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Love Stories Suck

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Het
23.06.2021
20.02.2022
17
58.547
11
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
1 Review
 
02.07.2021 3.669
 
( Beta gelesen durch Lizerah )

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als Sadie durch das blubbernde Geräusch des Benachrichtigungssounds ihres Tablets geweckt wurde. Mit müden Augen versuchte sie sich in ihrem Einzimmer-Apartment zu orientieren. Immer wieder blinzelte sie und wischte sich über die Augen, bis sie murrend die Decke zur Seite schob. Vorsichtig setzte sie ihre Füße auf den knirschenden Parkettboden. Das Holz war kühl, während die Luft stickig und verbraucht war. Völlig schlaftrunken stapfte sie rüber zum Schreibtisch, der an der Wand stand. Sie beugte sich runter, ihre Hände auf die Tischplatte gestemmt. Noch immer versuchte sie sich, den Schlaf aus den Augen zu reiben. Müde griff sie nach der schwarzen Hornbrille, die neben all ihren Arbeitssachen auf dem geräumigen Schreibtisch lag.
‚Videoanruf Emma‘ Sie sah auf das Display und drückte den grünen Hörer.
„Hey Schwesterherz, was gibt’s?“, begrüßte sie sie mit einer rauen und belegten Stimme.
„Oh ich hab dich doch hoffentlich nicht geweckt?“
„Um 14 Uhr auf einen Sonntag?“ Sadie strich sich ihre Locken aus dem Gesicht und rückte ihr T-Shirt zurecht. Noch immer trug sie das Shirt von letzter Nacht. Sie stank nach Schweiß, Alkohol und Zigarettenqualm. Zigarettenqualm? Da fiel es ihr wieder ein.
Emmas Stimme riss sie aus ihren Gedanken. „Du scheinst letzte Nacht ziemlich lange unterwegs gewesen zu sein.“
Verdutzt schaute Sadie auf das kleine Display vor sich. „War ganz nett“, wiegelte sie ab, „du rufst jetzt aber nicht an, um mich nach meinem kaum vorhandenen Privatleben auszufragen?“
„Nein“, antwortete Emma und kicherte verlegen.
Sadie war so kurz nach dem Aufstehen nicht in der Stimmung für Smalltalk. Und schon gar nicht vor ihrem ersten Kaffee.
Emma war das komplette Gegenteil von ihr. Mit ihrem natürlich gewellten kupferroten Haar, ihrem ebenmäßigen Teint, den Sommersprossen und ihrer schlanken Silhouette, schien es so, als wäre sie direkt einem Märchen entsprungen. Anders als Sadie war Emma frühzeitig sesshaft geworden und auch während ihrer Schulzeit war sie eher eine Vorzeigeschülerin gewesen. Klassensprecherin, Liebling der Lehrer und natürlich Freundin eines Vorzeige-Athleten, mit dem sie auch nach der Highschool immer noch zusammen war und drei bezaubernde Kinder hatte. Sadie liebte ihre Schwester, auch wenn sie im ständigen Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen standen. Dennoch grollte sie Emma nie. Als ihre große Schwester hatte Emma sie schon oft aus brenzligen Situationen gerettet, ohne auch nur eine Minute mit der Wimper zu zucken oder zu hinterfragen wie Sadie es schon wieder geschafft hatte, sich knietief in die Scheiße zu reiten. Emma nahm ihre kleine Schwester als die Chaotin hin, die sie nun mal war.
Sadie erhob sich von ihrem Drehstuhl und stapfte in Richtung Küchenzeile. Sie stellte das Tablet auf der Kücheninsel ab. „Was ist denn nun so wichtig?“
Sadie zog einen Kaffeefilter aus der Halterung auf der Anrichte und faltete ihn ordnungsgemäß an den Kanten. Dann schob sie ihn in das Kaffeefilterfach der Maschine und griff nach der Dose mit dem Kaffeepulver.
„Andy und ich werden heiraten!“, quietschte Emma so laut, dass sich der Lautsprecher des Tablets überschlug.
Sadie traute ihren Ohren nicht. Völlig überrumpelt löffelte sie den Kaffee neben die Maschine. „Fuck!“
Emma hielt die Hand mit dem Ring in die Kamera. Sadie ließ alles stehen und liegen und wandte sich dem kleinen Display zu. Ihre Schwester strahlte wie ein Honigkuchenpferd.
„Wird auch Zeit.“ Nach mehr als 19 Jahren Beziehung war es auch nur noch eine Frage der Zeit gewesen, bis Andy sie endlich fragen würde, seine Frau zu werden.
Emma faltete ihre Hände zusammen wie zu einem Gebet. „Du musst unbedingt meine Trauzeugin werden.“
Sadie plusterte die Wangen auf und ließ die Luft leise durch ihre Lippen entweichen.
„Ein Nein akzeptiere ich nicht.“ Emma verschränkte die Arme vor der Brust und schürzte die Lippen.
Sadie hasste es, wenn ihre Schwester das tat. Sie sah aus wie eine Fünfjährige, die ihren Willen nicht bekam.
Sadie rollte mit den Augen. „Ich könnte dir doch niemals einen Wunsch abschlagen.“
Blinzelnd sah sie ihre Schwester an, die daraufhin glücklich die Hände in der Luft zusammenschlug.
Sadie wandte sich wieder der Kaffeemaschine zu. „Aber wehe das Kleid ist lachsfarben.“
„Wie stehst du zu rosé?“, witzelte Emma.
Sadie warf ihrer Schwester einen Blick des Todes zu. „Weiß Mom schon davon?“, schob sie beiläufig ein.
„Ja, sie war ganz außer sich“, sagte Emma und Sadie konnte es sich bildlich vorstellen. „Sie hat praktisch schon alles durchgeplant.“
Emma klang nicht glücklich darüber. Sadie hingegen grinste fast schon schelmisch vor sich hin.
Mit ihrem südländischen Temperament konnte ihre Mutter manchmal wie eine Dampframme sein. Und da sie einen eigenen Feinkostladen besaß, war es für sie eine Kleinigkeit, eine Hochzeit zu planen und auszustatten. Sadie würde einen Teufel tun, sich da einzumischen. Emmas bevorstehende Hochzeit würde ihre Mutter zumindest fürs Erste von Sadies Trennung ablenken. Sie liebte ihre Mutter, aber ihre ständigen Kupplungsversuche der letzten zwei Monate trieben sie fast in den Wahnsinn.
„Und wie lief dein Abend gestern?“
Sadie wischte mit ihren Händen das Kaffeepulver auf der Anrichte zusammen und warf es in den Abfalleimer neben der Kücheninsel. Sie seufzte genervt, denn sie wusste genau, worauf Emma hinaus wollte. „Sehr subtil, Schwesterherz.“ Sadie schaltete die Kaffeemaschine an und lehnte sich gegen die Schrankzeile. „Es wird leider keine Doppelhochzeit geben. So ungern ich dich auch enttäusche.“
Emma zuckte mit den Schultern, als wüsste sie nicht, worauf Sadie anspielte. „Ich wollte nur wissen ob du dich amüsiert hast“, versuchte sie sich zu rechtfertigen. Sadie hätte ihr natürlich von Adam erzählen können, aber so, wie sie ihre Schwester kannte, würde sie sich viel zu große Hoffnungen machen und wahrscheinlich auch noch ihre Mutter mit ins Boot holen. Dabei wusste Sadie nicht mal, ob sie ihren persönlichen Jesus je wieder sehen würde. Vor allem aber wollte sie sich auch keine Gedanken über irgendwelche Männer machen.
„Wie gesagt, es war ganz nett.“
Emma zog die Stirn kraus. Das war anscheinend nicht das, was sie erwartet hatte. Sie wollte Gossip. „Ach, komm schon.“ Emma blies ihre Wangen auf. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass du nichts erlebst, wenn du ausgehst.“
Die Kaffeemaschine ächzte und gab somit das Zeichen, dass sie fertig war. Sadie stieß sich von der Küchenzeile ab und lehnte sich rüber zur Kücheninsel.
„Bye, Schwesterherz“, sagte sie und winkte ihrer Schwester zum Abschied.
„Du bist eine Spielverderberin!“
„Bye… bye.“ Sadie blendete ihre Schwester aus und klappte das Tablet nach unten. Erleichtert legte sie ihren Kopf in den Nacken und atmete tief ein und wieder aus. Den Rest des Tages verbrachte Sadie auf der Couch, mit zugezogenen Fenstern und schlechten Serien aus den 90ern.

Wie Garfield hasste auch Sadie Montage. Besonders die, die damit anfingen, dass die Metro zu spät kam und dass die Klimaanlage im Büro das dritte Jahr in Folge defekt war. Der Ventilator, der am anderen Ende des Raumes stand, war auch nur ein Tropfen auf einem viel zu heißen Stein. Lauter Punk Rock dröhnte aus Sadies In-Ears. Nichts half ihr besser dabei, sich im Büro zu konzentrieren, als laute, aggressive Musik. Während sie seit Stunden auf ihren Monitor starrte, um viel zu perfekte Menschen mit Zahnpastalächeln auf Müslipackungen zu photoshoppen, hatte sie ganz die Zeit vergessen. Durch die laute Musik hatte sie auch nicht bemerkt, wie die Praktikantin sie schon seit Minuten vollquatschte. Erst als Olivia, die Sadie liebevoll Oli getauft hatte, weil ihr der Name Olivia einfach viel zu förmlich und altbacken klang, in ihr peripheres Blickfeld eintauchte, nahm sie sie endlich wahr. Sadie nahm ihre Kopfhörer aus dem Ohr und sah die junge Frau mit den viel zu rot geschminkten Lippen an.
„Sag mal, ignorierst du mich?“, schnaubte Oli.
„Ich ignoriere dich doch nicht. Ich bin einfach nur so überwältigt von deiner Anwesenheit, dass mir die Worte fehlen.“
Oli legte den Kopf zur Seite wie ein kleiner Labradorwelpe.
Sadie zog die Augenbrauen tief ins Gesicht. Genervt rieb sie sich die Schläfen. „Ich kann dich nicht hören, wenn ich meine Kopfhörer in den Ohren habe.“ Sie zeigte ihr die In-Ears in ihrer Hand.
„Es ist 13 Uhr“, entgegnete ihr Oli völlig zusammenhangslos.
„Danke, Big Ben.“ Sadie schaute sie skeptisch an. Dann widmete sie sich wieder ihrem Monitor „Nachdem das jetzt geklärt ist darf ich dann weiter arbeiten?“
Sie wollte sich gerade ihre Kopfhörer wieder einsetzen, als Oli sie unterbrach. „Wollen wir nicht etwas essen gehen oder Kaffee trinken?“
Sadie atmete hörbar genervt aus. „Lässt du mich dann für den Rest des Tages in Ruhe meiner schlecht bezahlten Arbeit nachgehen?“
Oli klatschte in die Hände. Ihr gewelltes Haar schwang im Takt ihrer fast schon sprunghaften Bewegung. „Klasse!“, klang sie fast schon euphorisch.

„Ich dachte du meintest mit Kaffee trinken die Kaffeeküche“, quengelte Sadie, als sie an der vollen Ampelkreuzung vor dem Büro stand. Die Sonne brannte trotz Sonnenbrille in ihren Augen. Schützend hielt sie sich ihre Hand wie einen Sonnenschirm über ihren Kopf.
„Bah, ih, der Kaffee schmeckt doch grausam.“
„Alles an diesem Job ist grausam. Das Büro, die Arbeit, warum sollte der Kaffee da eine Ausnahme machen?“ Die Fußgängerampel schaltete auf Grün und die Traube aus Menschen setzte sich in Bewegung. Sadie und Oli mittendrin. Die junge Praktikantin packte Sadie am Handgelenk. Erschrocken zuckte Sadie zusammen.
„Ich kenne ein kleines Café am Ende des Straße. Das wird dir bestimmt auch gefallen.“ Oli deutet aufgeregt wie ein kleines Kind in die Luft. Ihr Nagellack glänzte in der Sonne. Sadie konnte die Farbe durch ihre Sonnenbrille nicht erkennen, aber sie war sich sicher, dass er zu ihrem knallroten Lippenstift passte. So wie alles an ihr stets aufeinander abgestimmt war. Sie legte viel Wert auf ihr Äußeres. Trug stets hohe Schuhe, um ihren Hintern und ihre Brüste durch die bessere Haltung zu betonen. Dagegen wirkte Sadie in ihren löchrigen, schwarzen Slim Fit Jeans und ihrem schlabbrigen Top schon fast wie ein Mauerblümchen. Lediglich ihre unzähligen bunten Tattoos hoben sie von der Masse ab.
„Wenn das so ein Hipster Café ist in dem sie Kaffee mit Aroma anbieten, dann mag ich das schwer zu bezweifeln.“ Sadie hatte ihre liebe Mühe mit Oli Schritt zu halten und das, obwohl sie Turnschuhe trug.
„Man geht doch auch nicht für den Kaffee in ein Café, sondern für das Flair.“ Oli machte eine dramatische Geste.
„Um das in eine Sprache zu dechiffrieren, die auch ich verstehe, bedeutet das, dass es dort gutaussehende Männer gibt?“
„Voll die süßen Jungs.“
Sadie riss sich von Oli los und blieb abrupt stehen. „Okay ich bin raus.“ Sie wollte gerade umdrehen, als Oli sie erneut an der Hand nahm. Sadie stemmte sich dagegen. Die Leute um sie herum sahen die beiden Frauen skeptisch an.
„Ach komm, es kann dir nicht schaden, mal etwas zu flirten. Vielleicht wirst du dann mal etwas lockerer!“ Oli zog sie weiter die Straße runter.
Wie ein sturer Esel stemmte sich Sadie immer noch dagegen. „Diese Schultern waren schon seit mehr als 4 Jahren nicht mehr locker und ich glaube ein kleiner Flirt mit einer wahrscheinlich studentischen Aushilfe, dessen Mutter ich sein könnte, hätte ich damals nicht so gut verhütet, wird da wohl kaum etwas daran ändern.“
Und wieder schaute Oli sie verständnislos an. Sie hatte den unschuldigen Charme eines Hundewelpen und das ließ Sadie jedes Mal wieder klein beigeben.
Sadie nahm die Sonnenbrille ab, als sie den Laden betrat und blieb mitten in der Tür stehen. Eine Gruppe junger Menschen drückte sich an ihr vorbei. Sie konnte ihre verächtlichen Blicke förmlich auf ihrer Haut spüren. Sadie war damals wegen Trevor in diesen Teil der Stadt gezogen. Wirklich wohl hatte sie sich hier nicht gefühlt. Man lebte hier schon in der gehobenen Klasse. Unter der Art von Menschen, die Sadie immer verachtet hatte. Nun war sie fast schon selber einer dieser angepassten Yuppies. Lediglich die Jugendsünden auf ihrer Haut erinnerten sie an ihre wilde Zeit mit Konzerten, Clubs und lautem Punk Rock.
„Steh da nicht so herum!“ Oli riss Sadie aus ihren Gedanken. Die Praktikantin drängte sie weiter in den Laden hinein. Wie Sadie bereits erwartet hatte, war es einer dieser hippen Läden, in denen es eine gesamte Palette an Kaffeemischgetränken gab mit den unausprechlichsten Namen. Die Bedienungen trugen schwarze Schürzen und weiße Poloshirts, dazu ein schwarzes Basecap. Man gab sich hier sehr viel Mühe das Ambiente eines gewissen Marktführers wiederzugeben.
„Lass uns was bestellen“, forderte Oli sie auf.
Sadie jedoch lehnte dankend ab, als sie die Schlange vor dem Tresen sah. Sie schaute sich im Raum um und deutete auf einen der freien Fensterplätze. „Mach du nur. Ich muss erst mal den Flair des Ambientes verarbeiten.“
Oli zuckte nur mit den Schultern und zog die Oberlippe kraus. Die junge Frau zupfte ihren Ausschnitt zurecht und schwebte fast schon anmutig rüber zum Tresen. Sadie rollte genervt mit den Augen. Wieso nur hatte sie zu dem hier ja gesagt?
Sie ließ sich auf den Stuhl am Fenster fallen. Ihre Füße brannten. Ihre Sonnenbrille und ihr Handy legte sie vor sich auf den Tisch und kramte ihre In-Ears aus ihrer Hosentasche. Seufzend scrollte sie durch ihre Playlist mit dem klanghaften Namen ‚Some Emo Shit‘. Sie stopfte sich ihre Kopfhörer in die Ohren und ließ ihren Blick nach draußen auf die Straße schweifen. Passend zur Musik zog sich der Himmel zusammen und es fing langsam an zu tröpfeln. Sadie widmete sich ihrem Smartphone. Während sie auf Oli wartete, konnte sie auch genauso gut noch ein paar E-Mails von der Arbeit bearbeiten. Ihr Finger glitt über das Display, bis sie plötzlich stockte, als sie den Firmennamen ihres Ex in der Liste las. Sie wischte sich durchs Gesicht. Dann öffnete sie die Mail.
„Hallo, Sadie ich wusste nicht, wie ich dich anders kontaktieren sollte. Kannst du dir das mit der Trennung nicht nochmal überlegen? Du hattest jetzt genug Zeit, darüber nachzudenken. Bitte melde dich doch bei mir. Trevor“
Das war so typisch ihr Ex. Er wusste nicht, wie er sie anders kontaktieren sollte? Und schickte ihr dann eine E-Mail mit seiner Firmenanschrift und der Firmensignatur. Sadie schüttelte wütend den Kopf. Ihr Finger schwebte über dem Button auf dem ‚Löschen‘ stand. Sie zögerte kurz, dann löschte sie die Nachricht endgültig. Genau das hatte ihr heute noch gefehlt. Sie ließ das Handy vor sich auf den Tisch fallen. Die Musik dröhnte laut in Sadies Ohren. Sie schaute aus dem Fenster, wo sich die Sonne auf den nassen Straßen und Gehwegen spiegelte. Es hatte mittlerweile wieder aufgehört zu regnen.
Sadie konnte sehen, wie jemand einen Becher Kaffee neben ihr auf den Tisch stellte. Langsam drehte sie den Kopf zur Seite und nahm die Kopfhörer aus den Ohren. Verwundert schaute sie auf die Hand, die ihr da einen Kaffee reichte. Sie war stark tätowiert und gehörte definitiv einem Mann.
„Es tut mir leid, ich hatte keinen Kaffee bestellt.“ Sadie hob langsam ihren Kopf. Sie traute ihren Augen kaum. „Gulliver?“, stammelte sie kleinlaut.
„Fast.“ Er nahm das Basecap ab und seine viel zu hellen blonden Haare fielen ihm ins Gesicht. Er strich sich die Strähnen aus der Stirn und fing an zu lächeln. Seine tiefen Grübchen umrahmten sein Lächeln.
Sadie versuchte, souverän zu wirken, doch ihr Herz flatterte. „Oh, warte.“ Sie schnippte mit den Fingern. „Adam?“
„Darf ich mich setzen?“ Er zeigte auf den Platz neben ihr.
„Ich kann es dir kaum verbieten.“ Sie versuchte, sich ihr Nervosität nicht anmerken zu lassen.
Er schob den Becher zu ihr rüber, als er sich setzte. Sie schaute fragend zu ihm rüber. Adam drehte den Becher. Noch immer hatte er ein breites Lächeln auf den Lippen. Sein Blick wanderte von Sadie rüber zum Becher. Irritiert folgte sie seinen Augen. Sie zog den Becher zu sich heran. „Sadie“ murmelte sie leise. Er hatte sich tatsächlich an ihren Namen erinnert und ihn auf den Becher geschrieben. Sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
„Schwarzer Kaffee, passend zu deinen Augen.“ Adam stützte seinen Kopf auf seinem Arm ab. Er sah müde aus. Wahrscheinlich sah er einfach immer so aus. Sadie fiel erst jetzt der Ring in seinem linken Nasenflügel auf. Er ließ ihn irgendwie rebellisch aussehen. Adam lächelte sie müde von der Seite an. Peinlich berührt nippte Sadie an dem noch viel zu heißen Kaffee.
„Ich glaub, ich hab dich hier vorher noch nie gesehen?“ Adams Stimme klang noch brüchiger als an dem Abend, an dem sie sich kennengelernt hatten. Sadie konnte nur spekulieren, aber wenn sie raten müsste, würde sie sagen, dass Adam wohl sehr viel feierte und nur wenig auf sich achtete.
„Bist du hier auch als Wachhund tätig oder warum weißt du so gut Bescheid?“
Adam schien sichtbar amüsiert über Sadies Versuch, ihn mit ihren zynischen Kommentaren auf Abstand zu halten. „Nein aber jemand wie du wäre mir aufgefallen.“
Er sah ihr direkt in die Augen. Sadie konnte förmlich spüren, wie ihr Blut mit gut 180 km/h durch ihre Adern rauschte, während er sie so ansah. Das Blau in seinen Augen hatte ein paar grünlich schimmernde Flecken rund um die Iris. Das machte sie gleich noch interessanter. Die beiden saßen minutenlang stillschweigend nebeneinander und sahen sich einfach nur an, bis Oli plötzlich am Tisch auftauchte.
„Oh, hey ihr beide kennt euch?“ Oli klang schon fast beleidigt. Sadie blinzelte irritiert. Adam schaute fragend rüber zu der jungen Frau mit dem tief dekolletierten Sommerkleid. Sadie rollte etwas genervt mit den Augen. Sie wusste, mit Olis Vorzügen konnte sie nicht konkurrieren.
„Das ist Adam. Adam das ist Oli.“
„Olivia!“, sagte sie und warf Sadie einen giftigen Blick zu. So viel zu ‚Sister before Mister‘.
„Woher kennt ihr beide euch?“ Adam war sichtlich irritiert von der etwas wunderlich wirkenden Konstellation.
„Wir arbeiten beide zusammen.“
„Für mich ist es lediglich ein Sprungbrett für etwas Größeres.“ Sadie war sichtlich genervt davon, wie Oli versuchte, sich vor Adam zu profilieren.
„Als was arbeitest du?“ Adam wandte sich Sadie zu, die ihn sichtlich überrascht ansah.
„Ich, uhm… arbeite als Grafikdesignerin in einer Werbefirma.“
„Cool, irgendwas, was man kennt?“ Adam klang wirklich interessiert.
Sadie drehte nervös den Becher in ihrer Hand. „Isst du Müsli?“
Adam sah sie fragend an. Ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Zaghaft nickte er. „Dann kennst du wahrscheinlich bereits meine besten Arbeiten“, witzelte sie. „Dafür habe ich Kunst studiert.“
„Ich habe eine Tanzausbildung wie J.Lo“, versuchte Oli, das Gespräch mit Gewalt an sich zu reißen.
„Ich war mal Pfadfinder, deswegen bin ich nicht Bear Grylls“, warf Adam trocken ein und nahm Oli den Wind aus den Segeln. Sadie konnte nicht anders, als zu lachen. Sie versuchte, sich zurückzuhalten, doch es ging nicht.
Oli warf Sadie erneut einen giftigen Blick zu. „Ich glaube, es wäre besser, wenn wir jetzt gehen. Unsere Pause ist fast zu Ende.“ Oli erhob sich von ihrem Stuhl. Hätten Blicke töten können, wären Sadie und Adam tot von ihren Stühlen gekippt. Olis Kleid schwang dramatisch, als sie sich vom Tisch wegdrehte. Ihre Schuhe klangen wie Maschinengewehrfeuer auf den dunklen Fliesen.
„Ich sollte ihr hinterher.“ Sadie griff nach ihrem Handy, der Sonnenbrille und dem Kaffeebecher. Hektisch stopfte sie sich ihre In-Ears in die Hosentasche. Sie stand abrupt von ihrem Stuhl auf und Adam von seinem. Sie waren sich ganz nahe. Wieder trafen sich ihre Blicke. Adam hatte wieder dieses schelmisch Grinsen auf den Lippen. Doch noch bevor Sadie etwas sagen konnte, rief Oli nach ihr, während sie leicht pissed an der Tür wartete.
„Das ist meine Mom“ scherzte Sadie. Sie spürte, wie die Hitze in ihre Wangen stieg. Dass Adam lachte, entspannte die Situation etwas. Ohne ein weiteres Wort lösten sich die beiden voneinander. Sadie schaute noch einmal zurück zu Adam, bevor sie den Laden endgültig verließ. Ein breites Grinsen machte sich auf Sadies Gesicht breit und sie konnte erkennen, dass auch er immer noch lächelte.
Für den Rest des Tages hatte Sadie ihre Ruhe vor der sonst so redseligen Praktikantin. Adam hatte sie kalt erwischt. So sehr ihr Oli auch leid tat, musste Sadie trotzdem immer wieder lachen, wenn sie daran zurück dachte. Irgendwie hatte es der blonde Riese mit den Grübchen wieder geschafft, Sadie von allem um sie herum abzulenken. Immer wieder wanderte ihr Blick rüber zu dem Kaffeebecher, auf dem ihr Name stand. Adam hatte eine sehr ausschweifende Handschrift. Sadie versuchte, davon abzuleiten, dass er wahrscheinlich selbst künstlerisch begabt sein musste. Vielleicht wünschte sie es sich aber auch einfach nur. Sadie ertappte sich dabei, wie Adam bereits einen viel zu großen Platz in ihren Gedanken einnahm. Ein weiteres Mal. Sie nahm den Becher vom Tisch und wollte ihn gerade in den Müll werfen, als sie ihn ein weiteres Mal in ihren Händen hin und her drehte. Es war ihr vorher nicht aufgefallen, aber Adam hatte anscheinend seine Telefonnummer auf den Becher geschrieben. Sadie prustete leise aus. „Das durfte doch wohl nicht wahr sein“, dachte sie sich. Sie stellte den Becher zurück auf den Tisch. Immer wieder schaute sie auf die Nummer auf dem Becher. Sollte sie oder sollte sie nicht? Es war praktisch wie eine Einladung von ihm. Sie griff erneut nach dem Becher und stopfte ihn in einer ihrer Schreibtischschubladen. Für heute wollte sie nicht mehr über den mysteriösen Fremden nachdenken. Die Lichter im Büro erloschen nach und nach, bis Sadie die Letzte an ihrem Platz war.
„Geh endlich nach Hause“, tönte es vom Flur. Sadies Chef machte seine letzte Runde durch die Räume, um auch den Letzten seiner Mitarbeiter nach Hause zu schicken.
„Bin gleich soweit“, rief Sadie ihm zu. Sie konnte sein genervtes Augenrollen bis hierher hören. Schnell fuhr sie noch den PC runter und schaltete die Monitore aus. Dann sammelte sie ihre Sachen zusammen, als sie ein letztes Mal die Schublade mit dem Kaffeebecher öffnete. Zögerlich nahm sie ihn heraus.
„Nun geh schon!“ Die Stimme klang nun schon erheblich energischer und sie sah zu, dass sie das Büro verließ.
Auf den Weg zur Metro drehte Sadie den Kaffeebecher noch immer von einer in die andere Hand. Kurz bevor die Bahn einfuhr, warf sie ihn endgültig weg.
„Soll die Nummer gespeichert werden?“
Sadie zögerte etwas.
„Gespeichert“, blitzte es auf ihrem Display auf. Sie steckte das Handy in ihre Tasche. Zufrieden schaute sie aus dem Fenster und schaute den Lichtern der Stadt dabei zu, wie sie vorbei flogen. Vielleicht hatte sie sich doch geirrt und das Schicksal war doch kein so humorloses Arschloch.
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