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Tausendmal Berührt [Teil I]

von ninarina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf
14.06.2021
29.01.2022
20
134.433
109
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145 Reviews
Dieses Kapitel
11 Reviews
 
29.08.2021 6.544
 
Hab ein bisschen gebraucht (sorry dafür), aber ich hatte mich bei Joko bisher immer sehr zurückgehalten und nun erst so richtig verstanden, warum. Ich habe die Wucht seiner Perspektive selbst ein wenig unterschätzt und ich musste mich ein bisschen fangen, um weiterschreiben zu können. Joko ist quasi unter meinen Händen zerfallen und es ging mir doch näher als erwartet.


Ich möchte vor diesem Kapitel noch einmal ausdrücklich sagen, dass das hier keine Spekulation ist, sondern Fiktion. Jegliches Privatleben zweier öffentlicher Persönlichkeiten geht niemanden etwas an, wenn sie es nicht freiwillig teilen, und das ist gut so. Gleichzeitig möchte ich auch sagen, dass Monogamie in keinerlei Weise die einzige Form von Beziehungsleben ist, nur weil andere Arten von Beziehung oft von der Gesellschaft abgestoßen werden. Wir dürfen alle so fühlen und leben, wie wir wollen, und auch das ist gut so!


Normalerweise würde ich abschließend sagen, viel Spaß mit dem Kapitel, aber das fühlt sich bei all der Schwere irgendwie falsch an. Hoffentlich gefällt es euch trotzdem. Ich nehme Feedback wie immer mit ausgebreiteten Armen entgegen. Insecurities are a bitch. Danke für all die Liebe nach dem Jamaika Kapitel.






Part 9: Guess I’m Such A Fucking Fool For The Way That You Caught Me





Well, I know that we've been hardly holding on

To tell the truth, I can't believe we got this far

Running near on empty

I wish somebody would've told me

That I'd end up so caught up in need of your demons

That I'd be lost without you leading me astray

(Fade by Lewis Capaldi)




Köln, Oktober 2014



Es passierte, weil Joko rennen wollte.

Wochenlang, eigentlich, seit sie aus der Sommerpause zurückgekehrt waren, hatte er es geschafft, den Drang zu unterdrücken. Klaas war auf Abstand gegangen und Joko hatte sich automatisch angepasst. Die Fragen nach dem Warum hatten sich mit jedem Tag, der verstrich, angehäuft, aber Joko hatte keine einzige von ihnen gestellt. Er war verunsichert. Er musste etwas falsch gemacht haben, in dieser Nacht, auf Jamaika. Er hätte sich mehr zurückhalten müssen, um Klaas nicht in die Flucht zu schlagen. Vermutlich war er Klaas mal wieder zu viel gewesen. Und wenn das passierte, brauchte Klaas klare Grenzen und Zeit, um sich wieder einzukriegen.

Trotzdem fühlte es sich diesmal anders an.

Joko bemühte sich, das tat er wirklich. Er wollte nicht, dass Klaas sich in seiner Gegenwart unwohl fühlte. Er hielt sich zurück, versuchte, abseits der Kamera ihr professionelles Verhältnis zu pflegen und fasste ihn nur an, wenn es im Rahmen ihrer Shows passte. Ihr vertrautes Miteinander wurde wieder ein wenig kühler, aber Joko gab sein Bestes, um sich nichts anmerken zu lassen.

Er verkrampfte innerlich, hatte oft Bauchschmerzen und schlief schlecht, aber er schaffte es, sich zusammenzureißen.

Und dann kam der Comedypreis. Ein ganzer Abend, auf dem sie sich nicht aus dem Weg gehen konnten. Ein Abend, nach dem sie auf ein gemeinsames Hotelzimmer gehen und in einem gemeinsamen Bett schlafen mussten.

Schon vor dem Abflug nach Köln wurde Joko unruhig, packte dreimal seinen Koffer, trank zu viel Kaffee und wimmelte Matthias ab, der ihm immer wieder schrieb und fragte, was eigentlich bei ihnen los war. Joko wippte mit dem Fuß, schloss die Augen und massierte sich die Schläfen und plötzlich krachte das Gefühl, dass er mit aller Mühe zurückgehalten hatte, auf ihn ein.

Er wollte rennen.

Er wollte rennen, ganz schnell, ganz weit weg, als Lisa ihn im Wohnzimmer fand und leise fragte, „Hast du mit ihm geschlafen?“

Joko presste die Lippen aufeinander, nickte, versuchte, gegen die Tränen anzukämpfen. Er wollte nicht weinen. Er wollte sich taub stellen, so, wie Klaas das konnte. Er fühlte sich lächerlich, weil der unter der Kontaktlosigkeit zu Klaas so litt und Klaas es einfach so wegstecken konnte. Lisa betrachtete ihn einen Moment stumm, dann seufzte sie und setzte sich zu ihm. Ihre Hand strich sanft über seinen Unterarm. „Ich dachte, du hättest gesagt, das wäre keine gute Idee?“

„War es auch nicht“, brachte Joko hervor. „Ich weiß selbst nicht, wie es passiert konnte.“

„Es war immer klar, dass es irgendwann passiert“, gab Lisa ruhig zurück. „Es wäre nur besser gewesen, wenn ihr darüber reden würdet.“

Joko betrachtete sie von der Seite. Sie war seine Partnerin, war es bereits gewesen, bevor Klaas seine Welt auf den Kopf gestellt und neu definiert hatte. Sie waren durch alles gemeinsam durchgegangen, er hatte ihr nie etwas verheimlicht, genauso wenig, wie sie es ihm verheimlicht hatte, als sie sich in ihren Skilehrer verguckt hatte und eine Zeit lang mehrere Wochen im Jahr in Österreich geblieben war. Joko hatte Lisa damals gesagt, sie solle sich von ihrer Beziehung nicht einengen lassen und sie war gegangen und trotzdem immer wieder zurückgekommen, weil sie so funktionierten. Im Herzen waren sie einander treu. Joko wollte mit niemandem sonst seine Tochter großziehen, er liebte das Gefühl, zu ihr nach Hause kommen zu können und gleichzeitig zu wissen, dass er sich nicht schämen brauchte, nur weil Lisa nicht die einzige Person war, die er wollte.

Denn Klaas, den wollte er auch.

Ganz anders, viel komplizierter und vielschichtiger.

Lisa hatte das gewusst, lange bevor er den Gedanken überhaupt zugelassen hatte; lange bevor überhaupt etwas zwischen ihnen passiert war. Lisa hatte ihm erklärt, es wäre in seinem Blick gewesen, in der Art, wie er von Klaas erzählte, ihr Verhältnis schütze und ihn ansah. Joko hatte da nie einen Filter gehabt, er hatte nie gewusst, wie er die tiefe Zuneigung, die er für Klaas empfand und immer empfunden hatte, verstecken sollte. Er war es gewohnt, den Menschen zu zeigen, was er fühlte. Er war es nicht gewohnt, sich dafür schämen zu müssen.

„Ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll“, gab er leise zu. Er redete nicht oft über Klaas, zumindest nicht über das, was alles zwischen ihnen passiert war. Er wusste zwar, dass Lisa es ihm nicht übelnahm, aber es fühlte sich trotzdem so an, als würde er zwei Welten vermischen, die getrennt voneinander besser funktionierten. Klaas war dort und Lisa war hier und es war genauso, wie es sein sollte.

Zumindest hatte es sich eine Weile lang so angefühlt, bis Klaas sich von ihm abgewandt hatte, ohne es ihm zu erklären.

„Du kannst dich weiterhin so fühlen wie jetzt oder du machst endlich deinen Mund auf“, sagte Lisa sanft, aber bestimmt. „Ich werde mich in euer Ding nicht einmischen, aber ich weiß, dass es dir seit Wochen schon nicht gut geht und es fällt mir schwer, dir dabei zuzusehen, wie du immer unglücklicher wirst.“

„So einfach ist das nicht. Ich kann mit Klaas nicht so reden wie mit dir. Nicht… darüber.“

Sie sah ihm jetzt in die Augen, ungewohnt ernst. „Joko. Wenn du nicht endlich anfängst, dich durchzusetzen und für dein eigenes Wohlbefinden zu kämpfen, dann darfst du dich nicht wundern, dass andere Menschen auf deinem Herzen rumtrampeln. Du gibst ihm ja nicht einmal die Chance, sich anders zu verhalten, wenn du dir und ihm nicht ehrlich eingestehst, was du von ihm willst.“

Joko schwieg hartnäckig. Sie führten diese Diskussion nicht zum ersten Mal. Lisa war vermutlich der einzige Mensch, der Joko richtig einschätzte, was sein Bedürfnis nach Harmonie betraf; die wusste, dass es nicht ein kleiner, netter Tick von ihm war, sondern ein ernsthaftes Problem, weil seine Bedürfnisse dabei auf der Strecke blieben. Es war für ihn wie ein Reflex. Er war der Überzeugung, dass es ihm zwangsläufig gut gehen musste, wenn er dafür sorgte, dass es den Menschen um ihn herum gutging.

Lisa seufzte erneut, küsste ihn auf die Stirn und erhob sich dann. „Du musst zum Flughafen. Bitte denk wenigstens darüber nach.“

Das tat er. Er dachte darüber nach, wie tief Klaas auf seine Gefühle Einfluss nahm, im Guten wie im Schlechten. Er dachte darüber nach, wie wichtig es ihm war, dass Klaas sich wohl fühlte, egal, ob er selbst dafür dauerhaft zurückstecken musste. Er machte sich den vollen Umfang dieser Abhängigkeit bewusst und fühlte sich noch elender als vorher, weil er sich nun auch noch vorkam, als wäre er zu schwach, um eigenständig zu agieren.

Auf dem Weg vom Kölner Flughafen zum Hotel gab Joko nach, beschloss, die letzte Strecke zu laufen und Matthias anzurufen. Ob es der Wunsch nach Ablenkung oder Selbstgeißelung war, konnte er selbst nicht mehr sagen.

Matthias nahm sofort ab, begrüßte ihn mit einem forschen, „Du gehst mir aus dem Weg.“

„Ich hab‘ nicht viel Zeit, bin in zehn Minuten am Hotel.“

„Wie lang willst du dich noch quälen, Joko?“

„Ich weiß nicht, was du meinst.“

Matthias machte ein frustriertes Geräusch. „Ich hasse es, wenn du so bist. Immer, wenn es um Klaas geht, machst du komplett zu.“

„Es gibt nichts zu der Situation mit Klaas zu sagen.“

„Am Arsch, Joko. Ich hab‘ dir letzten Oktober nicht mit aller Mühe das Geständnis aus der Nase gezogen, nur, damit du einen Sommer später aus dem Nichts eine 180 Grad Drehung machst und das Thema wieder komplett abblockst.“

Joko schwieg stur, konzentrierte sich auf die rote Ampel vor ihm.

„Ich weiß, dass irgendetwas passiert sein muss.“

Joko biss sich auf die Lippe, setzte sich in Bewegung.

„Du kannst so viel Schweigen, wie du willst. Du bist aus Jamaika zurückgekommen und ich habe dich kaum wiedererkannt, so viel hast du in dich hineingefressen. Redest du wenigstens mit Lisa darüber?“

Joko nickte. „Ja“, schickte er dann eilig hinterher.

„Gut.“ Matthias‘ Stimme nahm jetzt einen weicheren Klang an. „Ich mache mir einfach Sorgen um dich. Du bist verdammt schlecht darin, auf dich aufzupassen.“

Joko lachte humorlos. „Ich hab‘ dir schon mal gesagt, du musst mich vor Klaas nicht beschützten.“

„Vor Klaas vielleicht nicht, aber vor dir selbst schon. Du verrennst dich komplett in dieser Sache zwischen euch. Es macht dich fertig.“

„Mir geht’s gut, Matthi.“

„Hör mir mal ganz kurz zu. Nur ganz kurz, bitte. Das mit euch, das wird nicht funktionieren. Nicht, wenn du dabei immer mehr verschwindest.“

Das Hotel war schon in Reichweite. Jokos Augen klebten förmlich daran, während er darauf zusteuerte, als könnte er dadurch ignorieren, was Matthias gerade gesagt hatte. Als könnte er übergehen, wie tief seine Worte ihn trafen, weil er den Wahrheitsgehalt in ihnen nicht wahrhaben wollte. „Ich muss jetzt auflegen“, sagte er statt einer Antwort.

„Tu dir das nicht an, Joko“, warnte Matthias ihn noch. „Davor kannst selbst du nicht davonrennen.“

Joko fühlte sich gerädert, als er auflegte. Seine Gedanken kreisten in seinem Kopf wie ein Karussell, das in Dauerschleife lief. Es war, als hätte sich die ganze Welt gegen ihn verschworen.

Er sah Klaas vor dem Hotel warten und augenblicklich bildete sich der bekannte Knoten in seinem Magen. Eine unangenehme Mischung aus Freude, Unsicherheit und Anspannung pulsierte durch ihn, als er Klaas in eine flüchtige Umarmung zog und sein Bestes gab, ihn nicht unnötig anzustarren, während er den Rest des Teams begrüßte.

Sie starteten den Dreh in ihrem Hotelzimmer, nachdem Thomas Martiens sie zum Umziehen gescheucht hatte. Joko hielt die Idee weiterhin für völlig bescheuert, Thomas für genial, schließlich war sie auf seinem Mist gewachsen. Jedoch genügte ihm ein Blick in Klaas‘ angespanntes Gesicht, um insgeheim erleichtert zu sein, dass er dessen kühle Blicke für ein paar Stunden nicht ertragen musste. Die Dunkelheit, die sich über sein Sichtfeld legte, als ihm die Kontaktlinsen eingesetzt wurden, war da ungewohnter, aber irgendwie angenehmer. Und ironischerweise passte die Idee zu ihrer momentanen Situation: Joko sah ihn nicht, Klaas hörte ihn nicht.

Der Abend verlief weitestgehend harmonisch. Joko wanderte orientierungslos durch die Gegend, begleitet von Klaas‘ neckenden Kommentaren. Am Anfang erschrak er sich fast zu Tode, da er urplötzlich Klaas‘ Atem auf seinen Lippen spürte und nicht verstand, wieso Klaas ihm so nahegekommen war. Aber gleichzeitig konnte er nicht umhin, ihre zwangsläufig notwendige körperliche Nähe zu genießen, weil sie so rar geworden war. Klaas führte ihn und Joko folgte. So, wie es immer war. Klaas zog ihn über den roten Teppich, trieb seine Spielchen, die Joko geduldig ertrug, wohl wissend, dass ein lustiger Beitrag dabei herausspringen würde. Jakob wuselte geschäftig um sie herum und sprach andere Promis an, um sie vor ihre Kamera zu zerren.

Es war ein munterer Dreh, bis sie sich ins Publikum setzen und die Veranstaltung über sich ergehen lassen mussten. Joko drückte irgendwann sein Knie gegen das von Klaas, um sich zu versichern, dass er noch da war, und Klaas zog es nicht weg. Stattdessen griff er wenig später nach Jokos Hand, um ihn hinter sich auf die Bühne zu zerren, und das reichte schon, damit Joko der Kopf schwirrte. Erst auf der Afterparty, nachdem sie sich von ihren Handicaps befreit und den Dreh erfolgreich beendet hatten, wurde die Stimmung zwischen ihnen wieder merkwürdig. Thomas Martiens warf ihnen immer wieder Blicke zu, die für Jokos Geschmack zu aufmerksam und fragend waren, bevor er sich mit den anderen in die feucht-fröhliche Menge schmiss, um dem berüchtigten Ruf der Florida Mitarbeiter als Partymonster alle Ehre zu machen. Klaas‘ tadelnden Blick beim Anblick der kleinen bunten Pillen in Thomas‘ Hand überging er dabei geflissentlich.

Joko und Klaas standen schlussendlich allein an einem der Stehtische, Joko mit seinem zweiten Gin Tonic und Klaas mit dem dritten Pils, und schwiegen sich an, wenn nicht gerade ein Bekannter zu ihnen stieß und ein wenig Smalltalk hielt. Joko war fast erleichtert, als Caroline Kebekus sie für eine gefühlte Ewigkeit in Beschlag nahm, um mit ihnen über ihre Laudatio zu scherzen. Klaas wirkte weiterhin reserviert, aber er hatte gelernt, es mit seiner sarkastischen, grinsenden Moderatorenrolle zu überspielen. Das Grinsen gefror ihm erst im Gesicht, als Caroline sich zum Gehen wandte. „Ihr zwei passt so gut zusammen“, zwinkerte sie ihnen zu. „Besser als jedes andere Paar im deutschen Fernsehen.“

Joko wusste genau, wie es gemeint war, und trotzdem schrillten bei ihm alle Alarmglocken. Ein Blick in Klaas‘ Gesicht reichte, um ihn nervös mit seinem Glas spielen zu lassen. Er suchte nach einem leichteren Gesprächsthema und räusperte sich. „Lisa und ich überlegen momentan, ob wir nach München ziehen.“

Klaas stockte, das Bierglas schon auf halbem Weg zum Mund. Es war ungewöhnlich, ihn so überrascht zu sehen. Joko schwieg, versuchte, die Reaktion richtig einzuschätzen und wartete gleichzeitig darauf, dass Klaas etwas sagte. Doch das tat er nicht.

„Es ist noch nicht endgültig entschieden“, fügte er hastig hinzu, als die Stille zwischen ihnen zu unangenehm wurde. Klaas leerte jetzt sein Glas, taxierte ihn mit einem undefinierbaren Blick und fand dann endlich seine Stimme wieder.

„Wieso?“

„Naja, das macht man nicht mal eben, so quer durchs Land ziehen und—“

„Wieso du nach München ziehen willst, Joko.“ Klaas‘ Stimme war gefährlich ruhig.

Sofort brach in Joko die Hektik aus. „Du weißt, dass ich mit Berlin nie ganz warm geworden bin. Die ganze Stadt, die Leute, die Umgebung, das ist einfach nicht meins. Lisas auch nicht. Wir wären näher bei ihrer Familie, näher an den Alpen. Ich denke, wir wären glücklicher da, als wir es hier je sein könnten.“

Noch immer war nicht der Hauch einer Regung in Klaas‘ Gesicht. „Verstehe. Und was das für Probleme für uns macht, ist egal, oder was?“

„Für uns?“, stammelte Joko überfordert. Er rieb sich die schwitzenden Handflächen an der Hose ab und zwang sich, ruhig zu bleiben. „Meinst du dich und mich?“

Ganz kurz, für nur einen Wimpernschlag, flackerte etwas in Klaas‘ Augen. Bevor Joko sich fragen konnte, was es war, hatten sich seine Züge jedoch wieder geglättet und seine Miene war versteinert wie eh und je. „Ich mein‘ deine Firma, Joko. Unsere Firma. Mit Sitz in Berlin. Unsere Show. Die wir jede Woche drehen, in Berlin.“

Joko schluckte. „Das geht natürlich weiter wie vorher.“

Klaas zog spöttisch die Augenbrauen hoch. „Ach ja? Wirste dann wöchentlich aus München zugeschaltet?“

„Ich hab‘ schon nach Wohnungen in der Nähe vom Büro geguckt, damit ich unter der Woche in Berlin sein kann, wann immer ich gebraucht werde.“ Jokos Stimme hatte jetzt ein wenig mehr Biss. Er hasste es, wenn Klaas ihn so von oben herab behandelte, so als wäre er ein dummer Schuljunge, zu naiv, um sich dem wirklichen Leben zu stellen. „Das würde weder die Florida, noch Halligalli in irgendeiner Weise gefährden.“

„Klingt ganz so, als hättest du dich schon entschieden.“

„Noch ist überhaupt nichts entschieden. Und kannst du mir mal sagen, warum dich das so wütend macht?“

Wieder blitzte etwas in Klaas‘ Augen, stärker diesmal. „Ich bin nicht wütend. Ich frage mich lediglich, wann du vorhattest, mir davon zu erzählen.“

Joko gestikulierte genervt mit der Hand und verschüttete dabei fast seinen Gin. „Reden wir nicht gerade darüber?“

„Wenn du es als reden definierst, dass du mir eine Entscheidung, die mein Berufsleben beeinflusst, einfach so beim Comedypreis vor den Latz knallst, dann klar. Danke, dass wir darüber geredet haben.“

„Du bist so…“ Schnell nahm Joko einen Schluck aus dem Glas, um sich zu unterbrechen.

„Was bin ich?“, fauchte Klaas und beugte sich ein wenig über den Stelltisch, um Joko böse anzufunkeln. „Spuck’s schon aus, Winterscheidt.“

„Empathielos bist du, verdammt noch mal. Du denkst nur an dich und die Firma und hörst nicht zu, wenn ich versuche zu erklären, dass—“

„Dass Berlin an deiner Pseudo-Depression schuld ist?“, unterbrach ihn Klaas und Joko schnappte unwillkürlich nach Luft. „Da sollte man wohl lieber keine Stadt für verantwortlich machen, ne.“

„Du meinst so, wie du versuchst, mich für deine abartigen Launen verantwortlich zu machen?“, schoss Joko scharf zurück. „Egal was ich sage oder mache, alles ist grundsätzlich falsch, seit…“

Klaas‘ ganzer Körper versteifte sich. Das war der Elefant im Raum, genau zwischen ihnen, in einem Moment, der unpassender kaum sein könnte, aber Joko hatte Klaas‘ Verhalten so satt, dass er sich kaum hatte bremsen können.

„Seit wann?“

Jokos Augen ruhten auf Klaas‘ Händen, die sich um das leere Bierglas geschlungen hatten. „Du weißt ganz genau, seit wann.“

Ein Ruck ging durch Klaas. Gehetzt hob er das Glas hoch und knallte es auf die Theke neben ihnen. „Du hast Recht, Joko.“ Betont gleichgültig griff er nach seinem Jackett, zog es sich über und sah Joko kalt an. „Du hast keinerlei Grund, in Berlin zu bleiben.“

Joko wurde ganz anders. Er wurde das Gefühl nicht los, von Klaas für irgendetwas bestraft zu werden. „Wo willst du hin?“

„Rauchen. Und dann ins Hotel. Ich muss schließlich auch nicht hierbleiben und zusehen, wie du dir dein letztes bisschen Hirn wegsäufst.“

Verblüfft starrte Joko ihm nach. Er konnte nicht verstehen, was passiert war. Der Umzug nach München war privat, und er war tatsächlich noch nicht entschieden, weil Joko mit sich haderte. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass München die richtige Entscheidung war, seine Entscheidung. Ein Schritt ins eigene Glück. Ihm würde es dort besser gehen. Seiner Familie würde es dort besser gehen. Und trotzdem fiel es ihm schwer, die Reißleine zu ziehen, weil sein berufliches Leben so eng mit Berlin verknüpft war. Er musste weiterhin fast jeden Tag ins Büro, er musste weiterhin mehrmals die Woche drehen, jeden Montag aufzeichnen. Aber all das waren persönliche Probleme; Dinge, mit denen Klaas sich nicht beschäftigte, weil Jokos Privatleben ihm egal war. Streng genommen ging es ihn überhaupt nichts an, wo Joko wohnte und was er so trieb, solange er pünktlich zur Arbeit erschien.

Joko schüttelte den Kopf, war wütend auf sich selbst und auf Klaas, verstand die Welt nicht mehr und wollte sich nicht mehr nach jeder kleinsten Auseinandersetzung mit seinem Moderationspartner so beschissen fühlen. Aber es nagte an ihm. Wenn Joko nicht auch andere, sanftere Seiten von ihm kennen würde, könnte er Klaas in seinem jetzigen Zustand kaum aushalten. Denn Klaas‘ Kälte war gezielt, und er traf damit jedes Mal.

„Wo ist Klaas denn hin?“, fragte ihn eine laute Stimme an seinem Ohr plötzlich. Joko zuckte erschrocken zusammen, aber es war nur Thomas Martiens. Jakob stand nun ebenfalls am Stehtisch, auf dem er drei weitere Gin Tonic abstellte. „Hotel“, murmelte Joko.

„Jetzt schon?“

„Kennst ihn doch“, murrte Joko. Er hatte wirklich keine Lust, jetzt über Klaas zu sprechen, vor allem nicht mit zwei so penetrant neugierigen Menschen wie Thomas und Jakob.

Thomas schnaubte. „Ihr seid schlimmer als jedes Ehepaar. Dieses momentane Angezicke nervt ultra.“

Jakob pflichtete ihm geflissentlich bei.

„Weißt du, was mich ultra nervt?“, fauchte Joko zurück. „Eure Kommentare. Vor allem deine, Martiens.“

Thomas erwiderte seinen Blick mit einer unbeeindruckten Kühle. „Ich bin nicht Schmitt. Ich warte nicht drei Jahre, bevor ich euch sage, dass ihr grade allen auf den Sack geht.“

Joko leerte sein Glas mit ein paar schnellen Zügen und knallte es zurück auf den Tisch. „Was hast’n vorhin für ein Zeug in der Hand gehabt?“, fragte er, um auf ein neues Thema zu lenken. Thomas sah ihn noch einen Moment scharf an, erlaubte ihm dann aber den plumpen Themenwechsel, ohne näher darauf einzugehen. „Das Übliche.“

Einem plötzlichen Impuls folgend, der gefährlich nah an Selbstzerstörung kam, streckte Joko die Hand aus.

„Du?“, fragte Thomas verblüfft und wechselte einen verdatterten Blick mit Jakob. „No way.“

„Wieso nicht?“

„Weil du genau der Typ bist, der auf dem Scheiß hängen bleibt. Und Schmitti köpft mich, wenn ich derjenige bin, der einem seiner heißgeliebten Moderatoren ein bisschen E unterjubelt, nur damit du am Ende davon nicht mehr loskommst.“

„Pass auf, Thomas. Ich hatte einen Scheißabend, Klaas war ein Kotzbrocken und ich konnte stundenlang nichts sehen, weil du der felsenfesten Überzeugung warst, die Idee ist der Brüller. Und jetzt will ich ein bisschen abschalten und meinen Spaß haben. Also rück das Zeug raus, wenn du nicht bald für RTL in der Kuhscheiße stehen und Bauer sucht Frau drehen willst.“

Thomas verdrehte die Augen ob der leeren Drohung, zuckte aber dann mit den Schultern und griff in seine Tasche. „Er is‘ erwachsen“, murmelte er in Jakobs Richtung und der seufzte schwer und zog von dannen, weil er, wie er betonte, mit der ganzen Sache nichts zu tun haben wollte.

„Wehe, du drehst mir hier durch“, warnte Thomas ihn noch, bevor er eine der runden Pillen in Jokos geöffnete Handfläche fallen ließ.

Joko drehte nicht durch. Zumindest nicht augenblicklich.

Joko trank. Dachte an München. Dachte an Klaas. Trank noch mehr. Trank, um seinen Kopf zum Schweigen zu bringen. Trank, um zu vergessen. Trank, um nicht an blaue Augen und weiche Lippen zu denken.

Joko trank, bis er kaum noch stehen konnte, aber es half nicht. Was auch immer er geschluckt hatte, entfaltete seine Wirkung erst nach einer Weile, aber auch das half nicht.

Er stand auf der Tanzfläche, umringt von Lichtern, umringt von Bässen, umringt von Leuten, Thomas grinsend und grölend an seiner Seite. Er grinste und grölte mit und fühlte sich trotzdem hundeelend.

Er wollte rennen.

Und wann immer Joko das Gefühl hatte, rennen zu müssen, rief er Klaas an. Es passierte nicht oft, aber es passierte immer wieder. Joko konnte nicht stillstehen, konnte nicht bleiben. Das hatte er noch nie gekonnt. Er liebte Veränderung. Er liebte das Abenteuer. Er liebte es, morgens aufzustehen und nicht zu wissen, was der Tag alles bringen würde. Sobald er zu lange in einer Form der Routine gefangen war, hatte er das Gefühl, daran zu ersticken.

Manchmal fragte er sich ernsthaft, ob er ohne Klaas nicht schon längst über alle Berge wäre, in einer seiner Stimmungen einfach das Land verlassen hätte, ohne Lisa, ohne seine Tochter. Manchmal fragte er sich, ob seine Beziehung jemals so lang gehalten hätte, wenn Klaas nicht in sein Leben gekommen wäre. Klaas, der war sein Stabilisator. Klaas, der sagte nicht viel, wenn Joko ihn anrief, mitten in der Nacht, und wirre Fragen stellte, ob überhaupt irgendetwas Sinn machte. Klaas, der konnte ihn anschweigen und dabei so viel sagen, dass Joko sich wieder beruhigte, wieder zu Atem kam, sich nicht mehr eingeengt fühlte. Klaas zog seinen Kopf wieder über Wasser und sagte dann, „Geh nach Hause, Joko“, und Joko ging. Ging zurück, atmete durch und konnte am nächsten Tag wieder klar denken.

Ihm war nie klar gewesen, wie oft Klaas ihn davor bewahrt hatte, einfach abzuhauen und nichts als verbrannte Erde zu hinterlassen.

Joko wollte rennen. Die Party half nicht, der Alkohol half noch weniger, der Drogentrip machte alles nur noch schlimmer. Die Unruhe ließ sich durch nichts betäuben. Er zog sein Handy aus der Tasche, zögerte, als sein Finger über Klaas‘ Namen schwebte. Es schnürte ihm die Luft ab, als er verstand, dass er Klaas dieses Mal nicht anrufen konnte. Klaas würde ihn nicht retten. Klaas würde vielleicht nicht einmal abheben.

Joko würde rennen und nie mehr zurückkommen und alles verlieren, weil er ohne Klaas‘ Halt die Orientierung verlor. Weil ohne ihn sein ganzes Leben von der Waagerechten in die Vertikale kippte. Weil er ohne ihn auf einer bescheuerten Aftershowparty stand, Schlieren vor den Augen, und nicht atmen konnte.

„Joko?“, schrie Thomas Martiens ihm durch den Lärm entgegen. „Alles tutti?“

„Frische Luft“, gab Joko knapp zurück und torkelte in die Richtung, in der er die Tür vermutete. Er hätte vermutlich mit dem Gesicht voran Bekanntschaft mit dem Boden gemacht, wenn Thomas ihm nicht geistesgegenwärtig gefolgt wäre und mit einer Hand auf der Schulter nach draußen gelenkt hätte.

Joko sog gierig die frische Luft ein. Seine Sicht verschwamm mit seinen Gedanken. Die Lichter blendeten ihn. Der Zigarettenrauch drang beißend in seine Nase, ließ seine Augen tränen.

„Scheiß Zeugs hassu mir da gegeben, Martiens“, nuschelte er und wankte auf der Stelle.

„Willst du Wasser?“

„Ne, ich will rennen.“

„Rennen?“ Ein Lachen. „Du kriegst kaum einen Fuß vor den anderen gesetzt. Hier, jetzt trink schon.“

Joko trank. Die Zeit rann davon, während sie hier standen. Unzählige Leute gingen an ihnen vorbei. Joko fühlte sich, als surrte ein Bienenschwarm unter seiner Haut. Vielleicht hatte er auch Fieber und würde hier, in Köln, am Abend des Comedypreises, verrecken, wer wusste das schon.

„Du verstehst das nicht. Ich will rennen. Weg.“

Thomas blieb lange stumm, rauchte und ließ schlussendlich vorsichtig seinen Arm los, als Jokos Atem ein wenig gleichmäßiger wurde. „Sag mir, was du brauchst“, forderte er Joko schließlich ruhig und deutlich auf.

Joko konnte ihn nicht ansehen, aber der Name stahl sich trotzdem von seinen Lippen, klammheimlich und geflüstert. „Klaas.“

Und Thomas sagte nichts, sein Blick veränderte sich nicht, weil Thomas Martiens nicht der Typ Mensch war, der über anderer Leute Leben nachdachte und sich erlaubte, ein Urteil über sie zu fällen. Joko war nie dankbarer gewesen als in diesem Moment, dass er ihn damals überredet hatte, für sie bei MTV seinen Hals zu riskieren und in der Konsequenz mit ihnen gefeuert zu werden. Thomas war mit ihnen gegangen, hatte ihre Redaktion zusammengehalten, so, wie er Joko zusammenhielt, indem er den Knopf auf Jokos Handy drückte, den Joko nicht zu drücken vermocht hatte.

Er starrte auf das Display, sah, wie die Nummer gewählt wurde, und presste sich das Handy ans Ohr.

Joko zitterte. Bebte.

Klaas nahm ab.

Joko atmete aus.

„Es ist vier Uhr nachts, Joko. Warum zur Hölle bist du nicht hier?“

„Klaas.“ Selbst in seiner benebelten Wahrnehmung klang seine Stimme erstickt. „Klaas, ich kann nicht…“

Die Stimme am anderen Ende war sofort wacher. „Ist was passiert?“

„Ich…“ Joko presste die Lippen aufeinander. Alles war so seltsam verzerrt.

„Ist jemand bei dir?“

„Martiens.“

„Mach auf laut.“

Joko gab die Anweisung an Thomas weiter, der ihm sofort das Handy abnahm und auf laut stellte. „Klaas, Joko ist völlig daneben, der faselt was von wegrennen.“

„Scheiß Zeugs“, murmelte Joko vor sich hin und stierte auf den Boden.

„Hat der irgendwas genommen oder warum kriegt der keinen Satz mehr raus?“

Thomas haderte sichtlich mit sich, wusste zu genau, wie Klaas reagieren würde. „Er hat kein Nein akzeptiert.“

„Alter Martiens, ich bring dich um. Bleibt, wo ihr seid.“

Wo soll ich auch sonst hin, dachte Joko.

Irgendwohin, bloß weg von hier, war sein nächster Gedanke.

Thomas hatte wieder seinen Arm genommen und wartete mit ihm. Irgendwann trat durch den Nebel und das Chaos in seinem Inneren eine kleine Gestalt auf ihn zu. Joko erkannte am bloßen Geruch, dass es Klaas war, noch bevor dieser anfing, Thomas gezischte Vorwürfe zu machen.

Eine Hand landete auf seiner Schulter, ein Arm hakte sich unter und zog ihn in den nächtlichen Sprühregen. Thomas‘ Hand an seinem anderen Arm war nur noch ein bloßes Beiwerk, übte keinen Druck mehr aus. Jokos Sinne waren so überfordert, dass er alles erst mit mehrsekündlicher Verspätung wahrnahm. Er roch die muffigen Sitze des Taxis und sah blinkende Lichter erst an ihm vorbeiziehen, nachdem sie schon minutenlang im Wagen gesessen hatten. Es war so stickig. Da waren Stimmen, die sich ankeiften. Alles drehte sich, als gebremst und abgebogen wurde.

Joko spürte, wie in diesem Moment, von Reizen überflutet, die komplette Welt aus den Fugen geriet. Er war völlig verloren. Er trieb im Nirgendwo, allein, unerreichbar. Er schwebte so hoch oben, dass niemand ihn einholen konnte.

Klaas griff plötzlich nach seiner Hand auf dem Polster, drückte zu. Und die Welt, die Joko eben noch entglitten war, blieb gewaltsam stehen. Nichts bewegte sich, nichts schlitterte aus seinem Sichtfeld, und das war noch so viel schlimmer. Eine Berührung von Klaas rettete ihn, ließ ihn ausatmen und warf ihm gleichzeitig die Wahrheit krachend vor die Füße.

Er hatte verlernt, wie es war, ohne Klaas zu sein. Beruflich, privat, menschlich.

Er war gerade dabei gewesen, komplett der Panik zu verfallen, und Klaas hatte ihn eigenhändig davor bewahrt, ohne ein Wort sagen zu müssen. Am liebsten hätte er geweint, weil ihm das alles viel zu viel war. Stattdessen erwiderte er Klaas‘ Händedruck und hielt sich daran fest. Genauso, wie es bei dem Dreh gewesen war. Joko war blind und Klaas führte ihn. Aus dem Taxi, ins Hotel. Aus dem Aufzug und in ihr Zimmer.

„Was machst du eigentlich für eine Scheiße?“, flüsterte Klaas irgendwann, zog Joko das Sakko von den Schultern und reichte ihm Wasser und Aspirin. Joko leerte die Flasche mit gierigen Zügen, konnte förmlich spüren, wie die Ernüchterung sich quälend langsam in seinem Körper ausbreitete, nun, da er in Sicherheit war. Nun, da Klaas bei ihm war. Nicht komplett, aber stark genug, um seinen Trip in eine Welt der schlierenden Farben und verzerrten Stimmen zu beenden.

„Wollt‘ Spaß haben“, brummte er, ließ sich von Klaas auf das Bett dirigieren und fiel mit dem Kopf auf das steife Hotelkissen.

„Und? Hat’s Spaß gemacht?“, hakte Klaas bissig nach, zog an seinen Schuhen und pfefferte sie aufgebracht durch den Raum. Jokos linkes Bein baumelte bei der Bewegung vom Bett und Klaas hob es erneut an, um es auf der Decke zu platzieren.

„Ne, war Scheiße“, gab Joko leise zu. „Nicht mal dann kann ich—“

Nicht mal dann kann ich verhindern, dass du in meinem Kopf herumgeisterst, hätte er am liebsten gesagt, aber Klaas‘ Blick war schon vorwurfsvoll genug, ohne, dass er den Satz ganz ausgesprochen hatte. „Hast du dem Martiens in deinem Delirium irgendwas erzählt?“, fragt Klaas ihn grob.

„Was soll ich ihm denn erzählt haben?“

„Stell dich nicht dumm. Du weißt genau, was ich meine.“

„Da gibt es nichts zu erzählen.“

Klaas schnaubte, rückte nicht von ihm ab, sondern rückte Jokos widerspenstige Körperteile auf dem Bett zurecht. „Ach, auf einmal?“

„Du hast doch gesagt, es ist nichts“, flüsterte Joko dann plötzlich, bevor er sich stoppen konnte.

Klaas stockte inmitten seiner Bewegungen und Jokos Bein baumelte wieder vom Bett. „Was?“

„Auf Jamaika“, fuhr Joko fort, obwohl eine deutliche, an Nüchternheit erinnernde Stimme in seinem Kopf ihn fragte, warum zur Hölle er nicht seinen Mund hielt. „Da hast du Schmitti gesagt, es ist nichts.“

„Du hast geschlafen.“ Da war ein leichtes Zittern in Klaas‘ Stimme.

Joko zuckte mit den Schultern, fühlte sich unwohl unter dem scharfen Blick seines Gegenübers und schloss die Augen. „Bin aufgewacht, als du aufgestanden bist.“

Klaas nahm einen deutlich vernehmbaren Atemzug, schien sich sammeln zu müssen. „Es geht ihn nichts an“, sagte er dann schließlich leise. „Es geht niemanden etwas an.“

„Mich schon“, Joko schluckte, öffnete die Augen nicht und wünschte sich weg, ganz weit weg von der Realität.

„Joko.“ Klaas Stimme war immer noch leise, aber ganz nah an seinem Gesicht und Joko spürte die Gänsehaut, die sich auf seinen Armen ausbreitete. „Mach da bitte keine große Sache draus.“

Da saß etwas in Jokos Kehle. Etwas, das ihm die Luft abschnürte. Es tat ihm weh, stellte er fast schon fasziniert fest. Klaas‘ Worte taten ihm weh. Klaas tat ihm weh.

„Würde mir nie einfallen“, murmelte er, die Stimme ganz rau. Es war eine schlechte, offensichtliche Lüge, aber es war das, wonach Klaas suchte. Langsam öffnete er seine Augen und wusste sofort, dass er verloren war.

Klaas blickte einen Moment lang mit undurchdringlichen Augen auf ihn hinab. Er saß an Jokos Bettkante, stockstarr, als fürchtete er sich, eine Bewegung zu machen und die Situation in eine der möglichen Richtungen zu verschieben. Also nahm Joko ihm die Entscheidung ab. Er brauchte dafür nicht viel mehr als nur die Hitze, die von Klaas‘ Arm neben seinem ausging, zu spüren. Im Gegensatz zu Klaas hatte er keinen Stolz mehr, den er verlieren konnte, wenn er aussprach, was er wirklich wollte. Oder wenn er sich vielmehr mit dem zufriedengab, was Klaas bereit war zu geben.

„Fass mich an“, flüsterte Joko, fühlte sich trotz allem verzweifelt und klein und hasste sie beide dafür. Jamaika hatte alles so viel komplizierter gemacht und trotzdem konnte er es einfach nicht lassen.

Der Drang, Klaas wieder nahe zu sein, und sei es nur körperlich, war zu groß.

Wenn Joko ehrlich mit sich war, – und hatte Lisa ihn nicht genau darum gebeten? – dann hatte er eine Scheißangst. Nicht vor der Intimität selbst, nicht einmal wirklich vor der Sache mit Klaas und all ihren Komplikationen. Er hatte eine Scheißangst, dass sie auffliegen und alles zerstören würden, was sie sich aufgebaut hatten. Denn er wusste, wenn Klaas wählen müsste, dann würde er die Marke Joko & Klaas wählen. Die Shows, die Firma. Weil er nachdachte und nicht wie Joko einfach losprintete. Weil er wusste, welcher Teil ihrer Beziehung es wert war, gerettet zu werden. Und Joko hatte so eine gottverdammte Scheißangst, weil er nicht mehr wusste, was er selbst wählen würde. Er war innerlich zerrissen, wusste, dass beides nicht ging, dass er nicht alles haben konnte und doch war es unvorstellbar, eine der beiden Sachen aufzugeben. Weil das bedeutete, Klaas zu einem gewissen Grad loslassen zu müssen und der bloße Gedanke daran ihn in den Wahnsinn trieb.

Klaas sah auf ihn herab, hatte genau dieselbe Zerrissenheit, die Joko tief in sich trug, in seinem Blick und Joko fragte sich, wie etwas nichts sein konnte, wenn es sich nach alles anfühlte.

„Fass mich an, Klaas. Bitte.“

Er konnte das Beben in Klaas‘ Unterlippe sehen, als dieser kurz die Augen schloss und schluckte, mit sich kämpfte und dann aufgab. Joko spürte seine Finger am Saum des T-Shirts, angenehm kühl und ungeduldig. Klaas zog es ihm nicht aus, schob es nur hoch, damit seine Hände über die entblößte Haut streicheln konnten. Joko seufzte, lehnte den Kopf zurück, um Klaas nicht ansehen zu müssen und betrachtete den Stuck an der Decke. Wenn er sich ganz doll anstrengte, die Augen schloss und sich völlig in seinen Gedanken verlor, konnte er sich vielleicht sogar einbilden, dass es egal war, wer ihn anfasste. Vielleicht konnte er Klaas nur auf seine Berührungen reduzieren, die ihm Lust bereiteten. Vielleicht könnte er Klaas gegen eine x-beliebige Person in seinem Kopf eintauschen und trotzdem…

Klaas‘ Lippen legten sich sanft auf Jokos Bauch, hinterließen federleichte Küsse unterhalb des Bauchnabels und Joko schnappte nach Luft. Seine Kehle war immer noch wie zugeschnürt, die Lippen plötzlich taub und in seinem Kopf nur noch Klaas. Sein Magen verknotete sich unangenehm, pochte stechend im Rhythmus mit jedem Herzschlag. Seine Augen brannten, ein verräterisches Zeichen für die Welle an Emotionen, die gerade über ihm zusammenzuschlagen drohte, nur weil Klaas seinen Bauch küsste.

Denn Klaas war keine x-beliebige Person.

Klaas war der, um den sich Jokos ganzes Sein drehte.

Tief innen drin hatte er das bereits vor Jamaika verstanden, aber die Zeit dort, dieses Gefühl der Verbundenheit, das er dort zwischen ihnen gespürt hatte, hatte es ihm ganz klar vor Augen geführt.

Die Welt drehte sich weiter, aber seit Jamaika drehte sich Joko nur noch um Klaas.

Und jetzt hielt er die einfachste Form der Zuneigung von Klaas nicht mehr aus, ohne komplett den Verstand zu verlieren. Und wenn er sich nicht sofort in den Griff bekam, würde er unter der Welle aus Gefühlen begraben werden. Ein Schluchzen hing immer noch in Jokos Kehle fest, aber er zwang es mit aller Macht herunter. Nicht heulen, mahnte er sich. Es gab keinen Grund zu heulen.

„Zieh die Hose aus“, brachte er erstickt hervor, wusste, dass es ein Fehler war und wollte sich doch das Gegenteil beweisen.

Klaas warf ihm einen Blick zu, der zu wissend und zu getrieben von Panik war, begann aber im nächsten Moment fahrig, an seiner Hose zu nesteln. Es gab Joko einen Moment, sich mit zitternden Fingern durch die Haare zu fahren, tief durchzuatmen und das Gefühl der von Nervosität ausgelöster Übelkeit loszuwerden, die sich mal wieder in seinem Magen festgesetzt hatte. „Meine auch“, sagte er dann, versuchte seine Stimme möglichst ruhig und eben zu halten. Klaas entledigte ihn sofort seiner Hose, zog die Boxershorts gleich mit herunter und ließ sich dann langsam auf Joko nieder. Klaas‘ Wärme umhüllte ihn, war so vertraut und trügerisch und Joko rannte.

Er floh in ebenjene Wärme, versteckte sich unter Klaas‘ Berührungen, die so anders waren als sonst, so viel bestimmter und fahriger, fast hektisch. Joko trieb ihn an, bewegte sein Becken gegen ihn und ignorierte das Brennen in seinem Magen. Sein Herz schlug zu schnell, aber er schob es auf die Drogen und den Alkohol. Sein Körper reagierte automatisch, die Erregung, die durch seinen Körper pulsierte, lenkte ihn ab. Klaas lenkte ihn ab, wie er sich an ihm rieb, wie er roch, wie schwer er atmete. Es war nicht das, was er wollte, aber es war okay. Es war das, was Klaas wollte. Und wenn es Klaas gut ging, dann musste es Joko auch gutgehen.

Kurz blieb sein Blick an Klaas‘ Lippen hängen. Und wenn das bedeutete, dass sie sich nie wieder küssen würden, dann würde sich Joko daran halten. Er würde die Erinnerung in sich verschließen. Er würde Jamaika ewig für das in Erinnerung behalten, was es gewesen war: Seine Möglichkeit, Klaas alles zu geben. Seine Chance, Klaas wahrhaftig nahe zu sein. Es hatte nicht gereicht. Er war nicht genug gewesen, aber das war nicht Klaas‘ Schuld. Klaas hatte ihm nie etwas anderes versprochen als das, was sie gerade taten.

Sie blieben so. Klaas blieb auf ihm, bewegte sich schnell und unerbittlich, weil Joko es so wollte, weil er es nicht anders aushielt.

Das hier, das war nichts.

Das kam und ging.

Joko gab Klaas einen Teil von sich selbst, schmiss ihn Klaas förmlich vor die Füße und der nahm ihn an sich. Er nahm ihn und würde ihn nie wieder hergeben und Joko könnte es nicht egaler sein. Er würde Klaas jede Zelle seines Körpers kampflos überreichen, bis nichts mehr von ihm übrig war, nur um sie irgendwie am Leben zu erhalten.

Denn das hier, das war vielleicht nichts.

Das kam und ging.

Aber es war alles, was Joko hatte.

Klaas kam, stellte danach sicher, das Joko sauber und warm im Bett blieb, raunte ihm noch ein „Bis morgen, Winti“ zu, und ging. Mitten in der Nacht floh er aus dem Hotelzimmer, ging wahrscheinlich zu Thomas oder Jakob, Hauptsache, er musste nicht länger bei Joko sein.

Sie küssten sich nicht.

Joko zog mit seiner Familie nach München.



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