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Tausendmal Berührt [Teil I]

von ninarina
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Joachim "Joko" Winterscheidt Klaas Heufer-Umlauf
14.06.2021
29.01.2022
20
134.433
116
Alle Kapitel
145 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
12.08.2021 6.183
 
Ich bin so froh, dass ich entschieden habe, die Parts in zwei Kapitel aufzuteilen. Irgendwie komme ich momentan nur schwer auf den Punkt, weil ich das Gefühl habe, ein bisschen intensiver auf das kommende Kapitel und alles, was so darauffolgen wird, vorzubereiten. Ich wollte sichergehen, dass Joko und Klaas nicht konfliktfrei in jenes Kapitel gehen, aber gleichzeitig ihre Perspektiven und jeweiligen Standpunkte/Ängste/Vorstellungen möglichst deutlich sind, damit alles weitere wieder ohne ständige Erklärungen Sinn machen. Wie man vielleicht merkt, wird das nächste Kapitel sehr wichtig. Also sehr, sehr wichtig.


Mein Herz schmerzte ein wenig, als ich diesen Teil geschrieben habe. Ich glaube, hier fängt die Emotionalität so richtig an und sie wird auch erst einmal nicht mehr gehen, aber es wird wehtun. Jokos Fokus und seine Sicht auf die Dinge wird noch kommen und ich leide genauso sehr mit ihm, wie ich das in diesem und im kommenden Kapitel mit Klaas getan habe.


Wie immer danke ich jedem, der sich die Mühe macht, ein Review oder anderweitige Rückmeldung dazulassen. Wir sind jetzt bei über 20 Reviews und über 30 Empfehlungen und die Resonanz haut mich um, aber sie macht das Schreiben auch so viel einfacher, also lasst mich gerne weiter an euren Gedanken teilhaben. Ohne euch hätte alles bis hierhin nur halb so viel Spaß gemacht und alles, was folgen wird, würde mich ohne euch allein leiden lassen, also danke!!!






Part 7: Just Don't Look Underneath Us




I don't want to lie, I've been relying on you

Fallin' again, I need a pick-me-up

I've been callin' you friend, I might need to give it up

(The Beach by The Neighbourhood)





Mundpropaganda, Dezember 2013



Es passierte, weil sie sich küssten. Aber eigentlich passierte es aufgrund des Longest Days.

Klaas wusste, dass er ein Problem mit Kontrolle hatte. Nein, vielmehr hatte er ein Problem mit dem Verlust jeglicher Kontrolle. Unter diesem Gesichtspunkt machte es durchaus Sinn, dass er es im Zusammensein mit Joko genoss, beim Sex die Kontrolle abzugeben. So wurde es doch auch immer in den schlauen Ratgebern erklärt, dass die beste Heilung für Ticks die direkte Konfrontation war.

Klaas hasste schlaue Ratgeber.

Aber er hatte auch Doppelmoderation immer gehasst und dann war Joko Winterscheidt gekommen und hatte bei ihm fest verschlossene Türen eingetreten. Ohne Vorwarnung. Einfach so. Und Klaas hatte sich so sehr in Jokos Netz verfangen, dass er manchmal immer noch stehen bleiben und sich fragen wollte, wie zum Teufel das alles passieren konnte; wie zum Teufel Joko ihm passieren konnte. Es wurde immer schwieriger, ihr Verhältnis logisch zu rechtfertigen, vor allem für Klaas selbst. Er erwischte sich dabei, sich zu wünschen, dass sie einfach nur Kollegen wären, weil das, ihre Shows, ihre berufliche Ebene, ihre größte Stärke war, weil sie dort ineinander griffen wie Zahnräder, perfekt aufeinander abgestimmt. Und obwohl sie dieses blinde Verständnis im Privaten auch hatten, machte es Klaas dort mehr Angst, weil es kein Anfang und kein Ende hatte, es sich nicht nur auf Aufzeichnungen und die Arbeit reduzieren ließ und sie seiner Ansicht nach in Gefahr liefen, genau dieses perfekte professionelle Verhältnis zu riskieren. Und das mussten sie mit aller Macht verhindern.

Denn Halligalli lief gut. Es lief sogar sehr gut. Es war pompös und laut und unangebracht und relevant und alles, was Joko und Klaas je gewollt hatten.

Es war genauso gekommen, wie Joko es nach dem Ende von MTV Home großspurig prophezeit hatte: Heute das ZDF und morgen die ganze Welt. Der Wechsel zum großen Privatfernsehen, der das Konzept ihrer kleinen Show einem Millionenpublikum vor die Nase setzte, war nervenaufreibend gewesen. Da war plötzlich von Exklusivverträgen die Rede gewesen, alles nur noch für einen Sender, am besten für immer. Und auch wenn es ihr gemeinsamer Traum gewesen war, weg vom Spartenfernsehen und rauf auf die große Showbühne, so hatte der Wechsel zu ProSieben viel Kraft, Geduld und, wie Jakob zu sagen pflegte, einen Arsch voll Mut gekostet.

Sie waren dadurch zweifelsohne noch näher zusammengewachsen. Nicht nur Joko und Klaas, sondern das ganze Team. Die Florida wurde für sie alle immer mehr zu einem Synonym für Familie, für etwas Langfristiges, das sie alle tief miteinander verband. Klaas wusste, dass Joko diese Errungenschaft noch viel mehr bedeutete als all das Geld und all der Erfolg. Das vertraute Umfeld, der familiäre Umgang, der Zusammenhalt. Er liebte es und ging darin auf. Klaas betrachtete das Ganze ein wenig nüchterner, fuhr nicht mit jedem Arbeitskollegen in den Urlaub, sondern wusste eher die unbändige Kreativität, die Reibereien untereinander und den lockeren Umgang im Miteinander zu schätzen.

Umso mehr wurmten ihn die letzten zwei Monate. Angefangen hatte es irgendwie an dem Morgen, an dem Klaas Joko und Matthias abgeholt und ins Hotel gebracht hatte. Klaas konnte sich bis heute nicht ganz erklären, wieso er so kopflos reagiert hatte, wieso er Matthias so offensichtlich übertrieben angegangen war und vor allem, wieso er das Zimmer direkt neben ihm gebucht hatte. Es war fahrlässig und absichtlich gewesen, er hatte das Risiko, dass Matthias sie überhören würde, nicht nur in Kauf genommen, sondern ganz bewusst herausgefordert. Wem er damit etwas hatte beweisen wollen, Joko, Matthias oder sich selbst, das konnte er im Nachhinein nicht sagen. Er hatte völlig die Contenance verloren, als müsse er mit Matthias in Konkurrenz gehen, um Joko nicht zu verlieren. Rückblickend war es absurd, aber in dem Moment hatte es sich absolut notwendig angefühlt.Der Morgen wirkte nach. Joko und er sprachen nicht darüber, aber Joko hatte ihn danach des Öfteren mit einem neuen Blick angesehen, einer Art wachsamen Verunsicherung, und Klaas kroch nur bei dem Gedanken, dass Matthias ihn wohlmöglich damit konfrontiert hatte, das Unbehagen wie zähflüssiges Gift durch den Körper.

Und dann war wenig später auch noch der Longest Day gekommen und hatte alles so viel schlimmer gemacht. Denn Joko zeigte ihm seit dem Dreh, bei dem er aus dem Helikopter geschubst worden war, vehement die kalte Schulter. Direkt nach dem Dreh hatte Joko ihn aus dem Auto angerufen und von Klaas das Versprechen eingefordert, dass so etwas nie wieder ohne Absprache passieren durfte. Natürlich hatte Klaas ihm das nicht versprechen können. Sie hatten hier wöchentlich eine Show abzuliefern, die auf dem Gegeneinander basierte, da war für Zimperlichkeiten hinter der Kamera keine Zeit. Da hieß es Mund abwischen und weitermachen. Als er Joko das genauso mitgeteilt hatte, war nur noch ein Schnauben und die Warnung, ihm in Zukunft bloß nicht zu nahe zu kommen, vom anderen Ende der Leitung gekommen, bevor Joko aufgelegt und danach kein Wort mehr mit ihm gewechselt hatte, wenn es nicht gerade um die Arbeit ging.

Zuerst hatte Klaas sich darum wenig Sorgen gemacht. Joko war Joko, der rastete aus, konnte sich manchmal direkt danach nicht von seiner Wut aus der Show lösen und kam ein paar Stunden – in Ausnahmefällen einen Tag – später bei Klaas angekuschelt. Seine Irritation wuchs erst dann, als Joko ihn Tage später immer noch penibel auf Abstand hielt, ihn nicht anfasste, kaum ansah und mit dieser grauenhaft ruhig-professionellen Stimme mit ihm sprach. Die Wurzel des Problems war, dass Klaas ungerne zugab, über die Stränge geschlagen zu haben, um Joko entgegenzukommen, und Joko ein wirklich sturer Hund sein konnte, wenn er sich unfair behandelt fühlte. Vor der Kamera war das kein Thema, da rutschten sie automatisch in ihr Miteinander, lachten, frotzelten und brieten sich eins über. Manchmal war Joko dabei so überzeugend, dass Klaas vergaß, wie abweisend er wurde, sobald sie hinter den Kulissen in geschütztem Rahmen waren.

Klaas konnte nicht umhin, sich einzugestehen, dass er Joko vermisste. Er vermisste die Wärme, Jokos bedingungslose Zuneigung, seine überschwänglichen Umarmungen, die Klaas oft unangenehm waren. Er vermisste Jokos Kompromisslosigkeit, seine unangebrachten Bemerkungen, die er Klaas vor den Latz knallte, nur um ihn straucheln zu sehen. Er vermisste Jokos Berührungen auf seiner Haut, vermisste die Geräusche, die er von sich gab, wenn sie sich ineinander verloren und niemand sonst Zugriff auf ihre Welt hatte.

Aber am meisten vermisste er Jokos Art, ihn anzusehen. Er vermisste diesen einen Blick in Jokos Augen, dieses eine Lächeln.

Das, was nur Klaas gehörte.

Das, was er so panisch vor Matthias hatte beschützen wollen.

Wie damals, als Joko ins Eis gerammt worden war, schwebte Klaas ohne ihr blindes Miteinander im Nichts und blickte in den Abgrund. Das Gefühl hatte sich im Kern nicht verändert, aber es war noch beängstigender, noch komplexer geworden, und ohne Jokos Rat fiel es Klaas schwer, den richtigen Weg zu finden, um ihr Verhältnis zu kitten.

Vielleicht brachte Thomas Schmitt aus diesem Grund zum ersten Mal das Thema Mundpropaganda in ihr Meeting. Thomas war schwer zu täuschen, noch viel schwerer als die anderen. Klaas redete mit ihm ungern über Joko, weil da immer etwas in seinen Augen aufblitzte und da immer ein gewisser Ton in seinen Antworten mitschwang, egal, ob Klaas etwas Ernstes oder Lustiges ansprach. Thomas kannte sie beide sehr gut, er war ihren gesamten gemeinsamen Weg mit ihnen gegangen und er fand immer Worte wie besonders, oder einzigartig, oder anders, wenn er ihr Verhältnis beschrieb. Und deswegen fiel es Klaas zunächst schwer, Thomas nicht anklagend und ein wenig paranoid anzusehen, als dieser vorschlug, dass Joko und Klaas bei der Aktion Mundpropaganda mitmachen könnten.

Joko und er hatten sich professionell verhalten, hatten mit nüchternen Mienen das Video angesehen, auf dem prominente Männer sich küssten, um auf Homophobie und die Gleichberechtigungsprobleme in Russland aufmerksam zu machen und Klaas hasste, wie sehr ihm das Projekt zusagte. Es war genau die Art von Engagement, an dem sie sich beteiligen sollten und wollten. Es passte zu ihnen, es war nicht zu groß und nicht zu klein, es wirkte nicht gekünstelt und würde doch für Aufsehen sorgen. Er musste Joko nicht ansehen, um zu wissen, dass sie es nicht ausschlagen würden.

Aber er konnte ihn auch nicht ansehen, weil ihm nur bei dem Gedanken, Joko vor laufender Kamera zu küssen, wenn er es bisher im Privaten krampfhaft vermieden hatte, speiübel wurde. Vielleicht hätte es ihn mehr beruhigt, wenn ihre gesamte Situation nicht so verdammt angespannt gewesen wäre, wenn Joko nicht begeistert aber ohne Funkeln in den Augen im Meeting zugesagt und ihn danach hastig abgewimmelt hätte, weil er angeblich Termine hatte. So stand Klaas wie ein Vollidiot im deutschen Dezemberregen und zog an seiner Zigarette und kam nicht umhin, zu denken, dass er normalerweise wenigstens die Chance gehabt hätte, Joko noch vor der Aufzeichnung in ein paar Tagen zu küssen, wenn sie noch miteinander schlafen würden. Aber da Klaas zu lange zu störrisch und Joko zu eingeschnappt war, rannte er nun unvorbereitet und verunsichert in ein offenes Messer.

Die Anspannung blieb, fraß sich tief unter Klaas‘ Haut, tagelang. Er sah der Aufzeichnung beklommen entgegen, konnte Jokos Nervosität spüren, als wäre es seine eigene. Er zählte unterbewusst die Tage und dann die Stunden, wich jedem Gespräch aus, so, wie Joko ihm auswich. Zumindest, bis Thomas ihn nach der Probe auf dem Weg aus der Maske abfing.

„Ihr habt euch nicht gestritten“, stellte der ruhig fest.

Klaas hob die Brauen.

„Noch schlimmer, ihr habt mich nicht genervt. Das macht ihr seit Wochen nicht.“ Thomas verengte die Augen und sah ihn missmutig an. „Joko zieht die Proben mit einer Professionalität durch, dass ich fast kotzen könnte.“

„Darüber beschwerst du dich?“, spottete Klaas ohne Elan.

„Darauf kannste Gift nehmen. Ich will euch sehen, zusammen. Momentan könnt ihr es nicht erwarten, voneinander wegzukommen.“

„Kann ja nicht immer alles perfekt laufen“, gab Klaas defensiv zurück.

Thomas schnaubte. „Ganz ehrlich, mir ist egal, was passiert ist. Ich misch mich da nicht ein, das ist zwischen euch. Aber mich könnt ihr nicht verarschen und ich will, dass ihr das wieder hinbekommt. Heute, vor der Aufzeichnung.“ Er sah Klaas streng an. „Jetzt.“

„Es gibt nichts ‚hinzubekommen‘.“

„Klaas, ihr habt da gleich eine Chance. Eine Chance, oder wir können das mit Mundpropaganda vergessen. Wenn ihr nicht richtig harmoniert, müssen wir es rausschneiden und das wäre nicht nur verdammt schade, sondern auch verdammt nochmal feige von euch. Ich erwart‘ da mehr von euch beiden, also regle das.“

Klaas lag die bissige Erwiderung auf der Zunge, aber Thomas drehte sich mit einem letzten warnenden Blick ab und wuselte davon, um mit Jakob einen Moderationstext durchzugehen. Klaas presste unwirsch die Lippen aufeinander, kurz bäumte sich noch einmal der Widerstand in ihm auf, und dann gab er einfach auf. Es würde nichts bringen, sich Thomas zu widersetzen, weil er Recht hatte. Es war egal, ob Joko irrational lange nachtragend war, weil auch er Recht hatte und Klaas ein unsensibles Arschloch sein konnte und manchmal zu heftig auf Jokos Gutmütigkeit herumtrampelte.

Er seufzte, zog die Schultern hoch, hatte absolut keinen Bock und suchte dennoch nach seinem Co-Moderatoren, bevor es zu spät war. Glücklicherweise war Joko nicht bekannt dafür, leise oder unauffällig zu sein, weswegen Klaas ihn nach wenigen Minuten im Gespräch mit Benni fand und zielsicher auf ihn zusteuerte. Joko sah ihn über Bennis Schulter hinweg auf sie zukommen und seine Augen weiteten sich überrascht, während seine Schultern sich automatisch verspannten. Klaas wusste nicht, was er mehr hasste, die Tatsache, dass er Jokos Körpersprache im Schlaf lesen konnte, oder die Art und Weise, wie Joko momentan auf ihn reagierte, als wäre er ein unerwünschter Eindringling.

„Was gibt’s?“, fragte Joko kurz angebunden, als Klaas zu ihnen aufgeschlossen hatte.

Klaas warf Benni einen ungeduldigen Blick zu. „Kannst du mal kurz…“, er vervollständigte den Satz mit einer undefinierbaren Handbewegung. Benni verdrehte die Augen, nickte jedoch und entfernte sich von ihnen.

Eine angespannte Stille folgte.

Eine Stille, die so normal geworden war, dass Klaas das Gefühl hatte, wild um sich schlagen zu wollen. Joko sah ihn nicht an. Seine Hand glitt mit der klaren Intention, sein Handy herauszuziehen, zu seiner Hosentasche.

Klaas schnappte nach seinem Handgelenk. „Joko“, murmelte er rasch. Er wollte es unbedingt vor der Show loswerden, er hatte zu viel Angst, sonst an der Anspannung, die sie umgab, zu ersticken. Sein Herz klopfte bei dem Gedanken, dass er Joko endlich wieder anfasste, seine Haut unter den Finger spürte, ein wenig schneller.

Jokos Blick ruhte jetzt auf ihm, vorsichtig, aber zum ersten Mal seit Wochen wieder ein wenig offener.

„Das mit dem Longest Day, ne. Das machen wir nie wieder.“

Joko atmete aus. Es war keine Entschuldigung, nicht wirklich. Es war eine Klaas-Entschuldigung, ein Friedensangebot. Es war so viel mehr, als die meisten je von Klaas bekommen würden.

„Das war von Anfang an eine Scheißidee“, fügte Klaas noch hinzu und war ein wenig verlegen, als er bemerkte, dass sich seine Finger irgendwie an den Saum von Jokos Pulli verirrt hatten, um den weichen Stoff zurecht zu zupfen. Er wich Jokos Augen aus, solange er konnte, aber schließlich flackerte sein Blick unsicher zu ihm hoch.

Die Augen, die zurückblickten, waren voller Wärme. Jokos Wärme, diese Sanftheit, die Klaas manchmal wie eine Umarmung umhüllte, ohne, dass Joko ihn anfassen musste. In seinem Magen kribbelte es merklich, es war ein wenig so, als wäre Klaas wochenlang auf Entzug gewesen und hätte das Gefühl nicht einordnen können, bis er wieder eine neue Dosis bekam. Joko nickte leicht und Klaas kam nicht umhin, darüber nachzudenken, wie sehr, wie tiefgehend er ihn vermisst hatte. Das leichte Lächeln auf Jokos Lippen, das Funkeln in dem tiefen Braun, der Blick, der viel zu lang auf Klaas‘ Gesicht ruhte. Er stieß die Luft aus seinen Lungen, als diese fürchterliche Anspannung endlich wieder verschwand.

Jokos Ellbogen traf spielerisch Klaas‘ Seite. „Biste schon aufgeregt?“, neckte er, als sie ohne ein weiteres Wort der Klärung auf das Tor zuliefen. Klaas hatte nur zwei Sätze über die Lippen bringen müssen und schon war wieder alles wie immer. Innerlich verfluchte er sich ein wenig, dass er so uneinsichtig gewesen war, wenn er ihnen Wochen der Anspannung hätte ersparen können.

Er machte einen verächtlichen Laut, der fast in seiner Kehle steckengeblieben wäre. „Ich bitte dich.“

Joko grinste schelmisch, aber sein Blick war immer noch sanft. „Wir gehen da gleich raus Klaasi und dann rocken wir das.“

Als sie sich dieses Mal beim Öffnen der Tür die Hand gaben, durchzuckte die Berührung Klaas mit einer solchen Vehemenz, als hätte er eine gewischt bekommen. Er atmete durch, konzentrierte sich auf das Publikum, seine Moderation, den vorbereiteten Text. Wischte das Gefühl fort, dass Joko zu ihm zurückgekommen war, alles von ihm. Unterdrückte den Impuls, sofort nach Joko zu greifen, jetzt, da er ihn wieder haben durfte.

Sie hatten hier immer noch eine Show abzuliefern und Klaas‘ voller Fokus musste darauf liegen, auf ihm und Joko, auf der Aktion, die ihnen wichtig war und die abseits von allem stehen musste, was ihm sonst im Kopf herumspukte. Sie ratterten ihre Texte betonter als gewöhnlich herunter, erlaubten sich keinen Patzer. Satz für Satz, exakt wie geplant, volle Konzentration. Klaas Finger umschlossen das Mundpropaganda-Schild, als er sich aufrichtete, seinen Satz sagte, auf Jokos Antwort wartete und sich bereitmachte.

Ihre Blicke trafen sich, kurz und bestätigend.

Jokos Hand legte sich mit einer solch tiefen Vertrautheit in Klaas‘ Nacken, dass dieser für eine Millisekunde darüber nachdachte, einen Satz zurückzumachen. Aber Joko war da, Joko zog ihn an sich, stützte seine andere Hand auf dem Schreibtisch, der zwischen ihnen stand, ab und küsste ihn, als hätten sie es schon tausendmal getan.

Ihre Lippen trafen sich, leicht und offen, mit Selbstverständlichkeit und ohne Hektik und Klaas hätte am liebsten gelacht, weil es sich so normal anfühlte. Alles, wovor er Angst gehabt hatte, trat nicht ein. In ihm loderte nichts auf, nichts außer das angenehme Gefühl der Vertrautheit, die Joko immer schon in ihm ausgelöst hatte. Er verlor nicht den Halt, er blieb in der Kontrolle, er hatte sich komplett im Griff. Sie küssten sich und die Welt blieb nicht stehen. Eigentlich passierte gar nichts. Eigentlich konnte Klaas unter dem Studiolicht von den Kameras und ihrer Umwelt nicht viel registrieren, obwohl da Joko Winterscheidts Lippen auf seinen lagen. Vielleicht war es alles gar nicht so schlimm. Vielleicht hatte Klaas lange Drama um nichts gemacht. Vielleicht war Joko küssen nicht anders als jede andere körperliche Erfahrung, die sie schon gemacht hatten. Vielleicht—

„Klaas“, fuhr Thomas‘ scharfe Stimme in sein Ohr, so plötzlich, dass Klaas fast zusammengezuckt wäre. „Das Schild!“

Die Realität brach über ihn ein und plötzlich war es nicht mehr einfach. Plötzlich war Klaas wieder im Studio, vor einem Publikum und küsste Joko; küsste ihn für eine Aktion, die er komplett vergessen hatte. Plötzlich war es nicht mehr natürlich, Jokos Lippen auf seinen zu spüren, sondern viel zu intim. Plötzlich fuhr ein heißes Kribbeln durch seinen Magen, welches er dort nicht haben wollte. Plötzlich taumelte er, weil er es nie so gewollt hatte, mit Joko, vor den Augen der Öffentlichkeit. Plötzlich nistete sich genau das in ihm ein, vor dem er so lange weggerannt war.

Plötzlich war da Sehnsucht nach mehr.

Schnell hielt er das Schild in die Richtung, in der er die Kamera vermutete, zählte im Kopf bis fünf und dann lösten sie sich voneinander. Joko lächelte. Klaas flog ungebremst auf die absolute Katastrophe zu. In seiner Brust flatterte es, als wäre ein wild mit den Flügeln schlagendes Tier darin gefangen. Der Jubel des Publikums schallte in seinen Ohren, er reagierte mechanisch, grinste, zeigte auf den Photographen. Sie setzten sich, machten einen Witz über Labello, grinsten sich an und Joko moderierte die Maz an, die ihnen eine kurze Verschnaufpause gab.

Die restliche Aufzeichnung flog an Klaas‘ Bewusstsein vorbei. Er spulte sein Programm ab, ließ sich nichts anmerken, harmonierte mit Joko, wie es von ihm erwartet wurde und versuchte mit aller Macht, die Panik, die da in ihm brodelte, zu unterdrücken. Er wollte raus. Er wollte rauchen. Er wollte nach Hause, zu Doris und dem Kleinen. Er wollte durchatmen, wieder klar werden.

Er wollte seine Kontrolle zurück.

Er zupfte das In-Ear aus seinem Ohr, sobald das kleine Licht an der Kamera verglomm und verließ das Studio.

Fuck, fuck, fuck.

Ruhig bleiben, befahl er sich. Es ist nichts passiert.

Sie hatten sich nur geküsst, für die Show, für die Aktion.

Er hatte alles im Griff.

Seine zitternden Hände straften ihn Lügen. Er schob es auf den Drang nach Nikotin, entschloss sich aber, in seine Garderobe zu gehen, weil Joko mit Sicherheit zuallererst draußen nach ihm suchen würde. Joko, und Schmitti auch, um über die Aufzeichnung zu reden, alles durchzusprechen. Aber Klaas wollte nicht reden, starrte stur geradeaus, während er den Gang entlanghastete und stieß die Tür zu seiner Garderobe auf, ohne stehen zu bleiben. Er öffnete das Fenster, griff nach einer schmutzigen Tasse und stellte sie auf die Fensterbank. Aus seiner Jackentasche fischte er Feuerzeug und Schachtel und zündete sich ohne Umschweife eine Zigarette an.

Er rauchte nie drinnen.

Fast schon zornig blies er den Rauch aus, zog wieder kräftig und hätte am liebsten gegen die Heizung getreten, weil seine Panik nicht augenblicklich durch das Rauchen verschwand.

Er war bereits bei der dritten Zigarette, spürte die Asche förmlich auf seiner Zunge liegen, als es vorsichtig klopfte und Joko sich durch die Tür schob.

„Stör ich?“

Klaas schüttelte den Kopf, zwang sich zur Ruhe. Egal was passierte, er musste sich jetzt von Joko fernhalten. Keine Nähe, kein Körperkontakt. Er durfte dem Drang, der ihm hartnäckiger unter den Nägeln brannte als der Zigarettengeruch, nicht nachgeben.

„Schmitti hat nach dir gesucht“, sagte Joko betont beiläufig und kam näher, aber nicht zu nah.

Klaas schwieg.

„Ist alles okay bei dir?“

„Wieso fragst du?“ Klaas wagte einen schnellen Blick in Jokos Richtung und sah, dass dieser leicht das Gesicht verzog.

„Du rauchst nie drinnen.“

Klaas zuckte mit den Schultern. „Ich wollt‘ meine Ruhe haben.“

„Oh.“ Joko sah zu Boden und zog die Schultern ein wenig hoch. „Ich kann gehen, wenn es dir lieber ist, aber…“

„Ist okay“, brummte Klaas und versuchte, versöhnlich zu klingen. „Du kannst bleiben.“

Er sah Jokos Lächeln, als dieser zu ihm aufschloss und sich neben ihn an das offene Fenster stellte. Eigentlich hasste Joko es, wenn er rauchte. Eigentlich hielt er dann mehr Abstand. Eigentlich würde er Klaas einen Einlauf dafür geben, dass er in der Garderobe rauchte, wenn er auch nach draußen gehen konnte.

Eigentlich küssten er und Joko sich nicht und die Welt schaute ihnen dabei zu.

Resigniert drückte Klaas den Stummel auf dem Boden der Tasse aus. Joko hielt ihm sofort eine Flasche Wasser hin und er nahm sie dankend an, trank mit großen, konzentrierten Schlucken. Er wusste nicht, wie er die Stille durchbrechen sollte. Er konnte sehen, dass Joko etwas sagen wollte, dass Joko sich zurückhielt, als würde er hoffen, Klaas würde ihm zuvorkommen.

Klaas kam ihm nicht zuvor. Klaas war damit beschäftigt, Joko scheue Blick von der Seite zuzuwerfen und seine Atmung zu regulieren. Klaas wollte über alles reden, nur nicht über den Kuss. Klaas wollte Joko auf Abstand halten und gleichzeitig wollte er ihn an sich ziehen.

„Klausi?“

„Mh?“

Joko lächelte sanft. „Meine Lippen kribbeln noch ein bisschen.“

Klaas‘ Magen zog sich jäh zusammen und seine so wunderbar erdachte Resistenz fiel augenblicklich in sich zusammen. Jokos Stimme war belegt, war von dieser Mischung aus Ehrlichkeit und einem gewissen Schalk, der so charakteristisch für ihn war, geprägt. Diese ganz bestimmte Tonlage war vermutlich der Grund, aus dem Klaas ihm immer alles durchgehen ließ. Diese verfickte Aufrichtigkeit war der Grund, aus dem er jedes Mal schwach wurde.

Es war auch diesmal der Grund, aus dem er seinen Kopf verlor und „Komm her“ flüsterte.

Jokos Augen weiteten sich, aber er drehte sich ihm ohne zu zögern entgegen.

Bedächtig glitt Klaas mit den Fingern über Jokos Gesicht. Seine Kuppen strichen über die gepflegte Haut, die leicht kratzenden Bartstoppeln und endeten an seinen Lippen. Langsam fuhr er die schmale Unterlippe mit seinem Daumen nach, wich Jokos Blick aus, der sich in ihn bohrte.

„Besser?“, fragte er rau, strich noch einmal über die Lippe und fühlte Jokos Atem zitternd und unregelmäßig gegen seinen Daumen stoßen.

Joko schüttelte den Kopf.

„Was willst du dann?“

Das Seufzen seines Gegenübers war ganz leise, aber Klaas vernahm es trotzdem. „Du sollst doch nicht nach Sachen fragen, wenn du die Antwort nicht wissen willst.“

Klaas‘ Herz donnerte mit so hoher Geschwindigkeit durch seine Brust, dass er kurz die Augen schließen musste. Es ist alles gut, sagte er sich. Du hast das unter Kontrolle.

Die Panik streckte schon ihre Finger nach ihm aus, um ihn einzunehmen, aber Jokos Finger waren schneller. Jokos Finger waren wärmer. Jokos Finger waren echt und sie legten sich beschützend um seinen Kopf, als Joko seinen Namen raunte und Klaas endlich ausatmete. Das Nächste, was er wahrnahm, waren Jokos Lippen an seiner Schläfe. Er küsste ihn mit Bedacht und Vorsicht und Klaas genoss es für die wenigen Momente, die er sich erlauben konnte, bevor die Spannung zwischen ihnen kippen würde. Jene Spannung hatte sich über die Zeit verändert, war komplexer geworden und lud sich nicht mehr nur über Reibung und Neugierde auf, sondern, wie er mit wachsender Unruhe festgestellt hatte, zunehmend durch Zärtlichkeiten, die in ihrem Verhältnis seiner Meinung nach nichts zu suchen hatten.

Jokos Mund war jetzt an Klaas‘ Wangenknochen, er küsste ihn mit ein bisschen mehr Druck und es reichte, um Klaas zum Handeln zu bewegen. Er löste sich aus Jokos Griff, schloss mit Nachdruck das Fenster und zog Joko am Pullover zu seiner Couch.

„Klaas“, sagte Joko. Etwas Merkwürdiges schwang in seiner Stimme mit, etwas, das sich gefährlich nach einem ernsthaften Gespräch anhörte. „Wir müssen nicht—“

Klaas hob sofort die Hand, um ihn zu stoppen. Sie mussten sehr wohl. Joko wusste das, er konnte es in seinen Augen sehen, als sich ihre Blicke trafen.

„Dann schließ wenigstens ab“, antwortete Joko auf Klaas unausgesprochene Aussage, und wieder lag so viel ungesagtes in einem einfachen Satz, einem einzigen Blick. Ein Blick, der sagte, ich will mir keine Sorgen um die Außenwelt machen müssen. Ich will, dass wir uns aufeinander konzentrieren können. Ich will nicht, dass es so ist wie das letzte Mal im Hotel, als es um mehr ging als das.

Das Geräusch des Schlosses, als Klaas den Schlüssel darin drehte, war laut wie ein Schuss, der durch den Raum gefeuert wurde. Sofort änderte sich die Energie zwischen ihnen, wie eine Flucht in sicheres Terrain, an einen Ort, an dem Klaas nicht mit Fragen und Ängsten konfrontiert wurde. Er spürte Joko, bevor er ihn sah, wusste, dass dieser hinter ihm stand, bevor er sich umdrehte.

Jokos Hände schoben sich unter Klaas‘ Pulli, als sie sich schließlich gegenüberstanden und ansahen. „Du trägst zu viele Schichten“, maulte er ungeduldig und Klaas konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, froh um jedes Bisschen Leichtigkeit, das durch die Spannung brach, die sich wie ein undurchdringliches Dickicht im ganzen Raum ausgebreitet hatte. Klaas ließ seinen Blick auf Joko ruhen und hob die Arme, damit dieser ihm den Pulli ausziehen konnte. Er ignorierte sein verräterisches Herz, das gegen seine Rippen klopfte, überging jeden Impuls, den Raum sofort zu verlassen, hörte nicht auf die warnende Stimme in seinem, die ihm sagte, dass er sehenden Auges in das absolute Chaos rannte.

Stattdessen hauchte Klaas flatternde Küsse auf Jokos Hals und Kinn, rieb sich genüsslich an ihm und atmete schwer, als Jokos Becken ihm entgegenkam. Der Rhythmus, den sie gefunden hatten, war zu langsam, aber er passte zu der Situation, in der sie sich befanden. Klaas wollte Augenkontakt, aber suchte ihn nicht. Er wollte Joko noch einmal küssen, richtig diesmal, aber tat es nicht. Er wollte Joko noch näher bei sich haben, ihn in sich spüren, aber er fragte nicht.

Doch Joko wäre nicht Joko, wenn er Klaas nicht so verflucht gut kennen würde; wenn er nicht intuitiv genau wissen würde, was Klaas an diesem Tag, in diesem Moment, annehmen konnte und was nicht. Die Finger unter Klaas‘ Shirt glitten der Wirbelsäule entlang nach unten und umfassten seinen Gürtel. Joko nutze den Griff, um Klaas näher an sich zu ziehen und seinen Schritt zielsicher auf Jokos treffen zu lassen, was ihnen beiden ein Keuchen entlockte „Kann ich…“, murmelte Joko, dessen Stimme sich irgendwo auf dem Weg über seine Lippen im Nichts verlor. Seine Hände lagen in eindeutiger Geste auf Klaas‘ Hintern, aber er wartete.

Es war das Nachfragen, das Warten, welches Klaas dazu brachte, sofort zu Nicken. „Ja“, nuschelte er noch hinterher, nur um sicher zu gehen. Joko zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Du hast mich gar nicht ausreden lassen.“

Klaas sah ihn fest an und warf das letzte bisschen Stolz aus dem Fenster. „Ist egal.“

Joko strich ihm mit dem Zeigefinger über die Wange. „Irgendwann bringst du mich noch um“, hauchte er, ein Glitzern in seinen dunklen Augen, das ihn verriet. Es war weniger die Erlaubnis, sondern mehr Klaas‘ Vertrauen in ihn, das ihn wirklich anmachte.

Er zog ihnen die Hose und sich selbst Pulli und Shirt aus. Er zog Klaas mit sich auf die Couch, legte seinen langen Körper hinter Klaas‘, seine Hand auf Klaas‘ Bauch und den Kopf auf seiner Schulter ab. Er zog Klaas an sich, ganz nah, bis sein Schritt gegen Klaas‘ Hintern presste.

Dieses Mal war es weniger die Reibung oder die Gier, die Klaas verschlang. Es war die Nähe zu Joko, die ihm das Gefühl gab, von innen zu verbrennen. Es war die Tatsache, dass er die Kontrolle verloren hatte und er sich nur durch Jokos Körper geschützt fühlte. Die Wärme, die von Joko ausging und ihn umhüllte, weil er bis auf die Unterhose ausgezogen hinter ihm lag und seine Schulter küsste, schien von seinem in Klaas‘ Körper überzugehen und sich dort auszubreiten. Klaas schloss die Augen, keuchte, griff nach hinten und schlang seinen Arm um Jokos Nacken, damit dessen Lippen sich hoch und auf Klaas‘ Hals pressen konnten. Ihre Hüften bewegten sich miteinander, Klaas konnte aus dem Augenwinkel sehen, wie er seinen Hintern enger an Jokos Schritt drückte, spürte Jokos Atem an seinem Hals stocken, bevor einen neuen, jetzt feuchteren Kuss auf die empfindliche Haut setzte.

Klaas verlor sich, wurde nur durch Joko zusammengehalten, der ihm irgendwann die Boxershorts bis zu den Knöcheln herunterzog und sich an ihn drängte, seine eigene Shorts bereits ausgezogen hatte und mit seiner Erektion langsam über Klaas‘ Backen streifte. Joko war überall, er nahm ihn ein, seine Finger strichen ruhelos über Klaas Haut, den Saum seines T-Shirts entlang, fuhren über seinen Schwanz, seine Oberschenkel. Klaas winkelt eines seiner Beine ein wenig an, ohne darüber nachzudenken, fühlte sich wie betäubt von der Aufmerksamkeit, mit der Joko ihn berührte, ihn hielt und sich auf ihn fokussierte. Er nahm nur nebenbei war, dass Joko sich in die Hand spukte, zu abgelenkt von seinen Lippen, die immer noch sanft seinen Hals küssten. Er war nicht vorbereitet auf Jokos feuchte Finger, die langsam durch seine Ritze fuhren, aber er ließ sofort ergeben den Kopf hängen und atmete laut aus. Jokos Schwanz rieb über seinen Steiß, einmal, zweimal, und das Verlangen nach mehr war wie ein Monster, dessen Schlund sich auftat und Klaas verschluckte.

Erneut griff er blind hinter sich, diesmal, um zwischen sie zu fassen und Jokos Schwanz tiefer zu führen, seinen Fingern entgegen. Joko stöhnte, presste sich in die Spalte und nutzte seine Hände, um Klaas‘ Backen auseinanderzuziehen, damit er noch tiefer kam. Klaas blieb die Luft weg, als das Gefühl von Jokos Schwanz an seinem Arsch in all seiner Intensität durch ihn kroch. Ihre Bewegungen blieben ohne Hektik, auch wenn Jokos Atem immer schneller ging und seine Küsse an Klaas‘ Hals fahriger wurden. Rhythmisch bewegte er seine Erektion durch Klaas‘ Spalte, genoss die Reibung an seinem feuchten Schwanz, genauso sehr wie Klaas den Druck, der von außen auf seine empfindliche Haut ausgeübt wurde.

Klaas presste sich enger an ihn, immer mehr, immer tiefer, immer näher, und das hier hatte absolut nichts mehr mit Druck ablassen oder einem rein körperlichen Verhältnis zu tun. Und das sollte ihm Panik machen und ihn in die Flucht schlagen, aber stattdessen kam Klaas Jokos Bewegungen nur noch mehr entgegen, sodass der sich bald mit tiefen, nicht enden wollenden Stößen in der Enge vergrub. Sein Stöhnen wurde dabei regelmäßiger, vor allem, als er nach Klaas‘ hartem Schwanz griff und begann, ihn im Takt mit seinem Becken zu wichsen.

Der Orgasmus bahnte sich ungewohnt lange an, überrollte sie nicht, sondern baute sich mit jedem Stoß und jeder Handbewegung weiter auf. Klaas achtete gar nicht darauf, dachte nicht darüber nach oder jagte ihm nach, sondern fühlte einfach nur. Fühlte Jokos Hand gekonnt über seine Erektion und seinen Hoden fahrend, fühlte, wie Joko mit langen Stößen in seine Spalte drang, fühlte, dass sie sich beide der Illusion hingaben, dass Joko ihn wirklich fickte, wann immer seine Spitze über Klaas‘ Eingang fuhr. Klaas ging mit der Zunge über die trockenen Lippen, dachte daran, wie gut es sich anfühlen musste, wenn Joko tatsächlich in ihn eindrang, wenn er jetzt schon nicht mehr wusste, wo oben und unten war. Und Joko umschlang ihn mit seinem Körper, kam direkt an Klaas‘ Eingang und Klaas hatte keine Worte dafür, wie sich das anfühlte. Joko atmete schwer gegen die empfindliche Stelle hinter seinem Ohr, hielt ihn weiter, ließ ihn zittern und über seine Hand kommen, ließ ihn verzweifeln und sich mit dem Hintern an ihm reiben, obwohl sein Schwanz schon zu sensibel für die Reibung war und zuckte. Joko strich ihm beruhigend über dem Arm, hörte nicht auf, ihn nahe seines Ohrs zu küssen und beruhigte ihn allein durch seine Nähe; allein durch die Tatsache, dass er da war.

Ganz in Jokos Energie und seiner Wärme gefangen, erlaubte Klaas ihm eine ganze Weile später, ihn zu säubern und ihm den Pulli wieder über das T-Shirt zu ziehen. Die Hose streifte er sich selbst mit wackligen Bewegungen über die Hüfte, sah zu, wie Joko sich weit schnelleren Handgriffen anzog und Klaas‘ Hemd achtlos über den Rücken der Couch schmiss. Er tat das, was Klaas perfektioniert hatte. Er suchte den schnellsten Weg, um der Situation zu entkommen und die Stille nicht unangenehm werden zu lassen. Er wollte keinen Platz lassen für Fragen und Überlegungen.

Als hätte er seine Gedanken gelesen, warf Joko ihm einen schnellen Blick zu, lächelte ein schmales Lächeln und war im Begriff, sich abzuwenden.

Glühend heiß fuhr eine völlig neue Panik durch Klaas‘ Körper.

Joko konnte jetzt noch nicht gehen.

Er konnte Jokos Schutz jetzt noch nicht verlassen und sich der Realität stellen, die vor der Tür auf ihn wartete. Dem Impuls folgend stolperte Jokos Name aus seinem Mund, als er sich aufrichtete und einen zögerlichen Schritt in dessen Richtung machte.

Als hätte Klaas einen Schalter in Joko umgelegt, kam der ihm sofort entgegen, mit einem merkwürdig lodernden Blick in seinen Augen zog er Klaas in seine Arme und hielt ihn fest. Es war eine ungewöhnliche Umarmung, keine, die sie sonst teilten. Sie war intensiver, dauerte viel länger als sonst, weil Joko sich an ihm festklammerte, als wolle er ihn nie wieder loslassen, und stockend gegen sein Ohr atmete. Ein wenig hilflos und übermannt erwiderte Klaas die Umarmung, legte seine Arme um den Rücken und strich mit dem Daumen über die Wirbelsäule. Er sog Jokos Geruch ein, kümmerte sich ausnahmsweise nicht darum, ob dieser es mitbekam oder nicht.

„Ich hab‘ dich vermisst“, wisperte Joko in die Stille hinein. Sie standen genau auf der Kippe, irgendwie noch in ihrem geschützten Rahmen, in ihrer Welt, aber schon mit halbem Bein in der Realität, und Jokos Satz traf Klaas völlig unvorbereitet. In einem Moment der Verzweiflung kam die Klarheit, die er so gekonnt gelernt hatte, durch seine Kontrolle zu verschleiern, mit aller Wucht zurück und schlug ihm die Wahrheit förmlich ins Gesicht.

Bitte nicht, dachte er nur. Nicht Joko.

Die Emotionen bebten in ihm und er konnte sie nicht gänzlich unterdrücken, ohne daran kaputtzugehen, also schlang er seine Arme enger um Jokos Körper und atmete wieder seinen Geruch ein, konzentrierte sich auf Jokos stetig schlagendes Herz, bis sich sein eigener Herzschlag wieder etwas beruhigt hatte.

Eine gefühlte Ewigkeit später lösten sie sich vorsichtig voneinander, die Blicke ganz scheu und unruhig. Es war eine neue Situation. Da waren raue Emotionen zwischen ihnen, unbeschönigt und kompliziert und Klaas fühlte sich so ausgelaugt, dass er sich fast in einen Zustand völliger Taubheit gewünscht hätte, nur, um dem Gefühl zu entfliehen, dass hier rein gar nichts mehr nach Plan lief.

Joko betrachtete ihn mit einem undefinierbaren Blick. Seine Fingerspitzen hatten sich während der Umarmung in Klaas‘ Haaren verfangen. Da war etwas, das er zurückhielt, etwas, das Klaas nicht lesen konnte. Er hatte die Frage dennoch in seinem Blick und Joko seufzte leise, genauso wie vorher, als er Klaas sagte, er solle nicht nachfragen, wenn er für die Antwort nicht bereit wäre.

„Bitte hass mich nicht, ja?“, flüsterte er und bevor Klaas etwas erwidern konnte, hatte Joko sich zu ihm hinabgebeugt und ihre Lippen miteinander vereint. Ganz sanft, ganz zärtlich, ohne Druck. Ganz anders als zuvor. Es war weniger als ein Kuss. Es war wie ein Streicheln. Es war wie eine Liebkosung.

Klaas hatte keine Chance zu reagieren, er konnte nicht einmal nach Luft schnappen, so schnell hatte Joko sich wieder zurückgezogen. Ganz leicht zuckte sein linker Mundwinkel, als er Klaas ein letztes Mal stumm und ein wenig verzweifelt anblickte, dann wandte er sich ab und verließ den Raum. Er ging und nahm den Moment mit sich und Klaas sah ihm nach, starrte noch lange die verschlossene Tür an, durch die Joko verschwunden war. Sein Kopf war leer, ließ nur einen Gedanken zu, der ihn noch Wochen verfolgen sollte.

Sie hatten sich geküsst.



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