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Mitsommerblume

Kurzbeschreibung
OneshotFantasy, Liebesgeschichte / P12 / Gen
21.06.2021
21.06.2021
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Der Sitz, auf den ich mich fallen ließ, gab einen unangebrachten Laut von sich, sodass die zwei Mädels, die auf den Nachbarsitzen hockten, angewidert die Nase rümpften.
»Komm, lassen wir Tuba etwas mehr Luft«, sagte eine zur anderen. Sie nahmen ihre Taschen und setzten sich ans andere Ende des Zugabteils.
Tuva, bitteschön! Ich seufzte. Es war nicht das erste Mal, dass sie meinen Namen in den eines Blasinstrumentes änderten. Ich hatte immer das Glück, jene Sitze zu erwischen, die abgewetzt waren und selbst unter meinem Fliegengewicht knarzten. Vor allem meine Mitschüler nutzten jede Gelegenheit, um mich mit den absurdesten Spitznamen zu betiteln oder auf andere Weise Witze auf meine Kosten zu machen. Aber mittlerweile hatte ich mich dran gewöhnt. Es war schon immer so gewesen. Irgendetwas fanden sie immer. Seien es meine nicht zu bändigenden Haare, die für sie immer aussahen wie Grasbüschel oder meine Nervosität, sobald ich nur einen Funken mehr Aufmerksamkeit erhielt. Ich konnte nichts dagegen tun. Deshalb drückte ich mich sehr gerne vor Referaten oder vor Schulaufführungen, obwohl ich eigentlich von Hause aus ein künstlerisches Gen besaß. Meine Mutter und Oma waren beide begnadete Geigerinnen und mein Vater ein anerkannter Bühnenbauer. Warum also fiel es mir so schwer, den anderen zu zeigen, was ich draufhatte? Wovor hatte ich Angst? Dass sie letztendlich noch einen Grund mehr hatten, sich über mich lustig zu machen? Bei jedem Vortrag kam ich ins Stocken, und nicht selten kam es vor, dass ich bei Aufführungen vor Aufregung meinen Text vergas. Nein danke.
Ich kramte aus meinem Rucksack Handy samt Kopfhörer heraus und winkte meinem Vater, der mich netterweise zum Bahnhof gefahren hatte. Mama und er lebten schon seit Jahren getrennt. Laut Mamas Aussage hatten sie sich einfach auseinandergelebt. Sie verstünden sich als Freunde nun besser. Dann sollte das wohl so sein. Da wir im schwedischen Leksand zur Schule gingen, lebten meine Brüder und ich bei ihm, fuhren aber sooft es ging hinaus nach Tällberg an den See.
Als ich mich zurücklehnte, knarzte der Sitz wieder. Da offenbar niemand Anstalten machte sich neben mich zu setzen, nahm ich auf dem Nachbarsitz Platz und ließ mich dann von Loreens »Euphoria« beschallen. Ich beneidete die Popsternchen nicht mal um ihren Ruhm. Das wäre mir viel zu stressig: Immer auf Achse, alle Augen auf ihnen und immer gut gestylt. Wie von selbst strichen meine Hände das ein wenig zu große Marvel-Shirt glatt, welches ich von meinem großen Bruder vermacht bekommen hatte. Ich mochte es einfach praktisch und bequem. Ganz im Gegenteil zu meinen Schulkameraden, die immer noch in den Zug strömten. Es waren nicht nur Sommerferien, sondern auch Mittsommer stand kurz bevor. Alle zog es nach Hause oder hinaus in die umliegenden Dörfer, um die Sommersonnenwende gebührend zu feiern. Genau wie mich. Schon als Kinder sind wir über die grünen Wiesen gesprungen, waren im Siljansee baden und haben Blumenkränze gebunden. All das machten wir noch heute. Ein Lächeln huschte über meine Lippen. Es war schon eine schöne Tradition. Alle trugen bunte Trachten oder weiße Gewänder - besonders hübsch mit Blumen im Haar.
Apropos hübsch: Gerade betrat Loke den Zug - und sofort machte mein Herz einen Hüpfer. Dieses braune Zottelhaar und den ersten Bartansatz würde ich überall erkennen, mal ganz abgesehen von den blauen Augen. Loke stammte auch aus Tällberg. Als kleine Kinder haben wir tatsächlich miteinander gespielt, bis ihn meine Mitschüler mir weggeschnappt hatten. »Ihr habt euch auseinandergelebt«, würde meine Mutter sagen, denn Loke hatte den Sprung zum Schul- und Mädchenschwarm gekonnt gemeistert. Und ich? Ich dümpelte mit meinem Schlumpershirt hinterher und wurde einfach übersehen. Was kein Wunder war, denn immer war Loke umringt von quietschenden Mädchen aller Altersklassen. Auch jetzt war er nicht alleine. An seinem Arm hing Ida, himmelte ihn an und quatschte ihn in einer Tour zu.
»Wir müssen unbedingt ein gemeinsames Picknick machen. Du weißt ja, dass meine Eltern Köche sind. Das wird richtig lecker«, sagte sie, während sie mit ihren garantiert falschen Wimpern zu ihm hochklimperte.
»Ähm, mal sehen, was meine Familie plant«, versuchte Loke sich aus der Affäre zu ziehen.
»Ach, komm schon. Unsere Familien können doch auch was zusammen machen«, schlug Ida vor. Sie war immer gut gekleidet und sah aus wie Barbie. Mich wunderte es, dass ihre Eltern es ihr erlaubten, Tonnen von Make Up zu tragen. Aber wahrscheinlich war es denen egal, wofür ihre Tochter ihr Taschengeld ausgab. Sie war auch nicht dumm, denn sie wusste genau, wie sie die Leute um den Finger wickeln konnte. Doch schien sie bei Loke - Gott sei Dank - nicht viel Erfolg zu haben.
»Lass uns doch erstmal ankommen, Ida«, sagte Loke und zerrte sie weiter, um sich einen Platz zu suchen. Natürlich bemerkte mich keiner der Beiden. Ida war viel zu sehr damit beschäftigt, Loke für sich zu gewinnen, und Loke war total darauf konzentriert, nicht über diverse Gepäckstücke zu stolpern, während Ida an seinem Arm hing. Ich drehte mich um und sah sie im nächsten Wagen verschwinden. Sie waren so ein ungleiches Paar. Merkte Barbie denn nicht, dass Loke kein Ken war? Er war natürlich sehr hübsch, aber sah mit seinem lässigen Outfit und seinem schelmischen Grinsen immer ein wenig verwegen aus. Er war höflich und nett zu jedem. Auch zu mir - wenn wir denn mal ein paar Worte wechselten.
Ich seufzte und lehnte mich zurück. Ich würde ihm sehr gerne auffallen, aber das bedeutete, dass ich aus meinem schönen kuscheligen Schneckenhaus herausmusste. Ich war noch nicht bereit für die große böse Welt. Und ich war schon gar nicht dazu bereit, den Kampf gegen Mädchen wie Ida zu führen, die Loke nachliefen, als wäre er ein Popstar. Womit wir wieder beim Thema waren: Diese Leute beneidete ich ganz und gar nicht. Loke tat mir sogar leid, denn er sah nicht wirklich so aus, als genoss er es, von fast jedem weiblichen Wesen der Schule hysterisch angeschrien und begrabscht zu werden. Armer Kerl.
Mit einem Ruck setzte sich nun endlich der Zug in Bewegung. Ich warf noch einen Blick aus dem Fenster. Papa war schon gegangen. Ich schickte meiner Mutter eine Whatsapp-Nachricht.
»In einer halben Stunde bin ich da. Dein Töchterlein.« Beinahe sofort kam eine Nachricht samt Foto zurück. Meine Mutter saß neben ihrer besten Freundin auf einer Absperrung und machte einen Knutschmund. Das war so typisch für sie und ich fragte mich, warum gerade ich so zurückhaltend war. Keiner aus meiner Familie war es, und auch Elsa, Lokes Mutter, machte jeden Spaß mit. Ich war auch für jeden Spaß zu haben, solange er in mir vertrauten Gefilden stattfand. In der Hinsicht war ich ein hoffnungsloser Fall. Ich schloss die Augen und verlor mich in kleinen Tagträumen, in denen ich mit Loke zusammen durch die Natur streifte und ebenso witzige Fotos machte wie Mama oder wie er meine Hand nahm und nicht die von diesen Tussis. Ich stellte mir ihre Gesichter vor, wenn sie erfuhren, dass sich Loke doch für mich interessierte. Es brachte mich zum Lachen. Schnell besann ich mich und täuschte ein Husten vor. Die Leute sollten nicht noch einen Grund haben, mich für verrückt zu halten. Aber eigentlich wollte ich auch gar nicht genau wissen, was sie über mich dachten. Ich blieb lieber bei meinen Tagträumen.

Da war ich nun. Auch wenn der Zug noch weitere Ortschaften anfuhr, hatte ich das Gefühl, als wollten alle in Tällberg aussteigen. An einem Wochenende wie diesem waren mehr Touristen in dem Sechshundertseelendorf als Einheimische. Erstere irrten zudem ein wenig ratlos umher. Sie blieben mitten im Weg stehen, um Dr. Google zu fragen, wohin sie mussten. Solche unvorhersehbaren Handlungen führten dazu, dass nicht wenige ineinanderliefen und es sich bis hinein in die einzelnen Zugabteile staute. Zudem wäre es wirklich schneller gegangen, wenn nicht alle Fahrgäste durch eine Tür hinauswollten. Einen kurzen Moment hatte ich überlegt, einfach etwas weiter nach hinten durchzulaufen und eine andere Tür zu nehmen, aber ich war bereits gefangen. Es dauerte sage und schreibe fast zwanzig Minuten, bis ich endlich meine Mutter erreicht hatte. Ich kam zeitgleich mit Loke an. Diese Tatsache brachte mich offenbar so aus dem Konzept, dass ich ihn verdutzt anstarrte und zudem prompt über meine eigenen Füße stolperte.
»Immer schön langsam, Tuva, nicht dass auch du noch einen Stau verursachst«, sagte Loke. Sein Schmunzeln brachte mich noch mehr aus dem Konzept. Ich konnte nur nicken. Irgendwie war es ihm gelungen, Ida in dem großen Durcheinander abzuschütteln. Gott sei Dank. Die hätte mir gerade noch gefehlt. Jetzt umarmte er lächelnd seine Mutter Elsa. Hatte ich erwähnt, dass ich sein Lächeln liebe?
»Na mein Schatz, wie war die Fahrt?«, fragte meine Mutter, gab mir einen Kuss und lenkte meine Gedanken wieder in die richtige Richtung.
»Ganz in Ordnung. Es war nur etwas voll«, schaffte ich zu antworten, ohne mich zu versprechen. Loke stand schon viel zu nah bei mir.
»Etwas voll?«, hörte ich Loke sagen. »Gefühlt halb Leksand war in dem Zug. Was ja noch auszuhalten wäre, wenn darunter nicht zwanzig Prozent der weiblichen Mitschüler gewesen wären.«
»Zwanzig Prozent ist doch nicht viel« Elsa schmunzelte, schob ihren Sohn beiseite, um auch mich zu drücken. »Hallo, Süße.«
»Hi.« Ich mochte sie wirklich gerne. Sie war eine sehr fröhliche Person. Außerdem mochte sie dieselben Filme wie ich. Wir hatten immer etwas zu reden, und das fiel mir bei ihr auch deutlich einfacher, als bei ihrem Sohn.
»Ja, zwanzig Prozent klingt nicht viel, aber wenn diese zwanzig weiblichen Prozent alle um dich herumsitzen und auf dich einreden, ist das sehr, sehr anstrengend.«
»Ach du Ärmster«, sagte meine Mutter und tätschelte ihm dabei die Schulter. Warum konnte ich das nicht einfach tun? »Immer noch diese Luxusprobleme?«
»Luxusprobleme?«, sagte Elsa und schob uns nun zu ihrem Volvo - ein Ungetüm an Auto. »Du bräuchtest doch nur mal ein Machtwort sagen oder dich endlich mal für eine von denen entscheiden. Vielleicht geben sie dann Ruhe.«
»Aber die sind alle so …« Loke fand kein passendes Wort dafür und schwieg. Er hielt mir die Autotür auf und rutschte nach mir auf die Rückbank. »Du hättest mich retten können, Tuva.« Ich zuckte innerlich zusammen, als er mich ansprach. Noch dazu schien er auch eine Antwort zu erwarten, denn er sah mich abwartend an.
»Ähm …« Was antwortete man darauf? »Ich habe dich in dem ganzen Gewühl nicht gesehen.« War diese lahme Antwort das Beste, was mir dazu einfiel? Bravo Tuva. Und es war nicht einmal die Wahrheit. Also versuchte ich es noch einmal. Das konnte doch nicht so schwer sein. Als Kinder haben wir doch auch kommunizieren können. »Ich habe Idas piepsiges Stimmchen gehört und blieb lieber wo ich war. Wolverine und ich stehen nicht so auf diese falsche Freundlichkeit.« Na, das war mir doch gut gelungen, denn Loke warf einen Blick auf mein Wolverine-Shirt und lachte.
»Na, gerade deshalb hättest du ja deine Krallen ausfahren und mich retten können.«
»Ich glaube, das würdest du auch ganz gut ohne Wolverine und mich schaffen.«
»Hm …«, machte Loke und schaute noch einmal auf den zornigen Blick von Hugh Jackman, der ihm von meiner Brust entgegen starrte. Loke starrte genauso zurück. Ich versuchte angestrengt nicht zu lachen, denn Hugh Jackman hatte diesen Blick einfach besser drauf.
»Wir sind da.« Elsa hielt vor unserem Haus. »Verabschiede dich von Wolverine, Loke.« Sein Blick wanderte nun weg von meinem Shirt hin zu meinem Gesicht. Sofort wurde ich wieder nervös.
»Sehen wir uns morgen?«, fragte er, bevor ich aus der Tür verschwinden konnte.
»Wir laufen uns sicher über den Weg. Bis dann.« Ich winkte Elsa durch den Rückspiegel und stieg aus. Meine Mutter hatte sich derweil um mein Gepäck gekümmert. So hatte ich endlich einmal Zeit, richtig durchzuatmen. Endlich zu Hause. Endlich gewohntes Terrain. Endlich Ruhe.
Doch wirklich zur Ruhe kam ich nicht, denn meine Großeltern waren auch schon da. Mich erwartete ein strenger Ablaufplan aus viel zu viel Essen und einer Menge Fragen meiner Großeltern. Und bevor ich mich versah, saß ich am großen Esstisch, vor mir ein Stück Erdbeertorte, und befand mich im Kreuzverhör von Oma und Opa: Mein Kind, erzähl doch mal, wie ist die Schule? Wie geht es deinem Vater? Hast du nichts Weiblicheres zum Anziehen? Was macht denn Loke, ist er auch hier?
Als die Sprache auf Loke kam, schoss Wärme in mein Gesicht. Meine liebe Omi hatte ein Gedächtnis wie ein Elefant. Sie merkte sich jede Kleinigkeit in meinem Leben und dem meiner Geschwister. Und das war beachtlich, denn wir waren immerhin vier. Meine Brüder waren allerdings bei unserem Vater geblieben. Sie hatten dieses Jahr »keine Lust« auf »traditionellen Kram«. Wahrscheinlich wollten sie einfach nur dem Verhör unserer Großeltern entgehen.
»Elsa hat uns netterweise hier abgesetzt«, antwortete meine Mutter für mich. »Loke fand Tuvas Shirt allerdings ganz gut, hatte ich den Anschein.«
»Ja, wahrscheinlich war er fasziniert, dass es ein weibliches Wesen gibt, das sich nicht in die engsten Jeans und bauchfreien Tops quetscht«, sagte ich und schob mir eine Erdbeere in den Mund. Sehr lecker. Sie schmeckten immer noch wie damals, als Loke und ich durch die Gärten gepilgert waren und uns mit Erdbeeren vollgestopft hatten. Nicht selten endete das mit fürchterlichen Bauchschmerzen und dreckigen Klamotten. Ida hatte schon damals, wann immer sie die Gelegenheit hatte, angewidert die Nase gerümpft, mich eine Wilde genannt und versucht, Loke auf ihre geschniegelte Seite zu ziehen.
»Aber du willst ihm doch gefallen, oder nicht?« Auch wenn ich meine Oma noch so sehr liebte, hasste ich sie dafür, dass es ihr immer gelang, die Fragen zu stellen, die mich möglichst weit aus meiner Komfortzone holten. Und sie starrte mich immer so lange an, bis ich ihr antwortete. So wie jetzt.
»Ja, natürlich will ich das. Aber ich will ihm als Wolverine gefallen und nicht als Barbie.« Meine Mutter und mein Großvater lachten. Oma legte nur nachdenklich den Kopf schief. Dass sie nicht fragte, wer Wolverine war, irritierte mich etwas, aber wahrscheinlich ging sie einfach davon aus, dass es etwas mit meinem T-Shirt zu tun hatte.
»Ja, aber trotzdem könntest du dich mal hübsch machen. Morgen zum Beispiel, wenn du in der Prozession mitläufst. Eine schöne Tracht und die Haare hochgest-«
»Moment.« Ich unterbrach selten jemand mitten im Satz, aber ich musste einfach nachfragen. »Was mache ich morgen?«
»Musst du mit der Tür ins Haus fallen?«, fragte mein Großvater, doch seine Frau fuhr unbeirrt fort.
»Ich werde nicht jünger und meine alten Knochen machen nicht mehr so mit. Wir wollen, dass du und deine Mutter morgen mitlauft und die Geigensoli spielt.«
»Nein«, antwortete ich sofort. »Das kann ich nicht … zu viel Aufmerksamkeit… wenn ich mich verspiele.« Ich versuchte verzweifelt Gründe zu finden, warum ich nicht spielen konnte. »Ich habe meine Geige nicht hier.« Hah! Sehr gut, Tuva.
»Du nimmst natürlich meine«, sagte meine Großmutter. »Es ist doch Tradition.«
Ja, es war Tradition. Und eigentlich auch eine sehr schöne. Seit ich denken konnte, fand an Mittsommer eine feierliche Prozession zum Festplatz statt, wo am Abend zuvor der Majstång, ein geschmückter Baumstamm, aufgestellt wurde. Die Frauen meiner Familie waren immer mit dabei gewesen und spielten zum Auftakt der Feierlichkeiten. Ich hatte es immer geliebt, ihnen zuzusehen, wie sie vertieft in ihr Spiel über die Wiese tanzten, die bunten Trachten in der Sonne strahlten und ihre langen Haare im Wind wehten. Es war jedes Mal zauberhaft. Und jedes Mal wünschte ich mir, dass auch ich in der Lage wäre, mich in der Öffentlichkeit einmal so fallen zu lassen. Aber ich traute mich ja nicht einmal vor Leuten, die keine Familienmitglieder waren, Geige zu spielen. Viele wussten gar nicht, dass ich das konnte und das war auch gut so. Die Lieder des Mittsommers spielte ich immer nur für mich und stellte mir dabei vor, wie ich elfengleich über die Wiese schwebte direkt in Lokes Arme. Nein, ich konnte das einfach nicht.
»Ich kann das nicht. Ich werde mich blamieren. Loke und einige meiner Schulkameraden werden da sein. Die lachen mich aus.«
»Ach, das glaube ich nicht. Du spielst wunderbar«, sagte meine Mutter, und plötzlich waren alle Blicke auf mich gerichtet.
»Ja, aber nur wenn mich nicht hunderte von Leuten anstarren. Was ist mit meiner Nervosität?«
»Du kriegst vorher einen Schnaps und dann geht das schon«, sagte mein Großvater mit einem warmen Lächeln auf den Lippen.
»Danke. Ich fühle mich geehrt, aber ich kann das nicht tun.« Hilflos versuchte ich mich aus dieser Situation zu winden, aber ohne Erfolg. Meine liebste Familie hatte offenbar schon beschlossen, dass ich morgen spielte.
»Es ist Tradition«, begann Oma wieder, »und du bist nun mal der einzige weibliche Nachkomme in der Familie.«
»Und die Einzige, die Geige spielt.« Meine eigene Mutter stellte sich gegen mich. Dabei kannte sie mich besser als jeder andere Mensch. Ich seufzte und versuchte standhaft zu bleiben, was nicht einfach war bei diesen vorwurfsvollen Blicken. Als hätte ich sie aufs Böseste beleidigt.
»Und so wirst du Loke auf jeden Fall auffallen«, machte Oma weiter. War ja klar, dass sie Loke da mit reinzog.
»Ja, und zwar negativ!«, sagte ich nun doch ein wenig verzweifelt. Die Tuva aus meinen Tagträumen wollte unbedingt spielen und endlich auch ein Teil des Mittsommers sein. Aber die andere und weitaus penetrantere Tuva hatte große Panik davor. Ich würde mich verspielen. Womöglich würde ich wieder über meine Füße stolpern, hinfallen und anderen wehtun.
»So schlimm wird es schon nicht. Ich bin doch bei dir«, sagte Mama und nahm meine Hand. »Versuch es doch einfach mal. Wenn es wirklich nichts für dich ist, dann überlegen wir uns nächstes Jahr was anderes.« Wieder dieser Blick. »Gib dir einen Ruck.«
Ihre Blicke fixierten mich, und wenn ich neben zu viel Aufmerksamkeit eines nicht mochte, war es in die Enge getrieben zu werden. Aber sie meinten es wahrscheinlich nur gut mit mir, wollten mir die Chance geben, einen Schritt weiter zu kommen. Und damit hatten sie gar nicht mal so Unrecht. Ich war ein Gewohnheitstier. Mit großen Veränderungen konnte ich nicht umgehen, schon gar nicht, wenn sie mich selbst betrafen. Deswegen machte ich mir auch jetzt schon Gedanken über meinen Schulabschluss, auch wenn er noch ein paar Jahre hin war. Ich würde gerne nach Stockholm, um Design zu studieren oder eine Ausbildung zur Schneiderin zu machen, und damit mit Ende meiner Schulzeit nicht alles so plötzlich kam, bereitete ich mich jetzt schon darauf vor. Ich musste mich schließlich seelisch darauf einstellen, dass ich in der Uni öfter Referate halten musste, wovor ich mich nicht drücken konnte, und dass ich dort auf mir völlig fremde Menschen treffen würde. Mir fiel es so schwer, Kontakte zu knüpfen. Aber wer wusste schon, was in ein paar Jahren war. Würde ich bis dahin immer noch so schüchtern und unsicher sein? Würden sich dann Lokes und meine Wege endgültig trennen? Er war für mich jetzt schon fast unerreichbar. Unsere einzige Verbindung war unsere Heimat und die Freundschaft unserer Mütter. Wahrscheinlich würden wir uns dann gänzlich aus den Augen verlieren. Aber das wollte ich nicht. Ich musste irgendetwas tun, dass ich wieder einen Schritt auf ihn zuging. Er konnte ja schließlich nicht wissen, was ich alles konnte, wenn ich es ihm nicht zeigte.
»Muss ich denn eine Tracht tragen?«, formten meine Lippen die Worte, bevor ich sie aufhalten konnte. Loke würde es sicherlich gefallen, wenn ich Musik machte. Vielleicht konnten wir zusammen feiern? Mir wurde warm. In mir arbeitet es und ich war in Gedanken schon auf der Feier. Mein Herz begann zu rasen.
»Nein, musst du nicht.« Omas Augen funkelten mich begeistert an. »Trage was du willst-«
»Solange es nicht Wolverine ist!«, sagte Mama. »Wie wäre es mit dem weißen Kleid, das du selbst genäht hast?«
Ja, das würde tatsächlich gut passen, und es stand mir auch. Ich hatte aber eigentlich nicht vorgehabt, es auf diese Weise zu präsentieren.
»Und wenn du morgen noch partout nicht willst«, sagte Mama, »dann mache ich es eben alleine.«
Ich musste wohl wie ein verlorener Welpe aussehen, denn nun kam meine Großmutter um den Tisch und nahm mich in den Arm.
»Du musst keine Angst haben. Ich weiß, du wirst das wunderbar machen. Du kannst die Lieder doch spielen.«
»Ja, aber ich kann keine Show bieten. Ich weiß gar nicht, wie ich mich darauf vorbereiten soll.« Auch wenn ich meiner Mutter und meiner Oma schon viele Jahre dabei zugesehen hatte, hatte ich selbst gar keine Ahnung, wie ich mich zu meinem Geigenspiel bewegen sollte.
»Wenn du spielst, wirst du es im Gefühl haben«, sagte Oma und lächelte mich fast ein wenig geheimnisvoll an. »Geh doch einfach heute Abend hinaus. Wenn unverheiratete Frauen heute Nacht hinaus gehen und sieben Blumen von sieben Wiesen sammeln, kommen sie auf den einen oder anderen weisenden Gedanken. Lege diesen Strauß unter dein Kopfkissen. Der Mann, von dem du dann träumst, den wirst du irgendwann mal heiraten.«
»Wirklich?« Ich kannte diesen Brauch natürlich. Aber an so etwas glaubte ich eigentlich nicht. Aber es konnte ja nicht schaden, über die Wiesen zu schlendern und mich inspirieren zu lassen. Ich ließ mich gerne verzaubern. Und wenn nicht Mittsommer, welches Fest sollte es sonst können?

Ihre Worte hatte ich noch immer im Kopf, als ich mit einem Weidenkörbchen über die Wiesen schlenderte. Tällberg war umgeben von vielen Wiesen mit wilden Blumen und Kräutern. Sie waren voller Leben. Auch jetzt im letzten Licht des Tages summte und zwitscherte es geschäftig. Voller Tatendrang flogen die Bienen von Blüte zu Blüte. Ich wäre im Augenblick wirklich gerne wie sie: Sie gingen wie selbstverständlich ihrer Bestimmung nach - Nektar zu sammeln und Pollen zu verteilen. Ich beneidete sie darum. Die Suche nach der Bestimmung in meinem Leben beschäftigte mich immer mal wieder und an Tagen wie diesen besonders stark. Tief in Gedanken verloren pflückte ich eine Mohnblume und legte sie in meinem Korb. Ob Loke seine Bestimmung schon kannte? Hatte er bereits einen Plan für die Zukunft? Ich wusste es nicht.
Ohne das farbenprächtige Schauspiel wahrzunehmen, blieb ich stehen und sah hinaus auf den Siljansee, wo gerade die Sonne unterging. Ich konnte Loke einfach fragen. Da war eigentlich nichts dabei. Warum fiel es mir so schwer, mich mit ihm zu unterhalten? Hatte ich Angst, dass ich mich - wie sonst auch - beim Sprechen verhasple, oder Angst vor seiner Zurückweisung? Vorhin im Auto hatte ich den Anschein, dass er sich gern mit mir unterhielt und dass er mich trotz seiner Verehrerinnen immer noch wahrnahm. Wahrscheinlich war die Angst vor dem Groll der anderen größer. Ich seufzte und setzte meinen Weg fort. Auf der nächsten Wiese pflückte ich eine Kornblume, auf der darauffolgenden eine Margerite. Ich hielt einen Moment inne und betrachtete das Spiel zweier Schmetterlinge.
»Na, beobachtest du Deinesgleichen, Grasbüschel?«, sagte eine Stimme hinter mir. Erschrocken fuhr ich herum und fiel dabei auf mein Hinterteil. Dieses piepsige Stimmchen erkannte ich sofort. Was konnte ich denn dafür, dass meine Mutter mir einen Namen mit einer solchen Bedeutung gegeben hatte. Ida stand mit verschränkten Armen und einem hochnäsigem Blick über mir. Mir war nicht so ganz klar, worin sie sich überlegen fühlte und was sie zu einem besseren Menschen machte? Von meiner aktuellen Perspektive aus konnte ich nämlich die feinen Nasenhaare erkennen. So perfekt war die Miss offenbar auch nicht. Ich stand langsam auf. Nun erklärte sie mir auch, warum sie sich, ihrer Meinung nach, in einer besseren Situation befand.
»Ich habe bereits alle sieben Blumen beisammen. Natürlich habe ich die Schönsten gewählt.« Ich warf einen Blick in ihren Korb. Naja, Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. »Ich werde jetzt schlafen gehen und von Loke träumen. Du wirst sehen, Grasbüschel, morgen gehört er endlich mir.« Das böse Funkeln in ihren Augen konnte ich selbst in der aufkommenden Dämmerung erkennen. »Ich warne dich: Lass deine Finger von ihm! Er gehört mir.« Loke gehörte niemandem, um das mal klar zu stellen. Ich holte schon Luft, um etwas zu erwidern, doch Ida sprach unbeirrt weiter.
»Aber wenn ich es mir recht überlege … Wer hat schon Interesse an einem Strohballen wie dir? Nicht schön anzusehen und zu nichts zu gebrauchen. Ein Aschenputtel wie du kann nicht mit mir und meiner teuren Tracht mithalten. Die könntest du dir sicher nicht mal leisten.« Aus Reflex fuhr ich durch meine strohblonden Haare. Ja, ich war schusselig und schüchtern und ja, meine Haare waren dick und nicht zu bändigen, aber das gab Ida nicht das Recht, so mit mir zu reden … Das hätte ich ihr gerne gesagt, wenn es mir nicht die Sprache verschlagen hätte. Vor allem, weil sich das Miststück nun einfach umdrehte und ging. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, wie Ida ihre Zukunft mit Loke verbrachte. Ich sah die beiden vor mir, wie sie mich voll Triumph und Hohn anlächelte und er mich mitleidig ansah. Mit Idas Hohn konnte ich leben, aber nicht mit diesem mitleidigen Blick. Ich konnte dem nur entgehen, wenn ich selbst endlich etwas änderte. Genauer betrachtet hatte Ida mich sowieso schon auf dem Kieker. Was hatte ich schon zu verlieren?
Als der Horizont Ida verschluckt hatte, setzte ich meinen Weg fort. Die blaue Stunde war mittlerweile angebrochen, und die Wiesen schimmerten in einem mystischen Licht. Es lag eine geheimnisvolle Energie über der Landschaft. Während ich die nächste Blume - es war eine Lupine - pflückte, wanderte mein Blick über die Wiese und blieb an zwei funkelnden Punkten an deren Ende hängen. Was war das? Hatte Ida ein kostbares Schmuckstück verloren? Aber soweit ich mich erinnere, hatte Ida keinen Schmuck getragen. Nun dachte ich an Glühwürmchen. Ich hatte noch nie welche in freier Natur gesehen. Ein Lachen ertönte. Es war klar und hell, wie das eines Kindes. Glühwürmchen lachten nicht! Langsam bewegte ich mich in die Richtung, aus dem das Lachen kam. Es war schon viel zu spät für auf den Wiesen spielende Kinder. Aber ich sah niemanden. Komisch. Ich hatte mir das Lachen doch nicht eingebildet.
Da! Da war es wieder. Es war so laut und deutlich zu hören, dass ich die Kinder eigentlich sehen musste. Es war jedoch niemand da. Ich war alleine. Abgesehen von diesen zwei kleinen Lichtkugeln, die unweit vor mir schwebten: Hin und her, hoch und runter, so, als würden sie tanzen. Es waren keine Glühwürmchen, doch das Licht faszinierte mich. Es war keineswegs beängstigend. Neugierig hockte ich mich ins Gras. Ich kniff die Augen etwas zusammen, da ihr Schein mich blendete, dann blinzelte ich. Wo vorher die beiden Lichter gewesen waren, befanden sich nun zwei klitzekleine Frauen. Sie sahen sehr zierlich und zerbrechlich aus und trugen auf ihren Rücken kleine schimmernde Flügelchen. Vor Schreck plumpste ich auf meinen Hosenboden. Ich rieb mir die Augen. Ich sollte zusehen, dass ich ins Bett kam, ich träumte schon mit offenen Augen! Ich blinzelte noch einmal, doch die zwei geflügelten Wesen waren immer noch da. Sie schwirrten kichernd in einem besonders großen Grasbüschel um die Knospe einer Glockenblume herum. Vielleicht träumte ich ja und lag bereits in meinem Bett. Ich schloss die Augen und kniff mir in den Arm.
»Du träumst, Tuva. Aufwachen!«, sagte ich in Gedanken zu mir. »Du wachst jetzt auf!« Als ich die Augen öffnete, waren die elfenhaften Wesen immer noch da. Und dieses Mal schauten sie mich an. Sie hatten mich entdeckt und sahen mich genauso ungläubig an, wie ich.
»Kann der Mensch da uns etwa sehen?«, fragte die Kleinere der Beiden. Ihre langen goldenen Haare wehten wie ihre seidenen Kleidchen im Sommerwind. Sie ließen sich auf eines der hohen Grashalme sinken.
»Ihr könnt sprechen?«, stellte ich die Gegenfrage. Ich hatte natürlich schon als Kind Geschichten von Elfen und Feen erzählt bekommen. Ich denke, jeder Schwede wird welche kennen. Dass es diese Wesen wirklich gab, musste ich mir im hier und jetzt eingestehen.
»Du kannst doch auch sprechen«, antwortete die andere. »Wer bist du?«
»Mein Name ist Tuva.« Ich setzte mich im Schneidersitz zu ihnen. »Wie ist euer Name?«
»Wir sind Lau-« die Größere der Beiden zeigte auf sich »und Lua.« Sie deutete auf ihre kleine Begleiterin.
»Und was macht ihr?«, fragte ich leise. »Seid ihr wegen der Sommerwende hier?« Ich unterhielt mich gerade mit Elfen! Wenn ich das jemandem erzählte, hielten sie mich für noch verrückter, als sie es so schon taten. Aber irgendwie war es für mich selbstverständlich sie hier zu sehen. Der Mittsommer ist eine sehr magische Zeit und es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als wir uns bewusst sind. So wie diese reizenden Wesen. Sie blickten interessiert zu mir auf.
»Ja. Genau wie ihr, feiern auch wir die Sommersonnenwende.« Lua legte den Kopf schief.
»Aber warum können wir euch nicht sehen? Wie viele gibt es von euch?« Mir fielen plötzlich so viele Fragen ein.
»Musst du das wirklich alles wissen?«, fragte mich Lau und kam zu mir hinauf geflattert. »Reicht es dir nicht, dass du uns sehen kannst?«
»Aber warum kann ich euch denn sehen?« Ich war doch niemand Besonderes.
»Weil du reines Herzens bist!«, sagte Lau und sah mich dabei an, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
»Genau«, pflichtete ihr Lua bei. »Die andere Blonde konnte uns nicht sehen. Sie ist einfach vorbei, hat eine Blume lieblos gepflückt und ist weitergezogen.«
»Wirklich?« Es wunderte mich allerdings nicht, dass Ida die Geheimnisse der Welt nicht wahrnahm. Immerhin war sie nur mit Loke und ihrem Aussehen beschäftigt. »Ich hab wirklich ein reines Herz? Es ist mir eine Ehre.« Etwas Besseres fiel mir in dem Augenblick nicht ein. Ich hatte irgendwo einmal gehört, dass man Elfen höflich und mit Respekt begegnen sollte.
»Du bist eine schlafende Blume«, sagte Lua andächtig.
»Eine Knospe, die noch erblühen muss«, fügte Lau hinzu. »Eine Knospe wie diese hier.« Sie schwebte zu der einzigen Knospe inmitten des Blütenmeeres in dem wir uns befanden.
»Was ist mit ihr? Warum blüht sie nicht?«, fragte ich die beiden. Es machte mich ein wenig traurig, dass sie es noch nicht geschafft hatte zu erblühen - und dabei war doch Mittsommer.
»Du musst nicht traurig sein«, sagte Lua und legte ihre Hand an meine Wange. Ihre Haut fühlte sich kühl und frisch an. Es erinnerte mich an das klare Wasser unten im Siljansee. »Manche Knospen brauchen etwas länger als andere, werden aber nicht weniger schön.« Ihre Worte trafen mich mitten ins Herz. Ich war wie diese Blume. »Wir feuern sie an, damit sie es vielleicht sogar noch rechtzeitig zur Wende der Sonne schafft.« Sie fixierten mich und fingen eine Träne auf, die sich den Weg über meine Wange bahnte.
»Wie macht ihr das? Kann ich euch helfen?« Ich wollte unbedingt, dass sie blühte. Ich wollte, dass ICH erblühte. Ich musste nur eine Möglichkeit finden, zu zeigen, wie schön ich war. Und plötzlich wusste ich, was ich tun musste. Genauso wie die Schlüsselblume hatte ich Wesen um mich, die mich liebten und anfeuerten. Und auch wenn ich immer noch große Angst davor hatte, wusste ich, dass ich morgen in mein weißes Kleid schlüpfen und die Geige spielen würde.
»Sprich uns einfach nach und klatsche in die Hände«, wies mich Lua an. Ich konnte nur nicken. »Und nun dreht sie sich zur Wende und reicht mir ihre warme Hand. Vertraue ihr und wachse an ihrem starken Band.« Wir sprechen die Worte noch einmal und klatschen dabei in die Hände. Jeder in einem anderen Rhythmus. Es klang lustig und brachte uns zum Lachen.
»Ein Lachen ist heilsam, wenn es aus dem Tiefen der Seele kommt«, sagte Lau und klatschte weiter in die kleinen Hände. Es klang ein wenig wie das Plätschern von Wasser. Auch ich klatschte weiter in die Hände. Würde mich jetzt jemand sehen, wie ich hier alleine klatschend auf der Wiese saß, würde dieser jemand sicherlich auch etwas zu lachen haben. Aber das war mir egal. Ich hoffte sehr, dass die Knospe sich im Laufe des Wochenendes öffnen würde. Ich summte eines der Mittsommerlieder, die meine Großmutter immer auf der Geige spielte. Lua und Lau schienen es zu kennen, denn sie stimmten ohne zu zögern mit ein. Sie begannen sogar dazu zu tanzen, ließen ihre Arme und Beine vom lauen Wind tragen und wiegten sanft hin und her. Einen Augenblick beobachtete ich die kleinen Frauen, doch dann hielt es auch mich nicht mehr. Ich sprang auf und versuchte, ihnen nachzutanzen, während ich automatisch die Lieder summte, die ich am nächsten Tag spielen musste. Auch wenn der Moment immer näher rückte, wuchs meine Zuversicht. Ich mochte diese Bewegungen. Sie kamen einfach aus mir heraus. Ich legte meine Arme so an, als würde ich eine Geige tragen und stellte mir vor, ich war bereits auf dem Mittsommerfest. Bei dem Gedanken an die Zuschauer begann mein Herz zu rasen, und es hüpfte, als mir bewusst wurde, dass auch Loke unter ihnen sein würde. Es war ein ganz berauschendes Gefühl. So fühlte sich also das positive Adrenalin an, von dem die Künstler immer sprachen? Ob sich das morgen auch noch so gut anfühlen würde? Schon war mein Kopf wieder da, und ich hielt inne.
»Warum hörst du auf?«, fragte Lua. »Es war gerade so schön.«
»Ich musste gerade an morgen denken.«
»Du meinst heute?«, sagte Lau und deutete auf den schmalen hellen Streifen am Horizont.
»Was? Wie spät ist es?« Panik kam in mir auf. Ich hatte keine Uhr bei mir. Hatten wir die ganze Nacht getanzt? Es kam mir vor wie ein paar Minuten. Meine Gedanken überschlugen sich. »Aber ich muss doch noch Blumen sammeln und von Loke träumen«, jammerte ich. Der hellblaue Schweif einer schwedischen Sommernacht war immer noch zu sehen. Ganz dunkel wurde es sowieso nicht. Hatte ich deswegen mein Zeitgefühl verloren?
»Beruhige dich. Das hast du nicht nötig.« Die liebliche Stimme von Lau besänftigte mich etwas. Ich atmete einmal tief durch.
»Wie meinst du das?«
»Es ist schön, dass du die alten Bräuche ehrst, aber nur du selbst kannst deinen Weg finden. Und den findest du nicht im Schlaf«, sagte Lua. »Die Blumen sind viel zu schade, als dass du darauf schläfst. Du bist hier in einem Meer aus Blüten. Binde sie lieber zu einem Haarkranz. Mach dich auf den Heimweg und sammle so viel Blumen und Kräuter, wie du kannst. Wenn du daraus einen Kranz bindest und ihn trägst, werden wir bei dir sein.«
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. In mir arbeitete es. Ich war nervös und trotzdem voller Tatendrang. Ich wollte einfach etwas tun. Ich hätte wahrscheinlich sowieso nicht schlafen können, denn mir ging viel zu viel durch den Kopf.
»Wie kann ich euch jemals für diese magische Nacht danken?«, fragte ich schließlich.
»Binde einen Kranz aus den Blumen dieser Wiese, und du wirst den Zauber des Mittsommers mit dir tragen. Bringe ihn zu den Herzen der Menschen«, antwortete Lau.
»Kann ich euch wiedersehen?«
»Vielleicht ja, vielleicht nein«, sagte Lua. »Nichts ist vorherbestimmt. Vielleicht sehen wir uns eines Tages wieder, wenn die Sonne sich erneut wendet und die ersten langen Schatten über das Land ziehen. Aber was auch immer passiert, der Geist der Ahnen ist in dir. Achte sie. Und nun geh, Tuva! Wir danken dir für deine Gesellschaft.«
Ich wollte unbedingt noch etwas sagen, doch wusste ich nicht was. Ihre Worte berührten mich tief und ich spürte, dass ich den Zauber einfach geschehen lassen sollte … einfach nicht hinterfragen. Ich deutete eine Verbeugung an, machte mich auf den Heimweg und sammelte so viel Blumen, wie mein Korb aufnehmen konnte: Mohn, Kornblumen, Lupinen, Gänseblümchen, Klee, Margeriten, Butterblumen und blaue Glockenblumen. Ich wagte es nicht mich noch einmal umzudrehen. Ich hätte die Enttäuschung nicht ertragen können, wenn Lua und Lau nicht mehr da gewesen wären. Lieber stellte ich mir vor, wie sie weiter um die Knospe tanzten, bis sie endlich erblühte.

Ein wenig geschafft, aber nicht wirklich müde, kam ich Zuhause an, wo ich schon erwartet wurde. Meine Großmutter saß mit einer Tasse Tee am Küchentisch. Sie sah auf, als ich eintrat. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, als wusste sie alles und hatte auf mich gewartet.
»Da bist du ja, Liebes.« Sie lächelte und schob den Stuhl neben ihr zurück, damit ich mich setzen konnte. Meinen Korb voller Wildblumen stellte ich vor uns ab. »Du warst aber lange weg. Die Sonne geht bald wieder auf.«
»Ich habe im Zauber der Nacht die Zeit vergessen«, sagte ich wahrheitsgetreu. Nun stand ich doch noch einmal auf und nahm mir auch einen Tee.
»Ja, das kann ich mir vorstellen.« Oma lachte leise, als sie mir die Zuckerschüssel reichte. »Hat dir der Ausflug denn die Antworten gebracht, die du gesucht hast?«
»Etwas.« Ich ließ die Nacht vor meinem inneren Auge Revue passieren. Sofort hatte ich wieder dieses helle Lachen der beiden Elfen in meinen Ohren. »Ich will es versuchen. Ich will unsere Tradition weiterführen.«
»Und ich weiß, du wirst sie alle verzaubern.«
»Hilfst du mir beim Kranzbinden und Fertigmachen?«, fragte ich leise, während ich meinen Tee umrührte.
»Es wäre mir eine Ehre. Am Besten fangen wir direkt an. Wir dürfen keine Zeit verlieren.« Meine Oma war schon immer der pragmatische Typ gewesen, doch ich beschwerte mich nicht. Es kam mir sogar gelegen, denn so kam ich nicht ins Grübeln. Das Kranzbinden war gar nicht so einfach. Oma brachte mehrere Vasen, gefüllt mit Blaubeerzweigen, und stellte sie neben meinen Korb mit den gepflückten Wildblumen, dazu legte sie Scheren, dünnen Draht und junge Birkenzweige. Zunächst formte sie aus den biegsamen Zweigen einen Kreis, der bequem auf meinen Kopf passte. Zum Fixieren wickelte sie den dünnen Blumendraht einmal komplett um den Kranz. Währenddessen nahm ich einige Wildblumen und band diese - nach Anweisung meiner Oma - zu einem kleinen Sträußchen zusammen, steckte noch ein paar Blaubeerzweige dazu und schnitt alles auf eine Länge. Das Sträußchen band Oma dann an den Kranz, und das Ganze wiederholte sie so lange, bis unter ihren geschickten Fingern nach und nach ein üppiger Blumenschmuck entstand. Hätte ich dies alleine machen müssen, wäre sicher ein hübsches Vogelnest daraus geworden. Dank meiner Großmutter sah der Kranz perfekt aus. Lua und Lau hätte es sicher gefallen, auch wenn ich nicht alles selbst gemacht hatte. Als ich dazu später noch in mein weißes, fließendes Leinenkleid schlüpfte und die Haare in einem seitlichen Flechtzopf bändigte, kam ich der Erscheinung einer Elfe ziemlich nahe - wenn ich den Worten meiner Mutter Glauben schenken konnte. Ich fühlte mich tatsächlich leichtfüßig. Seit langem fand ich mich selbst auch wieder richtig hübsch.

Ich war bereit. Ich wollte da jetzt raus und es hinter mich bringen. Das Warten auf den Beginn war für mich unerträglich. Ich hatte feuchte Hände und musste alle zehn Minuten aufs Klo. Meine Blase war mindestens so nervös wie ich. Alle Beteiligten trafen sich im Garten des größten Hotels des Ortes. Das Hotel Lind war ein schöner restaurierter Hof - wenn es nicht das Hotel von Idas Eltern gewesen wäre und ich somit für sie auf dem Präsentierteller stand. Doch Ida war nirgends zu sehen. Das machte mich nervös. Wahrscheinlich stellte sie wieder irgendwo Loke nach. Der Gedanke machte mich noch unruhiger.
»Ich geh nochmal zur Toilette«, sagte ich meiner Mutter, während ich von einem Bein aufs andere hüpfte.
»Wirklich. Wir wollen jetzt los.« Sie seufzte. »Kannst du es dir nicht verkneifen?«
Ich schüttelte wild den Kopf. »Wenn ich mal muss, kann ich mich nicht konzentrieren und dann verspiele ich mich hundert pro!«
»Na los. Fünf Minuten hast du noch.«
»Danke.« Ich gab ihr einen flüchtigen Kuss und rannte an der Rezeption vorbei zu den Toiletten. Erst, als ich die Tür öffnen wollte, fiel mir auf, dass ich die Geige schon in der Hand hielt. Ich klemmte sie mir unter den Arm und erledigte so schnell es ging mein Bedürfnis. Als ich gerade die Spülung betätigen wollte, hörte ich wie jemand den Raum betrat. Waren nicht schon alle auf dem Fest? Vielleicht war es ein Nachzügler mit schwacher Blase, so wie ich!? Etwas wurde durch den Raum geschoben. Ein Kichern war zu hören. Ich kannte es. Ida. Was tat sie denn hier?
»Du kommst mir nicht in die Quere«, hörte Ich Ida vor sich hinmurmeln. Glaubte sie etwa, ich hörte sie nicht? »Du wirst Loke nicht mit deinem Nachthemd und dem Vogelnest auf dem Kopf begeistern.«
Ich spülte und richtete hastig mein Kleid. Dann entriegelte ich die Tür und drückte die Klinke. Die Tür bewegte sich kein Stück.
»Ida. Lass mich raus!«, rief ich und rüttelte an der Tür.
»Nein. Ich kann meine Zukunft mit Loke nicht riskieren.«
»Das ist albern, Ida. Lass mich raus. Ich verpasse meinen Auftritt.« Normalerweise würde ich dankbar sein, aber nun hatte ich mir in den Kopf gesetzt, das durchzuziehen. Ich wollte den anderen und vor allen aber mir beweisen, dass ich zu mehr fähig war, als zu stammeln und diverse Gegenstände umzuschmeißen.
»Das ist Sinn und Zweck der Sache, Grasbüschel. Viel Spaß. Du findest hier sicher auch Zuhörer«, sagte sie. Kurz darauf hörte ich, wie sich Schritte entfernten.
»HEY! IDA! KOMM ZURÜCK!« Ich hämmerte mit der Faust gegen die Tür, und drückte mich mit der Schulter dagegen, aber nichts tat sich. »HALLO. HÖRT MICH JEMAND?« Verzweifelt sah ich mich um. Ich konnte nirgends drüber klettern oder unten durch krabbeln. Es gab nur mich, ein Klo und eine Menge hellblauer Fließen. Wieder hämmerte ich gegen die Tür. Es musste doch noch jemand hier sein. »HALLO. HÖRT MICH JEMAND?« Ich fingerte mein Handy aus einem kleinen Beutel aus dem Stoff des Kleides, welcher unauffällig an meinem Gürtel hing. Kein Netz. Verdammt! Nun habe ich mich schon für diesen Schritt entschieden und konnte ihn nicht gehen. Trotzdem wählte ich die Nummer meiner Mutter. Nichts. Das war einfach nicht fair. Ich holte Schwung und schmiss mich noch mal gegen die Tür, in der Hoffnung, sie zu bewegen. Es gab nur einen lauten Knall und einen stechenden Schmerz in meiner Schulter - das würde am nächsten Tag wahrscheinlich einen riesigen blauen Fleck geben. Ich wählte die Nummer von Elsa, Lokes Mutter. Aber auch hier erreichte ich niemanden. Stur beharrte mein Handy immer noch darauf, keinen Empfang zu haben. Wieso nur? Nur wegen ein paar dicken Wänden? Na danke auch.

Niedergeschlagen ließ ich mich auf dem Klodeckel nieder. Dann musste meine Mutter wohl ohne mich auskommen. Ich sah schon Ida vor mir, wie sie allen berichtete, dass ich wieder gekniffen hatte und sich freudestrahlend Loke an den Hals warf. Vielleicht fiel meiner Mutter ja auf, dass ich nicht wiederkam und sie suchte bereits nach mir. Es gab ja nun nicht so viele Möglichkeiten, wo ich stecken könnte. Ich musste das wohl aussitzen. Also setzte ich die Geige an und begann zu spielen. In dieser kleinen Kabine war es fast unangenehm laut, aber die Melodie tröstete mich.
Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich da saß und vor mich hin spielte. Wahrscheinlich waren alle zu sehr mit dem Fest beschäftigt, als mich zu suchen. Wer brauchte schon die kleine unscheinbare Tuva? Der unansehnliche Grasbüschel, wenn man Idas Worten Glauben schenken konnte. Ich wollte gerade noch einmal mein Handy bemühen, als ich Schritte hörte.
»Hallo?« ich sprang auf. »Ist da jemand?«
»Tuva?« Mein Herz setzte einen Schlag aus. Es war nicht meine Mutter, es war Loke. »Was zum …« Er sprach den Satz nicht zu Ende. Ich hörte nur, wie er etwas über den Boden schob. Im nächsten Augenblick war ich frei. Ich stieß die Tür ein wenig zu doll auf, denn ich rammte sie Loke direkt in die Seite.
»Tut mir leid«, sagte ich aufgebracht. »Du bist mein Retter. Danke!«
»Wer hat dich denn hier eingesperrt?«, fragte er und musterte mich ungeniert von oben bis unten. Er lächelte. Und ich liebte sein Lächeln. Doch hatte ich im Moment andere Sorgen.
»Ida, die Kuh, aber das erzähle ich dir unterwegs. Halt mal!« Ich drückte ihm die Geige in die Hand und wusch mir schnell die Hände. Dann nahm ich die Geige wieder an mich und zog ihn mit. »Ida hat mich eingesperrt. Sie ist total eifersüchtig auf mich und ich weiß nicht wieso«, versuchte ich ihm zu erklären, während wir aus dem Hotel hinaus liefen. Die Prozession hatte schon begonnen. Der Wind trug die Musik und die Jubelrufe der Menschen zu uns rüber.
»Vielleicht weil du im Gegensatz zu all den anderen so erfrischend normal und liebenswert bist?«, fragte Loke mit einem Lachen in der Stimme. Wir hielten uns immer noch bei der Hand. »Komm, ich kenne eine Abkürzung, dann bist du pünktlich zu deinem Solo da.« Ich hätte seine ersten Worte gerne hinterfragt, aber ich konnte nur an meinen Auftritt denken und Lokes Hand, die mich durch eine Seitenstraße und dann über einen kleinen Feldweg führte. Ich kannte diesen Weg auch. Ida, Loke und ich waren als Kinder über diesen Weg getobt und hatten Laubfrösche und Grashüpfer gejagt. Und nun waren wir fast erwachsen, Ida eine blöde Kuh und ich zu spät zu meinem ersten freiwilligen Auftritt.
»Du packst das schon«, sagte Loke, als wir die Hauptstraße erreichten, die zum Festplatz führte. »Du hast sehr schön gespielt … da auf dem Klo.« Ich hörte ihm trotz unserem schnellen Tempos lachen.
»Danke«, japste ich. So langsam kam ich außer Atem. Wir reihten uns möglichst unauffällig in den Festzug ein und schlängelten uns vor zu meiner Mutter. Erst dort ließ Loke meine Hand los. Sie sah mich überrascht an. Ihr Lippen formten »Wo warst du denn?« Jedoch schien sie wie ich der Meinung zu sein, dass wir das später diskutieren konnten, denn sie konzentrierte sich wieder auf ihr Spiel. Und ich war nun mitten drin in den Feierlichkeiten, inmitten Hunderten von fröhlichen Menschen. Mein Herz raste immer noch, und ich war mir nicht sicher, ob es wegen des Rennens oder wegen all der Menschen hier war. Ich wusste, dass sie da waren, nahm sie aber gar nicht richtig wahr. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt mir einzureden, dass ich nicht alle Noten vergessen hatte, dass ich nicht stolpern würde oder dass mir keine Saite riss. So musste sich doch sicher der Gang zum Richtplatz früher angefühlt haben?
Ich war heilfroh, als wir endlich ankamen. In der Mitte des Festplatzes stand der geschmückte Stamm. Um ihn herum hatten sich alle versammelt. Ich konnte keine Gesichter erkennen, sie verschwammen zu einer Masse. Es war so vollkommen anders, mittendrin zu sein und nicht nur zuzuschauen. Nun hatte ich keine Muse, mich über die hübschen Picknickdecken zu freuen, die schönen Kleider zu bewundern oder zu schauen, wer denn alles mir Bekanntes da war.
»Viel Glück. Du schaffst das.« Lokes Stimme drang wie vom Weiten zu mir, dann sah ich ihn in der Masse verschwinden. Meine Lippen formten ein Lächeln, denn ich war mir sicher, dass Loke, zumindest für diese paar Minuten, nur Augen für mich hatte. Daran konnte auch Ida nichts ändern. Zu gerne hätte ich ihr verdutztes Gesicht gesehen, aber das Einzige, was vor meinen Augen auftauchte, war die nächtliche Mittsommerwiese, dieses Blumenmeer mit seinem Zauber. Und in dem Moment wusste ich wie ich spielen musste, wie ich mich zu der Musik bewegen konnte und dass mein Moment des Erblühens gekommen war.
Meine Mutter gab mir ein Zeichen. Wir standen alleine unter dem Majstång. Nur wir beide und unsere Geigen: Mutter in ihrer Tracht und ich in meinem federleichten weißen Kleid. Sanft glitt der Sommerwind bei jeder Bewegung durch die Stoffe unserer Kleidung. Es verselbstständigte sich, nachdem ich den ersten Ton gespielt hatte. Die Nervosität war weg, ebenso die Zuschauer. In Gedanken war ich wieder bei Lua und Lau auf der Wiese, sah vor meinem inneren Auge ihre Tanzschritte und folgte ihnen. Dieses Mal summte ich die Melodie nicht. Ich spielte sie und das fehlerfrei - und ohne beim Tanzen über meine eigenen Füße zu stolpern. Meine Füße folgten automatisch der heiteren Musik. Je lieblicher die Töne waren, umso federleichter meine Schritte. Fast kam es mir so vor, als würde ich elfengleich über dem Boden schweben. Es war ein berauschendes Gefühl, denn ich spürte, wie mit jedem Ton sich ein Teil von mir wandelte, gleich der Sommersonne, die eine neue Richtung einschlug. Ich würde nie eine Lindsey Stirling sein, aber das wollte ich auch nicht. Ich war Tuva mit den Haaren wie Stroh, und heute durften alle einen kleinen Einblick hinter das Mäuerchen werfen, das ich mir im Laufe der Zeit errichtet hatte. Viele mochten mich für ein Mauerblümchen halten, aber auch ein Mauerblümchen kam irgendwann zur Blüte. Alles war im Wandel. Der Reichtum in der Natur und im Leben erfüllte uns selbst. Das war definitiv ein Grund zu feiern, denn die Sonne vollendete heute ihre längste und schönste Bahn.

»Du siehst heute wirklich sehr hübsch aus. Das Kleid steht dir übrigens super«, sagte Loke, während wir auf einer Decke sitzend das Sonnenwendfeuer beobachteten. Nach meinem erfolgreichen Auftritt war er mit Elsa zu mir gekommen, um mir zu gratulieren. Seine Augen hatten vor Begeisterung gefunkelt und er hatte mich so viele Dinge gefragt, dass ich gar nicht mehr wusste, was deren Inhalt gewesen war. Dennoch fiel es mir einfacher, mit ihm zu reden. Es fühlte sich so an, als hätten zwei verlorene Kinder wieder zueinander gefunden. Bei seinen Worten wurde ich rot. So ganz konnte ich mit Komplimenten noch nicht umgehen.
»Das habe ich selbst genäht«, sagte ich. Er schaute mich verdutzt an, dann legte sich seine Stirn etwas in Falten.
»Wirklich? Du nähst und spielst so bezaubernd Geige. Es gibt wahrscheinlich viele Dinge, die ich gar nicht über dich weiß. Dabei haben wir früher so viel Zeit miteinander verbracht.«
»Wir haben uns in verschiedene Richtungen entwickelt.
»Mir fehlt das irgendwie«, sagte Loke. Sein Blick folgte den züngelnden Flammen wie sie immer weiter gen Himmel stiegen. Mein Herz klopfte stark in meiner Brust. Vielleicht waren wir doch nicht so weit von einander entfernt.
»Ich klettere auch heute noch gerne auf Bäumen und Felsen herum oder gehe mit meinen Brüdern auf lange Wandertouren. Ganz zu schweigen von den ganzen Marvel-Film-Marathons …«
»Und ihr habt mich nicht eingeladen?« Loke zwinkerte mir zu. Sofort wurde mir warm. Dieses Zwinkern galt mir. Loke saß neben mir, obwohl er genügend Alternativen hätte.
»Wenn du willst, sage ich dir beim nächsten Mal Bescheid.« Sehr gut, Tuva. Du hast ihn gerade, ohne Wortverdreher und ohne vor Scham im Boden zu versinken, eingeladen.
»Ich bitte darum.« Kurz sahen wir einander an. In Lokes Blick lag definitiv Neugierde. Worauf konnte ich nicht sagen. Beziehungsweise hatte ich keine Möglichkeit, genauer darüber nachzudenken, denn um uns lief die Feier nun zu Hochtouren auf. Es wurde wieder aufgespielt und wild ums Feuer getanzt. Dabei schien es egal zu sein, ob es sich um Tanzschritte handelte oder ob man einfach nur begeistert ums Feuer sprang. In jedem Fall stieg die Laustärke extrem an, so dass es schwer war, sich zu unterhalten. »Willst du auch tanzen?«, fragte mich Loke und nickte mit dem Kopf in Richtung des Feuers.
»Du kennst die Antwort doch.« Ich sah ihn abschätzend an. Würde er feiern gehen wollen, oder mir weiterhin Gesellschaft leisten? »Aber du kannst gerne tanzen gehen, wenn du möchtest.« Eigentlich wollte ich nicht, dass er ging. Mein Hirn musste meiner Stimme nur noch vermitteln, dass ich ihm das auch sagte.
»Ja, ich kenne die Antwort. Also. Was möchtest du tun?«
»Ich würde lieber etwas spazieren gehen und die Nacht genießen. Von den Wiesen oberhalb des Sees kann man das ganze Spektakel gut überblicken.« Jetzt oder nie. »Möchtest du mich begleiten?«
»Klar.« Und schon war Loke aufgesprungen und hielt mir seine Hand hin. Ich nahm sie und ließ mich hochziehen. Er nahm die Decke, schüttelte sie aus und legte sie mir um die Schultern. Dann nahm er einfach wieder meine Hand. Einfach so. Ich wusste für einen Augenblick gar nicht wie mir geschah. Ich erwiderte den leichten Händedruck. Mit Genugtuung sah ich aus den Augenwinkeln, wie Ida vor Eifersucht kochte. Wahrscheinlich schmiedete sie schon den nächsten Plan, wie sie mir das Leben schwer und Loke streitig machen konnte.
»Wirst du mich denn eigentlich auch retten, wenn mir böse Mächte drohen?«, fragte ich, während wir vom Platz schlenderten.
»Du meinst Ida?«
»Ja.«
»Na, wenn du mich vor den ganzen Walküren schützt.«
»Und wie soll ich das anstellen?«
»Ich glaube, deine bloße Anwesenheit reicht da aus.« Als Antwort drückte ich seine Hand. Er schenkte mir wieder eines seiner schönen Lächeln. Angetan seufzte ich innerlich. Es war wirklich nur für mich bestimmt.
»Auch wenn ich Wolverine mitbringe?«, wollte ich dann doch wissen. Ich wollte einfach sichergehen, dass er nicht nur die neue Tuva mochte.
»Gerade deswegen, kleiner Grasbüschel«, sagte er liebevoll.
»Dann stehe ich dir gerne zur Seite.« Wir grinsten uns an.
Auch oben auf den Wiesen waren die Musik und die Stimmen der Sonnenwendfeier zu hören. Dies nahm Loke zum Anlass, mich einfach in seine Arme zu ziehen und uns im Rhythmus der Musik zu bewegen. So fernab von den Massen entwickelte ich wirklich Spaß an der Bewegung. Es endete darin, dass wir lachend und singend über die Wiese sprangen, bis wir geschafft ins Gras fielen, umgeben von einem farbenprächtigen Blumenmeer. Ich erkannte die Stelle wieder. Hier war ich gestern Nacht gewesen, voller Zweifel und auf der Suche nach mir selbst. Mir hatte die Zuversicht gefehlt, etwas in meinem Leben zu verändern. Dank dem Zauber einer mittsommerlichen Nacht habe ich einen Teil von mir wiederentdeckt, den ich schon verloren glaubte. Die Elfen waren nun verschwunden, doch die Blume blühte im schönsten und tiefsten Blau, das ich je gesehen habe. Meine liebste Mittsommerblume.
 
 
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