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Die Höhle der Welten

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Familie / P6 / Gen
16.06.2021
16.06.2021
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Wie ein Blitz huschte die kleine durch die Büsche, um ihre Schwester abzuhängen. Sie spielten Verstecken. Gerade hörte sie sie noch rufen.
"Versteckt oder nicht! Ich komme!"
Schnell sah sie sich um und fand einen dicht belaubten Busch. Schnell krabbelte sie darunter und stellte fest, dass er einen Tunnel bildete, durch den sie weiter ins innere krabbelte. Er war lang. Doch am Ende war eine kleine Kuppel am Fuß eines großen Baumes. Zwischen seinen Wurzeln entdeckte sie einen weiteren Tunnel, der hinab in die Erde führte. Gerade groß genug, dass sie hindurchschlüpfen konnte. Das war das beste Versteck der Welt! Nie würde ihre Schwester sie hier finden! So krabbelte sie in den schützenden Schoß der Erde.
Erst war es dunkel. Feucht und eng. Doch am Ende des Tunnels sah sie ein sanftes Licht. Plötzlich rutschte sie das letzte Stück hinab und kullerte auf den Boden einer Höhle. Das Mädchen rappelte sich auf und klopfte den Schmutz von ihrem Kleid. Dann staunte sie, als sie den Ort erblickte, den sie gefunden hatte.
Die Höhle war riesig. Das sanfte Licht, das sie gesehen hatte, stammte von unzähligen leuchtenden Kristallen. Sie wuchsen in verschiedensten Farben und Formen aus den Wänden und dem Boden. Säumten die Wege, die sich vor ihr erstreckten. An den Brücken und Treppen. Den hohen Säulen und Stalaktiten. Am Ende jedes Weges war ein Tor. Jedes einzelne führte in eine eigene Welt, ganz anders, als die, die die kleine kannte. Weiße Strände, wie aus Sternenstaub geschaffen. Dichte Wälder, viel grüner, als der, aus dem sie gekommen war. Urwälder, Schneelandschaften und Berge. Neugierig ging das Mädchen auf eines dieser Tore zu. Es befand sich im Schatten einer steinernen Brücke, halb verhangen von Ranken. Der Duft von Salz und Algen wehte ihr daraus entgegen. Was sie dort sah, war das Meer. Doch nicht so wie sie es aus dem Urlaub mit ihrer Familie kannte. Es waren die Tiefen des Meeres. Fische tummelten sich um die bunten Korallen. Was ihre Aufmerksamkeit jedoch mehr erregte, waren die Wesen, die sie begleiteten, Halb Frau, halb Fisch mit von Seegras und Muscheln geschmücktem Haar. Sie hatte in Märchen davon gehört. Meerjungfrauen nannte man sie. Eine von ihnen wurde auf den kleinen Besucher aufmerksam, als dieser neugierig die Oberfläche berührte. Es fühlte sich an wie Wasser. Doch war ihre Hand trocken, als sie sie vor Überraschung zurück zog. Die Meerjungfrau schwamm in fließenden Bewegungen zu ihr heran. Ihre Augen waren ebenso blau, wie das Meer, in dem sie lebte. Das Mädchen sah mit leuchtenden Augen zu ihr und sie lächelte. reichte ihr die Hand.
"Hab keine Angst. Dir wird nichts passieren. Komm. Ich zeige dir meine Welt.", sprach sie mit lieblicher Stimme.
Das Mädchen zögerte. Immerhin konnte sie noch nicht schwimmen. Doch nahm sie die Hand der Meerjungfrau, holte tief Luft und trat durch das Portal. Schwebte.
"Du kannst ruhig atmen. Ich sagte ja, dir wird nichts geschehen, kleine Freundin.", kicherte das Meerwesen.
Vorsichtig versuchte sie es und tatsächlich. Sie konnte unter Wasser atmen! So ließ sie sich durch die Welt der Meere führen. Tanzte mit den Wellen, beobachtete die kleinen Clownfische, die sich neugierig in ihrem Haar tummelten. Es fühlte sich ganz natürlich an, so durch das Wasser zu schweben. Wie fliegen. Als die Meerjungfrau sie wieder zum Portal zurück brachte, fischte sie sich eine Muschel aus dem Haar und schenkte sie dem Mädchen.
"Bitte sehr. Dass du uns nicht vergisst, kleine Freundin.", lächelte sie und die kleine steckte sie sich mit einem braven Dankeschön in die kleine Umhängetasche. "Vergiss nie die Ruhe zu finden, die du brauchst. Sie ist ebenso wichtig, wie die fröhliche Tollerei."
Als sie zurück in die Höhle trat, war kein Wassertropfen auf ihrer Kleidung zu sehen. Noch einmal winkte sie der Meerjungfrau und erforschte weiter die Höhle.
Ihr Weg führte sie vorbei an kristallenen Blumen und Pflanzen, sowie einem unterirdischen See. Ein Boot stand dort bereit. Im klaren Wasser war die übrige Höhle wie in einem riesigen Spiegel zu sehen. Ein wunderschönes Schauspiel der Natur. Wie ein Tor in eine andere Welt, was das Mädchen auch nicht bezweifelte. Doch zog es sie nicht zum Wasser. Die Wärme aus einem nahegelegenen Tor zog sie an. Es führte durch Flammen. Wenn ihr das Wasser, in dem sie die Meerjungfrau getroffen hatte, nicht die Luft abgeschnürt hatte, dann würde ihr vielleicht auch das Feuer nichts ausmachen. Neugierig, wie das Mädchen war, berührte sie ganz kurz das lebendige Element. Es tat nicht weh. Es fühlte sich angenehm warm an, wie eine flauschige Decke. Von der anderen Seite hörte sie ein gleichmäßiges metallenes Hämmern. Was das wohl war?
Als sie durch den warmen Schleier trat, sah sie sich um. Es war noch eine Höhle. Feuer brannte dort an Fackeln und in großen Öfen. Zuckende rote Funken flogen durch die Luft. Das Hämmern, das sie hörte, kam von einem kleinen Männchen. Es schlug mit einem Hammer auf etwas glühendes Metall. Fasziniert kam das Mädchen näher.
     "Was machst du da?", fragte sie nach.
Das Männchen grummelte.
     "Ich arbeite.."
     "Was arbeitest du denn?"
Wieder grummelte er. Immer diese Störungen.. Unzufrieden ließ er den Hammer sinken und senkte das glühende Eisen in das Wasser. Es zischte laut.
     "Ich schmiede. Meine Brüder schlagen das Metall aus den Felsen und ich verarbeite es zu Waffen und Schmuck. Dafür muss es so heiß sein, dass es glüht. Also bleib schön weit weg davon.", erklärte er und begutachtete sein Werk. "Waffen wie diese sind nichts für ein kleines Menschenkind wie dich."
     "Ich bin gar nicht so klein!", protestierte sie. "Ich bin schon fast fünf."
     "Ach ja? Für mich bist du das. Ich bin nämlich fast sechshundertfünfundsiebzig Jahre alt, kleine."
Sie staunte. Dass jemand so alt werden konnte, wusste sie nicht.
     "Du bist ja viel älter als mein Opa!", kicherte sie.
Das ließ das Männchen doch kurz grinsen. Die kleine war schon niedlich. Als von weiter hinten ein Brüllen kam, sah sie  mit geweiteten Augen in die Richtung. Ein weiteres Zischen und der fertige Dolch wurde zur Seite gelegt.
     "Das ist Cyantrit. Der große Drache. Von ihm kommt die lebensspendende Glut, die wir zum Schmieden verwenden. Möchtest du ihn kennenlernen?"
Seine Arbeit war erstmal beendet. Da konnte er ihren kleinen Besuch auch rumführen. So sah er sie zaghaft nicken und reichte ihr seine raue gerbige Hand. Gemeinsam gingen die zwei an den brennenden Öfen und den anderen Zwergen vorbei in den hinteren Teil der Höhle. Ein großer Schatten mit Flügeln schlängelte sich an den Wänden entlang. Das Mädchen staunte umso mehr, als sie die überraschende Farbenpracht des Drachen sah. Cyantrit war strahlend blau. Wie eine Schlange ringelte er sich um eine große silberne Perle. Als er das Menschenwesen erkannte, kam es mit dem großen Maul vorsichtig näher. Das Mädchen wich ein Stück zurück, war aber dennoch neugierig.
     "Na wen haben wir denn da?", grollte der Drache freundlich. Aus seinen Nüstern drang feiner Rauch. "Ein Weltenbummler?"
     "Sie ist aus dem Flammentor gekommen. Ich dachte, ich stelle sie dir vor.", antwortete der Zwerg.
Das Mädchen kam wieder etwas näher. Vorsichtig. Dann streckte sie ihre Hand aus. Cyantrit hielt still und ließ sich von ihr berühren. Seine Nase war weich und warm. Nicht schuppig und rau, wie sie dachte. Als ein leises Schnurren aus der Kehle des Drachen drang, kicherte sie.
     "Na ich glaube, unsere kleine Besucherin sollte ein Geschenk bekommen. Für ihr mutiges Herz.", sprach er dann. "Bitte bring Silber und eine Gussform für einen Stab ihrer Größe mit."
Der Zwerg nickte und holte alles. Ließ das Mädchen voller Vertrauen bei Cyantrit. Der hob den Kopf und offenbarte einen Haufen schimmernder Edelsteine.
     "Such dir den schönsten aus. Der wird dann Teil davon.", wies er sie an.
Das Mädchen nickte und sah sich um. Sie waren alle wunderschön. Doch einer ganz besonders. Ein leuchtend orangeroter Karneol. Er schimmerte wie die Augen des Drachen. Der Zwerg kam mit den gewünschten Sachen zurück und stellte den Kessel mit Silber zu Cyantrit. Warnte die kleine Besucherin, Abstand zu nehmen. Der Drache holte Luft und blies seine Flammen darauf,  um es zu schmelzen. Besondere Flammen. Sie hauchten dem Metall Drachenmagie ein. Als alles geschmolzen war, goss der Zwerg alles in die Form. Das Mädchen beobachtete das fasziniert. Zum Schluss legte er den ausgewählten Stein auf die Spitze des Stabes und das Metall wand sich darum, bis er fest saß.
     "Wie hübsch!", strahlte sie, als er fertig war. "Und der ist für mich?"
Der Drache nickte und sie bedankte sich artig. Nahm ihn entgegen.
     "Folge weiter deinem Herzen, kleine Freundin. Dann werden sich dir auch weiterhin alle Türen öffnen.", sprach er.
Der Zwerg begleitete sie nach einem kurzen dankbaren Knuddler zurück zum Flammentor.
     "Mach's gut, kleine Freundin. Vielleicht sind ja doch nicht alle Menschen so schlecht.", schmunzelte er, was sie kichern ließ.
Zurück in der Kristallhöhle, verstaute sie ihr Geschenk in ihrer Tasche. Was sie wohl sonst noch erwartete? Diesmal zog es sie zu einer Treppe, die weit hinauf führte. Der Ausblick von dort war atemberaubend. All die Kristalle und anderen Tore. Doch war sie hier, um in die Welt einzutauchen, durch dessen Eingang ein kühler Wind wehte. Gerade, als sie hinein wollte, stieß sie einen spitzen Schrei aus. Das Mädchen fiel. Dort war kein Boden. Nur Wolken und Himmel. Sie fiel. Doch fiel sie immer langsamer. Ein Geräusch wie leise Glöckchen umhüllte sie, als ein Luftstrom um ihren Körper floss. Nun fiel sie nicht mehr. Sie schwebte.
Überrascht sah sie sich um und erkannte in der Luft Gesichter. Es waren junge Frauen. Sie schienen körperlos, doch lächelten sie. Verwundert fragte das Mädchen, wer sie waren. Die Antwort schien von mehreren Seiten gleichzeitig zu kommen. Zart wie ein Windhauch.
     "...Sylphen...", flüsterten sie ihr zu. "...Wir leben in den Lüften...beflügeln deinen Geist..tanzen mit den Blättern im Wind..."
Die Vorstellung gefiel dem Mädchen und sie lächelte.
     "Ich tanze auch gerne. Meine Schwester auch.", erzählte sie ihnen.
Wieder klangen die Glocken und die Elementargeister luden ihren Gast ein, mit ihnen zu tanzen. Gemeinsam flogen sie durch die Lüfte. Es war fast wie mit der Meerjungfrau. Doch diesmal fühlte es sich viel leichter an. Sie schwebte, als hätte sie selbst Flügel bekommen. Sie tanzten und lachten. Formten gemeinsam die Wolken um sie herum. Danach wieder in das Erdreich zurück zu müssen, fühlte sich fremd an. Ihr Körper war so schwer. Dass ihr das nie bewusst war, war für das Mädchen ein Rätsel. Zum Schluss baten sie sie, ihre Hände zu öffnen.
     "...Behalte diese Leichtigkeit in deinem Herzen..und erinnere dich daran...deinen Geist zu fokussieren..", flüsterten sie ihr zu und legten ihr einen kleinen Dolch in die Hände. Beinahe so leicht wie eine Feder. "...nutze ihn weise.. Nie um anderen Wesen Leid zuzufügen..."
Das Mädchen nickte und versprach es. Steckte ihn zu der Muschel der Meerjungfrau und dem Stab des Drachen. Zurück in der Höhle, fand sie überraschenderweise jemanden, der unten um die Kristalle herumschlich. Es war das erste Mal, das sie hier jemanden traf. So ging sie neugierig auf das andere Mädchen zu. Nun erkannte sie, dass dieses Mädchen Flügel trug. Außerdem war sie kleiner als sie. Ihr in einen Zopf gebundenes Haar funkelte mit den Kristallen um die Wette. Als sie das Menschen mädchen entdeckte, hielt sie einen Moment inne. Dann, wie auf ein stilles Kommando, tauchten noch weitere Kristallfeen auf, um sie zu begrüßen. Jede von ihnen klang wie dein Glöckchen an einem Rentierschlitten. Das Mädchen kicherte.
     "Hallo ihr seid ja süß.", strahlte sie, als sie um sie herumflogen.
Gerade, als sie mit ihnen tanzte, wie kurz zuvor mit den Sylphen, zogen sie sich jedoch wieder zurück. Enttäuscht sah ihnen das Mädchen nach. Was hatten sie denn? Da! Sie kamen zurück. Gemeinsam trugen sie die Blüte einer kristallenen Blume zu ihr.
     "Oh für mich?", fragte sie sie und die Feen klingelten im Chor als Antwort. So nahm sie die Blume an sich.
Im nächsten Moment sah sie auf und dachte zuerst, einen Spiegel vor sich zu haben. Da stand ein Mädchen vor ihr, das genau so aussah, wie sie.
     "Ja, das ist möglich. Ich bin du.", sprach ihr Ebenbild und kicherte. "Aber ich bin auch ich. Und du bist du, aber auch ich. Wir sind eins."
Verwirrt von dieser Antwort auf ihre eigenen Gedanken, sah sie das Mädchen an.
     "..was?", fragte sie verdattert.
     "Ich bin dein Geist. Dein Unterbewusstsein. Ich nehme Dinge wahr, die du übersiehst, oder ignorierst. Ich bin die, die träumt.", erklärte sie. "Dass du einen Weg hier her gefunden hast, hat einen Grund."
     "Ach ja?"
Es war wirklich schön an diesem Ort. Dennoch fühlte sie sich langsam müde. Ihr Geist nickte und aus ihrer Tasche schwebten die vier Geschenke, die sie bekommen hatte. Die Muschel, der Stab, der Dolch und die Kristallblume. Sie alle schwebten zwischen den beiden in einem Kreis.
     "Du bist hier her gekommen, um zu sehen, wie alles miteinander verbunden ist. Das Wasser fließt um die Erde und lässt Pflanzen gedeihen. Die Luft und der Wind schüren das Feuer, woraus wieder neue Erde hervorgeht. Alles unterliegt einem Kreislauf. Nichts kann ohne das andere existieren. Sowie diese Höhle die Welten verbindet, sind auch die Welten selbst miteinander verbunden. Immer auf andere Weise."
Das Ebenbild des Mädchens holte einen Talisman hervor. Fünf Steine waren in das Silber eingelassen. Grün, gelb, rot, blau und violett in der Mitte.
     "Dieser Talisman soll dich daran erinnern, was du hier gelernt hast. Alle Wesen, die du hier getroffen hast, existieren auch in deiner Welt. Nur kannst du sie nicht immer sehen.", sprach ihr Geist. "Erinnere dich daran und du wirst sie leichter erkennen."
Sie legte dem Mädchen die Kette um und die Geschenke schwebten zurück in ihre Tasche.
     "Wir bringen dich behütet zurück nachhause. Sei unbesorgt. Schlaf.."
Ihre Augen wurden schwer. So legte sich das Mädchen auf die weiche Erde und schlief ein.
     "Sag piep!", rief ihre Schwester, als sie wieder aufwachte.
Sie lag unter dem Busch. In der Kuppel. Doch als sie zur Höhle schauen wollte, war das Erdloch verschwunden. War das etwa alles nur ein Traum? Die Kette um ihren Hals sagte ihr das Gegenteil. Der Talisman war noch da. Sowie die anderen Geschenke, die sie bekommen hatte. Froh darüber, rief sie ihrer Schwester zu, die sie nach kurzer Zeit auch fand.
     "Hier bist du! Das ist ja ein klasse Versteck!", staunte sie.
Aufgeregt begann die Kleine zu erzählen, was sie erlebt hatte. Natürlich glaubte ihr ihre Schwester nicht. Sie meinte nur, sie hätte geträumt. Doch wusste sie, dass es wirklich geschehen war. Alles war mit einander verbunden. Die Meerjungfrauen, die Sylphen, die Drachen, Feen und Zwerge. Sie waren alle da. Nur eben anders. Sie wusste, sie würde sie wiederfinden, denn alles war verbunden.
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