Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

120 Wörter und ihre Facetten

von IcGatter
SammlungAllgemein / P18 / Mix
22.06.2021
14.09.2021
6
6.209
2
Alle Kapitel
11 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
25.06.2021 1.757
 
Einatmen, ausatmen. Einatmen ausatmen. Mit jedem Sprung fällt etwas Anspannung von meinen Schultern. Ich sehe mich um, lasse meinen Blick umherschweifen. Die große Halle ist heute nicht stark besucht. Noch ist es früher Nachmittag lange bleibt es also nicht so.
Langsam taste ich mich höher. Zentimeter für Zentimeter, bis ich einmal tief Luft hole und mich nach Hinten fallen lasse. Ein kurzer Moment der Schwerelosigkeit umgibt mich. Bis mich sofort das Trampolin umhüllt und direkt wieder nach Oben katapultiert.
Am Anfang war es Überwindung, doch irgendwie verlernt man es nicht. Ich bin stolz auf mich. Stolz hierhergekommen zu sein, Stolz mich die ersten Sprünge getraut zu haben und Stolz darauf bald wiederzukommen. Diese Überwindung tat gut, auch wenn‘s nicht leicht war.

Die anderen Springer sind deutlich jünger, vielleicht ist es genau das was mir heute in die Karten gespielt hat. Es sind Kinder. Kleine Kinder die nicht mehr wie toben im Sinn haben. Kein Getuschel, keine abschätzigen Blicke. Kinder, die einfach spielen.
Ein leerer Parkplatz, wenig Menschen und nur ich und meine Begleitung, die neben dem Personal den Altersdurchschnitt anheben.

Ich wechsle die Sprungfläche.
Hier hängen Körbe ähnlich wie beim Basketball. Es ist noch ungewohnt. Man verliert so viel Koordination. Ein Wurf, daneben. Wieder ein Wurf, knapp verfehlt. Ich folge dem Ball über die Fläche und versuche es erneut. Wahrscheinlich treffe ich heute nicht einmal, aber das ist egal. Ein wenig erschrecke ich mich über den Gedanken. Normalerweise würde es mich frustrieren, nerven, aufregen, doch heute nicht.
Ich schmunzle über mich selbst. Es ist nicht wichtig das ich treffe, es ist nur wichtig das ich hier bin. Noch ein paar Versuche, dann gebe ich vorerst auf. Jetzt wird es Zeit den Rest der Halle zu erkunden, alles schaffe ich heute nicht, aber das was geht nehme ich mit.

In der Mitte stehen zwei Türme. Es ist immer nur einer geöffnet. Die Kleinen stellen sich am offenen an. Der Mitarbeiter reicht dem Jungen, der nun an der Reihe ist, das Trapez. Ein kurzer Schwung, gefolgt von einem kleinen Flug.
Ich blicke neidisch herüber. Als Kind hätte es mich damals schon Überwindung gekostet und auch heute ignoriere ich gekonnt den auffordernden Blick meiner Begleitung. Vielleicht beim nächsten Mal, wer weiß.
Der zweite Turm wird im Anschluss geöffnet. Eine zwei Meter Plattform und eine drei Meter Plattform. Für viele nichts Spektakuläres. Die meisten springen aber auch vom Dreimeterbrett im Schwimmbad. Im Gegensatz zu mir.
Vorerst begnüge ich mich aber mit der daneben aufgebauten Slackline. Die Sprünge stecken mir jetzt schon in den Beinen. Ich wage den ersten Versuch und komme gut einen Meter voran, ehe es mich in die ein Meter tiefe Knautschzone zieht. Für einen kurzen Moment packt mich Panik. Das Kissen hat mehr nachgegeben wie erwartet, aber ich rapple mich sofort wieder auf.
Kurz hole ich Luft und probiere es ein weiteres Mal. Das Maximum fürs erste, was auch nicht weiter ausgebaut wird, ist die halbe Wegstrecke was ungefähr zwei Meter sein dürften. Meiner Begleitung ergeht es auch nicht besser, aber Hauptsache der Spaß und die Leichtigkeit steht im Vordergrund.

Ein prüfender Blick auf die an der Decke hängenden Monitore, es sind erst knapp zwanzig Minuten vergangen. Neben der Slackline sind zwei einzelne Trampoline im Boden eingelassen, davor steht jeweils ein Monitor.
Ein kurzer Hüpfer aufs Trampolin lässt den Bildschirm erwachen und zeigt verschiedene Spielmodi im Einzel oder im Doppel an. Wenn wir schon zu zweit da sind, dann darf natürlich ein kleiner Konkurrenzkampf nicht fehlen. Das erste Spiel erinnert etwas an Air-Hockey und mir scheint es sehr zu liegen. Meine Begleitung hat keine Chance und so gewinne ich Haus hoch. Ich schmunzle kurz, ehe es in die Revenge geht. Das Spiel was nun kommt, dürften viele noch von ihrem Smartphone kennen. Aufgebaut wie klassisches Doodle Jump, hüpfen wir nun um die Wette virtuell immer weiter höher. Nach einem Kopf an Kopf-Rennen siege ich knapp und entscheide mich gegen das dritte Spiel.
Ich brauche kurz Zeit zum Durchatmen. Einig sind wir uns trotzdem, sowas sollte es als Fitnessgerät für jedermann zu kaufen geben. So kann die Digitalisierung gewinnbringend eingebracht werden.

Als nächstes zieht es mich wieder in die Mitte der Halle. Neben den zwei aufgebauten Türmen befindet sich ein großes Sprungkissen. Davor sind vier Trampoline aufgebaut. Zwei sind im Boden eingelassen, eins befindet sich im 45 Grad Winkel an eine Box montiert und eins ist ebenfalls im Boden eingelassen, allerdings steht davor eine eineinhalb Meter hohe Box.
Zuerst verschlägt es mich auf eins der im Boden eingelassenen. Ich hüpfe vorsichtig auf und ab. Jedes Trampolin hat in etwa die gleiche Sprungkraft, doch ich zögere. Ich muss nur eine dreißig Zentimeter Marke überspringen, um dann im weichen Sprungkissen zu versinken. Die gleiche Art Sprungkissen wie bei der Slackline, nichts neues und doch ist da diese innerliche Barriere.
Ich seufze und springe weiter. Stabilisieren, Atmen.
Noch ein paar Sprünge dann siegt „nicht denken, sondern machen“. Ein kurzer Flug durch die Luft, dann lande ich etwas verdreht im Kissen. Ich brauche kurz Zeit zum Realisieren. Nichts tut weh, nichts passiert, alles in Ordnung. Ich rapple mich auf und bahne mir direkt den Weg zurück zum Trampolin. Erfolgserlebnis, da kann ich einen Haken dran machen. Noch ein paar Sprünge mehr und die Landung klappt ebenfalls eleganter.
Langsam zieht es mich auf das Trampolin mit dem 45 Grad Winkel. Gemeinsam stehen wir auf der Box und schauen aufs Sprungkissen. Ich schicke meine Begleitung vor. Elegant sah es nicht aus, aber direkt überwunden. Ich zögere. Mal wieder. Meine Begleitung ist währenddessen schon wieder neben mir aufgetaucht.
Ich blicke mich erneut um, sehe die Kleinen wild und ohne Scheu durch die Gegend springen. Ich frage mich wie so oft, wann es verdammt noch mal so kompliziert geworden ist? Woher kommt diese Angst, die einen ständig umgibt?
Ich nutze den kurzen Moment, in dem mein Kopf still ist und springe ins Trampolin. Es ist ein eigenartiges Gefühl. Der Winkel ist seltsam und ich lande ebenfalls nicht elegant im Kissen, aber sei‘s drum. Ich bin gesprungen.
Die eineinhalb Meter Box betrachte ich von der Seite. Dafür ist es noch zu früh.

Jetzt wird es Zeit für den Ninja Parcours. Zumindest ansehen wollte ich ihn mir. Meine Begleitung sucht sich den linken Parcours aus und ich schaue erst einmal zu. Sofort muss ich schmunzeln. Zu Hause auf dem Sofa lässt es sich bei Ninja Warrior gut Sprüche klopfen, man denkt zurück an früher und fragt sich, warum alle so Probleme damit haben, ist ja schließlich gar nicht so schwer… Tja und dann steht man hier.
Die Übungen haben es in sich und auch meine Begleitung schafft den Parcours nicht. Probehalber versuche ich eine der einzelnen Stationen und merke selbst, das wird nichts. Dafür muss ich noch ein paar Mal wieder kommen. Vielleicht klappt es ja Ende des Jahres?

Wir teilen uns wieder auf. Ich bin hier für eine Mission. Wie am Anfang springe ich ganz entspannt und lasse mich ab und an auf den Rücken oder auf die Knie fallen und federe wieder zurück. Ein paar Erinnerungen kommen hoch und der Ehrgeiz wird geweckt.
Früher konnte ich einen Salto. Der erste Salto-Versuch kostet mich einiges an Überwindung und das, obwohl ich mich eigentlich schon an all das wieder gewöhnt habe. Natürlich gelingt es nicht auf Anhieb, aber das habe ich auch nicht erwartet. Allerdings hatte ich es mir auch nicht so schwer vorgestellt.
Nach ein paar Versuchen breche ich ab. Ich merke wie anstrengend alles für mich ist und versuche mich erneut an der Slackline. Neu fokussieren. Etwas beruhigen.
Meine Begleitung hat sich auf den Sprungturm daneben verzogen und springt von der drei Meterplattform. Ein kleiner Junge gesellt sich dazu und springt mit einem Salto herunter. Ich stichle meine Begleitung an, doch keine Chance. Nicht mal der Versuch eines Saltos kommt zu Stande.
Für einen Bruchteil packt mich der Ehrgeiz und ich gehe zielstrebig auf die zwei Meter Plattform. Doch schon beim Aufstieg wird mir klar, dass ich kneifen werde. Das wird kein Salto.
Ich blicke hinab und mein Herz fängt wie wild an zu klopfen. Ich sehe im Augenwinkel wie der kleine Junge erneut den Turm erklimmt und schlucke.
Immerhin gebe ich mir nicht die Blöße und kraxle wieder herunter. Ich nehme all meinen Mut zusammen und lasse mich ins Kissen fallen. Elegant ist anders und schreit auch nicht nach Wiederholung. Nicht weil ich mir weh getan habe, nein. Eher aus Sorge vor neugierigen Blicken.

Ein verräterischer Blick auf die Uhr zeigt, dass noch knappe fünfzehn Minuten Sprungzeit übrig sind. Ganz entscheiden kann ich mich nicht, worauf ich noch den Fokus legen möchte, und rotiere etwas. Dennoch zieht es mich wieder zur Sprunggrube neben den Türmen.
Von den im Boden eingelassenen Trampolinen geht es noch ein paarmal ins Kissen, bis ich tatsächlich auf der eineinhalb Meter Box stehe.
Meine Begleitung wuselt irgendwo in der Halle herum und die kleinen Springer hängen auch schon etwas erschöpft in den Seilen. Ich genieße die Ruhe und blicke auf das Trampolin herab. Eineinhalb Meter ist wahrlich keine Klippe und eigentlich auch das was ich so auf einem Trampolin an Höhe schaffe.
Ich frage mich, ob mein jüngeres Ich hier so einfach heruntergesprungen wäre. Wahrscheinlich. Wohl auch mit Zögern, aber dennoch. Ich überlege und höre in mich hinein. In meinem Kopf herrscht angenehme Stille. Anders als die letzte Zeit. Ich fühle mich leicht und ausgeglichen.
Ich schaue wieder auf das Trampolin unter mir. Soll ich? Soll ich nicht? Ich fange wieder an zu denken und es macht es nicht einfacher. Innerlich baut sich eine Blockade auf und je länger ich warte, desto unwahrscheinlicher ist es das ich sie überwinden kann.
Ich ziehe scharf die Luft ein und mache einen Schritt nach vorne. Noch in der Luft überlege ich es mir anders. Es kostet mich viel Kraft, aber ich absorbiere den gesamten Sprung und bleibe auf dem Trampolin stehen.
Ich verharre einen Moment und warte bis meine Muskeln sich von diesem Kraftakt erholt haben. Es war ein Versuch. Es war zu früh, aber der Wille war da und das ist im Moment alles was zählt.

Ich bin nicht enttäuscht. Ich habe heute viel geschafft und mich meinem inneren Kind wieder angenähert. Ein wenig Herzlachen zurückgewonnen, auch wenn es nur ein Bruchteil war.
Beim nächsten Mal bin ich hoffentlich lockerer. Vielleicht kann ich dann schon eher wieder herum albern und faxen machen. Ausgelassen und sorgenfrei das Leben, mein Leben genießen.
Und die Moral von der Geschichte? Klar, sollte man sich seinem Alter entsprechend verhalten, aber manchmal sollte man einfach wieder ein Kindskopf sein und auch einfach sein dürfen.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast