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In the darkness

GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
Eren Jäger Levi Ackermann / Rivaille
18.06.2021
16.08.2021
16
90.534
22
Alle Kapitel
21 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
18.06.2021 5.027
 
So ihr Lieben,
wie versprochen geht es jetzt  ganz schnell weiter. Wenn ihr mögt, könnt ihr mich auch wissen lassen, ob ich die Kapitel bis zum 8. in einem Rutsch hochladen soll oder ob ihr lieber 1-2 Uploads am Tag haben wollt, bis wir Kapitel 9 erreicht haben und ich von da an wieder im wöchentlichen Rhythmus hochlade.  Ansonsten bedanke ich mich erst einmal für eure Favos, Empfehlungen, Bookmarks und das Review. Ich hoffe sehr, dass es so weitergeht :)

Habt einen schönen Abend!

****************

An wen erinnert mich der Kerl?
Seine ganze Attitüde, die Art wie er sich gibt und die Wut, die in ihm schlummert kommt mir so bekannt vor, als würde ich ihn schon lange kennen, aber ich kann mir nicht erklären, woher das Gefühl rührt.
Ich sehe ihm dabei zu, wie er verärgert seinen Abgang hinlegt. Ob er jetzt nach Hause und den Rest des Abends allein verbringt?
Also ich für meinen Teil werde das auf jeden Fall tun. Schließlich habe ich nichts Besseres vor.
Ich könnte auch wieder zurück zu Zeke gehen, schießt es mir durch den Kopf, Immerhin ist Eren jetzt weg.
Ach, drauf geschissen, denke ich dann und gehe zurück zu meinem Auto. Ganz ehrlich, wer mit Mitte dreißig noch in einer WG wohnt, von dem sollte ich mich fern halten. Ich meine, was soll das? Für mich ist das ein Zeichen, dass jemand noch nicht im Leben steht und so jemanden brauche ich nicht, nicht einmal für eine Nacht. Noch dazu muss ich so Angst haben, dass alles, was wir tun, belauscht wird. Ich verabrede mich doch nicht zum Vögeln, damit mir wildfremde Leute dabei zuhören oder noch schlimmer, um am Ende mucksmäuschenstill bleiben zu müssen. Da kann ich es auch gleich lassen.
Ich hätte wissen müssen, dass es einen Haken an der Sache gibt. Der Kerl war einfach zu gut um wahr zu sein.
Er schreibt in perfektem Deutsch, kann sehr überzeugend sein und Flirten hat er auch drauf. Wenn er jetzt noch ehrlich gewesen wäre und von vorne herein von seinen Lebensumständen berichtet hätte, anstatt dass ich erst davon erfahre, wenn ich schon durch seine Wohnungstür hindurch bin.
Das ärgert mich immer noch. Es hätte so ein schöner Abend werden können.
Vor meinem mitternachtsblauen Volvo Kombi rauche ich fertig und trete die Kippe dann auf dem Boden aus, denn ich mag es überhaupt nicht, wenn mein Auto nach kaltem Rauch riecht.

Noch bevor ich losfahre, nehme ich mir mein Handy zur Hand. Die Nachricht von Zeke wird erst mal ignoriert. Nein, ich gehe direkt in die Einstellungen und lösche diese Dating-App.
Das war noch nie wirklich mein Ding. Ich bin sonst immer in Clubs und Bars gegangen und so sollte ich es auch in Zukunft wieder handhaben.
Diese dämliche App hat mich nur Zeit gekostet und mich sinnlos aufs Trockene gesetzt.
An Zeke hab ich jetzt etwas mehr als zwei Wochen herum gegraben und am Ende hat es zu nichts geführt. Für meine Verhältnisse ist das ziemlich lang und ich bin kein Mensch, der zwei Eisen im Feuer hat, also sitze ich jetzt hier ohne irgendwas. Oder vielmehr: Ohne irgendwen.
Verdammt, was mach ich jetzt mit dem angebrochenen Abend?

Ich starte den Wagen und fahre los. Es dauert nicht lange, um aus der Wohngegend herauszukommen, an der einzigen roten Ampel muss ich aber trotzdem anhalten. Keine Fußgänger, kein anderes Auto an der Kreuzung. Ich seufze genervt auf und trommle nervös mit den Fingern auf dem Lenkrad.
Während ich meinen Blick zum einzig interessanten Punkt an dieser Ampelkreuzung schweifen lasse, nämlich der Bushaltestelle, kann ich Eren entdecken, der niedergeschlagen zu Boden blickt und frustriert mit seiner Fußspitze den Boden kickt. Wenn er mir nicht den Abend ruiniert hätte, könnte er mir fast leidtun.
Es wird grün und ich fahre weiter. Und auf dem ganzen Weg nach Hause frage ich mich immer wieder, an wen verdammt noch einmal er mich erinnert. Doch selbst, als ich das Auto geparkt habe und den Schlüssel im Schloss meiner Haustür umdrehe, fällt mir die Antwort dazu nicht ein.

Ich mache Licht in meiner Wohnung an und merke wie schnell meine Wohnung ausgekühlt ist. Kein Wunder, denn ich hab ein Fenster im Wohnzimmer gekippt gelassen, damit die Wäsche besser trocknen kann. Der Herbst nähert sich langsam und die Luft wird von Tag zu Tag kühler. Vielleicht sollte ich demnächst doch die Heizung dabei anlassen, auch wenn ich das spätestens bei der nächsten Heizkostenabrechnung bereuen werde. Die Schuhe lasse ich am Eingang stehen und hänge die Jacke an der Garderobe auf, dann gehe ich mir die Hände waschen. Ich hole mir ein Bier aus der Küche - nach dem verpatzten Tag brauche ich das einfach - und nehme dann meinen Laptop mit ins Bett, denn mir einen Film in dem kalten Wohnzimmer anzusehen will ich nicht. Eine Minute später sitze ich mit dem Bier neben mir und dem Laptop auf meinem Schoß im Bett und schau mir einen Film an, den ich schon kenne. Dann ist es nicht schlimm, wenn ich in Gedanken abschweife und nicht aufpasse. Denn ich weiß jetzt schon, dass ich mich auf nichts konzentrieren kann, solange ich mich noch darüber ärgere, dass mich Eren um mein Sexdate gebracht hat. Genau jetzt könnte ich mich mit Zeke in den Laken wälzen, hätte mich diesem tollen Körper hingeben können. Ich denke an die Bilder, die er mir von seinem trainierten Körper geschickt hat und die absolut nach meinem Geschmack waren. Kein überflüssiges Fett, alles wohlgeformt und definiert. Doch stattdessen habe ich den Therapeuten für seinen kleinen Bruder gespielt. Der Kerl hat über seine eigenen Antworten genauso verdutzt geguckt, wie ich mich gefühlt habe. Hätte nicht damit gerechnet, dass er überhaupt mit mir redet, geschweige denn ehrlich antwortet. Es ist mein Fluch, dass mich in meiner Freizeit der Beruf nicht loslässt und ich Menschen mit Problemen sofort erkenne und befrage. Dabei wollte ich doch nur Sex. Mit einem genervten Stöhnen lehne ich meinen Kopf an die Wand und nehme einen langen Schluck von meinem Bier. Denn es ist ja nicht so, dass ich ihn kennenlernen wollte. Eigentlich wollte ich nur...- Na, was denn eigentlich? So ganz weiß ich nicht, was ich mit den Fragen bezwecken wollte. Ihn noch mehr heruntermachen dafür, dass er seinen Bruder nervt und seinen Exfreund nicht in Ruhe lassen kann? Nein, ganz bestimmt nicht, das wäre nicht meine Art. Ich wollte nur wissen, warum er so frustriert ist, wenn er doch eindeutig keinen Grund dazu hat. Aber woher soll ich schon wissen, was in der Wohnung los war, bevor ich dazu gekommen bin? Dennoch, wenn Personen keinen Kontakt zu ihren Eltern haben, ist nie ein gutes Zeichen. Oftmals deutet das auf traumatische Erlebnisse in der Kindheit hin, die, wenn sie unbehandelt bleiben, auch das Leben als Erwachsener beeinträchtigen können. Und dass Eren ein Problem hat, das wurde mir in dem Moment klar, als er das erste Mal den Mund aufgemacht hat.
Erst als der Film schon eine halbe Stunde läuft, fällt mir auf, dass ich die ganze Zeit über diese skurrile Begegnung nachgedacht habe, die ich mittlerweile mit etwas mehr Distanz betrachten kann. In Zeke habe ich mich getäuscht und habe gemerkt, dass er nicht ganz so umwerfend ist, wie ich anfangs dachte. Das nächste Mal sollte ich wohl auch auf Bilder bestehen, auf denen ich das Gesicht meines Gegenübers deutlich sehen kann, auch wenn der Körper noch so schön ist. Aber gut, den Dating-Apps habe ich eh abgeschworen. Eren dagegen hat ein bildhübsches Gesicht. Er ist auch sehr groß, überragt mich sicher um anderthalb Köpfe. Solange er auf der Couch saß, habe ich das gar nicht bemerkt. Erst als er direkt vor mir stand wurde mir der Größenunterschied deutlich. Aber mich überragt ja eh fast jeder Mann und sicher auch die meisten Frauen,
Ich denke an Erens Gesicht zurück und stelle fest, dass er definitiv die schöneren Augen der beiden Brüder hat. Wie viel jünger er wohl ist im Vergleich zu Zeke ist? Ich kann es schlecht sagen, aber ich schätze mindestens zehn Jahre werden die beiden wohl trennen. Mein Fazit des Abends - nach dem Film, noch einer Zigarette auf dem Balkon und nachdem ich doch das Fenster geschlossen habe - ist: Wenn ich nächsten Samstag wieder in eine der Bars gehe, um mir jemanden aufzureißen, dann frage ich ihn zuerst, ob er denn allein wohnt. Ich mag es nicht jemanden mit in meine Wohnung zu nehmen. Die machen Unordnung und hinterlassen Kalkflecken auf den Armaturen und noch so vieles mehr, was ich an Besuch nicht leiden kann. Und wenn der Typ, den ich nach Hause begleite, groß, gebräunt, mit langen dunklen Haaren, riesigen, grünen Augen und eine gute Portion jünger als ich ist, dann hätte ich auch nichts dagegen. Mit diesen Gedanken im Kopf schaffe ich es endlich einzuschlafen.

Der Sonntag verläuft so trostlos, wie der Samstag endete. Ich fülle meine Freizeit mit Training und damit meinen Haushalt in Ordnung zu bringen, ehe ich mich am Montag wieder in die Arbeit stürze.
Zeke hat mir in der Zwischenzeit noch ein paar Mal über den Messenger geschrieben, er scheint wohl bemerkt zu haben, dass ich die App gleich nach unserem Treffen gelöscht habe.
Hey du, tut mir leid, dass mein Bruder sich so unmöglich aufgeführt hat, hatte er noch am Samstagabend geschrieben. Was Eren wohl ohne sein Wissen weiter in die Position des schwarzen Schafes innerhalb seiner Familie rückt. Wobei ich mir sicher bin, dass Zeke einer von Erens insgeheimen Zufluchtsorten ist, dort wo er sich sicher und geborgen fühlt. Wahrscheinlich wollte Eren den Abend einfach nicht allein verbringen, genauso wenig wie ich.
Am Mittwoch schickt er mir seinen Standort, wohl irgendein Café, in dem er gerade ist, und die Nachricht Lust einen Kaffee trinken zu gehen? Ich antworte ihm nicht, denn ich könnte unter der Woche eh nicht zurück in die Stadt. Abgesehen davon ist mir die Lust auf ihn vergangen, Und als er mir dann am Freitag schreibt Wollen wir uns morgen treffen? Vielleicht bei dir, da stört uns bestimmt mein Bruder bestimmt nicht ;) , da stelle ich ihn auf stumm und verschiebe den Chat ins Archiv. Was an Ich melde mich. hat er nicht verstanden?
Freitags ist Waschtag, da habe ich überhaupt keine Lust auf Typen, immerhin muss die Wäsche bis Sonntag trocken sein.
Eine Sache habe ich mir diesbezüglich aber doch vorgenommen, nämlich Zeke zu schreiben, dass das mit uns nichts wird und ich mein Interesse an ihm verloren habe. Vielleicht ist das gemein, aber ich bin nicht der Typ der um den heißen Brei herum redet. Natürlich ist es auch nicht die feine englische Art jemanden eine Woche lang zu ignorieren. Wenn ich allerdings keine Lust habe jemandem zu antworten, dann tue ich es auch einfach nicht.
Ich bereite mir für heute Abend Lasagne vor und, nachdem die Wäsche durch ist, stell ich sie in den Ofen, damit ich nach dem Wäscheaufhängen nicht mehr so lange auf mein Essen warten muss.
Doch nach dem Wäscheaufhängen habe ich immer noch zwanzig Minuten, die ich irgendwie totschlagen muss, also antworte ich endlich Zeke.

Hör zu. Du scheinst ja ganz nett zu sein. Aber die ganze Sache mit dir und der WG ist nichts für mich. Es ist besser, wenn wir uns anderweitig umsehen.

Ich lese mir meine Nachricht nochmal durch. Sie ist ehrlich, sie ist direkt. Ich hab ihm gesagt, dass ich nichts mehr von ihm will. Sie ist eindeutig genug, also schicke ich sie ab.
Eine neue Nachricht wird auf meinem Handy angezeigt. Sie kommt von Petra, eine Schulfreundin aus der Oberstufe, und sie fragt, ob wir uns morgen treffen können.
Sie schlägt 12 Uhr vor und das passt mir gut, denn so habe ich den Abend immer noch für mich. Daher sage ich ihr zu. Schließlich habe ich sie schon länger nicht mehr gesehen, obwohl wir immer gut befreundet waren, aber das liegt wohl an dem Stress, in dem sie zur Zeit steckt.
Ich beginne diesen Samstag wie jeden Tag mit meiner üblichen Joggingrunde. Danach mache ich mich fertig für das Treffen mit Petra und auf den Weg zum vereinbarten Treffpunkt. Es ist ein nettes, kleines Restaurant an einer Ecke zum Marktplatz. Keine Autos, ruhige Lage so lässt es sich gut aushalten.
»Hier drüben«, macht mich ihre glockenhelle Stimme aufmerksam. Sie hat sich schon an einen der Fensterplätze gesetzt und scheint auf mich zu warten. Ich mag sie, sie ist pünktlich.
Ich nehme ihr gegenüber Platz und nach ein paar freundlichen, schnellen Begrüßungsfloskeln steht der Kellner an unserem Tisch und nimmt die Bestellung entgegen. »Nimm das Brunchmenü«, rät Petra mir und da ich ohnehin noch nicht richtig gefrühstückt habe, lasse ich mich darauf ein.
»Du siehst müde aus«, stelle ich fest, nachdem ich sie betrachtet habe und mir die dunklen Ringe unter ihren Augen aufgefallen sind. Zustimmend nickt sie.
»Eigentlich hab ich auch gar keine Zeit für ein Treffen unter Freunden, aber ich musste einfach raus. Ich hab auch richtig Hunger, weil ich nicht rechtzeitig aus dem Bett gekommen bin. Habe voll verschlafen und frühstücke jetzt erst«, lässt sie mich wissen. Na, dann sind wir immerhin zu zweit, was den Mangel an Frühstück angeht.
»Vielleicht solltest du dir dann einfach mal frei nehmen«, schlage ich ihr dann vor, ohne mich zu sehr aufzudrängen.
Sie steckt in ihren Hochzeitsvorbereitungen. Der Termin ist erst in einem halben Jahr, aber sie stresst sich unnötig deswegen. Sie und ihr Verlobter arbeiten beide Vollzeit, sie als Physiotherapeutin und er als Neurologe und gehen sich dann an den Wochenenden mit den Vorbereitungen gegenseitig auf die Nerven. Wobei Petra sich eindeutig mehr Gedanken macht als ihr Liebster.
Ich kann sie zwar verstehen, weil ihr der Tag sehr wichtig ist und er deswegen perfekt sein soll. Auf der anderen Seite verstehe ich ihn genauso, dass er sich deswegen nicht verrückt machen möchte, solange noch so viel Zeit bis zum Termin ist.
Sie hätten einen Hochzeitsplaner engagieren sollen. Denn der Stand vom Telefonat letzter Woche war Wenn er sich bei den Vorbereitungen schon nicht anstrengt, wie soll das erst in der Ehe werden? Das war ihr O-Ton.
Ich verstehe generell nicht, wie man sich so etwas antun kann. Nicht das Heiraten an sich. Aber wie man sich selbst und seinen Partner so viel Stress zumuten kann für den einen Tag, der doch eigentlich der Schönste werden soll.
Aber Petra braucht das, wie es scheint. Deswegen trifft sie sich heute auch mit mir, damit sie dann den ganzen Tag ein schlechtes Gewissen haben kann, weil sie Zeit vertrödelt hat. Und dann meckert sie wahrscheinlich noch ihren Verlobten an, der die Zeit bestimmt genutzt hat um sich zu entspannen, anstatt etwas Nützliches zu tun.
Aber die zwei bekommen es auch hin sich beim Einkaufen zu streiten, weil er nicht das einkauft was auf der Liste steht, sondern nur irgendeinen Scheiß. Und er beschwert sich, dass die Erotik auf der Strecke bleibt, wenn sie so gestresst ist.
Würde sie ihn nicht für jede Kleinigkeit einen Vorwurf machen und er ihr abends mal den Rücken massieren und ihr einen Tee hinstellen, würde sich das bestimmt von allein regeln. Ich werde aber einen Teufel tun mich da einzumischen. Ich bin doch kein Paartherapeut. Obwohl Petra mich manchmal so ansieht. Sie hat dann diesen Blick mit dem sie darauf wartet, dass ich ihr Recht gebe. Aber mit der Ich-bin-homosexuell-und-Junggeselle-Karte spiele ich mich aus sämtlichen Entscheidungen raus.
Genau diese Karte scheint mir heute allerdings zum Verhängnis zu werden.
»Ach Levi, kannst du für die Hochzeit nicht noch ein +1 mitbringen? Ich würde dich so gerne Seite an Seite mit einem hübschen, jungen Mann sehen. Es wäre so schade dich an den Singletisch zu setzen.«
Sehnsüchtig betrachtet sie mich und zerteilt ihr Rührei, das wir in der Zwischenzeit bekommen haben.
Singletisch, wie sich das schon anhört, wie eine Strafe. Aber in den Augen von glücklich vergebenen Paaren scheint man als Single wohl ein No-Go zu sein. Als wenn die Erfüllung des Lebens in einer funktionierenden Partnerschaft liegen würde. Ganz bestimmt nicht. Ich bin überzeugt davon, dass ich mit meinem Singleleben sehr zufrieden bin.
»Singletisch hört sich für mich nicht halb so schrecklich an, wie ein Tisch voller Paare, die mit ihren Urlauben, Autos, Berufen und tollen Schwiegereltern prahlen«, kontere ich.
Pärchentische sind abartig.
»So schlimm sind die nicht« versucht sie mich zu überzeugen.
»Gibt's vielleicht eine Bar an die du mich setzen kannst?« frage ich spaßeshalber, wobei meine Stimme dabei so trocken klingt, dass jemand der mich nicht kennt, sich unsicher darüber sein würde ob es wirklich nur ein Scherz war.
»Ich kann dich auch einfach mit +1 eintragen und es ist dir überlassen ob du jemanden mitbringst oder allein am Pärchentisch sitzt.«
Gut gespielt Petra, das muss ich ihr lassen. Allein der Gedanke an so ein Szenario macht mich fertig.
»Ich sage dir rechtzeitig Bescheid. Auf der Einladung steht ich hab noch drei Monate um mich zu entscheiden.«
Wobei meine Antwort in drei Monaten garantiert noch genauso aussieht wie heute.

Der Brunch mit Petra war genau richtig um mich heute motiviert zu halten. Ich hab mich schön bei all ihren Plänen herausgehalten und mich als guten Zuhörer hingestellt und sie hat das Gefühl gehabt verstanden zu werden.
Ich gehe dann noch, wie jeden Samstag, zum Training, was sich seit meiner Kindheit nicht verändert hat. Und mein Trainer ist auch tatsächlich auch noch derselbe Kautz von damals.
Ich würde behaupten, dass er die einzige Konstante bisher in meinem Leben ist. Aber der Kampfsport hat mir schon immer genau das Ventil gegeben, das ich gebraucht habe. Die einzige und beste Art, meine Aggressionen auf eine gesunde Weise loszuwerden. Etwas, das ich heute noch jedem weiterempfehlen würde. Man kann sich währenddessen nicht mit irgendwelchen Problemen beschäftigen. Hinterher ist man ausgeglichen. Man lernt seinen Körper besser zu kontrollieren und kennen. Sportliche Vereinsaktivitäten helfen einem dabei seine sozialen Kompetenzen zu verbessern und zumindest bei uns im Training ist es so, dass man bei jedem weiß woran man ist. Kein Gerede hinten dem Rücken. Und außerdem ist es einer der wenigen Orte, an dem meine geringe Körpergröße nicht von Belangen ist.

Nach dem Training hab ich dann den freien Kopf, den ich brauche um mich für die Piste fertig zu machen. Frisch geduscht steige ich in meine Shorts, dunkelblaue Jeans und dunkelbraune Budapester. Dazu ein schwarzes eng anliegendes Hemd. Die Ärmel lasse ich offen, damit ich schnell aus dem Teil raus komme, wenn es zur Sache geht. Zum Schluss werfe ich mir noch eine Jacke drüber, dann kann es losgehen.
Ich nehme mir ein Taxi in die Stadt, weil ich wo auch immer ich heute Abend lande, garantiert nicht das Taxi für einen Typen spielen werde. Vor der Bar angekommen, rauche ich noch zufrieden eine Zigarette und gegen 22 Uhr bin ich dann drinnen und auf der Jagd.
Meine Ansprüche sind überschaubar. Er muss größer sein, sauber, gepflegt, eine angenehme Stimme soll er haben, kein Clown, keine schwitzigen Hände.
Es dauert drei Drinks, bis ich an der Bar endlich mit jemand Anschaulichem ins Gespräch komme. Die Stimme passt schon mal, genauso wie die Optik. Sein Alkoholgeschmack ist auch in Ordnung.
Tatsächlich ist es mir egal, dass wir uns nur über die übliche, oberflächliche Scheiße unterhalten: Wo kommst du her? Wie alt bist du? Bist du öfter hier? Bist du allein hier? Hast du heute noch was vor?
Standard halt.
Wobei ich bei der Frage, ob ich noch etwas vor habe, natürlich hellhörig werde.
»Also ich hatte zumindest nicht vor heute allein nach Hause zu gehen«, antworte ich wahrheitsgemäß und hoffe damit den gewünschten Effekt zu erzielen.
Und tatsächlich, seine Augen weiten sich, die Augenbrauen wandern nach oben und er lächelt mich an. Das scheint eine sichere Sache zu werden, also gehe ich in die Vollen, denn ich habe nichts zu verlieren, außer Zeit.
»Wohnst du allein?«, frage ich, denn den Fehler mache ich nicht zweimal.
Und sein Lächeln wird breiter und er nickt. Dann beugt er sich zu mir vor. Jetzt ist er nah genug, dass ich durch die Bargerüche hindurch sein herbes Parfum riechen kann. Der Kerl hat Geschmack, das muss ich ihm lassen.
»Ich wohne auch nicht so weit weg von hier, wenn du verstehst, was ich meine«, raunt er nah an meinem Gesicht, sodass mir seine Alkoholfahne in die Nase steigt.
Kurz zieht sich in mir etwas zusammen. Diese Floskel, die er am Ende seines Satzes benutzt hat, kann ich absolut nicht ab. Aber das gehört irgendwie zur heutigen Zeit dazu, weil das irgendwie jeder sagt. Einfach weil es so unüberlegt ist so etwas hinter einen Satz zu setzen. Ich finde es abartig.
Aber gut, für eine Nacht, für einen Fick muss es reichen und ich kam ohnehin schon viel zu lang nicht mehr zum Zug. Außer er verkackt nachher beim Dirty Talk, dann bin ich trotzdem weg.
»Worauf warten wir dann noch?«, stelle ich ihm eine rhetorische Frage. In dem Moment schiebt sich ein Arm in mein Sichtfeld, direkt an mir vorbei an die Schulter von dem Kerl.
»Hey Daniel, schön dich hier zu sehen. Was machst du gerade so?«, werden wir abrupt unterbrochen. Wobei ich mir sicher bin, dass wir gleich aufgestanden und gegangen wären, wenn man uns nicht gestört hätte.
Daniel will gerade den Mund aufmachen, um auf diesen Smalltalk einzugehen, da fahre ich ihm über den Mund.
»Sag’ mal merkst du nicht, dass du hier gerade störst?«, will ich von dem braunhaarigen Störenfried wissen. Nur, dass ich wie vom Donner gerührt da sitze, als er den Kopf zu mir dreht und mich aus seinen smaragdfarbenen Augen ansieht.
»Levi?«, kommt es ebenso überrascht von ihm, als könne er es nicht glauben, mich hier zu treffen. Und damit ist er nicht allein. Vor allem kann ich nicht fassen, dass er mir gerade wieder in die Parade gefahren ist.
»Ich störe doch nicht. Ich wollte mich nur mit einem alten Freund unterhalten«, redet er weiter, wobei er das Wort Freund mit vielsagendem Blick an Daniel gerichtet ausspricht.
Der kratzt sich nur verlegen am Hinterkopf und lacht dämlich.
»Wir hatten mal was miteinander«, klärt er mich dann auf. Wenigstens ist er ehrlich, auch wenn mich die Aussage irgendwie kratzt. Aber ich konnte mir so was schon denken bei Erens Stimmklang und Daniels verräterischer Röte, die sich gerade in seinem Gesicht bis hoch zu den Ohren ausbreitet.
»Was du nicht sagst«, kommentiere ich unnötigerweise diesen Umstand und mein Blick geht zwischen den Beiden hin und her, was Eren dazu bringt, seine Hand von Daniels Schulter zu nehmen.
»Sagt bloß ihr zwei wolltet gerade verschwinden?«, grinst Eren dann und wenn ich mich nicht verhört habe hat er sich gerade ein Prusten verkniffen.
»Nun ja...-«, druckst Daniel jetzt herum und ich kann nicht anders meinen Missmut in meiner Mimik auszudrücken. Wie von selbst legt sich meine Stirn in Falten und meine Mundwinkel beginnen nervös zu zucken, als Eren anfängt an zu lachen und sich direkt neben Daniel setzt, sodass der jetzt in der Mitte von uns beiden ist.
»Ihr zwei passt absolut nicht zusammen«, kommentiert er, nachdem er seine Atmung nach dem Lachanfall wieder im Griff hat.
Sofort frage ich mich, woher er das wissen will und warum er gerade so einen Spaß daran hat uns zu nerven.
»Ich dachte du bist gerne mit einem Typen allein? Daniel wohnt im Erdgeschoss und hat keine Vorhänge«, beantwortet er meine unausgesprochene Frage.
Tatsächlich wirkt Eren gerade so, als ob er durchaus seinen Spaß daran hat, das hier zu sabotieren. Andererseits hab ich tatsächlich ein Problem damit in einer Erdgeschosswohnung ohne Vorhänge zu vögeln.
»Noch einen hiervon«, gebe ich dem Barkeeper zu verstehen und zeige auf mein Glas. Ich sehe dem Barkeeper dabei zu, wie er mir nochmal einen Scotch eingießt. Und durch den Spiegel hinter der Theke sehe ich, wie mich Daniel fragend ansieht, denn er denkt wohl immer noch, dass wir gleich gehen.
»Wollen wir?«, hängt er dann trotzdem noch hinten dran.
»Du kannst gehen, ich komme garantiert nicht mit«, antworte ich schroff und leere den gerade erhaltenen Scotch vor mir in einem Zug, um meinen Frust hinunter zu spülen.
»Danke, Eren«, höre ich wie er seinen Bekannten sarkastisch von der Seite anblafft, »Echt mal du hast dich kein Stück verändert. Kannst anderen immer noch nichts gönnen.«
»Was denn? Ich wollte doch nur wissen, was du gerade so machst. Ich dachte, er wäre dein Freund und du bist jetzt vielleicht vergeben und nicht mehr zu haben oder so«, verteidigt sich dieser und gibt sich unschuldig. Das tückische Funkeln in seinen Augen entgeht mir dabei aber nicht.
»Ja, aber ihr zwei kennt euch doch auch. Ich will auch gar nicht wissen woher. Wobei, wenn du immer noch so drauf bist wie früher, kann ich es mir schon denken«, setzt Daniel jetzt noch verärgert einen drauf.
Autsch. Das war eine fiese Spitze. Ich weiß nur nicht, ob gegen mich oder gegen Eren. Vielleicht gegen uns beide.
Das nächste, was ich mitbekomme ist, dass Daniel aufsteht, Eren anrempelt und abhaut. Gut, dann hab ich wenigstens wieder meine Ruhe.
Ich bestelle noch ein Getränk hinterher, das mir umgehend serviert wird und nehme dann meinen ersten Schluck aus dem Glas. Die Augen immer noch geradeaus gerichtet, sehe ich im Spiegel, wie Eren sich näher an mich heran setzt.
»Das ist ja gerade nochmal gut gegangen«, sagt er erleichtert.
Fassungslos drehe ich meinen Kopf zu Eren. Wie kommt er denn auf den schmalen Pfad?
»Was willst du damit sagen?«, frage ich misstrauisch und auch ein wenig entsetzt.
Er stützt den Ellenbogen auf der Theke auf, legt sein hübsches Gesicht in seiner Handfläche ab und lächelt mich mit dem charmantesten Lächeln an, das er auf Lager hat.
»Na, ich hab dich vor schlechtem Sex gerettet. Der Kerl ist eine richtige Niete.«
Soll das jetzt so etwas wie eine Entschuldigung sein oder erwartet er, dass ich ihm dafür dankbar bin?
»Und wieso hattest du dann was mit ihm?«
Eren überlegt nicht lange bevor er antwortet: »Na, weil mich niemand vorher gewarnt hat.«
Er grinst und hält die Arme entschuldigend nach oben, dann wechselt er das Thema: »Was machst du hier? Ich dachte du und mein Bruder, ihr bandelt miteinander an?«
Er wirkt ganz anders auf mich als noch letzte Woche. Viel selbstbewusster, als wäre er das Nonplusultra, das man hier heute Abend abgreifen kann. Eine fiese Bemerkung von einem One-Night-Stand scheint ihm nicht ansatzweise soviel auszumachen, als wenn sein Bruder sauer auf ihn ist. Diese Ausstrahlung, die er heute an den Tag legt, ist beeindruckend und fesselt mich.
»Tun wir nicht«, beantworte ich endlich einen Teil seiner Fragen, auf den Rest gehe ich nicht ein.
»Woran liegt es?«, bohrt Eren trotzdem weiter und schaut interessiert zu mir herüber.
Ich trinke wieder einen Schluck von meinem Scotch bevor ich antworte: »Daran, dass er nicht allein wohnt.«
Sofort ändert sich Erens Blick. Was ist das in seinen Augen? Erleichterung?
»Genau aus dem Grund habe ich eine eigene Wohnung«, gibt er dann selbstzufrieden von sich. Und überrascht mich damit. Hätte ich bei ihm nicht gedacht. Immerhin hat er etwas von Freunden aus dem Studium erzählt. Es würde mich ja schon beeindrucken, wenn er sich als Student eine eigene Wohnung leisten kann.
»Woher hast du die finanziellen Mittel dazu?«, will ich wissen, denn irgendwie interessiert es mich jetzt schon.
»Ich bin gut in dem, was ich tue, auch wenn mir noch der Zettel fehlt, auf dem das steht. Ich nehme hin und wieder Freelancer Aufträge an. Ist nicht die Welt, die ich damit verdiene, aber für eine eigene Wohnung reicht es«,erzählt er stolz.
Und ich hätte damit gerechnet, dass er einen OnlyFans Account hat. Vielleicht steckt in dem Jungen doch mehr, als ich geahnt hätte, dass er noch viel mehr Potential hätte, wenn er nur die richtige Unterstützung erfahren würde. Ich würde ihm gerne helfen, auch wenn es mich eigentlich nichts angeht. Er ist schließlich nicht mein Problem und ich bin nicht sein Therapeut. Andererseits spüre ich, wenn jemand auf Abwegen ist, und so viel, wie er in der Zeit von anderen einstecken musste in der kurzen Zeit, die wir uns kennen, kann ich mir bereits bildlich ausmalen, wie sein Alltag aussieht und wie viel Ablehnung er erfährt. Und irgendwas sagt mir, dass er dringend etwas braucht, auf das er stolz sein kann neben seinem beruflichen Können. Etwas, das nichts damit zu tun hat, dass er gut aussieht und sich jeden Kerl angeln kann, den er will, sondern etwas Dauerhaftes, Bleibendes, etwas, wo er sich mit anderen messen kann, wo er lernen kann Niederlagen einzustecken und zu wachsen, wo er Fortschritte am eigenen Leib spürt. Mir kommt eine Idee, aber ich kann ihn nicht einfach damit überrumpeln. Also taste ich mich vorsichtig ran.
»Und was machst du sonst an den Wochenenden?«, frage ich daher unverbindlich nach.
»Meistens bin ich hier oder bei meinem Bruder. Oder zu Hause. Sonntags ist abends immer Lerngruppe bei meinem besten Freund«, schildert er emotionslos.
»Hast du mal Lust, etwas anderes zu machen?«, frage ich und setze dabei ein leichtes Lächeln auf, um ihn nicht gleich einzuschüchtern.
»Was meinst du?«, will er irritiert wissen.
Ich schwenke das Glas in meiner Hand und versuche mir den tieferen Sinn hinter meiner Bitte nicht anmerken zu lassen.
»Hast du Lust dich mal ein bisschen zu prügeln?«
Eren lacht laut auf und hält sich den Bauch.
»Mit dir? Wäre das nicht unfair? Nimm’s mir nicht böse, aber bei unserem Größenunterschied bist du klar im Nachteil.«
»Wetten, dass es nicht so ist?«, stachle ich weiter und setze ein schiefes Lächeln auf. Dann ziehe ich mein Portemonnaie hervor und zücke die Visitenkarte des Fitnessstudios, in dem ich regelmäßig trainiere hervor und reiche sie ihm.
»Der Kurs beginnt um 15 Uhr. Sei pünktlich und bring’ Sportsachen mit. Bei der Anmeldung fragst du nach Shadis. Das ist der Trainer«, dann mache ich eine bedeutungsvolle Pause und und blicke Eren funkelnd an, »Und jetzt machst du besser einen Abgang, bevor ich es mir anders überlege.«
Eren zischt wütend, behält aber die Karte in der Hand und widersetzt sich meiner Aufforderung nicht. Vielleicht braucht er wirklich jemanden, der den Ton angibt, ohne dabei herablassend mit ihm umzugehen.
Dennoch kann ich mir einen kleinen Spaß nicht verkneifen und, bevor er außer Hörweite ist, rufe ich: »Ach, Eren, du schuldest mir jetzt übrigens schon zwei Ficks!«
Und wieder ernte ich dafür den obligatorischen Mittelfinger.
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