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Neuanfänge

von Jaderegen
GeschichteRomance, Fantasy / P12 / Mix
17.06.2021
08.10.2021
8
21.688
1
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17.06.2021 2.201
 
Vorwort:

Man mag es kaum glauben, aber ja, es gibt mich noch. Die letzten Jahre habe ich primär für mich geschrieben, hauptsächlich in einem RPG-Universum mit einer Freundin. Im Zuge dessen sind auch viele Kurz- und Zusatzgeschichten entstanden, von denen ich nun eine mit euch teilen möchte. Sie ist für sich stehend verständlich und von einer anderen Freundin, die sich immer mal wieder mit meinen Texten befasst, beta-/testgelesen. Ich bin gespannt, wie sie euch gefällt, freue mich auf/über Austausch und wünsche euch natürlich sehr viel Spaß beim Lesen. :)
(Anmerkung: Die Geschichte wird auch auf Belletristica von mir hochgeladen, es handelt sich also nicht um ein Plagiat. Auf weiteren Seiten gibt es sie allerdings nicht.)


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Zakarij starrte die gerade zugefallene Doppeltür noch einen Augenblick lang an, bevor er sich von dem Gebäude abwandte, um die Straße in Augenschein zu nehmen. Scheiße. Die letzten Tage waren in seiner Erinnerung zu einem verschwommenen Klumpen Chaos zusammengeschrumpft. Eine Razzia der übernatürlichen Polizei. Das Lager von den Aktiven aufgelöst. Seine ganze Familie festgenommen. Die Befragungen und ein Gerichtstermin. Der Urteilsspruch. Die Hoffnungslosigkeit. Das Alleinsein, das ihn unweigerlich auffressen würde. Er machte ein paar unsichere Schritte von dem Gebäude weg. Das Gericht hatte seine Eltern des Mordes für schuldig befunden und sie zu 20 Jahren Haft, die Höchststrafe nach übernatürlichem Gesetz, verurteilt. Obwohl sie doch immer das Richtige getan haben. Zumindest hatte Zakarij das bisher gedacht. Offensichtlich ein Trugschluss. Er selbst war mit einer Strafe auf Bewährung davongekommen, da er keinen Vampir eigenhändig umgebracht hatte und mildernde Umstände zum Tragen kamen. Man hatte erkannt, dass er in diese Jägergilde hineingeboren worden und ohne Alternativen aufgewachsen war. Die Verwandlung in einen Werwolf hatte nicht er selbst entschieden, sondern war beschlossen worden, damit er ein effektiverer Krieger im Kampf gegen die Vampire war. Ein Krieg, den es nicht gab. Als gerade Volljähriger gab es keine nennenswerten Anlaufstellen mehr für ihn. Er war zu alt, um in Jugendprogramme zu fallen und hatte zwar einen Bewährungshelfer, aber der Großteil blieb dennoch an ihm hängen. Er musste sich ein neues Leben aufbauen und hatte keine Ahnung, wie er das anstellen sollte.
Er roch einen der Aktiven, einen jungen Burschen, kaum älter als er selbst. Er war auch in einem der Verhöre anwesend gewesen und hatte sich als Isaiah Newton vorgestellt. Zakarij machte sich nicht die Mühe, sich zu ihm herumzudrehen.

„Du hast auf meinen Vorschlag hin überhaupt nichts gesagt.“

Zakarij reagierte nicht.

„Du solltest wirklich über dieses Werwolfrudel nachdenken. Du hättest zumindest Anschluss. Und eine einfache Arbeit findet du auf den Färöern.“

„Sehe ich aus wie ein verfickter Schäfer?!“, entfuhr es ihm.

„Im Moment siehst du aus wie ein Verbrecher, der keine Ahnung hat, wo er hin soll. Was früher oder später wohl weitere Kriminalität nach sich zieht.“

„Steht das in deinen Lehrbüchern?“ Zakarijs Stimme klang giftig.

„Das sagt mein Mentor. Aber ich fände es schade, wenn du völlig auf die schiefe Bahn gerätst. Für die Dinge bisher konntest du nichts, aber ab jetzt liegt es vollkommen in deiner eigenen Verantwortung.“

Zakarij wandte sich ihm nun doch langsam zu. „Bist so ein übermotivierter Aktivenanwärter, hm? Der noch glaubt, jede Seele retten zu können?“

„Ist daran etwas falsch? Ein bisschen Idealismus hat noch nie geschadet, schätze ich.“ Er lächelte leicht. „Ich gebe dir jetzt einfach die Kontaktdaten von einem der Rudelmitglieder. Yngva hat zugesichert, dass sie grundsätzlich bereit wäre, dir eine Chance zu geben.“

„Ich brauche ihre Hilfe nicht.“

„Wie du meinst.“ Isaiah machte einen Schritt nach vorne und steckte ihm dennoch eine Karte mit handgeschriebener Telefonnummer in die Hemdtasche. „Bevor du was Dummes tust, solltest du noch mal darüber nachdenken.“

„War's das?“

Wenn Isaiah durch die schroffe Art verletzt war, ließ er es sich nicht anmerken. „Wir könnten einen Deal machen.“

Zakarij hatte keine Lust mehr auf das Gespräch. „Bis dann.“

Isaiah ließ sich nicht aufhalten und ging neben ihm her. „Ich lade dich auf ein Essen ein und du hörst dir meinen Vorschlag an.“

„Hab keinen Hunger.“

„Dann morgen früh. Ich fange erst mittags an zu arbeiten.“

Zakarij blieb wieder stehen. „Was ist denn los mit dir?“

Isaiah wirkte einen kurzen Moment verlegen, hielt den Blickkontakt allerdings aufrecht. „Ich möchte nicht, dass du jetzt alleine bist, nachdem du … deine Familie verloren hast.“

Zakarij schnaubte. „Das ist doch eure Schuld! Ihr habt sie weggesperrt.“

„Weil sie Unschuldige ermordet haben.“

„Kein Vampir ist unschuldig.“

„Morgen früh um zehn“, unterbrach Isaiah die Diskussion abrupt. „Dann können wir darüber reden. Außerhalb meiner Rolle als Aktiver. Das ist der letzte Versuch. Wenn du es jetzt immer noch nicht möchtest, lasse ich dich damit in Ruhe. Ich will nicht aufdringlich werden.“

Zakarij schloss für einen kurzen Moment genervt die Augen. „Na schön“, knurrte er dann schon fast. „Ich habe sowieso nichts Besseres zu tun.“

Isaiah lächelte und nannte ihm den Namen und die Adresse einer Bäckerei. „Bis morgen, Zakarij.“ Damit lief er in die Pariser Unterratszentrale zurück.

Zakarij blieb noch einen kurzen Moment lang perplex stehen, bevor er sich endlich so schnell wie möglich aus diesem Arrondissement begab.

~.~.~.~.~

Am nächsten Morgen freute er sich sogar ein bisschen auf das Treffen. Er hatte kaum noch Geld und demnach kein Zimmer genommen, um die ihm verbliebenen Scheine für Notfälle aufzuheben. In der Gilde war nie viel Geld vorhanden gewesen, gerade genug, um über die Runden zu kommen. Erst im Laufe der Gespräche mit den Aktiven hatte er erfahren, dass vieles davon schlichtweg gestohlen worden war. Ein gutes Frühstück würde die Kälte der regnerischen Nacht aus seinen Knochen vertreiben.

Isaiah war bereits dort. Mehr noch, er hatte sogar schon bestellt. „Ich dachte mir, dass du Hunger hast.“

Zakarij machte sich über ein Croissant her, bevor er überhaupt darüber nachdachte, ihm zu antworten. „Woher dein Mitleid?“, fragte er schließlich. „Hat man dir noch nicht erklärt, dass du dir das überhaupt nicht erlauben solltest in deinem Beruf? Und was für ein verdammter Deal?“

Isaiah wirkte ertappt. „Man hat mir gesagt, dass ich Dinge nicht an mich heranlassen darf“, gab er zu. „Aber … ich kann nicht weggucken. Du tust mir leid und ich möchte dir helfen. Es ist einfach ein Bedürfnis.“

Ein elender Guthexer. Zum Kotzen.

„Was stört dich daran?“

„Ich kann mit Mitleid nichts anfangen. Das Leben ist ständig ein Kampf ums Überleben. Das ist jetzt nicht anders als vor meiner Verurteilung. Und wenn ich verliere, habe ich zumindest zwangsweise ein Dach über dem Kopf.“ Zakarij grinste schief und wusste selbst nicht, ob die Worte reine Provokation oder seine echte Meinung waren.

„Im Knast? Mit einem Haufen anderer Krimineller? Die dich vielleicht immer weiter mit reinziehen und du dann nie mehr eine Chance auf ein richtiges Leben hast?“

„Was ist ein richtiges Leben?“, schoss Zakarij zurück. „Bisher war es schön zu wissen, wie es läuft.“

„Schwarz-Weiß-Denken ist immer einfach. Aber ist dir nie der Gedanke gekommen, dass vielleicht nicht alle Vampire böse sind?“

Zakarij zuckte mit den Schultern. „Sie existieren als einzige Spezies nicht als Geister weiter. Sie müssen abnormal sein.“ Das hatten die Hexer in der Gilde jedenfalls immer gesagt.

„Sie sind ja auch eine andere Lebensform. Aber das macht sie nicht böse.“

„Sie jagen Menschen und Hexen. Sie würden dich liebend gerne verspeisen!“

Isaiah lächelte gutmütig. „Die, die ich bisher kennengelernt habe, zumindest nicht. Es gibt sogar ein paar Aktive unter ihnen. Du hast es vollkommen falsch gelernt. Ich glaube dir, dass du nichts Böses wolltest und dachtest, dass du das Richtige tust und damit alle anderen beschützt. Aber jetzt musst du bereit sein, dein Weltbild zu ändern.“

Zakarij wollte lieber an dem festhalten, was er kannte und sein Leben lang gemacht hatte. Aber ihm war bewusst, dass er damit nicht weiter käme. „Und der Deal?“, hakte er anstelle einer Diskussion noch mal nach.

„Wir bleiben in Kontakt. Und bevor du etwas Dummes tust, meldest du dich bei mir. Und wir reden dann in Ruhe darüber.“

„Du willst meine Seele echt vor der Hölle bewahren, oder?“, fragte er mit einem Augenrollen.

Isaiah schmunzelte. „Wenn du es so nennen willst. Ich habe wie gesagt einfach das Bedürfnis, dir zu helfen. Sieh es doch als Chance. Und wende dich an dieses Rudel. Versuch ein normales Leben zu führen.“ Er schob ihm eine Visitenkarte hin, diesmal mit seiner eigenen Nummer.

Zakarij beobachtete Isaiah bei den Worten und der Bewegung genau. Er kam nicht umhin, dessen Enthusiasmus irgendwie zu bewundern. Er hatte gestern deutlich gemacht, nicht aufdringlich sein zu wollen, ließ aber trotzdem auch nicht locker. Entschlossenheit kannte Zakarij von sich selbst. Er sah nur nicht so ganz, weshalb der Aktive sie so auf ihn richtete. „Das heißt, ich rufe dich jetzt ununterbrochen an?“

Isaiah erwiderte seinen provokanten Blick ruhig. „Ich hoffe nicht, dass du so viele undurchdachte Dinge versucht. Aber ja, wenn du das Gefühl hast, sonst auszuflippen, kannst du das tun.“

Zakarij gefiel die Situation nicht so richtig. Er fühlte sich unsicher. Es hatte den Anschein, als könne Isaiah geradezu seine Gedanken lesen. Denn natürlich spielte er mit der Überlegung, einfach so weiter zu machen wie bisher. Jahrelange Überzeugungen legte man nicht nach ein paar Gesprächen und Verwarnungen ab. Er fühlte sich durchschaut und ertappt. Was in ihm das Bedürfnis weckte, das Ruder irgendwie wieder herumzureißen. „Eine komische Art mir deine Telefonnummer unterzujubeln.“

Isaiah blickte ihn verdattert an. „W-was?“

Auf Zakarijs Lippen breitete sich ein Grinsen aus. „Na, du hättest auch einfach fragen können, ob wir Nummern austauschen.“

„Wieso … sollte ich einfach Nummern austauschen?“

Zakarij fühlte sich mit jeder Sekunde besser. Das war ein Terrain, auf dem er sich sicher bewegen konnte. Er ließ sich Zeit mit der Antwort, bestrich ein Hefehörnchen mit Marmelade und biss genüsslich davon ab, bevor antwortete. „Möchtest du meine Nummer denn haben?“

„I-ich … weiß nicht … du sollst dich doch bei mir melden, wenn du Probleme hast.“

„Vielleicht solltest du aber hin und wieder mal durchklingeln, um dich zu vergewissern, dass ich keinen Ärger mache.“

„Deine Nummer steht doch sowieso in deiner Akte.“

„Donnerwetter!“, rief Zakarij aus. „Du hast sie dir echt rausgeschrieben?!“

„N-nein!“ Isaiah schien die Wendung des Gesprächs nicht zu mögen. „Können wir bitte wieder normal miteinander reden?“

„Für mich ist das normal“, gab Zakarij entspannt zurück. „Ein Kerl, der mich drängt, sich bei ihm zu melden, wenn ich Probleme habe, und der offensichtlich sogar schon meine Nummer hat. Klingt irgendwie eindeutig.“

„Ich habe deine Nummer nicht rausgeschrieben!“, rief Isaiah aus und zog damit ungewollte Aufmerksamkeit auf sich. „Ich wollte nur nett sein! Wieso … schäkerst du jetzt auf einmal mit mir?“

„Wieso nicht?“ Zakarij schenkte ihm ein breites Lächeln. „Vielleicht rührt mich dein Interesse ja doch irgendwie.“

„Ich habe nicht so ein Interesse an dir! Ich bin nicht mal so!“, entfuhr es dem Hexer.

Zakarij musterte ihn so lange, dass Isaiah sich schließlich offensichtlich verlegen hinter seiner Kaffeetasse versteckte.
„Ich wollte nur freundlich sein ...“

„Ich auch.“ Zakarij konnte sich eine mehrdeutige Grimasse nicht verkneifen. Natürlich hatte er eigentlich einfach nur den für ihn uneinschätzbaren Grundton der Unterhaltung ändern wollen, aber das hier war jetzt schon interessant. Isaiah wirkte eindeutig verlegen, geradezu peinlich berührt, und Zakarij interessierte weshalb.

„Du … bist so, oder?“ Isaiah klang beinahe frustriert.

„Definiere 'so'.“

„Du stehst auf … Jungs.“

„Nicht nur. Aber auch. Und du?“

„I-ich …“ Isaiah nahm einen Zug Kaffee und verschluckte sich. „Ich …“ Er brach wieder ab. „Darüber zu reden ist komisch“, nuschelte er schließlich.

„Wieso? Schämst du dich?“

Isaiah zögerte einen Moment und nickte dann leicht. „Du … nicht? War das immer okay bei euch?“

Schulterzuckend biss Zakarij ein weiteres Mal von dem Hörnchen ab. „Hab's nicht drauf ankommen lassen. War einfacher, bei uns Mädchen zu daten und Jungs außerhalb zu treffen.“

„In meiner Familie ist es sogar okay“, erzählte Isaiah schließlich. „Meine Schwester weiß es schon lange und bestärkt mich darin. Aber nach außen hin darüber zu reden ist merkwürdig. Und du … bist ja nun mal auch eigentlich ein Kontakt durch die Arbeit. Warum sollte ich darüber also mit dir reden?“

„Weil du mir auch angeboten hast, mich zu melden, bevor ich rückfällig werde. Du behandelst mich sowieso nicht wie einen der üblichen Verdächtigen. Warum also nicht darüber sprechen? Zumindest kannst du sicher sein, dass ich dich nicht verurteile.“

„Das ist wohl wahr ...“ Isaiah schwieg geraume Zeit und schien für sich zu sortieren, was er von der Entwicklung halten sollte. „Ich möchte trotzdem nicht, dass du mich anbaggerst“, sagte er schließlich langsam.

„Okay.“ War ja nun nicht so, dass Zakarij es darauf angelegt hätte.

„Das hier war einfach, um dir etwas Gutes zu tun. Und in der Hoffnung, dass ich dich vielleicht doch von dem Rudel überzeugt kriege.“

„Schon gut, ich kann Desinteresse auf diesem Gebiet vertragen.“ Zakarij grinste schief. „Es muss auch die eine Person auf dem Planeten geben, die mir nicht verfällt.“

„Hättest du so viel Selbstbewusstsein in anderen Bereichen deines Lebens, würdest du dir das Rudel zumindest mal ansehen und dich bemühen, wieder auf die Füße zu kommen.“

„Du lässt nicht locker, hm?“

„Ungern.“ Isaiah lächelte nun auch wieder ein wenig. „Versuch es doch einfach mal.“

Zakarij stieß ein lautes Seufzen aus. „Ich denke darüber nach. Zufrieden?“

„Ja.“

Sie sprachen noch ein paar Minuten über Nebensächliches, bevor Isaiah sich schließlich auf den Weg in die Unterratszentrale machte und Zakarij wieder in den Straßen von Paris verschwand.
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