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Love Stories Suck

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / Het
23.06.2021
20.02.2022
17
58.547
11
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
1 Review
 
 
23.06.2021 3.176
 
( Beta gelesen durch HellowImMellow )

Die Luft stand in der Metrostation Stadtteil North Side. Die Sommer in Chicago waren zwar kurz dafür aber sehr intensiv.
Sadie schaute auf ihr Handy. Knapp 20 ungelesene Nachrichten blinkten im Gruppenchat auf. Die letzte war direkt an sie gerichtet. „Wo bleibst du? Wir warten auf dich!“
Sie atmete tief durch. Noch hatte sie die Chance einfach nach Hause zu gehen. Noch konnte sie fliehen. Doch die einfahrende Bahn nahm ihr diese Entscheidung ab und zwang sie zum Handeln.
Warme Luft schlug ihr aus dem Abteil entgegen, als sich die Tür öffnete. Ein paar junge Leute, die schon leicht angeheitert zu sein schienen, drückten sich an ihr vorbei. Sadie fühlte sich einfach nicht bereit. Nicht bereit dafür, wieder unter Menschen zu gehen. Nicht bereit, durch die Clubs zu ziehen. Trotzdem trat sie ein. Die Türen schlossen sich hinter ihr.
Ihre Trennung war nun bereits zwei Monate her. Sie hatte ihn verlassen, nachdem sie in ihrer Beziehung keinen Sinn mehr gesehen hatte. Darüber sollte sie eigentlich glücklich sein, aber irgendwie fühlte sie gar nichts.
Nach der Trennung arbeitete sie eine Zeitlang von zuhause aus. Dies war als Grafikdesignerin kein Problem und eine gute Möglichkeit, um für sich zu sein. Leider holte sie nach und nach ihr Alltag ein. Dass sie wieder Single war, hatte sich rumgesprochen und war ein gefundenes Fressen für ihre parasitären Kolleginnen, die sie prompt dazu einluden, mit ihr auf Partnersuche zu gehen. Wieso sie zugesagt hatte, war ihr selber ein Rätsel geblieben.
Die Metro stoppte und riss Sadie aus ihren Gedanken. Sie schaute aus dem Fenster. Hier musste sie raus. Natürlich wollte auch die Partymeute von vorhin genau an dieser Station aussteigen. „Jackpot“, murmelte sie leise. Sie ließ den jungen Leuten den Vortritt, ehe sie sich von ihrem Platz erhob. Behäbig ging sie die Treppe am Ende des Bahnsteigs runter zur Straße. Sie brauchte einen Moment, um sich zu orientieren, doch da rief sie eine Stimme. „Sadie!“
Langsam drehte sie sich nach ihr um.
„Wir dachten schon, du kommst gar nicht mehr!“ Es war ihre Kollegin Angie, eine Frau Anfang vierzig, die sich jedoch kleidete, als hätte sie ihre besten Tage noch vor sich. Dass sie bereits eine Tochter hatte, die aufs College ging, machte den Fakt nicht weniger befremdlich. Aber gut, wer war Sadie, um das zu verurteilen? Sie selbst trug ein Metallica-Shirt mit viel zu weit ausgeschnittenen Ärmeln, durch die man ihr Bustier sehen konnte. Dazu viel zu enge Jeans, die einfach nur noch zu kneifen schienen. Sadie fühlte sich wie verkleidet und völlig fehl am Platz in der Gruppe aus Frauen aus ihrem Büro. Zum Glück war sie mit ihren 33 Jahren nicht die Jüngste.
Denn da war außerdem die Praktikantin mit dem klanghaften Namen Olivia. Eine hübsche junge Frau mit langen, dunkelblonden Haaren und haselnussbraunen Augen. Sie hatte kurz nach Sadies Trennung und ihrer Zeit im Homeoffice in der Firma angefangen. Seit Sadie wieder im Büro war, wich ihr Olivia kaum von der Seite. Sadie hatte nichts gegen sie persönlich, aber ihre fehlende Zurückhaltung und ihre Liebe für Gossip machten es ihr schwer, einen Draht zu der eifrigen Praktikantin zu finden.
„Hey! Are you ready to party, gurl?“ Olivia gab Sadie zur Begrüßung ein Küsschen auf die Wange.
Sadie war so überrumpelt, dass sie kaum reagieren konnte.
„Oh warte! Du hast da etwas Lippenstift.“ Wie selbstverständlich suchte Olivia den Körperkontakt zu ihr, als wären sie die besten Freundinnen und rieb ihr mit der Hand über das Gesicht. Der rote Lippenstift schien kussecht gewesen zu sein. Je mehr Olivia rieb, desto wunder wurde Sadies Wange.
Sadie griff nach der Hand der jungen Frau, die mit ihr fast schon mütterlicher Hingabe ihre Wange putzte. „Wenn du so weitermachst, sehe ich aus wie Two Face aus Batman.“
Die Praktikantin sah sie mit großen Augen und einem verunsicherten Lächeln auf den vollen Lippen an.
„Batman?“, wiederholte Sadie ungläubig.
Olivias Augen wurden immer größer.
Sadie ließ ihre Hand los. „Ach, nicht so wichtig.“
Noch immer schaute Olivia sie an wie ein Hund den Knochen.
Verunsichert lächelte Sadie zurück. Mit ihren Anfang zwanzig war Olivia eben noch ziemlich naiv und unbedarft.

Wenig später stand die Gruppe in der Schlange vor dem Club an.
Olivia hatte sich bei Sadie untergehakt, strahlte und war ausgelassen.
Sadie hatte sich mit der Tatsache abgefunden, dass sie es wohl den ganzen Abend mit der jungen Frau zutun haben würde. Wenigstens war die Chance, dass sie mit Olivia an ihrer Seite dumm angemacht werden würde, eher gering. Wer würde Dörrobst knackigem Gemüse vorziehen? Olivia sah umwerfend aus in ihrem dunkelroten, schulterfreien Kleid. Sie hatte eine weibliche Figur und wusste ihre Attribute geschickt in Szene zu setzen, ohne billig zu wirken. An ihr stimmte einfach alles.
Die Warterei zog sich hin. Nach gefühlt einer Stunde standen die Frauen noch immer auf der Straße vorm Club, ohne dass sich etwas tat.
Während Olivia gelangweilt an Sadies Schulter hing, beschwerten sich die Damen lautstark über die Unannehmlichkeiten. Schmerzende Füße und zwickende Shapewear! Wenn es eine Hölle gab, dann befand Sadie sich mittendrin. Plötzlich vibrierte das Handy in ihrer Hosentasche.
Erschrocken zuckte Olivia zusammen. „Ein Liebhaber?“ Die junge Frau versuchte, einen Blick auf Sadies Handy zu erhaschen, während diese auf ihr Display schaute. „Wer ist Emma?“
Sadie löste sich aus Olivias Umklammerung und entschuldigte sich bei ihr. Sie ging ein paar Schritte weg von der lauten Menge. Als sie sich sicher war, dass sie genug Abstand zu den neugierigen Ohren der Praktikantin hatte, raunte sie: „Hey Schwesterherz. Was gibts?“
„Du klingst genervt! Passt es dir gerade nicht?“ Emma klang besorgt.
„Ist gerade nur etwas unpassend“, schnaubte Sadie. „Ich wurde von meinen Kolleginnen zu einem Mädelsabend entführt…“ Noch bevor sie ihren Satz beenden konnte, unterbrach ihre Schwester sie.
„Das ist ja wunderbar!“ Emma klang fast schon euphorisch. „Dann will ich dich auch nicht weiter stören und wünsche dir einen schönen Abend. Kinder! Wollt ihr Tante Sadie auch noch mal grüßen?“
Kreischende Kinderstimmen überrollten Sadies Gehörgänge und sie musste sich das Handy etwas vom Ohr fernhalten. „Ja, hey… nicht alle gleichzeitig“, versuchte Sadie ihre Nichten und Neffen zu beruhigen.
Kurz danach übernahm Emma auch schon wieder das Telefonat.
„Was wolltest du denn?“, fragte Sadie.
„Das hat auch noch bis morgen Zeit“, wiegelte ihre Schwester ab. „Ich wünsch dir viel Spaß, meine Kleine.“
Sadie rümpfte die Nase. „Du sollst mich nicht so nennen.“
„Hab dich lieb!“, hallte es vom anderen Ende. Dann waren nur noch wirre Kinderstimmen zu hören.
„Ich dich auch“, hauchte Sadie leise. Dann setzte auch schon das Freizeichen ein. Sadie wischte über das Display ihres Handys. Ohne sich umzusehen, drehte sie sich um und lief prompt in jemanden hinein, der nicht weit von ihr entfernt stand und eine rauchte. Der Qualm stieg Sadie direkt in die Nase.
„Fuck, tut mir leid!“, entschuldigte sich eine leicht nasale und etwas heiser klingende Männerstimme bei ihr.
„Kannst du nicht aufpassen?“, zischte Sadie und versuchte, sich zu sammeln. Zum Glück hatte sie ihr Handy nicht fallen lassen. Ihr Blick wanderte ungläubig nach oben. Es war, als würde sie ihren Hals gen Himmel recken.
Durch das schummrige Licht konnte sie das Gesicht ihres Gegenübers nur zum Teil erkennen. Seine hellen, blonden Haare jedoch schienen förmlich zu leuchten. Unter seinem wirren Haarschopf schauten sie zwei etwas müde wirkende Augen an. Er zog an seiner Zigarette, die leicht aufglimmte und sich in seinen blauen Augen spiegelte.
„Es tut mir leid, eure Hoheit“, witzelte er, während er seine Arme zu einer überschwänglichen Geste ausbreitete. Die Zigarette wippte zwischen seinen Lippen auf und ab und Qualm quoll aus seinen Nasenlöchern. Tiefe Grübchen bildeten sich auf seinen Wangen, als er sie mit einem breiten Grinsen ansah. „Ich wünsche Ihrer Majestät dennoch einen schönen Abend.“
Sadie schaute ihn mit eiskaltem Blick an. Sie hätte jetzt ebenso reagieren können, wie er es wohl erwartet hätte, oder es einfach runterspielen können. Stattdessen wählte sie den offensiven Weg und reagierte ihm gegenüber mit genauso viel Zynismus. „Das wünsche ich dir auch, Gulliver!“
Er sah sie mit großen Augen an, bevor er leise losprustete. Anerkennend nickte er ihr zu.
Erhobenen Hauptes drückte sie sich an dem blonden Riesen vorbei. Aus ihren Augenwinkeln konnte sie sehen, wie er ihr nachsah. Sadie hatte ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen.

Nach einer halben Ewigkeit hatte es die Gruppe von Frauen endlich in den Club geschafft. Es war laut und die Luft zum Schneiden dick. Während sich die Damen aufgeregt auf der Tanzfläche tummelten, versuchte Sadie, den Weg zur Bar ausfindig zu machen. Diesen Abend würde sie nur mit Alkohol ertragen. Einer Menge Alkohol.
„Komm Sadie! Lass uns tanzen!“ Mit weit aufgerissenen Augen machte Olivia Anstalten, sie auf die Tanzfläche zu ziehen.
Sadie stemmte sich dagegen. Weil Olivia trotz Absätzen gut einen Kopf kleiner war, als sie, beugte Sadie sich zu ihr runter. „Fang schon mal an ich! Ich stoße dann später dazu.“ Sie ließ die junge Frau stehen und bahnte sich ihren Weg zur Bar. Dort angekommen lehnte sie sich über den Tresen, um die Bedienung auf sich aufmerksam zu machen, die von links nach rechts rotierte. Vergeblich versuchte sie immer wieder, Augenkontakt aufzunehmen. „Mit wem muss man hier schlafen um etwas zu trinken zu bekommen?“ Schnaubend ließ Sadie sich zurück auf den Boden gleiten. Dann lehnte sie sich rücklings gegen den Tresen und beobachtet die ausgelassene Menge.
Wie lange war sie schon in keinem Club mehr gewesen? Es musste gut drei Jahre her sein.
Nachdem sie Trevor, ihren Ex, kennengelernt hatte, war aus der einst so feierwütigen jungen Frau eine regelrecht anständige Bürgerin geworden. Trevor hatte ihr im Prinzip nie etwas verboten. Allerdings wusste sie, dass er es nicht mochte, wenn sie feiern ging. Also blieb sie zuhause und hatte etliche belanglose Abende zu Hause verbracht. Keine Konzerte. Keine Hauspartys. Wenn sich die Gelegenheit ergab, war sie zum Abendessen bei ihrer Schwester und deren Lebensgefährten oder ging ins Kino. Trevor war genau das, was Sadies Vater sich für seine zu wilde Tochter gewünscht hatte. Und an und für sich war auch nichts verkehrt an ihm, aber er war halt einfach nicht Sadies Seelenverwandter. Sie hatten so gar nichts gemeinsam, und auch wenn der Sex am Anfang über vieles hinwegtäuschte, so konnte der alleine ihre Liebe nicht retten. Wie ihre Beziehung selber, war auch ihr Sex irgendwann eingespielt und lief stets nach demselben Schema ab. Wenn er überhaupt stattfand. Oftmals war Trevor so eingespannt in seinem Job als stellvertretender Geschäftsführer eines Fitnesscenters, dass kaum noch Zeit für etwas Bettgymnastik blieb. Trevor war ambitioniert und diszipliniert, aber leider auch total verkopft und komplett unspontan.
Sadie war tief in Gedanken versunken, als sie spürte, wie sie von jemandem mit Blicken durchbohrt wurde. Sie gab ihr Bestes, den durchtrainierten Typen zu ignorieren, der sie von oben bis unten musterte und sich dabei über die Lippen leckte.
Also wandte sie sich der Bedienung hinter dem Tresen zu und versuchte erneut ihr Glück. Wieder ohne Erfolg.
Der junge Mann in dem viel zu engen Muskelshirt rückte näher auf sie zu. Immer wieder wanderte sein Blick über ihren Körper.
Sadie wollte sich nicht anmerken lassen, wie genervt sie war. „Calm down“, betete sie in ihrem Kopf immer wieder runter.
Dann setzte der viel zu stark gebräunte junge Mann zum Angriff an.
Sadie war auf die äußerst originelle Art seiner Anmache gespannt. Wenn sie genauso dezent ausfiel, wie seine Blicke, hatte sie nicht viel Hoffnung. Sie wandte sich ihm zu und strich mit einem eiskalten Lächeln auf den Lippen durch ihre kurzen Locken, die ihr gleich darauf wieder in die Stirn fielen.
Er kam näher auf sie zu. „Na Kleines, so ganz alleine hier? Hast du gar keine Angst so ganz alleine?“ Wieder leckte er sich über die Lippen und versuchte, seine Hand auf ihre Hüfte zu legen.
Sadie blockte dies mit einer einzigen Handbewegung ab.
Verdutzt schaute er sie an. Anscheinend hatte er diese Reaktion nicht erwartet. Der junge Mann schien sehr überzeugt von sich zu sein. Das konnte Sadie ihm ansehen. Alles an ihm schrie Fuckboy und darauf hatte Sadie so gar keine Lust. Vor allem aber hatte er den Fehler gemacht, sie Kleines zu nennen. „Ich bin doch nie allein.“ Mit einem Lächeln auf den Lippen sah sie ihm tief in die Augen.
Er starrte sie an, als hätte er einen Geist gesehen.
„Jesus!“, erklärte sie. „Du verstehst? Er wacht über mich. Immer.“
Eine Hand schnellte hinter ihr hervor. „Hi, ich bin Jesus.“ Die Stimme kam ihr seltsam bekannt vor.
Der junge Adonis schüttelte den Kopf. „Ihr habt sie beide doch nicht alle. Freaks!“, raunte er und verschwand genauso schnell wieder, wie er aufgetaucht war.
Sadie drehte sich zu ihrem vermeintlichen Jesus um. Sie hatte sich nicht getäuscht.
„Ich hoffe ich komme nicht ungelegen?“, witzelte er, während er beiläufig zwei Tequila bestellte. Diese wurden prompt geliefert.
Sadie starrte erst ihn an und dann das Glas, das man ihr reichte.
„Als kleine Wiedergutmachung für vorhin.“ Seine stahlblauen Augen funkelten und er grinste frech. „Ich bin übrigens Adam.“
„Klingt auch besser als Gulliver.“ Sie stieß hastig mit ihm an und kippte den Tequila, ohne zu zögern, auf ex runter. Sie schüttelte sich und verzog das Gesicht, ehe sie sich mit dem Handrücken über den Mund strich. Eine angenehme Wärme durchströmte ihren Körper.
Adam schaute sie bewundernd an, tat es ihr dann gleich und leerte das Glas ebenfalls in einem Zug. Auch er verzog kurz darauf das Gesicht.
Sadie konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen.
„Was macht ein Ort wie dieser in einer Frau wir dir?“, warf er ein.
Sadie sah Adam fragend an. Dann prustete sie los. „Funktioniert der Spruch wirklich?“
Adam grinste schief. „Eigentlich kommt der immer gut an.“
Sadie lächelte. Das war so ziemlich der dümmste Spruch, den sie je gehört hatte, und dennoch war ihr der Riese mit dem Schlafzimmerblick irgendwie sympathisch, auch wenn sie sich nicht erklären konnte, wieso. Und das nicht nur, weil er ihr einen Drink ausgegeben hatte.
„Du magst Metallica?“ Adam zeigte mit dem Bier in seiner Hand auf Sadies Shirt. „Wen?“, erwideret Sadie.
Verdutzt nippte er an seinem Bier.
„Das war ein Witz!“ Sadie drehte ihre Flasche auf dem Tresen mit dem Etikett zu sich hin. „Bist du etwa auch so ein Typ der Frauen darauf anspricht und dann erwartet das man ihm mindestens 5 Meilensteine nennen kann?“
Adam leerte die Flasche und schob sie wortlos über den Tresen in Richtung Bedienung. Diese reichte ihm sofort ein neues Bier. Freundlich nickte er ihr zu. Etwas verlegen lächelte sie zurück.
Adam war definitiv keine Normschönheit, er war sehr schlank und etwas staksig. Er hatte einen recht fahlen Teint, hohe Wangenknochen und tiefe Grübchen. Darüber hinaus hatte er die blauesten Augen, die Sadie je gesehen hatte. Dennoch strahlten sie etwas Warmes aus. Seine viel zu hell blondierten Haare umrandeten sein Gesicht wie Lametta. Seine schwarzen Klamotten ließen ihn zusätzlich blass aussehen.
„Nein, aber so konnte ich dir ungeniert auf die Brüste gucken“, gab er zurück.
Sadie schaute an sich herunter. Sie rückte ihr Bustier zurecht, während sie Adam unverhohlen ins Gesicht sah. „Als gäbe es da viel zu sehen.“
Er fing an zu lachen. „Für mich ist das Glas eh immer halb leer.“
Sadie rollte mit den Augen. Sie knibbelte am Etikett ihre Flasche, die bereits alle war. „Du bist ja ein richtiger Sonnenschein“, murmelte sie.
„Die Wirkung vom Alkohol hat noch nicht eingesetzt.“ Er wischte sich seine vom Kondenswasser feuchten Hände an der Hose ab. „Sonst bin ich eine richtige Stimmungskanone.“ Er sah Sadie tief in die Augen.
Unbeeindruckt erwiderte sie seinen Blick. „Eher ein Rohrkrepierer.“
Er rückte etwas näher an sie heran, wahrte aber einen gebührenden Abstand. „Und dennoch unterhältst du dich immer noch mit mir. Was sagt das über dich aus?“ Sein Blick war herausfordernd.
Sadie lehnte sich zu ihm herüber. Sie stützte ihren Kopf auf ihrer Hand ab und schaute ihn unter langen, schwarzen Wimpern an. „Dass ich eine schlechte Menschenkenntnis besitze?“
„Dann sind wir schon zwei.“ Adams Blick wanderte langsam von ihren dunklen Augen zu ihren Lippen.
Sadie spürte, wie sich ein flaues Gefühl in ihrem Magen breitmachte. Sie war nicht betrunken. Nicht von einem Glas Tequila und ein paar Bieren. Adams Blicke hatte ihre Wirkung auf sie jedoch definitiv nicht verfehlt. In ihr stieg Hitze auf und breitete sich langsam in ihrem Unterleib aus wie ein Lauffeuer. Wie konnte es sein, dass gerade er so etwas bei ihr auslöste? Dieser ganze Abend war einfach komplett surreal. Sie hatte das Gefühl, jede Minute aufzuwachen, um festzustellen, dass alles nur ein wirrer Traum war.
Der Weckruf kam prompt. „Hier bist du ja!“
Sadie löste ihren Blick von Adam, der genauso überrascht schien wie sie.
„Ich hab dich schon überall gesucht!“ Eine sichtlich aufgebrachte Olivia hatte sich neben Sadie aufgebaut. Sie warf ihre langen Haare über die Schulter und stemmte ihre Hände in ihre Hüfte. Ihr Gesicht war leicht gerötet und ihre Nasenflügel vibrierten.
Adams Gesicht sah immer ratloser aus.
Sadie presste verlegen die Lippen aufeinander. Sie fühlte sich wie damals, als ihre Mutter auftauchte, um sie von Parties abzuholen, auf denen sie eigentlich nie hätte sein dürfen. Olivia fehlte nur noch das Temperament einer südländischen Mutter mit Lockenwicklern in einem Bigshirt.
„Was ist los?“, erkundigte sich Sadie bei Olivia.
Adam beobachtete die beiden Frauen sichtlich amüsiert.
Olivia pustete die Wangen auf und griff nach Sadies Hand.
Sadie warf ihm einen giftigen Blick. Ihr war nur wenig peinlich. Das hier allerdings schon.
„Du musst mitkommen. Angie ist in ihren High Heels umgeknickt und muss nach Hause.“ Olivia zerrte quengelnd an ihrer Hand.
„Ist ja gut“, gab Sadie kleinlaut bei. „Ich komm ja schon.“
Ein Lächeln machte sich auf Olivias Gesicht breit. Sie war wie eine verzogene Göre, die ihren Willen bekommen hatte.
Sadie rollte genervt mit den Augen. Noch bevor sie sich richtig von Adam verabschieden konnte, hatte Olivia sie schon von ihm weggezerrt.
„Hey, Eure Majestät“, rief Adam ihr hinterher. „Sie haben mir Ihren Namen nicht verraten.“
Sadie warf ihren Kopf über ihre Schultern. Dabei fielen ihr ihre Locken in die Stirn. „Sadie.“ Sie zwinkerte ihm zu.
Er fing an zu lächeln. Seine Grübchen waren gut sichtbar. Das Letzte, das Sadie dann noch in der Menge von ihm erkennen konnte, war sein heller Haarschopf.

Erst auf der Rückfahrt mit einer vor Schmerzen jammernden Mittvierzigerin in viel zu hohen Schuhen und einer an ihrer Schulter schlafenden Praktikantin wurde Sadie bewusst, dass sie diesen Abend so nie wieder erleben würde. Wahrscheinlich würde sie den zynischen Riesen auch nie mehr sehen. Manchmal hatte das Schicksal schon eine seltsame Art von Humor, dachte sie sich.
Aber vielleicht war die Begegnung mit Adam auch nur der Anfang von etwas Neuem. Zumindest hatte sie das Zusammentreffen mit ihm sie für den Abend ihr Trübsal vergessen lassen.
„So, wie Sadie vor sich hin lächelt, hatte zumindest eine von uns heute ihren Spaß!“, zischte Angie.
Sadie starrte sie verwundert an. Sie betastete ihre Lippen. Tatsächlich. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie lächelte. Mit einem eiskalten Blick wandte sie sich von Angie und den anderen Frauen ab und schaute aus dem Fenster der Metro. Die Lichter der Stadt zogen an ihr vorbei, während Sadie sich wieder in Gedanken verlor.
 
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