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Perfect Destruction

von Yondu
GeschichteDrama, Familie / P16 / Het
Black Widow / Natasha Romanoff Captain America / Steven "Steve" Grant Rogers Hawkeye / Clint Barton Hulk / Bruce Banner Iron Man / Anthony Edward "Tony" Stark Virginia "Pepper" Potts
17.06.2021
14.09.2021
2
7.087
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14.09.2021 3.588
 
Author's Notes

Ein herzliches Danke an ceeliinee für das liebe Review! ★


❈❈❈


Ein paar letzte Worte
Kapitel 2


★ 20. Dezember 1991 ★


Er wusste nicht genau, wie lange er schon auf dem Bett lag und seine Zimmerdecke anstarrte. Auf jeden Fall war es draußen noch dunkel gewesen. Inzwischen war es hell vor dem Fenster, die Sonne schien, vollkommen unpassend zu seiner Stimmung. Im Haus war es vollkommen still. Zu still, wenn man wusste, dass es von jetzt an für immer so sein würde.
Er wusste auch nicht, wie lange er sich nicht mehr die Tränen aus den Augen gewischt hatte. Es war auch vollkommen unbedeutend. Er spürte, dass seine Wangen und Wimpern klebten, aber er wollte es lieber jetzt zulassen als nachher vor all diesen Menschen, die er gar nicht wirklich kannte. Ob er überhaupt jemanden angesehen von Obadiah kennen würde?

Er fror seit Mrs. Lane, ihre Haushälterin, hereingekommen war, um das Fenster zu öffnen und ihm zu sagen, dass sie das Frühstück fertig hatte. Er hatte keinen Appetit und obwohl sich seine Finger schon fast taub anfühlten schaffte er es einfach nicht, aufzustehen.
Er musste daran denken, was ihm zuletzt durch den Kopf gegangen war, die vielen bösen Gedanken, die sich gegen seinen Vater richteten und wie er mit seiner Mutter umgegangen war. Er dachte an den letzten Blick ihrer Augen, der ihm deutlich verraten hatte, dass sein Verhalten ihr wehtat. Aber er würde sich dafür niemals entschuldigen können. Er würde es nicht wieder gut machen können. Er hatte sich weder von Howard noch von ihr verabschiedet und nun würde er sie niemals wiedersehen. Er war alleine, vollkommen alleine.
Es gab keine Großeltern, es gab keine liebe Tante, keinen verrückten Onkel zu denen er gehen könnte. Außer seinen Eltern war da niemand. Er hatte nie darüber nachgedacht, weil es so selbstverständlich war, dass er zumindest seine Eltern hatte. Er wusste einfach nicht, was er jetzt tun sollte. Was sollte er denn alleine auf der Welt?

Er hörte zwar das Klopfen an seiner Tür, aber er konnte nicht darauf reagieren. Er wollte eigentlich auch niemanden sehen. Am liebsten wäre er hiergeblieben und hätte sich weiter verkrochen, so wie er es die vergangenen Tage getan hatte. Er wollte nicht auf diese hoch offizielle Beerdigung, zu der vermutlich sogar angebliche Freunde erschienen, die Howard seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Er wollte nicht, dass irgendwelche ihm fremden Personen sich genötigt fühlten, ihm ihr tiefes Mitgefühl auszusprechen. Aber er würde nicht drum herumkommen.
Es klopfte erneut, doch die Erdanziehungskraft schien stärker zu sein, wenn sie auf die eigene Lustlosigkeit traf. Warum konnte er nicht einfach hierbleiben? Warum konnte er nicht einfach einschlafen, wieder aufwachen und alles wäre wieder in Ordnung? Warum konnte es nicht so leicht sein? Er biss sich auf die Lippe, um ein Schluchzen zu unterdrücken.

Als er auch auf das nächste Klopfen nicht reagierte, schob sich Obadiah ungebeten herein. Nicht, dass er das gesehen hätte, denn er starrte noch immer an die Decke, aber er kannte sonst niemanden, der dieses aufdringliche Aftershave benutzte.
Wahrscheinlich sollte er endlich aufstehen, wenigstens den Anstand besitzen, den Älteren anzusehen, aber das ging nicht. Sein Körper wollte ihm nicht gehorchen, egal wie lange Obadiah unbeholfen in seinem Zimmer herumstand und auf eine Reaktion wartete. Er war dazu gerade einfach nicht fähig. Wenn er doch nur jemanden hätte, mit dem er wirklich reden könnte...

„Tony, es wird langsam Zeit. Wir müssen los. Du hast dich ja noch nicht mal angezogen“, redete der Ältere schließlich auf ihn ein, doch die Worte kamen gar nicht so richtig zu ihm durch. Er war gar nicht richtig hier und wusste nicht einmal genau, wo er stattdessen war.
Er gab Obadiah keine Antwort, starrte weiter an die Decke und ließ sich nicht einmal zu einem Nicken hinreißen. Er wusste, dass er es damit keinem leichter machte, er wusste, dass er es so nicht tun sollte, nur...
„Na komm schon, Tony. Wir können die doch nicht alle warten lassen“, versuchte Obadiah es noch einmal und ohne, dass er selbst etwas hätte tun können, kamen ihm noch mehr Tränen, die er unnötigerweise hinter seinen Händen zu verstecken versuchte und sich auf die Seite, mit dem Rücken zu dem Älteren, drehte. Er wollte nicht! Der irrationale Gedanke, dass es nicht passiert war, wenn er sich nicht damit auseinandersetze obsiegte und die innere Verzweiflung, dass er dieser Wahrheit nicht entkommen konnte.

Nach einer Weile hörte er Obadiah tief seufzen, bemerkte dann, wie die Matratze unter seinem Gewicht ein ganzes Stück nachgab, ehe er im nächsten Moment dessen große Hand auf seiner Schulter hatte. Er wusste, dass es eigentlich nicht sein Ding war, andere aufzubauen, aber für ihn schien er es wenigstens zu versuchen.
„Ich kann verstehen, dass du traurig bist“, setzte der Ältere ein wenig unbeholfen an. Man konnte deutlich spüren, dass ihm solche Gespräche nicht lagen, aber er rechnete es dem Freund seines Vaters an, dass er es wenigstens versuchte. „Sich vorzustellen, dass ein Mann wie Howard...“
Doch ab diesem Punkt unterbrach er ihn lieber rasch, wischte sich die feuchten Augen und meinte: „Heb dir das für deine Rede auf.“ Er wollte jetzt nicht hören, wer sein Vater in den Augen anderer gewesen war. Er wollte überhaupt nichts über Howard Stark hören, auch wenn das wohl unvermeidlich war...

Wieder hörte er Obadiah seufzen, bevor er das Thema fallen ließ, sich stattdessen an einem Mindestmaß Fürsorge versuchte: „Na gut. Hast du wenigstens etwas gegessen?“
Irgendwie war das skurril, wenn Obey danach fragte. Nicht, weil er fett war, sondern weil es nicht zu ihm passte, weil er nie in dieser Rolle gewesen war. Vielleicht auch, weil ihn das seit bestimmt sechs Jahren keiner mehr gefragt hatte.
Wahrheitsgemäß schüttelte er den Kopf und begründete knapp: „Kein Hunger.“ Was sollte er sonst sagen? Es war nun einmal so. Er brachte im Moment nichts runter. Daran würde auch Obadiahs besorgtes Stirnrunzeln nichts ändern können.
„Na schön. Aber tu das bitte nachher. Irgendwann musst du mal was essen“, beharrte der Ältere und er sah zu, dass er nickte. Es war egal, ob er sich letztlich an dieses Zugeständnis hielt oder nicht. Hauptsache Obey ritt nicht weiter darauf herum. Ihm war gerade nichts so gleichgültig wie sein Hungergefühl.

Einen Moment saß Howards alter Freund noch da, schien zu überlegen, ob es noch etwas gab, das er ansprechen musste. Die große Hand lag immer noch auf seiner Schulter, er spürte den leichten Druck, bevor er meinte: „Dann zieh dich an. Ich warte unten auf dich.“
Wieder nickte er nur. Seine Stimme kam ihm seltsam dünn vor. Er wollte sicher nicht mehr als unbedingt nötig sprechen. Eigentlich wollte er es gar nicht. Nur ging es wohl kaum darum, was er wollte und was nicht.

Widerwillig setzte er sich auf, zwang sich dazu, endlich aufzustehen, als Obadiah die Tür wieder hinter sich geschlossen hatte. Er hatte das Gefühl, keinen Schritt laufen zu können. Es war, als würde er auf Watte gehen. Wie sollte er diesen grässlichen Tag nur überstehen?
Er versuchte seine ständig kreisenden Gedanken irgendwie in den Griff zu bekommen, während er fast benommen zum Kleiderschrank taumelte. Eigentlich hätte er das zu seinem Vortrag anziehen sollen, zu dem seine Eltern ursprünglich hätten mitkommen sollen. Wieder musste er sich fest auf die Lippe beißen, um der aufkommenden Gefühle Herr zu werden. Er musste da jetzt irgendwie durch. Es half nichts.
Er wischte sich mit dem Ärmel durchs Gesicht. Eine Viertelstunde fuhren sie hin. Eine Dreiviertelstunde würden Sie in der Kirche sitzen, dann hatte er es fast geschafft. Heute Abend konnte er sich wieder verstecken. Bis dahin musste er sich irgendwie zusammenreißen.


Gute 20 Minuten später saß er neben Obadiah und wünschte sich irgendwo ganz weit weg. Mit jeder Minute breitete sich die Übelkeit in ihm noch mehr aus. Da half es ihm wenig, dass Obey schon wieder fleißig mit geschäftlichen Gesprächen beschäftigt war. Es ging eben immer nur um die Firma und die Investoren waren nicht so rücksichtsvoll zu warten, bis Howard Stark unter der Erde war. Noch so eine harte Wahrheit, die er am liebsten verdrängt hätte. Aber das Geschäftsleben war eben nichts für sensible Gemüter, das hatte sein Vater ja oft genug betont.

Er richtete seinen Blick aus dem Fenster. Es war kalt und an den Ästen konnte man feinen Raureif erkennen. Die Luft roch nach Schnee, aber der Himmel war noch kristallklar. Ein Wetter, das nach wie vor so gar nicht zu seinem Gemütszustand passen wollte, aber vielleicht war das auch gar nicht so verkehrt. Schließlich wollte er ja vor Obey so tun, als wäre alles in bester Ordnung, damit er sich bloß nicht noch mehr sorgte und ihm womöglich doch noch ein Gespräch aufnötigte, das keiner von ihnen führen wollte.
Er versuchte die Hände still zu halten und sich nicht anmerken zu lassen, dass er schon wieder kurz davorstand, in Tränen auszubrechen. Er versuchte nicht daran zu denken, dass er diese Straßen hunderte Male mit seinen Eltern gefahren war. Eigentlich war ja meistens auch Happy gefahren. Das tat er jetzt auch und er war froh drum. Bei Happy fühlte er sich sicher, was als Bodyguard ja auch Sinn machte. Allerdings war auch er heute extrem still. Es war ihm lieber so. Besser als wenn Happy krampfhaft versuchte, die richtigen Worte hervor zu pressen.
Er wünschte, Happy hätte auch etwas für seine Eltern tun können. Warum hatte er sie nicht zum Flughafen fahren können? Warum musste sein Vater immer alles alleine machen? Vielleicht wäre ihnen nichts passiert, wenn Happy...

Und genau dieses Spiel hatte er nicht anfangen wollen. Hätte, wäre, wenn und aber... Das brachte ihn doch nicht weiter. Bislang wusste man nicht, wie der Unfall passiert war. Die Ermittlungen liefen noch, doch man hatte bereits durchblicken lassen, dass ein Fremdverschulden ausgeschlossen werden konnte.
Er war sich nicht sicher, ob das besser war oder es noch unerträglicher machte. War es wirklich leichter, wenn man niemandem die Schuld geben konnte? Oder sollte er seinem Vater die Schuld geben, weil er gefahren war? Sollte er ihm die Schuld geben, dass seine Mutter tot war? Er fühlte sich so schrecklich mit diesen Gedanken. So etwas sollte man nicht denken.
Er merkte gar nicht, dass er mit den Zähnen knirschte, sehr wohl aber, dass Happy besorgt in den Innenspiegel blickte. Er dachte nicht drüber nach, als er ihm mit einer Handbewegung bedeutete, dass er das Radio lauter machen sollte. Er ertrug diese Stille nicht...

„Tony, ich weiß nicht ob diese Musik gerade so angebracht ist“, wandte Obadiah ein und reizte ihn damit zu einem etwas genervten Stöhnen. Er wusste, dass weder er noch sein Vater etwas mit AC/DC anfangen konnte, aber es half ihm gerade, nicht die ganze Zeit an seine toten Eltern zu denken, zu deren Beerdigung sie gerade fuhren.
„Lass mich“, murmelte er zurück. Und wenn er den "Reiches-Kind-von-reichen-Eltern"-Bonus ausspielen musste um zu bekommen, was er wollte, dann würde er das auch tun.
Er sah, dass Obey protestieren wollte, dann aber ebenfalls einen Blick auf Happy warf, der beschwichtigend den Kopf schüttelte. Gut, dass wenigstens einer auf seiner Seite war. Er fühlte sich so selten verstanden, dass es unendlich guttat, wenn Happy das zur Abwechslung hinbekam.


❈❈❈


„Ich kann das nicht.“ Er hatte diese Worte nicht laut aussprechen wollen. Er hatte das für sich behalten wollen. Keine Schwäche zeigen, aber er hatte jetzt schon das Gefühl, als würde er keine Luft mehr bekommen.
Wie sollte er diesen Tag überstehen? Er wusste doch nicht einmal, wie er es in den vergangenen drei hinbekommen hatte.
Er konnte jetzt nicht aussteigen, nicht dorthin gehen, wo all diese Menschen warteten, die er in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen hatte. Ihm wurde ganz übel und er würde im Augenblick nichts lieber tun, als Happy davon zu überzeugen, dass er ihn wieder nach Hause fahren sollte.
Er würde das unmöglich schaffen. Er bemerkte, dass sein Puls zu rasen begann, dass sein Herz immer wieder einen Schlag aussetzte, nur um dann mit doppelter Geschwindigkeit gegen seinen Brustkorb zu hämmern. Was sollte er bloß tun?

Dass ihm ausgerechnet jetzt wieder die Augen brannten, war alles andere als hilfreich. Er hörte, wie Obadiah die Luft scharf durch die Nase zog. Er wusste, was in dem Älteren vor sich ging. Er konnte es nicht leiden, wenn er außerstande war, das zu tun, was er eben tun sollte.
Wie oft hatten Howard und er es ihm vorgepredigt? Dass man sich zusammenreißen musste, dass das Leben hart war, wenn man erfolgreich sein wollte. Wer hatte überhaupt gesagt, dass er das wollte? Nicht zum ersten Mal wünschte er sich, dass sein Leben bis zu diesem Punkt einfach ein ganz normales wäre.
Weg von dieser scheinbaren Perfektion. Weg von dem ganzen Luxus. Warum hatten sie nicht gewöhnlich sein können? Wieso konnte er nicht durchschnittlich sein? Er war fest davon überzeugt, dass dann vieles leichter gewesen wäre und…

„Tony, wir haben dafür jetzt keine Zeit“, mahnte Obadiah ihn und zumindest erkannte er ihn jetzt wieder. Das vorhin, diese Fürsorge, das war einfach nichts, was er mit dem Freund seines Vaters verband. Trotzdem halfen diese Worte ihm gerade nicht weiter.
Er bemerkte, dass er schlechter Luft bekam. Obey wollte etwas sagen, doch Happy schüttelte erneut den Kopf, bedeutete ihm, dass er aussteigen sollte. Mit einem fast widerwilligen Grummeln kam der Ältere dieser Aufforderung tatsächlich nach, murmelte noch was davon, dass er ihn zur Vernunft bringen sollte und nur ein paar Wimpernschläge später saß Happy an seiner Seite.
Diese Gesellschaft war ihm schon viel lieber. Bei ihm musste er sich wenigstens keine Sorgen darum machen, welches Bild er hier abgab. Er wünschte, er könnte sich unsichtbar machen.
Er bemerkte, wie Happy einen Arm um seine Schultern legte. „Ich fahr dich zurück, wenn du willst. Musst es nur sagen. Du weißt, ich pfeif auf das, was Obadiah sagt“, erinnerte Happy ihn mit diesem typischen, rebellischen Ton, den er an ihm so mochte.
Tatsächlich brachte ihn die Vorstellung eines vor Wut schäumenden und wild mit den Armen rudernden Obadiah für einen kurzen Moment zum Lächeln. Es wäre so toll, wenn die Dinge so leicht sein könnten, wie er sie sich mit Happy manchmal ausmalte. Aber nicht heute…

Sie schwiegen einen Moment. Er traute seiner Stimme gerade nicht so recht. Er fürchtete, dass er so erbärmlich klingen würde, wie er sich gerade fühlte. Das wollte er um nichts in der Welt riskieren und doch konnte er nicht ewig stumm bleiben. Er war kein Kind mehr.
Schließlich war es Happy, der erneut das Wort ergriff. „Aber ich denke, du solltest trotzdem gehen und… ich weiß auch nicht… dich verabschieden?“
Er nickte ein bisschen abwesend. Es tat weh darüber nachzudenken, dass er heute Abschied nehmen musste, ob er wollte oder nicht. Ihm blieb keine andere Wahl und gewiss würde er es irgendwann bereuen, wenn er sich heute nicht überwinden konnte.
Er musste schwer schlucken, atmete dann zitternd wieder aus. Er wusste nicht, wie er das hinbekommen sollte, nur einen Ausweg gab es nicht. So sehr er sich auch wünschte, er könnte Happys eben gestelltes Angebot einfach annehmen und mit ihm irgendwo hinfahren, wo ihn niemand kannte und wo es keinen Obadiah gab, der ihn nerven konnte.

„Ja… das sollte ich besser machen“, stimmte er also mit wackeliger Stimme zu und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, die ungebeten gekommen waren. Er fürchtete, dass es gleich noch viel schlimmer werden würde.
Er warf einen Blick aus dem Fenster, konnte die vielen, ganz in schwarz gekleideten Gestalten sehen. Das war so gruselig. Er wünschte, er könnte Happy mitnehmen, aber der sollte ja leider am Wagen auf sie warten. Anordnung von Obadiah. Wie er diese ganzen, dummen Regeln hasste, die bei genauerer Betrachtung keinen Sinn ergaben, sondern nur so waren, weil es eben immer so gewesen war.
„Danke, Happy“, brachte er noch über die Lippen, aber mehr konnte er jetzt wirklich nicht sagen, sonst würde er ganz sicher wieder in Tränen ausbrechen.
Der Bodyguard – und wahlweise eben auch Chauffeur – nickte, versuchte sich an einem Blick, der ihm wohl ein bisschen Mut machen sollte und stieg dann wieder aus. Er tat es Happy gleich, auch wenn er das Gefühl hatte, als würden seine Beine jeden Augenblick nachgeben.

Von jetzt an war es wieder, wie auf Wolken zu laufen und durch einen Tunnel zu sehen. Er war wie in Trance, als er an Obadiahs Seite trat. Er reagierte nicht darauf, dass er ihm einen Arm um die Schultern legte und ihn mehr mit sich zog, als dass er neben ihm hergehen konnte.
Er hörte zwar, was die Stimmen um ihn herum sagten, doch es drang nicht ganz bis zu ihm durch. Viele der Anwesenden meinten, ihm ihr Mitgefühl oder so etwas ausdrücken zu müssen. Er kannte die doch alle nicht. Er ließ es über sich ergehen. Ebenso die Umarmungen von wildfremden Leuten, die irgendwie mit seinem Vater zu tun hatten.
Fast war er froh, als er endlich wieder sitzen konnte. Während der Pfarrer anfing zu reden, vermied er es ganz bewusst den Blick zu heben. Er wollte nicht die Bilder seiner Eltern sehen, die man aufgestellt hatte und erstrecht nicht…

Er vergrub die Finger so tief im schwarzen Stoff seiner Hose, dass es beinahe schmerzhaft wurde. Ihm wurde schon wieder so unerträglich schlecht. Irgendein vollkommen irrationaler Teil in ihm begann ihm einzureden, dass das nicht real war, dass er träumen musste oder etwas in der Art. Der Kopf schien das alles nicht begreifen zu wollen.
Er achtete nicht darauf, was gesagt wurde. Er hörte keinem von denen zu, die nach vorne kamen, um irgendwelche Reden auf Howard Stark zu schwingen. Seinen Vater, den er bis zum letzten Moment gehasst hatte.
Schmerzhaft fest biss er sich auf die Lippe, zwang sich dazu, keinen Laut von sich zu geben. Er wollte nicht noch mehr mitleidsheischende Blicke bekommen. Verdammt, er wollte hier nur weg!
Er hätte Happys Angebot doch annehmen sollen, ob es richtig war oder nicht. Das spielte doch keine Rolle, aber dass hier… Das war… Dafür gab es keine Worte! Schmerz und Wut schienen gegeneinander zu kämpfen und er hätte das alles nur zu gerne irgendwo rausgelassen, doch er konnte das nicht. Er konnte das einfach nicht.


❈❈❈


Er hatte keine Ahnung, wie er die letzte Dreiviertelstunde überstanden hatte. Er wusste nicht, wie er all diese Blicke ausgehalten hatte. Er wusste nicht, wie lange er hier draußen in der Kälte gestanden und auf den Grabstein vor sich gestarrt hatte.


Howard Edward Walter Stark

* 15. August 1922 ~ † 16. Dezember 1991


Was hätte er sagen können? Was hätte er sagen sollen? Was hätte sein Vater jetzt von ihm verlangt, in diesem Augenblick? Er wusste es nicht. Er wusste nicht, was er ihm sagen sollte. Er könnte ihm unendlich viel vorwerfen, alles aus sich herausschreien. Es war ja niemand mehr hier. Er könnte sagen, was er sich gewünscht hätte und niemals bekam. Er hätte sich entschuldigen können, dafür, dass er Howards Erwartungen niemals erfüllt hatte, aber…
Es gab nichts, was er ihm sagen wollte. Nichts, das noch von Bedeutung wäre. Es war alles egal. Sie hatten es nie geschafft, einander zu verstehen. Sie hatten nie eine intakte Vater-Sohn-Beziehung gehabt.
Vielleicht sollte er sagen, dass er ihn trotzdem liebte. Dass er ihm vergeben hatte und so weiter… Aber so war es ja nicht und er würde jetzt nicht hier im Regen stehen und irgendwelche Lügen von sich geben, nur um sein Gewissen zu erleichtern. Falls er seinen Eltern noch etwas sagen könnte, falls es noch etwas Wichtiges gab, dann…

Sein Blick wanderte zur Seite. Wenn er die Möglichkeit hätte, mit einem von beiden noch einmal zu reden, dann mit seiner Mutter. Mit der einzigen Person, der er scheinbar nicht egal gewesen war und die ihn verstanden hatte, die immer versucht hatte, ihre komplizierte kleine Familie zusammenzuhalten.
Wenn sie jetzt vor ihm stehen würde und er ihr etwas sagen könnte, dann… „Es tut mir leid, dass ich dich angeschrien habe. Es tut mir leid, dass ich dir wehgetan habe.“ Seine Stimme war so dünn, so wackelig. Er konnte gegen die Tränen nichts machen, aber im Regen fielen die ohnehin nicht auf.
Seine Brust wurde eng. Ein unangenehmes Stechen breitete sich dort aus. Er konnte es nicht wieder gut machen. Auch nicht mit diesen Worten, aber das war nun einmal alles, was ihm noch blieb.
„Ich hätte dich in den Arm nehmen und danke sagen sollen.“ Dass hätte er wirklich tun sollen. Maria hatte es nicht verdient, sie hatte seinen Zorn niemals verdient. Wie hatte er ihr das nur antun können? „Ich hätte nicht enttäuscht von dir sein dürfen. Du warst die Einzige, die alles richtiggemacht hat. Es tut mir leid, dass ich dir das nicht früher gesagt habe.“

Er wünschte, er hätte es ihr noch einmal sagen können. Wenigstens ihr. Er hätte ihr gerne noch viel mehr gesagt, aber er konnte nicht. Der Schmerz überrollte ihn, sodass ihm kein einziges Wort mehr über die Lippen kommen konnte.
Da war nur Schluchzen und Wimmern und ab und zu ein tut mir leid. Mehr brachte er nicht mehr zustande. Musste er auch nicht.
Er war alleine. Jetzt war er vollkommen alleine.

Es war Happy, der ihn irgendwann vom Boden hochzog. Er wusste nicht einmal mehr, wie er dorthin gekommen war.
Es war auch Happy, der ihn wieder zum Wagen zurückbrachte, der ihn wieder nach Hause fuhr. All das, nahm er gar nicht richtig wahr. All das passierte, ohne dass er diesem Prozedere Bedeutung beimessen konnte.
Was spielte es für eine Rolle? Er war… alleine.


❈❈❈


TBC

Nachwort

Kein besonders fröhliches Kapitel, aber ich hoffe dennoch, dass es euch gefallen hat und bedanke mich fürs Lesen. ◠‿◠
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