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120 Wörter und ihre Facetten

von IcGatter
SammlungAllgemein / P18 / Mix
22.06.2021
14.09.2021
6
6.209
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Dieses Kapitel
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13.07.2021 1.981
 
Trigger Warnung: Depression/Selbstverletzung

Der eisige Novemberwind blies Nadine um die Nase. Hals über Kopf war sie aus ihrer Wohnung. Ihrer noch vor wenigen Tagen gemeinsamen Wohnung geflohen. Sven war nicht mehr da. Ein Unglück auf der Arbeit. Die Details hatte man ihr erspart.
Es hatte sie bis ins Mark getroffen und ihre eh schon angeknackste Welt war gänzlich zerbrochen. Ihre langjährige Beziehung war eine solide Beziehung, keine Dramen. Die normalen Höhen und Tiefen eben. Teilweise kam sie ihr ein wenig fad vor. Hin und wieder hatte sie mit dem Gedanken gespielt etwas Neues zu wagen, aber sie war geblieben. Ihre Beziehung hatte ihr Sicherheit gegeben, hatte sie beruhigt und ihr Leben in halbwegs geraden Bahnen laufen lassen.
Und jetzt? Jetzt war er nicht mehr da und sie allein.
Seufzend zog sie sich ihren schwarzen Kapuzenpullover über den Kopf. Es war kaum eine halbe Stunde vergangen, seitdem sie den warmen Zug, der sie nach Bremen gebracht hatte, verlassen hatte.
Stuttgart lag nun Kilometer weit hinter ihr und dennoch waren ihre Gedanken immer noch dort. Bei Sven, bei ihren Freunden und bei ihrer Familie.

Sie folgte einfach ihren Füßen. Diese trugen sie vom Hauptbahnhof über die Wallanlagen direkt zur Weser. Am Geländer abstützend betrachtete sie den glitzernden Fluss. Am anderen Ufer lag Melanies Wohnung.
Melanie war ihre Freundin aus Kindertagen, die es schulisch und später dann beruflich nach Bremen gezogen hatte. Früher waren sie ein Herz und eine Seele gewesen. In den Jahren hatten sie sich zwar etwas aus den Augen verloren, aber ihre Freundschaft hatte immer noch bestand.
Seit einigen Monaten hatten sie sogar wieder recht regen Kontakt und hatten sich ein um das andere Mal auch wieder getroffen.

Die Sonne wärmte Nadine sanft, doch sobald sich die Wolken davorschoben und der Wind auffrischte, kühlte sie sofort wieder aus. Acht Grad Höchsttemperatur waren bei weitem kein Wetter für Pullover mehr, doch sie hatte in ihrer Eile nichts weiter mitgenommen.
Keine Wechselsachen, keine Tasche. Nur Portmonee, Schlüssel und Smartphone. Alles Dinge die sie bei sich trug.
Langsam stieß sie sich vom Geländer ab. Sie wusste nicht ob Melanie zu Hause war. Sie wusste nicht, ob Melanie sie sehen wollte oder ob sie gar in einem ungünstigen Moment auftauchte.
Das Smartphone aus der Hose fischend, überlegte sie Melanie anzurufen, doch sobald sie ihr Display betrachtete, verließ sie der Mut.
Nicht nur das Sven sie anlächelte, nein sie hatte unzählige Nachrichten und Anrufe in Abwesenheit die sie mahnend anleuchteten. Allen voran ihre beste Freundin Maya. Maya war neben Sven auch die Einzige die von ihrer Therapie, die sie vor wenigen Monaten begonnen hatte, wusste.
Sowie sie durch die Nachrichten scrollte, entdeckte sie ebenfalls Anrufe und Nachrichten ihrer Therapeutin. Überraschend war das für Nadine nicht. Sie hatte kurzfristig alles abgesagt und gemauert, als ihre Therapeutin versucht hatte herauszufinden was los war.
Diese Gedanken überforderten Nadine und sie stoppte in einer kleinen Seitengasse, wo sie sich auf einer Mauer niederließ.

In ihrem Kopf herrschte Chaos. Angst, Überforderung, Trauer, Wut, sogar Erleichterung. Es wurde ihr zu viel.
Sie nestelte an ihrer Smartphone Hülle herum und förderte eine kleine blanke Rasierklinge hervor. Langsam drehte sie die Rasierklinge zwischen den Fingern und betrachtete sie genau.
Bis vor ein paar Tagen war Selbstverletzung nie ein Thema gewesen. Nie hätte sie es jemals für möglich gehalten, dass es ihr Linderung bringen könnte, doch genau das tat es.
Wie automatisch schob sie ihren Ärmel hoch und ließ die Klinge sanft über ihren Arm streichen. Anfangs waren ihre Schnitte noch leicht gewesen, doch sie wurden von Mal zu Mal tiefer. Sie wusste das es nicht richtig war. Das es andere Wege gab, doch wie konnte etwas falsch sein, was funktionierte?
Sobald ein kleiner Rinnsal Blut ihren Arm entlanglief, schob sie die Rasierklinge zurück in ihre Hülle. Sie betrachtete die schmale Linie und atmete auf. Der sich anstauende Druck war verschwunden und sie konnte tief und ohne Beklemmung durchatmen.
Sie wartete noch kurz, zog den Ärmel wieder herunter und setzte ihren Weg weiter fort. Melanies Wohnung lag nur zwei Querstraßen entfernt.

Vorsichtig fast schon ehrfürchtig hob Nadine den Finger. Für einen kurzen Moment schwebte er unschlüssig über der Klingel, doch sie gab sich einen Ruck. Die Gegensprechanlage dudelte ihr die bekannte Melodie vor, leider blieb es aber dabei. Melanie war nicht zu Hause.
Enttäuscht ließ sie den Kopf hängen und überlegte sich was sie nun tun sollte. Sie könnte noch ein paar Schritte um den Block gehen, sie könnte sie anrufen oder sie blieb einfach hier und wartete.
Nach kurzem abwägen, setzte sie sich in den Hauseingang und wartete.

Es hatte bereits gedämmert und die Temperatur war noch weiter abgefallen. Ihre Füße waren taub und ihre Finger schmerzten. Langsam kroch die Kälte ihren Körper weiter hinauf.
Anstatt sich etwas Warmes zu suchen oder versuchen Melanie zu erreichen, griff sie wieder nach ihrem Smartphone. Wieder schob sie die Hülle beiseite. Das metallene Stück lag schwer in ihrer Hand und das Zittern ihrer Finger machte es nicht leichter.
Bevor sie auch nur ansetzen konnte, räusperte sich jemand neben ihr.
„Entschuldigung.“, erklang es in Nadines Ohren sanft, aber direkt und sie sah erschrocken auf.
Niemand geringeres als Melanie stand mit Einkaufstüten beladen vor ihr. Sie ballte blitzschnell die Faust und ließ die Rasierklinge verschwinden. Unfähig zu antworten, blickte sie Melanie ertappt an.

Melanie hatte die junge Frau argwöhnisch betrachtet, bis sie realisiert hatte das niemand geringeres als Nadine vor ihr saß.
Sofort ließ sie die Einkaufstaschen fallen und hockte sich vor sie.
„Hey, was für eine Überraschung.“, flüsterte sie sanft und zog Nadine vorsichtig in eine Umarmung.
Nadine saß wie paralysiert da. Ihr Kopf und ihr Körper waren unfähig irgendwie zu reagieren.
„Wie lange sitzt du denn schon hier? Und dann auch noch ohne Jacke. Dir muss doch kalt sein Liebes.“, setzte Melanie nach und strich Nadine sanft über den Rücken.
Für einen Bruchteil einer Sekunde schossen Nadines Mundwinkel in die Höhe und etwas Anspannung fiel von ihr ab.
„Komm wir gehen rein. Ich wollte heute eine kräftige Nudelsuppe kochen, das wird uns aufwärmen.“, erklärte Melanie weiter und zog Nadine sanft am Arm hoch auf die Beine.

Nachdem Melanie Nadine in ihre Wohnung geschoben hatte, versuchte sie weiterhin ein Gespräch aufzubauen, doch Nadine blieb still. Melanie musterte ihre Freundin genau. Wovon sie eben fast Zeuge geworden war, ließen alle Alarmglocken bei ihr schrillen.
Ehe sie noch einmal nachbohren konnte, flüsterte Nadine: „Sven ist tot. Arbeitsunfall.“
Sofort überbrückte Melanie die Distanz und schloss Nadine in ihre Arme.
„Ich wusste nicht, wohin ich sollte. Es wurde mir alles zu viel.“, nuschelte Nadine und einzelne Tränen liefen ihr über die Wange.
„Du weißt meine Tür steht immer für dich offen. Mein aufrichtiges Beileid.“, antwortete Melanie sanft und hielt Nadine fest.
Erleichtert fiel die Anspannung von Nadine und sie lehnte sich komplett in die Umarmung. Dieser stille Moment wurde nur durch Nadines vibrierendes Smartphone unterbrochen.
„Willst du nicht rangehen?“, fragte Melanie vorsichtig.
Nadine die ihren Kopf mittlerweile auf Melanies Schulter abgelegt hatte, schüttelte leicht den Kopf.
„Willst oder kannst du nicht?“, setzte Melanie nach.
Nadine seufzte und löste sich aus der Umarmung. Sie holte ihr Smartphone aus der Tasche und hielt es Melanie vor die Nase.
Melanie nickte und bat Nadine mit einem stummen Blick auf dem Sofa Platz zu nehmen, dann nahm sie den Anruf an.

Nadine wusste direkt wer dort am Ende der Leitung war. Maya.
Melanie wiegelte Mayas Fragen ruhig ab und warf immer wieder prüfende Blicke zu Nadine herüber.
„Sie meldet sich morgen bei dir.“, entgegnete Melanie Maya ruhig und zwinkerte Nadine zu.
Erleichtert ließ Nadine sich in die Kissen fallen und schloss kurz die Augen. Als sie sie wieder öffnete sah sie wie Melanie kurz die Stirn runzelte.
„Wie war der Name?“, fragte Melanie nach und nickte dann automatisch vor sich hin, „Darum kümmere ich morgen. Versprochen.“
Nadine schluckte. Sie brauchte nicht viel zusammenrechnen. Wahrscheinlich hatte Maya von ihrer Therapeutin erzählt. Sofort stieg wieder Panik in ihr auf. Was würde Melanie wohl nun von ihr denken. Sie ballte ihre Faust fest und die Rasierklinge schnitt ihr in die Hand.
Melanie hatte derweil das Zimmer verlassen und suchte ein paar Dinge zusammen. Nachdem sie das Telefonat beendet hatte, legte sie das Smartphone vor Nadine auf den Tisch.
Nadines Plus schoss in die Höhe. Ihr kamen etliche Szenarien in den Sinn. Sie erwartete das Melanie das Wort ergreifen würde, doch diese schwieg.
Sanft tippte Melanie auf Nadines Faust und schaute sie abwartend an. Nadine nickte leicht und öffnete die Hand. Kommentarlos nahm Melanie die Rasierklinge an sich, wickelte sie in ein Tuch und bracht sie mehrmals durch, ehe sie sie in den mitgebrachten Mülleimer warf. Danach tupfte sie vorsichtig um Nadines Wunde herum.
„Das wird jetzt brennen.“, erklärte sie leise und tränkte ein neues Tuch mit Reinigungsalkohol.
Nadine zog bei jedem Tupfen scharf die Luft ein. Melanie verband sanft ihre Hand, ehe sie ihrer Freundin eindringlich in die Augen schaute. Nadine ahnte was nun kommen würde und krempelte bereitwillig ihre Ärmel hoch.
Nachdem auch diese Schnitte versorgt und verbunden waren, meinte Melanie: „So jetzt wird es aber Zeit zu kochen. Ich bin am Verhungern.“
Nadine war überrascht von Melanies schiefen Grinsen und nickte mechanisch.
„Na komm, gemeinsam geht’s schneller. Du schneidest die Möhren.“, erklärte Melanie und packte die Hausapotheke wieder weg.
Unschlüssig folgte Nadine ihrer Freundin in die Küche.
„Du willst das ich die Möhren schneide? Mit einem Messer?“, fragte Nadine vorsichtig nach.
„Naja, mit einem Löffel geht’s wohl schlecht.“, erwiderte Melanie schmunzelnd und holte alle Utensilien hervor.
„Und das, obwohl du die Wunden gesehen hast?“, harkte Nadine nachdenklich nach.
Melanie stoppte in der Bewegung und musterte Nadine genau.
„Ich kenne dieses Verhalten. Das weißt du. Familiär und einige Freunde haben das ebenfalls durch. Es ist nicht schön nein, aber du wirst daran arbeiten. Sowas gehört dazu. Ich habe eben die Erleichterung in deinem Blick gesehen, nachdem ich die Klinge im Müll versenkt habe.“, erklärte Melanie ruhig und versuchte jede Gefühlsregung von Nadine wahrzunehmen.
„Das stimmt.“, flüsterte Nadine und nickte sachte.
Melanie warf ihr ein wissendes Lächeln zu und schob das Schneidbrett mit den Möhren herüber. Gemeinsam brauchten sie nicht lange und schon stand die wohlduftende Suppe vor ihnen.

Melanie hatte, während das Süppchen noch durchzog, ein paar Decken und Kissen für das Sofa geholt und Nadine ein paar bequeme Anziehsachen.
Gemeinsam saßen sie auf dem Sofa und genossen die Suppe mit extra viel Einlage.
„Lecker.“, sagte Nadine und stellte ihre Schüssel neben Melanies vor sich auf dem Tisch ab.
Melanie nickte zufrieden und zog ihre Freundin sanft an ihre Schulter.
„Danke.“, hauchte Nadine und bettete ihren Kopf gemütlich.
„Nicht dafür.“, flüsterte Melanie und gab ihr einen Kuss auf den Scheitel.
Nadine entspannte sich und dämmerte während des belanglosen Fernsehprogramms immer wieder weg. Melanie betrachtete ihre Freundin nachdenklich und strich ihr immer wieder beruhigend über Nacken, Schultern und Arme.

Gegen Mitternacht wachte Nadine auf und schaute sich verschlafen um. Sie brauchte einen Moment, bis ihr wieder einfiel das sie nicht in ihrer Wohnung war.
„Hat gutgetan, oder?“, riss plötzlich Melanies Stimme sie aus ihren Gedanken.
„Ja. Schon… ein wenig.“, stammelte Nadine und musterte ihre Freundin von der Seite.
„Ich wollte dich nicht vom Schlafen abhalten, du musst morgen bestimmt wieder früh raus.“, nuschelte Nadine und die Sorgen in ihr nahmen zu.
„Ich hab morgen Spätsicht und werde sehen das ich mir kurzfristig frei nehmen kann.“, erklärte Melanie ruhig und stupste Nadines Nase.
„Du brauchst dir wegen mir keine Umstände machen.“, flüsterte Nadine und ihr Blick wurde traurig.
Melanie seufzte und zog Nadine näher zu sich heran.
„Du machst dir zu viele Gedanken, Liebes. Lass das mal meine Sorge sein, okay?“, zwinkerte sie und hauchte ihr abermals einen Kuss auf den Scheitel.
Hinter Nadines Stirn arbeitete es auf Hochtouren. Sie war unfähig alles zu analysieren und war sich nicht mehr sicher was richtig oder falsch war. Noch bevor sie wusste, was sie tat, lehnte sie sich nach vorne und legte ihre Lippen sanft auf Melanies.
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