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Dinge, um die es sich zu streiten lohnt

von renawitch
OneshotAllgemein / P12 / MaleSlash
Joe / Yusuf ibn Ibrahim ibn Muhammad ibn Al-Kaysani Nicky / Nicolo di Genova
20.06.2021
20.06.2021
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Die Dunkelheit um ihn herum war tiefschwarz, allumfassend und absolut vollkommen.
Er konnte kaum die Hand vor Augen erkennen und das machte es bedeutend schwerer, sich zu orientieren. Nicht einmal Lichter oder der Schein eines Feuers waren in der Finsternis auszumachen. Selbst die Blitze, die unablässig über das Firmament flogen, halfen ihm nicht weiter. Sie boten, ohne dass er einen Unterschlupf vorweisen konnte,  lediglich einen weiteren Anlass zur Sorge.
Nicht, dass es für ihn eine lebensgefährliche Angelegenheit gewesen wäre, vom Blitz getroffen zu werden, doch er legte nicht besonders viel Wert darauf, diese Erfahrung erneut machen zu dürfen. Damals in Bulgarien hatte ihm das bisher erste und einzige Mal absolut genügt.

Hier, in der tiefsten Einöde der Majella würde er auf keine Menschenseele treffen. Dafür sorgte nicht nur die Uhrzeit mitten in der Nacht und die absolute Abgelegenheit dieses Ortes, sondern auch das grauenhafte Wetter.  
Der Regen stürzte geradezu aus dem Himmel auf ihn herab. Er durchnässte ihn völlig, tränkte seine Kleidung mit Wasser, ließ sie nass und klebrig an seiner Haut haften. Er rann durch sein Haar, sorgte zuverlässig dafür, dass einzelne Strähnen davon hartnäckig auf seiner Stirn lagen. Er wischte sich mit dem nassen Handrücken durch das Gesicht, doch es nutzte nichts. In endlosen Rinnsalen strömte der Regen über seine Wangen, über die Stirn, fand den Weg in seine Augen und nahm ihm das bisschen Sicht, welches die Dunkelheit ihm noch gelassen hatte.
Selbst wenn er das Wasser aus seinem Haar erfolgreich hätte fortwischen können, so schleuderte das Gewitter ihm nur immer noch mehr davon entgegen.
Er war mehr als froh über die Tatsache, dass der Sommer vor einigen Wochen Einzug gehalten hatte. So war er zwar völlig durchnässt, aber wenigstens fror er nicht so erbärmlich, wie er es zu einer anderen Jahreszeit sicherlich getan hätte.
Ein Blitz zuckte über den schwarzen Himmel, erleuchtete die Finsternis für den kurzen Bruchteil einer Sekunde. Vielleicht fand er ja doch noch eine Capanna, in der er zumindest ein wenig Schutz vor dem Gewitter finden konnte, denn momentan zog ihn wenig zurück in die trockene Gemütlichkeit des kleinen Häuschens, in dem sie untergekommen waren.

Noch immer presste er verbissen die Zähne aufeinander, erkannte er verwundert. Dass ihn der Zorn weiterhin so fest im Griff hielt, wunderte ihn nicht, aber er ärgerte sich dennoch darüber, dass seine Wut nicht verrauchte und der Regen sein Gemüt nicht zu kühlen vermochte. Es gab einfach Dinge, die unabänderliche Tatsachen waren. Aus der Tradition heraus geborene Gesetze, die einfach als unantastbar galten und für die es sich lohnte, zu streiten.
Er war es einfach so leid, wieder und wieder diese Diskussionen zu führen. Es führte scheinbar zu nichts, war eines der wenigen Dinge, bei denen sie einfach keinen gemeinschaftlichen Nenner fanden.
Es war nicht so, wie Booker oft vermutete. Er und Joe waren einfach nicht zwei Teile einer einzigen Person. Hatten sich nicht völlig einander angeglichen, waren eben nicht miteinander verschmolzen und hatten sich auch nicht gegenseitig assimiliert.
Das war nie ihre Intention, nie ihr Bestreben gewesen. Auch, wenn Booker und Nile, ja manchmal sogar Andy das so zu sehen schienen.
Er war noch immer Nicky, Nico, Nick, Niklas. Noch immer Nicolo de Genova und Joe war und blieb Joseph, José, eben Yusuf ibn Ibrahim al-Kaysani.
Sie waren weiterhin eigenständige und oft genug auch eigensinnige Individuen und keiner von beiden hatte vor, diesen Zustand aufzugeben. Auch wenn Nicky sich manchmal, nein, eigentlich oft genug, wünschte, Joe würde zumindest in mancherlei Hinsicht nur ein wenig kompromissbereiter sein.

Er nahm einen tiefen Atemzug und schüttelte mürrisch den Kopf. Nie im Leben würde Joe sich dazu hinreißen lassen, ihm in derlei Dingen zuzustimmen. Dass er nun vielleicht aus dem Fenster der Hütte in den Regen und in die finstere Nacht hinausstarrte und sich um Nicky sorgte, geschah ihm ganz recht!
Wenn dieser verdammte Maghrebi doch nur nicht so furchtbar stur wäre, dann wäre dieser Abend sicherlich ganz anders verlaufen.
Sie hätten das Feuer im Kamin entfacht, den Montepulciano geöffnet, und die beste Pizza der Welt gegessen. Anschließend den gemütlichen Abend beim Prasseln des Regens auf die Dachschindeln vor dem Kamin mit sehr entspannenden, erfreulichen Aktivitäten ausklingen lassen.
Stattdessen stolperte er nun in absoluter Dunkelheit völlig durchnässt während eines Gewitters durch die Majella und schäumte vor Wut, während es Joe im Inneren der Berghütte emotional vermutlich ganz ähnlich ging.
Zornig ballte er die Hand zur Faust, hätte am liebsten auf irgendetwas eingeschlagen, doch hier oben gab es nichts als Steine, Felsen und kurzes, struppiges Gras.

Der Regen nahm zu, peitschte in sein Gesicht und ein unangenehmer Wind gesellte sich hinzu, der an Nickys nasser Kleidung zerrte.
Ihm dämmerte, dass es eine dämliche Idee gewesen war, einfach in das Gewitter heraus zu flüchten, doch bevor ihr dummer Streit am Ende noch eskalierte, hatte er es in dieser Situation für das Beste gehalten, einfach zu gehen und die Einsamkeit zu suchen.
Stattdessen fand er nichts als Regen, Sturm und Dunkelheit, garniert mit Felsbrocken und ganz viel gar nichts.
Wieder nahm er einen tiefen Atemzug und sah auf seine Uhr. Mehr als eine Stunde stapfte er nun schon durch die finstere Majella. Die Aussicht auf die kleine Hütte behagte ihm nicht wirklich, doch der Gedanke daran nahm nach und nach immer mehr Platz in seinem Denken ein, ohne dass er es verhindern konnte.
Dieser verdammte Regen! Mittlerweile schlug ihm das Gewitter die schweren Tropfen regelrecht ins Gesicht und es kühlte jetzt auch merklich ab.
Nicky seufzte leise und schüttelte ungläubig den Kopf, als er aufsah.
In einiger Entfernung konnte er Licht ausmachen und wusste augenblicklich, dass ihn seine Schritte doch noch zurück zu der kleinen Hütte geführt hatten, in der Joe wohl gerade aus dem Fenster starrte, sofern er nicht losgezogen sein mochte, um ihn zu suchen.
Resigniert setzte Nicky einen Schritt vor den anderen. Es dauerte  nicht lange, bis er vor der schweren Holztür stand und er musste nicht einmal klopfen, damit sie sich öffnete.

Vor ihm stand Joe, eine karierte Wolldecke und ein weiches Handtuch in der Hand. Hinter ihm prasselte das Feuer im Kamin und auf dem schweren Holztisch warteten zwei mit Rotwein gefüllte Gläser auf sie. Zwischen ihnen stand die geöffnete Flasche mit dem Montepulciano.
Es duftete verführerisch nach Pizza.
Wortlos zog Joe Nicky in die Hütte, musterte ihn mit trauriger Mine von Kopf bis Fuß und schüttelte mitleidig den Kopf, während er vorsichtig begann, Nickys Haar mit dem Handtuch zu trocknen.
Er bugsierte ihn widerstandslos zu dem kleinen Esstisch und schälte ihn aus dem völlig durchnässten T-Shirt, um ihm gleich darauf die Decke über die Schultern zu legen.
Nicky nahm Atem, um etwas zu sagen, doch sein Partner legte ihm lediglich den Zeigefinger auf die Lippen, um ihm zu bedeuten, dass er nicht reden musste.
Unversehens hielt er zwei Teller in den Händen. Auf jedem dampfte eine wunderbar duftende Pizza. Belegt mit nichts als Tomaten und Oregano aus dem kleinen Garten vor der Hütte und dem Mozzarella, den sie heute bei dem Bergbauern aus dem Nachbartal gekauft hatten.
„Ich habe sie so gemacht, wie Du sie am liebsten hast“, murmelte Joe mit leiser Stimme.
Gut so, dachte Nicky. So soll es auch sein, verdammt! Genau so und nicht anders!
Wie man eine herrliche Pizza mit Ananas und Mais verschandeln konnte, würde sich ihm auch in den nächsten Jahrhunderten nicht erschließen.
Es gab eben Dinge, um die es sich zu streiten lohnte!
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