.“
„Was denkst du von mir?“
„Willst du das wirklich wissen?“
Die Metro hielt. Sadie schaute aus dem Fenster, hier musste sie raus. Ihr Augen benötigten einen kurzen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Bis hier hin waren es nur noch knapp 15 Minuten Fußweg bis zu ihrem Apartment. Sadie spürte den Tag langsam in ihren Gliedern. Ihr Beine waren schwer. Genauso wie ihr Kopf. Sie konnte es kaum noch vor sich selbst leugnen, aber sie war wohl betrunkener als sie sich anfangs selbst eingestehen wollte.
Sadie schleppte sich mit letzter Kraft die Stufen bis in den vierten Stock des Apartmenthauses hoch, in dem sie wohnte. Ihre Schritte halten in dem alten Flur. Als sie in ihrem Rucksack nach ihrem Schlüssel suchte, konnte sie hören wie eine weitere Person die Treppen heraufkam. Die Schritte klangen behäbig. Sadie fluchte und murmelte leise vor sich hin während sie verzweifelt ihren Wohnungsschlüssel suchte. Bis ihr einfiel, dass sie ihn schon für die Haustür aus der Tasche geholt hatte. Sie griff in die vorderste Tasche ihres Rucksacks. Erleichtert atmete sie auf. Sie wollte den Schlüssel gerade ins Schloss stecken als er mit einem lautstarken scheppern zu Boden ging.
„Fuck!“, fast schon ungläubig schaute sie auf den Schlüsselbund vor ihren Füßen. Widerwillig bückte sie sich danach. Die Schritte kamen immer näher. Sadie fischte nach ihrem Schlüssel und erhob sich zügig aus der Hocke. Fast etwas zu zügig. Kurz wurde ihr Schwarz vor den Augen. Sie ließ ihren Kopf kurz austrudeln.
Die Schritte stockten als Sadie die Augen wieder öffnete. Etwas verunsichert warf sie einen Blick über ihre Schulter. Sie konnte nicht viel erkennen. Sie atmete tief ein. Sollte sie einen weiteren Blick wagen? Sie drehte ihre Schulter etwas weiter nach hinten. Sadie kniff die Augen leicht zusammen, durch das schummrige gelbe Licht des Flutlichts konnte sie nur wenig erkennen, außer einem blonden Haarschopf. Sadie blinzelte ein paar Mal. Hatte sie wirklich richtig gesehen oder spielte der Alkohol ihr einen bösen Streich? Sie wandte sich dem Unbekannten komplett zu. Sadie hatte sich tatsächlich nicht geirrt. Es war Adam der dort in ihrem Hausflur stand. Sie stopfte ihren Schlüssel in ihre Hosentasche und warf ihren Rucksack vor ihre Wohnungstür.
"Okay, welches krankes Spiel spielst du hier?" platzte es aus Sadie heraus. Sie boxte Adam auf die Brust. Der schaute sie nur mit großen Augen an.
„Sadie?“, entfuhr es ihm leise. Er sah sie immer noch ungläubig an mit weit ins Gesicht gezogenen Augenbrauen.
„Au“ er hielt sich die Schulter. „Ich weiß nicht, was du meinst?“
"Du wohnst direkt neben mir? Und das im Club war auch nur reiner Zufall?“
Adam nahm die Hand von seiner Schulter. Sein zunächst skeptischer Blick weichte einem fast schon höhnischen Grinsen.
"Ja, klingt natürlich logisch ich habe einfach mal jeden Club dieser Stadt abgesucht nach der einen, die mir gegenüber wohnt, statt einfach rüberzugehen und bei ihr zu klopfen."
Sadies Wut weichte einer peinlichen Verlegenheit.
"Du stalkst mich also nicht?" sie machte einen Schritt nach hinten.
"Enttäuscht?"
"Ich habe mich also gerade völlig umsonst zum Idioten gemacht?"
Sadie biss sich auf die Unterlippe und strich sich nervös durchs Haar.
"Falls du abtauchen willst bis der Rauch sich gelegt hat ich glaube der Boden unter dir tut sich gerade auf."
Sie schaute schüchtern zu Adam hoch. Ihre Wangen fingen an zu glühen als sich ihre Blicke trafen.
"Fuck, fuck, fuck ich bin so peinlich."
Nervös fuchtelte sie mit ihren Händen.
Adam schien immer noch sichtlich amüsiert. Ohne ein weiteres Wort trat Sadie den Rückzug an. Sie fummelte den Schlüssel aus ihrer Hosentasche, sammelte den Rucksack vom Boden und schloss unter leisem fluchen ihre Wohnungstür auf. Lautstark ließ sie die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Sie warf den Rucksack zur Seite und rutschte langsam auf ihrem Rücken an der Tür zu Boden. Sadie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Ihre Wangen glühten noch immer. Das war so ziemlich das peinlichste, was ihr je passiert war.

Sadies Kopf brummte als sie der Sonne entgegenblinzelte. Sie tastete nach dem Handy auf ihrem Nachttisch. Es war gerade kurz nach sieben. Viel zu früh um schon wach zu sein. Sadie rollte sich auf die leere Seite des Bettes. Dort schien ihr die Sonne nicht direkt ins Gesicht und sie konnte noch ein wenig dösen. Das Bettlaken war angenehm kühl. Ein wohliger Schauer durchfuhr Sadie. Sie bekam eine leichte Gänsehaut.
Als Sadie das nächste Mal ihre Augen öffnete, war es bereits kurz vor 9 Uhr. Sie rollte sich von der Matratze. Ihre nackten Füße berührten den kalten Holzfußboden. Sie zuckte kurz zusammen und nahm ihre Füße zurück aufs Bett. Vorsichtig umschlang sie ihre Beine. So verharrte sie noch einige Minuten. Noch immer spukte ihr die letzte Nacht im Kopf herum. Sie schwor sich nie wieder zu trinken. Wie sie es schon so oft getan hatte. Sadie musste über sich selbst lachen. Wenn es nach ihr ginge, würde sie ihre Wohnung nie mehr verlassen, nur um Adam nie wieder über den Weg zu laufen.
Sie ließ sich nach hinten abrollen. Regungslos starrte sie an die Decke. Nur das Rauschen der Autos auf der Straße vor ihrem Wohnhaus war zu hören. Mit einem plötzlichen Ruck erhob sie sich endlich von ihrem Bett. Bevor sie unter die Dusche ging, stellte sie sicher, dass eine heiße Kanne Kaffee auf sie warten würde.
Das lauwarme Wasser der Dusche schien Sadie förmlich aufleben zu lassen. Sie fühlte sich wie ein vollkommen neuer Mensch. Auch ihre Kopfschmerzen schienen plötzlich wie weggewaschen.
Sie ließ das Wasser minutenlang einfach über ihren Körper fließen. Über ihren Nacken, ihre Schultern. Sie spürte, wie dicke Tropfen ihre Brust herabfielen. Ihren Hintern herunterliefen. Vielleicht war es der Restalkohol in ihrem Blutkreislauf aber dieser Moment unter der Dusche hatte etwas seltsam sinnliches. Das erste Mal seit Langem fühlte sie sich wieder begehrenswert und das nur wegen diesem einen unbedarften Zyniker. Der nun auch noch ausgerechnet neben ihr wohnen musste.
Ein seltsam wohliges Gefühl machte sich in Sadies Gedärmen breit, als sie an Adam dachte. Sie versuchte den Gedanken an ihn abzuschütteln. Wie seltsam war es das sie gerade jetzt an ihn dachte? Wie so ein notgeiler Teenager, der heimlich unter der Dusche seine Sexualität erforschte während er an seinen Crush dachte.
Sadie hatte sich ein weites Tanktop übergeworfen und sich in eine Shorts gezwängt. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand setzte sie sich zurück aufs Bett. Sie griff nach ihrem Handy, das immer noch verwaist auf ihrer Bettseite lag. Sadie nahm einen großen Schluck aus der Tasse, bevor sie sie auf dem Nachttisch abstellte. Eine sichtbare Rauchschwade wabberte über der Tasse.
Sadie strich über das Display ihres Handys. Sie hatte zwei neue Nachrichten. Eine von ihrer Schwester die sie wieder mal mit Kram für die Hochzeit nervte. Die andere von Adam die er ihr aber bereits gestern Abend schon geschickt hatte. In ihrem Tran hatte sie das schon gar nicht mehr mitbekommen oder einfach geflissentlich ignoriert. Sie atmete tief durch. Dann öffnete sie die Nachricht.
„Du bist süß, wenn du wütend bist.“
Sadie spürte wie ihr schon wieder die Hitze in den Kopf stieg. Sie hoffte einfach, dass es eine Drunken Message war die er selbst schon schwer bereute. Der Kerl hatte wirklich Nerven nach dem Sadie sich solche Mühe gab eine komplette Beißzange zu sein immer noch so nett zu ihr zu sein. Wobei? Sie scrolle durch den Verlauf ihres Chats und vielleicht war ihr im Suff selbst beiläufig etwas entglitten, dass ihn glauben ließ das sie ihn doch vielleicht etwas mochte.
Sadie las die Nachricht immer und immer wieder.
„Du bist süß, wenn du wütend bist.“
So ein Arsch dachte sie sich während sie es nicht vermeiden konnte zu lächeln. Sie hatte ein so schlechtes Gewissen wegen ihres kleines Ausrasters und er fand sie süß. Er musste definitiv betrunkener gewesen sein als sie es war.
„Tut mir leid wegen gestern. Ich war nicht ganz ich selbst.“
Sadie zögerte etwas bevor sie die Nachricht abschickte. Sie ließ sich nach hinten aufs Bett fallen und strampelte wie wild mit ihren Füßen in der Luft. Während sie sich ihre Decke ins Gesicht drückte. Ein dumpfer Schrei entfuhr ihr.
Am liebsten wäre sie einfach liegen geblieben, aber ihre Schwester und ihr zukünftiger Ehemann erwarteten sie heute noch nüchtern und einigermaßen vorzeigbar zum Essen.
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