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In the darkness

GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
Eren Jäger Levi Ackermann / Rivaille
18.06.2021
16.08.2021
16
90.534
21
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
16.07.2021 5.810
 
Hallo ihr Lieben,
entschuldigt den verspäteten Upload. Ich war gestern nicht zu Hause und komme somit erst heute dazu. Um die Reviews, die noch nicht beantwortet wurden, werde ich mich auch ganz bald kümmern, gebt mir nur einen Moment noch etwas von den letzten beiden (sehr schönen) Tagen zu verschnaufen. Ansonsten wünsche ich euch viel Spaß mit dem Kapitel, denn so langsam kommen wir zu dem Teil, auf den viele von euch schon gewartet haben: Levis Vergangenheit. In den nächsten Kapiteln werdet ihr dazu immer mehr erfahren. Und ansonsten gilt: Rückmeldungen aller Art sind immer gerne gesehen und ich freue mich sehr über die, die ich bereits erhalten habe.

Liebe Grüße

************************************

Ich lächle und strecke meine Hand nach hinten, um Erens wirres Haar zu streicheln. Gott, wie habe ich den Jungen vermisst und wie lang habe ich gebraucht, um das endlich einzusehen?! Es war dumm von mir zu glauben, dass ich ihn einfach vergessen und abhaken könnte, so wie all die anderen vor ihm. Er ist mir bereits vom ersten Tag an unter die Haut gegangen und daran hat sich bis heute nichts geändert. Und das wird es wohl so schnell auch nicht, denn durch ihn fühle ich das erste Mal seit einer Ewigkeit wieder etwas, von dem ich schon dachte, es nie mehr fühlen zu können.
Das nimmt mir trotzdem nicht die Angst vor all dem, was noch auf uns zukommt. Die Bedenken, die ich ihm gegenüber geäußert habe, waren echt und ich spüre sie immer noch, da können auch seine Versprechungen nichts dran ändern, denn er weiß ja nicht, was ihn noch erwartet. Er weiß nicht, wie meine posttraumatische Belastungsstörung mich jedes Jahr zu Silvester lähmt, dass mir deswegen schon Wochen im Voraus mulmig wird. Er hat auch nie gefragt, warum mich seine Berührungen, die er mir während unserer Autofahrten zukommen lassen hat, nicht eine Sekunde an Sex haben denken lassen. All das werde ich ihm wohl nun nach und nach beichten müssen und ich habe Angst, dass dann etwas von der Bewunderung, die immer in seinem Blick liegt, sobald er mich ansieht, erlischt. Aber noch unerträglicher wäre es ganz ohne Eren zu leben, das habe ich inzwischen verstanden.
»Ich muss mich jetzt langsam fertig machen«, lasse ich ihn dann wissen, denn die Kaserne ruft, »Kann ich vorher noch bei dir duschen?«
»Ich wollte eh gerade dorthin«, antwortet er grinsend und ich kann mir schon denken, was er vorhat und dass wir nicht so schnell aus der Dusche kommen, wie es mir lieb wäre. Aber wir haben uns gerade wieder versöhnt und eine halbe Stunde früher oder später ankommen macht auch keinen Unterschied, also erwidere ich seine Suggestion mit einem Zwinkern und winke ihn mit einem Finger hinter mir her.

Aus der halben Stunde sind dann doch zwei geworden, denn keiner von uns wollte sich so recht vom anderen trennen, jetzt wo wir uns gerade wieder gefunden haben. Aber mich stört es nicht, im Gegenteil. Eren fröhlich zu erleben, ihm mit Kleinigkeiten eine Freude zu machen, erfüllt auch mich.
»Ich bin am Freitag wieder da und habe ab dann auch Urlaub bis ins neue Jahr«, sage ich ihm, als ich mich an meinem Auto von ihm verabschiede um die Reise zurück in meinen Kasernenalltag anzutreten.
»Dann komme ich am Abend zu dir«, flüstert er an meine Lippen und stiehlt sich noch einen Kuss, ehe ich einsteige. Im Auto sitzend, lasse ich noch die Fensterscheibe hinunter und rufe ihm zu: »Vergiss nicht, dich testen zu lassen.«
Eren nickt eifrig und wirft mir noch eine Kusshand zu, dann geht er zurück in seine Wohnung. Mein Blick ruht dabei auf seinem perfekten Hintern und ich freue mich jetzt schon darauf, ihn bald ohne störende Barriere spüren zu dürfen.
Gleich am Montag mache ich einen Termin beim internen Arzt aus. Der Schnelltest kommt negativ zurück, also gibt es keinen Grund, den ausführlichen Test zu machen. Von meiner Seite aus ist daher alles klar, was ich Eren in einer Textnachricht wissen lasse. Der antwortet mir recht zügig, dass sein Termin erst morgen ansteht, er aber keine Bedenken hat, da er zuvor noch nie auf Kondome verzichtet hat, nicht einmal bei Reiner. Mein Herz macht dabei vor Freude einen Satz. Die Vorstellung Eren so zu spüren, wie es nie ein anderer getan hat, bringt mich fast dazu, mich abends davon zu stehlen und ihn einfach zu nehmen, sosehr erregt sie mich. Trotzdem, sicher ist sicher und was meine Gesundheit angeht will ich kein noch so kleines Risiko eingehen. Und zum Glück sieht er das auch so und fängt keine Diskussion an, denn verdammt, würde es mir schwer fallen nein zu sagen.
Etwas später schickt er mir dann Bilder von sich, seine Pobacken weit gespreizt und seine Öffnung rosig und deutlich sichtbar.
Kannst du dir vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn du mich dort endlich Haut an Haut spüren darfst?, schreibt er dazu. Ich liebe es, dass er immer noch mit mir flirtet und sich an unserem Verhältnis nichts geändert hat. Das Bild verschiebe ich gleich in den Ordner, in dem auch seine anderen Bilder uns Videos sind. Ich hatte nach der Trennung ein paar Mal mit dem Gedanken gespielt sie zu löschen, habe es aber nicht über’s Herz gebracht.
Weil ich Eren nicht lange warten lassen will und auf keinen Fall wieder provozieren möchte, schicke ich ihm schnell eine Antwort.

Kann’s kaum erwarten.

Natürlich reicht Eren das nicht aus und so ist es kein Wunder, dass er keine Minute später einen Videoanruf startet und wir den restlichen Abend damit verbringen uns gegenseitig scharf zu machen, bis wir beide befriedigt und ausgelaugt ins Bett fallen.
Am Dienstag informiert mich Eren dann darüber, dass sein Testergebnis ebenfalls negativ ist, was meine Freunde auf das kommende Wochenende noch mehr steigert. Außerdem wird mir bewusst, dass es nicht mehr weit bis Weihnachten ist, keine zwei Wochen mehr. Und als mein fester Freund erwartet er sicher ein Geschenk von mir. Daher bummle ich nach Feierabend noch etwas im Ort, bis ich etwas Passendes gefunden habe. Das richtige Geschenk für ihn kann ich Ende der Woche abholen, das andere nehme ich sofort mit und bin jetzt schon auf Erens Reaktion gespannt. Ein bisschen Spaß muss sein, denke ich mir, als ich mit einem Grinsen auf dem Lippen den Sexshop verlasse. Und weil ich dem Ganzen die Krone aufsetzen möchte, kaufe ich noch eine teuer aussehende Schachtel, in die ich das Geschenk lege. Ein bisschen schlecht fühle ich mich schon dabei, ihn so auf den Arm zu nehmen. Aber wenn er mich will, dann auch mit meinem Sinn für Humor. Damit muss er jetzt zurecht kommen.

Am Freitag bin ich bereits am Mittag, nachdem ich Erens Geschenk abgeholt habe und nach einem kurzen Wochenendeinkauf, zu Hause, da ich heute keinen Termin bei Hanji habe. Zu dieser Zeit des Jahres ist sie selbst meist im Urlaub und bietet daher keine festen Sprechzeiten an. Da wir uns aber so gut kennen und sie von meinen Probleme mit den Feiertagen weiß, kann ich sie jederzeit spontan anrufen und sie kommt dann vorbei, falls ich sie brauche. Ich hoffe, dass es dieses Jahr nicht nötig ist. Vor allem deswegen, weil ich mir jetzt schon ausmalen kann, wie sie reagiert, wenn sie von mir und Eren erfährt. Wahrscheinlich würde sie das dann als ihren großen Durchbruch mit mir feiern. Darauf habe ich keinen Nerv, denn die ganze Situation ist so neu für mich, dass ich mich selbst erst einmal mit all dem auseinandersetzen muss. Natürlich würde sie mir dabei helfen, ich könnte mit ihr über meine Ängste reden und sie würde mir auch nützliche Ratschläge geben, das stelle ich nicht in Frage. Aber darüber können wir auch noch im neuen Jahr reden, wenn ich die ersten Eindrücke für mich verarbeitet habe und besser einschätzen kann, wie es sich auf mein Empfinden auswirkt, nach so langer Zeit wieder in einer Beziehung zu sein.

Ich erledige noch ein wenig Hausarbeit, dann texte ich Eren, dass er sich auf den Weg zu mir machen kann, wenn er möchte. Es dauert auch nicht lange bis er mir antwortet, dass er auf dem Weg ist. Passt sich gut, so habe ich noch ein wenig Zeit eine Kleinigkeit zum Essen für uns zuzubereiten. Ich richte schnell einen Salat an und scheide dazu noch ein Baguette auf, das ich frisch belege, da klingelt es auch schon an der Tür. Gerade als ich auf dem Weg bin, diese zu öffnen, klingelt im selben Moment mein Handy. Ich möchte Eren schon für seine Ungeduld rügen, da sehe ich, dass der Anruf nicht von ihm, sondern von Petra kommt. Also betätige ich mit der einen Hand den Summer und drücke die Klinke nach unten, während ich mit der anderen das Telefonat entgegen nehme.
»Petra«, begrüße ich sie heiter, »Was gibt es?«
Mein Blick ruht dabei immer noch auf der Wohnungstür und als ich Erens brauen Haarschopf sehe, der sich mitsamt Reisetasche für die nächsten Tage in den Spalt schiebt, deute ich mit meiner Hand auf das Handy und winke ihn dann in die Wohnung hinein.
»Ich wollte mit dir über deinen Geburtstag reden. Feierst du dieses Jahr?«, fragt sie mich mit engelsgleicher Stimme.
»Mein Geburtstag?«, ich kratze mich nervös am Hinterkopf, denn mir wird bewusst, dass ich darüber mit Eren noch gar nicht gesprochen habe, »Darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch keine Gedanken gemacht.«
Ich beobachte Erens Reaktion, der mich mit weit aufgerissenen Augen ansieht und seine Tasche achtlos zu Boden fallen lässt. Verdammt! Ich hätte ihm das vielleicht wirklich eher mitteilen sollen.
»Wie meinst du das Du hast dir noch keine Gedanken gemacht, Levi?«, lacht sie, »Es ist doch nur noch eine gute Woche und außerdem fällt dein Geburtstag diesmal auf einen Samstag. Das bietet sich doch geradezu an.«
»Es gibt da etwas Neues in meinem Leben«, rede ich um den heißen Brei herum, denn ich weiß nicht, wie ich diese Situation klären soll mit Petra am Telefon und mit Eren im selben Raum, dessen Mimik andeutet, dass er auch gerne ein Wörtchen mitzureden hätte.
»Was meinst du damit, Levi? Hast du etwa wen kennengelernt?«
Ihre Frage klingt, als hätte ich ihr gerade erklärt, dass Schweine fliegen können. Ich beiße auf die Innenseite meiner Wange und sage dann: »Kann man so sagen. Ich habe einen festen Freund.«
Diese Worte klingen immer noch neu und ungewohnt für mich und für Petra wohl auch, denn ich höre sie einen kleinen Jubelschrei ausstoßen.
»Das freut mich so! Ich kann es kaum erwarten ihn kennenzulernen. Du bringst ihn doch zur Hochzeit mit, oder?«
»Ich denke schon«, sage ich und kneife mir dabei in den Nasenrücken, »Aber hör mal, ich würde das gerne alles erst einmal mit Eren besprechen. Können wir ein andermal weiter telefonieren?«
»Natürlich, Levi. Und grüß deinen Liebsten unbekannterweise von mir. Macht euch eine schöne Zeit, ja?«
»Sicher. Mach es gut, Petra«, verabschiede ich mich von ihr und lege auf. Gerade noch rechtzeitig, denn Eren sieht inzwischen so aus, als würde er jeden Moment platzen, wenn er nicht endlich sprechen kann.
»Wann wolltest du mir sagen, dass dein Geburtstag bevorsteht?«, schießt es aus ihm heraus, kaum dass ich das Handy auf dem Wohnzimmertisch abgelegt habe. Ein wenig enttäuscht sieht er dabei aus, als würde ihm gerade klar werden, dass er nicht so viel über mich weiß, wie er dachte. Und damit hat er ja auch recht. Selbst jetzt mache ich noch aus vielen Dingen in meinem Leben ein Geheimnis. Aber von meinem Geburtstag soll er ruhig wissen, denn für mich ist es keine große Sache.
»Hat sich bisher halt noch nicht ergeben«, spiele ich die ganze Situation also herunter, gehe auf ihn zu und gebe ihm einen kurzen, versöhnlichen Kuss. Ich möchte mich nicht streiten und dieses Thema einfach schnell hinter mich bringen. Also spreche ich weiter: »Kommende Woche Samstag ist es soweit, also am ersten Weihnachtstag. Ich mache da meistens nicht viel, außer dass Petra mit ihrem Verlobten vorbeikommt und ich etwas für uns koche. Aber ich glaube, das hat sie meistens mitgemacht, weil ihr der Gedanke, dass ich Weihnachten und meinen Geburtstag allein verbringe, nicht gefällt.«
Erens Mundwinkel zuckt kurz, dann nähert er sich mir und streicht mir eine Haarsträhne hinter das Ohr.
»Und wenn wir beide deinen Geburtstag zusammen feiern würden, würde dir das gefallen?«, fragt er dann schüchtern. Ich glaube, dass es ihm manchmal schwer fällt mich einzuschätzen und er immer noch Angst hat, dass er mich mit zu viel Nähe vertreiben könnte. Ich kann ihm das nicht übel nehmen, denn schließlich hätte ich vor wenigen Wochen auch noch genauso reagiert. Aber ich habe mich auf die Beziehung mit ihm eingelassen und weiß, dass sie nicht funktionieren kann, wenn ich ihn immer wieder auf Distanz halte und keinen Platz in meinem Leben einräume. Also gebe ich mir einen Ruck und stimme seinem Vorschlag zu.
»Ich denke, Petra wird es auch genießen, das letzte unverheiratete Weihnachten mit ihrem Zukünftigen ungestört verbringen zu können. Wer weiß, wann die beiden mit der Kinderplanung anfangen«, füge ich noch hinzu.
»Petra? Ist das die, zu deren Hochzeit du mich mitnehmen wolltest?«, hakt Eren nach und mir fällt auf, dass wir seitdem wir wieder zusammen sind, nicht darüber gesprochen haben, ob meine Einladung noch gilt. Auch das sollte ich schleunigst klären.
»Genau die. Und meine Einladung steht immer noch. Ich würde mich freuen, wenn du mich begleitest.«
Anders als beim ersten Mal, als ich ihn gefragt habe, würde es das diesmal tatsächlich tun. Auch wenn ich weiß, dass auf Petras Gästeliste zumindest eine Person ist, der ich eigentlich so schnell nicht mehr über den Weg laufen will. Aber für zwei Tage - den Junggesellenabschied von Auruo am Tag vor der Hochzeit und natürlich an der Hochzeit selbst - kann ich meine Arschbacken gerade noch zusammen kneifen und seine Anwesenheit ignorieren. Wobei er wohl einen größeren Grund hat mich zu meiden, als anders herum.
Ich merke, dass meine Gedanken wieder abdriften und schaue daher schnell hoch zu Eren, der mich grinsend ansieht und spricht: »Liebend gern.«
Nervöse Vorfreude macht sich bei mir breit, als er die Worte ausspricht.
Ich habe einen Freund, mit dem ich Weihnachten und meinen Geburtstag verbringe und den ich zu der Hochzeit meiner guten Freundin mitnehme und dort meinem Bekanntenkreis vorstelle. So recht will das immer noch nicht Sinn ergeben, aber zum ersten Mal merke ich, dass ich dabei keine beklemmende Angst verspüre. Nicht, wenn es sich dabei um Eren handelt.
Ich grinse schief und fordere ihn dann mit einem Klaps auf den Po auf seine Tasche auszuräumen und ordentlich wegzulegen, während ich das Essen für uns serviere.
»Nur ein kleiner Snack«, sage ich, als seine enttäuschten Augen am Salat hängen bleiben, »Heute Abend bestellen wir uns noch was.«
Das heitert ihn auf und er verputzt seine Portion ohne Widerworte. Von dort an dauert es auch nicht mehr lange, bis wir beide den Weg in mein Bett gefunden haben. Manche Dinge ändern sich wohl nie zwischen uns.
Da Eren auch Semesterferien hat, verbringt er die nächsten Tage meistens bei mir. Hin und wieder fährt er nach Hause oder in die Stadt um Besorgungen zu erledigen, aber spätestens am Abend ist er wieder da. Es ist für mich ungewohnt, ihn so lange am Stück um mich zu haben mit nur kurzen Unterbrechungen, anders als die Zeit vor unserer Beziehung, wo wir höchstens zwei Tage füreinander hatten. Aber bisher gefällt mir das nicht schlecht. Ich mag seine Gesellschaft, seinen Humor, die Geschichten, die er voller Begeisterung erzählt.
»Glaubst du es, ich habe tatsächlich meinen Ex verkuppelt!«, lacht er mit mir zusammen auf der Couch einen Tag vor Heiligabend.
»Wen? Reiner?«, frage ich ungläubig, meine mich aber an die Situation auf der Adventsfeier zu erinnern, in der er einen ähnlichen Plan verkündet hat. Eren nickt eifrig: »Der ist tatsächlich auf Bertholdt angesprungen. Hätte nicht gedacht, dass es so leicht sein wird. Aber nun muss Armin zumindest wegen Annie kein schlechtes Gewissen mehr haben.«
Eine Kleinigkeit stört mich an der Geschichte aber dann doch.
»Woher weißt du davon? Hat Bertholdt das gesagt oder...?«, lasse ich die Frage offen.
»Nein, das weiß ich von Reiner«, spricht er schnell, bemerkt dann aber die Bedeutung. Er rutscht nervös auf seinem Platz hin und her, bevor er mir mit zerknirschtem Blick beichtet: »Ich habe mich noch einmal mit ihm getroffen, als wir getrennt waren.« Er wendet seinen Blick von mir ab gen Boden und ich ahne Übles. Ich rede mir ein, dass ich keinen Grund habe eifersüchtig zu sein, egal, was da war, schließlich war ich derjenige, der ihn damals so hart abserviert hat und dass Eren kein Kind von Traurigkeit ist, ist mir durchaus bewusst.
»Lief was zwischen euch?«, will ich trotzdem wissen, denn Ehrlichkeit ist mir wichtig und auch wenn es mich verletzen würde, will ich Eren die Sicherheit geben, dass er sich mir anvertrauen kann.
Doch nun starrt er mich nur fassungslos an.
»Was? Nein! Ich sagte doch gerade, dass er jetzt Bertholdt hat«, verteidigt er sich, rudert dann aber zurück, »Aber ich habe versucht ihn noch mal rumzukriegen.«
Bevor die Eifersucht in mir hochsteigen kann, schlucke ich sie hinunter, lege Eren beruhigend meine Hand auf den Oberschenkel und spreche angespannt: »Es wäre verständlich gewesen. Schließlich habe ich uns erst in diese Situation gebracht. Du wolltest dich ablenken, das kann ich verstehen. Außerdem«, ich mache eine kurze Pause, »war ich ja auch nicht grundlos im Club. Wir wollten uns wohl beide auf andere Gedanken bringen.«
»Ja«, seufzt Eren wenig erleichtert, »das wollten wir wohl.«
Klatschend lässt er die Hände auf die Oberschenkel fallen und wechselt damit das Thema.
»Ich habe was für uns mitgebracht, als ich das letzte Mal in der Stadt unterwegs war.«
»So?«, frage ich, gespannt auf das, was jetzt kommt.
»Hmhm, aber ich befürchte, dass ich dich für meine Überraschung kurz in ein anderes Zimmer verfrachten muss.«
Ganz recht will mir nicht einleuchten, was er vorhat, aber ich zeige guten Willen und begebe mich ins Schlafzimmer, aus dem er zuvor noch einige große, blickdichte Tüten holt, mit denen er Richtung Wohnzimmer verschwindet. Es dauert sicher eine Stunde, in der ich gelangweilt an meinem Handy spiele, ehe er an die Tür klopft und mir signalisiert, dass ich ihm folgen soll.
Als ich dann das Wohnzimmer betrete, weiten sich meine Augen unwillkürlich. Eren hat den Raum in ein kleines Winterwunderland verzaubert. Überall hängt weihnachtliche Dekoration, er hat einen kleinen, künstlichen Tannenbaum aufgestellt, unter dem bereits ein Geschenk liegt und es duftet nach Zimt, Plätzchen und Orangen.
»Ich hoffe, es gefällt dir«, spricht er in mein Ohr und schließt mich von hinten in seine Arme.
»Es... wow«, staune ich, weil ich meinen Eindruck nicht recht in Worte fassen kann. Ich bin nicht der Typ für Dekorationen und Weihnachten habe ich auch nie groß gefeiert, aber Eren hat sich mit seiner Überraschung wirklich bemüht und ihm scheint es eine Menge zu bedeuten. Daher wende ich mich ihm zu und lächle ihn an.
»Es ist sehr schön geworden. Danke dir.«
Und um meine Worte noch zu untermalen, gebe ich ihm einen sanften Kuss auf den Mund.
Das freut ihn, denn nun breitet sich das Lächeln auch auf seinen Lippen aus.
»Ich hatte Angst, dass du es zu kitschig finden würdest«, gesteht er schüchtern. Damit schätzt er mich richtig ein, denn ich selbst hätte meine Wohnung niemals so zurecht gemacht. Aber es ist ja nur für ein paar Tage und wenn er daran Spaß hat, dann sei es ihm gegönnt.
»Ich habe noch etwas vorbereitet«, grinst er dann und deutet in die Küche. Ich folge ihm in den Raum, in dem sich die weihnachtlichen Gerüche gerade stauen und erkenne auch ziemlich schnell die Quelle dieser. Auf dem Herd steht ein Topf, in dem eine rötliche Flüssigkeit heiß dampft.
»Glühwein«, erklärt Eren und holt uns zwei Tassen aus dem Schrank, »Ich dachte, der wäre passend für einen schönen Filmabend.
Und so verbringen wir noch einige Stunden zusammen auf dem Sofa mit Filmen und Glühwein, bis Eren erneut nervös zu werden scheint.
»Ist es okay, wenn ich dir mein Geschenk jetzt schon gebe?«, fragt er dicht an mich geschmiegt, die Lippen rot vom Wein. Ich wüsste nichts, was dagegen spricht, also nicke ich ihm zu. Vorsichtig steht er dann vom Sofa auf und geht zum Baum, wo ich vorhin schon das Geschenk gesehen habe. Er nimmt es auf und kommt damit wieder zurück zu mir.
Zaghaft nehme ich es ihm aus der Hand. Ein wenig schnürt sich meine Kehle zu, denn ich befürchte schon, dass ich im Inneren der Schachtel einen Ring finde. Aber nein, zum Glück liege ich mit der Vermutung daneben. Es ist ein ledernes Armband mit einem silbernen Anhänger in Form eines Flügels. Es ist schön gearbeitet und wirklich geschmackvoll.
»Ich habe das passende Gegenstück dazu«, grinst Eren, während ich fasziniert das Schmuckstück durch meine Finger gleiten lasse, bevor ich es anlege. Er öffnet sein Hemd ein Stück weit und zeigt die Lederkette, an der ein ähnlicher Anhänger prangt, nur dass seiner zusätzlich von blauen Linien durchzogen ist.
»Sie sind wirklich hübsch. Danke schön«, sage ich ehrlich und küsse Eren noch einmal, weil ich mich immer noch ein wenig mit all dem schwer tue. Gemeinsam Weihnachten feiern, Geschenke für den Partner aussuchen und selbst welche erhalten, dass das jetzt wieder Teil meines Alltags ist, geht mir immer noch nicht ganz in den Kopf. Aber es ist schön, das ist es wirklich. Ich habe so viel Zeit meines Lebens damit verbracht über die negativen Aspekte einer Beziehung nachzudenken, dass ich diese wunderbaren Dinge vollkommen verdrängt hatte.
Daher fühle ich mich nun auch beinahe schlecht dabei, Eren mit dem Geschenk an ihn aufzuziehen. Aber ich bin nun mal ich und daher ziehe ich meinen kleinen Streich durch. Ich entschuldige mich kurz, gehe ins Schlafzimmer und hole die hübsche Schachtel aus dem Nachtschrank. Damit in der Hand gehe ich zurück zu Eren. Dem müssen beim Anblick der Verpackung wohl ähnliche Gedanken durch den Kopf schießen, wie eben noch mir, denn seine Augen weiten sich. Ich kann nur nicht einschätzen ob vor Angst oder Freude.
»Mach auf«, hauche ich verführerisch, als ich ihm da Geschenk mit einer Hand hin halte. Dabei beiße ich mir auf die Unterlippe, um nicht verräterisch zu lachen.
Eren hebt den Deckel der Schachtel an und ich kann förmlich dabei zusehen, wie der Zauber aus seinen Augen weicht und sein Blick sich dann von hoffnungsvoll zu verärgert wandelt.
»Ist das dein Ernst?«, fragt er empört und hebt dabei den Gagball am Lederriemen nach oben, um mir das Objekt seiner Wut zu präsentieren. Mein schlechtes Gewissen meldet sich, als ich ihn so erlebe, aber ich kann es beruhigen, indem ich mir sage, dass er sein richtiges Geschenk ja erst noch bekommt.
»Falls du mal wieder nicht die Klappe halten kannst«, necke ich ihn dann weiter, was dazu führt, dass er mich schmollend ansieht und die Arme vor der Brust verschränkt. Und weil ich es immer noch nicht sein lassen kann, setze ich noch einen drauf: »Ich stelle es mir schon heiß vor, wenn du das Ding trägst. Ein bisschen Abwechslung im Schlafzimmer ist nie verkehrt.«
Verdienterweise ernte ich damit einen Hieb seines Ellenbogens in meine Rippen.
»Vielleicht hätte ich deine Kinks mit dir diskutieren sollen, bevor ich mich auf was Festes eingelassen habe«, zischt er dann und schaut mich aus zusammengekniffenen Augen an, »Nichts dagegen, es ein wenig härter angehen zu lassen, aber das ist mir dann doch zu viel.«
»Sei nicht böse, Eren«, schnurre ich ihn an, »Glaub mir, ich kenne genug Arten, mit denen ich dich verwöhnen kann, wenn du mich nur lässt.« Mit jedem weiteren Satz fällt es mir schwerer ernst zu bleiben. Denn zugegeben, so offen ich für die meisten Kinks bin - und ich habe kein Problem mit Fesselspielchen oder Ähnlichem - ihn mit dem kleinen Plastikball zu knebeln gehört nun wirklich nicht zu meinen geheimen Fantasien. Dafür höre ich Erens Stimme beim Sex viel zu gerne.
»Sicher«, antwortet er abgeschlagen und fährt sich unwirsch durch das Haar, sein Blick schweift dabei suchend durch den Raum, »Du, ich bin ganz schön müde. Ich gehe schon mal vor ins Bett. Bleib’ ruhig noch wach, wenn du willst.«
Ohne auf eine Antwort zu warten, erhebt er sich und geht ins Schlafzimmer und zeigt mir damit unmissverständlich, dass er verärgert ist und nun einen Moment allein braucht. Ich fühle mich nicht ganz wohl dabei, den Scherz nicht gleich als solchen auffliegen zu lassen, rede mir aber ein, dass er dann umso glücklicher sein wird, wenn er später zur Abendbrotzeit mit dem richtigen Geschenk entschädigt wird.
Eine Stunde etwa bleibe ich noch wach, lasse mich etwas vom Fernseher berieseln, dann folge ich Eren ins Schlafzimmer, der schon tief und fest schläft. Ich ziehe mich schnell um, putze mir noch die Zähne, dann lege ich mich ebenfalls ins Bett und schmiege mich an ihn. Er grummelt dabei etwas, als er kurz wach wird. An seinen Rücken flüstere ich, dass er nicht böse sein soll, was ihn nur noch mehr grummeln lässt. Aber wenigstens wehrt er sich nicht gegen meine Nähe.

Auch am Morgen hat sich Erens Laune nicht gebessert. Zwar giftet er mich den Tag über nicht an, aber ich bekomme seine Enttäuschung deutlich zu spüren. Er initiiert keinen Körperkontakt, spricht nur das Nötigste mit mir und verbringt seine Zeit lieber mit dem Handy und dem Fernseher. Als er das Abendessen für uns zubereitet, verzichtet er auf mein Hilfsangebot und bleibt lieber allein in der Küche. Die Zeit nutze ich, um den Esszimmertisch außerhalb seines Blickfeldes zu decken und die Schachtel mit seinem Geschenk auf dem Teller zu platzieren. Als er dann endlich fertig ist und mit dem Braten in der Hand zum Tisch kommt, fällt sein Blick sofort darauf.
»Was ist das?«, will er wissen und stellt den Braten in der Mitte des Tisches ab, um sich die Schachtel näher zu betrachten.
»Hast du wirklich geglaubt, dass ich dir einen Gagball schenke?«, lache ich nun, glücklich darüber den Streich endlich auflösen zu können, denn ehrlich gesagt, so viel Spaß es mir gemacht hat, ihn an der Nase herumzuführen, noch lieber erlebe ich Eren glücklich.
Seine Antwort ist ein stummer Blick, der mir sagen soll Ja, genau das habe ich gedacht. Ich muss ein weiteres Mal lachen.
»Nun mach schon auf!«, fordere ich ihn dann auf.
Er wirkt zögerlich und skeptisch, als er die Schachtel öffnet und dann umso erstaunter, als er die Uhr betrachtet. Vorsichtig nähere ich mich ihm, als er sie in den Händen hält und flüstere: »Dreh’ sie um.«
Beinahe ehrfurchtsvoll lässt er seine Finger über die Gravur auf der Rückseite des Ziffernblatts fahren.
Eren&Levi, 12.12.
»Sie ist wunderschön. Vielen Dank«, haucht er und vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber ich glaube eine Träne in seinem Augenwinkel zu erkennen. Unweigerlich frage ich mich, ob er in seinem Leben jemals ein richtiges Weihnachtsgeschenk erhalten hat? Von seinen Eltern wohl kaum und bei seinem Ex kann ich es mir auch nicht vorstellen. Ob seine Schwester ihm wohl etwas schenkt? Seine Freunde? Oder der Bruder? Irgendwie schätze ich die gesamte Truppe nicht so ein. Eren wirkt immer verloren, als würde er seinen eigenen Wert nicht kennen, als hätte ihn nie jemand aufrichtig geliebt, was bei allem, was ich bisher aus seiner Vergangenheit gehört habe, wohl ziemlich nah an der Wahrheit liegt.
»Lass sie mich dir umlegen«, spreche ich sanft und nehme ihm die Uhr aus der Hand, um sie dann an seinem linken Arm zu befestigen. Wie vom Donner gerührt schaut er sich das Schmuckstück an, dass er um ein Haar das Essen vergisst.
»Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll«, sagt er dann, »So etwas hat mir noch nie jemand geschenkt.« Damit bestätigt er meine Vermutung. Ich möchte ihm sagen, dass es kein großes Ding ist, aber ich weiß, dass ich damit bei ihm einen falschen Nerv treffen würde, denn natürlich hat die Uhr Bedeutung und ich würde so etwas auch nicht jedem schenken. Wahrscheinlich würde er so eine Aussage auffassen, wie meine früheren Sprüche, als ich mir meine Gefühle für ihn nicht eingestehen wollte und meine Zuneigungsbekundungen genauso abgetan habe.
Daher antworte ich: »Es freut mich, dass sie dir gefällt« und schließe ich ihn dann in meine Arme. Dabei dirigiere ich ihn auf seinen Platz, denn so langsam bekomme ich wirklich Hunger und der Braten duftet köstlich. Und genauso schmeckt er auch, muss ich feststellen, als wir endlich zu essen beginnen. Eren hat sich Mühe gegeben, obwohl er zum Zeitpunkt des Kochens immer noch sauer auf mich war. Das rechne ich ihm hoch an. Und als wir nach dem leckeren Mahl wie von selbst den Weg in mein Schlafzimmer finden, lässt er mich noch einmal spüren, wie sehr ihm die Uhr gefällt und was ihm die kleine Aufmerksamkeit bedeutet.
Gegen Mitternacht wird er dann noch einmal nervös. Als ich ihn frage, was er hat, druckst er ein wenig herum.
»Ich habe da noch etwas für dich. Für deinen Geburtstag. Darum wollte ich dir das Weihnachtsgeschenk so früh geben, damit du nicht beides hintereinander bekommst.«
Das überrascht mich. Nachdem er sich bei seinem Weihnachtsgeschenk schon so verausgabt hat, hätte ich nicht noch mit einem zusätzlichen Geschenk gerechnet. Eren springt aus dem Bett und geht hinüber zu seiner Reisetasche, aus der er ein verziertes Paket holt.
»Alles Gute zum Geburtstag«, lächelt er und hält es mir hin. Vorsichtig öffne ich die Schleife und das Geschenkpapier. Im Inneren finde ich ein gerahmtes Bild von uns beiden. Zuerst frage ich mich, wann er das gemacht hat, erkenne dann aber, dass es während unseres Kurzurlaubs entstanden ist. Vage erinnere ich mich, dass er mich dort um ein Selfie gebeten hat, als ich schon fast am Schlafen war.
»Du hast so wenige Bilder und ich dachte, dass, naja, dass so ein Bild deiner Wohnung vielleicht ein bisschen mehr Persönlichkeit geben könnte«, verteidigt er seine Idee, als keine direkte Reaktion von mir kommt. Aber die Wahrheit ist, dass ich gerade mit meinen eigenen Gefühlen ringe. Mir wird bewusst, wie sehr ich ihn verletzt haben muss, immer und immer wieder mit meinem Hin und Her, meinen dämlichen Sprüchen und der Distanz, die ich zwischen uns schaffen wollte.
»Es ist perfekt«, sage ich dann und merke, dass nun ich es bin, der mit den Tränen ringt. Bevor ich mich unter meinen Emotionen auflösen kann, nehme ich Eren mit ins Wohnzimmer und stelle das Bild gut sichtbar auf, direkt neben das von Farlan und Isabel, das nach unserer ersten Nacht für so viel Streit gesorgt hat. Ich weiß, dass ich ihm irgendwann auch von den beiden erzählen muss und warum mir das Bild der beiden so viel bedeutet, aber ich hoffe, dass ich bis dahin noch ein wenig Zeit habe. Doch etwas in mir sagt, dass die Zeit bis dahin knapper ist, als mir lieb ist.
»Ich gehe noch eine rauchen«, lasse ich Eren wissen, denn nach all den Gefühlen, guten wie schlechten, brauche ich etwas frische Luft. Eren folgt mir nicht. Er scheint zu ahnen, dass ich den Augenblick für mich brauche und fragt auch nicht nach. Und so stehe ich in der kalten Dezemberluft, nur knapp bekleidet auf dem Balkon, ziehe an meiner Zigarette, während mir still die Tränen kommen, als mir wieder einmal bewusst wird, was ich verloren habe und was ich beinahe verloren hätte.

Die Gedanken an Farlan und Isabel lassen mich auch die nächsten Tage nicht los. Zu Silvester macht sich das Trauma immer besonders deutlich spürbar und die Zeit bis dahin scheint nur so zwischen meinen Fingern zu zerrinnen. Meine Anspannung wächst noch einmal besonders, als Eren mir seine Pläne für diesen Tag mitteilt. Er möchte die Silvesternacht mit mir draußen im Park verbringen, dort wo man das Feuerwerk der ganzen Stadt beobachten kann. Ich kann dazu schlecht nein sagen, denn er freut sich wirklich darauf und ich will ihm entgegen kommen, nachdem mein Verhalten schon für so viel Leid gesorgt hat. Dennoch kann ich es nicht ändern, dass ich gereizter bin und immer mehr zum Stall und auch zum Training flüchte und Eren mich meist nur ab dem späten Nachmittag zu Gesicht bekommt. Die Idioten, die ihre Böller schon Tage vor Silvester zünden, machen es mir auch nicht leichter. Ein paar Mal bin ich versucht, Hanjis Nummer zu wählen um eine Notfallsprechstunde zu vereinbaren, kann mich aber gerade noch so davon abhalten. Mit genug Entspannung schaffe ich es schon irgendwie, rede ich mir ein, auch wenn ich selbst noch nicht recht daran glauben kann. Aber vielleicht gibt mir Erens Nähe die nötige Sicherheit, die dunklen Stunden zu überstehen. Ich hoffe es zumindest.
Es ist eine Stunde vor Mitternacht, als Eren und ich uns am Silvesterabend mit zwei Flaschen Sekt im Gepäck auf den Weg machen. Die ersten Leute zünden bereits ihr Feuerwerk und bei jedem Knall zucke ich merklich zusammen. Ich fühle mich unwohl, beklemmt, als würde man mir die Luft abschnüren und ich weiß, dass es erst der Anfang ist. Normalerweise nehme ich an dem Tag starke Schlafmittel, um so wenig wie möglich von dem ganzen Theater mitzubekommen, aber heute geht das nicht, weil da eben dieser Junge ist, den ich besonders mag und den ich nicht schon wieder enttäuschen will. Vor allem will ich aber nicht, dass er anders über mich denkt. Also reiße ich mich am Riemen und setze ein Lächeln auf, auch wenn mir nicht danach ist. Vielleicht hilft der Alkohol mir ja, die ganze Geschichte glimpflich zu überstehen.
Doch da liege ich falsch, denn kaum stoßen Eren und ich im Park an und wünschen uns ein frohes neues Jahr, geht das Geballer los und mein Albtraum beginnt. Ein lauter Böller wird unweit von uns gezündet und das nächste, das ich merke ist, dass ich mein Glas fallen lasse und auf dem Boden zusammensinke. Bilder von damals schießen vor mein Inneres Auge, von meinen Kameraden am Boden, von dem Blut, von dem Kugelhagel. Wie durch einen Nebel nehme ich Erens Stimme wahr, der meinen Namen ruft und mich fragt, was los sei. Doch ich kann nicht antworten. Ich halte meine Arme schützend über den Kopf und bin plötzlich in der Vergangenheit gefangen, fühle mich genauso macht- und hilflos wie damals. Warme Arme legen sich um mich, helfen mir auf und führen mich, während die Welt um mich herum verschwimmt. Ich bekomme kaum mit, wie meine Füße mich durch die Stadt tragen und wir meine Wohnung erreichen. Kaum schließt sich die Tür hinter uns, breche ich auf dem Boden zusammen, schluchze und kann mich nicht beruhigen.
Dann sind da wieder Erens Hände, die nach meinen greifen, die mir durch das Gesicht streicheln, die sich auf meine Schultern und dann meinen Oberkörper legen. Sein Atem geht ruhig und fest und langsam aber sicher schaffe ich es mich dem anzupassen. Ein und aus.
Als die Tränen versiegt sind, der Lärm nachgelassen hat und ich langsam zu mir finde, schaut Eren mich besorgt an. Ich schlucke, denn ich weiß, dass ich ihm eine Erklärung schuldig bin.
Und dann fragt er mich die Frage, vor der ich mich immer gefürchtet habe: »Willst du mir erzählen, was da gerade passiert ist?«
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